Der Preis der Freiheit

Veränderungen gehören zum Leben dazu. Manche initiieren wir selbst, manchen werden wir ohne unser Zutun ausgesetzt. In der modernen Arbeitswelt gehören beide zum Alltag. Change Management, Umstrukturierung, Wandel der Firmenkultur, und wie die Kurswechsel nicht alle heißen. Manchmal ist man morgens schon froh, wenn man seinen Schreibtisch noch am alten Platz findet, wobei es ja auch Firmen mit freier Sitzplatzwahl gibt. Besitzansprüche an Möbel entstehen so gar nicht erst und so mancher Kollegenwechsel geht dann spurlos an einem vorüber.

Nun, Veränderungen gehören nicht nur zum Leben, sondern eben auch zum Arbeitsleben. So gesehen eine etwas schizophrene Vorstellung, die Idee, dass man zwei Leben hat, die parallel nebeneinander existieren und sich immer wieder und immer mehr miteinander vermischen. Gleichzeitig sollte man sich auch darüber im Klaren sein, dass man einen Großteil seines Lebens mit Arbeit verbringt. Da sollte es also auch ein Unternehmen sein, das zur eigenen Persönlichkeit passt. Wie ein Lebenspartner.

Von daher ist die Entscheidung, mich zu trennen, nicht allzu schwer gefallen. Wenn man für ein Unternehmen tätig ist, in dem Vision und Realität ganz nah beieinander und doch Welten dazwischen liegen, dann stellt sich irgendwann die Frage, inwieweit ich mich für Geld prostituiere und dabei meine Prinzipien und Vorstellungen über Bord werfe. Nach dem Motto Geld stinkt nicht, auch wenn es einen schalen Geschmack im Mund hinterlässt. Dann wird der Lohn zum Schmerzensgeld und selbst das ist nicht genug.

Der Abschied hat sich gezogen, wurde hinaus und immer wieder verschoben. Was nützt es, wenn die Arbeitsbedingungen der reine Luxus sind, einen die Arbeitsinhalte aber krank machen? Am Ende half mir das berühmte Maßband, den Ausstieg nicht aus den Augen zu verlieren.

Maßband

Die Entscheidung für eine Auszeit, um Freiraum zu schaffen und mal wieder Luft zu(m) Atmen zu kommen, war also eher eine Notwendigkeit. Wo will ich hin? Was will ich mit dem Rest meines Lebens anfangen? Die Freiheit, ohne Zwang den eigenen Wünschen, wenn auch für einen begrenzten Zeitraum, zu folgen, ist unbeschreiblich. Der Preis der Freiheit kostet weniger als dass sie wert ist.

An den Neuanfang sind nun also ziemlich hohe Erwartungen geknüpft. Es geht darum, die eigenen Vorstellungen vom Lebenspartner Arbeit mit der Realität zu vergleichen und zu sehen, was übrigbleibt. Die Wahlfreiheit ist auf dem Papier gegeben. Die Zugeständnisse muss man mit sich selbst vereinbaren. Mal gewinnt man, mal verliert man. Und das zumeist ohne scheinbar logische und nachvollziehbare Regeln.

Eure Kerstin

Gedanken einer Unermüdlichen

Vor Kurzem hatte ich Jubiläum. Zehn Jahre Firmenzugehörigkeit. Für mich ist das schon ziemlich viel. So lang habe ich es bis dato noch nirgends ausgehalten, weder in einer Firma noch an einem Ort. Aber das soll ja gar nicht das Thema sein.

Mein Arbeit- und Brötchengeber legt viel Wert auf Mitarbeiterzufriedenheit, zumindest steht das in den Statuten. Klar, die Politiker sagen auch immer andere Dinge als sie dann tun, das kann und macht selbst der jugendliche Mitbewohner. Und meine Wenigkeit auch so ab und an. Wir sind ja alle nur Menschen.

Also gut, das Jubiläum. Yippie-Yeah. Es gibt Champagner und kleine Häppchen und eine Rede und ein Geschenk. Neidisch? Ich auch. Es gab nämlich nichts von alle dem. Ein hübsch formuliertes Glückwunschschreiben habe ich in meinem Briefkasten gefunden. Mit der Post nach Hause zugestellt.

Nun sitze ich also mit dem Zeugnis, welches mir schwarz auf weiß bescheinigt, wie dankbar man mir für meine Leistungen und meine Treue im Dienste der Organisation ist. Und irgendwie beschleicht mich das Gefühl, so ähnlich könnte auch der Nachruf an meine Angehörigen formuliert sein, wenn ich im Dienste dahinscheiden sollte. Wie steht es eigentlich so um die Lebenserwartungen einer menschlichen Arbeitsbiene? Oder rechnet man da buchhalterisch mit Abschreibungswerten?

Nun gut, soweit ist es ja noch nicht, denn meiner Firma liegt vor allem an meinem unermüdlichen tätig sein. Jawohl, unermüdlich. Wobei wir eigentlich wieder bei der Arbeitslebenserwartung wären. Dabei will ich gar nicht unermüdlich schuften. Im Gegenteil, ich bin des unermüdlichen Einsatzes echt müde. Immer noch eine Schippe mehr oben drauf. Immer noch ein bisschen schneller. Für was? Dafür, dass der Wert meiner Tätigkeit nach fünfzehn Jahren auf „unermüdlicher“ und nach zwanzig Jahren auf „am unermüdlichsten“ gestiegen ist? Ganz ehrlich, ich wusste noch nicht mal, dass man unermüdlich tatsächlich steigern kann. Wie absurd die deutsche Sprache doch manchmal ist?

Arbeit

Ob der Unterzeichner wohl eine Antwort in Form eines Dankeschöns von mir erwartet? Bei ca. 700 Jubilarsglückwünschen (ist eine grobe Schätzung meinerseits, weil ich mich natürlich eine ganze Weile unermüdlich mit meinen Gedanken dazu auseinandergesetzt habe- in meiner Freizeit möchte ich betonen), die er jährlich unterschreiben muss, wohl eher nicht. Vielleicht falle ich sogar unangenehm auf, wenn ich meine Arbeitszeit für so etwas verwende. Ich frage mich, wann er das wohl erledigt? Während irgendeiner der unzähligen Telekonferenzen, Meetings etc.? Oder nachts, wenn er nicht schlafen kann, weil er ja ebenfalls im Kreislauf der Unermüdlichen steckt.

Und weil ich schon mal beim Recherchieren und Nachdenken war, wurde auch gleich nach Synonymen gesucht. Das steht dann zum Beispiel: beharrlich, hartnäckig, unablässig, unaufhörlich, unbeirrbar, ununterbrochen, verbissen, zäh, beharrsam, nimmermüde. Ne, das klingt nicht sehr positiv, eher wie nach jemandem, der mit Scheuklappen durch die Welt rennt und nicht auch nur einen Millimeter vom Pfad des Dienstes für die Firma abweicht.

Dazu fühle ich mich nun wirklich nicht berufen. Richtig, Beruf kommt von Berufung. Und das hört sich doch gleich vielmehr nach einem Auftrag, einer ehren- und sinnvollen Aufgabe an und weniger nach Leistungsgesellschaft.

Mein Chef jedenfalls hat es begriffen. Zumindest auf dem Papier, denn von ihm habe ich auch ein Schreiben erhalten. Handgeschrieben und persönlich überreicht. Immerhin. Und darin ist zu lesen: „Vier Dinge kommen im Leben nicht mehr zurück: Die Tage, die Du erlebst hat. Die Erfahrungen, die Du gemacht hast. Die Worte, die Du benutzt hast. Die Chance, die Du verpasst hast“.“ Ob er wohl weiß, dass er damit bei mir auf fruchtbarem Boden landet? Ob ihm wohl klar ist, dass er damit den Stein ins Rollen bringen könnte? Wobei, ich bin versucht, das nächste Jubiläum abzuwarten, sei auch nur dafür, um zu erfahren, was mich erwartet. Immer diese unermüdlichen Gedanken! Ich sollte wirklich mehr arbeiten.

 

Eure Kerstin

 

 

Das Leben leben

„’Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden’ (Demokrit). Erinnern Sie sich bewusst an ein negatives Ereignis in Ihrer beruflichen Laufbahn. Vielleicht können Sie mittlerweile einen Sinn oder sogar etwas Gutes darin erkennen.“

Das war sie also: Die erste Karte. Eine Sinn(es)karte. „Also los! Ist doch logisch. Hinterher ist man immer schlauer“, dachte ich. Mehr oder weniger beeinflussen ja alle Geschehnisse auch unser zukünftiges Verhalten. Voller Tatendrang durchforstete ich mein Hirn nach Ereignissen, die für diese Aufgabe in Frage kämen. Nur, es wollte sich nichts finden lassen. Entlassung(en), Mobbing, bei der Stellenbesetzung übergangen – damit konnte ich nicht aufwarten. Klar, es musste etwas geben. Wer kann schon behaupten: „Während meiner gesamten Berufszeit habe ich nichts Negatives erlebt?“ Mir fiel im Grunde noch nicht mal ein Beruf ein, auf den dies auch nur annähernd zutreffen könnte. Und doch: Hier war ich und mir fiel trotz über 25 Jahren Berufserfahrung partout nichts ein. Gut, natürlich kam mir das eine oder andere in den Sinn. Aber nichts erschien mir brauchbar, nichts hatte großen Einfluss auf meinen Werdegang oder meine Persönlichkeit genommen. Ganz zu schweigen davon, dass es einen Sinn gehabt hätte oder ich etwas Gutes darin sehen konnte. Im Grunde betrachtete ich alles als eine Art Nebenwirkung, die eben einfach das Leben und Berufsleben mit sich bringen.

Ironischerweise gehören die Dinge, welche noch immer einen gewissen negativen Beigeschmack für mich haben, in die Zeit, in der ich in den USA lebte. Wo man doch meinen möchte, dass ein Leben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zum Traum vieler gehört. Von daher neigt man wohl allzu gern dazu, negative Aspekte erst man auszublenden. Das kann man auch ganz gut an den vielen Doku-Soaps im Fernsehen beobachten: Da brechen Leute alle Zelte ab und verlassen mit Kind und Kegel ihre Heimat ohne Kenntnisse von Land und Leuten, geschweige denn der Sprache. Und das mit gefühlten € 3,50 in der Tasche. Na ja, jeder hat andere Vorstellungen und eigentlich bin ich der Ansicht, dass es auch jedem zusteht, seine eigenen Wege zu gehen.

Aber zurück zu meiner Karte, meiner ersten Aufgabe: Einmal kam ein Kollege einer anderen Abteilung zu mir, um Geld zu wechseln. Er stellte sich vor mich hin und sagte: „Kann ich bitte Kleingeld bekommen?“ Dann hielt er inne und plötzlich: „Ne, lass’ gut sein, ich habe ein Problem mit Deutschen und vertraue euch nicht.“ Sprachlos sah ich zu, wie er sich von einem meiner anderen Kollegen bedienen ließ. Der eine oder andere ahnt es vielleicht schon: Der Kollege war/ist Jude. Ich kannte noch nicht einmal seinen Namen und ich bin mir sicher, er meinen auch nicht. Er war deutlich jünger als ich, d.h., die einzige Möglichkeit, eine solch vorurteilsbehaftete Sichtweise zu entwickeln und danach zu leben, ist durch den Einfluss und die Erziehung von Eltern und Großeltern. Dieses Erlebnis erzähle ich immer wieder gern. Weil ich immer noch sprachlos bin und weil ich finde, es zeigt, wie Rassismus entsteht. Und ich kann erkennen, wie Hass von einer Generation an die Nächste ohne wenn und aber weiter gegeben werden. Kann ich in dieser Erfahrung etwas Positives sehen? Nein. Definitiv nicht. Die einzige Wahrheit ist die, dass wir Menschen es niemals schaffen werden, Krieg und Mord und Totschlag zu stoppen.

Als ich damals in den Sonnenstaat Kalifornien übersiedelte, bewarb ich mich für eine Stelle im Hotel. Zu dem Zeitpunkt stand ich bereits seit über 10 Jahren im Berufsleben und hatte, wie man so schön sagt, Karriere gemacht. Meine Arbeit war für mich immer auch Berufung und nie empfand ich es als Last oder Hürde, den nächsten Schritt zu gehen. Beim Vorstellungsgespräch dann die Ernüchterung, als mein späterer Boss, ein Holländer südafrikanischer Herkunft und nur geringfügig älter als ich, mir sagte, dass alles, was ich bis dato gemacht und erreicht hätte, in den Staaten nichts gelten würde und ich so gesehen nochmals von vorne, also unten, anfangen müsste. Ok, ich hatte ja nicht erwartet, dass man mir gleich den Direktoren- oder einen Executive Posten anbieten würde, aber am Ende der „Nahrungskette“? Das kam mir doch irgendwie ein bisschen wie Ausbeutung vor. Was war mit der Tatsache, dass Deutsche weltweit begehrte Arbeitskräfte sind? Nahezu alle meine Vorgesetzten waren jünger als ich und hatten nur halb so viel Erfahrung. Und doch konnten sie mir sagen, was ich zu tun hatte und wie ich es zu tun hatte. Vielleicht hätte ich das als ungerecht und/oder frustrierend empfinden sollen, aber irgendwie habe ich es nie so gesehen. Ich war einfach glücklich, einen Job und Sponsor für mein Arbeitsvisum gefunden zu haben. Und nach sechs Monaten wurde ich Schichtleiterin, nach weiteren sechs Monaten Abteilungsleiterin. Ab da galt es, 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu managen. Die größte Abteilung im gesamten Hotel überhaupt. Ein weiterer Grund, warum es mir nicht schwer fiel, neu anzufangen: Ich war frisch verheiratet, noch im siebten Himmel und hatte schon eine Absage von einem anderen Hotel erhalten, weil ich beim Bewerbungsgespräch mein Jackett im Wagen vergessen hatte. Es waren ca. 35C° an dem Tag und man war der Ansicht, dass ich nicht entsprechend gekleidet war, um das Haus würdig repräsentieren zu können. Aus all dem habe ich gelernt, dass die Amerikaner fixiert sind auf Titel und Uniformen und nicht das aufgeschlossene und vorurteilsfreie Land sind als das sie sich selbst sehen und anpreisen. Und der „Jacken“-Unfall war so gesehen im Grunde nur positiv, da ich nur deshalb die andere Stelle bekommen habe. In einer Hotelgruppe, die zu den Besten der Welt gehört, was ich aber erst wahr genommen haben, nachdem ich dort angefangen hatte. Und da war mir dann natürlich auch klar, warum ich von ganz unten wieder anfangen musste.

Zum Schluss möchte ich noch eine Erfahrung hinzu fügen, wobei so gesehen, dies noch nicht als Erfahrung zählt, da ich irgendwie mittendrin stecke. Noch kann ich also nicht sagen, ob meine konstanten Zweifel – ist es das, was ich will? / macht mein Job mich glücklich? / soll ich noch mal etwas Neues anfangen? – irgendwann einen Sinn ergeben und was es bringt, einen Job zu machen, von dem ich denke, er kann nur ein vorübergehendes Gastspiel sein. Das wird wohl nur die Zeit zeigen. Alles passiert aus einem Grund und sei es, uns zu lehren, Geduld zu haben und schwere Zeiten zu meistern, um uns zu bewusst zu machen, was wir wirklich wollen und unseren Träumen zu folgen, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Bis dahin heißt es: Das Leben leben. Und das geht nur im Vorwärtsgang.

Eure Kerstin