Die rosarote Brille

img_0631Das Gedächtnis ist ein sehr unzuverlässiger Speicherplatz. Nein, ehrlich. Die Daten an sich mögen ja so ziemlich am sichersten Aufbewahrungsort der Welt sein, denn die Fähigkeit des Gedankenlesens liegt nach wie vor (noch) im Bereich der Utopie. Dass aber der Produzent und Eigentümer selbst oftmals genauso vor verschlossenen Türen steht, erscheint bisweilen recht bizarr und erst recht unbegreiflich.

Keine Erinnerung, die unsere zig Milliarden Nerven nicht in ein neues Gewand kleiden und beim Datenabruf in abgeänderter Version wiedergeben. Es ist in gewisser Weise wahrlich ein Armutszeugnis für den weisen Menschen. Warum das so ist? Das ist inzwischen ganz gut erforscht. Es ist nämlich so, dass unser Gehirn erst einmal jedes Ereignis in verschiedenen Regionen „lagert“. Es geht dabei um Gefühle, Ort und Zeit sowie die Geschichte dazu. Wenn wir uns dann erinnern, fügt unser Gehirn die Einzelteile wieder zusammen und ersetzt schlicht und ergreifend fehlende Puzzleteile durch plausibel erscheinende. Wichtig scheint nur der Kern zu sein. Schon nach einem Jahr entspricht nur noch die Hälfte der Erinnerungen dem tatsächlich Erlebten. An dieser Tatsache ist nun auch nicht viel zu ändern und man ist immer wieder erstaunt, wie unzuverlässig und fehlerhaft die Erinnerungen sind. Meine letzte Erfahrung hat mich dahingehend richtiggehend in Selbstzweifel gestürzt. Und das kam so:

Vor ca. zwanzig Jahren las ich den Roman „Die Säulen der Erde“ von Ken Follett, den sicherlich der eine oder andere kennt. Das Buch hat mich seinerzeit so in seinen Bann gezogen, dass damals nicht viel gefehlt und ich mich auf den Jacobsweg nach Santiago de Compostela gemacht hätte. Zu einer Zeit, als das (Fern)Wandern noch nicht so in und medienwirksam war und lange vor Hape Kerkeling. Hinzufügen muss ich, dass kurz vorher meine Mutter verstorben war, mein damaliger Freund als manisch-depressiv diagnostiziert wurde und ich so ziemlich durch den Wind. In meiner Vorstellung wäre der Pilgerweg eine Möglichkeit gewesen, mit dem Verlust und Schmerz fertig zu werden und einen Weg zu finden, wie es weiter gehen soll. Nun, letzten Ende hat mir der Mut gefehlt, der materielle wohlgemerkt. Meine Bedenken, was dann mit meiner Arbeit, mit meinem bisschen Hab und Gut werden würde, waren zu übermächtig, was mir heutzutage einfach nur kindisch, naiv, ja sogar lächerlich vorkommt. So habe ich das Vorhaben erst mal in die unbestimmte Zukunft verschoben und letztendlich aufgrund der touristischen Massen und Medien ganz aufgeben. Und, klar, ich habe es immer bereut.

Zurück zum Thema: Im Rahmen meines Projektes „Sieben auf einen Streich“ ist mir besagter Roman und seine nachhallende Wirkung wieder eingefallen und ich habe mir den Schinken erneut zu Gemüte geführt. Auch irgendwie in der Hoffnung, die damaligen Gedankengänge nachvollziehen zu können. Tja, und jetzt kommst: Der Part, bei dem es um den Weg nach Santiago de Compostela geht, umfasst gerade mal so 50 Seiten. Von 1151 Gesamtseiten. In der Taschenbuchausgabe. Und man muss auch schon an die 800 Seiten weit lesen, um überhaupt erst an diesen Punkt zu gelangen. Und es geht auch irgendwie so gar nicht um den Jacobsweg und das Pilgern, sondern dieser ist nur ein Weg, dem Held und Heldin (also zwei aus der Reihe an Protagonisten) folgen. Nicht mal das Zueinanderfinden der beiden passiert auf dem Weg selbst.

Wie konnte mir mein Gedächtnis nur so einen Streich spielen? Meine jahre-, ach was jahrzehntelange Obsession ist ein Nebenschauplatz und hätte meiner heutigen Ansicht nach fast überall stattfinden können. Ich bin gerne bereit, Nachsicht walten zu lassen und mir einzugestehen, dass meine Nerven seinerzeit recht angespannt waren und vielleicht das eine oder andere zu meinem Schutz in der Erinnerung umgeschrieben haben. Ähnlich wie bei einem Trauma. Aber dass mir gleich so eklatant eine rosarote Brille aufgesetzt wird, lässt mich ziemlich verdattert aus dieser schauen. Was mag mein Hirn sich sonst noch so zusammen gereimt haben? Wenn ich es hochrechne, dann dürften nicht mal fünf Prozent meiner Erinnerung wahr sein. Es ist erschütternd, sich einzugestehen, dass es nichts Unzuverlässigeres zu geben scheint als die eigenen Erinnerungen. Doch wozu dann diese überhaupt speichern? Die Antwort der Forscher ist ganz einfach: Für die Zukunft. Denn beides, Erinnerung und Zukunft, werden von ein und demselben Areal aus gesteuert. Es zeigt sich, dass die Gedanken an morgen nur funktionieren, wenn wir über so etwas wie Vergangenheit verfügen und beides in Relation setzen. Auch eine Erklärung dafür, warum Kinder so vertieft im Hier und Jetzt sind, während wir großen Kinder uns mit jeder Entscheidung so schwertun und ständig von dem, was kommt/kommen könnte eingebremst zu sein scheinen? Mag sein. Eine Zukunft frei von jeglicher Erfahrung gestalten zu können, wäre sicherlich unbeschwert und gleichzeitig undenkbar.

Die rosarote Brille färbt also nicht nur die Erinnerung, sondern ist auch ein verschwommener Blick nach vorn. Von daher werde ich nun beim Anblick meiner hauseigenen Bibliothek nicht nur mehr in Erinnerungen schwelgen, sondern die vorhandenen Werke einer neuerlichen Prüfung unterziehen. Eine Bestandsaufnahme, ob diese der Gegenwart gerecht werden. Somit pilgere ich quasi literarisch, denn die Idee des Jacobsweges ist nach wie vor von der Wunsch-/todo-Liste gestrichen. Manchmal tut es nämlich auch erstaunlich gut, nicht jedem unerfüllten Traum hinterher zu trauern.

Von wegen Kindergeburtstag

Wenn man von einer Aufgabe oder einem Vorhaben als Kindergeburtstag spricht, drückt man für gemein hin die damit verbundene geringe Anstrengung aus. Tut es sozusagen als leicht und mit links zu bewältigen ab. Ja, betrachtet den Aufwand bisweilen sogar so abschätzig, dass es diesen scheinbar gar nicht wert ist. Quasi aus der unbeschwerten Sicht eines Kindes.

Doch wer schon mal einen Kindergeburtstag ausgerichtet hat, weiß, dass dies bei weitem keine leichte Sache ist, die man so eben mal aus dem Ärmel schüttelt. Mit simplem Topfschlagen und Blinde-Kuh-Spiel ist der Meute der Kinder und deren Helikoptereltern heutzutage nicht mehr bei zu kommen. Auch hier geht es um das immer mehr, immer ausgefallener, um das noch größere Event. Als Mutter des jugendlichen Mitbewohners habe ich da so meine leidvollen Erfahrungen gemacht, aber was tut man nicht alles für den Nachwuchs.

Schon der erste Geburtstag war ein Highlight, auch wenn ich zugeben muss, dass ich in Disneyland wahrscheinlich mehr Spaß hatte als der Dreikäsehoch. Aber das ist sehr subjektiv, denn das Ankuscheln an die plüschigen Disneyhelden unterließ ich aus Anstandsgründen, während das Geburtstagskind dies ganz ungeniert und aus vollen Halse lachend genoss. So wurde im nächsten Jahr gleich nochmals Disneyland besucht, vor allem, weil die Mama so viel Spaß hatte.

Geburtstag Nummer drei war etwas gemäßigter in den eigenen vier Wänden unter dem Motto Piratenparty. Deko, Musik und Spiele abgestimmt und als Krönung eine Pinata, dessen Beute logischerweise keines der Kinder entern konnte, da schlicht und ergreifend Kraft und Ausdauer fehlten. Irgendwann erbarmte sich eines der größeren, älteren Geschwisterkinder und hieb wild um sich schlagend auf die Schatzkiste, zum Glück kein Pony oder dergleichen ein, während die anwesenden Mütter ihre Kinder vor der Attacke in Sicherheit brachten.

Der vierte Geburtstag fand dann aufgrund ungenügenden Versicherungsschutzes und diverser familiärer Angelegenheiten ohne große Feier statt. Doch beim fünften Geburtstag haben wir wieder mitgemischt, diesmal eine Cowboy und Indianer Party. Das Wohnzimmer wurde entkernt, sprich nahezu alle Möbel in andere Räume verfrachtet, und dafür ein Zelt aufgestellt. Aus meinem Elternhaus habe ich seinerzeit sogar ein Rehfell und den Büffelschädel, der im Treppenhaus hing, geholt und bei mir installiert. Und nein, mein Vater ist weder Klein- noch Großwildjäger. Die Schatzsuche war eine Art Rallye. Die Kinder mussten dazu Steine in Form von in Papier gewickelten Telefonbüchern – keine Ahnung, wo ich damals die Menge ergattert hatte – erspielen, um damit den reißenden Strom, den Gehweg zum Garten, überqueren. Der Spaß, der mich voller Vorfreude auf diesen die kiloschweren Druckerzeugnisse schleppten und verpacken ließ, hielt sich in Grenzen. Der Schatz wurde innerhalb von Sekunden durch einen mutigen Sprung ins kühle Nass, den Gehweg, gehoben. Keine Ahnung, warum nur ich diese Phantasiewelt gesehen habe. Am Ende waren wohl alle froh, dass dieses unrealistische Possenspiel vorüber war.

So richtig ins Zeug gelegt habe ich mich dann für den sechsten Ehrentag. Piraten und andere Helden meiner Kindheit waren verpönt, die Zukunft hielt Einzug und das in Form einer Weltraumparty. Es muss wohl die Zeit der neueren Star Wars Filme gewesen sein, denn das Kind hatte einen Stormtrouperanzug und war der Faszination der unendlichen Weiten erlegen. Allerdings sind diese in einer Drei-Zimmer-Wohnung recht begrenzt, wenn man mal vom Kinderzimmer absieht, in dem Dinge einfach verschwinden und wenn überhaupt erst nach Lichtjahren wieder in die Umlaufbahn zurückkehren. Nun, das Wohnzimmer wurde diesmal einfach in die Kulisse mit eingebaut. Das Sofa war das Raumschiff, auf dem die Kinder wie Astronauten mit dem Rücken auf der Sitzfläche und mit hochgestreckten Füßen lagen. Der Raum wurde mit Laken, Tüchern und Folie abgetrennt. Die Einstiegsluke zum Raumschiff war ein kleiner Tritthocker. Vom Raumschiff führte eine Luftschleuse, eine von diesen Kriechröhren, auf den „Planeten“. Dort war eine Station, unser taupefarbenes Notfallzelt, aufgebaut und allerlei außerirdische Dinge, Fischernetz, Lichterkette, Wattebauschen etc., bevölkern Boden, Wand und Decke. Die Fenster waren mit Postern von Galaxien und Sternen beklebt, so dass es ziemlich schummrig war. Zum Glück war der Begriff der Knutschecke noch ohne Bedeutung für die Weltraumeroberer. Ich glaube mich erinnern zu können, dass allen vom ständigen Starten und Landen der Rakete flau im Magen wurde und man kurzerhand das Kinderzimmer ansteuerte, das am Ende einem Schlachtfeld glich. Die Rückkehr auf den Boden der Tatsachen und zur Erde war dann mit viel Aufräumarbeit verbunden.

Inzwischen kann von Kindergeburtstag eigentlich nicht mehr die Rede sein und man möchte meinen, dass mit zunehmender Eigenständigkeit der Kinder der Aufwand in gleichem Maße abnimmt. Doch wenn heute eine Party ansteht, dann wünsche ich mir manchmal das damalige Chaos zurück. Nicht nur, dass ich zur frühmorgendlicher Stunde die Horde der Pubertiere zur Ruhe anhalten muss, nein, morgens wird dann ein Frühstück wie im Fünf-Sterne-Hotel erwartet, das ich frisch und munter auf den Tisch bringen darf, während sich die übernächtigten Gäste aus der Höhle des Kinderzimmers, welches genauso einladend aussieht wie riecht, schleppen. Die mühsam erlernte Sprache scheint dabei ebenso gänzlich im unendlichen Raum des Internets verschwunden zu sein wie der Geruchssinn, denn eine Büffelherde ist nichts dagegen.

Ist man dem Schicksal der zu veranstalteten Feier durch Verlagerung nach auswärts entkommen, ist die Freude allerdings nur von kurzer Dauer. Denn dann sitze ich am Küchentisch und hoffe, dass das Kind unbeschadet und nüchtern und selbständig nach Hause kommt, keinen Ärger mit der Obrigkeit verursacht und nicht in irgendwelchen Ärger hineingerät, vor der Geisterstunde daheim ist und den Geist aus der Flasche nicht zu sehr intus hat.

Wenn man also etwas als Kindergeburtstag bezeichnet, dann kann man das nur aus der Warte des Geburtstagskindes tun. Ach ja, und da wir gerade dabei sind, die nächste Feier verlegen wir wieder nach Disneyland, denn aus dem Alter, Anstand als Grund für irgendetwas anzuführen, bin ich jetzt dann bald raus.

Kindergeburtstag

Eure Kerstin

Scheinwelten

Karte Nr. 18: „’Nicht die Dinge beunruhigen die Menschen, sondern seine Meinung über die Dinge’ – Epiktet. Hinterfragen Sie eine Ihrer Überzeugungen, etwa hinsichtlich Hausfrauen, Machos oder Paaren mit getrennten Schlafzimmern.“

Ich will gar nicht erst in die Diskussion über Vorurteile und Ansichten einsteigen. Das ist ziemlich dünnes Eis, auf dem man sich da bewegt. Zum einen bin ich zu alt, um keine Meinung zu haben und zum anderen tendieren wir dazu, zu allem und jedem eine Meinung zu äußern – unabhängig von der Tatsache, ob wir eine Ahnung haben, wovon wir sprechen oder nicht. Ein Zugeständnis an ein Leben, bei dem die andere Seite der Welt nur einen Klick entfernt ist. Wir sind nicht mal in der Lage, die Haustür zu öffnen, geschweige denn eine Reise zu unternehmen, egal wie fremd das Land sein mag, ohne irgendeine Erwartungshaltung.

Kürzlich war ich während einer Reise in Tanger, Marokko. Das ist Afrika, aber auch irgendwie Europa. Und zu 99% muslimisch. Die Stadt ist geprägt von einer langen und bewegten Geschichte. König Mohammed VI. investiert gerade Unsummen in die Modernisierung. Tanger wird auch „Die weiße Stadt“ genannt, da die Gebäude die Sonne so lebhaft wiederspiegeln. Im Vorfeld gab es einen Vortrag, bei dem der Lektor uns ausführlich informierte. Auch, dass in den Cafés keine Frauen sitzen, sich unterhalten und Minztee trinken. Geschäfte sind Männersache. Ich versuchte, mir vorzustellen, ob ich in solch einer Welt leben könnte: Exotisch und bestimmt durch Traditionen und tief verankerte Ansichten. Und ich wollte unbedingt die Medina und das Treiben erleben.

Als Frau mit leichtem blond-grau Stich und recht blasser Haut hatte ich so meine Bedenken, mich allein in die Altstadt zu begeben. Also habe ich mich einer Reisegruppe angeschlossen. Ich trug einen bodenlangen, losen Rock, eine hochgeschlossene, lockere Bluse und eine Strickjacke, die meine Hände über die Gelenke hinweg bedeckte. Sogar meine Schuhe waren angemessen – flach und geschlossen. Keine grellen Farben (grau/beige/weiß), nichts, was mich hätte herausstechen lassen. Soweit, ein Kopftuch zu tragen, bin ich nicht gegangen, aber meine Haare habe ich in einem festen Dutt befestigt. Immerzu in der Annahme, dass ich die allgemeinen Erwartungen und Gepflogenheiten respektieren kann, aber auch zu zeigen, dass ich nicht mit allen Vorschriften einverstanden bin und mich verbiegen lasse. Schließlich bin ich Europäerin. Gewohnt, meine Meinung frei zu äußern und trotzdem tolerant zu sein. Zu respektieren und respektiert zu werden. Was soll ich sagen: Unmittelbar, nachdem wir den Hafen verlassen hatten, fühlte ich mich nackt. Wir leben in einer Scheinwelt. Es gibt Dinge, die wir sehen und solche, die wir sehen wollen.

Illusion

Zu den auf der Hand liegenden Punkten: Nein, ich könnte niemals nur Hausfrau sein. Ohne Arbeit – also meinen derzeitigen Job – aber sehr wohl. Aber das ist ja nicht dasselbe. Ich wäre nicht glücklich, nur mit Kochen, Putzen, Kindererziehung und häuslichen Aufgaben, aber ich bewundere all jene, die darin aufgehen.

Nr. 2: Machos: Ja, da werde ich schwach, aber ich hasse es, weil ich es nicht leiden kann, wenn mir jemand sagt, was ich tun soll und was ich zu mögen habe. Gut, die Machos, von denen ich rede, sind meist nur Machos nach außen hin. Innerlich sind sie voller Selbstzweifel, unsicher und eigentlich auf Grund irgendwelcher mentalen Schwierigkeiten, welche sie durch ihr vorgetäuschtes Machogehabe zu kompensieren versuchen, einfach nicht in der Lage, ein normales Leben zu führen. Tut mir leid, Jungs. Schätze, ich habe einfach immer nur diesen einen Stereotyp in meinem Leben getroffen.

Ah, und die getrennte Schlafzimmer. Super Idee. Aber warum nicht gleich getrennte Wohnungen? So hat man wenigstens eine Rückzugsmöglichkeit, um seine Spleens auszuleben und z.B. mit Gurkenmaske abends ins Bett zu steigen. Schließlich muss der geliebte Mensch ja nicht alles zu sehen bekommen, richtig? Nicht, dass ich so was mache, aber auch ich werde älter und wer weiß schon, was die Zukunft bringt.

Wer es noch nicht gemerkt hat: Weihnachten steht vor der Tür, der Vorweihnachtsstress hat schon begonnen. Was wäre da besser als eine Komfortkarte. Nr. 19.: „Sie geben sich der Muße hin: Gestatten Sie sich, mal so richtig faul zu sein. Reservieren Sie einen Tag im Kalender, den Sie von morgens bis abends im Bett verbringen werden – mit Schlafen, Lesen oder Sex.“ Gut, also für die Aufgabe überlege ich noch, ob getrennte Schlafzimmer oder besser nicht. Aber die Frage ist doch, warum das „oder“? In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

Der Anruf

Karte Nr. 12: „’Dass wir miteinander reden können, macht uns zu Menschen’, Karl Jaspers. Sie sind eine Tochter, Cousine, Nichte bzw. Sohn, Cousin, Neffe. Rufen Sie ein Familienmitglied an, bei dem Sie sich lange nicht gemeldet haben.“

Es klingelt. Einmal. Zweimal. Dreimal. Vielleicht habe ich Glück und er nimmt nicht ab, denke ich. Viermal. Was mache ich, wenn ich ihn nicht erreiche? Fünfmal. „Hallo?“ „Hallo. Papa.“ Kurz zögere ich. Soll ich sagen: Ich bin’s. Kerstin. Aber wer sollte sonst ‚Papa’ sagen? Ich bin das einzige Kind. „Alles Gute zum Geburtstag.“ „Ja. Danke.“

Und jetzt? Warum habe ich mir nichts zurecht gelegt? Stichpunkte gemacht? Jetzt bloß nicht den Faden verlieren. Welchen Faden? „Wie geht es Euch? Wie geht es Dir?“ Ja, eigentlich will ich wissen, wie es meinem Vater geht. Ihm ganz persönlich. Ganz ehrlich. Ist er glücklich? Lebt er so, dass es ihm gut geht? Aber all das frage ich natürlich nicht. „Uns geht es gut. Freunde aus Stuttgart sind da.“ Freunde aus Stuttgart? Nie von denen gehört. Aber im Grunde scheint es auch nicht verwunderlich. Warum auch? Wir telefonieren zweimal im Jahr und tauschen Belanglosigkeiten aus. „Noch einen Tag, dann sind wir am Unterrhein.“ „Ach, dann seid Ihr schon wieder in Deutschland?“ Blöde Frage. Seit Jahren fährt er im Oktober fort und kommt im April zurück. „Ja, dann waren wir ein halbes Jahr in Portugal. Das achte Jahr.“ Oh Gott, wie die Zeit vergeht. „Oh, Wahnsinn wie die Zeit vergeht.“

Ja, das läuft doch ganz gut. Immer schön weiter reden. Aber was? Seit ich denken kann, habe ich nicht ein Gespräch geführt, das nicht irgendwie aufgesetzt und qualvoll war. Wir haben uns nichts zu sagen. „Wie ist das Wetter?“ Herrje, klischeehafter, langweiliger geht es wohl kaum. „Gut, natürlich nicht so warm wie in Portugal.“ „Also, hier hat es den ganzen Winter nicht geschneit.“ „Ach. Dann wird es ja jede Menge Plagegeiser geben.“

Ok. Das Wetter ist abgehakt. Ich brauche ein neues Thema. „Wart Ihr Ski fahren?“ Hat mich mein Vater gerade etwas gefragt? „Ja“, antworte ich perplex. „Wo wart Ihr denn?“ „In Saalbach.“ „Ach ja.“ „Ja, mit U. Da waren wir letztes Jahr auch schon. Schnee war nicht so viel. E. fährt Snowboard“, sprudelt es aus mir heraus. So viel Info wie möglich. „Snowboard? Ja, die jungen Leute fahren heute alle Snowboard.“ „Skifahren kann er auch, aber er wollte jetzt Snowboard lernen.“ Als ob ich mich rechtfertigen müsste, dass er nicht genauso gern und gut Ski fährt wie ich es getan habe.

„Und was macht die Schule?“ Noch eine unerwartete Frage. Wie kann es sein, dass er mich jahrelang immer nur angerufen hat, wenn er etwas gebraucht hat und nun auch einmal Interesse zeigt? Tief in mir zweifele ich, ob es wahres Interesse ist oder nur gesellschaftlicher Smalltalk. „Ja, ist gut.“ Und dann will ich gar nicht mehr aufhören. Erzähle von der Schule, den Fächern, Sport und allem, was dazu gehört. Am liebsten würde ich all die verpassten Chancen in diese paar Minuten packen. Ein Bild für ihn aufbauen, damit er eine Ahnung hat, wie es mir geht. „Gleich kommen unsere Freunde aus Stuttgart.“ Oh ja, das. „Mit denen gehen wir zum Essen.“

Ja, das ist wohl das Zeichen, dass das Gespräch lange genug gedauert hat. Bloß nicht zuviel Intimität aufkommen lassen. Am Ende könnte bei jedem der Eindruck entstehen, wir vermissen einander. „Ja, ist gut. Feiert schön.“ „Schick mir doch mal Deine neue Adresse.“ „Ja klar, mache ich.“ Innerlich sträube ich mich. Was für ein Blödsinn. Ist ja nicht so, dass er mich plötzlich ohne Ankündigung besuchen würde. Warum also? Will ich mir die Enttäuschung ersparen, die entsteht, wenn zu Geburtstagen oder anderen Feiertagen keine Karte oder Geschenk den Weg zu mir findet? „Mach’s gut. Viel Spaß.“ Ich liebe Dich Papa, füge ich in Gedanken hinzu.

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Ich gebe zu, ich hatte Schützenhilfe in Form eines Geburtstages und ich bin mir nicht sicher, ob ich auch so geschafft hätte. Aber für ein paar Tage war ich glücklich. Glücklich, dass ich angerufen habe und nicht nur eine Karte oder ein E-Mail geschickt habe. Glücklich, weil er Interesse gezeigt hat. Glücklich, weil es sich so anfühlte, als ob unsere Beziehung doch noch eine Chance zum Besseren hätte. Es fühlte sich gut an. Ich fühlte mich gut. Dann kam mein eigener Geburtstag. Und er ging. Ohne Anruf. Ohne ein Wort von meinem Vater.

Die Last, die Familie bedeutet. Sie wiegt schwer und erdrückt einen. Saugt einen aus. Bis die Gedanken sich immer und immer wieder im Kreis um diese eine Frage drehen: Warum?

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Ganz ehrlich: Ich habe so gar keine Lust, eine neue Karte zu ziehen. Vielleicht hat M. recht. Seit ich dieses Experiment angefangen habe, bin ich deprimiert und stelle mir bei allem und jedem die Frage nach dem Sinn. Ok, keine Sinnkarte. So viel ist mal klar. Lieber Komfort. Bitte lass’ es eine gute Karte sein. Oh, nein, ich sehe Depressionen am Horizont aufziehen: “Sie spazieren auf den Pfaden Ihrer Kindheit: Tauchen Sie ab in eine heile Welt und leihen Sie sich einen Film aus Kindertagen aus: ’Lassie’, ‚Pippi Langstrumpf’, ‚Cinderella’…“ Ich besorge besser gleich auch eine Großpackung Taschentücher. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

Lebensmut

Seien Sie mutig. Tun Sie etwas, das Sie Überwindung kostet – gehen Sie zum Beispiel abends allein zum Essen. Verstecken Sie sich nicht hinter einer Zeitung, sondern beobachten Sie bewusst die Leute. Herausforderungen durchbrechen die Routine und fördern die Lebenslust.“

Ich gehöre nicht zu den mutigen Menschen. Ganz im Gegensatz zu meinem Sternzeichen mache ich mich gern klein und unscheinbar. Meine Lieblingsfarbe ist grau und auch ansonsten pflege ich eher einen eremitenhaften Lebensstil. Da scheint bei der Sternenkonstellation irgendetwas gehörig schief gelaufen zu sein, denn als Widder sollte ich eigentlich immer in vorderster Reihe stehen. Sozusagen mit dem Kopf durch die Wand und allezeit vorweg. Obwohl in einer Zeit groß geworden, in der es schon fast zum guten Ton gehörte, für und/oder gegen irgendetwas seine Stimme zu erheben, habe ich an noch keiner Demonstration oder Kundgebung teilgenommen. Politisch und gesellschaftlich gesehen bin ich genügsam bis mit-allem-einverstanden und nehme eben alles, wie es kommt. Ich gehe wählen, mache pünktlich meine Steuererklärung, halte mich (fast immer) an die Geschwindigkeitsbegrenzung und trenne meinen Müll vorschriftsmäßig.

Mut bringt man ja im Allgemeinen auch eher mit heldenhaften Taten in Verbindung. Kein Mensch würde es als mutig ansehen, wenn ich z.B. einfach mit verbundenen Augen über die Straße ginge. Das wäre blöd, verrückt, dumm und ich ein Spinner. Aber eben nicht mutig.

Was nun, wenn ich mehr oder weniger gezwungen wäre, mit verbundenen Augen über die Straße zu gehen, weil ich z.B. damit ein Leben retten könnte? Wäre es dann Mut oder Angst, was mich zum Überqueren veranlassen würde?

Und was, wenn ich zufällig Zeuge davon wäre, wie jemand gezwungen wird, mit verbundenen Augen über die Straße zu gehen? Zivilcourage ist mutig. Den Mut zu haben, nicht weg zu schauen und gegen das Unrecht einzuschreiten. Und gleichzeitig ist es auch etwas leichtsinnig und gefährlich. Leider. Ich bin gewiss kein Held im herkömmlichen Sinne. Und ehrlich gesagt, frage ich mich hin und wieder: Würde ich einschreiten? Würde ich Hilfe holen? Ich wünschte, ich könnte mit absoluter Überzeugung sagen, wie ich reagieren würde. Und dass diese Reaktion mutig wäre. Diese Art von Mut kann man nicht trainieren oder testen.

Und überhaupt: Das tagtägliche Leben fordert bisweilen mehr Mut. Es gibt Tage, da muss ich all meinen Mut zusammen nehmen, um nicht einfach alles hinzuschmeißen und aus der Tretmühle des Lebens auszusteigen. Es kostet mich Überwindung, meine Pflichten zu erfüllen: Einkaufen, Kochen, Putzen, Aufräumen, Waschen. Und manchmal treibt mich nur mein schlechtes Gewissen an, das eine oder andere nicht ausufernd schleifen zu lassen.

Die Menschen machen mir manchmal Angst. Diese Unzufriedenheit mit allem und jedem. Dieses ständige Fordern nach mehr. Egoismus und Egozentrik scheinen immer mehr zuzunehmen und ich ertappe mich dabei, wie ich wünschte, mich würde all das nichts angehen. Um ein Held zu sein, muss ich nicht besonders mutig sein, wohl aber, um das Leben zu meistern.

Nein, ich bin nicht allein essen gegangen. Ganz nach dem Motto: ‚Heute mache ich kein Abendbrot, heute mache ich mir Gedanken’, hier eine kleine Aufstellung der Dinge, die mich keine Überwindung gekostet haben, weder heldenhaft mutig, aber herausfordernd und im Nachhinein vor allem ein Höllenspaß waren bzw. noch immer sind:

  • mit Zug durch Italien reisen
  • mit einem Koffer nach Spanien auswandern
  • einen kompletten Umzug mit einem Seat Marbella machen
  • am Strand übernachten
  • mit dem Auto 500km durch Ägypten fahren
  • mit zwei Koffern nach USA auswandern
  • den Beruf wechseln
  • allein in die Berge gehen
  • einen Blog starten
  • sesshaft werden und Eigentum erwerben

Ich finde, das zeugt doch von einer Menge Mut – Lebensmut. Und den kann man genauso wenig trainieren. Vielleicht aber ist er die perfekte Grundlage, um der Mutlosigkeit die Stirn zu bieten.

Neue Karte, neues Glück. Da ich mit dem Ausgang der letzten Powerkarte nicht so ganz glücklich bin, wage ich einen neuen Versuch und wähle nochmals die Powerkategorie: „Erschließen Sie neue Welten, indem Sie neue Worte finden: Lesen Sie Ungewohntes, etwa den Wirtschaftsteil Ihrer Zeitung und bereichern Sie so Ihr Vokabular. ‚Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt’, lehrt uns der Philosoph Ludwig Wittgenstein.“ Puh, das wird eine harte Nuss. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

Tatort Abstellraum, Tag 10

Vorweg ein Geständnis: In einem anderen Leben war ich Hexe. Damals habe ich allerlei „Hilfsmittel“ zum Beschwören der Geister hergestellt und mit abstrusen Ritualen meine Umwelt zu beeinflussen versucht. Heute mache ich das direkt und ohne Umschweife. Funktioniert auch nicht besser oder schlechter als die Sache mit der Zauberei.10 Tag

Tatort: Abstellraum, Dekokiste.

Tatbestand: Selbst geflochtenes Stoffband.

Tatortsäuberung: Am besten wäre, theatralisch verbrennen, auf einem Scheiterhaufen. Leider wird das meinen Nachbarn wohl eher weniger gefallen. Käme noch ein angemessenes Begräbnis in Frage, wenn nicht der Boden gefroren wäre. Wird daher in das, was es einmal war, zurück verwandelt. Bunte Geschenkbänder. Glücklicherweise ist demnächst Weihnachten und somit perfekt weiter verwertet.

Erinnerungsfetzen

“Spielen Sie mit Ihrer Phantasie: Kurbeln Sie Ihre Kreativität an und schreiben Sie ein Gedicht oder eine Kurzgeschichte, worin folgende Worte vorkommen: Herz, Waffel, Sonne, zärtlich.“

Karte Nr. 6 macht ihrem Namen alle Ehre. Das könnte eine recht schlüpfrige Angelegenheit werden, à la „9 ½ Wochen“ – möchte man meinen.

Hin und wieder vermisse ich die Liebe.

Und ich vermisse meine Familie. Nein, das ich so nicht ganz richtig. Ich vermisse es, eine Familie zu haben. Gemeinsame Mahlzeiten, Spieleabende, das Zuhause dekorieren, zusammen kochen. Als ich ein Kind war, haben mein Vater und ich hin und wieder zusammen Waffeln gebacken. Es war ein ziemlich einfaches Rezept. Was das Ganze so besonders machte, war das Waffeleisen. Ein uraltes Ding, das bereits meine Großeltern benutzt haben. Es produziert keine viereckigen Waffeln. Es backt Herzen. Genauer gesagt: Fünf Herzen, die miteinander verbunden sind und eine Blume formen. Die besten Waffeln der Welt. Inzwischen ist das Waffeleisen in meinen Besitz übergegangen und manchmal wünscht sich mein Besuch, dass ich Waffeln mache. Ich wette, dieses Monster verbraucht mehr Energie als alle meine anderen Stromfresser zusammen – übertrieben gesehen – aber es kümmert mich nicht. Der Geschmack ist einfach verboten gut. Ich lege immer zwei Herzen übereinander und esse diese dann. Am Ende bleibt ein einzelnes Herz übrig, welches ich zur Hälfte ebenfalls zusammenklappe. Es wirkt immer irgendwie etwas verloren, vergessen.

Hin und wieder vermisse ich die Liebe.

Flüsternde Worte. Eine Stimme voller Zärtlichkeit. Verführerisch und verheißungsvoll. Wie die Frühlingssonne auf meinem Gesicht. Frisch und voller Versprechen. Worte: Kraftvoll und voller Energie. Wie die Sommersonne. Strahlend für immer. Liebe wie die Wintersonne. Klar und hell und stark und mit dem Versprechen, dass das Licht immer da sein wird. Küsse wie die Herbstsonne. Warm und weich und farbenfroh und zärtlich.

Manchmal kann ich es kaum fassen, dass ich mich noch immer derart nach dieser Liebe sehne. Aber hin und wieder vernebelt dieses Glühen meine Sinne und nährt gleichzeitig etwas, was so nicht unbedingt der Realität entspricht. Dann bin ich mir nicht sicher, ob es nicht nur ein Verlangen ist, welches sich mit einem einfachen Rezept befriedigen lässt. Ebenso wie die Waffeln. So sehr in meine Kindheitserinnerungen eingebettet, dass Zweifel aufkeimen, ob dieses augenscheinlich sorgenfreie Leben, welches wir nur als Kind, von unseren Eltern behütet und beschützt, empfinden, nicht lediglich eine Illusion ist. Ohne Sicherheit, der Wirklichkeitsprüfung Stand zu halten.

Erinnerungsfetzen – leuchtend hell wie die gleißende Sonne. Schatten und Silhouetten zurück lassend.

Eure Kerstin

P.S.: Fast vergessen: Neuer Monat, neue Karte, neue Aufgabe: “Ein Leben ohne Freunde ist wie eine weite Reise ohne Gasthaus.” Demokrit. Machen Sie eine Liste mit Menschen, die Ihnen wichtig sind – und schreiben Sie auf, warum das so ist. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.