Gummistiefelweg

Nach langer Zeit mal wieder ein Beitrag in der Rubrik „Leseecke“.
Inspiriert vom örtlichen Schreibwettbewerb und weil heute Weltglückstag ist, habe ich einfach mal meine Geschichte eingesandt.

Direkt hinter dem Haus war das Moor. Und wenn er abends mit der Arbeit auf dem Hof fertig war, saß er auf der Bank neben der Eingangstür und blinzelte in den Sonnenuntergang. An Regentagen blickte er mit zusammengekniffenen Augen in Richtung Moor und sah den Nebeln zu, wie sie über die Landschaft zogen. Im Winter hielt er eine dampfende Tasse in Händen, um sich zu wärmen und bisweilen erschauderte er beim Anblick der bizarren Formen, die Eis und Schnee geformt hatten. Was wohl hinter dem Moor war, fragte er sich, wenn er so dasaß und den Horizont absuchte. Ob es dort ein Meer gab? Einen Fluss vielleicht? Oder Berge? Sein ganzes Leben hatte er immer nur darüber gegrübelt, es aber immer dabei belassen.

Der Frühling kam und verscheuchte die trübsinnigen Gedanken. Zu viel Arbeit gab es, um sich weiter Träumereien und Hirngespinsten hinzugeben. Am Abend setzte er sich wie immer auf die Bank und blickte in Richtung Moor. Die Sonne stand schon tief, so dass er die Hände vor die Augen halten musste, um die tanzenden Lichter am Horizont zu erspähen. Und dann stand sie auf einmal vor ihm. Ihr Gesicht lag im Dunkeln als er aufblickte. „Ist ja ganz schön weit draußen hier“, sagte sie. Und als er sie nur weiter stumm anblickte: „Kann ich vielleicht heute Nacht hier irgendwo schlafen? Heute schaffe ich es sicher nicht mehr im Hellen über das Moor.“ Er stand auf und ging ins Haus. Und dann kam er wieder heraus. Aber sie war noch da. Stand da mit ihrem Rucksack und verdreckten Kleidern. „Also, was ist? Kann ich bleiben? Du hast mich schon verstanden, oder?“ Sie sah ihn fragend und zugleich unsicher an. Er schluckte ein paar Mal und räusperte sich. „Ja, also, neben der Stube ist noch ein Zimmer….“ „Prima“, fiel Sie ihm ins Wort und ging an ihm vorbei ins Haus.

Später half sie ihm in der Küche und erzählte, dass sie auf dem Weg nach Finnland sei. Voller Staunen folgte er ihren Worten. Finnland, das war unvorstellbar weit weg und klang nach Freiheit und Leben. Er kannte nur den Hof und die Stadt mit ihren Straßen und Geschäften und den Menschen, die dort lebten. Viel Kontakt hatte er nie gehabt. Zu laut und hastig war ihm immer alles erschienen. Und seine Freunde, die ihn besuchten, waren meist voller Ungeduld, wenn er mit ihnen auf der Bank saß und über das Moor und was dahinter wohl sein mochte, sinnierte. „Ist doch egal“, sagten sie oft, „Was soll da schon sein? Ist halt ein Moor und dann ‘ne Stadt. Oder irgendwas halt. Komm‘, lass uns in die Stadt fahren und feiern.“ Und wenn er dann wieder auf seinem Hof war, auf der Bank saß und über das Moor schaute, fragte er sich, ob da vielleicht auch jemand saß und genau wie er darüber nachdachte, was denn wohl auf der anderen Seite wäre. Und ob es eine Stadt wie seine wäre. All das erzählte er ihr. „Tja, keine Ahnung, aber ich werde es herausfinden. Morgen gehe ich durch das Moor und dann immer weiter. Bis nach Finnland.“

Am Morgen lag er in seinem Bett und dachte über den Traum nach, den er gehabt hatte. Da war ein Mädchen gewesen. Mit einem Rucksack. Das wollte nach Finnland. Zu Fuß. Durch das Moor. Einfach so. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Ein schöner Traum war das gewesen. Und dann stand sie auf unvermittelt in seinem Zimmer. „Also, ich muss jetzt los. Danke, dass ich hier schlafen durfte.“ Und dann war sie auch schon wieder weg. Er rappelte sich auf und stolperte, die Bettdecke verfing sich in seinen Füßen. Als er vor die Tür trat, hatte sie schon ihren Rucksack auf den Schultern. Sie drückte ihm links und rechts einen Kuss auf die Wange und dann zog sie los. Direkt in Richtung Moor. Sie drehte sich noch einmal um und winkte. Fast sah es aus, als ob sie tanzend durch das Moor hüpfte. Und irgendwie war ihm ihr Winken nicht wie ein Abschied, sondern wie eine Einladung erschienen. Finnland, das war ja verrückt. Er schüttelte den Kopf und ging zurück ins Haus.

Und plötzlich musste er lachen. Er ging in die Küche, wickelte Brot, Wurst und Käse in ein Tuch und verstaute alles in seinem Leinensack. Vor der Tür holte er tief Luft. Ein herrlicher Tag. Die Luft war klar und er fühlte sein Herz schlagen als er so durch das Moor lief. Unter seinen Gummistiefeln hörte er es glucksen und der Boden gab nach und in seinen Fußabdrücken bildete sich ein kleiner See mit dunklem Wasser. Irgendwann wich das Moor einer Wiese, auf der man noch die Spuren des Winters erkennen konnte. Der lehmige Boden war matschig und er sank immer wieder mit den Gummistiefeln tief ein, blieb stecken und musste den Schuh mühsam aus der Erde ziehen. Er stapfte weiter, seine Schuhe schwer und voller Dreck. Dann erblickte er einen Weg, den in einen Wald führte. Und am Ende konnte er gerade noch sehen, wie sie darin verschwand. Er zog die nutzlosen Gummistiefel aus und fing an zu rennen.

„Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß“ (Rainer Maria Rilke)

Gerade erst war ich auf einer Beerdigung. Ich bin kein gläubiger Mensch. Eher das Gegenteil. Aber das Zitat von Rainer Maria Rilke auf der Todesanzeige hat mich wirklich berührt. Es passt. Der Verstorbene war mit einem wirklich langen Leben gesegnet. Fast 93 Jahre. Eine Zeitspanne, in der so unermesslich viel Leben ist. Gesegnet war er auch mit einer großen Familie, die das Wort Familie lebt. Vier Kinder, neun Enkel und bis dato acht Urenkel, demnächst wären es zehn gewesen. Mit seiner Frau feierte er unlängst die Gnadenhochzeit. 70 Jahre gemeinsame Zeit. Eine unbeschreibliche Fülle an Erlebnissen.

Abschied

Leider gehöre ich nur im angeheirateten Sinne zur Familie. Und doch bin ich ein Teil in all den Jahren gewesen. Etwas, das mich immer wieder mit einem gewissen Maß an Wehmut erfüllt. Und so war es auch meine Verbundenheit, der mich an der Beerdigung hat teilhaben lassen.

Die Trauer um jemanden, der in solch hohem Alter stirbt ist selbstverständlich da, aber eben anders. Alles geht sehr still und andächtig von statten. Hier und da wird vereinzelt eine Träne verdrückt. Aber es überwiegt, wie es sich wohl jeder, der einmal von seinen Lieben geht, wünscht, die Erinnerung. Geschichten und Anekdoten werden mit einem Lächeln weiter gegeben.

Um so befremdlicher empfinde ich die Beerdigung. Ein Trauergottesdienst in der Pfarrkirche, bei dem immer und immer wieder die Kirche und der Glauben die Hauptrollen spielen, während die Gläubigkeit des Verstorbenen gepriesen wird. Ein steter Fluss an Gebeten und Lobpreisungen. Der Messdiener erscheint im Drei-Tage-Bart mit ungeputzten Schuhen und gähnt unverhohlen vor sich hin. Ich vermisse den Menschen.

Danach stürmen wir alle zu den Autos. Der Friedhof ist am Rande der Stadt. Hektisch treibt eines der Kinder die Gesellschaft an. Das eigene Enkelkind hält er an der Hand, ist aber mehr darauf bedacht, die Ordnung und Organisation der Trauergesellschaft zu bewahren. „Sohn, nimm‘ Du ihn doch an die Hand. Er geht so langsam.“ Ja, will ich rufen, er ist drei Jahre alt. Sein Tempo ist ein anderes. Er ist hier und Du bist hier. Das ist es, was zählt.

Die Aussegnungshalle ist gefüllt bis auf den letzten Platz. Der Verstorbene war ein angesehenes und geachtetes Mitglied in verschiedenen Verbänden und der Stadt, die ihn hier mit ihren Reden ehren. Auf dem Trauerflor von seiner Frau steht „Meine Sonne“. Ob sie ihm das je gesagt hat? Und was wird nun? Wo ihre Sonne dort im geschlossenen Sarg für immer ruhen wird? Ein wahres Meer an Blumen und Kränzen inmitten der Weihrauchschwaden. „… Danke für alles – Du warst ein super Opa“ Ob das auch so ausgesprochen wurde? Wie oft trägt man solche Worte mit sich? Und wie oft finden diese den Weg nach draußen?

Vor dem Grab sammelt sich die Menge, die achtlos über die umliegenden Gräber stolpert. Die städtischen Gießkannen können den Einkaufswagen gleich nur mit einem Geldstück von der Halterung genommen werden. Die Grabstätten, welche ins Auge fallen, sind mit einer Visitenkarte des örtlichen Grabpflegedienstes versehen. Die Inschriften auf den Grabsteinen sprechen eine andere, nicht mehr vorhandene Wahrheit. Hinter den Bäumen hört man die Autos auf der Schnellstraße vorbei rauschen. Nein, das ist es nicht, was ich mir als letzte Ruhestätte und Ort der Erinnerung vorstelle. Kein Platz, um inne zu halten.

Als ich mich verabschiede, fragt eines der Kinder, warum ich schon fahre. „Er ist allein zuhause“, antworte ich. „Ja, aber er muss ja nicht mehr gestillt werden“.  Erst sehr viel später überkommt mich die Trauer. Nicht um den Mann, Vater, Opa, Urgroßvater, der gegangen ist, sondern um all die Menschen, die hier sind und doch niemals da. Ich will nach Hause.

Lebenszeichen

Einmal Außerirdisch und zurück. So in etwa fühle ich mich. Noch immer. Nach drei Wochen quer durch die Alpen fühle ich mich fremd und in der falschen Haut und irgendwie außerirdisch.

Aber ein erstes Lebenszeichen will ich dann doch von mir geben. Eventuell wird es dann etwas anschaulicher.

Piz Boè

Lesestunde

Karte Nr. 10: „Erschließen Sie neue Welten, indem Sie neue Worte finden: Lesen Sie Ungewohntes, etwa den Wirtschaftsteil Ihrer Zeitung und bereichern Sie so Ihr Vokabular. ‚Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt’, lehrt uns der Philosoph Ludwig Wittgenstein.“

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich habe es wirklich versucht. Also, das mit dem Wirtschaftsteil. Sonntags habe ich schon immer gern eine weltliche Zeitungsausgabe gekauft und mich dann von einem Leseort zum nächsten bewegt, abwechselnd Tee und Kaffee trinkend, Sektion für Sektion durcharbeitend, wobei ich den Reiseteil immer für den Schluss aufgehoben habe. Als Dessert sozusagen. Teile wie Finanzen, Auto, Immobilien und Wirtschaft wurden dabei recht grobflächig überflogen. Aber die Aufforderung, einem für mich recht trockenen und wenig interessanten Genre näher auf den Grund zu gehen und dabei auch noch etwas zu lernen, Vokabeln, sehr abschreckend, da es einen doch gleich an die Schulzeit und das Büffeln von eben solchen erinnert.

Hilft nichts, dachte ich mir, da musst Du jetzt durch. Der Sonntag kam und mit ihm die Sonntagszeitung. Im Wirtschaftsteil ging es um den Kinofilm „Wolf of Wall Street“. Tja, nicht direkt um den Film als vielmehr um die Nebenfigur des Steve Madden, der heute Schuhe entwirft und im Gefängnis war wegen der Aktiengeschäfte, um die es im Film geht. Oh, Schuhe, bei Thema werde ich immer hellhörig. Leider sind diese derzeit in Deutschland nur per Online-Versand zu haben. Oh, prima, muss ich nicht zum Shoppen nach USA reisen. Zum Glück gab es meine Größe nicht, sonst hätte ich neben dem Neuerwerb dieser wahnsinnig wichtigen Information auch noch ein paar schicke Schuhe dazu bekommen, denn Steve Madden designt sehr hübsche Treter.

Gut, der erste Versuch, der Aufgabe gerecht zu werden, war jetzt nicht so erfolgreich. Von daher habe ich die Aufgabe etwas großzügiger ausgelegt und mich auf den Part „Lesen Sie Ungewohntes“ fokussiert. Beim nächsten Einkauf habe ich die Zeitschriftenregale angesteuert. Man möchte meinen, bei der Auswahl, immerhin sind es bestimmt 10 laufende Meter, 4 Reihen hoch und 3 Reihen tief, sollte sich leicht etwas finden lassen, mit dem man sich bilden kann. Zielsicher habe ich das Handwerkerressort angepeilt. Irgendwie habe ich mir eingebildet, dass ich ja neben der Spracherweiterung vielleicht auch gleichzeitig mein Handwerkskönnen aufbessern könnte. Mit dem Einzug in mein neues Heim fällt ja doch irgendwie immer irgendwo irgendwas an, an dem man schrauben, hämmern, sägen usw. kann. Zum Beispiel würde ich ganz schrecklich gern einen handgemachten Tisch haben. So einer, der „lebt“. Selbstgemacht noch viel besser. Mein Vater hat früher immer die Ausgaben für den selber machenden Mann gekauft und da waren tolle Tipps und Tricks und Anleitungen drin. Tja, leider war nichts Derartiges zu finden, um mir mich in meinem Vorhaben Tisch zu unterstützen. Auch von den übrigen bunten Blättern konnte mich keines zum Kauf animieren.

Und so kam der nächste Sonntag und ein neuer Versuch, den von mir verschmähten Zeitungsabschnitten etwas Positives abzugewinnen. Und tatsächlich stand im Autoteil ein Artikel über die Icons im Fahrercockpit. Die kennen wir alle: Zapfsäule für „Bitte Tanken“, Kreis mit Ausrufezeichen für „Handbremse ist angezogen“ usw.. Erstaunlicherweise gibt es mittlerweile so viele von den kleinen Bildchen, dass die wenigsten Autofahrer wissen, was diese bedeuten. Hinzu kommt, dass die Hersteller oft unterschiedliche Zeichen für gleiche Anzeigen verwenden. Negativ ist auch, dass dieses ganze Wirrwarr an Informationen den Autofahrer mehr ablenkt als dass es zu Sicherheit und Komfort beiträgt. Für mich also ein Vorteil, denn in einem Kleinwagen, wie ich ihn mein eigen nenne, sind solch technische Spielereien von Haus aus auf Grund Budget- und Raumangebotsgrenzen nicht vorgesehen bzw. auf das Nötigste wie „Bitte Tanken“ und „Handbremse ist angezogen“ limitiert. Glück gehabt. Nicht schlecht fand ich allerdings das Icon der Kaffeetasse, welches dem Autofahrer anzeigt, dass er eine Pause machen soll. Das wiederum ist aber noch Zukunftsmusik und bis dahin sind Raststationen bestimmt durchweg auch als Drive-through angelegt oder das Auto kocht den Kaffee selbst, womit das mit dem Pause machen dann natürlich nicht mehr so richtig funktionieren würde.

Tja, so wirklich was dazu gelernt habe ich natürlich nicht, außer dass auch zähe Themen einen gewissen Reiz haben können. Ich bin dann noch an einem Interview mit dem Schauspiellehrer und Coach Bernard Hiller hängen geblieben, in dem er sagte: „….Wir leben in einer Welt, in der kein Platz mehr zu sein scheint, sich von reiner Leidenschaft verführen zu lassen…..Wir denken den ganzen Tag. Der Kopf aber ist unser größter Feind……Der Mensch ändert sich erst, wenn er die Komfortzone verlässt….“. Dies war letztendlich der Ausschlag, mich in diese Richtung etwas weiter zu bewegen und es entstand die Idee, Bücher zu lesen, deren Geschichten in einem mir unbekannten Land spielen und von einem Schriftsteller des jeweiligen Landes geschrieben sind. So was wie Heimatromane im weitesten Sinne. Nur eben etwas näher dran an der Realität, wenn möglich der gegenwärtigen. Nicht, dass ich bis dato keine Werke mit diesen Merkmalen gelesen hätte, aber wenn, dann geschah das eher, weil der Inhalt mich interessiert hat und nicht der Autor bzw. das Land, das die Grundlage der Lektüre bildete. Den Anfang machte Rumänien. Warum Rumänien? Na, irgendwo muss ich ja anfangen. Der Roman hieß „Der blinde Masseur“ von Catalin Dorian Florescu. Tolle Geschichte, kann ich nur empfehlen. Als nächstes habe ich mir Portugal vorgenommen. „Die natürliche Ordnung der Dinge“ von António Lobo Antunes. Mal sehen, was sonst noch so alles auf meiner Bücherwunschliste landet. Wenn jemand eine Empfehlung hat: Immer her damit.

Und zum Vokabellernen habe ich mir „Hilfe“ besorgt. Wer fast vergessene Wörter neu entdecken möchte, kann dies im Wortfriedhof beim Gescheuchten Igel tun.

Eure Kerstin

P.S.: Fast hätte ich es vergessen: Neue Karte ist eine Komfortkarte. „Sie sind ganz und gar auf Genuss eingestellt: Kochen Sie Ihr Lieblingsessen oder bereiten Sie Ihr Traumdessert zu. Diesmal wird nicht an die Figur gedacht – es zählt nur der Spaß am Schlemmen“. Na, das ist doch mal ein Wort zum Sonntagskuchen. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Tag der Abrechnung – Wie man sich mehr Raum verschafft

Etwas über einen Monat ist es her, dass ich Karte Nr. 8 gezogen habe: „Schaffen Sie sich Platz: Feng-Shui für die Seele. Trennen Sie sich von Ballast, den Sie schon lange loswerden wollen – egal ob von der Nervensäge auf Facebook oder dem kaputten Radio in der Küche.“

Seitdem war ich schwer mit Aufräumen beschäftigt. Und wie. Ich konnte gar nicht mehr aufhören. Was mir dabei alles in die Hände gefallen ist, kann unter „Wie man sich mehr Raum verschafft“ nachgelesen werden. Habe ich nun mehr Platz? Sicherlich. Ebenso sicher werde ich meine Augen weiterhin offen halten, um erstens weiter das Gerümpel in Schach zu halten und zweitens erst gar nicht mehr so viel Schnickschnack anzuhäufen. Soweit der Plan.

Habe ich auch mehr Platz für meine Seele? Hm, fraglich. Denken wir doch bei Ballast eher an den emotionalen Ballast, die man durch eine simple Aufräumaktion nicht so einfach los wird. Das Problem mit derartigen Erinnerungsträgern ist auch, dass wir diese bisweilen sogar ganz gut leiden können. Zum Beispiel ein Schal – Geburtstag- oder Jahrestagsgeschenk: Im Grunde tragen wir den Schal gern, weil er kuschelig und schön ist, werden aber auch gleichzeitig an etwas erinnert, das wir gern aus unserem Gedächtnis streichen würden. Was passiert, wenn wir uns dann doch von dem Gegenstand trennen? Ein Schal lässt sich vielleicht einfacher „verschmerzen“ als vielleicht ein Möbelstück, welches nun auch noch einen leeren Platz hinterlässt, der uns obendrein und zusätzlich an das Fehlen eines solchen erinnert. Also muss unter Umständen ein Ersatz gefunden und angeschafft werden. Wie erfolgreich mag ein solcher Austausch wohl sein? Würde ich nicht automatisch nach etwas dem Original sehr Ähnlichem suchen und mich dann fast schon gezwungener Maßen mit einer unzureichenden Kopie abgeben, die ich dann nur bedingt gut finde? Oder wage ich etwas total Neues? Etwas, was womöglich im ersten Moment überhaupt nicht mein Stil ist.

Und was passiert mit solchen Erinnerungsstücken, die neben dem immateriellen Wert einen tatsächlichen haben? Schmuck – ein Klassiker. Wenn ich diesen verkaufe und mir etwas davon gönne, eine Massage beispielweise, kann ich diese dann auch genießen? Oder ich kaufe ein Gemälde. Muss ich dann beim Betrachten vielleicht ständig daran denken, was den Erwerb möglich gemacht hat?

Das Problem ist, je älter man wird, um so mehr seelischer Ballast häuft sich an, von dem man sich eventuell (noch) nicht bereit ist zu trennen.

Selbstverständlich schaffen wir uns auch selbst Dinge an, die wir mit Erinnerungen belegen. Vielleicht gerade weil es uns seelisch schlecht geht, kaufen wir etwas als Ersatzbefriedigung. Vielleicht eine Kaffeetasse. Kann diese es jemals zur Lieblingstasse schaffen oder fristet sie im hinteren Teil des Schrankes ein ewiges Schattendasein? Was passiert mit Dingen, die aus einem bestimmten Anlass bzw. mit einer gewissen Absicht in unserem Besitz sind? Ein Beispiel: Ich habe mir vor Jahren, aus Freude über eine neue Wohnung, um das Glück noch zu verstärken bzw. zu erhalten, einen sogenannten Lucky Bamboo gekauft. Er hatte Wasser und stand am Fenster. Mehr braucht so ein Glücksbringer eigentlich nicht, wenn ich die Gebrauchsanweisung richtig gelesen habe. Dann aber wurde in meine Wohnung eingebrochen. Ein Anti-Glückfall sozusagen. Wo war der Bambus, möchte ich gern wissen? Im Grunde hätte ich ihn nach dieser Aktion wahrscheinlich kurzerhand rauswerfen sollen. Aber nein, ich habe ihn behalten und seitdem zieht er mit mir durch die Welt. Und das wohl eher, da ich schon fast Angst habe, noch mehr Unglück anzuziehen, sollte ich mich von ihm trennen. Nun aber kommt das Paradoxe: Ich kümmere mich nur sehr nachlässig um die Pflanze, da ich dem grünen Stängel noch immer böse bin wegen des Einbruchs. Heißt das nun, dass ich damit weiteres Unglück herauf beschwöre oder war der Lucky Bamboo am Ende von Anfang an nur ein Unglücksrabe im Schafspelz und ich hätte ihn damals schon zu Kleinholz verarbeiten sollen? Was, wenn nun das Unglück mein ständiger Begleiter ist? Und wenn ja, wie werde ich es los?

Zurück zur Bilanz und dem Tag der Abrechnung für Karte Nr. 8. Neben all den materiellen Dingen habe ich es schließlich doch noch geschafft, etwas Seelensäuberung zu betreiben, bei dem mir der Zufall zu Hilfe kam. Ich gehöre zu den Menschen, die ein Handy lediglich dafür benutzen, wofür es geschaffen wurde: Zum Telefonieren. Gut, hin und wieder ist auch die eine oder andere SMS dabei. Vielmehr mache ich damit nicht. Von daher besitze ich ein recht altertümliches Modell mit Tasten. Ich habe keine Apps zum Errechnen der perfekten Eierkochzeit und ich kann keine Musik damit hören. Tja, man könnte sagen, ich behandle mein Handy fasr ebenso nachlässig wie den Bambus. Zumindestens sieht es recht mitgenommen aus. Im wahrsten Sinne des Wortes. Es passt in die Hosentasche ohne diese auszubeulen und in eine kleine Abendhandtasche. Allerdings mangelt es an Eleganz und inzwischen auch Funktionalität. Mit Klebeband wurde unlängst das Display zum Durchhalten bewogen. Die Ecken haben sich schon vor längerer Zeit bei diversen Abstürzen verabschiedet. Und vor kurzem muss die im Gerät eingebaute Antenne einen Knacks abbekommen haben, da ich zusehends und immer öfter nur Notrufe absetzen hätte können. Lange Rede, kurzer Sinn: Das Christkind hatte Erbarmen oder Mitleid oder Angst um mein Seelenheil und mir großzügigerweise unter den Weihnachtsbaum ein schickes Smartphone gelegt. Während ich die alte SIM-Karte in das neue Handy eingelegt habe, bin ich über meine Kontakte gestolpert. Viele von denen kann ich schon gar nicht mehr als Kontakt bezeichnen, da bereits seit Jahren ein solcher nicht mehr besteht oder auch noch nie bestand, wenn es sich um vom Mobilfunkunternehmen vorinstallierte Nummern handelt. Manch einer war mit drei verschiedenen Handynummern versehen. Andere wiederum wurden mal für berufliche Zwecke benötigt. Und einige haben sich tatsächlich aus meinem Leben verabschiedet oder ich mich aus ihren. Und so habe ich das alte Handy gespendet, obwohl ich glaube, dass selbst Bedürftige mein Angebot ausschlagen werden. Und mit dem alten Handy habe ich mich nun von vielen seit langem überflüssigen und ungenutzten Telefonnummern getrennt. Dabei sind mir jede Menge schöne Erinnerungen durch den Kopf gegangen und ich bei jedem Löschen habe ich einen Abschiedsgruß mit auf den Weg gesandt. Und wen es interessiert: Die Eierkochapp wird auch jetzt nicht bei mir Einzug halten, denn da halte ich es wie Loriot und koche die nach Gefühl oder mit der guten alten Eieruhr.

Bleibt noch die Vorschau auf die neue Aufgabe. Passend zum energiegeladenen Vormonat eine Powerkarte: „Seien Sie mutig. Tun Sie etwas, das Sie Überwindung kostet – gehen Sie zum Beispiel abends allein zum Essen. Verstecken Sie sich nicht hinter einer Zeitung, sondern beobachten Sie bewusst die Leute. Herausforderungen durchbrechen die Routine und fördern die Lebenslust.“ Na dann, Prosit Neujahr und bis in einem Monat.

Eure Kerstin

P.S.: Ach ja, und für den Bambus werde ich einen Freund kaufen. Schließlich ist keiner gern allein. Und vielleicht bringt ihn das auf andere Gedanken.

Back to school

Leseecke“Wenn Du eine Pause von Deinem Leben nehmen und nochmals zur Schule gehen könntest, um ein Fach zu studieren, welches wäre das?“

Mit Bayern hat nun auch das letzte Bundesland wieder mit der Schule begonnen. Grund genug, sich nochmals an die eigene Schulzeit zu erinnern und sich der Frage stellen: Würde ich gern nochmals die Schulbank drücken? Als Schüler denkt man ja immer, dass es nichts Schlimmeres als die Schule gibt und wünscht sich bis zum Schluss, endlich erwachsen zu sein, sein eigenes Geld zu verdienen und endlich nicht mehr lernen zu müssen. Während alle Erwachsenen einem immerzu predigen, dass man es nie mehr so schön haben wird, wie während der Schulzeit. Von meiner Warte aus kann ich beides bejahen. Als Schüler habe ich mich so durchgeschlagen. Immer irgendwo im Mittelfeld. Ohne große Opfer und ohne großen Druck. So war das damals. Der Aussage, dass die Schulzeit das Schönste sei, konnte ich trotzdem wenig abgewinnen. Ich wollte mein eigener Herr sein. Raus in die Welt. Das Leben spüren. Heute weiß ich, dass zumindestens eine große Portion Wahrheit dahinter steckt. Nie wieder war es so unbeschwert. Nie wieder war das Leben so einfach und frei von Zwängen. Nie wieder waren die Tage so lang und voller Ideen.

Wer meinen Blog hin und wieder aufmerksam verfolgt, erinnert sich vielleicht, dass ich seinerzeit nicht studiert habe. Auch nachdem viele nach Ausbildungsabschluss studiert haben, hat es mich nicht gereizt. Wie gesagt, ich wollte raus in die Welt. Frei sein. Später habe ich neben vielen Fortbildungskursen auch meinen Ausbilder im Selbststudium neben der Arbeit gemacht. Das war anfangs eine ziemliche Plackerei. Hatte ich doch schon fast vergessen, wie es ist, zu lernen. Inzwischen denke ich eigentlich, dass ich fertig bin mit Lernen. Also nicht das tagtägliche Lernen. Mit neuen Gegebenheiten klar kommen. Technisch nicht den Anschluss zu verlieren. Immer wieder die eigene Sichtweise revidieren. Das alles ist sicherlich ein lebenslanger Lernprozess. Aber das Erlernen im Sinne von Studieren und Spezialisieren. Würde ich das machen wollen? Für Prüfungen lernen, um dann vielleicht festzustellen, dass ich genau dieses Thema nicht so ganz parat habe? Nervös vor der Klasse stehen und ein Referat halten? Meinen Stil von Professoren kritisieren lassen? Ellenlange Aufsätze schreiben? Mathematische Formeln pauken? Nun müsste die Antwort eigentlich „nein“ sein. Und doch: Ja, ich könnte mich für die Rückkehr zur Schulbank begeistern. Da ich nun aber doch nicht mehr so ganz zur typischen Schülerzielgruppe zähle, denke ich da eher an ein Studium. An einer dieser historischen Universitäten. Mit riesigen Hörsälen. Altem Gemäuer und dem Hauch von antikem Glanz. Als Studiengang würde ich etwas Schöngeistiges wählen. Den ganzen Tag reden und philosophieren. Jede Menge Literatur lesen. Gedankenschlösser bauen und die Welt analysieren. Morgens, also mittags eintrudeln. Ungeschminkt, im Schlabberlook. Die Tasche lässig über der Schulter. Ein Stift, ein Block. Im Hörsaal sitzen und mich berieseln lassen. Im Park sitzen und Bücher lesen. Im Café studieren. Ein Alt-Hippie, den man irgendwo vergessen hat. So was wäre ich. Ja, doch, dafür würde ich es durchaus in Erwägung ziehen, mein freies, selbstbestimmtes Leben aufzugeben. Sollte da draußen also jemand gern mein Studium unterstützen wollen, bitte einfach melden. Ich würde auch abends in einer Kneipe bedienen, um die Kasse ein bisschen aufzubessern.

Eure Kerstin

Talentcasting – mitmachen erwünscht!

„Lernen Sie dazu: Erweitern Sie Ihren Horizont, indem Sie ein schlummerndes Talent wecken. Suchen Sie sich etwas aus, das Sie noch nicht können – und versuchen Sie sich daran. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Improvisations-Workshop oder einem Chinesischkurs?“

Da bekanntlich alle guten Dinge drei sind, habe ich – richtig – die Kategorie Power für meine dritte Karte gewählt. Nach all den Sinn- und Gedankenspielen dachte ich mir, ich sollte mal etwas „Praktisches“ machen, nichtsahnend, was ich mir damit einbrocken würde. Also gut, etwas dazu lernen. Na, da gibt es selbstverständlich jede Menge: Einradfahren, Slacklinen (sagt man so?), Blumen züchten, Blindenschrift, Schnitzen, Klavierspielen, Malen, Japanisch, um nur mal eine verschwindend geringe Aufzählung zu starten. Die Frage ist nur: Will ich davon überhaupt etwas lernen? Leichte Ratlosigkeit kommt in mir auf: Was soll ich nur lernen?

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch an meinen allerersten Beitrag „Hilfe, bin neu hier!“. Ja, genau, Karte Nummer drei ist der Grund, warum ich überhaupt angefangen habe zu bloggen. Als ich mich nämlich mit der Frage beschäftigte, was ich denn lernen könnte, dachte ich mir: ‚Das ist doch im Grunde etwas, das sich super als „Publikumsjoker“ beantworten lässt.’ Nach dem Motto: Das Internet hat auf alles eine Antwort. Sollte also nun jemand von meinen Lesern gern an dem Experiment teilnehmen wollen, dann würde ich mich über Vorschläge natürlich freuen. Immer her mit den schlummernden Talenten!

Ich muss gestehen, die Vorstellung, einfach eine Sache aus der großen Masse an Möglichkeiten auszuwählen, macht diese Übung besonders schwer. Was ich brauche, ist ein „Kerstin-sucht-das-Supertalent-Casting“. Ist ja nicht wie in der Schule, wo einem vorgegeben wird, was man zu lernen hat. Was also eigentlich ein Glück sein sollte, nämlich die freie Wahl zu haben, wird für mich zur Qual. Man kennt das ja: Der Kühlschrank/ Kleiderschrank ist voll und schon weiß man nicht, was man essen/anziehen soll. Vielleicht tun wir uns auch im späteren Leben deshalb so schwer, etwas Neues zu lernen, weil es während der Schulzeit mit Zwang und Pflicht verbunden war.

Gleichzeitig stellt sich mir auch die Frage, ob und wenn ja, welchen Sinn es macht? Lernen hat ja auch immer etwas mit Veränderung zu tun. Eventuell beinhaltet dies auch den Wunsch nach Verbesserung. Etwas dazu lernen zu wollen, würde dann letztendlich auch bedeuten, dass man mit der eigenen Person (noch) nicht zufrieden ist. Oder ist das etwas, was einem von der Umwelt suggeriert wird? Die Welt um uns herum verändert sich ständig. Und mit der Welt verändere auch ich mich – muss ich mich verändern und anpassen. Muss ich mir da aber auch noch freiwillig mehr Neues aneignen? Wo ist das Ende von höher, schneller, weiter? Und auch ein bisschen Unsicherheit mischt sich unter die Gedanken: Was, wenn ich gar keine Talente habe? Wenn mein ich, so wie ich bin, schon alles ist und der Raum, den ich im Universum einnehme, bereits maximal ausgefüllt ist. Bin ich nicht eigentlich schon fertig? Will ich wirklich wissen, was nach dem Horizont noch alles auf mich wartet? So gesehen, finde ich es eigentlich völlig ausreichend, zu wissen, wo meine Grenzen sind. Aus dem Geschichtsunterricht weiß man ja, dass es nicht gut ist, wenn das Hoheitsgebiet zu groß wird. Der Herrscher verliert den Überblick, den Einfluss und die Kontrolle. Die Folge ist der Untergang des Reiches. Von daher sollte ich vielleicht einfach lernen, zufriedener zu sein. Mit dem, was ich habe, was ich bin, mit meinem Leben, mit mir.

Nächsten Monat gibt es wieder eine Wohlfühlkarte. Karte Nr.4: „Sie sind ganz bei der Sache: Versuchen Sie, dreimal auf Multitasking zu verzichten. Zum Beispiel zu essen, ohne zu lesen, zu telefonieren, ohne E-Mails zu checken, fernzusehen, ohne die Zeitung zu scannen.“ In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

P.S.: Witzigerweise habe ich aber natürlich dadurch, dass ich nun meinen eigenen Blog habe, tatsächlich meinen Horizont erweitert. Und das sogar bis an den Rand des Internets.