Familienzuwachs

Nein, kein Hund, keine Katze und auch sonst kein Haustier. Und schon gar nicht schwanger. Und trotzdem ein Familienzuwachs. Und das kam so:
Der Mann an meiner Seite ist nicht mehr der Jüngste. Was passt, den das bin ich ja auch nicht. Mit einem knappen Jahrhundert und mehr auf dem Buckel haben Mann und Frau eine gewisse Vorgeschichte, wenn sich beide erst in diesem Lebensabschnitt begegnen. Alles andere wäre irgendwie ziemlich anormal und definitiv kein Fall für mich.

Die Vorgeschichte hat in unser beider Fällen für Nachwuchs gesorgt. Doch im Gegensatz zu meinem jugendlichen Mitbewohner, ist dieser auf der männlichen Seite schon länger flügge und steht mittlerweile auf eigenen Beinen. Und zwar schon so sehr, dass inzwischen sogar eigener Nachwuchs da ist. Inklusive Ehe möchte ich hinzufügen, denn in Bayern herrschen mancherorts mitunter noch Anstand und Sitte. Was den Mann an meiner Seite zum Opa macht und ziemlich stolz. Also, das Enkelkind. Und der Rest wohl auch.

Der stolze Opa ist mehr ein Mann der Taten denn der Worte und als vor kurzem die Taufe des Enkelkindes anstand, wurden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen und kurzerhand meine Familieneinführung vollzogen.

Da stand ich nun als „die Neue“ und „die aus der Stadt“ mitten drin. Vorstellungsrunde: Zuerst die (Ur)-großmutter, dann die Kinder, es sind nämlich zwei, nebst Ehepartner und Lebenspartner. Die Ex, die mir tatsächlich als „meine Ex“ vorgestellt wurde. Der Partner der Ex. Und die russische Sippe der Schwiegertochter: Mutter, Vater, zwei Schwestern inklusive Ehemännern und diverser Kinder. Eine Sippe, wie gesagt.

Wie jemand aus dem tiefsten Bayern mit einer russischen Einwandererfamilie in Kontakt kommt, lasse ich jetzt mal dahingestellt. Interessant ist dabei eigentlich, dass der Opa und Schwiegervater nach über einem Jahr noch immer nicht die Namen aller Angehörigen weiß. Aber gut, wer die Ex als „meine Ex“ vorstellt, tut sich vielleicht mit Namen generell schwer.

Aber wie gesagt, er ist auch mehr ein Mann der Taten und hat mir quasi schon „angedroht“, dass er mit mir Nägel mit Köpfen machen wird. Was mich, verständlicherweise, ziemlich nervös macht. Und das in meinem Alter! Tja, so kann es gehen, auf einen Schlag wäre ich dann also neben meinem derzeitigen Status als Mutter noch Ehefrau, Schwiegertochter, Stiefmutter, Schwiegermutter und Oma. Und obendrein mit der russischen Mafia verwandt. Wobei, das muss erst noch bestätigt werden.

Ach ja, Kind Nummer zwei heiratet im Sommer und da muss „die Neue“, also ich, dann auch wieder mit. Diesmal kommt die Sippe aus der Gegend und ist ganz standesgemäß Bauer. Herrlich, so ein Familienzuwachs. Ein Haustier wäre da unter Umständen einfacher gewesen. Auch was das Merken des Namens angeht. Aber eben lange nicht so schön.

 

Eure Kerstin

Von Weißkitteln und anderen Dingen, die nicht von dieser Welt sind

Es wirken mit:Mystik

  • Nackte und nüchterne Tatsachen
  • Die Freundin und die Liebe
  • Eine Banane und ein Bounty
  • Weißkittel und andere überlebensgroße Gestalten

Unlängst durfte ich vier Tage im Krankenhaus zubringen. Also, nicht auf einmal, sondern schön verteilt auf kleine Häppchen. Das hatte mehrere Vorteile: Ich konnte jeweils nicht lange nachdenken, sondern wurde direkt und unmittelbar mit allem konfrontiert. Und ich habe nahezu zwei Bücher in dieser Zeit gelesen. „Der raffinierte Mr. Scratch“ (444 Seiten) und „Die Bücherdiebin“ (586 Seiten). Von daher weiß Ich nun, dass es einen Unterschied zwischen dem Tod und dem Teufel gibt und dass beide sehr, sehr menschlich sind und ein großes Herz haben. Vielleicht nicht die beste Lektüre, wenn man sich an Orten rumtreibt, an denen Dinge sich mitunter zwischen Leben und Tod bewegen. Andererseits wäre das selbst für mich doch ein bisschen zu mystisch gewesen.

Bis zu jenen schicksalhaften vier Tagen, war ich in bisherigen meinem Leben nur dreimal in Folge von Verletzungen im Krankenhaus und einmal zur eigenen Geburt und der des Nachwuchses. An das das erste Mal erinnere ich mich nicht mehr. Da muss ich so vier oder fünf gewesen sein und mein schon damals ausgeprägter Sturkopf schloss unfreiwillig Bekanntschaft mit dem Türstock, der als Sieger hervorging und mir eine Platzwunde bescherte, die genäht wurde. Tja, ob es daran lag, dass ich mich gern erinnern oder die Sturheit meines Schädels zu einem späteren Zeitpunkt nochmals testen wollte, kann ich nicht so genau sagen, aber jedenfalls wurde das Experiment in ähnlicher Konstellation wiederholt. Doch leider zog mein Kopf auch beim zweiten Mal den Kürzeren, so dass ich heute zwei Narben als Trophäen auf der Stirn trage. Beim dritten Mal durfte ich mir eine Tetanusspritze in den Allerwertesten jagen lassen, die dafür sorgte, dass ich mein aufgeschürftes Knie völlig vergaß, weil ich so damit beschäftigt war, eine schmerzfreie Sitzposition zu finden, die erträglich war.

Und nun also das: Vier Aufenthalte in zehn Tagen. Als sich bei Nummer drei der erste Schock über die Tatsache, dass ich neben meiner ersten OP auch noch gleich die Premiere einer Vollnarkose erleben beziehungsweise verschlafen darf, gelegt hatte, fragte ich mich insgeheim schon, ob ich dafür den „richtigen“ Tag ausgesucht hatte. Schließlich war es der Todestag meiner Mutter. Aber das wäre dann selbst für mich etwas zu mystisch gewesen.

Auf dem Monitor kann ich meinen Herzschlag sehen, der wie ein aufgeschreckter Schmetterling wild in meiner Brust flattern und den ich verzweifelt mit sanften Bildern und Atemübungen versuche, zu beruhigen. Selbst die Schwester blickt ein paar Mal sorgenvoll in meine schreckgeweihteten Augen. Der diensthabende Anästhesist versichert mir, dass sie „ein ganz tolles Schlafmittel“ haben und sie „gut auf mich aufpassen“ werden. Wenn man mit einem rasenden Puls und völlig nackt und seit fast zwanzig Stunden nüchtern, also fast am Verhungern, auf einem Gitterbett liegt und mit zig Dioden und Schläuchen verkabelt ist, wirkt das nicht gerade vertrauenserweckend. Der Schmetterling in meiner Brust sorgt dafür, dass ich das Rauschen meines Blutes bis in die Haarwurzeln fühlen kann. Und dann sehe ich mich auf einer Bank vor meiner Hütte in den Bergen Hand in Hand mit dem Mann an meiner Seite sitzen, während die letzten Sonnenstrahlen durch das Tal vor uns ziehen. Und dann ruft jemand unsanft meinen Namen. Und noch mal. Tja, so brutal kann die Wirklichkeit sein und so schnell sind zwei Stunden vorbei. Der beste Schlaf, den ich seit Ewigkeiten hatte. Alles andere wäre selbst für mich etwas zu mystisch gewesen.

Noch etwas wacklig auf den Beinen, vor allem aber leicht benebelt im Kopf, holt mich meine Freundin später ab. Keine drei Stunden nach dem Eingriff. Ein Segen und zugleich Fluch der modernen Medizin: Ambulant versorgt und zuhause auskurieren. Für mich heißt das auch, die Mutterrolle in gewohnter Weise ausfüllen. Doch später dann, als es ganz still um mich herum ist, sitze ich auf der Küchenbank, genieße ich die Banane, die mir meine Freundin fürsorglich eingepackt hat und das Bounty, welches ich mir immer bei besonderen Bergtouren und dann als Gipfelbelohnung gönne. Ein bisschen Mystik tut manchmal eben ganz gut.

Eure Kerstin

 

P.S.: Das Buch „Mystik an der Leine des Alltäglichen“ kann ich nur jedem empfehlen. Auch ohne Krankenhaus. Die beiden im Text genannten Lektüren natürlich auch.

 

 

„Let’s talk about s…, baby. Let’s talk about you (Schachtel) and me (alte Schachtel).”

Hinweis an alle zu Schamesröte neigende Leser: Hier geht es mal wieder um Spielzeug für Erwachsene.

Das Schöne am Bloggen ist auch, dass hin und wieder Kommentare von Mit-Bloggern und Lesern einen dazu verleiten, ein Thema nochmals aufzugreifen. So geschehen bei meinem Beitrag zum Tatort Mai. Da hatte Roe Rainrunner sich gefragt, wie man den Verpackungsmüll (Sondermüll?) loswird. Und als dann auch noch Patrick von isso und nichts anders? mit einer Empfehlung für einen Neukauf aufwartete, war es einfach zu verlockend, um daraus nicht nochmals was zu machen. Danke Euch für die Steilvorlage.

Es ist wie so oft im Leben: Der Geist ist willig, jedoch das Fleisch ist schwach. Glücklicherweise wohne ich nicht unweit einer bayerischen Weltmetropole. Das hat den Vorteil, dass man sich im Bedarfsfall anonym und unerkannt bewegen kann und dass es neben den obligatorischen Standardgeschäften oft auch Trend- und Spezialläden gibt. Und tatsächlich befindet sich in recht exponierter Lage ein Fun Factory Shop. Online-Shopping wäre in diesem Fall nicht wirklich in Frage gekommen. Schließlich will frau das Objekt der Begierde ja auch anfassen.

Also, auf zum Erlebnisshopping. Egal, wie alt, erfahren und abgebrüht man ist, ich glaube, jeder spürt ein gewisses Kribbeln, sobald man die Eingangstür anvisiert und die Verkaufsräume betritt. Immerhin wird man selbst zum Objekt – „guck mal, die alte Schachtel, hat’s wohl nötig…“. Und was, wenn die Anonymität genau auf der Türschwelle abrupt aufhört, weil der Nachbar hinter der Kasse steht oder der Arbeitskollege nebenan im Café sitzt?

Der Spielwarenladen ist bunt und weit entfernt von jeglicher Hinterhofatmosphäre, um nicht zu sagen, ziemlich auffällig. Ich also rein. Herrje, lauter Pärchen, durchfährt es mich. Irgendwie ziemlich cool, aber so allein spüre ich dann doch die (eingebildeten?) Blicke – „schau sie an…“. Nun ja, nur nicht so schüchtern. Alle Größen, alle Modelle stehen und liegen hübsch beleuchtet und zum Anfassen und Handtest im Regal. Das erinnert dann doch ein bisschen an Kindergeburtstag. Schweinchenrosa, schwarz, lila, orange, knallrot, blau, mintgrün. Irgendwie ist eine Farbe schlimmer als die andere. Wobei hautfarben fände ich noch weniger attraktiv. Die Beratung ist wirklich gut, nicht anders als beim Kauf einer Waschmaschine oder dergleichen. Wobei mir da ein gewisser Vergleich fehlt, beim einen wie anderen.

Das Pärchen an der Kasse vor mir tätigt einen Großeinkauf und fragt doch tatsächlich nach einem Rabatt. Fehlt nur noch eine Kundenkarte: „Beim Kauf von zehn Exemplaren erhalten Sie…“ Ok, lassen wir das lieber, damit wir schnell die Frage nach der Verpackung lüften können. Liebe Roe, ich kann Dich beruhigen: Bis auf ein paar kleine Aufkleber ist die Schachtel absolut neutral, was Farbe und Form angeht und fällt damit definitiv nicht in die Kategorie Sondermüll, der in einer Nacht- und Nebelaktion und weit weg von den eigenen vier Wänden entsorgt werden muss.

Innenkarton

Lieber Patrick, ich danke Dir für den Tipp: Der Neue hat seine Konkurrenz vom Podest geschubst. Nun muss ich nur noch Mae B. Nr. 2 entsorgen. Was wohl der Typ vom Wertstoffhof denkt, wenn ich schon wieder mit so einem Teil für den Elektroschrott ankomme? Innerhalb von sechs Monaten? Ich wage gar nicht daran zu denken, was passiert, wenn ich demnächst mit dem kaputten Bett und der alten Matratze auftauche. Schließlich weiß er ja nicht, dass es sich dabei um das ausrangierte Inventar des jugendlichen Mitbewohners handelt. Moment mal…, ich glaube, ich muss jetzt mal ganz schnell ein aufklärendes Gespräch mit dem Nachwuchs führen.

 

Eure Kerstin