Das neue Reisen, 10. Etappe: Das Mitbringsel

Auf Wunsch eines einzelnen Lesers (Danke an T. von schreib.blog), habe ich mich bei meinen Zimmerreisen auf die Suche nach einem Mitbringsel gemacht. Eine schöne Vorstellung. Was bleibt und taugt als ein solches bei dieser anderen, neuen Art des Reisens?

Das Heim ist ja auch deswegen ein Zuhause, da alles darin die Person und deren Persönlichkeit widerspiegelt. Umso mehr, bunter und vielfältiger, je zahlreicher die Bewohner, welche Tisch und manchmal sogar das Bett teilen. Auswahl und Anordnung der Einrichtung verleihen einem Raum Charakter. Und der ganze große Rest, Bücher, Bilder, Memorabilien bilden das Leben, die Energie, welche bremst oder beflügelt, vielleicht sogar je nach Stimmung.

Die Frage bleibt: Was bringt man mit als Souvenir? Was bleibt als Erinnerung vom Streifzug durch die eigenen vier Wände?

Denn Erinnerungsstücke sind genau das: Andenken an vergangene Zeiten, welche die Sehnsucht gleichzeitig stillen und wecken.

Die Sehnsucht als Ursprung allen Handelns, komprimiert in einer materiellen Form, um sie zu bewahren. Man baut ihr einen Käfig, um ihrer Herr zu werden. Doch sie ist da, ein Leben lang. Wie der Zweifel, der uns unsere Entscheidungen abverlangt.

Was aber, wenn die Sehnsucht einem ständig und beständig Leid auferlegt? Die Sehnsucht sich gar als Angst bemerkbar macht? Dann gilt es, sich mit ihr auseinander zu setzen, bevor sie einem den Schlaf raubt. Also muss man ebenso auch den Mut haben, sich von ihr treiben zu lassen, ihr entgegen zu treten und sie als etwas am Ende Unerfüllbares anzuerkennen.

Und all die manifestierten Sehnsüchte bilden ein Sammelsurium an gelebten Bruchstücken. Mitbringsel und Hoffnungsträger gleichermaßen. Die Frage, was wäre, wenn, lässt sich in letzter Instanz schließlich nicht beantworten. Es bleibt also nur die Sehnsucht.

An dieser Stelle möchte ich fürs erste die Reisetätigkeit in den eigenen vier Wänden ruhen lassen, mich für die Reisebegleitung bedanken und mit einem Zitat von Ahmet Altan enden: „Ihr könnt mich einsperren, wo immer ihr wollt. Auf den Flügeln meiner unendlichen Vorstellungskraft werde ich die ganze Welt bereisen. […] Ihr könnt mich ins Gefängnis stecken, doch ihr könnt mich dort nicht festhalten. Weil ich die Zaubermacht besitze, die allen Schriftstellern eigen ist. Ich kann mühelos durch Wände gehen.

Sehnsucht nach Heimat

Der 15. August ist Mariä Himmelfahrt. Das Kloster Beuerberg veranstaltet dazu im Rahmen seiner diesjährigen Feierlichkeiten zum Thema „Heimat. Gesucht. Geliebt, Verloren.“ einen Tag der Sehnsucht. Es geht um Heimweh, Reisen und die Fremde. Aber eben auch um das Heimkommen. Da wäre ich gern hingegangen. Nein, nicht aufgrund einer religiösen Gesinnung, sondern mehr wegen der Sehnsucht. Der Sehnsucht nach dem, was ist und dem, was sein könnte.

img_0833Stattdessen urlaube ich in einem Land, das zwar kulturell und landschaftlich mehr als genug zu bieten hat, dafür aber den Menschen sämtliche Rechte aberkennt und den Freiheitsgeist eher mit Verboten und Drohungen erstickt. Insofern fühle ich mich weder so richtig willkommen, noch akzeptiert. Da ist es schwer, der Sehnsucht Einhalt zu gebieten, wo man doch eigentlich so gern das Fremde erkunden, sich durch Stadt und Land treiben lassen und die Menschen kennen lernen möchte. Die Heimat der anderen als eine Möglichkeit zu leben. Auch das ein Ziel, wenn es einen in die ferne Fremde zieht.

Das Ganze ist eine Kompromisslösung für alle Beteiligten und irgendwie fühlt es sich auch so an. Die überschwängliche Freude am Reisen mag sich nicht einstellen. Gefeiert wird trotzdem. Nicht feierlich, sondern im Übermaß. Das Urlaubsdomizil lebt davon, dass alles im Überfluss und darüber hinaus vorhanden ist, so dass man gar nicht erst den Blick und die Gedanken schweifen lassen kann, auch um sich selbst in Frage zu stellen. Das Ego ist das Maß aller Dinge und rafft maß- und gewissenlos alles an sich und in sich hinein. All die Nationen vereint, so scheint es, nur das stete, unablässige Vergnügen und die Sucht danach. Brot und Spiele der Neuzeit. Fast erscheint es wie eine Flucht aus dem eigenen Leben. Fern der Heimat, während man der Heimat des Gastlandes so wenig Respekt zollt.

Wenn ich mir jetzt den Feiertag so anschaue, dann wird ja auch immer gern von der Heimfahrt, dem nach Hause kommen gesprochen. Das Leben auf der Erde also nur eine Wartehalle? Ein Zwischenstopp, den man einlegt, auf der Suche nach dem Ort, der einem das Gefühl des Angekommenseins gibt? Durchaus stellt sich aber auch die Frage, ob diese Himmelsreisen und am Ende vielleicht sogar jede Reise der Sehnsucht nach Heimat geschuldet sind. Oder eher dem Fernweh. Vielleicht ist es ja aber auch so, dass einem die Heimat (hin und wieder) nicht das erfüllt, was der Begriff impliziert, weil sie einen einengt, einschränkt, nicht liebt. Dann käme es eher eine Flucht gleich.

So reist die Sehnsucht immerzu mit, egal ob man nur einen Fuß vor die Tür setzt oder sich ganze Kontingente und Zeitzonen von dieser entfernt. Was also ist Heimat?