Zeitreisen in die Vergangenheit: Koffergeschichten – der erste Sommer

Vorwort: Eine Geschichte, getarnt als kindlicher Lesestoff, aus einer Zeit, als ich selbst noch ein halber Backfisch war. Eine leicht seichte Lektüre und kleine Exkursion, um den Krisenzeiten zu entfliehen.

Der Koffer stand schon lange bereit. Endlich auf Reisen gehen, die Welt kennenlernen anhand der Gerüche, die mit den Schuhen, Hemden, Hosen, Röcken und Pullovern in ihm Platz finden. Und so war es nicht verwunderlich, dass er eines Tages von mitdenkenden Eltern an die Tochter, welche gerade anfing, ihre Flügel zu gebrauchen, um zu starten und zu fliegen, verschenkt wurde.

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Ein tolles Geschenk. So ein Koffer. Wenn er robust ist, hält er jede Menge aus. So kam es, dass der Koffer zusammen mit zwei Gefährten sowie einem Kosmetikkoffer im Haus des Mädchens ankam. Die beiden Gefährten waren zwei von besonderem Schlage. Vor allem der Kleinere. Er machte den Anschein, als wäre er ein Wochenendkoffer oder jemand, den man mit auf Geschäftsreise nahm. Ein Kostüm, Schuhe, Wäsche, Freizeitanzug – fertig. Er liebte es allerdings, so richtig vollgepackt zu werden, dann konnte er sich entsetzlich schwer machen. Ohne Rollen, ließ er sich tragen und freute sich des Lebens. Der Lange war nicht so sehr lang. Vielmehr bot er Platz en masse in alle Richtungen. Der Koffer selbst lag in der Mitte dieser beiden. Ein echter Durchschnittstyp, aber bekanntlich sind dies die Zuverlässigsten. Nicht so sperrig, aber rollbar und somit leicht. Und wenn es sein musste, so hielt er die Luft an, um noch mehr und mehr in sich aufzunehmen. Der Außenseiter war und blieb der Kosmetikkoffer, beauty-case wie sie ihn alle nannten. Was hatte der schon zu bieten? Die anderen waren der Ansicht, er wäre nur elitär und ein Snob. Er duftete nach frisch Gewaschenem und teuren Parfums. Als Handgepäck musste er nicht die Strapazen einer Reise im Gepäckraum von Bahn oder Flugzeug mit hundert anderen teilen. Dafür erfuhr er aber auch keine Neuigkeiten von anderen Orten, die dem Koffer zu Ohren kamen. Tolle Geschichten von Kamelritten, Kreuzfahrten, Kurzreisen und von kunterbunten Kontinenten.

Die erste Reise, die der Koffer antrat, war schon fast ein Umzug. Eine Auswanderung auf Zeit. Es ging ins Ausland, genauer gesagt, in den sonnigen Süden. Das stellte sich der Koffer toll vor: Wärme, Gelassenheit und Ruhe. Vorher aber musste er einiges durchstehen. Schuhe in mannigfacher Art wollten mit und Kleider. Man kann sich nicht vorstellen, dass jemand so viel einpackt: Badeanzüge, Strandsachen, Strümpfe, Nylons, feine Wäsche, Hosen, Abendkleider usw., usw. Die Sachen stapelten sich in unüberschaubare Höhen. Unvorstellbar, dass ein Mensch das alles anziehen wollte und zu brauchen gedachte. Der Koffer war dementsprechend froh, noch zwei Helfer zu haben. Das Mädchen und sogar die Mutter mussten mit vereinten Kräften die Schlösser einrasten lassen. Er wurde gedrückt, gequetscht, man setzte sich auf ihn. Mit aller Macht nahm er sich zusammen, damit er nicht platzte. Nach diesem Ereignis kam der Koffer zu der Überzeugung, dass das Mädchen ein kleiner, verwöhnter Fratz war und wahrscheinlich immer mehr als nötig mitnehmen würde.

Die Reise war aufregend. Das erste Mal fern der Heimat. Allein mussten sie sich alle zurechtfinden. Das Mädchen durch das Gewirr von fremder Sprache und Umgebung. Tausend Dinge gab es zu beachten. Hoffentlich würde sie sich nicht verlaufen und verloren gehen. In etwa dieselben Gedanken machten sich der Koffer und seine Gefährten. Die langen Gepäckbänder beförderten sie in dunkle Tiefen. Sie durchkreuzten andere Bänder, wurden von unbekannten Händen gedreht, gehoben und umhergeworfen. Wenn das mal gut ginge. Was würde passieren, wenn sie an einem vollkommen anderen Ort ankämen, ohne das Mädchen obendrein, vielleicht auch noch getrennt? Wenn jemand sie rauben würde? Wüste Befürchtungen ließen sie dieses erste Abenteuer gar nicht richtig genießen. Doch wie von wundersamer Hand gelenkt, trafen sich alle wie verabredet am Ziel wieder.

Der Koffer fand Platz in einem Zimmer, das ihn eigentlich ziemlich abschreckte. Es hatte ein grässliches Deckenlicht, zwei windschiefe Schränke, kahle Wände, kalten Steinboden und nicht mal ein eigenes Bad. Da hatten sie sich was eingebrockt. Der Koffer entledigte sich seiner Last und Bürde. Er bekam einen Platz auf einem der Schränke. Von dort konnte man ins Freie sehen. Südliche Luft schnuppern. Er sah, wer kam und wer ging. Herrlich!

Das Mädchen erfand irgendeinen Trick, Dinge ebenso konfus wie chaotisch zu organisieren und anzurichten, so dass das Zimmer nach und nach an Wohnlichkeit gewann. Der Koffer fand allerdings, dass solche Aktionen eigentlich sinnlos seien, da das Mädchen nahezu jede Nacht zum Tage machte. Selbst wenn sie mal da war, schlief sie und schlief doch nicht, da sie neben einem unbewussten Heimweh immer öfter nachts aufwachte und sich fragte, was sie hier eigentlich sollte. Insgeheim wünschte sich der Koffer, er könnte etwas Tröstendes unternehmen. Aber das Einzige, was er zu bieten hatte, war der Vorschlag, zu reisen. Das wäre ein Leben. Alles in sich aufnehmen, was das Leben zu bieten hatte. Auf zwei Rollen durch die Welt. Den Sand der Wüste in den Schuhen, das Salz des Ozeans in den Handtüchern, Waldboden an Hosen und Röcken, die Leibspeisen aller Herren Länder auf Shirts und Hemden und alle diese Dinge würde er transportieren. Wenn es sein müsste auch zum Mond. All das wollte er ihr sagen, als eine unerwartete Wendung eintrat. Sie bekamen Herrenbesuch. Welch Unverschämtheit: Sie schleppte einfach diesen Kerl hier an, wo es doch auch sein Reich war. Wenn sie ihn gefragt hätte, hätte er ihr gleich sagen können, dass dieser Typ nur Ärger bringen würde. Sie fragte aber nicht. Zum Glück war diese Affäre nach ein paar Tagen vorbei. Es kehrte wieder Ruhe ein. Der Koffer ließ sich tagsüber die Herbstsonne auf die Nase scheinen und nachts vernahm er das Surren des Heizlüfters und das Atmen des Mädchens mit Wohlwollen.

Als es dann kälter wurde, musste er seinen aussichtsreichen Posten verlassen. Es ging zurück zu den Eltern. Das Fliegen machte ihnen keine Angst mehr, nur dem kleinen Kameraden wurde wieder leicht schlecht. Er musste sich zwischen zwei Überseekoffern behaupten, die mit gegerbter Stimme und ebensolchem Leder sich mit ihren Orkanen, Stürmen, Eismeeren und Seeungeheuern übertönten. Der Koffer rief laut, sie sollten ihre Schauergeschichten für sich behalten und gegenüber Kleinen und Schwachen wäre das eine Schande. Bei der Landung hopste das Flugzeug etwas und da verstummten auch die Überseekoffer. Die Auslader kamen und alle wurden durcheinander gewürfelt. Wer ihnen gerade in die Finge kam, der wurde ohne Zögern auf das Gepäcklaufband verfrachtet. Der Koffer fuhr den langen Gang hinaus und – hoppla – da war er. Er atmete tief durch. Mal sehen, wo die Kleine steht. Ob er vielleicht eine ganze Runde aus dem Band drehen konnte?

Nach 50 Runden wurde das Band abgestellt und ihm war mehr als schlecht. Er dachte, er müsse sterben, als er begriff, dass niemand mehr da war, der auf ihn und seine Gefährten wartete. Der Koffer ärgerte sich zuerst: Das Mädchen hatte sie einfach vergessen! Dann fing er an, sich unbeschreibliche Sorgen zu machen: Vielleicht war ihr etwas zugestoßen. Und schließlich wurde er sehr wütend, da er sich einredete, der Kosmetikkoffer – dieser Beau, der bei ihr war – hatte sie überredet, wieder umzukehren, oder einfach durchzubrennen. Als ihnen allen der Kopf vom Karussellfahren und Nachdenken schwirrte, wurden sie von fremden Männern gepackt. Jetzt war es ganz aus: Sie wurden entführt!

Sie wurden in einen großen Raum gebracht, in dem allerlei Leidensgenossen dasselbe Unglück ereilt hatte. Aber nein, beruhigte eine ziemlich mitgenommene Ledertasche die Neuankömmlinge. Hier ist das Fundbüro. Alles, was vergessen, verloren, verlegt wurde, wird gesammelt. Lost&Found, entgegnete der Große weltmännisch. Gesucht/Gefunden, witzelte der Kleine. Der Koffer war mit seinen Nerven und mit seinem Latein am Ende. Dies war ganz offensichtlich die Anstalt zum Verrücktwerden. Wie sollten sie je aus diesem Schlamassel wieder herauskommen.

Das Mädchen staunte selbst nicht schlecht, als sie feststellen musste, dass sie ihre Maschine wohl verpasst hatte. Voller Hektik nahm sie den nächstbesten Flug irgendwohin und fuhr per Bahn weiter. Der Vater holte sie Stunden später ab.

Plötzlich sah er sie: Das ist sie! Wir sind hier! Hier! Hol‘ uns hier raus! Er wollte vor Freude fast hüpfen. Sie war es tatsächlich. Und das Mädchen holte ihn weg von diesem Schrottplatz. Der Koffer wollte nie mehr so allein und hilflos sein. Er wollte doch das Leben in sich aufsaugen. Und er wollte sich nicht ausmalen, was alles hätte passieren können. Der Koffer war ziemlich müde und erschöpft und als der Vater das Auto startete, schlummerte er selig ein. Zuvor warf er seinen Gefährten noch stolze und überglückliche Blicke zu. Das war ein Abenteuer, was, Jungs?

Nachwort: Ja, eine Fortsetzung wäre sicherlich denkbar. Und wer weiß, vielleicht begegnen der Koffer, oder ein anderes Reiseutensil, und ich uns wieder auf meiner Reise durch die Zeit. Bekanntlich sieht man sich ja immer zweimal.

Sehnsucht nach Heimat

Der 15. August ist Mariä Himmelfahrt. Das Kloster Beuerberg veranstaltet dazu im Rahmen seiner diesjährigen Feierlichkeiten zum Thema „Heimat. Gesucht. Geliebt, Verloren.“ einen Tag der Sehnsucht. Es geht um Heimweh, Reisen und die Fremde. Aber eben auch um das Heimkommen. Da wäre ich gern hingegangen. Nein, nicht aufgrund einer religiösen Gesinnung, sondern mehr wegen der Sehnsucht. Der Sehnsucht nach dem, was ist und dem, was sein könnte.

img_0833Stattdessen urlaube ich in einem Land, das zwar kulturell und landschaftlich mehr als genug zu bieten hat, dafür aber den Menschen sämtliche Rechte aberkennt und den Freiheitsgeist eher mit Verboten und Drohungen erstickt. Insofern fühle ich mich weder so richtig willkommen, noch akzeptiert. Da ist es schwer, der Sehnsucht Einhalt zu gebieten, wo man doch eigentlich so gern das Fremde erkunden, sich durch Stadt und Land treiben lassen und die Menschen kennen lernen möchte. Die Heimat der anderen als eine Möglichkeit zu leben. Auch das ein Ziel, wenn es einen in die ferne Fremde zieht.

Das Ganze ist eine Kompromisslösung für alle Beteiligten und irgendwie fühlt es sich auch so an. Die überschwängliche Freude am Reisen mag sich nicht einstellen. Gefeiert wird trotzdem. Nicht feierlich, sondern im Übermaß. Das Urlaubsdomizil lebt davon, dass alles im Überfluss und darüber hinaus vorhanden ist, so dass man gar nicht erst den Blick und die Gedanken schweifen lassen kann, auch um sich selbst in Frage zu stellen. Das Ego ist das Maß aller Dinge und rafft maß- und gewissenlos alles an sich und in sich hinein. All die Nationen vereint, so scheint es, nur das stete, unablässige Vergnügen und die Sucht danach. Brot und Spiele der Neuzeit. Fast erscheint es wie eine Flucht aus dem eigenen Leben. Fern der Heimat, während man der Heimat des Gastlandes so wenig Respekt zollt.

Wenn ich mir jetzt den Feiertag so anschaue, dann wird ja auch immer gern von der Heimfahrt, dem nach Hause kommen gesprochen. Das Leben auf der Erde also nur eine Wartehalle? Ein Zwischenstopp, den man einlegt, auf der Suche nach dem Ort, der einem das Gefühl des Angekommenseins gibt? Durchaus stellt sich aber auch die Frage, ob diese Himmelsreisen und am Ende vielleicht sogar jede Reise der Sehnsucht nach Heimat geschuldet sind. Oder eher dem Fernweh. Vielleicht ist es ja aber auch so, dass einem die Heimat (hin und wieder) nicht das erfüllt, was der Begriff impliziert, weil sie einen einengt, einschränkt, nicht liebt. Dann käme es eher eine Flucht gleich.

So reist die Sehnsucht immerzu mit, egal ob man nur einen Fuß vor die Tür setzt oder sich ganze Kontingente und Zeitzonen von dieser entfernt. Was also ist Heimat?

Heimatkunde

Ich bin ein Kind meiner Eltern, ein Kind meiner Zeit.
Ich bin ein Weltenbürger. Das sage ich, wenn mich jemand fragt, wo ich herkomme bzw. wer ich bin. Das ist eine recht diffuse Sache und der Ursprung erschließt sich mir auch beim intensiven Nachdenken nicht vollends. Ich bin mir also nicht sicher, warum ich keinen Ort als meine Heimat bezeichne.

Wenn ich sage, ich bei ein Kind meiner Eltern, dann bedeutet das in diesem Zusammenhang, dass meine Eltern wohl den Grundstein für meine Ruhe- und Rastlosigkeit gelegt haben. Sie sind nämlich diverse Male umgezogen. Erst allein. Von Nordrhein-Westfalen nach Niedersachsen. Und dann mit mir im Schlepptau. Von Niedersachsen nach Bayern, genauer gesagt Mittelfranken und von Mittelfranken nach Oberbayern und schließlich auch noch mal innerhalb der gleichen Stadt vom Ostteil nach Westen. Da können andere Mit-Erdenbürger mit Sicherheit mehr aufweisen, nichts desto trotz glaube ich, dass mit jedem Umzug der Geist geschult wird, mit Trennungen und veränderten Bedingungen zurecht zu kommen.
Die zweite Aussage, ich bin ein Kind meiner Zeit, fällt unmittelbar damit zusammen, dass meine Eltern das Wirtschaftswunderland Deutschland prägte und genossen haben, was sich unter anderem darin äußerte, dass wir viel gereist sind.

Zusammengefasst und als Ergebnis kommt dann so etwas wie meine Person dabei heraus. Ich wandele bereits ein halbes Jahrhundert auf diesem Planeten, habe auf zwei Kontinenten und in drei Ländern gelebt, in drei Bundesländern gewohnt, war in neun Städten (manche mehrfach) gemeldet und bin in meinem bisherigen bereits vierzehn Mal umgezogen. Ein Freund fragte mich mal, nachdem ich diese Aufstellung gemacht hatte, ob ich als Spion tätig sei und ob mein Name schon meiner wäre. Manchmal also lassen sich ganz unterschiedliche Schlüsse aus einem Leben ziehen. Wenn man etwas dabei lernt, dann effektives Packen und sich von Dingen und vor allem Menschen verabschieden. Was man vermisst, ist Heimat und das Gefühl, dazu zu gehören.

Vor einigen Jahren, nach einem misslungenen Neustart in einer norddeutschen Großstadt, eröffnete ich meiner Freundin, die ich im schönen Bayern zurück gelassen hatte, dass ich zurück käme und wenn sie, nach all dem Drama und dem Durcheinander und dem, was ich durchgemacht hätte, sich irgendwann in den Kopf die fixe Idee, weg zu ziehen, einpflanzen würde, ich sie persönlich umbringen würde. Genau das waren meine Worte: „Dann bringe ich Dich um!“ Woraufhin sie ganz seelenruhig erwiderte: „Nein, ich ziehe hier nicht weg. Meine Familie und meine Freunde sind alle hier.“

Noch immer bin ich eifersüchtig und neidisch auf diese Aussage. Und noch heute, fast fünfzehn Jahre später, bin ich die Heimatlose, der Flachwurzler, wie sie immer sagt. Und sie mein Ruhepol, der mich daran erinnert, dass Heimat kein Manko ist, sondern dem Leben Seele gibt. Und dass das Weltenbürgerdasein kein Widerspruch sein muss. Und irgendwie hatte auch meine Mutter es wohl vor sehr langer Zeit schon geahnt, dass ich immer wieder auf der Suche nach so etwas wie Heimat sein würde, als sie mir dieses kleine Geschenk machte, damit ich mich, wenn auch nicht physisch doch wenigstens gedanklich irgendwo zuhause fühle.

Heimat

Danke

 

P.S.: Nur um das klar zu stellen, ich bin eine absolut harmlose Seele und die Gutmütigkeit in Person und dass ich damals solch eine harsch Drohung ausgesprochen habe, lag einzig und allein an den Lebensumständen und meiner damit einhergehenden Verzweiflung und nicht daran, dass ich irgendwelche kriminellen Energien besitze.

Treibgut – Launen der Natur

Ich hatte ja schon (klick) angekündigt, dass ich gerne noch so dies und das zum Thema Nachhaltigkeit beitragen möchte und mich dabei einfach ein bisschen treiben lasse, um zu sehen, wohin es mich führt. Heute etwas für Gipfelstürmer, Bergfexe und Höhenrauschgefährdete.

Heutzutage nutzen wir die Natur ja nicht nur zum Erhalt des eigenen Lebens, sondern auch als Ressource für Entspannung und zur Beruhigung unserer gehetzten Seelen. Das war vor nicht allzu lange Zeit noch ganz anders, denn für unsere Vorfahren war die Natur ein Ort, der einem Angst machte und vor dem man sich besser in Acht nahm. Volksmärchen verdeutlichen das ziemlich eindrucksvoll.

Mittlerweile fühlen wir uns der Natur dermaßen überlegen, dass wir es am nötigen Respekt ihr gegenüber mangeln lassen. Auf Berghütten steht in der Hüttenordnung: „Müll vermeiden und den eigenen Abfall mit ins Tal nehmen“. Das ist leider noch immer in ganz vielen Köpfen nicht angekommen und so kümmern sich alljährlich Ehrenamtliche und Freiwillige immer wieder darum, die Berge zu entrümpeln.

Nicht wir ertragen die Welt, sondern sie muss uns ertragen. Ein zweifelhafte Los. Dabei stellt sich mir immer die Frage: Wenn ich es doch den Berg hochgeschleppt habe, dann kann ich es auch wieder runter schleppen, oder? Wer nun als Argument das Gewicht im Rucksack anführt, der hat von vornherein falsch gepackt und definitiv zu viel auf dem Rücken und zu wenig im Kopf.

Ganz Arglose denken ja gerne mal, dass organischer Abfall nicht zum Müll im eigentlichen Sinne gehört, weil er verrottet und irgendwann zu Dünger und Erde wird. Und so werden auch Essensreste gern mal der Natur in luftiger Höhe und somit im wahrsten Sinne sich selbst überlassen, denn ab einer gewissen Höhe sind die für den Kompostierungsvorgang nötigen Mikroorganismen und der erforderliche Luftsauerstoff rar und der sonst so wertvolle Biomüll ist schlichtweg nur Müll.

Unsere schöne Natur hat so ihre Launen und ist, was den sorglosen Umgang mit ihr angeht recht nachtragend wie aus der Grafik des Alpenvereins ersichtlich ist.

Müllberge Das sind wahrlich biblische Jahresangaben. Lediglich Noah, der geschätzte 600 Jahre alt wurde, hätte in seiner Lebensspanne den Verrottungsprozess ansatzweise dokumentieren können. Und selbst Methusalem wäre trotz seiner 969 Jahre noch immer nicht in der Lage gewesen, eine Glasflasche verrotten zu sehen.

Ganz ehrlich, wer wandert schon gern durch die Natur, wenn er dabei ständig die Hinterlassenschaften seiner Mitmenschen aus dem Blickwinkel ausradieren und später vielleicht aus der spektakulären Aufnahme wegretuschieren muss?

Apropos Hinterlassenschaften: Ich weiß, die männlichen Artgenossen tun sich da etwas einfacher, aber meine Damen, entweder bitte das Taschentuch diskret wieder einstecken oder mal eine biologische, nachwachsende Variante wählen und sich mit Gras und Blättern behelfen. Geht wunderbar und hat keine Nebenwirkungen.

Vielleicht wird es Zeit, dass wir, die wir im Grunde auch nur eine Laune der Natur sind, von dieser wieder in unsere Schranken gewiesen werden. Und wenn ich mir die Naturgewalten , welche nur für uns Menschen eine Katastrophe sind, in letzter Zeit so anschaue, dann finde ich, dass sie das in letzter Zeit ganz gut macht. Und wenn wir nicht aufpassen, laufen wir Gefahr, dass das Leben wie wir es heute kennen zu einem Märchen mutiert.

Mal sehen, welches Treibgut noch so meines Weges kommt. Also dann, action!

Eure Kerstin

Der alltägliche Luxus

Wo hört das Alltägliche auf? Und wo fängt der Luxus an? Kann man da überhaupt eine generelle Trennung vornehmen? Wohl eher nicht, da für einen Heimatlosen sicherlich Dinge wie beispielsweise ein sicheres Zuhause einen ganz anderen Stellenwert haben als für mich. So etwas wie reelle Existenzangst kenne ich nicht. Von daher bin ich immer noch verwundert, dass ich regelmäßig von den Gespenstern einer recht unrealistischen Furcht vor dem sozialen Absturz mit einhergehender Obdachlosigkeit verfolgt werde.

Ich hatte ja in meinem Beitrag „Die Prinzessin auf der Erbse“ bereits erwähnt, dass ich nicht immer in Deutschland zuhause war und nach der Jahrtausendwende waren dies für ein paar Jahre die USA. Ich will hier gar nicht groß auf irgendwelche politischen und/oder kulturellen Gepflogenheiten eingehen, wichtig ist nur die Tatsache, dass es eben als Nicht-Amerikaner recht schwer ist, dort eine Arbeitserlaubnis zu erhalten, wenn man keine Green Card besitzt und nicht von der eigenen Firma dort eingesetzt wird. Dann benötigt man einen Sponsor, der einen einstellt und als alleiniger Arbeitgeber im Arbeitsvisum eingetragen wird. Das hat zur Folge, dass ein Arbeitswechsel so ohne weiteres nicht möglich ist. Ein weiterer an sich sehr positiver Punkt ist, dass man als Ausländer, der man in dem Fall ja ist, keinen Kredit bekommt – noch nicht einmal einen Dispo.

Lange Rede, kurzer Sinn: Nachdem der heutige jugendliche Mitbewohner das Licht der Welt erblickt hatte, verfiel mein Arbeitsvisum logischerweise als ich nicht direkt wieder eingestiegen bin. Ich wurde jedoch geduldet, da der Vater ja noch Arbeit hatte. Nun muss ich noch erwähnen, dass dieser ein Freigeist und Künstler ist und von fester Anstellung nicht viel hält. Was soll ich sagen: Als Freiberufler eine Familie ernähren ist nur etwas für Nervenstarke, zu denen ich mit einem Neugeborenen definitiv nicht gehört habe und als typische Deutsche, wie ich mich sehen würde, wohl auch nie gehören werde. Jeden Monat setzte bei mir also leichte Panik ein, wir könnten am Ende des Monats kein Geld für Essen mehr haben. Völlig absurd. Eigentlich. Vielleicht waren es auch die Hormone oder die ganze recht unruhige Lage im Land oder der Beziehung, aber in Gedanken sah ich mich oft mit einem Baby auf der Straße sitzen.

Tja, geblieben sind das Baby, das sich zum jugendlichen Mitbewohner gemausert hat und der Tick, das Geld könnte nicht reichen. Nun gut, es gibt ja unzählige Möglichkeiten, sein Hirn mit Gespinsten zu beschäftigen, egal, wie weit hergeholt sie auch sein mögen.

Zurück zum alltäglichen Luxus, ein Dach über dem Kopf zu haben, denn selbstverständlich ist das nicht und das Phänomen, dass jeder von uns seine eigenen vier Wände braucht, um sich in seinem Nest wohl zu fühlen, ist ja noch recht neu. Dabei rede ich jetzt nicht von den Höhlenmenschen, die im Clan zusammen gehaust haben, sondern denke da nur zwei bis drei Generationen zurück, als die Familien noch unter einem gemeinsamen Dach gewohnt haben. So gesehen, fröne auch ich ungeniert dem Luxus und übe in keinster Weise Verzicht, denn Familie und Verwandtschaft sind weit gestreut.

Haus

Zudem nenne ich eine vier-Zimmer-Wohnung mein Eigen. Zugeben, so im Nachhinein bin ich damit nicht so glücklich wie ich es mir bei Vertragsabschluss erträumt hatte. Weniger wäre hier mehr gewesen. Weniger Verantwortung, weniger Dinge, die Zeit und Aufmerksamkeit verlangen. Besitztum ist schön, aber für mich letzten Endes nicht befriedigend. Nicht, weil es immer andere gibt, die mehr haben, sondern weil man auch abhängig wird. Von den eigenen Vorstellungen und nicht zuletzt von dem Konstrukt, das man sein Leben nennt.

Es stimmt also, Geld macht nicht glücklich. Nicht ohne eine entsprechende Verbindung zur eigenen Einstellung. Reichtum in jedweder Form lähmt und macht träge, denn unsere Habenziele drehen sich immer um das Gleiche, während hingegen Seinziel einen auf Trab und in Bewegung halten. Vielleicht fühlt sich meine Burg daher auch noch nicht wie mein Zuhause an und ich bin noch immer nicht angekommen.

Für mich wäre insofern der Verzicht in dem Fall ein Gewinn, trotz den Zielen, die einem die kapitalistische Welt gern als erstrebenswert verkauft. Vor einiger Zeit bin ich auf den Tiny House Blog gestoßen – Leben auf klein(st)em Raum und wie ich finde, sehr fortschrittlich. In meinem Herzen bin ich eben doch ein Flachwurzler, wie meine Freundin M. immer sagt. Oder ein Zigeuner, dem man seinen Wohnwagen genommen hat. Wobei ich ein Wohnmobil wählen würde und das bereits als meine Zukunftsvision im häuslichen Ziegelbau kund getan habe. Insofern wäre diese Art von Obdachlosigkeit, wenn man es denn so nennen will, für mich echter Luxus. Nun fiebert der Nachwuchs seiner Volljährigkeit entgegen, damit er meinen derzeitigen fahrbaren Untersatz erben kann, während Muttern auf Hippie macht.

Ja, das Auto, früher Inbegriff von Freiheit. Das wollen wir uns beim nächsten Mal genauer anschauen.

Also dann, action!
Eure Kerstin