Der alltägliche Luxus

Wo hört das Alltägliche auf? Und wo fängt der Luxus an? Kann man da überhaupt eine generelle Trennung vornehmen? Wohl eher nicht, da für einen Heimatlosen sicherlich Dinge wie beispielsweise ein sicheres Zuhause einen ganz anderen Stellenwert haben als für mich. So etwas wie reelle Existenzangst kenne ich nicht. Von daher bin ich immer noch verwundert, dass ich regelmäßig von den Gespenstern einer recht unrealistischen Furcht vor dem sozialen Absturz mit einhergehender Obdachlosigkeit verfolgt werde.

Ich hatte ja in meinem Beitrag „Die Prinzessin auf der Erbse“ bereits erwähnt, dass ich nicht immer in Deutschland zuhause war und nach der Jahrtausendwende waren dies für ein paar Jahre die USA. Ich will hier gar nicht groß auf irgendwelche politischen und/oder kulturellen Gepflogenheiten eingehen, wichtig ist nur die Tatsache, dass es eben als Nicht-Amerikaner recht schwer ist, dort eine Arbeitserlaubnis zu erhalten, wenn man keine Green Card besitzt und nicht von der eigenen Firma dort eingesetzt wird. Dann benötigt man einen Sponsor, der einen einstellt und als alleiniger Arbeitgeber im Arbeitsvisum eingetragen wird. Das hat zur Folge, dass ein Arbeitswechsel so ohne weiteres nicht möglich ist. Ein weiterer an sich sehr positiver Punkt ist, dass man als Ausländer, der man in dem Fall ja ist, keinen Kredit bekommt – noch nicht einmal einen Dispo.

Lange Rede, kurzer Sinn: Nachdem der heutige jugendliche Mitbewohner das Licht der Welt erblickt hatte, verfiel mein Arbeitsvisum logischerweise als ich nicht direkt wieder eingestiegen bin. Ich wurde jedoch geduldet, da der Vater ja noch Arbeit hatte. Nun muss ich noch erwähnen, dass dieser ein Freigeist und Künstler ist und von fester Anstellung nicht viel hält. Was soll ich sagen: Als Freiberufler eine Familie ernähren ist nur etwas für Nervenstarke, zu denen ich mit einem Neugeborenen definitiv nicht gehört habe und als typische Deutsche, wie ich mich sehen würde, wohl auch nie gehören werde. Jeden Monat setzte bei mir also leichte Panik ein, wir könnten am Ende des Monats kein Geld für Essen mehr haben. Völlig absurd. Eigentlich. Vielleicht waren es auch die Hormone oder die ganze recht unruhige Lage im Land oder der Beziehung, aber in Gedanken sah ich mich oft mit einem Baby auf der Straße sitzen.

Tja, geblieben sind das Baby, das sich zum jugendlichen Mitbewohner gemausert hat und der Tick, das Geld könnte nicht reichen. Nun gut, es gibt ja unzählige Möglichkeiten, sein Hirn mit Gespinsten zu beschäftigen, egal, wie weit hergeholt sie auch sein mögen.

Zurück zum alltäglichen Luxus, ein Dach über dem Kopf zu haben, denn selbstverständlich ist das nicht und das Phänomen, dass jeder von uns seine eigenen vier Wände braucht, um sich in seinem Nest wohl zu fühlen, ist ja noch recht neu. Dabei rede ich jetzt nicht von den Höhlenmenschen, die im Clan zusammen gehaust haben, sondern denke da nur zwei bis drei Generationen zurück, als die Familien noch unter einem gemeinsamen Dach gewohnt haben. So gesehen, fröne auch ich ungeniert dem Luxus und übe in keinster Weise Verzicht, denn Familie und Verwandtschaft sind weit gestreut.

Haus

Zudem nenne ich eine vier-Zimmer-Wohnung mein Eigen. Zugeben, so im Nachhinein bin ich damit nicht so glücklich wie ich es mir bei Vertragsabschluss erträumt hatte. Weniger wäre hier mehr gewesen. Weniger Verantwortung, weniger Dinge, die Zeit und Aufmerksamkeit verlangen. Besitztum ist schön, aber für mich letzten Endes nicht befriedigend. Nicht, weil es immer andere gibt, die mehr haben, sondern weil man auch abhängig wird. Von den eigenen Vorstellungen und nicht zuletzt von dem Konstrukt, das man sein Leben nennt.

Es stimmt also, Geld macht nicht glücklich. Nicht ohne eine entsprechende Verbindung zur eigenen Einstellung. Reichtum in jedweder Form lähmt und macht träge, denn unsere Habenziele drehen sich immer um das Gleiche, während hingegen Seinziel einen auf Trab und in Bewegung halten. Vielleicht fühlt sich meine Burg daher auch noch nicht wie mein Zuhause an und ich bin noch immer nicht angekommen.

Für mich wäre insofern der Verzicht in dem Fall ein Gewinn, trotz den Zielen, die einem die kapitalistische Welt gern als erstrebenswert verkauft. Vor einiger Zeit bin ich auf den Tiny House Blog gestoßen – Leben auf klein(st)em Raum und wie ich finde, sehr fortschrittlich. In meinem Herzen bin ich eben doch ein Flachwurzler, wie meine Freundin M. immer sagt. Oder ein Zigeuner, dem man seinen Wohnwagen genommen hat. Wobei ich ein Wohnmobil wählen würde und das bereits als meine Zukunftsvision im häuslichen Ziegelbau kund getan habe. Insofern wäre diese Art von Obdachlosigkeit, wenn man es denn so nennen will, für mich echter Luxus. Nun fiebert der Nachwuchs seiner Volljährigkeit entgegen, damit er meinen derzeitigen fahrbaren Untersatz erben kann, während Muttern auf Hippie macht.

Ja, das Auto, früher Inbegriff von Freiheit. Das wollen wir uns beim nächsten Mal genauer anschauen.

Also dann, action!
Eure Kerstin

Tatort Abstellraum, Tag 9

Uh ha, verstaubte Kiste im hinteren Eck gefunden. Sesam öffne Dich.

Tatort: Abstellraum, Dekokiste.09 Tag

Tatbestand: Niedliches Deko-Vogelhäuschen, das zu Ostern auf dem Tisch seinen Platz hatte. Leider ist die Sitzstange abgebrochen und auf Nimmer-Wiedersehen verschwunden.

Tatortsäuberung: Frühling ist vorbei, Ostern auch. Stimmt zwar, es wird auch nächstes Jahr unweigerlich wieder Frühling und Ostern sein,  aber für Perfektionisten wie mich ist der Anblick des malledierten Häuschens schwer ertragbar und ich würde mir immerzu überlegen, wie ich es reparieren kann. Als echtes Vogelhaus zu klein und zum Verfeuern leider auf Grund der Lackierung auch nicht geeignet. Daher zum Altholz.

Tatort Küche, Tag 1

In Anbetacht dessen, dass demnächst wieder die (guten) Vorsätze für das neue Jahr fällig werden, habe ich dem ganzen Stress schon mal ein bisschen vorgegriffen und beschlossen, bei mir mal wieder so richtig auszumisten. Sicherlich ist dies auch der Tatsache, dass ich demnächst umziehe, geschuldet, und da dachte ich mir, wann, wenn nicht jetzt ist die Gelegenheit, sich von dem einen oder anderen Ballast zu trennen. Aufmerksame Leser meines Blocks werden bemerkt haben, dass dies auch mit der zuletzt gezogenen Experimentkarte zusammenhängt. Bedanken möchte ich mich bei Ute Blindert, die mich mit Ihrem Thema Minus1 hierzu ebenso inspiriert hat, meinem ich mehr Platz zum Atmen und frei sein gegeben hat. Bin gespannt, welche Schätze dieses Abenteuer so ans Tageslicht befördert.

Den Anfang mache ich in der Küche. Typisch Frau. Ja, kann sein, aber irgendwo muss ich ja anfangen. Hier also das doch recht „erfolgreiche“ Ergebnis des ersten Tages01 Tag

Tatort: Küche, Küchenschrank, oberes Fach

Tatbestand: Abgelaufene Lebensmittel. Schade. Waren im obersten Küchenschrank, ganz hinten und wohl irgendwann aus einer Laune heraus gekauft, dann aber doch nicht verarbeitet. Teilweise bereits seit 2009 abgelaufen. Ups. Nein, irgendwelche Bewohner waren nicht zu finden, falls es jemanden interessiert.

Tatortsäuberung: Auch wenn ich ungern Lebensmittel wegschmeiße, leider in den Bioabfall entsorgt.

Traumhaus vs. Wolkenschloss

Leseecke„Du gewinnst einen Wettbewerb und darfst Dein Traumhaus bauen. Entwerfe die Pläne.“

Als Kind standen meine Eltern einmal vor der Entscheidung, aus Kostengründen weiter aufs Land zu ziehen. Ich bin mir nicht sicher, wie konkret diese Pläne letztendlich waren und ob es irgendwelche Objekte gab, die sie damals besichtigt haben. Ich erinnere mich aber noch an das Bild aus einer dieser Wohnzeitschriften wie „Schöner Wohnen“ oder „Selbst ist der Mann“. Darauf abgebildet war ein ebenerdiges, helles Holzhaus mit Dachgauben. Mitten auf der Wiese. Es war Nacht und das Licht schien durch die unzähligen Sprossenfenster nach draußen und das Haus schien so einladend und warm. Damals dachte ich immer, das wäre das Haus, in welches wir einziehen würden. Dabei ist es doch eigentlich recht verwunderlich, dass wir immer den Hang nach Abgeschiedenheit haben. Eine einsame Hütte in den Bergen aus deren Schornstein der Rauch aufsteigt. Innen ein knisterndes Kaminfeuer und behagliche Stille. Oder der Landsitz mit parkähnlichem Garten. Mit glitzerndes Lüstern, Kachelofen und großzügiger Landhausküche. Immer sind es Fragmente, die sich in das Puzzle einfügen, aber kein Bild ergeben.

Das Wohnzimmer meiner Tante erstreckt sich über sich über drei Ebenen. Jede einzelne bietet eine Sitzgelegenheit und eine andere Sicht auf die Dinge. Davon habe ich lange Zeit geschwärmt. Der Raum ist bis unters Dach offen und man hat das Gefühl, sich in einem Schloss oder einer Kirche zu befinden. So hoch erscheint das Gewölbe. Eine Wand ist den Büchern gewidmet. In meiner Vorstellung ist die Bibliothek so hoch, dass man eine Leiter benötigt, um an die oberen Exemplare zu gelangen und daran vorbeigleiten kann. Eine andere Wand besteht komplett aus Fenstern. Als meine Tante das Haus gebaut hat, haben wir aus schwarzem Tonpapier Raubvogelsilhouetten ausgeschnitten, damit nicht ständig Vögel gegen die Scheiben fliegen. Stünde das Haus mit freier Sicht auf einer Anhöhe oder einem Berg könnte man schier endlos in die Weite blicken. Später hatte ich diverse Altbauwohnungen mit drei Meter hohen Decken. Ein Traum. Der Raum ist immer noch imposant, obwohl ich es eher etwas heimeliger bevorzugen würde. Nicht klein und einengend, aber auch nicht so groß, dass man sich selbst klein vorkommt.

Ich brauche viel Licht. Bodentiefe Fenster, die alles einfangen. Ich hatte mal eine Wohnung mit sogenannten französischen Fenstern. Davor platziert, war der Esstisch, der im Grunde ein geflochtener Gartentisch war. Morgens fiel dort das Licht in die Wohnung. Ich konnte die Balkontüren öffnen und hatte das Gefühl, draußen zu sein. Der Blick auf den Hinterhof hat sein Übriges zum Flair beigetragen. Kennt jemand den Film „Perfect Love Affair“ mit Warren Beatty und Annette Bening? Es gibt da diese Szene, in der er sie mit in das Haus seiner Tante nimmt, das auf irgendeiner tropischen Insel im Regenwald auf einem grünen Hügel steht. Aber es ist gar nicht das Haus, auf das ich hinaus will. Vielmehr ist es der Raum, in dem sich das Treffen abspielt. Dieser erscheint in sanftem, leicht diffusem Licht. Die Fenster sind fast bodentief und hölzerne Fensterläden lassen das Licht herein, halten aber die Hitze des Urwaldes draußen. Diesen Weichzeichnerstil habe ich mal in einer meiner Wohnungen versucht nach zu empfinden. Allerdings waren die Fensterläden durch Holzjalousien ersetzt und davor hingen transparente überlange Gardinen, die dem Ganzen einen Schleier auferlegten. Es war leider niemals so romantisch wie im Film, aber das lag sicherlich daran, dass anstatt des Klaviers ein übergroßer Flachbildfernseher mit Surround-System den Raum beherrschte. Vielleicht ist es aber auch ein Zeichen dafür, dass nicht alles, was in unserer Vorstellung als traumhaft erscheint, der Realitätsprüfung standhält.

Ich mag weiße Wände mit Platz für Bilder und/oder Fotos. In dem Buch von John Irving „Witwe für ein Jahr“ gibt es diese Passagen, bei denen Ruth vor den Bildern ihrer toten Brüder steht, die an sämtlichen Wänden aufgehängt sind. Zu jedem Foto gibt es eine Geschichte und Ruth wird es nicht müde, diese zu hören. Später dann, als nur noch die Haken und die ausgebleichten Stellen auf der Wand an die Bilder erinnern, erinnert sich Ruth bei jedem „Fleck“ daran, welches Foto dort hing und welche Geschichte dazu hört. An sich eine traurige Geschichte: Das Kind, das als Ersatz für die verunglückten Kinder das Familienglück retten soll und immerzu mit den Erinnerungen an die ihr unbekannten Geschwister konfrontiert ist, während vor ihr selbst kein einziges Bild im Hause zu finden ist. Aber das ist ja nicht der Punkt. Hier sollte es ja um das Traumhaus geben und was mir daran gefällt, ist die Vorstellung, beispielsweise im Flur oder Treppenhaus, wenn es denn eines gibt, unzählige Fotos aufzuhängen, die die Geschichte eines ganzen Lebens erzählen.

Ich bin mir nicht sicher, was ein Architekt mit meiner Vorstellung vom Traumhaus anfangen würde. Nach dem, was mir dazu in den Sinn kommt, wird es wohl eher so eine Art Villa Kunterbunt, bei der kein Raum zum anderen passt. Aber ist es nicht gerade das, was ein Traumhaus ausmacht? Ein etwas verschwommenes Bild, dessen Form sich ähnlich der Wolken ständig verändert? Ein Schloß in den Wolken? Und dann las ich in einem Interview folgende Frage des Moderators: „Wie beschreiben Sie Ihr Traumhaus?“ Und die Antwort: „Holzhaus, große Terrasse, fünfzehn Schritte bis an den Strand, das Meer in hundert Metern Entfernung.“ Tja, so einfach ist das!

Eure Kerstin