Tatort des Monats Mai

Vorwort @ alle Verklemmten, Sockenträger, Licht-aus-Fetischisten, Verschämten, Das-man-nicht-Prediger: Das hier ist nix für Euch!

Seelenfunkeln hat mit Ihrem Beitrag „Happy Masturbation Month“ die Frage nach dem Lieblingsspielzeug gestellt. Und ich bin dann in meiner Schublade nachschauen gegangen. Tja, leider rappelt da nichts mehr. Kaputt, das schöne Ding.

Tatort: Schlafzimmer.Karton

Tatbestand: Spielzeug von Mae B (den Rest überlasse ich Eurer Phantasie).

Tatortsäuberung: Kann man das eigentlich auf dem Wertstoffhof entsorgen? Oder einfach in die Tonne damit? Könnte ja mal nach einer Reparatur fragen. Das wäre bestimmt der ultimative Spaß (bzw. die Ersatzbefriedigung), wenn ich damit auftauche und den Deckel lüpfe

Nun muss eine neue Kiste her, damit es wieder rappelt

P.S.: Wer trotz Warnung beim Vorwort noch immer hier ist: Mutig! Da scheint ja noch Hoffnung zu bestehen. Und zur Belohnung das Video mit ein paar Anregungen.

 

Tag 21: Helden im Zeitenwandel

Tag 21Ich habe es bis hierher geschafft. Ich finde, das ist doch schon mal was. Und bis auf so manchen Tick und diverse Macken habe ich dies recht unbeschadet überstanden. Ohne, bitte alle dreimal kräftig auf Holz klopfen, irgendwelche Unfälle, größere körperliche Verletzungen und sonstige Katastrophen. Ich stehe in Lohn und Brot und führe so gesehen, ein recht angenehmes Leben. Ein echtes Glückskind. Aber wen wundert das, ich bin vor 1980 geboren. Ich gehöre zu den Helden. Wer den Text nicht kennt, kann ihn bei Wolfgang Gehrer (Kommentare sind auch recht schön zu lesen) oder an anderer Stelle im Internet finden.

Die Tatsache, vor 1980 geboren zu sein, ist natürlich kein wirklicher Erfolg, den man für sich verbuchen kann. Dafür kann man sich eher bei seinen Eltern bedanken, die damals mit der Erziehung ihrer Kinder (mir) mit Sicherheit ebenso zu kämpfen hatten wie die Eltern heute. Nur eben anders. Als Mutter eines Teen kann ich da zumindest ansatzweise mitreden.

Besagter jugendlicher Mitbewohner hat nämlich schon früh sein Talent, mich an den Rand des Wahnsinns zu treiben, eingesetzt. Einmal, da muss das Teen so in etwa acht oder neun gewesen sein, ein Kind also, da ist es nach einem Streit einfach durchs Fenster abgehauen. Damals wohnten wir so, dass das ohne größere sportliche Anstrengung möglich war. Um was es bei dem Streit ging, weiß ich nicht mehr (ist ja meistens so). Jedenfalls ist das Kind wutentbrannt in sein Zimmer und hat die Zimmertür zugeknallt.

Soweit ist das ja nichts außergewöhnliches und auch ich habe zu meiner Zeit die Türen geknallt, wenn meine Mutter mich zur Strafe auf mein Zimmer geschickt hat. Allerdings war mein Trick ein anderer: Ich habe dann immer recht laut gesungen und gespielt und gelacht, während meine Mutter regelmäßig am liebsten in mein Zimmer gestürmt wäre, um dem freudigen Treiben Einhalt zu gebieten. Schließlich hatte sie mich strafen wollen und da hatte mal gefälligst nicht frohgemut sich seines Lebens zu erfreuen.

In dem neuzeitlichen Fall lief es dann jedenfalls wie folgt: Nach dem lauten Türenschlagen war es lange Zeit sehr still. Als ich irgendwann dachte, es sei genug Zeit vergangen und man könne sich wieder vertragen, bin ich in das Kinderzimmer. Nun, da war aber niemand, zum Glück auch kein Einbrecher, denn offene Fenster sind ja nicht unbedingt die beste Art und Weise, sein Heim zu sichern. Ich war schon recht verblüfft über so viel Initiative. Komischerweise hatte ich eher Angst vor der Zukunft (was wird dem Kind erst später alles einfallen?) als davor, zu einem unschönen Beitrag im Fernsehen oder der Tageszeitung zu werden (Verletzung der Aufsichtspflicht, unverantwortlich, Verwahrlosung – man kennt das ja). Irrwitzigerweise habe ich auch nicht sämtliche Freunde abtelefoniert, einen Suchtrupp organisiert und zeitgleich eine Vermisstenanzeige aufgegeben, sondern erst mal gewartet. Es war schon dunkel und irgendwann wird einem ja kalt, so ohne Jacke, wenn die Geschäfte um acht Uhr schließen und es auch noch winterlich kalt draußen ist. Ebenso würden die Mütter der Freunde den Besuch ja irgendwann nach Hause schicken.

Also habe ich die Zimmertür wieder schön geschlossen und gewartet. Tja, und irgendwann war das Kind wieder da. Unbeschadet, aber etwas unsicher, da von meiner Seite keine Reaktion kam. „Oh, Du warst weg. Na dann. War’s schön?“ Ich gebe zu, etwas mulmig war mir schon und vielleicht hätte ein anderes Verhalten meinerseits dazu beigetragen, dass das mit dem Türenzuschlagen ein für allemal ein Ende gehabt hätte. Denn auch heute noch werden Zimmertüren mit Vorliebe zugeknallt, wenn es mal wieder nicht so läuft. Allerdings liegt das Zimmer nun (auch Mütter lernen dazu) im ersten Stock und wahrscheinlich ist der Aufwand einfach zu groß. Oder aber das Teen hat dazu gelernt, dass man mit seinen Aktionen nicht immer die Reaktion erhält, die man sich erhofft. Jedenfalls wird nun die Musik, oder das, was heutige Teens so für Musik halten, aufgedreht.

Wie die Zeiten sich doch wandeln und immer wieder kehren ist schon erstaunlich. Ich allerdings würde als nächsten Schritt einfach die Sicherung raus drehen. Erfolg auf ganzer Linie kann man das natürlich nicht nennen. Aber ein Etappensieg ist es allemal. Denn wenn das Teen heute einfach gehen würde, weiß es, dass die Tür dann abgeschlossen ist und ich schon lange mit meinen Koffern über alle Berge.

 

Na, dann bis morgen, Kerstin

Tag 18: Zeichensetzung

Tag 18Eine gute Frage. Wenn jemand eine gute Antwort hat, immer her damit. Ich bin dahingehend für jeden Tipp dankbar. Ganz ehrlich. Das ist nämlich ein ziemlich wunder Punkt in meinem Leben. Schon immer. Ergo muss da was in meiner Erziehung falsch gelaufen sein – so zumindest meine Vermutung. Natürlich ist das auch ein Sender-Empfänger Problem, dem will ich gar nicht widersprechen. Und wenn ich als Sender nichts empfange, dann ist meine Sendung entweder nicht angekommen, ignoriert oder so falsch verstanden worden, dass der Empfänger entweder keine Antwort für nötig erachtet oder so enttäuscht/gekränkt/verletzt/vor den Kopf gestoßen ist, dass keine Rückmeldung erfolgt.

Das Leben ist voller Missverständnisse und Fragezeichen. Wirklich schade eigentlich. Es könnte so schön sein.

Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich in dieser Richtung schon ziemlich viel ausprobiert habe. Immer in der Hoffnung, dass sich die Dinge abschließen lassen. Wobei: Lassen sich menschliche Beziehungen – gleich welchen Grades – überhaupt jemals abschließen? So ein und für alle mal vollständig in die erledigt-Schublade packen? Ich wage das ja zu Bezweifeln. Irgendwie sind das so Endlossätze mit Kommas und Nebensätzen und Bindestrichen. Und vor allem jeder Menge Strichpunkte und Doppelpunkte.

Mein Hirn jedenfalls hat die Angewohnheit, so manches, von dem ich glaubte, es als beendet abgehakt zu haben, hin und wieder an die Oberfläche zu ziehen und mir damit den Tag zu versauen, wenn ich das hier mal so sagen darf. Dann brodelt es auf kleiner Flamme so vor sich hin. Leider kocht es aber nie über und ich schaffe es noch nicht mal dann, meinem Ärger mal Luft zu verschaffen, sondern immer nur in Anführungszeichen gewisse Andeutungen zu machen. Dabei wäre das höchstwahrscheinlich die passende Therapie. Ist sogar kostenlos. Wie gesagt, ein wunder Punkt bei dem ich mich im Hinblick auf die Zeichensetzung schwer tue. Dabei wünsche ich mir, dass ich mal hinter gewisse Sachen einen Haken machen kann, um nicht zu sagen ein fettes Ausrufezeichen.

 

Na, dann bis morgen, Kerstin

 

Scheinwelten

Karte Nr. 18: „’Nicht die Dinge beunruhigen die Menschen, sondern seine Meinung über die Dinge’ – Epiktet. Hinterfragen Sie eine Ihrer Überzeugungen, etwa hinsichtlich Hausfrauen, Machos oder Paaren mit getrennten Schlafzimmern.“

Ich will gar nicht erst in die Diskussion über Vorurteile und Ansichten einsteigen. Das ist ziemlich dünnes Eis, auf dem man sich da bewegt. Zum einen bin ich zu alt, um keine Meinung zu haben und zum anderen tendieren wir dazu, zu allem und jedem eine Meinung zu äußern – unabhängig von der Tatsache, ob wir eine Ahnung haben, wovon wir sprechen oder nicht. Ein Zugeständnis an ein Leben, bei dem die andere Seite der Welt nur einen Klick entfernt ist. Wir sind nicht mal in der Lage, die Haustür zu öffnen, geschweige denn eine Reise zu unternehmen, egal wie fremd das Land sein mag, ohne irgendeine Erwartungshaltung.

Kürzlich war ich während einer Reise in Tanger, Marokko. Das ist Afrika, aber auch irgendwie Europa. Und zu 99% muslimisch. Die Stadt ist geprägt von einer langen und bewegten Geschichte. König Mohammed VI. investiert gerade Unsummen in die Modernisierung. Tanger wird auch „Die weiße Stadt“ genannt, da die Gebäude die Sonne so lebhaft wiederspiegeln. Im Vorfeld gab es einen Vortrag, bei dem der Lektor uns ausführlich informierte. Auch, dass in den Cafés keine Frauen sitzen, sich unterhalten und Minztee trinken. Geschäfte sind Männersache. Ich versuchte, mir vorzustellen, ob ich in solch einer Welt leben könnte: Exotisch und bestimmt durch Traditionen und tief verankerte Ansichten. Und ich wollte unbedingt die Medina und das Treiben erleben.

Als Frau mit leichtem blond-grau Stich und recht blasser Haut hatte ich so meine Bedenken, mich allein in die Altstadt zu begeben. Also habe ich mich einer Reisegruppe angeschlossen. Ich trug einen bodenlangen, losen Rock, eine hochgeschlossene, lockere Bluse und eine Strickjacke, die meine Hände über die Gelenke hinweg bedeckte. Sogar meine Schuhe waren angemessen – flach und geschlossen. Keine grellen Farben (grau/beige/weiß), nichts, was mich hätte herausstechen lassen. Soweit, ein Kopftuch zu tragen, bin ich nicht gegangen, aber meine Haare habe ich in einem festen Dutt befestigt. Immerzu in der Annahme, dass ich die allgemeinen Erwartungen und Gepflogenheiten respektieren kann, aber auch zu zeigen, dass ich nicht mit allen Vorschriften einverstanden bin und mich verbiegen lasse. Schließlich bin ich Europäerin. Gewohnt, meine Meinung frei zu äußern und trotzdem tolerant zu sein. Zu respektieren und respektiert zu werden. Was soll ich sagen: Unmittelbar, nachdem wir den Hafen verlassen hatten, fühlte ich mich nackt. Wir leben in einer Scheinwelt. Es gibt Dinge, die wir sehen und solche, die wir sehen wollen.

Illusion

Zu den auf der Hand liegenden Punkten: Nein, ich könnte niemals nur Hausfrau sein. Ohne Arbeit – also meinen derzeitigen Job – aber sehr wohl. Aber das ist ja nicht dasselbe. Ich wäre nicht glücklich, nur mit Kochen, Putzen, Kindererziehung und häuslichen Aufgaben, aber ich bewundere all jene, die darin aufgehen.

Nr. 2: Machos: Ja, da werde ich schwach, aber ich hasse es, weil ich es nicht leiden kann, wenn mir jemand sagt, was ich tun soll und was ich zu mögen habe. Gut, die Machos, von denen ich rede, sind meist nur Machos nach außen hin. Innerlich sind sie voller Selbstzweifel, unsicher und eigentlich auf Grund irgendwelcher mentalen Schwierigkeiten, welche sie durch ihr vorgetäuschtes Machogehabe zu kompensieren versuchen, einfach nicht in der Lage, ein normales Leben zu führen. Tut mir leid, Jungs. Schätze, ich habe einfach immer nur diesen einen Stereotyp in meinem Leben getroffen.

Ah, und die getrennte Schlafzimmer. Super Idee. Aber warum nicht gleich getrennte Wohnungen? So hat man wenigstens eine Rückzugsmöglichkeit, um seine Spleens auszuleben und z.B. mit Gurkenmaske abends ins Bett zu steigen. Schließlich muss der geliebte Mensch ja nicht alles zu sehen bekommen, richtig? Nicht, dass ich so was mache, aber auch ich werde älter und wer weiß schon, was die Zukunft bringt.

Wer es noch nicht gemerkt hat: Weihnachten steht vor der Tür, der Vorweihnachtsstress hat schon begonnen. Was wäre da besser als eine Komfortkarte. Nr. 19.: „Sie geben sich der Muße hin: Gestatten Sie sich, mal so richtig faul zu sein. Reservieren Sie einen Tag im Kalender, den Sie von morgens bis abends im Bett verbringen werden – mit Schlafen, Lesen oder Sex.“ Gut, also für die Aufgabe überlege ich noch, ob getrennte Schlafzimmer oder besser nicht. Aber die Frage ist doch, warum das „oder“? In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

Lebenszeichen

Einmal Außerirdisch und zurück. So in etwa fühle ich mich. Noch immer. Nach drei Wochen quer durch die Alpen fühle ich mich fremd und in der falschen Haut und irgendwie außerirdisch.

Aber ein erstes Lebenszeichen will ich dann doch von mir geben. Eventuell wird es dann etwas anschaulicher.

Piz Boè

Die Bank – die eine Seite der Münze

Vorwort: Vor einiger Zeit habe ich die Kategorie „Mein Leben und andere Katastrophen“ eröffnet. Realistische Geschichten mit einer Prise Wahrheit. Und diese Geschichte passt einfach perfekt.

Voller Sorge machte ich mich auf den Weg. Dabei hatte der Tag so gut angefangen. Nachdem am Abend zuvor mehrere Gewitter über die Hütte hinweg fegten, war morgens der Himmel klar und die Sonne schien, als wir mit unseren Rücksäcken aufbrachen. Noch während des ersten Anstieges war mir bereits so warm, dass ich meine Jacke ausziehen musste. U. indessen ging voraus. Immer meinte sie, sie wäre zu langsam und ich würde sie dann schon einholen. Oben angekommen war aber weit und breit keine Spur von ihr. Sonst wartete sie doch immer. Gut, weiter ging es. Nach knapp 100m zweigte der Weg links von der Fahrstraße ab. Doch keine Spur von U.. Das war schon sehr merkwürdig. Ich hatte doch nur meine Jacke ausgezogen. Sie konnte maximal einen Vorsprung von 3-4 Minuten haben. Ich legte einen Zahn zu. Aber nach kurzer Zeit war mir klar, das kann nicht sein. So weit kann U. nicht voraus gelaufen sein. Kein roter Rucksack, keine rote Haube in Sichtweite. Also schnallte ich meinen Rucksack ab und sprintete den Weg nochmals bis zur Abzweigung zurück und dann die Straße bergan. An der nächsten Biegung war eine Abzweigung. Ein Schotterweg ohne Ausschilderung. Sie wird doch nicht. Andererseits. Doch nachdem ich diesem einige hundert Meter im Laufschritt gefolgt war, blieb ich schnaufend stehen, immer wieder U.’s Namen rufend. Nichts. Leicht ratlos und mit ersten Anzeichen von Sorge lief ich zurück zum Rucksack. Hoffentlich ist nichts passiert. Wo kann sie nur sein? Ein paar Mal lief ich noch hin und her. Wohl mehr aus Hilflosigkeit, als mit einem echten Plan. Warum musste sie auch vorweg laufen? Immer wieder heißt es, am Berg zusammen bleiben!. Und was macht sie? Rennt einfach immer weiter. Na toll. Und jetzt?. Also gut, hier konnte ich nicht bleiben. Und vielleicht war sie ja doch schon so weit vorweg und ich nun durch diese erfolglose Suchaktion nur noch weiter zurück gefallen.

Und so machte ich mich voller Sorge auf den Weg, den ich trotz des traumhaften Wetters und der tollen Landschaft überhaupt nicht genießen konnte. Wie sollte ich sie nur wieder finden? Sie hatte keine Karte, Handy funktionierte auch nicht. Perfekte Aussichten für einen dieser Rettungseinsätze wegen Unvorsichtigkeit. Vor meinem inneren Auge tauchten sämtliche Horrorszenarien auf. Hin und wieder begegneten mir andere Wanderer und jeden fragte ich, ob eine Frau mit roter Kappe und rotem Rucksack gesichtet worden wäre. Alle verneinten.

Nach knapp zwei Stunden war ich nervlich am Ende und meine Kraft ließ auch nach. Ich hatte bestimmt schon hundertmal in die Karte gesehen und überlegt, wo U. sein könnte. Wenn sie tatsächlich dem Schotterweg weiter gefolgt war, dann würde sie kurz unterhalb des Gipfels an eine Hütte kommen. Dort könnte sie dann evtl. fragen, wie sie wieder auf den Weg kommt, wenn sie feststellt, dass wir uns verloren haben. Zu der Hütte gibt es noch einen zweiten Zustieg. Das heißt, sie könnte darüber absteigen und wäre wieder auf dem richtigen Weg. Insofern müsste ich mich lediglich an dieser Stelle positionieren und warten. Aber dazu muss sie natürlich an der Hütte ankommen und fragen. Das klappt doch niemals! Also schön, ich gehe bis zu der Abzweigung und warte einfach dort so lange bis sie kommt, oder bis es anfängt, dunkel zu werden und ich die Rettungskräfte alarmieren kann.

An dem gedanklich erarbeiteten Treffpunkt befand sich ein kleiner Hof. Malerisch gelegen und mit herrlichem Blick ins Tal. Ach ja, wie gern hätte ich auch so eine kleine Alm und könnte ein einfaches, aber glückliches Leben führen. Blumen und Kräuter anpflanzen. Die Tiere füttern und auf die Weide bringen. Sehr schön. Diese Ruhe. Und dieser Blick. Und die ganze Natur. Herrlich! Etwas abseits des Hofes stand eine Bank auf einer Anhöhe. Der perfekte Rastplatz. Dort werde ich warten und erst mal etwas essen. Ah, da sitzt schon jemand. Den frage ich gleich mal, ob der Weg, den man nach oben verlaufen sieht, auch zu der Hütte führt und ob er U. gesehen hat. Vielleicht ist er ja gerade von oben runter gekommen und macht nun Rast hier. „Sagen Sie, der Weg da, führt der zu der Hütte hier?“ Ich deute auf die Karte. „Weiß nicht“, erhalte ich als Antwort. „Ist vielleicht eine Frau mit rotem Rucksack und roter Kappe von dort runter gekommen?“, starte ich noch einen Versuch. „Keine Ahnung.“ Also gut, das war wohl nichts. Ich hole tief Luft und seufze. Was nun?

Der Mann sitzt mitten auf der Bank. Zu seiner Rechten wäre Platz, da steht aber ein Auto direkt vor der Bank und versperrt die Aussicht. Auf die Landschaft und noch wichtiger: Auf den Weg. Linker Hand ist Platz. Ein Pilz wuchert dort aus einem Spalt. Mit meinem Stock kratze ich ihn weg. „Den können Sie doch da lassen! Ist doch genug Platz da“, meint er und deutet nach rechts. „Ich möchte mich hier aber gern hinsetzen“, erwidere ich etwas unwirsch. Das wird ja immer besser: Total unhilfsbereit und dann auch noch Vorschriften machen, wo man sich hinsetzen soll. Sieht der denn nicht, dass ich kurz vorm Durchdrehen bin? Was, wenn U. etwas passiert ist? Und ich später erklären muss, dass ich einfach weiter gegangen bin? Was glaubt er eigentlich, wer er ist? Hat wahrscheinlich keine Ahnung, was in den Bergen alles so passieren kann. Den Schuhen nach zu urteilen, jedenfalls nicht. Hat auch nur eine Plastikflasche mit Wasser dabei. Und sonst nichts.

Schweigend setze ich mich hin. Nun bin ich nicht nur verzweifelt, sondern auch noch wütend. So was von unfreundlich ist mir schon lange nicht mehr begegnet. Nur aus reiner Notwendigkeit zwinge ich mich, ein paar Bissen zu vertilgen. Immer wieder schaue ich nervös zum Berg und in die Richtung, aus der ich gekommen bin. Nichts. Nach einer Weile steht der Mann auf. Ohne Gruß und ein weiteres Wort. Ja, solche Leute kann ich gut leiden. Null Mitgefühl und unfreundlich obendrein. Er folgt dem Weg und geht dann ins Haus. Super! Der Besitzer selber! Oh Mann! Wahrscheinlich hat er den Pilz selbst gezüchtet. Seit Jahren! Und dann komme ich und mache ihn kaputt. Er hätte aber auch ein Stück rücken können. Hat ihm bestimmt nicht gepasst, dass ich mich auf die Bank setzen wollte. Seine Bank. Ich gehe jetzt rüber und entschuldige mich und sage, dass ich echt verzweifelt bin und nicht weiß, was ich tun soll. Und dass es keine Absicht war usw. Aber wütend bin ich irgendwie noch immer. Jetzt noch mehr. Sturer Bergschrat. Bekommt ihm anscheinend nicht gut, so viel frische Luft.

Ich ärgere mich so sehr, dass ich fast vergesse, wie verzweifelt ich bin. Doch dann ist es wieder da, das ungute Gefühl und die Hilflosigkeit. Und so sitze ich eine ganze Weile auf der Bank ohne Pilz.

 

…Fortsetzung folgt

Back to school

Leseecke“Wenn Du eine Pause von Deinem Leben nehmen und nochmals zur Schule gehen könntest, um ein Fach zu studieren, welches wäre das?“

Mit Bayern hat nun auch das letzte Bundesland wieder mit der Schule begonnen. Grund genug, sich nochmals an die eigene Schulzeit zu erinnern und sich der Frage stellen: Würde ich gern nochmals die Schulbank drücken? Als Schüler denkt man ja immer, dass es nichts Schlimmeres als die Schule gibt und wünscht sich bis zum Schluss, endlich erwachsen zu sein, sein eigenes Geld zu verdienen und endlich nicht mehr lernen zu müssen. Während alle Erwachsenen einem immerzu predigen, dass man es nie mehr so schön haben wird, wie während der Schulzeit. Von meiner Warte aus kann ich beides bejahen. Als Schüler habe ich mich so durchgeschlagen. Immer irgendwo im Mittelfeld. Ohne große Opfer und ohne großen Druck. So war das damals. Der Aussage, dass die Schulzeit das Schönste sei, konnte ich trotzdem wenig abgewinnen. Ich wollte mein eigener Herr sein. Raus in die Welt. Das Leben spüren. Heute weiß ich, dass zumindestens eine große Portion Wahrheit dahinter steckt. Nie wieder war es so unbeschwert. Nie wieder war das Leben so einfach und frei von Zwängen. Nie wieder waren die Tage so lang und voller Ideen.

Wer meinen Blog hin und wieder aufmerksam verfolgt, erinnert sich vielleicht, dass ich seinerzeit nicht studiert habe. Auch nachdem viele nach Ausbildungsabschluss studiert haben, hat es mich nicht gereizt. Wie gesagt, ich wollte raus in die Welt. Frei sein. Später habe ich neben vielen Fortbildungskursen auch meinen Ausbilder im Selbststudium neben der Arbeit gemacht. Das war anfangs eine ziemliche Plackerei. Hatte ich doch schon fast vergessen, wie es ist, zu lernen. Inzwischen denke ich eigentlich, dass ich fertig bin mit Lernen. Also nicht das tagtägliche Lernen. Mit neuen Gegebenheiten klar kommen. Technisch nicht den Anschluss zu verlieren. Immer wieder die eigene Sichtweise revidieren. Das alles ist sicherlich ein lebenslanger Lernprozess. Aber das Erlernen im Sinne von Studieren und Spezialisieren. Würde ich das machen wollen? Für Prüfungen lernen, um dann vielleicht festzustellen, dass ich genau dieses Thema nicht so ganz parat habe? Nervös vor der Klasse stehen und ein Referat halten? Meinen Stil von Professoren kritisieren lassen? Ellenlange Aufsätze schreiben? Mathematische Formeln pauken? Nun müsste die Antwort eigentlich „nein“ sein. Und doch: Ja, ich könnte mich für die Rückkehr zur Schulbank begeistern. Da ich nun aber doch nicht mehr so ganz zur typischen Schülerzielgruppe zähle, denke ich da eher an ein Studium. An einer dieser historischen Universitäten. Mit riesigen Hörsälen. Altem Gemäuer und dem Hauch von antikem Glanz. Als Studiengang würde ich etwas Schöngeistiges wählen. Den ganzen Tag reden und philosophieren. Jede Menge Literatur lesen. Gedankenschlösser bauen und die Welt analysieren. Morgens, also mittags eintrudeln. Ungeschminkt, im Schlabberlook. Die Tasche lässig über der Schulter. Ein Stift, ein Block. Im Hörsaal sitzen und mich berieseln lassen. Im Park sitzen und Bücher lesen. Im Café studieren. Ein Alt-Hippie, den man irgendwo vergessen hat. So was wäre ich. Ja, doch, dafür würde ich es durchaus in Erwägung ziehen, mein freies, selbstbestimmtes Leben aufzugeben. Sollte da draußen also jemand gern mein Studium unterstützen wollen, bitte einfach melden. Ich würde auch abends in einer Kneipe bedienen, um die Kasse ein bisschen aufzubessern.

Eure Kerstin