Das Schiff ohne Kapitän

Wenn die Ratten das sinkende Schiff verlassen, ist der Kapitän für gewöhnlich derjenige, der noch immer wie ein Fels in der Brandung auf der Brücke und am Ruder steht und versucht zu retten, was zu retten ist.

Dass der Kapitän von den Ratten über Bord geworfen wird, kommt wenn, dann eher in Piratenfilmen vor. Und dann geschieht es dem Kapitän meist zurecht. In der modernen Fassung gibt es das manchmal auch in Unternehmen, in denen kurzsichtige Ratten sich an ebensolchen Strategien versuchen.

Als dritte Möglichkeit gibt es da auch noch den Kapitän, der zum Wohle seiner Mannschaft freiwillig auf Amt und Würden verzichtet. Dabei fällt mir immer ein Bericht in der Sonderbeilage der FAZ ein, die ich im Urlaub am Gardasee als Teenager zu lesen bekam. Dabei ging es um die Kapitulation Japans 1945 und die Stimme des Kranichs, also die Rede von Kaiser Hirohito, in der er sein Volk auffordert „das Unerträgliche zu ertragen und das nicht Duldbare zu erdulden“. Nach mehr als zweitausend Jahren musste Japan erstmals eine so allumfassende Niederlage hinnehmen. Der Kaiser, so heißt es in vielen Berichten, hätte die Geschichte seines Landes durchaus anders schreiben können, wenn er denn mehr getan hätte, als stets zu Diensten zu sein.

Doch anders als die Ratten so mancher Firma, ließ man dem Kaiser, wenn auch nicht die Macht, so doch das Amt und vor allem die Würde, was letzten Endes dazu führte, dass Japan innerhalb von vier Jahrzehnten zur wirtschaftlichen Weltmacht wurde.

Nun, das bringt mich wieder zu jenem Punkt, an dem die Ratten den Kapitän über Bord werfen und ihm dabei dann auch noch selbst die Aufgabe übertragen wird, der Mannschaft seinen Rücktritt zu verkünden. Und so mag es der Mannschaft ganz ähnlich ergangen sein wie dem japanischen Volk damals, als es die Stimme des Monarchen zum ersten Mal überhaupt vernahm: In der sich ausbreitenden Stille hätte man den Flügelschlag eines Kranichs hören können. Die Rede mag nicht ganz so kunstvoll gewesen sein, dafür umso unmissverständlicher. Ab sofort ist das Schiff ohne Kapitän. Stets zu Diensten und auch noch stets mehr als nur Dienst getan, können also ebenso zur Niederlage führen. Dem betretenen Schweigen folgt die Schockstarre. Und fortan taumelt das Schiff führerlos, von Ratten befehligt, die Mannschaft vom schlingernden Kurs orientierungslos, durch die Meere der Wirtschaft, von Weltmacht keine Spur.

Konferenz

Im Andenken an einen wunderbaren und stolzen Kapitän möchte ich es mit den Worten des amerikanischen Generals Douglas MacArthur sagen, dem seinerzeit Kaiser Hirohito seinen Rücktritt anbot und gleichzeitig die Konsequenzen vollends auf sich nahm: „Einen Mann, der einmal so hoch stand, nun so erniedrigt zu sehen, schmerzt mich.“ Und so wie MacArthur wusste, dass er „dem ersten Gentleman Japans gegenüber stand“, so weiß ich, dass der letzte Gentleman soeben das Büro verlassen hat.

 

Eure Kerstin

 

Gummistiefelweg

Nach langer Zeit mal wieder ein Beitrag in der Rubrik „Leseecke“.
Inspiriert vom örtlichen Schreibwettbewerb und weil heute Weltglückstag ist, habe ich einfach mal meine Geschichte eingesandt.

Direkt hinter dem Haus war das Moor. Und wenn er abends mit der Arbeit auf dem Hof fertig war, saß er auf der Bank neben der Eingangstür und blinzelte in den Sonnenuntergang. An Regentagen blickte er mit zusammengekniffenen Augen in Richtung Moor und sah den Nebeln zu, wie sie über die Landschaft zogen. Im Winter hielt er eine dampfende Tasse in Händen, um sich zu wärmen und bisweilen erschauderte er beim Anblick der bizarren Formen, die Eis und Schnee geformt hatten. Was wohl hinter dem Moor war, fragte er sich, wenn er so dasaß und den Horizont absuchte. Ob es dort ein Meer gab? Einen Fluss vielleicht? Oder Berge? Sein ganzes Leben hatte er immer nur darüber gegrübelt, es aber immer dabei belassen.

Der Frühling kam und verscheuchte die trübsinnigen Gedanken. Zu viel Arbeit gab es, um sich weiter Träumereien und Hirngespinsten hinzugeben. Am Abend setzte er sich wie immer auf die Bank und blickte in Richtung Moor. Die Sonne stand schon tief, so dass er die Hände vor die Augen halten musste, um die tanzenden Lichter am Horizont zu erspähen. Und dann stand sie auf einmal vor ihm. Ihr Gesicht lag im Dunkeln als er aufblickte. „Ist ja ganz schön weit draußen hier“, sagte sie. Und als er sie nur weiter stumm anblickte: „Kann ich vielleicht heute Nacht hier irgendwo schlafen? Heute schaffe ich es sicher nicht mehr im Hellen über das Moor.“ Er stand auf und ging ins Haus. Und dann kam er wieder heraus. Aber sie war noch da. Stand da mit ihrem Rucksack und verdreckten Kleidern. „Also, was ist? Kann ich bleiben? Du hast mich schon verstanden, oder?“ Sie sah ihn fragend und zugleich unsicher an. Er schluckte ein paar Mal und räusperte sich. „Ja, also, neben der Stube ist noch ein Zimmer….“ „Prima“, fiel Sie ihm ins Wort und ging an ihm vorbei ins Haus.

Später half sie ihm in der Küche und erzählte, dass sie auf dem Weg nach Finnland sei. Voller Staunen folgte er ihren Worten. Finnland, das war unvorstellbar weit weg und klang nach Freiheit und Leben. Er kannte nur den Hof und die Stadt mit ihren Straßen und Geschäften und den Menschen, die dort lebten. Viel Kontakt hatte er nie gehabt. Zu laut und hastig war ihm immer alles erschienen. Und seine Freunde, die ihn besuchten, waren meist voller Ungeduld, wenn er mit ihnen auf der Bank saß und über das Moor und was dahinter wohl sein mochte, sinnierte. „Ist doch egal“, sagten sie oft, „Was soll da schon sein? Ist halt ein Moor und dann ‘ne Stadt. Oder irgendwas halt. Komm‘, lass uns in die Stadt fahren und feiern.“ Und wenn er dann wieder auf seinem Hof war, auf der Bank saß und über das Moor schaute, fragte er sich, ob da vielleicht auch jemand saß und genau wie er darüber nachdachte, was denn wohl auf der anderen Seite wäre. Und ob es eine Stadt wie seine wäre. All das erzählte er ihr. „Tja, keine Ahnung, aber ich werde es herausfinden. Morgen gehe ich durch das Moor und dann immer weiter. Bis nach Finnland.“

Am Morgen lag er in seinem Bett und dachte über den Traum nach, den er gehabt hatte. Da war ein Mädchen gewesen. Mit einem Rucksack. Das wollte nach Finnland. Zu Fuß. Durch das Moor. Einfach so. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Ein schöner Traum war das gewesen. Und dann stand sie auf unvermittelt in seinem Zimmer. „Also, ich muss jetzt los. Danke, dass ich hier schlafen durfte.“ Und dann war sie auch schon wieder weg. Er rappelte sich auf und stolperte, die Bettdecke verfing sich in seinen Füßen. Als er vor die Tür trat, hatte sie schon ihren Rucksack auf den Schultern. Sie drückte ihm links und rechts einen Kuss auf die Wange und dann zog sie los. Direkt in Richtung Moor. Sie drehte sich noch einmal um und winkte. Fast sah es aus, als ob sie tanzend durch das Moor hüpfte. Und irgendwie war ihm ihr Winken nicht wie ein Abschied, sondern wie eine Einladung erschienen. Finnland, das war ja verrückt. Er schüttelte den Kopf und ging zurück ins Haus.

Und plötzlich musste er lachen. Er ging in die Küche, wickelte Brot, Wurst und Käse in ein Tuch und verstaute alles in seinem Leinensack. Vor der Tür holte er tief Luft. Ein herrlicher Tag. Die Luft war klar und er fühlte sein Herz schlagen als er so durch das Moor lief. Unter seinen Gummistiefeln hörte er es glucksen und der Boden gab nach und in seinen Fußabdrücken bildete sich ein kleiner See mit dunklem Wasser. Irgendwann wich das Moor einer Wiese, auf der man noch die Spuren des Winters erkennen konnte. Der lehmige Boden war matschig und er sank immer wieder mit den Gummistiefeln tief ein, blieb stecken und musste den Schuh mühsam aus der Erde ziehen. Er stapfte weiter, seine Schuhe schwer und voller Dreck. Dann erblickte er einen Weg, den in einen Wald führte. Und am Ende konnte er gerade noch sehen, wie sie darin verschwand. Er zog die nutzlosen Gummistiefel aus und fing an zu rennen.

Autobiographie eines gemeinen Lebens

Karte Nr. 30: „’Wir sind, was wir wiederholt tun.’ Aristoteles. Doch was tue ich eigentlich? Was ist mir wichtig? Wo ist mein Ziel? Schreiben Sie ein Konzept für Ihre Autobiographie. Was wäre Ihr Schwerpunkt, wovon handelt der Film Ihres Lebens?“

An der Stelle möchte ich gern John Denver zitieren: „On the road of experience, I’m trying to find my own way, […] And I’m looking for space, And to find out who I am, And I’m looking to know and understand.”

Wer schon einmal in einem amerikanischen Buchladen gestöbert hat, weiß wovon ich rede. Die Regale sind voll von Anleitungen, wie man die Geschichte seines Lebens packend und brillant erzählt. So, dass daraus ein Bestseller wird. Gekrönt wird das Ganze von einem unüberschaubaren Angebot an Schreibkursen zum gleichen Thema. Ich habe mir vor bald zwanzig Jahren auch einen solchen Ratgeber zugelegt. Da war ich dreißig. Doch, was hätte ich zu erzählen gehabt? Mein Leben ist ein ganz normales, von außen betrachtet mag es sogar langweilig erscheinen.

Und doch empfinde ich mein Leben als das Wichtigste. Warum auch nicht? Es ist ja meines. Will ich tauschen? Manchmal sicherlich. Doch gegen was? Mehr Geld? Mehr Ruhm? Mehr Liebe? Und was dann? Wäre ich dann glücklicher? Wahrscheinlich nicht. Irgendwas ist ja schließlich immer.

Damals hatte ich ein paar Fassungen meiner Autobiographie angefangen. Irgendwann fand ich es dann albern. Nein, falsch, ich wusste einfach nichts Packendes und Brillantes über mein Leben zu sagen. Wie auch, ich war ja gerade mal Anfang dreißig.

Mittlerweile befinde ich mich an einem Punkt, an dem der Zenit definitiv überschritten ist. Der Teil vor mir ist, statistisch gesehen, kürzer, als derjenige, der schon hinter mir liegt. Das ist nichts Schlimmes. Nichts, was mich mit Gram belastet. Ich habe eine Menge Erfahrung gesammelt. Ich weiß im Grunde, was ich will und was mir gut tut.

Eigentlich könnte ich könnte also den Ratgeber, der sich mit Sicherheit noch in meinem Bücherschrank befindet – man weiß ja nie – erneut zu Rate ziehen. Ein paar Stichpunkte notieren, bevor mir mein Gedächtnis einen Strich durch die Rechnung macht.

Doch wollte ich meine Geschichte wirklich in gedruckter Form sehen? Wer würde so was kaufen? Geschweige denn lesen? Die Autobiographie eines gemeinen Lebens. Denn, wie auch mit dreißig schon, zählt mein Leben zu den ganz gewöhnlichen, durchschnittlichen und „normalen“.

Und nur mal, rein hypothetisch angenommen, es würde ein Bestseller werden, was dann? Jeder weitere Versuch einer literarischen Karriere wäre zum Scheitern verurteilt. Mein Leben wäre schließlich erzählt. Ich wäre ein One-Hit-Wonder der Buchindustrie.

Also vergilben die Seiten von damals in einem Ordner. Vielleicht hole sie irgendwann noch einmal hervor und amüsiere mich über mein Leben. Und veranstalte dann einen gemütlichen Kaminabend mit einem wirklich guten Buch.

Tja, damit wäre mein Zu-Ende-Bringen-Projekt wohl wirklich zu Ende und es fehlt nur noch die Zusammenfassung. Also nochmals ein Fortsetzung folgt…

Eure Kerstin

Tag der Abrechnung – Wie man sich mehr Raum verschafft

Etwas über einen Monat ist es her, dass ich Karte Nr. 8 gezogen habe: „Schaffen Sie sich Platz: Feng-Shui für die Seele. Trennen Sie sich von Ballast, den Sie schon lange loswerden wollen – egal ob von der Nervensäge auf Facebook oder dem kaputten Radio in der Küche.“

Seitdem war ich schwer mit Aufräumen beschäftigt. Und wie. Ich konnte gar nicht mehr aufhören. Was mir dabei alles in die Hände gefallen ist, kann unter „Wie man sich mehr Raum verschafft“ nachgelesen werden. Habe ich nun mehr Platz? Sicherlich. Ebenso sicher werde ich meine Augen weiterhin offen halten, um erstens weiter das Gerümpel in Schach zu halten und zweitens erst gar nicht mehr so viel Schnickschnack anzuhäufen. Soweit der Plan.

Habe ich auch mehr Platz für meine Seele? Hm, fraglich. Denken wir doch bei Ballast eher an den emotionalen Ballast, die man durch eine simple Aufräumaktion nicht so einfach los wird. Das Problem mit derartigen Erinnerungsträgern ist auch, dass wir diese bisweilen sogar ganz gut leiden können. Zum Beispiel ein Schal – Geburtstag- oder Jahrestagsgeschenk: Im Grunde tragen wir den Schal gern, weil er kuschelig und schön ist, werden aber auch gleichzeitig an etwas erinnert, das wir gern aus unserem Gedächtnis streichen würden. Was passiert, wenn wir uns dann doch von dem Gegenstand trennen? Ein Schal lässt sich vielleicht einfacher „verschmerzen“ als vielleicht ein Möbelstück, welches nun auch noch einen leeren Platz hinterlässt, der uns obendrein und zusätzlich an das Fehlen eines solchen erinnert. Also muss unter Umständen ein Ersatz gefunden und angeschafft werden. Wie erfolgreich mag ein solcher Austausch wohl sein? Würde ich nicht automatisch nach etwas dem Original sehr Ähnlichem suchen und mich dann fast schon gezwungener Maßen mit einer unzureichenden Kopie abgeben, die ich dann nur bedingt gut finde? Oder wage ich etwas total Neues? Etwas, was womöglich im ersten Moment überhaupt nicht mein Stil ist.

Und was passiert mit solchen Erinnerungsstücken, die neben dem immateriellen Wert einen tatsächlichen haben? Schmuck – ein Klassiker. Wenn ich diesen verkaufe und mir etwas davon gönne, eine Massage beispielweise, kann ich diese dann auch genießen? Oder ich kaufe ein Gemälde. Muss ich dann beim Betrachten vielleicht ständig daran denken, was den Erwerb möglich gemacht hat?

Das Problem ist, je älter man wird, um so mehr seelischer Ballast häuft sich an, von dem man sich eventuell (noch) nicht bereit ist zu trennen.

Selbstverständlich schaffen wir uns auch selbst Dinge an, die wir mit Erinnerungen belegen. Vielleicht gerade weil es uns seelisch schlecht geht, kaufen wir etwas als Ersatzbefriedigung. Vielleicht eine Kaffeetasse. Kann diese es jemals zur Lieblingstasse schaffen oder fristet sie im hinteren Teil des Schrankes ein ewiges Schattendasein? Was passiert mit Dingen, die aus einem bestimmten Anlass bzw. mit einer gewissen Absicht in unserem Besitz sind? Ein Beispiel: Ich habe mir vor Jahren, aus Freude über eine neue Wohnung, um das Glück noch zu verstärken bzw. zu erhalten, einen sogenannten Lucky Bamboo gekauft. Er hatte Wasser und stand am Fenster. Mehr braucht so ein Glücksbringer eigentlich nicht, wenn ich die Gebrauchsanweisung richtig gelesen habe. Dann aber wurde in meine Wohnung eingebrochen. Ein Anti-Glückfall sozusagen. Wo war der Bambus, möchte ich gern wissen? Im Grunde hätte ich ihn nach dieser Aktion wahrscheinlich kurzerhand rauswerfen sollen. Aber nein, ich habe ihn behalten und seitdem zieht er mit mir durch die Welt. Und das wohl eher, da ich schon fast Angst habe, noch mehr Unglück anzuziehen, sollte ich mich von ihm trennen. Nun aber kommt das Paradoxe: Ich kümmere mich nur sehr nachlässig um die Pflanze, da ich dem grünen Stängel noch immer böse bin wegen des Einbruchs. Heißt das nun, dass ich damit weiteres Unglück herauf beschwöre oder war der Lucky Bamboo am Ende von Anfang an nur ein Unglücksrabe im Schafspelz und ich hätte ihn damals schon zu Kleinholz verarbeiten sollen? Was, wenn nun das Unglück mein ständiger Begleiter ist? Und wenn ja, wie werde ich es los?

Zurück zur Bilanz und dem Tag der Abrechnung für Karte Nr. 8. Neben all den materiellen Dingen habe ich es schließlich doch noch geschafft, etwas Seelensäuberung zu betreiben, bei dem mir der Zufall zu Hilfe kam. Ich gehöre zu den Menschen, die ein Handy lediglich dafür benutzen, wofür es geschaffen wurde: Zum Telefonieren. Gut, hin und wieder ist auch die eine oder andere SMS dabei. Vielmehr mache ich damit nicht. Von daher besitze ich ein recht altertümliches Modell mit Tasten. Ich habe keine Apps zum Errechnen der perfekten Eierkochzeit und ich kann keine Musik damit hören. Tja, man könnte sagen, ich behandle mein Handy fasr ebenso nachlässig wie den Bambus. Zumindestens sieht es recht mitgenommen aus. Im wahrsten Sinne des Wortes. Es passt in die Hosentasche ohne diese auszubeulen und in eine kleine Abendhandtasche. Allerdings mangelt es an Eleganz und inzwischen auch Funktionalität. Mit Klebeband wurde unlängst das Display zum Durchhalten bewogen. Die Ecken haben sich schon vor längerer Zeit bei diversen Abstürzen verabschiedet. Und vor kurzem muss die im Gerät eingebaute Antenne einen Knacks abbekommen haben, da ich zusehends und immer öfter nur Notrufe absetzen hätte können. Lange Rede, kurzer Sinn: Das Christkind hatte Erbarmen oder Mitleid oder Angst um mein Seelenheil und mir großzügigerweise unter den Weihnachtsbaum ein schickes Smartphone gelegt. Während ich die alte SIM-Karte in das neue Handy eingelegt habe, bin ich über meine Kontakte gestolpert. Viele von denen kann ich schon gar nicht mehr als Kontakt bezeichnen, da bereits seit Jahren ein solcher nicht mehr besteht oder auch noch nie bestand, wenn es sich um vom Mobilfunkunternehmen vorinstallierte Nummern handelt. Manch einer war mit drei verschiedenen Handynummern versehen. Andere wiederum wurden mal für berufliche Zwecke benötigt. Und einige haben sich tatsächlich aus meinem Leben verabschiedet oder ich mich aus ihren. Und so habe ich das alte Handy gespendet, obwohl ich glaube, dass selbst Bedürftige mein Angebot ausschlagen werden. Und mit dem alten Handy habe ich mich nun von vielen seit langem überflüssigen und ungenutzten Telefonnummern getrennt. Dabei sind mir jede Menge schöne Erinnerungen durch den Kopf gegangen und ich bei jedem Löschen habe ich einen Abschiedsgruß mit auf den Weg gesandt. Und wen es interessiert: Die Eierkochapp wird auch jetzt nicht bei mir Einzug halten, denn da halte ich es wie Loriot und koche die nach Gefühl oder mit der guten alten Eieruhr.

Bleibt noch die Vorschau auf die neue Aufgabe. Passend zum energiegeladenen Vormonat eine Powerkarte: „Seien Sie mutig. Tun Sie etwas, das Sie Überwindung kostet – gehen Sie zum Beispiel abends allein zum Essen. Verstecken Sie sich nicht hinter einer Zeitung, sondern beobachten Sie bewusst die Leute. Herausforderungen durchbrechen die Routine und fördern die Lebenslust.“ Na dann, Prosit Neujahr und bis in einem Monat.

Eure Kerstin

P.S.: Ach ja, und für den Bambus werde ich einen Freund kaufen. Schließlich ist keiner gern allein. Und vielleicht bringt ihn das auf andere Gedanken.

Das Kind beim Namen nennen

Leseecke„Kennen Sie die Bedeutung Ihres Namens und warum Ihre Eltern diesen für Sie auswählten? Glauben Sie, er passt zu Ihnen?“

Wenn man so wie ich ein ganzes, halbes Leben mit seinem Namen einfach so dahinlebt, dann ist man manchmal ganz schön überrascht, was man so alles mit ein bisschen Nachforschen darüber erfährt.

Eigentlich konnte ich ja meinen Namen – Kerstin – in jungen Jahren nie so richtig leiden. Irgendwie fand ich ihn komisch. Wahrscheinlich habe ich deswegen auch meine Eltern nicht gefragt, warum sie mir diesen Namen gegeben haben – aus Angst, dass dabei irgendwas Komisches bei rauskommt. Ich kannte niemanden, der auch so hieß, weder im Bekanntenkreis, noch irgendwelche bekannten Persönlichkeiten. Auch bin ich nicht mit einem Zweitnamen gesegnet, den ich als Ersatz hätte einsetzen können. Entweder waren meine Eltern mit der Namensfindung schon dermaßen überlastet, dass die Energie für einen zweiten nicht mehr reichte, oder aber die Streitereien in der Verwandtschaft ob des Zweitnamens wären so unschön gewesen, dass sie erst gar nicht den Versuch wagten. So sind mein Name und ich irgendwie immer allein geblieben.

Nun bin ich also der Frage nach der Bedeutung erstmals etwas intensiver nachgegangen. Bis dato hatte mich das nicht wirklich interessiert. Wahrscheinlich wieder die Angst, dass auch da was Komisches bei rauskommt. Klar war mir eigentlich nur, dass Kerstin ein eher nordischer Name ist. Skandinavisch um genauer zu sein. Allerdings ist der Ursprung griechisch. Von Christiane. Was wiederum die Christliche, die Gottestreue, die Gesalbte bedeutet. Oha, das war dann wohl doch eher Zufall, dass ich mit diesem Namen geendet bin, denn davon wurde in meiner Familie ja gleich gar nichts praktiziert. Bis auf das Singen von Weihnachtsliedern und den gelegentlichen Besuch des Weihnachtsgottesdienstes gab es keine christlichen Berührungspunkte. Meine Mutter hatte hin und wieder sogar recht ketzerische Aussagen auf Lager. Sie war ein Kind der Nachkriegszeit und sehr geprägt von der Frauenbewegung. Gern lasse ich mich bisweilen auch zu der Aussage, dass man mich im Mittelalter sicherlich als Hexe verbrannt hätte, hinreißen. So viel zum Thema Gottestreue.

Wie man von Christiane schließlich auf Kerstin kommt ist mir zwar noch etwas unklar, aber die Vermutung, dass ich den Namen einer Modeerscheinung zu verdanken habe, liegt nahe. Kerstin zählte in der Zeit von zwischen 1960 und 1970 zu den zehn beliebtesten Namen. Die Popularität fiel unmittelbar mit dem damaligen Skandalfilm „Sie tanzte nur einen Sommer“ aus dem Jahre 1951 zusammen. Kerstin war der Name der weiblichen Hauptrolle. Ein Film, der seinerzeit Schlagzeilen auf Grund der Badeszene schrieb. Auch das Aufbegehren der Jugend gegenüber den Konventionen sorgte für Gesprächsstoff. Vielleicht habe ich es also auch ein bisschen dem rebellischen Wesen meiner Mutter zu verdanken, dass ich den Namen der am Ende bei einem Motorradunfall verunglückten Protagonisten, trage. In einer Zeit des Umbruchs als Zeichen, dass das Neue eine Chance braucht, um zu gedeihen und sich zu beweisen.

Dabei würde ich mich eher weniger auf der Seite derjenigen sehen, die einen Aufstand anzetteln. Bei meiner Recherche bestätigt sich diese Tatsache, denn mit dem Namen Kerstin verbindet man Wesenszüge wie freundlich, zuverlässig, intelligent, traditionell, lustig, sympathisch. Das hört sich doch alles recht positiv an. Genau so würde ich mich auch sehen. Etwas im Widerspruch steht die Tatsache, dass der Name eher mit Unsportlichkeit assoziiert wird, es aber mehr berühmte Sportlerinnen gibt, die Kerstin heißen als zum Beispiel Politikerinnen und Frauen in künstlerischen Berufen wie Schriftstellerinnen und Schauspielerinnen. Zumindestens wenn man den verschiedenen Internetplattformen Glauben schenken will.

Besonders abstrus sind diverse Spitz- und Kosenamen zu Kerstin. Es findet sich Keksi, Tinchen, Knasti, Kes, Klak, Kiste, Kirsche, Kerli. Keschi, Kex, um nur ein paar zu nennen. Da weiß ich gleich gar nicht, welcher nicht absolut grausig ist. Eventuell lässt sich das als Zeichen dafür deuten, dass der Name und die Trägerin eben keine Abkürzung/Verniedlichung brauchen. Ein Name, der ein bisschen nach Mittsommernacht, Freiheit und Eigenständigkeit klingt. Passt, würde ich sagen und meine Eltern haben dem Kind genau den richtigen Namen gegeben. Und den Rest mit der Gottestreue kriege ich dann schon noch hin. Jetzt, wo ich erfahren habe, dass mir sogar einen Namenstag, der 24. Juli, gewidmet ist, besinne ich mich vielleicht auch noch auf diesen Aspekt meines Namens. Immerhin habe ich noch ein ganzes, halbes Leben vor mir.

Eure Kerstin