Die Sache mit der Prophezeiung

Wir alle wissen ja nur zu gut, dass alles, was wir in die Welt hinaustragen, posaunt oder händisch, in irgendeiner Art und Weise wieder zu uns zurückkommt. Die Rache des Universums könnte manch Anhänger diverser und aus dem Boden schießender Theorien es auch leichthin nennen. Theorien habe ich selbst natürlich zuhauf, konfrontiert mit der Realität, praktisch keine. Aber immer wieder gern sage ich: „Careful, what you wish for“ oder „Ungenau gewünscht“.

Tja, so ist das und in Anlehnung an meinen letzten Artikel „Der Hotspot“ kommt meine zynisch ausgesandte Gehässigkeit nun postwendend zurück. Live, in ziemlich düsteren Farben und in Form eines wohnorteigenen Hotspots mit all den durcheinander gewürfelten und undurchschaubaren Verstrickungen. Wer hätte das gedacht? Mittendrin statt nur dabei. Böse Zungen könnten jetzt vermuten und sogar behaupten, dass ich mir den Feind schließlich selbst eingeladen habe, als ich so leichtsinnig meinem Vergnügen nachgegangen bin und dann auch noch spöttisch darüber philosophiert habe. So, nach dem Motto der selbsterfüllenden Prophezeiung.

Die Schule des jugendlichen Mitbewohners versucht noch zu retten, was zu retten ist. Im neuesten und zwischenzeitlich auch schon wieder von der Wirklichkeit und den Ereignissen überholten und über den Haufen geworfenen Brief der Schulleitung, die schon längst die Führung abgegeben zu haben scheint, denn welch Akademiker würde sich sonst wohl zu der Aussage, man möge doch die in diesem Zusammenhang entstehenden Reibungsverluste entschuldigen, hinreißen lassen, folgt man den Anweisungen des Amtsapparates.

Erstens: Kein Sportunterricht mehr. Gut, nach all den Wochen sportlicher Ertüchtigung mit Maske bin ich voll dafür, die Kinder nicht weiter zu quälen. Wer schon mal Höhentraining oder andere Grenzerfahrungen in Bezug auf Sauerstoffmangel bei gleichzeitiger Erhöhung des Pulsschlages gemacht hat, kann dies nachvollziehen.

Zweitens: Klassenübergreifender Unterricht ist auch nicht mehr möglich, sondern Lehren und Lernen findet nur noch im Klassenverband statt. Heißt im Klartext, ab sofort kein Religionsunterricht mehr. Und das in Bayern, wo dieser stundenmäßig so manchem Fach überlegen ist. Eines weiteren Kommentars enthalte ich mich, wir alle müssen tatsächlich Zugeständnisse machen. Gemischte Klassen in den Fremdsprachen ist auch nicht mehr. Nun, wenn wir so weitermachen, dann reicht es sowieso bald wieder völlig aus, wenn alle nur Deutsch können, weil reisen ist ja nicht. Nicht mal im eigenen Land ist man als Gast gern gesehen, was den lokalen Dialekten vielleicht unversehens zu einem ungeahnten Comeback verhilft.

Hört sich ja nach einem Plan an. Vernunft hin oder her. Allerdings betrifft das nicht die Oberstufe, in unserem Fall die 11. und 12. Jahrgangsstufe, also die in der Allgemeinheit als unzivilisierte Verweigerer und partywütige Alkoholiker wahrgenommene Gruppe. Meine Kollegin sprach unlängst, wenn auch in einem vollkommen anderen Zusammenhang, von einem Loch im Prozess. Während ich also „Ein Loch ist im Eimer, Karl-Otto…“ anstimme, hockt der Nachwuchs gleich „Häschen in der Grube“ im Durchzug offener Fenster und im Dunstkreis des Damoklesschwertes. Etwas mehr Contenance, meinte meine Kollegin im Hinblick auf meinen spontan unqualifizierten Gefühlsausbruch und ja, Botschaft angekommen. Schließlich kann ich es wirklich nicht verantworten, noch weitere schlechte Energieströme in meine Nähe, geschweige denn, mir ins Haus zu holen. So viel lüften geht gar nicht.

Das Gesetz der Strasse

Im Netz und den Gesprächen wird ja zur Genüge über Regeln, Vorschriften und Maßnahmen gesprochen und diskutiert. In anderen Ländern war und ist das sicherlich nicht anders. Es gibt immer Parteien und unterschiedliche Ansichten. Und es gibt Einsichtige und Uneinsichtige.

Und davon handelt die Geschichte, die mir die Bäckersfrau just erzählte als es noch begrenzt möglich war, sich in gastronomischen Einrichtungen zu treffen.

Im Bäckereicafé sitzen zwei ältere Damen, Stammkunden, oder wie sie sich ausdrückte „Alte Schachteln“, also ganz eindeutig Mitglieder der Risikogruppe. Die beiden hatten wohl Vorsichtsmaßnahmen getroffen und saßen mit Abstand zueinander am Tisch. Das Gespräch, wie eben so viele oder fast alle dieser Tage, dreht sich um die aktuellen Umstände.

„Diese dummen Jugendlichen. Die sitzen alle am Baggersee rum.“ Die Bäckersfrau kann nicht anders und schaltet sich in das Gespräch ein. „Also, wenn ich mich hier so umschaue, sind hier genauso Unvernünftige anzutreffen.“ Die Damen fühlen sich ganz offensichtlich angegriffen und inmitten der Servicewüste gelandet. Eine Diskussion im Generationenkonflikt bahnt sich an. Unmut macht sich breit, das Ganze eskaliert.

„Wollen Sie uns etwa hier rausschmeißen?“

„Nein, das kann ich erst um 15 Uhr, Sie sollten aber schon darüber nachdenken, ob das so richtig ist für Sie, hier zu sitzen.“

„Ja, also wissen Sie, zuhause da kriegt man ja einen Lagerkoller.“

„Wenn aber nun alle so denken, dann kommt die Ausgangssperre.“

„Ja dann, dann dürfen wir ja auch nicht mehr.“

„Und genau wegen dieser dummen, dummen Menschen bekommen wir noch die Ausgangssperre.“

Die Bäckersfrau ist sich sicher: Die beiden werden wohl nicht mehr kommen. Auch nach der Aufhebung der Ausgangsbeschränkung nicht.

Ein Verlust für das Geschäft. Ein gesellschaftlicher wohl nur bedingt, denn wenn jeder nur an sich denkt, herrscht das Gesetz der Straße. Zivilcourage einmal anders. Schade, dass ich da nicht dabei war.

Curfew

Und wegen dieser dummen, dummen Menschen wurden die Ausgangsbeschränkungen gerade um zwei Wochen verlängert. Traurig, ich dachte, die menschliche Gesellschaft wäre schon weiter.