Spurensuche – Einklang

Die Zeit in den Bergen ist eine andere.

Sie hinterlässt Spuren.

Körperliche.

Wenn die Anstrengung die Grenzen der Leistungsfähigkeit einfordert.

Vor allem aber seelische.

Energiegeladen.

Der Folgetag, geprägt von den Nachwirkungen.

Atmen.

Nachklang des eigenen Rhythmus.

Alle Geräusche scheinen ausgeblendet.

Die Welt, ein stiller und friedlicher Kosmos.

Nichts erschüttert den Geist.

Undurchdringlich.

Der Körper. Durchlässig. Getragen von der Luft und den Elementen.

Unantastbar.

Im Inneren Ruhe.

Einklang.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein

…, auch nicht von Mehl, Hefe (wird ja gerade zu Preisen wie Gold im Internet verkauft) und Wasser. Und der Geist erst recht nicht.

Brotbacken mag ja eine schöne Beschäftigung sein, wenn einem vor Langeweile die Decke auf den Kopf fällt und der Lagerkoller die eigenen vier Wände auf die Größe eines Wandschrankes schrumpfen lässt. Doch der Geist ist ein unersättlicher Genosse, dem nur schwer beizukommen ist und der selten zufriedenzustellen ist.

Aller körperlichen und geistigen Tätigkeiten, die man in seiner bis dato kostbaren Freizeit betrieben hat, beraubt, schießen die Angebote, diesen nachzugehen, nur so aus dem Boden…äh, dem Netz. Der Erfindergeist ist also weder dem Virus noch dem Konsum erlegen, wofür ich absolut dankbar bin. So viel Nähe, also räumliche, sind wir ja alle nicht (mehr) gewohnt und es dürfte niemanden verwundern, dass der Anstieg der häuslichen Gewalt sich proportional zur Dauer der Ausgangsbeschränkungen verhält. Ebenso die Depressionen.

Wir können einfach nicht mehr miteinander, schon gar nicht auf engem Raum und schon gar nicht auf Dauer. Das dürften die Trennungsraten nach den schönsten Wochen des Jahres und den friedvollen und besinnlichen Feiertagen eindrucksvoll untermauern. Und manchmal kann man auch nicht mit sich selbst allein sein.

Das Privileg, sich die weite Welt per Klick nach Hause zu holen, auch wenn es nicht mit 5G daherkommt, nehmen wir als selbstverständlich. Und dass wir nun nicht nur mit Streamen und Katzenvideos unsere Zeit verplempern, sondern auch mit immer mehr Apps und Diensten tatsächlich der Zeit in dieser Zeit einen Sinn geben können. Und das Angebot nimmt zu, nahezu tagtäglich wird der Markt mit neuen Zeitnutzungs- und Zeitvertreibungsmöglichkeiten schon fast überflutet.

Selbst ich, sonst ja ganz gern mal analog unterwegs, bin dem erlegen und habe mir ein paar Seiten als Favorit gespeichert und diverse Apps gegönnt. Und fast habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich das alles kostenlos frei Haus bekomme. Nun gut, selbst das Handy sagt, ich soll daheimbleiben.

Handy

Nun lausche ich, wenn die Nachrichten mal wieder Überhand nehmen, den Klassikkonzerten der Berliner Philharmonikern, oder meditiere live mit tausend anderen und versuche, meinen Geist einzufangen. Das Wohnzimmer wird mit der entsprechenden App zur Sporthalle. Es gibt Literaturlesungen und Theateraufführungen. Solch regen Anteil am kulturellen Leben nehme ich sonst das ganze Jahr nicht. Vor allem aber bringen diese Gadgets auf andere Gedanken und sorgen für Ablenkung.

Das ist alles gar nicht so schlecht, aber kommt natürlich nicht an das Original ran. Denn das Gefühl ist meist ebenso künstlich wie das virtuelle Erlebnis. Oh Mann, wie ich das Leben vermisse.

 

 

Von Krähen und Kranichen – oder: Saunastammtisch

Früher oder später sind wir alle auf der Suche nach Erleuchtung. Und bevor jetzt jemand die Augen verdreht und das als esoterischen Quatsch abtut, hier geht es um nackte Tatsachen.

Mein Seelenleben versuche ich mit dreimal die Woche mit Yoga ins Gleichgewicht zu bringen. Atmen, den Atem fließen lassen, Chakren (Energiezentren/Ebenen) aktivieren. Doch von der Erleuchtung bin ich meilenweit getrennt. Shiva, der im Kopf sitzt und das Männliche verkörpert, hat mich fest im Griff. Shakti, das Weibliche und der Gegenpol, liegt faul irgendwo am Ende meiner Wirbelsäule (Kundalini), auf der die Chakren sitzen, rum und beschäftigt ich mit was weiß ich. Soviel zur Theorie.

Yoga

Meine Yogalehrerin sagt immer: „Was wir hören, denken und tun, muss nicht das Gleiche sein.“ Womit sie absolut recht hat. Wer schon mal Power Yoga mit schnellen, abwechselnden Abfolgen gemacht hat, weiß wie schwierig das sein kann, wenn nebenbei auch noch der Atem völlig unbeschwert fließen soll. Ja, Yoga kann echt anstrengend sein. Körperlich und geistig.

Bei einer meiner Yogastunden herrscht ein Männeranteil von 50% und mehr. Ich denke, das sagt so einiges über den Anspruch und den Level aus. Die Sache mit der Erleuchtung rückt da immer etwas in den Hintergrund, die Männer sind doch eher am Sport als an der inneren Ausgeglichenheit interessiert. Nicht zu vergessen das Highlight, der nachfolgende Saunabesuch. Im schummrigen Dunkel lassen sich vortrefflich Stammtischparolen ausrufen und politische Ereignisse kommentieren. Da bekommt der Begriff „hitzige“ Diskussion einen ganz neuen Blickwinkel. Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob die Herren wegen des Sports oder des Aufgusses vor die Haustür gehen. Könnte auch eine Kombination aus beidem sein. „I train, because I want to look good naked“, hat mir mal jemand auf meine Frage, warum er am Marathontraining teilnimmt, geantwortet. Shiva, der eine ziemlich wilde Socke gewesen sein soll, zwinkert mir zu.

Ohne Fleiß kein Preis, und so üben wir regelmäßig Asanas, die den männlichen Yogis aufgrund der ungleichen Muskelkraftverteilung eher leichter fallen. Mit dazu gehört die Krähe. Und wie der Name schon sagt, handelt es sich da eher um eine gedrungene Kauerform, als denn etwas Leichtes und Anmutiges. Ich gebe zu, ich kämpfe seit Anbeginn mit der Stellung, die ein hohes Maß an Gleichgewicht und Stabilität und ziemlich viel Kraft in den Unterarmen und Handgelenken verlangt. Doch auch nach zig Versuchen, kann ich immer nur verstohlene, neidische Seitenblicke nach rechts und links werfen, während ich selbst recht unelegant nach vorne kippe und jedes Mal – im wahrsten Sinne des Wortes – auf die Fresse zu fallen drohe. Shiva, die wilde Socke tanzt und lacht.

Im anschließenden Saunagang werde ich dann gern mal aufs Korn genommen: „Hast ganz schön gewackelt heute.“ Haha, sehr witzig. Überhaupt werden die wenigen Frauen, die sich in den männlichen Hexenkessel wagen, ganz genau beäugt. Nach dem Motto, wer zuerst zuckt, hat verloren. Und solange noch keine Frau die Saunahölle verlassen hat, harren die Männer schnaufend und lamentierend aus – wobei sie gern unauffällig eine Stufe weiter nach unten rutschen.

Doch neulich hieß es: Mach mir den Kranich! Ausgehend von der gleichen Ausgangshaltung – einer Hocke – streckt er sich gen Himmel. Das klappt auf Anhieb und beflügelt mich geradezu. Die Knie ruhen in den Achseln, während die Zehen dem Nachbarn zuwinken. Euphorie macht sich breit und ich bin der Erleuchtung schon dicht auf den Fersen. Na ja, symbolisch zumindest. Shakti klettert die Chakren der Kundalini empor und lächelt Shiva zu, während meine ewig kreisenden Gedanken wie Schmetterlinge davon flattern.

In der Sauna dann: „Du hältst es aber ganz gut aus“, als ich nach 15 Minuten noch keine Anstalten mache, das Feld zu räumen. „Flach atmen hilft“, ist meine Antwort. Und in Gedanken füge ich hinzu: Tja, aus einer Krähe wird eben auch bei 90°C und im Halbdunkel kein Kranich.

 

Eure Kerstin