Wie gewonnen so zerronnen

Wenn am Wochenende mal wieder die Zeit umgestellt wird, dann ist sozusagen alles wieder beim Alten. Die Frage, ob man die Zeiger vor oder zurück stellen muss beschäftigen die Gesellschaft (muss das wirklich sein?) und deren Mitglieder (wie war das noch mal?). Bei Alten auch deshalb, weil ja die Winterzeit eigentlich diejenige ist, welche die „richtige“ Zeit ist. Doch was ist schon richtig? Und was ist schon richtig, wenn es um die Zeit geht? Wer kann denn bitteschön tatsächlich sagen, was die Zeit überhaupt ist, außer einem Instrument, mit dem wir die Vergänglichkeit messen? Im weitesten Sinn also Geschichte schreiben, indem wir diese in einen Zeitrahmen pressen.

Dabei sind unsere heutigen Diskussionen gar nicht neu, bis vielleicht auf die Tatsache, dass jeder seine Sichtweise kundtut und alle mitreden. Denn bis in das 19 Jahrhundert war es noch so, dass mehr oder weniger jedes Dorf seine eigene Zeit hatte. Mal lebte nach dem Stand der Sonne. Richtig, zwölf Uhr ist, wenn die Sonne am höchsten steht. Es gab eine Zeit in Berlin und eine „Münchner Zeit“, die sicherlich eng mit dem Weißwurstessge- und verbot zusammenhängt. Richtig, 12 Uhr ist, wenn es keine Weißwürste mehr gibt.

Erst 1893 wurde die sogenannte Mitteleuropäische Zeit(zone) eingeführt und schon 1916 wurde an dieser herumgedoktert und mit der Sommerzeit experimentiert. Und das immer wieder. Von 1947-1949 gab es sogar eine zusätzliche Hochsommerzeit von Mitte Mai bis Ende Juni. Doch dann kam das Wirtschaftswunder und man hatte wohl keine Zeit mehr, sich mit der Zeit zu befassen.

1980, eher auf Druck der europäischen Nachbarn denn aus Eigeninitiative, kam die Sommerzeit. Daran kann ich mich noch gut erinnern. Das war Ostersonntag und meine Eltern waren mit mir irgendwohin im Auto unterwegs. Ich dachte immerzu, das ist doch komisch, dass es jetzt schon 10 Uhr statt 9 Uhr ist, denn die Welt hatte sich irgendwie so gar nicht verändert, aber alles fühlte sich anders an, fast schon befremdlich. Damals allerdings war uns der Sommer und seine Zeit nur bis Ende September zugeteilt. Seit 1996 haben wir einen Monat dazu gewonnen und stellen nun die Uhren erst Ende Oktober wieder zurück.

Dieses Hin- und Hergespringe scheint dem heutigen Zeitgeist doch sehr entgegen zu kommen, möchte man meinen. Ständig auf dem Sprung. Mal gewinnt man, mal verliert man und die Routine gleicht für einen kurzen Augenblick dem Chaos. Und auch der Gedanke, dass der Sommer nie enden möge, ist nur allzu nachvollziehbar.

Zeit

Doch die Zeit ist immer gleich. Man kann sie nicht verändern. Sie lässt sich nicht einsparen, nicht gewinnen und sie verschwindet auch nicht. Stehlen oder gar fressen lässt sie sich schon gleich überhaupt nicht. Kurzum, die Zeit ist so gesehen die einzige Konstante. Sie war schon immer da und musste auch nicht geschaffen werden. Nicht mal von Gott. Vielleicht ist auch deshalb so faszinierend und unerklärlich. Wie heißt es doch so schön bei „Momo“ von Michael Ende:

„Es gibt ein großes und doch alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigstens denken darüber nach. Die meisten Menschen nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit. Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das will wenig besagen, denn jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen – je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt. Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“

Eure Kerstin

Das wahre Leben

Die Frage nach dem Warum beschäftigt uns ein Leben lang.
Wer kennt sie nicht, die Fragen der Kinder, die gerade die Sprache und die Macht, die von ihr ausgeht, entdecken? Alles wird mit einem Warum hinterfragt. Und auf jede Erklärung erfolgt ein weiteres Warum. So lange, bis den Gefragten die Macht der Gelassenheit verlässt und in Ohnmacht umschlägt: „Weil ich es sage“ oder „Darum“, sind dann meist die zugegebenermaßen etwas kläglichen Antworten und damit wird jeglicher weiteren Kommunikation der Boden entzogen.

So fängt es also an, mit der Frage nach dem Warum, basierend auf dem menschlichen Bedürfnis, die Welt, die Mitmenschen und letzten Endes auch sich selbst zu verstehen. Meist obliegt die Antwort bis zum Pubertätsalter den Eltern bzw. Erwachsenen und dann tritt erst einmal das Leben an deren Stelle. Doch irgendwann und scheinbar unmerklich richtet man die Frage an sich selbst. Das sind ganz banale Selbstgespräche wie: Warum habe ich (wieder) die ganze Tafel Schokolade gegessen, wo ich doch nur einen Riegel nehmen wollte? Warum bin ich nicht eher aufgestanden, dann hätte ich den Zug noch erwischt?
Und geht über in Fragen nach dem eigenen Selbst: Warum habe ich nicht daran gedacht? Warum mache ich mir ständig Sorgen? Warum kann ich nicht nein sagen?
Bis hin zu quälenden Selbstzweifeln: Warum kann ich nicht sagen, was in mir vorgeht, damit der/die andere mich versteht? Warum kann in meiner Familie niemand über seine Gefühle reden? Warum kann ich nicht glücklich sein?

Die Frage nach sich selbst wird ja zumeist nach Schicksalsschlägen und/oder herben Einschnitten in den Raum geworfen, wenn denn auch eher in den geistigen denn den realen. Tja, und nun ist da keiner, der diese Fragen beantwortet und unser erwachsenes Ich findet keine Antwort. Wir zermartern uns das Hirn und die Gedankenmühle droht heiß zu laufen. Schließlich nehmen wir in dieser Diskussion die Rolle des begierig Fragenden und des scheiternden Antwortenden ein. Wir sitzen auf zwei Stühlen und irgendwo dazwischen. Wobei wir stets aufs Neue hoffen, dass der Geist die Seele nicht um den Verstand bringt.

In seinem Buch „Stop acting, start living” schreibt Bernhard Hiller, um die die wahre Wahrheit („real truth“) zu erfahren, müsse man fünfmal (nach-)fragen, denn nur die fünfte Antwort wäre die, welche am meisten wahr ist. „‘Why do I like making love?‘ […] Most people will say they like to make live because it feels good. Then I ask, why does it feel good? ‘It feels good because it makes me feel free.’ ‘Ok, why do you like to feel free?’ ‘Because I feel open and connected to another person.’ ‘Why do you like to feel open and connected to someone?’ ‘Because it makes me feel loved.’ Now we come to the fifth answer […]. ‘Because it makes me feel alive.’ This is the ultimate truth.”

Licht

Und vielleicht ist das das Geheimnis des wahren Lebens und hinter der lebenslangen Frage nach dem Warum: Wir wollen uns schlicht und einfach lebendig fühlen.

Eure Kerstin