Auf halber Strecke – Episode 2

PendelzugNeulich auf halber Strecke, ich mache mich gerade bereit zum Aussteigen, dränge mich durch die Menschenmassen in Richtung Tür.

Hinter mir höre ich, wie sie sich bei ihm erkundigt, wie das Wochenende so war. Aha, zwei Kollegen. Oder vielleicht auch nur gemeinsame Bahnfahrer, die dann getrennter Wege gehen. Oder sogar Bekannte/Freunde, die sich zufällig im morgendlichen Pendelverkehr getroffen haben.

„Wir waren zu Besuch bei meinem Cousin“, antwortet er. Verwandtschaftsbesuch, das kann im Grunde alles bedeuten. „Der wohnt in Königsbrunn“, fährt er fort. Oh, cool, denke ich. Da gab es früher eine Therme, eigentlich eher sowas wie ein Erlebnisbad. Meine Jungendclique und ich sind da hin und wieder gewesen. Ich glaube, ich war dann nochmal mit meinem Jungendfreund. Lang, lang ist es her. Eigentlich sollte ich wirklich mal wieder zum Schwimmen oder in die Sauna gehen. Wobei Schwimmen besser nur bei über 30° Außentemperatur und mindestens 24° warmen Wasser. Also eher so ein bisschen Whirlpoolplantschen vielleicht.

Die Bahn hält, die Türen öffnen sich, ich vernehme noch wie er sagt: „Und ach…“, und dann eine Pause macht. Ich stutze. Was dieses ‚Ach‘ wohl alles impliziert? Komplizierte Familiengeschichten, zerrüttete Verhältnisse, unerfüllte Liebe, Eifersucht, Streit in allen Nuancen, Mitleid, unglückliche Umstände, Neid, Intrigen, Konkurrenzdenken, Machenschaften, Missgunst, Verachtung, Ungerechtigkeiten, eben die ganze Bandbreite familiärer Tragödien, die Blutsverwandte sich gegenseitig antun und erdulden.

Und ich denke an meine Freundin, die immer sagt: „Unter jedem Dach ein ‚Ach‘.“ Wie recht sie doch hat. Und manchmal reicht ein mit einem Seufzer ausgesprochenes ‚Ach‘, um all das in diesem einen Wort auszudrücken.

Irgendwie hätte ich gern noch das Ende des Gesprächs gehört. Und sei es nur, um den Gedanken an mein eigenes ‚Ach‘ zu entkommen. Doch im Gedränge des montäglichen Menschenstroms, der sich aus der S-Bahn in Richtung der wartenden Schreibtische ergießt, verliere ich den Anschluss und bleibe so für eine weitere Runde im Gedankenkarussell sitzen.

Genug für heute. Die Türen schließen. Und ich bin wie immer mittendrin und voll dabei.

 

Die Bank – die andere Seite der Münze

Fortsetzung zu: „Die Bank – die eine Seite der Münze“.

Mann, was für ein herrlicher Tag. Zum Glück hat es gestern Abend geregnet. Endlich. Nachdem wochenlang kein Tropfen gefallen ist. Dann regnet es und im Tal schlägt der Blitz ein. Schon verrückt manchmal. Beim Nachbarn hat es den Stromverteiler erwischt. Der Arme hat aber auch wirklich immer Pech. Erst letzte Woche ist einer dieser Wanderer bei ihm während des Abendessens zusammen gebrochen. Musste mit dem Heli abgeholt werden.

Jetzt im Sommer kommen die hier jeden Tag vorbei. Irre. Ganze Horden. Manche schleppen wahre Monster von Rucksäcken. Selbst die Kinder und die Alten müssen mit. Zum Glück habe ich nur einen einfachen Hof. Keine Betten und keine Wirtschaft. Und trotzdem fragt jeden Tag mindestens einer, ob er einkehren kann. Die glauben alle, wir führen hier ein Leben wie im Paradies. Ein bisschen Gartenarbeit und dann die Tiere streicheln. Von wegen. Ich frage mich manchmal, was mich geritten hat, als ich diesen Hof übernommen habe. Seit über einem Jahr ackere ich wie verrückt, um mit der Renovierung weiter zu kommen. Alles im Alleingang. Heute muss ich unbedingt noch die letzten Arbeiten am Dach fertig kriegen. Jetzt, wo es langsam wieder Herbst wird in den Bergen. Hoffentlich kommt der Nachbar nachher rüber wie versprochen und hilft mit. Muss ich gleich mal anrufen und fragen, ob es dabei bleibt oder er noch an dem Stromverteiler dran ist. Jetzt mache ich aber erst mal eine Pause. Seit Sonnenaufgang habe ich am Dach gewerkelt. Die Tiere muss ich auch noch füttern. Ich fühl mich total ausgetrocknet. Habe seit dem Kaffee heute morgen noch gar nichts getrunken. Na, also zehn Minuten gönne ich mir jetzt und setze mich auf meine Bank. Ach, Vater. Deine Bank. So ein tolles Geschenk zum Einzug. Selbst gezimmert und alles. So glücklich war er, als er damit ankam. Nun steht sie hier und er hatte Recht. Ein einmaliger Blick ins Tal. Ach, sieh mal einer an. Der Pilz da ist mir noch gar nicht so richtig aufgefallen. Sieht ja toll aus. Wie der so aus dem Holz wächst.

Oh Mann, das Auto steht auch noch da. Habe ich gestern ganz vergessen, dass ich es in die Scheune fahre. Scheint das Gewitter aber ganz gut überstanden zu haben.

Ach, so ein herrlicher Tag und ich hatte noch gar keine Gelegenheit, ihn zu genießen. Lecker, so frisches Bergwasser. Gibt doch nichts Besseres. Da am Berg, da spazieren sie schon wieder rum, die Wanderer. Herrje, wer ist das denn? Die sieht ja fertig aus. Hat sich wohl übernommen, die Frau. Ich sage es ja immer. Mit Kind und Kegel in die Berge. Ohne Rücksicht auf Verluste. Was stürmt die denn so auf mich zu? Handy hat sie auch in der Hand. Was will die denn damit? Hier ist eh bestimmt kein Empfang. „Sagen Sie, der Weg da, führt der zu der Hütte hier?“ Also, wo sind wir denn hier. Wedelt mir mit der Karte vor meinem Gesicht rum und denkt, ich bin hier die Auskunft, oder was? „Weiß nicht.“ Bei uns heißt das erst mal ‚Grüß Gott’, bevor man gleich mit der Tür ins Haus fällt. Wie gesagt, glauben alle, wir sind die Bauern vom Berg und latschen über unsere Wiesen und haben nichts im Kopf. „Ist vielleicht eine Frau mit rotem Rucksack und roter Kappe von dort runter gekommen?“ Woher soll ich das denn wissen? Ich ackere seit Sonnenaufgang hier und habe keine Zeit, in die Gegend zu schauen. „Keine Ahnung.“ Interessiert mich auch nicht, wenn ich ehrlich bin. Wenn die zu blöd sind, sich in den Bergen zurecht zu finden, sollen sie daheim bleiben. Außerdem, der Ton macht die Musik, gute Frau.

Was macht sie denn jetzt? Ich glaub, ich kriege die Tür nicht zu. Jetzt macht die den Pilz weg. Die Bank ist doch ewig groß. Sag mal, hat die keine Augen im Kopf? „Den können Sie doch da lassen! Ist doch genug Platz da“. „Ich möchte mich hier aber gern hinsetzen.“ Auf solch blöde Kommentare kann ich echt verzichten. Wie ein Elefant im Porzellanladen. Macht sich breit, keine Manieren und nun wird auch noch der Rucksackinhalt über die Bank verteilt. Prost, Mahlzeit. Also, ich habe genug, ist eh schon spät.

Liebe Leser, vielleicht hat der eine oder andere die hier beschriebene Situation in ähnlicher Weise erlebt und hinterher darüber gegrübelt, was da falsch gelaufen ist. Und genau so erging es auch mir, wenn auch die Geschichte sich nur in Teilen so zugetragen hat und der Rest hinzu gedichtet ist. Sollte aber zufällig jemand den besagten Hofbesitzer kennen oder sich in der Beschreibung wieder erkennen: „Es tut mir leid! Aufrichtig leid, dass ich den Pilz weggemacht habe. Ehrlich!“

Die Bank – die eine Seite der Münze

Vorwort: Vor einiger Zeit habe ich die Kategorie „Mein Leben und andere Katastrophen“ eröffnet. Realistische Geschichten mit einer Prise Wahrheit. Und diese Geschichte passt einfach perfekt.

Voller Sorge machte ich mich auf den Weg. Dabei hatte der Tag so gut angefangen. Nachdem am Abend zuvor mehrere Gewitter über die Hütte hinweg fegten, war morgens der Himmel klar und die Sonne schien, als wir mit unseren Rücksäcken aufbrachen. Noch während des ersten Anstieges war mir bereits so warm, dass ich meine Jacke ausziehen musste. U. indessen ging voraus. Immer meinte sie, sie wäre zu langsam und ich würde sie dann schon einholen. Oben angekommen war aber weit und breit keine Spur von ihr. Sonst wartete sie doch immer. Gut, weiter ging es. Nach knapp 100m zweigte der Weg links von der Fahrstraße ab. Doch keine Spur von U.. Das war schon sehr merkwürdig. Ich hatte doch nur meine Jacke ausgezogen. Sie konnte maximal einen Vorsprung von 3-4 Minuten haben. Ich legte einen Zahn zu. Aber nach kurzer Zeit war mir klar, das kann nicht sein. So weit kann U. nicht voraus gelaufen sein. Kein roter Rucksack, keine rote Haube in Sichtweite. Also schnallte ich meinen Rucksack ab und sprintete den Weg nochmals bis zur Abzweigung zurück und dann die Straße bergan. An der nächsten Biegung war eine Abzweigung. Ein Schotterweg ohne Ausschilderung. Sie wird doch nicht. Andererseits. Doch nachdem ich diesem einige hundert Meter im Laufschritt gefolgt war, blieb ich schnaufend stehen, immer wieder U.’s Namen rufend. Nichts. Leicht ratlos und mit ersten Anzeichen von Sorge lief ich zurück zum Rucksack. Hoffentlich ist nichts passiert. Wo kann sie nur sein? Ein paar Mal lief ich noch hin und her. Wohl mehr aus Hilflosigkeit, als mit einem echten Plan. Warum musste sie auch vorweg laufen? Immer wieder heißt es, am Berg zusammen bleiben!. Und was macht sie? Rennt einfach immer weiter. Na toll. Und jetzt?. Also gut, hier konnte ich nicht bleiben. Und vielleicht war sie ja doch schon so weit vorweg und ich nun durch diese erfolglose Suchaktion nur noch weiter zurück gefallen.

Und so machte ich mich voller Sorge auf den Weg, den ich trotz des traumhaften Wetters und der tollen Landschaft überhaupt nicht genießen konnte. Wie sollte ich sie nur wieder finden? Sie hatte keine Karte, Handy funktionierte auch nicht. Perfekte Aussichten für einen dieser Rettungseinsätze wegen Unvorsichtigkeit. Vor meinem inneren Auge tauchten sämtliche Horrorszenarien auf. Hin und wieder begegneten mir andere Wanderer und jeden fragte ich, ob eine Frau mit roter Kappe und rotem Rucksack gesichtet worden wäre. Alle verneinten.

Nach knapp zwei Stunden war ich nervlich am Ende und meine Kraft ließ auch nach. Ich hatte bestimmt schon hundertmal in die Karte gesehen und überlegt, wo U. sein könnte. Wenn sie tatsächlich dem Schotterweg weiter gefolgt war, dann würde sie kurz unterhalb des Gipfels an eine Hütte kommen. Dort könnte sie dann evtl. fragen, wie sie wieder auf den Weg kommt, wenn sie feststellt, dass wir uns verloren haben. Zu der Hütte gibt es noch einen zweiten Zustieg. Das heißt, sie könnte darüber absteigen und wäre wieder auf dem richtigen Weg. Insofern müsste ich mich lediglich an dieser Stelle positionieren und warten. Aber dazu muss sie natürlich an der Hütte ankommen und fragen. Das klappt doch niemals! Also schön, ich gehe bis zu der Abzweigung und warte einfach dort so lange bis sie kommt, oder bis es anfängt, dunkel zu werden und ich die Rettungskräfte alarmieren kann.

An dem gedanklich erarbeiteten Treffpunkt befand sich ein kleiner Hof. Malerisch gelegen und mit herrlichem Blick ins Tal. Ach ja, wie gern hätte ich auch so eine kleine Alm und könnte ein einfaches, aber glückliches Leben führen. Blumen und Kräuter anpflanzen. Die Tiere füttern und auf die Weide bringen. Sehr schön. Diese Ruhe. Und dieser Blick. Und die ganze Natur. Herrlich! Etwas abseits des Hofes stand eine Bank auf einer Anhöhe. Der perfekte Rastplatz. Dort werde ich warten und erst mal etwas essen. Ah, da sitzt schon jemand. Den frage ich gleich mal, ob der Weg, den man nach oben verlaufen sieht, auch zu der Hütte führt und ob er U. gesehen hat. Vielleicht ist er ja gerade von oben runter gekommen und macht nun Rast hier. „Sagen Sie, der Weg da, führt der zu der Hütte hier?“ Ich deute auf die Karte. „Weiß nicht“, erhalte ich als Antwort. „Ist vielleicht eine Frau mit rotem Rucksack und roter Kappe von dort runter gekommen?“, starte ich noch einen Versuch. „Keine Ahnung.“ Also gut, das war wohl nichts. Ich hole tief Luft und seufze. Was nun?

Der Mann sitzt mitten auf der Bank. Zu seiner Rechten wäre Platz, da steht aber ein Auto direkt vor der Bank und versperrt die Aussicht. Auf die Landschaft und noch wichtiger: Auf den Weg. Linker Hand ist Platz. Ein Pilz wuchert dort aus einem Spalt. Mit meinem Stock kratze ich ihn weg. „Den können Sie doch da lassen! Ist doch genug Platz da“, meint er und deutet nach rechts. „Ich möchte mich hier aber gern hinsetzen“, erwidere ich etwas unwirsch. Das wird ja immer besser: Total unhilfsbereit und dann auch noch Vorschriften machen, wo man sich hinsetzen soll. Sieht der denn nicht, dass ich kurz vorm Durchdrehen bin? Was, wenn U. etwas passiert ist? Und ich später erklären muss, dass ich einfach weiter gegangen bin? Was glaubt er eigentlich, wer er ist? Hat wahrscheinlich keine Ahnung, was in den Bergen alles so passieren kann. Den Schuhen nach zu urteilen, jedenfalls nicht. Hat auch nur eine Plastikflasche mit Wasser dabei. Und sonst nichts.

Schweigend setze ich mich hin. Nun bin ich nicht nur verzweifelt, sondern auch noch wütend. So was von unfreundlich ist mir schon lange nicht mehr begegnet. Nur aus reiner Notwendigkeit zwinge ich mich, ein paar Bissen zu vertilgen. Immer wieder schaue ich nervös zum Berg und in die Richtung, aus der ich gekommen bin. Nichts. Nach einer Weile steht der Mann auf. Ohne Gruß und ein weiteres Wort. Ja, solche Leute kann ich gut leiden. Null Mitgefühl und unfreundlich obendrein. Er folgt dem Weg und geht dann ins Haus. Super! Der Besitzer selber! Oh Mann! Wahrscheinlich hat er den Pilz selbst gezüchtet. Seit Jahren! Und dann komme ich und mache ihn kaputt. Er hätte aber auch ein Stück rücken können. Hat ihm bestimmt nicht gepasst, dass ich mich auf die Bank setzen wollte. Seine Bank. Ich gehe jetzt rüber und entschuldige mich und sage, dass ich echt verzweifelt bin und nicht weiß, was ich tun soll. Und dass es keine Absicht war usw. Aber wütend bin ich irgendwie noch immer. Jetzt noch mehr. Sturer Bergschrat. Bekommt ihm anscheinend nicht gut, so viel frische Luft.

Ich ärgere mich so sehr, dass ich fast vergesse, wie verzweifelt ich bin. Doch dann ist es wieder da, das ungute Gefühl und die Hilflosigkeit. Und so sitze ich eine ganze Weile auf der Bank ohne Pilz.

 

…Fortsetzung folgt

Tag der Abrechnung – Wie man sich mehr Raum verschafft

Etwas über einen Monat ist es her, dass ich Karte Nr. 8 gezogen habe: „Schaffen Sie sich Platz: Feng-Shui für die Seele. Trennen Sie sich von Ballast, den Sie schon lange loswerden wollen – egal ob von der Nervensäge auf Facebook oder dem kaputten Radio in der Küche.“

Seitdem war ich schwer mit Aufräumen beschäftigt. Und wie. Ich konnte gar nicht mehr aufhören. Was mir dabei alles in die Hände gefallen ist, kann unter „Wie man sich mehr Raum verschafft“ nachgelesen werden. Habe ich nun mehr Platz? Sicherlich. Ebenso sicher werde ich meine Augen weiterhin offen halten, um erstens weiter das Gerümpel in Schach zu halten und zweitens erst gar nicht mehr so viel Schnickschnack anzuhäufen. Soweit der Plan.

Habe ich auch mehr Platz für meine Seele? Hm, fraglich. Denken wir doch bei Ballast eher an den emotionalen Ballast, die man durch eine simple Aufräumaktion nicht so einfach los wird. Das Problem mit derartigen Erinnerungsträgern ist auch, dass wir diese bisweilen sogar ganz gut leiden können. Zum Beispiel ein Schal – Geburtstag- oder Jahrestagsgeschenk: Im Grunde tragen wir den Schal gern, weil er kuschelig und schön ist, werden aber auch gleichzeitig an etwas erinnert, das wir gern aus unserem Gedächtnis streichen würden. Was passiert, wenn wir uns dann doch von dem Gegenstand trennen? Ein Schal lässt sich vielleicht einfacher „verschmerzen“ als vielleicht ein Möbelstück, welches nun auch noch einen leeren Platz hinterlässt, der uns obendrein und zusätzlich an das Fehlen eines solchen erinnert. Also muss unter Umständen ein Ersatz gefunden und angeschafft werden. Wie erfolgreich mag ein solcher Austausch wohl sein? Würde ich nicht automatisch nach etwas dem Original sehr Ähnlichem suchen und mich dann fast schon gezwungener Maßen mit einer unzureichenden Kopie abgeben, die ich dann nur bedingt gut finde? Oder wage ich etwas total Neues? Etwas, was womöglich im ersten Moment überhaupt nicht mein Stil ist.

Und was passiert mit solchen Erinnerungsstücken, die neben dem immateriellen Wert einen tatsächlichen haben? Schmuck – ein Klassiker. Wenn ich diesen verkaufe und mir etwas davon gönne, eine Massage beispielweise, kann ich diese dann auch genießen? Oder ich kaufe ein Gemälde. Muss ich dann beim Betrachten vielleicht ständig daran denken, was den Erwerb möglich gemacht hat?

Das Problem ist, je älter man wird, um so mehr seelischer Ballast häuft sich an, von dem man sich eventuell (noch) nicht bereit ist zu trennen.

Selbstverständlich schaffen wir uns auch selbst Dinge an, die wir mit Erinnerungen belegen. Vielleicht gerade weil es uns seelisch schlecht geht, kaufen wir etwas als Ersatzbefriedigung. Vielleicht eine Kaffeetasse. Kann diese es jemals zur Lieblingstasse schaffen oder fristet sie im hinteren Teil des Schrankes ein ewiges Schattendasein? Was passiert mit Dingen, die aus einem bestimmten Anlass bzw. mit einer gewissen Absicht in unserem Besitz sind? Ein Beispiel: Ich habe mir vor Jahren, aus Freude über eine neue Wohnung, um das Glück noch zu verstärken bzw. zu erhalten, einen sogenannten Lucky Bamboo gekauft. Er hatte Wasser und stand am Fenster. Mehr braucht so ein Glücksbringer eigentlich nicht, wenn ich die Gebrauchsanweisung richtig gelesen habe. Dann aber wurde in meine Wohnung eingebrochen. Ein Anti-Glückfall sozusagen. Wo war der Bambus, möchte ich gern wissen? Im Grunde hätte ich ihn nach dieser Aktion wahrscheinlich kurzerhand rauswerfen sollen. Aber nein, ich habe ihn behalten und seitdem zieht er mit mir durch die Welt. Und das wohl eher, da ich schon fast Angst habe, noch mehr Unglück anzuziehen, sollte ich mich von ihm trennen. Nun aber kommt das Paradoxe: Ich kümmere mich nur sehr nachlässig um die Pflanze, da ich dem grünen Stängel noch immer böse bin wegen des Einbruchs. Heißt das nun, dass ich damit weiteres Unglück herauf beschwöre oder war der Lucky Bamboo am Ende von Anfang an nur ein Unglücksrabe im Schafspelz und ich hätte ihn damals schon zu Kleinholz verarbeiten sollen? Was, wenn nun das Unglück mein ständiger Begleiter ist? Und wenn ja, wie werde ich es los?

Zurück zur Bilanz und dem Tag der Abrechnung für Karte Nr. 8. Neben all den materiellen Dingen habe ich es schließlich doch noch geschafft, etwas Seelensäuberung zu betreiben, bei dem mir der Zufall zu Hilfe kam. Ich gehöre zu den Menschen, die ein Handy lediglich dafür benutzen, wofür es geschaffen wurde: Zum Telefonieren. Gut, hin und wieder ist auch die eine oder andere SMS dabei. Vielmehr mache ich damit nicht. Von daher besitze ich ein recht altertümliches Modell mit Tasten. Ich habe keine Apps zum Errechnen der perfekten Eierkochzeit und ich kann keine Musik damit hören. Tja, man könnte sagen, ich behandle mein Handy fasr ebenso nachlässig wie den Bambus. Zumindestens sieht es recht mitgenommen aus. Im wahrsten Sinne des Wortes. Es passt in die Hosentasche ohne diese auszubeulen und in eine kleine Abendhandtasche. Allerdings mangelt es an Eleganz und inzwischen auch Funktionalität. Mit Klebeband wurde unlängst das Display zum Durchhalten bewogen. Die Ecken haben sich schon vor längerer Zeit bei diversen Abstürzen verabschiedet. Und vor kurzem muss die im Gerät eingebaute Antenne einen Knacks abbekommen haben, da ich zusehends und immer öfter nur Notrufe absetzen hätte können. Lange Rede, kurzer Sinn: Das Christkind hatte Erbarmen oder Mitleid oder Angst um mein Seelenheil und mir großzügigerweise unter den Weihnachtsbaum ein schickes Smartphone gelegt. Während ich die alte SIM-Karte in das neue Handy eingelegt habe, bin ich über meine Kontakte gestolpert. Viele von denen kann ich schon gar nicht mehr als Kontakt bezeichnen, da bereits seit Jahren ein solcher nicht mehr besteht oder auch noch nie bestand, wenn es sich um vom Mobilfunkunternehmen vorinstallierte Nummern handelt. Manch einer war mit drei verschiedenen Handynummern versehen. Andere wiederum wurden mal für berufliche Zwecke benötigt. Und einige haben sich tatsächlich aus meinem Leben verabschiedet oder ich mich aus ihren. Und so habe ich das alte Handy gespendet, obwohl ich glaube, dass selbst Bedürftige mein Angebot ausschlagen werden. Und mit dem alten Handy habe ich mich nun von vielen seit langem überflüssigen und ungenutzten Telefonnummern getrennt. Dabei sind mir jede Menge schöne Erinnerungen durch den Kopf gegangen und ich bei jedem Löschen habe ich einen Abschiedsgruß mit auf den Weg gesandt. Und wen es interessiert: Die Eierkochapp wird auch jetzt nicht bei mir Einzug halten, denn da halte ich es wie Loriot und koche die nach Gefühl oder mit der guten alten Eieruhr.

Bleibt noch die Vorschau auf die neue Aufgabe. Passend zum energiegeladenen Vormonat eine Powerkarte: „Seien Sie mutig. Tun Sie etwas, das Sie Überwindung kostet – gehen Sie zum Beispiel abends allein zum Essen. Verstecken Sie sich nicht hinter einer Zeitung, sondern beobachten Sie bewusst die Leute. Herausforderungen durchbrechen die Routine und fördern die Lebenslust.“ Na dann, Prosit Neujahr und bis in einem Monat.

Eure Kerstin

P.S.: Ach ja, und für den Bambus werde ich einen Freund kaufen. Schließlich ist keiner gern allein. Und vielleicht bringt ihn das auf andere Gedanken.