Der Hotspot

Vorwort: Eigentlich wollte ich die aktuelle Lage ja nicht mehr kommentieren, aber hin und wieder bereichert etwas Inkonsequentsein das Dasein.

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Sonntagmorgen, kurz nach sieben Uhr. Wohlgemerkt nach, nicht vor, denn da ist die Welt bekanntlich ja noch in Ordnung. Ich sitze im Zug und beiße gerade genüsslich in mein Croissant, als die Zugbegleiterin vorbeikommt, um mein Ticket zu kontrollieren. „Die Maske bitte auflassen“, ermahnt sie mich. Ich blicke etwas dümmlich aus der Wäsche: „Auch beim Essen?“. „Sie hätten ja am Bahnhof vorhin essen können“, bekomme ich zur Antwort, „Außerdem sind Sie in einem Hotspot-Gebiet.“

Ja, ich bin in einem kürzlich als Hotspot deklarierten und inzwischen wieder freigesprochenen Gebiet, je nachdem, welche Einwohnerzahlen man zu Grunde legt, losgefahren und ja, ich bin gerade durch einen ehemaligen Hotspot gereist, den eine feiersüchtige und/oder schlaflose Partygängerin aus Übersee heimgesucht und ihr Unwesen getrieben hatte, in dem es dann, ich glaube, Achtung, drei Neuinfektionen, gab. Und, ja, der Zug fährt in ein Hotspot-Gebiet, der aber nur für Besuche von über achtundvierzig Stunden als ein solcher Konsequenzen hat, allerdings, ich steige vor der Grenze aus, bin dann also irgendwie zwischen einem ehemaligen und aktuellen Hotspot unterwegs. Das hat der Ministerpräsident so definiert und der muss es ja wissen. Der sitzt ja an der Quelle der Weisheit und den hat die Mehrheit gewählt und bei „Wer wird Millionär“ verhilft der Publikumsjoker auch meist zum gewünschten Ziel. Egal, anderes Thema.

Die Zugbegleiterin, die ja den Zug begleitet und nicht mich, nun, die hat vielleicht das mit der Geographie und den sich ständig ändernden Verfügungen nicht so ganz und zu so früher Stunde parat. Ist ja auch immer ein brisantes Geschichtsthema, also die Grenze zwischen Bayern und Tirol, da kann man schon mal den Überblick verlieren, vor allem, da es ja um diese Uhrzeit noch recht finster ist draußen und die Dame, ihrem Akzent nach zu urteilen, erst vor dreißig Jahren überhaupt in den Genuss des freien Reisens gekommen ist. Und vielleicht entstammt sie ja auch dem Tal der Ahnungslosen, die waren ja selbst in den eigenen Reihen am Ende der Welt, weil im Grenzgebiet ohne West-TV, was natürlich verboten, aber dort noch nicht einmal empfangen wurde. Herrje, ich schweife schon wieder ab.

Zurück zum Thema: Wir wollen also mal nicht so sein und wer weiß, vielleicht ist auf dem Berg ja die Hölle los und ein findiger Geschäftsmann hat eine Après-Auftiegsbar eröffnet. Ich lasse folglich mal lieber meine Corona-Warn-App samt Bluetooth laufen. Im Zweifelsfall ist dann der Akku alle, um einen Notruf abzusetzen, aber man muss schließlich Prioritäten zum Wohle der Allgemeinheit setzen. Dann steige ich aus. Weit und breit keine Menschenseele in dem ganze vier Häuser umfassenden Ort. Nun, sind ja vielleicht alle schon oben und feiern auch noch einen Tag danach das Jubiläum der Wiedervereinigung oder irgendein Dorffest. Da sind ländliche Gegenden ja mitunter recht einfallsreich, wenn es um einen Grund zum Trinken und Feiern geht.

Nach zwei Stunden treffe ich tatsächlich auf Leben: Eine Gämse und ich stehen uns erstaunt gegenüber. Kurze Zeit später dann eine ganze Herde. Oh, ein Hotspot, denke ich. Zum Glück halten die Bergbewohner gebührenden Abstand. Offensichtlich haben auch sie Probleme, beim Essen eine Maske zu tragen, denn keiner trägt einen Mund-Nasen-Schutz. Oder es sind illegale Einwanderer aus dem ein wenige hundert Meter entfernten Hotspot-Gebiet. Das Gras auf der anderen Seite ist ja immer grüner.

Nach zweieinhalb Stunden dann der Gipfel. Ich schaue auf mein Handy. Kein Hotspot. Nicht mal 1G, kein Balken, nichts. Die Digitalisierungsoffensive der Netzbetreiber ist offensichtlich noch nicht bis in diesen Winkel vorgedrungen. Lohnt wohl auch nicht, außer mir ist hier ja niemand. Auch sonst ist es eher ziemlich frisch, gefühlt ein paar Grad über null würde ich sagen.

Auf dem Berg gegenüber sehe ich eine Gruppe von Menschen. Vier, das ist gerade noch so erlaubt. Ich winke. Dann halte ich inne. Hm, ob die Aerosole wohl so weit fliegen können? Pestizide, wie gerade festgestellt, sind ja nach neuesten Erkenntnissen auch viel weiträumiger unterwegs als ursprünglich angenommen. Und werden die Viren eigentlich weniger, wenn die Sauerstoffversorgung mit zunehmender Höhe sinkt? Und ob die auch wissen, dass sie sich nur auf der anderen Seit der Grenze tummeln dürfen? Wenn die Zweibeiner schon unter einer Geographieverwirrheit leiden und die Vierbeiner unter territorialer Unbefangenheit, dann will ich gar nicht wissen, mit was der Intellekt eines solch unsichtbaren Feindes aufwartet.

Nach zwanzig Minuten immer noch keine Aussicht darauf, dass sich hier ein Hotspot befindet, oder demnächst aufflammt. Dafür ist mir so richtig kalt. Wenn ich hier oben erfriere und dann so in ein paar hundert bis tausend Jahren gefunden werde, dann bin ich vielleicht so etwas wie ein weiblicher Ötzi der Corona-Krise und dann bin nicht nur ich, sondern auch der Fundort ein Hotspot, der die Massen anzieht. Ok, das sind eindeutige Anzeichen beginnender Hypothermie und so klammere ich mich mit Handschuhen, also richtigen Handschuhen, an meinen Teebecher. Nun muss ich allerdings ziemlich dringend, was echt blöd ist. So auf über 2000m und unterm Gipfelkreuz wächst schließlich nicht allzu viel, was einem Sichtschutz bietet, denn auch wenn man ganz allein ist, will man, ok vielleicht eher Frau als Mann, ja eine gewisse Privatsphäre wahren. Wenn ich aber nun hier direkt hinpinkele, dann ist es wirklich ein Hotspot. Zumindest kurzzeitig. Und während ich noch darüber sinniere, kommt doch tatsächlich ein Wanderer des Weges. Erst bin ich mir nicht sicher, ob es sich um eine Fata Morgana handelt, die dem ständigen Sauerstoffmangel infolge der Maskierung geschuldet ist, oder der Kurzatmigkeit aufgrund der Höhe, oder um meinen einfachen Mann, der mich mal so richtig überraschen will und den mir mein malträtiertes Hirn und einsames Herz nun einfach vorgaukelt.

Wir grüßen einander. Puh, zum Glück hocke ich hier nicht mit runtergelassenen Hosen. Egal, ob es sich bei dem Neuankömmling nun um einen Fremden oder meinen einfachen Mann handelt. Jetzt sind wir also schon zwei. Sind zwei schon ein Hotspot? Also, das kommt jetzt drauf an, aber gehört definitv nicht hierher, weder gedanklich noch physisch, sondern wenn, dann auf die Alm.

Zurück in der Zivilisation, zeigt der Ort nach wie vor keinerlei Anzeichen einer Temperaturänderung. Nur meine Füße, die könnten als Hotspot durchgehen, so brennen meine Fußsohlen. Und als ich so auf den Zug warte und als Erinnerung noch ein Foto des in jeder Hinsicht Grenzgebietes mache und auf mein Handy blicke, fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Mensch, denke ich, ich hätte ja nur meinen persönlichen Hotspot freischalten müssen und schon wäre ich mittendrin gewesen. Das muss es sein, was mir die Zugbegleiterin heute Morgen vermitteln wollte. Die hatte ihren freigegeben und wollte mich schlicht und ergreifend anmachen. Oh Mann, bin ich aber auch verpeilt.

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Der Hotspot

auf halber Strecke – Episode 2

PendelzugNeulich auf halber Strecke, ich mache mich gerade bereit zum Aussteigen, dränge mich durch die Menschenmassen in Richtung Tür.

Hinter mir höre ich, wie sie sich bei ihm erkundigt, wie das Wochenende so war. Aha, zwei Kollegen. Oder vielleicht auch nur gemeinsame Bahnfahrer, die dann getrennter Wege gehen. Oder sogar Bekannte/Freunde, die sich zufällig im morgendlichen Pendelverkehr getroffen haben.

„Wir waren zu Besuch bei meinem Cousin“, antwortet er. Verwandtschaftsbesuch, das kann im Grunde alles bedeuten. „Der wohnt in Königsbrunn“, fährt er fort. Oh, cool, denke ich. Da gab es früher eine Therme, eigentlich eher sowas wie ein Erlebnisbad. Meine Jungendclique und ich sind da hin und wieder gewesen. Ich glaube, ich war dann nochmal mit meinem Jungendfreund. Lang, lang ist es her. Eigentlich sollte ich wirklich mal wieder zum Schwimmen oder in die Sauna gehen. Wobei Schwimmen besser nur bei über 30° Außentemperatur und mindestens 24° warmen Wasser. Also eher so ein bisschen Whirlpoolplantschen vielleicht.

Die Bahn hält, die Türen öffnen sich, ich vernehme noch wie er sagt: „Und ach…“, und dann eine Pause macht. Ich stutze. Was dieses ‚Ach‘ wohl alles impliziert? Komplizierte Familiengeschichten, zerrüttete Verhältnisse, unerfüllte Liebe, Eifersucht, Streit in allen Nuancen, Mitleid, unglückliche Umstände, Neid, Intrigen, Konkurrenzdenken, Machenschaften, Missgunst, Verachtung, Ungerechtigkeiten, eben die ganze Bandbreite familiärer Tragödien, die Blutsverwandte sich gegenseitig antun und erdulden.

Und ich denke an meine Freundin, die immer sagt: „Unter jedem Dach ein ‚Ach‘.“ Wie recht sie doch hat. Und manchmal reicht ein mit einem Seufzer ausgesprochenes ‚Ach‘, um all das in diesem einen Wort auszudrücken.

Irgendwie hätte ich gern noch das Ende des Gesprächs gehört. Und sei es nur, um den Gedanken an mein eigenes ‚Ach‘ zu entkommen. Doch im Gedränge des montäglichen Menschenstroms, der sich aus der S-Bahn in Richtung der wartenden Schreibtische ergießt, verliere ich den Anschluss und bleibe so für eine weitere Runde im Gedankenkarussell sitzen.

Genug für heute. Die Türen schließen. Und ich bin wie immer mittendrin und voll dabei.