Das neue Reisen, 7. Etappe: Der Widerspruch in uns

img_0365Das Tor zur Hölle befindet sich gleich im ersten Stock. Nahezu lautlos gleite ich in die Küche.

Von oben kein Laut. Geschafft. So früh am Morgen genieße ich die Ruhe bei einer Tasse Tee, während die Gedanken noch den Träumen der letzten Nacht nachhängen. Ich greife nach dem Wasserkocher, der sich sträubt und nur widerwillig seinen Deckel öffnet. „Du musst leise sein“, flüstert er mir zu. Aus dem Wasserhahn fließt das kühle Nass, gluckst und gurgelt: „Du musst leise sein.“ Ich starte das Signal zur Zündung und schon brodelt es, was das Zeug hält. „Pst, nicht so laut“, presse ich zwischen den Zähnen hindurch.

Doch dann öffne ich Schränke und Schubladen. Die Kuchengabeln schmeißen sich schützend vor die Löffel und bedrohen mich mit ihren Zinken, während die Tassen um die Vorherrschaft buhlen und im Chor „Nimm mich, nimm mich mit“ singen.

Den Atem anhaltend, ein ängstlicher Blick in Richtung Obergeschoß. Die Luft zittert und vibriert.

Wie Nebelschwaden zieht der Tee durch die Wohnung. Es duftet nach Morgen und Frische und Freiheit. Das Licht bricht sich und formt einen Regenbogen über dem Küchentisch. Eine Insel inmitten der Hektik des Alltags. Vor mir ein Buch, in das ich eintrete und bisweilen gerne nicht nur verweilen, sondern bleiben möchte. In andere Welten versunken, rühre ich in der Teetasse. Kleine Wirbel lassen die sich auflösenden Kandissplitter tanzen und das Geräusch des auf Porzellan treffenden Löffels durchbricht die Ruhe. Akustische Schwingungen breiten sich aus und tropfen vom Tischrand auf den Boden, bevor sie in weiter Ferne eine Flutwelle entfachen.

Die Welt vor dem Küchenfenster nimmt Farbe an. Das Leben streckt sich, um dem Tag die Hand zu reichen. Der fahrende Gemüsehändler verkündet Ankunft und Angebot per Lautsprecher und Glockengeläut. Türen spucken ihre Bewohner nach draußen. Stimmen, bereit, der Stille ein Ende zu bereiten. Ein Vorgeschmack auf das Panorama der menschlichen Schwächen. Ein Versprechen, dass es nur eines Wortes bedarf, um Freude, Glück, Vertrauen, Zuversicht, Nähe und Liebe in Missgunst, Egoismus, Streit, Angst, Distanz und Einsamkeit zu verwandeln.

Ein scheinbar unstillbarer Hunger, immerzu nach dem einen Widerspruch in uns und dem des Gegenübers zu suchen, um ihm dann mit allem zu begegnen, was Wunden schlägt.

Das Monster im ersten Stock reißt die Rollläden hoch und durch den Türspalt ergießen sich grelle Strahlen ins Treppenhaus. Raubtierfütterung.

Das neue Reisen, 1. Etappe: Der Kosmos

img_0365Das Licht ist grell, je nach Tageszeit, und dann knistern die Fugen von Fenster und Möblierung. Doch heute drückt der Wind an die Scheibe und der Regen prasselt auf den gläsernen Terrassenvorbau. Unaufhörlich. Im Sturm biegen sich die haushohen Bäume in Nachbars Garten und neben dem Rascheln der Blätter knackst und knarrt es in den Zweigen und Ästen. Die Wetterseite macht ihrem Namen alle Ehre.

Je nach Witterung vernimmt man das stetige, irgendwie monotone und doch unregelmäßige Surren der Reifen auf dem Asphalt der nahe gelegenen Bundesstraße, ganz zu schweigen von den aufgemotzten Motoren der Halbstarken, welche die 30er Zone als Abkürzung nehmen. Wobei die urbane Kulisse von überall her wie Sand ins Innere eindringt und sich niederlässt: Hubschrauber auf dem Landeplatz der Feuerwehr inklusive Einsatzwagen mit Martinshörnern aller Art, welche mich aufschrecken und das Gedankenkarussell sich drehen lassen.

Dann die Kirchenglocken, die immerwährende Erinnerung, was die Stunde geschlagen hat, sieben Tage die Woche, vom ersten Angelusläuten bis zur Abendandacht im Viertelstundentakt. Zum Glück, wenn man hier leicht ketzerisch von Glück sprechen kann, wird der Glockenturm seit geraumer Zeit saniert, so dass lediglich Feiertags- und Gottesdienstläuten erschallt, wobei mir letzteres in diesen Zeiten irgendwie sinnlos erscheint. Genauso wie der Gesang des Muezzins vor ein paar Tagen, als Sonne und Muttertag reihum alle aus ihrer Behausung gelockt hatten, nachdem Grünflächen am Vortag noch getrimmt und gemäht worden waren. Noch immer frage ich mich, ob nur jemand aus der benachbarten Siedlung uns alle an seinem Glauben teilhaben lassen wollte, oder ob der Wind tatsächlich diesen aus der entfernten Moschee bis hierher getragen hat und der Klang sich dann in den Häuserschluchten verfing und vervielfältige wie das Echo am Königssee. Vielleicht wollte auch derjenige nur ein bisschen mitmischen bei Grillparty, Spielplatzgetöse, Kaffeegeklapper und Zweiradtouren, motorisiert und muskelbetrieben.

Doch heute herrschen Wochentagsbedingungen, aus den Kellergewölben steigt der durchdringende Ton der Drechselmaschine des Hobbybastlers durch alle Ritzen und Poren nach oben. Gleichzeitig fühle ich mich wie eine Sardine zwischen pubertierendem Mitbewohner und Nachbarskind eingequetscht, das Zimmer, ein schmaler Schlauch zwischen den um Aufmerksamkeit konkurrierenden Parteien. Unvorhersehbar und jederzeit kann das Gewitter der Furie von nebenan losbrechen. Dann mischt sich die Stimme der Mutter unter. Laut, aggressiv und in einer mir fremden Sprache werden die Machtkämpfe ausgetragen. Gepolter und Türenschlagen sind die Folge. Hin und wieder lausche ich, ob und wann der Zeitpunkt zum Eingreifen gegeben sein könnte. Doch dann hämmert der Zocker im eigenen Haushalt mit der Faust auf den inzwischen wackeligen Schreibtisch und stößt ein paar unflätige Kraftausdrücke aus, die mich zusammen zucken lassen, während die Wander- und Reiseführer, gleichermaßen Zukunftsträume und Meilenstein, auf dem Regal über meinem eigenen Schreibpult vibrieren. Manchmal räche ich mich mit der Nähmaschine, die mit Vollgas über die Tischplatte rumpelt, so dass jede Kommunikation im Keim erstickt wird.

Abgesehen davon erscheint das Zimmer still, kein Ticken einer Uhr, kein Ventilator, der den Rechner verrät, kein Summen, das manch moderne Lichtquelle zur allgemeinen Geräuschkulisse hinzusteuert. Das Klicken der Tastatur geht im Rhythmus des eigenen Herzens unter. Das marokkanische Tagesbett hält Siesta und sogar die Schritte auf dem Laminat und das Zurechtrücken des Stuhles scheinen sich selbst Zurückhaltung auferlegt zu haben, so als ob sie meine Gedanken nicht stören wollten, während der Blick umherschweift und über die Bilder und Memorabilien gleitet, die den Raum füllen, ja schon fast erdrücken und mich in eine andere Welt hineinziehen, gleich einer Reise durch mein Leben. Bunt und verteilt über Orte, Länder, Kontinente und die Zeit.

Die erste große Liebe als schemenhaftes Bild verewigt, mit schüchternen Zärtlichkeiten, die Scherben des zertrümmerten Autofensters vom Familienausflug nach Straßburg, der Graffiti-Brocken der Berliner Mauer, das Korallengerippe aus der tosenden Brandung von Hawaii, das Miniaturmodell eines ratternden Oldtimers als Symbol für den ersten Wagen, der ebenso knatterte, von den Eltern mitfinanziert, der Segler in der Glasflasche als Andenken an die Fahrt auf der Ostsee unter vollen Segeln, die Parfümphiole von einem orientalischen, geschäftigen Bazar, der Casinochip aus Las Vegas, vorbei geschmuggelt an den scheppernden, einarmigen Banditen und dem Croupier, der einem ein „rien ne va plus“ hinterherruft, der Geocachingschatz, gehoben neben der Kuhweide, deren Glocken die Südtiroler Bergalmruhe weithin verkündeten.

Gegenüber der Schreibtisch, dunkel gemasert, filigran verschnörkelt, mit Messingbeschlägen zum Öffnen und Schließen der schwergängig atmenden Schublade und in einer wilden Odyssee im offenen Cabrio durch die Hollywood Hills transportiert. Darüber die Magnetwand mit all den Geschichten, die noch als Ideen umhergeistern und mir nun bei jedem Aufblicken vom Bildschirm zuflüstern, sie zu Papier zu bringen.

Die Welt als unendlicher Kosmos im Kleinen, zusammengepfercht auf 11m².

Das neue Reisen

Gerade wurden die Grenzen wieder geöffnet und endlich dürfen die Reiseweltmeister wieder munter in die weite, also, nicht ganz so weite Ferne ausschwärmen.

Das Bedürfnis nach einem Tapetenwechsel kann ich absolut nachvollziehen. Zuhause ist es ja nicht immer am schönsten und das Abenteuer liegt immer hinterm, oder zumindest nah am Horizont. So scheint es und so wollen es uns die sozialen Medien sowie die Werbung weiß machen. Was aber passiert, wenn die Tapete plötzlich selbst zur Landkarte wird und nur ein kleiner Gedankenstupser nötig ist, um vom Sofa aus direkt ins Abenteuer einzutauchen?

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Das Reisen in den eigenen vier Wänden erfreut sich nicht erst seit dieser Krise großer Beliebtheit und während manch anderer zum Heimwerker und König des Ausmistens mutierte, erfuhr dieses Genre gerade eine Renaissance.

Und da ich selbst eine recht ausgeprägte Veranlagung zum Vagabundieren pflege und schon seit recht langer Zeit nicht mehr in der Leseecke, hier auf meiner privaten Spielwiese umhergestreift bin, werde ich ein paar meiner unlängst durchführten Zimmerreisen einstreuen, um auch einmal nicht nur von, mit und über das Zeitgeschehen meine Küchentischphilosophie zum Besten zu geben, sondern der Phantasie die Zügel überlassen.

Mal sehen, wohin die Reise geht…

„Lesen stärkt die Seele“ (Voltaire)

…, so möchte man meinen. Und da ich mich, wie schon in „Die rosarote Brille“ und „Sieben auf einen Streich“ erwähnt, seit einiger Zeit einer Überarbeitung der hauseigenen Bibliothek widme, sind im Laufe der vorangegangenen Wochen/Monate so einige Bücher dem Hunger der Leseratte und des Bücherwurms zum Opfer gefallen. Und da ich mit dem Annehmen und Verarbeiten der Krise so meine Schwierigkeiten habe, sind wir drei getreu dem Motto viel hilft viel vorgegangen und haben den zweiten Gang eingelegt. Außerdem ist da ja noch der schöne Satz von Voltaire und als Hommage an all die Gefährten, die nun hoffentlich ein neues Zuhause finden, und zur Stärkung der Seele, hier die Passagen und Sätze, welche ich mir als Erinnerung an die ebenso schöne wie unschöne Zeit behalte:

“I love tunnels. They’re the symbol of hope: sometime it will be bright again. If by chance, it is not night.”
“Humans can’t bear silence. It would mean that they would bear themselves.”
“Then there was a silence he had never experienced before: in it, you could hear the years.” (Night train to Lisbon – Pascal Mercier)

“‘But still […]. No matter how often he bangs his head, no matter how many times he falls over, he goes on walking backwards.’ […] What his uncle doesn’t understand is that in walking backwards, his back to the world, his back to God, he is not grieving. He is objecting. Because when everything cherished by you in life has been taken away, what else is there to do but object?” (The high mountains of Portugal – Yann Martel)

’Let’s start at the beginning […] You phoned me. That is where the discussion started, is it not?’ ‘I disagree. It all started when an image of you intruded itself into my mind much earlier this morning. […] I knew you wanted to talk to me about something, but what it was I couldn’t begin to guess. So I replied to your summons by phoning your number […]’ ‘Ahh,’ said Sinha. ‘Now I understand. So neither of us knows what I want to talk with you about. That does make this conversation rather difficult.’” (The Feng Shui detective – Nury Vittachi)

“This is how it began. I had nowhere I had to be, and he had nowhere he had to be. We had money in our pockets and time on our hands. It was that easy.”
„Another slice from the pie of time I now wish I could put back and do over. Do over, the way little children play games by their own set of rules – rules that include do-over, the second chance. […], and then one day someone says, ‘No, no do-overs,’ and in its place is the void: If only.”
“Sometimes, to do something stupid […] is a far better thing to do than to do nothing at all. […] we should’ve have done something, even something stupid, something that chanced ruining our lives, because to do something stupid, something reckless, something honest, is to be brave, but Henry and I, if we were nothing else, we were cowards, and that was the end of that.” (The scenic route – Binnie Kirshenbaum)

„At the first stoplight I ask the cabbie, ‘What do you think of love?’ […] ‘You know, people think cabdrivers are oracles, that we speak the truth in moments of crisis. We’re not. We drive cabs.’ […] ‘What were you reading before I got in?’ ‘Tolstoy.’ […] ‘I’ve got the one cabbie in all of Baltimore reading dead Russians and refusing to be an oracle.’ ‘Okay, okay,’ he says. ‘Ask me again.’ […] ‘What do you think of love?’ ‘It’s rare.’ ‘What else?’ ‘That’s enough, isn’t it?’ (The future for curious people – Gregory Sherl)

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Lage(r)gespräche reloaded

Der Wahnsinn nimmt seinen Lauf. Unaufhaltsam und gleichzeitig verständlicherweise.

„Mami, können wir bitte die Schuhe bestellen? Ich weiß, die sind teuer, aber das ist eine limited Edition.“
Ich entscheide mich, ein Ablenkungsmanöver zu starten und rede von irgendetwas anderem und davon, dass es jetzt wirtschaftlich ziemlich schwierig werden könnte und überhaupt. Dann der Klassiker unter den Fragen des Nachwuchses.
„Warum?“
„Also, ich mache mir hin und wieder schon Gedanken wegen des Darlehens. Weil, mal angenommen, wenn ich meinen Job verliere, dann wird die Bank ganz schnell auf der Matte stehen…“
„Weil Ihr auch alle so deutsche Kartoffeln seid.“
Hm, komischer Vergleich, aber mal sehen, wohin das führt, wenn jemand, der mit Hilfe von Taschengeld, Oma und ein bißchen Hausaufgabennachhilfe einen auf dicke Hose macht und in einer ähnlichen Diskussion meinte, dass Sparen Unsinn sei, weil, das Geld müsse unter die Leute.
„Es gibt für mich nur drei Formen von Schulden. Erstens: Schulden, weil man kein Geld hat (Anm.: d.R.: um sich etwas zu kaufen). Zweitens: Schulden, weil man nicht genug Geld hat (Anm: d.R.: um etwas direkt und ganz zu bezahlen).“
Ich finde ja, da ist irgendwie kein großer Unterschied, halte aber lieber mal den Mund. Kartoffeln sind ja eh eher nicht so die Quasselstrippen und stecken gerade in der Krise, weil die Leute nicht genug Pommes essen.
„Wenn also nun nach der Krise das Geld nichts mehr wert ist, dann sind die Schulden ja auch weniger.“
„???“
„Deswegen: Können wir bitte die Schuhe kaufen, weil die steigen im Wert.“
„???“

Ich frage mich immer noch, was die Jugend heutzutage eigentlich in der Schule so lernt. Wobei, wenn der Unterricht nur virtuell bis gar nicht stattfindet, dann macht die Argumentationskette natürlich Sinn. Irgendwie. Schade nur, dass ich wohl nie erfahren werde, was die dritte Form der Schulden ist.

***

„Mami, wie ist das eigentlich, wenn man in einem Kampfjet fliegt? Hört man da ständig den Knall, wenn man die Schallmauer durchbricht? Und die eigene Stimme? Und ist es da nicht irre laut?“
„Keine Ahnung. Kann ich nur aus meiner Warte als Konsument von Top Gun beurteilen und da gab es kein Rauschen oder andere Störgeräuche im Cockpit. Mal abgesehen von Tom Cruise. Von daher eigentlich eher nicht, denke ich.“
„Ich glaube, das könnte ich mir auch gut vorstellen, so als Beruf.“
„Kampfjetpilot? Oder Schauspieler?“
„Ja.“
„???“

Schon klar, ist ja auch total naheliegend und vor allem von der Ausblidung und den Anforderungen her fast identisch.

***

„Mami, ich habe so einen Online-Test gemacht.“
„Aha.“
„Ja, weil ich ja schon so darüber nachdenke, was ich mal machen soll.“
„Sehr schön. Und? Was ist dabei rausgekommen?“
„Ich bei ein Debateur.“
Wow, die künstliche Intelligenz ist genauso schlau wie ich.
„Aber…manches passt voll und bei anderen Punkten sehe ich das anders.“

Debateur. 120%. Deutelt sogar an der Auswertung der eigenen Antworten rum.

***

„So, jetzt ist es amtlich: Maskenpflicht. Kannst Dich schon mal drauf einstellen.“
„Echt jetzt?“
„Ja, im öffentlichen Nahverkehr und in den Geschäften. Du kannst auch Dein Bandana nehmen, es muss keine Maske sein.“
„Hey, kann ich so eine Sturmmaske haben?“

Meine Assozation mit der Terroranschlagstheorie aus Lage(r)gespräche 2.0 plus der Kampfjetpilotberufswunsch hiermit in den Zusammenhang zu setzen, ist vielleicht etwas weit hergeholt, aber beunruhigend ist es doch irgendwie. Aber auf die Diskussion lasse ich mich besser nicht ein. Schon gar nicht mit einem, der sich als Debateur Karriere machen will.

***

„Mami, ich habe für morgen kein T-Shirt mehr zum Anziehen.“
„Ich hatte Dir auch gesagt, dass Du den Wäschekorb zur Waschmaschine bringen sollst und sortieren. Jetzt steht er immer noch hier, mitten im Gang. Das ist doch echt nicht zuviel verlangt.“
„Ja, aber das ist lohnt sich doch nicht, da kommt immer wieder Wäsche dazu.“

Willkommen in meinem Leben kann ich da nur sagen.

***

„Mami, muss ich jetzt, wenn ich in die Bank gehe, auch eine Maske tragen?“
„In der Theorie ja, aber ich weiß nicht so genau, ob das nicht auch eventuell missverstanden werden könnte? Vielleicht keine wirklich optimale Idee.“
„Können wir bitte eine Sturmmaske kaufen?“
„Wie wäre es, Du gehst erst nach Schalterschluß in die Bank, um Geld am Automaten zu holen.“

Langsam überkommt mich doch ein leicht mulmiges Gefühl. Irgendwas ist da in der Erziehung nicht ganz rund gelaufen. Ich hoffe, im Fall der Fälle können wir auf mildernde Umstände und Jugendstrafe plädieren.

***

„Mami, Du musst Dir das Video von dem Typen anschauen. Ich schmeiß mich weg. Auf die Frage, ob die Erde rund oder flach ist, sagt er ‚weder noch‘.“
Gesagt, getan. Es ist wirklich haarsträubend bizarr.
„Na ja, vielleicht ist die Erde ja wirklich eine Scheibe.“, erlaube ich mir zu bemerken.
„Nein, weil wenn man in die Sonne schaut, dann sieht man, dass es eine Kugel ist.“
„Also, wenn man in die Sonne schaut, sieht man erst mal gar nichts und dann ist man blind. Nehmen wir den Mond. Wenn ich nun so den Mond anschaue, dann sehe ich eine Scheibe, ganz ehrlich, keine Kugel.“
„Ja, aber wie soll denn dann sich alles um die Sonne drehen?“
„Vielleicht stimmt das ja gar nicht und es dreht sich doch alles um die Erde. Oder alles steht still und jeden Abend und Morgen lässt jemand die Rolläden runter und wieder hoch. Et voilá, die Sonne scheint.“
„…“

Jackpot, der Debateur ist sprachlos. 1:0 für mich. Wer braucht da noch die Bundesliga? Die spannendsten Partien finden in diesen Tagen am Küchentisch statt.

Licht am Ende

Und damit soll der Ausflug ins Lager enden, schließlich ist Licht am Ende des Tunnels erkennbar. Ziemlich schummrig, aber immerhin.

Das Leben geht weiter

Das schwarze Kleid hängt anklagend auf dem Kleiderbügel. Ein Kauf, der nicht dem Leben, sondern dem Tod geschuldet ist. Der Mann an meiner Seite rät mir zu hellen Strümpfen, schließlich sei ich nicht die Witwe. Wenn ich die Witwe wäre, dann würde ich schwarze Netzstrümpfe und einen Hut mit passendem Schleier tragen, ist meine Antwort. Nein, ich bin nicht die Witwe, meine Rolle ist die der Respektzollenden. Vor 35 gemeinsamen Jahren und 62 Lebensjahren. Von allem reichlich, aber bei weitem nicht genug.

Die Kirche ist voll, nicht alle finden Platz. Angehörige, Freunde, Kollegen, Nachbarn, Bekannte und all jene Schaulustige, welche die trauernde Witwe sehen wollen, das Unglück der anderen als eigenen Triumph auskosten und denen der Schmerz auf eine niederträchtige Weise Freude bereitet. Ich ziehe meinen Begleiter in die letzte Reihe und versuche, die Fluchtgedanken zu unterdrücken. Alles fühlt sich irgendwie falsch an.

Made with Repix (http://repix.it)

Ich für mich möchte bitte, wenn es denn irgendwann so weit sein sollte, einfach im Wald verscharrt werden. Dieses ganze Spektakel will ich nicht und eigentlich kann ich mir auch nicht vorstellen, dass es hilft. Niemandem. Abschied nehmen hat für mich eine andere Form. Das ist ein Moment, der nur zwischen zwei Menschen stattfindet und nicht dieser Bühne bedarf.

Die Trauerrednerin spricht davon, dass der Verstorbene der Mittelpunkt der Familie war, der Fixstern, derjenige, der alle zusammengehalten hat. Nein, meine liebe Freundin, dieser Part ist eindeutig Deiner. Ohne Dich wäre diese Familie nicht das, was sie ist. Du bist der Stern, der leuchtet. Dein Mann mag der Fixpunkt gewesen sein, aber Du hast das Universum erhellt.

Umso herzzerreißender ist es nun, mit ansehen zu müssen, in welcher Dunkelheit Du lebst, wobei dieses Leben nicht viel mehr ein Sein ist. Jeder Tag eine Qual, jede Minute eine weitere, in der Du so ganz allmählich und vollumfänglich die Tragweite erahnst und was Verlust wirklich bedeutet.

Derjenige, der geht, muss einfach nur sterben. Alle, die zurückbleiben, müssen damit leben.

Das Leben geht weiter. Ohne Rücksicht.

 

Gedanken eines Knopfes

„Sie haben sich falsch zugeknöpft“, ruft mir die Verkäuferin quer durch den Laden zu. Ein Blick an mir herunter bestätigt ihre Aussage. Meine Jacke hängt schepps und schräg an mir herunter. Irgendwie passend. Und absolut stellvertretend, was meine geistige Zurechnungsfähigkeit betrifft.

Falsch zugeknöpft – schief gewickelt, kommt mir in den Sinn. ‚Dafür wurde der Reißverschluss erfunden‘, höre ich die Gedanken der Verkäuferin. Für Leute wie mich, die beim Knöpfen scheinbar immer in der Mitte anfangen, statt oben oder unten, denn damit könnten solche Fehlstellungen ja auch vermieden werden.

Ansichtssache

Wenn ich dann so an meine Zukunft denke, stelle ich recht schnell fest, dass sich meine Wünsche dahingehend doch wenig mit meiner objektiven Einschätzung decken. Heißt das nun, meine Wünsche sind so unrealistisch? Oder bin ich so pessimistisch? Vielleicht bin ich auch nicht so mutig wie ich mir einbilde zu sein. Finde zu viele Argumente, warum etwas nicht funktioniert. Lasse mich treiben anstatt selbst die Kontrolle zu übernehmen. Vertraue auf die Zeit, die ich noch habe, alle Wünsche, wenn nicht schon zu erfüllen, so doch wenigstens anzupacken, dabei immer allzu gern die Tatsache verdrängend, dass die Zeit verrinnt – unbeeindruckt von meinen Wünschen.

Haben mich meine Eltern und alle anderen lebenswegbeeinflussende Persönlichkeiten schief gewickelt? Auf einen Weg gebracht, der schepps und schräg ist? Unmöglich, ihn zu gehen? Oder bin ich es, der einfach nicht in der Lage ist, die Löcher und ihre Gegenstücke in der richtigen Reihenfolge zusammen zu bringen?

„Das passiert mir immer“, entgegne ich kleinlaut, denn etwas Besseres fällt mir nicht ein. Und stimmen tut es auch. Meistens. Irgendwo steckt ein festgezurrter Knoten, der mich auf meiner Lebenslinie nicht weiter vorankommen lässt. Ich will mich aber nicht einwickeln lassen, eingeschnürt, bewegungsunfähig und keine Luft zum Atmen. Und schon gar nicht will ich, dass an mir herum gerissen wird, mich wie die Zähne im Reißverschluss festbeißen, eingepfercht werden und keinen Platz zum Rangieren haben.

Ich bin eben wie ein Knopf. Eine Insel im Ozean der Möglichleiten. Um mich der Wind, der durch die Löcher und Zwischenräume fegt und meine Träume beflügelt. Und das mit der Jacke lasse ich jetzt so. Haken dran.

 

Eure Kerstin

Vier plus eins – eine Fortsetzung

Der eine oder andere, der meine Reihe „Bilder eines Sommers“ verfolgt hat, ist eventuell über die vier Elemente gestolpert und hat sich dann gefragt, was wohl mit dem fünften Element ist. Ich nehme mal an, jeder kennt den gleichnamigen Film.

Und irgendwie kam es auch mir so vor, als ob da noch das gewisse Extra fehlen würde. Ein Abschluss, etwas Wesentliches. Und irgendwie sind Bilder ohne Worte doch auch nicht ganz mein Ding. Also habe ich mir mal ein paar Gedanken gemacht.

Die Lehre der vier Elemente besagt, dass alles Sein aus einem Mischverhältnis zwischen Erde, Wasser, Luft und Feuer besteht. Es gibt Darstellungen mit Pfeilen, in Kreisform, sie werden Göttern und Geistern zugeordnet und nicht zuletzt den Aggregatszuständen. Während der Anfänge, die den Philosophen gebühren, gab es immer wieder andere Theorien, welches denn der Urstoff sei. Auf der Suche danach kamen die Philosophen auf den Äther und bezeichneten ihn als Quintessenz. Oder anders rum. Da komme ich an meine Grenzen, was die Philosophie betrifft und in Naturwissenschaften bin ich eh bereits beim kleinen Einmaleins ausgestiegen.

Quintessenz kommt aus dem Lateinischen und bedeutet wörtlich „fünftes Seiendes“ und ist so etwas wie eine ewige Substanz, die jenseits der irdischen Elemente existiert. Zeitlos und unveränderlich. Ein schöner Gedanken in einer Welt, die sich gefühlt im Sekundentakt neu erfindet und wandelt. Da kommt einem dann auch ganz von allein wieder der schon angesprochene Film und die Liebe als fünftes Element in den Sinn. Diese möchte man ja gern auch als etwas Außerirdisches, von immerwährender Dauer wissen. Und das, wissen wir alle, ist eine Wunschvorstellung.

Wenn es nun fünf Elemente sind, dann wird sich nie ein Gleichgewicht einstellen. Im Gegensteil, man ist ständig mit dem Ausbalancieren der Gewichte beschäftigt. Was eigentlich auch ganz gut so ist. Auf diese Weise ist man auch gezwungen, sich immer mal wieder seiner Grenzen bewusst zu werden, sich zu erden, nicht abzuheben, gegen den Strom zu schwimmen und gleichzeitig sich nicht verheizen zu lassen. Und so ganz nebenbei entdeckt man das Wesentliche, das fünfte Element.

Element

Wie heißt es in dem Roman „Mechanik des Herzens“ von Mathias Malzieu so schön: „Jedesmal gibt es diesen absurden und gleichzeitig wunderschönen Moment, in dem ich an das Unmögliche glaube.“

 

Eure Kerstin

Was von der zehnten Rauhnacht (3. Januar) übrigbleibt – Oktober 2017

Das Motto der zehnten Rauhnacht und somit des Monats Oktober ist Ernte. Es geht darum, zu sehen, was man erreicht, was sich erfüllt hat, auf das bisherige Jahr zurück zu schauen, aber auch zu prüfen, was man für das Kommende beiseitelegen kann.

In Bezug auf den Rückblick kann ich sagen, dass ich selten Jahre wie dieses mit so vielen Wendungen, Hochs und Tiefs, Unvorhergesehenem und nicht zu vergessen glücklichen Momenten erlebt habe. Und ich bin nun schon bald ein halbes Jahrhundert auf zwei Beinen unterwegs.

Diese, also die Beine, wurden leider für meine Begriffe im Oktober auch etwas zu sehr geschont. Ein bisschen mehr Bewegung und das nicht unbedingt nur in luftiger Höhe würden Ihnen und mir guttun, aber wenn man innehält, um Bilanz zu ziehen, fällt es mitunter schwer, gleichzeitig den Weg, der sich vor einem entfaltet, ohne Stolpern zu bewältigen.

Die sich hinziehende, ganz reale, Erkältung hatte insofern auch etwas Gutes: Kein Stolpern. Dafür Zeit, den eigenen Gedanken nachzuhängen. Hier lassen sich also auch die „Samen“ für das Neue finden.

Vom eigenen Körper zum Verweilen so gesehen gezwungen, entwickeln sich aus der scheinbaren Langeweile, Ideen und Pläne: ‚Der Keller muss, bevor er zum Monster wird, endlich entrümpelt werden. Schließlich kann nur dann aus allem etwas werden, wenn das Fundament stimmt. Ein unaufgeräumter, vollgestellter Keller ist da absolut kontraproduktiv.‘ Ich denke, damit werde ich eine Weile beschäftigt sein. Die erste Hürde, sich in die tageslichtfernen Katakomben vor zu wagen, ist genommen. Und wie wir alle wissen, ist der erste Schritt immer der schwerste.

Was ich aus den bisherigen Rauhnächten und den vergangenen Monaten mitgenommen habe, ist, dass sich die Tarotkarte vom 3. Januar mit ihrer Botschaft genau an der richtigen Stelle platziert hat: „Die größte Stärke des Menschen ist seine Hoffnung. Vertraue in Deine Zukunft.“ Wer, und da zähle ich mich auch dazu, nicht jede Karte bis in Detail kennt, es war/ist der Stern. Und das ist doch eigentlich ein ganz wundervoller Gedanke, dass trotz allem, immer ein Licht den Weg beleuchtet, über den wir manchmal stolpern und manchmal schon fast zu fliegen scheinen.

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Der November ist noch ganz frisch und zeigt sich heute von der stillen Seite. Er bietet auch die Chance, nach der Ernte Ruhe einkehren zu lassen. Ich bin gespannt.

 

 

Eure Kerstin

Gedanken einer Unermüdlichen

Vor Kurzem hatte ich Jubiläum. Zehn Jahre Firmenzugehörigkeit. Für mich ist das schon ziemlich viel. So lang habe ich es bis dato noch nirgends ausgehalten, weder in einer Firma noch an einem Ort. Aber das soll ja gar nicht das Thema sein.

Mein Arbeit- und Brötchengeber legt viel Wert auf Mitarbeiterzufriedenheit, zumindest steht das in den Statuten. Klar, die Politiker sagen auch immer andere Dinge als sie dann tun, das kann und macht selbst der jugendliche Mitbewohner. Und meine Wenigkeit auch so ab und an. Wir sind ja alle nur Menschen.

Also gut, das Jubiläum. Yippie-Yeah. Es gibt Champagner und kleine Häppchen und eine Rede und ein Geschenk. Neidisch? Ich auch. Es gab nämlich nichts von alle dem. Ein hübsch formuliertes Glückwunschschreiben habe ich in meinem Briefkasten gefunden. Mit der Post nach Hause zugestellt.

Nun sitze ich also mit dem Zeugnis, welches mir schwarz auf weiß bescheinigt, wie dankbar man mir für meine Leistungen und meine Treue im Dienste der Organisation ist. Und irgendwie beschleicht mich das Gefühl, so ähnlich könnte auch der Nachruf an meine Angehörigen formuliert sein, wenn ich im Dienste dahinscheiden sollte. Wie steht es eigentlich so um die Lebenserwartungen einer menschlichen Arbeitsbiene? Oder rechnet man da buchhalterisch mit Abschreibungswerten?

Nun gut, soweit ist es ja noch nicht, denn meiner Firma liegt vor allem an meinem unermüdlichen tätig sein. Jawohl, unermüdlich. Wobei wir eigentlich wieder bei der Arbeitslebenserwartung wären. Dabei will ich gar nicht unermüdlich schuften. Im Gegenteil, ich bin des unermüdlichen Einsatzes echt müde. Immer noch eine Schippe mehr oben drauf. Immer noch ein bisschen schneller. Für was? Dafür, dass der Wert meiner Tätigkeit nach fünfzehn Jahren auf „unermüdlicher“ und nach zwanzig Jahren auf „am unermüdlichsten“ gestiegen ist? Ganz ehrlich, ich wusste noch nicht mal, dass man unermüdlich tatsächlich steigern kann. Wie absurd die deutsche Sprache doch manchmal ist?

Arbeit

Ob der Unterzeichner wohl eine Antwort in Form eines Dankeschöns von mir erwartet? Bei ca. 700 Jubilarsglückwünschen (ist eine grobe Schätzung meinerseits, weil ich mich natürlich eine ganze Weile unermüdlich mit meinen Gedanken dazu auseinandergesetzt habe- in meiner Freizeit möchte ich betonen), die er jährlich unterschreiben muss, wohl eher nicht. Vielleicht falle ich sogar unangenehm auf, wenn ich meine Arbeitszeit für so etwas verwende. Ich frage mich, wann er das wohl erledigt? Während irgendeiner der unzähligen Telekonferenzen, Meetings etc.? Oder nachts, wenn er nicht schlafen kann, weil er ja ebenfalls im Kreislauf der Unermüdlichen steckt.

Und weil ich schon mal beim Recherchieren und Nachdenken war, wurde auch gleich nach Synonymen gesucht. Das steht dann zum Beispiel: beharrlich, hartnäckig, unablässig, unaufhörlich, unbeirrbar, ununterbrochen, verbissen, zäh, beharrsam, nimmermüde. Ne, das klingt nicht sehr positiv, eher wie nach jemandem, der mit Scheuklappen durch die Welt rennt und nicht auch nur einen Millimeter vom Pfad des Dienstes für die Firma abweicht.

Dazu fühle ich mich nun wirklich nicht berufen. Richtig, Beruf kommt von Berufung. Und das hört sich doch gleich vielmehr nach einem Auftrag, einer ehren- und sinnvollen Aufgabe an und weniger nach Leistungsgesellschaft.

Mein Chef jedenfalls hat es begriffen. Zumindest auf dem Papier, denn von ihm habe ich auch ein Schreiben erhalten. Handgeschrieben und persönlich überreicht. Immerhin. Und darin ist zu lesen: „Vier Dinge kommen im Leben nicht mehr zurück: Die Tage, die Du erlebst hat. Die Erfahrungen, die Du gemacht hast. Die Worte, die Du benutzt hast. Die Chance, die Du verpasst hast“.“ Ob er wohl weiß, dass er damit bei mir auf fruchtbarem Boden landet? Ob ihm wohl klar ist, dass er damit den Stein ins Rollen bringen könnte? Wobei, ich bin versucht, das nächste Jubiläum abzuwarten, sei auch nur dafür, um zu erfahren, was mich erwartet. Immer diese unermüdlichen Gedanken! Ich sollte wirklich mehr arbeiten.

 

Eure Kerstin