Sieben auf einen Streich – „Das unerhörte Leben des Alex Woods“ von Gavin Extence

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Was mir beim Gedanken an den Roman von Gavin Extence zuerst in den Sinn kommt, ist diese Versicherungswerbung, bei der ein Satellit vom Himmel fällt, auf ein Auto, fein säuberlich abgestellt auf einem riesigen Parkplatz. Das einzige Auto wohlgemerkt. Dazu die Frage: „Was, wenn es immer Sie treffen würde?“ Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit? Tja, und trotzdem, die Möglichkeit besteht.

Nun, das hat nur insofern etwas mit dem Buch „Das unerhörte Leben des Alex Woods“, wobei ich den englischen Titel „The universe vs. Alex Woods“ deutlich aussagekräftiger finde, zu tun, als dass ihm, Alex Woods, im Alter von zehn Jahren, ein Meteorit auf den Kopf fällt. Im Badezimmer. Der Aufhänger ist also schon recht bizarr. Damit nicht genug. Alex, der wahrlich etwas sonderlich ist für einen Zehnjährigen+, rettet sich etwas später vor seinen Mitschülern in den Garten von Mr. Peterson, einem exzentrischen Greis mit einer Vorliebe für Marihuana und Bücher von Kurt Vonnegut. Die beiden freunden sich an, lernen voneinander und als Mr. Peterson seinem Leben in der Schweiz ein Ende setzen will, machen sich sie gemeinsam auf den Weg.

Die Geschichte ist wunderschön erzählt. Es geht um ungewöhnliche Freundschaften, das Schicksal und einen selbstbestimmten, freien Lebensweg. Philosophisch und poetisch bis zum Schluss. Bezeichnenderweise mit einer Passage aus dem Roman „Der Kinderkreuzzug” von Kurt Vonnegut, dessen Bücher, hier empfehle ich „Galápagos“, im Übrigen abstruser und schräger nicht sein könnten.

„The most important thing I learned on Tralfamadore was that when a person dies he only appears to die. He is still very much alive in the past, so it is silly for people to cry at his funeral. All moments, past, present and future, always have existed, always still exist. The Tralfamadorians can look at all the different moments […] They can see how permanent all the moments are, and they can look at any moment that interests them. It’s just an illusion we have here on Earth that one moment follows another one, like beads on a string, and that once a moment is gone it’s gone forever”

“Das unerhörte Leben des Alex Woods“ macht Lust auf mehr von Gavin Extence. Zum Glück gibt es inzwischen auch einen zweiten Roman. Falls also jemand noch nach einem Geschenk zu Weihnachten oder so für mich sucht, bitte nicht auf komische Ideen kommen – wir wissen ja, was dabei herauskommt.

Also dann, bis morgen.

 

 

 

 

 

Geschmacksfragen

Alle sechs bis acht Wochen tauchen die Gesellschafter und ich ein in andere Welten. Nämlich immer dann, wenn sich unsere Buchgesellschaft trifft. Dann versuchen wir uns als literarisches Quartett und gleichzeitig schlemmen wir (meist stilecht zur Lektüre) ausgiebig. Wobei der literarische Anteil oftmals zu Gunsten der schnöden Realität und den Gaumengenüssen vernachlässigt wird.

Meist liegt das gar nicht so sehr an uns als vielmehr am Lesestoff, den es zu verdauen galt. Also sind wir, vielmehr ich, da ich eine Vorauswahl treffe, doch irgendwie schuldig, denn schließlich suchen wir uns das seitenstarke Unglück ja selbst aus.

Im Moment liegt die „Erfolgsquote“, also Werke, die wir alle gut fanden, bei noch nicht einmal 22%. Selbst der aktuelle Regierungspartner im Bundestag hatte da bei der letzten Wahl mehr vorzuweisen und man sieht ja, was dabei herauskommt, wenn man mit Minderheiten versucht, ein Land beziehungsweise 80 Millionen Meinungen unter einen Hut zu bringen. Klappt noch nicht mal im kleinen Viererkreis unserer Buchgesellschaft und das, obwohl wir uns alle mögen. Doch damit genug in der kleinen politischen Ecke aufgehalten.

Sicherlich spielt beim Lesen der Geschmack die größte Rolle und der ist nun mal bei jedem sehr individuell. Umso erstaunlicher ist es daher, dass die als Klassiker gehandelten Bücher von uns durchweg als lesenswert und gut bewertet wurden. Ich finde das durchaus bemerkenswert, weil ja gerade diesem Genre ein gewisser Ruf von Schwere und Staub und Langeweile anhaftet. Gleichzeitig aber manifestiert sich damit zu Recht der Begriff Klassiker. Bei den modernen Werken waren wir uns nie einig und die meisten sind auf der Geschmacksskala durchgefallen. Wir waren jedes Mal regelrecht froh, dass es so viele Leckereien und andere Gesprächsthemen gab.

Klassiker

Lange Rede, kurzer Sinn: In Zukunft kommen nur noch Klassiker auf die Leseliste. Und wir fangen gleich damit an. „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams steht auf dem Plan und da freue ich mich schon so richtig drauf. Und natürlich ganz besonders auf die Gaumengenüsse. Ist eben alles eine Geschmacksfrage.

Kerstin und die Buchgesellschafter

Das Sechszehntagetagebuch – Teil 1

Da inzwischen die sechszehn Tage (zum Glück) der 16-Tage-Challenge vorbei sind und nun doch der eine oder andere Wunsch, ich möge meine Leser an diesen teilhaben, lassen an mich heran getragen wurde und auch bald Weihnachten ist, will ich mal nicht so sein. Also, los geht es.

Sonntag, Tag eins (27. November)
Das Beste heute war das Baumschmücken. Am ersten Advent wird bei mir immer der Weihnachtsbaum aufgestellt. Und dann freue ich mich die gesamte Vorweihnachtszeit an dem Licht und dem Glanz. Dafür fliegt er gleich nach Weihnachten auch wieder raus. Dann ist es genug. Zur Tradition des Baumschmückens gehört seit vielen Jahren die Weihnachts-CD von Michael Bublé. Die läuft dann in Endlosschleife. Und mitsingen tue ich natürlich auch. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Christbaum

Montag, Tag zwei
Das Beste heute? Yoga, was sonst. Wie gesagt, Yoga ist mehr als die Beine hinter den Kopf brezeln. Vor allem meine Lehrerin am Montag legt viel Wert darauf, dass Yoga in seiner vollen Bedeutung bei uns ankommt und behandelt immer wieder andere Themenblöcke. Derzeit ist es Prana. Prana heißt Atem/Atmen, aber auch Leben, denn Atem bedeutet Leben. Klar, wir können ca. drei Wochen ohne essen auskommen, drei Tage ohne Trinken, aber ohne Atmen schaffen es die meisten nicht mal drei Minuten. Atmen ist ja an sich etwas ganz Selbstverständliches über das wir nicht nachdenken. Erst wenn man sich bewusst darauf konzentriert, spürt man die feinen Vibrationen und Veränderungen. Lebensenergie.
Zur Übung gehört, dass wir die Gedanken quasi bewusst vom Körper trennen. Den Verstand in die Ecke stellen, sagt sie. Für mich immer absolute Schwerstarbeit. Mein Hirn ist irgendwie immer aktiv. Selbst wenn ich nachts mal aufwache. Peng, sofort fangen meine Gedanken an zu kreisen. Also gut, ich stelle meinen Verstand in die Ecke. Neben die Eingangstür. Dann kann er sicher sein, dass ich nicht ohne ihn gehe. Und so sage ich ihm das auch – ganz sanft: „Keine Angst, ich vergesse Dich nicht. Ich bin gleich hier und sehe Dich.“ Und dann fließt alles ganz von allein: Wohlige Wärme umhüllt mich. Mein Verstand blickt zu mir und meint: „Eine wirklich schöne Aura hast Du da.“

Dienstag, Tag drei
Das Beste heute war das Wärmebad vor dem Kamin, ein Ritual, das ich hin und wieder brauche, um die innerliche Glut anzufachen, bevor auch noch der letzte Funken Energie formlich ausgesaugt wurde. Zusammengerollt liege ich auf einem Bett aus Decken und das Feuer wärmt meinen Rücken. Dann will ich eigentlich gar nicht mehr aufstehen und wünschte mir, ich könnte bis in alle Ewigkeit einfach so liegen bleiben.

Mittwoch, Tag vier
Das Beste heute war die Shoppingtour mit meiner Freundin. Wobei das Shopping dabei eigentlich Nebensache ist. Das Wichtigste sind die Gespräche, die zwischen Unterwäscheregal und Umkleidekabine stattfinden. Ehrliche Worte, manchmal mehr als kindisch, aber immer in dem Vertrauen, dass jedes Geheimnis und Geständnis bei der besten Freundin gut aufgehoben ist.

Donnerstag, Tag fünf
Heute war einer dieser Tage, an denen jedes Fenster mehr verspricht als alles andere. Zum Glück verschwindet irgendwann das Licht und die Fenster starren einen nur mit unendlicher Dunkelheit und Gleichgültigkeit an. Und zum Glück geht auch der längste Tag einmal zu Ende und die Nacht beginnt und endlich gibt es einen Funken Hoffnung. Auf wenigstens ein paar Stunden Ruhe, wenn die Sorgen im Schlaf kurzzeitig verstummen. Das Beste war die Wärmflasche, die mir ein bisschen Wärme und Geborgenheit geschenkt hat.

Freitag, Tag sechs
Freitag. Eigentlich sollte das ja schon reichen. Irgendwie ist alles gut, wenn es Freitag ist. Und Freitag und Yoga ist eigentlich nur noch durch Freitag und Yoga und Sauna zu schlagen. Das Beste dabei war der Moment nach der Sauna. Sich auf der Liege ausstrecken, den Herzschlag in jeder Faser des Körpers spüren. Das leichte Prickeln auf der Haut und der kühle Luftzug, der sanft über einen streicht. Na ja, so in etwa ist es zumindest in meiner Einbildung, denn die frische Luft kommt erst sehr viel später als ich draußen den nebenschwangeren Sauerstoff tief einatme.

Samstag, Tag sieben
Das Beste war die Vorfreude. Auf morgen.

 Im wahrsten Sinne des Wortes. Fortsetzung folgt.

Eure Kerstin

Die 16-Tage-Challenge

Einer meiner Freunde hat mich gebeten, während seines Urlaubes jeden Tag das Beste, was an diesem passiert ist, aufzuschreiben. Sechszehn Tage lang.

16-Tage-Tagebuch

Hauptsächlich, weil er sich Sorgen macht: Frauen mittleren Alters – sprich in der Mid-Life-Crisis und den Wechseljahren – neigen ja hin und wieder zu Übersprunghandlungen. Ich rede dann gern von offenen Fenstern und der schönen Aussicht aus solchen. Also hat er mir diese Bitte abgerungen. Wohlweislich und in vollen Bewusstsein, dass er mich damit an meiner wunden Stelle, dem Schreiben, trifft. Nun verlangt es quasi die Ehre, dass ich dem nachkomme. Eine Herausforderung, der ich nur schwerlich widerstehen kann. Sechszehn Tage lang.

Irgendwie erinnert mich das an jemanden, der mal ein Dankbarkeitsfototagebuch über ein Jahr hinweg geführt hat. Glaube, es gab da einen Blog, auf dem dann jeden Tag ein Foto war. So in etwa komme ich mir nun vor.  Nur, dass der Freund sich in der Dominikanischen Republik die Sonne auf den Wanst scheinen lässt, während ich hier bei miesem Wetter und in der Hektik der Vorweihnachtszeit mir nun das Hirn zermartern darf. Und dabei wollte ich nicht schon wieder so ein Projekt anfangen, bei dem ich jeden Tag geistige Höchstleistungen vollbringen muss.

Aber, der junge Mann wusste wohl ziemlich genau, was er tat. Wer mit Denken beschäftigt ist, kann nicht nach Fenstern und anderen Fluchtmöglichkeiten Ausschau halten. Und gleichzeitig zwingt er mich dazu, dass ich jeden Tag an ihn denke. Ein ganz schlauer Schachzug war das. Hätte ich ihm gar nicht zugetraut.

 

Eure Kerstin

P.S.: Auch, wenn es sich sicherlich hervorragend für meinen Blog eignet, habe ich mich entschlossen, die Tagebucheinträge hier nicht zu posten. Nur falls jemand darauf spekuliert.

Mark & ich

Die Sache ist die: Der Entschluss, meinen Blog um eine Facebookseite zu erweitern, war nicht ohne Zweifel. Und auch jetzt bin ich da noch recht hin und her gerissen.

Brauche ich das wirklich? Wo ich mich doch im Grunde von all dem unnötigen Konsumballast lossagen will und zusehends analog unterwegs bin.

Wie schaffe ich eine einigermaßen anonyme Darstellung? Schließlich war ich vor Jahren schon mal Kunde und habe fleißig Freundschaftsanfragen von Kollegen gesammelt, mit denen ich weder direkt zusammen arbeite noch per Du bin. Und da ich diese nie beantwortet/angenommen habe, kriegte ich regelmäßig eine Erinnerung, dass XY noch auf eine Antwort wartet. Nervig. Zudem wurde mir immer wieder mein Ex als Freund vorgeschlagen. Ne, deswegen ist er ja der Ex. Sehr nervig. Und da meine Nerven schon genug aushalten müssen, habe ich Mark meine Freundschaft gekündigt.

Aus Fehlern lernt man bekanntlich. Nun der neue Versuch. Nur anders: Mein grünes Gewissen habe ich damit beruhigt, dass ich im Gegenzug jede Menge Newsletter abbestellt und Onlinekonten gelöscht habe – wollte ich sowieso seit Urzeiten schon machen.

Und meinen Wunsch nach Ruhe vor Kollegen in meiner Freizeit und vor dem Ex nach der Trennung bin ich dadurch nachgekommen, dass ich eben keine persönliche Seite mit Namen eingerichtet habe, sondern „nur“ eine Seite zum Blog. Das mit dem „nur“ in Anführungszeichen deswegen, weil meine Daten ja irgendwie im Hintergrund mitlaufen und analysiert werden. Viel Spaß damit, Mark.

I'm watching youDie Sache mit Facebook ist also die: Wir werden sicherlich nicht beste Freunde. Tut mir leid, Mark. Aber das empfinde ich für meinen Teil nicht weiter schlimm. In der Arbeit läuft, ok, manchmal auch nicht, Outlook. Und auch wir werden keine besten Freunde.

So ist das nun mal im Leben. Man arrangiert sich. Jeder holt das meiste aus der gemeinsamen Zeit raus und wenn es nicht mehr geht, trennt man sich.

Gut, manchmal ist es mit dem Trennen nicht so einfach. Wenn der Partner zum Beispiel klammert und einen nicht gehen lassen will. „Ja, ich will mein Konto wirklich deaktivieren.“ Oder nicht einsieht, dass es vorbei ist. „Bist Du sicher, dass Du Dein Konto nun deaktivieren möchtest.“ Oder einem dann noch nachstellt. „Deine Freunde vermissen Dich.“

Dann muss man stur und taub sein. Ich als Widder und Frau sehe da derzeit nicht so das Problem. Und beides kommt beziehungsweise verstärkt sich ja vielleicht mit dem Alter eh von allein. Und solange Mark nicht bei mir vor der Tür steht, mache ich mir keine allzu großen Sorgen. Und selbst dann: Der könnte theoretisch mein Sohn sein. Und der Größte ist er jetzt auch nicht gerade.

 

Eure Kerstin

Tag 17: selbstverständlich

Tag 17Also, eigentlich finde ich die Frage ziemlich doof. „Das versteht sich doch von selbst“, hätten meine Eltern wohl früher gesagt. Richtig. So sehe ich das auch. Menschen, die mir wichtig sind, behandele ich automatisch pfleglich und mit der gebührenden Aufmerksamkeit. Vielleicht sind Anstand und Achtung heute keine Tugenden mehr und die Frage hat ihre Berechtigung. Frei nach dem Motto: „Alle denken immer nur an sich. Nur ich, ich denk an mich.“

Hatte ja schon mal an Tag 4 die Behauptung aufgestellt, dass ich leicht egozentrisch veranlagt bin. Könnte ja sein, dass sich dieser Wesenszug im Laufe der letzten Woche zunehmend ausgeprägt hat.

Unter Umständen verstehe ich auch einfach den Sinn nicht. Mag sein.

Um es kurz zu machen: Mir fallen da nur zwei Dinge ein:

1. „Innteerrneet!“, würde der jugendliche Mitbewohner ausrufen. (Seine unverständige Erziehungsberechtigte hat nämlich da eine Zeitsperre eingebaut und muss sich des Öfteren rechtfertigen, dass dies nichts mit der Liebe gegenüber dem Teen zu tun hat)

2. Meine lieben Freunde aus nah und fern, ich weiß, ich könnte mich öfter mal melden.

Also, so bei näherer Betrachtung kann ich noch einen dritten Punkt hinzu fügen:

3. Wer das jetzt hier liest und das Gefühl hat, dass ich ihr/ihm ruhig mal (wieder) zeigen könnte,dass sie/er mir wichtig ist, der melde sich einfach. So kurz vor Weihnachten will ich mal großzügig sein und noch ein paar Wünsche erfüllen.

 

Na, dann bis morgen, Kerstin

Fremde Freunde

Karte Nr. 24: „Lassen Sie neue Menschen in Ihr Leben: Organisieren Sie ein Kennenlern-Essen: Laden Sie Ihre Freunde ein- und jeder darf jemanden mitbringen, den die anderen noch nie getroffen haben.“

Falls sich jemand wundert, warum der neue Beitrag schon jetzt erscheint: Ich kürze das Ganze hier mal ab: Ich will keine neuen Leute kennen lernen! Genauer gesagt, ich habe im letzten Jahr für meine Begriffe genug neue Menschen getroffen.

Ralf: Auf einem Seminar getroffen. Er ist im Grunde jemand, den ich attraktiv finden könnte. War mal erfolgreicher Geschäftsmann. Ständig unterwegs in Asien und der Welt. Bis er sich die Frage stellte, was aus seinem Leben, welches er sich mal erträumt hatte, geworden ist. Also hat er kurzerhand seinen hochdotierten Posten gekündigt. Nun fährt er einen 18-Jahre alten Polo, von dem er nicht weiß, ob er die nächste TÜV-Prüfung schafft und geht jeden Tag mindestens eine Stunde nach draußen. Ein Luxus, wie er sagt, den er nicht mehr missen möchte. Er etabliert sich gerade als Life-Coach und zweifelt aber noch, ob er tatsächlich anderen mit ihrem Leben helfen kann. Seit er nicht mehr in der Tretmühle steckt, fliegen ihm die Ideen nur so zu. Ich hoffe, wir bleiben weiterhin in Kontakt. Die Gespräche sind hochgradig inspirierend.

Herr Schmitt: War auch auf dem Seminar. Hat sich gerade selbständig gemacht. Als Achtsamkeitstrainer und Stressmanager. Auf sich achten ist sein Thema. Bietet in dem Zusammenhang Wanderungen an. Ist ziemlich fit für sein Alter. Früher war er Pazifist. Heute ist er Mormone und Monarchist. Absolut faszinierende Persönlichkeit. Wörter wie „eigentlich“, „gar nicht so schlecht“, „im Grunde“ sollte man aus dem Wortschatz streichen. Ebenso alles, was einen selbst in negativem Licht erscheinen lässt. Auch in diesem Fall würde mich eine Fortsetzung freuen. Es geht doch nichts über eine Pause im Alltag, bei der man unterm Gipfelkreuz philosophische Gedanken austauscht und mitten auf der Bergwiese Qi-Gong praktiziert. Mit jemandem, den man siezt. Manche Dinge sind so surreal, dass sie nur das wahre Leben hervorbringen kann.

Susan: Über interpals.net kennen gelernt. Wir führen also eine Brieffreundschaft übers Internet. Das hat so seine Tücken. Schließlich kann man nie so ganz sicher sein, ob der andere einem nicht einen riesengroßen Bären auftischt. Am Ende entpuppt sich die „Freundin“ als der eigene Nachbar. Auf der Website wird eindringlich vor Betrügern und dergleichen gewarnt. Man muss sich eben überlegen, was man preisgibt. Aber gut: Ich will hier mal Gnade vor Recht walten lassen. Susan wohnt in Kanada. Da denke ich immer an eine Baumfällersiedlung und/oder eine Stadt am Wasser. Jedenfalls rau und viel Natur. Sie sammelt Puppen. Also landestypische Puppen. Denke da immer an Käthe Kruse. Ist Lehrerin und ziemlich resolut. Vertritt ihre Ansichten. Finde ich gut. Und es erstaunt mich, wie einfach es ist, sich mit wildfremden Menschen anderer Kulturen, über persönliche Probleme zu unterhalten. Eine tolle Bereicherung. Würde mich zwar wohl gegen ein persönliches Treffen aussprechen, aber so ist es gut.

Antje: Auch über interpals.net kennen gelernt. Wir schreiben uns allerdings richtige Briefe. Einfach toll. Ich freue mich jedes Mal, wenn in meinem Briefkasten ein echter Brief für mich ist. Meist reiße ich ihn noch im Flur auf und lese ihn im Stehen. Antje wohnt in den Niederlanden. Ja, auch hier habe ich die typischen Bilder vor mir. Und vielleicht würde ich bei einer Reise in unser Nachbarland sogar einen Besuch ins Auge fassen. Aber das entscheide ich, wenn es soweit ist. Oft frage ich mich, wie sie all ihre Aktivitäten unter einen Hut bekommt. Sie lernt Gitarre, macht eine Ausbildung zur Fußpflegerin, aber eher so in Richtung Massage. Daneben ist sie begeisterte Radfahrerin. So richtig mit einem Rennrad. Ach ja, Familie hat sie natürlich auch.

Michi und Schorsch: Zwei auf einen Streich. Echte Waldschrate. Bei einer Rast in den bayrischen Voralpen kennen gelernt. Also, ich habe gerastet und die beiden haben Weidezäune aufgestellt. Als sie zu mir gekommen sind, konnte ich ihnen leider nur Wasser und kein Bier anbieten. Sie haben sich gewundert, dass eine Frau so ganz allein durch die Berge wandert. Tja, mich wundert es immer, dass sich die Leute über so was wundern. Wir sind dann zusammen auf der Hütte eingekehrt. Also, sie sind eingekehrt und ich habe für eine Nacht Quartier bezogen. Wir haben uns über den Wandel der Zeiten unterhalten. Michi meinte, er fände es nicht gut, dass immer mehr Ausländer nach Deutschland kämen und ich dachte schon: Jetzt geht das los. Aber: Er meinte dann, man sollte besser in den Ländern den Menschen helfen, damit sie dort bleiben können. Ziemlich fortschrittlicher Ansatz für einen Waldschrat. Schorsch hat immer wieder meine wie er sagte „zarten“ Hände genommen. Fasziniert, dass es wohl Menschen gibt, die nicht wie er zig Narben und Schwielen vom Arbeiten haben. Schorsch hat eine Alm mit Pferden. Ergo die Weidezäune und bietet nebenbei noch Kutschfahrten an. Er ist so ein richtiger Almöhi. Mit langem, weißem Bart. Michi hat einen Hut, an dem Zweie und Federn stecken. Einen der Zweige steckt er einfach in die Blumenvase, die auf dem Tisch steht. Später, als Schorsch schon zu seinem „Weibi“ weiter ist, sitzt Michi vor seinem dritten Bier, erzählt mir bestimmt zehn mal, dass er jetzt noch zwei Stunden zu seiner Hütte hat, wo er die Hirsche dann beobachten wird. Er hat noch einen Schnaps im Rücksack. Für später. Nein, er sei kein Alkoholiker. Auch wenn das nicht der Fall sein sollte, so fällt es mir doch schwer, nach unzähligen Wiederholungen seiner Geschichten noch Aufmerksamkeit zu zeigen. Komme mir vor wie in „Täglich grüßt das Murmeltier“. Nachdem es schon anfängt zu dämmern, kann ich ihn überzeugen, dass er nun doch langsam wirklich gehen sollte, wenn er denn noch zwei Stunden Weg vor sich hat. Er gibt mir dann seine Karte. Ziemlich lustig, wenn man bedenkt, dass heute schon Bergbauern Visitenkarten haben. Ich könne mich ja mal melden. Abends, weil tagsüber ist er unterwegs. Also Abends. Leider oder zum Glück fällt die Karte aus meinem Buch und als ich wieder zuhause bin, bin ich eigentlich ganz froh, dass mir diese Verantwortung abgenommen wurde.

Thomas: Auf meinem Weg von München nach Venedig kennen gelernt. Seines Zeichens Heiler. Durch Handauflegen hat er wohl den einen oder anderen geplagten Wanderer kuriert. Ein ziemlich lustiger Typ, der ziemlich unglaubliche Geschichten von Tierbegegnungen, Wiedergeburt und anderen spirituellen Weisheiten auf Lager hatte. Erst als er mich, wie ich es empfunden habe, als Opfer auserkoren hatte (vielleicht, weil ich von Anfang an nicht wie gebannt an seinen Lippen hing), war es nicht mehr so lustig. Angeblich bin ich für meine Eltern ein „Unfall“ gewesen und so gar nicht geplant. Ebenso war er der Ansicht, dass ich selbst nur Mutter geworden bin, damit ich nicht mehr arbeiten muss. Am Ende unserer Reise waren wir auf einem Hof gemeinsam mit einer kleinen Gruppe essen. Nachdem er die Tiere dort nicht mit seinen Gedanken beeinflussen konnte, hat den Gänsen auf den Schnabel gehauen und nach der angriffslustigen Katze mit dem Fuß getreten. Beim Abendessen hat er den Wein mit seinem Geist „besprochen“. Keine Ahnung, ob das bei anderen Eindruck macht, aber ich knabbere noch immer an seinen Worten und finde, dass man solche Scharlatane nur schwer wieder aus seinem Kopf kriegt. Ich hoffe, die anderen, denen er ins Gewissen geredet hat, hatten mehr Glück.

Maria: Ist Vermieterin eines winzigen Bed & Breakfast in Belluno in Italien. Eigentlich stellt sie ganz einfach zwei Ihrer Zimmer (Arbeits- und Schlafzimmer) für Gäste zur Verfügung, während sie dann im Wohnzimmer schläft. So habe ich sie auch kennen gelernt. Also, eigentlich hatte mich ihr Gast am Busbahnhof angesprochen, als ich dort etwas verloren mit meinem Rucksack im Regen stand. Erst fand ich die Idee nicht so verlockend, da ich mich nach der langen Wanderung eher auf einen Wellnesstempel mit Bad und weichen Bett und allem drum und dran gefreut hatte. Aber bei €25,00 Übernachtungsrate inklusive Frühstück bin ich von meinem Plan abgewichen. War schließlich auch nur für eine Nacht und so musste ich nicht erst lange suchen. Maria ist Übersetzerin. Wir haben uns beim Frühstück über die Gegend unterhalten und sie hatte irgendwo, irgendwie Kontakt zu einem der Autoren im „Bergsteiger“, der demnächst einen Bericht über die Belluneser Dolomiten heraus bringen sollte. Als ich dann wieder zuhause war, habe ich nach der Ausgabe Ausschau gehalten. Und siehe da: Nur einen Monat später konnte ich ihr diese schicken. Seitdem schreiben wir uns Briefe und Postkarten. Mittlerweile unterrichtet sie in Frankfurt und vermietet ihre Zimmer nur noch im Sommer an Touristen. Auch eine Art, sein Leben zu bereichern.

Apropos Postkarten: Wer auf Postkarten aus aller Welt ohne weitere Verpflichtung steht, sollte es mal bei postcrossing.com versuchen. Man lernt die Absender flüchtig kennen und kann sich an den schönen Motiven erfreuen. Das Aussuchen der passenden Karte ist immer ein Vergnügen.

Viel anders wäre ein Abend mit den fremden Freunden meiner Freunde wohl auch nicht verlaufen.

Karte Nr. 25: „Werden Sie durch Fehler stark: Sie haben vergessen, eine Mail zu beantworten oder morgens verschlafen? Suchen Sie keine Entschuldigungen und stehen Sie zu Ihrem Maleur. Daraus entsteht wahre Kraft.“ Tja dann: Augen auf bei Fehlerwahl! In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

Noch ein Hinweis: Alle Namen sind selbstverständlich geändert, um die Privatsphäre zu schützen.