Lebensmuster

Karte Nr. 15: “Machen Sie etwas selbst: Stellen Sie etwas mit eigenen Händen her, das Sie sonst gekauft hätten – eine Glückwunschkarte oder einen Pareo. Und seien Sie hinterher stolz auf Ihr Werk!“

Wenn ich in der Arbeit so richtiggehend frustriert bin und an den Punkt gelange, an dem ich mich frage, was ich da eigentlich für eine Art von Job mache, wünsche ich mir oft, ich hätte einen handwerklichen Beruf ergriffen – wie Schreiner oder Gärtner. Etwas Handwerkliches erlernt, bei dem man etwas erschafft, kreiert, etwas Sinnvolles macht und dabei der Menschheit einen Dienst erweist. Eine sehr noble Denkweise, ich weiß. Aber vielleicht ist das etwas, was sich in unsere Gedanken schleicht, wenn wir älter werden und realisieren, was mit uns und unserem Planet passiert. Nichts scheint mehr dafür bestimmt, einen langfristigen Nutzen zu erfüllen und nur bis zum nächsten update oder Modetrend Bestand zu haben. Aber wenn ich so darüber nachdenke: Brauchen tue ich nicht wirklich etwas – von Lebensmitteln vielleicht mal abgesehen.

Ich habe mehr Gabeln als ich Teller besitze. Und mehr Teller als Stühle. Und mehr Stühle als an meinem Tisch Platz haben. Sicher, das ist jetzt eine sehr vereinfachte Ansicht des gesamten Bildes, aber mal ganz ehrlich, ich habe nicht mal so viele Freunde wie ich Gabeln habe. Was unter Umständen ein sehr trauriger Gedanke sein könnte. Natürlich könnte ich mich nun von all den überflüssigen Gabeln trennen. Vielleicht spenden und jemandem damit helfen. Oder etwas anderes aus ihnen machen. Schmuck wäre denkbar, da es sich um Silbergabeln handelt, die ich von meiner Großtante geerbt habe. Sehr elegant, sagt der eine oder andere aus meinem Freundeskreis. Sie verleihen einem einfachen Mahl eine gewisse Vornehmheit.

Ok, um es kurz zu machen: Ich habe den Gabeln nichts angetan – ich liebe meine Gabeln. Nichtsdestotrotz habe ich mit dem Gedanken an einen Silberverarbeitungskurs gespielt. Zum Glück für die Gabeln waren alle Termine ausgebucht. Scheint fast so, als ob es jede Menge Leute gibt, die ihren Gabeln eine andere Bestimmung geben wollen.

Am Ende wurde mir meine Entscheidung von der Fußballweltmeisterschaft abgenommen. Zugegebenermaßen bin ich kein großer Fernsehgucker. Wahrscheinlich könnte ich auch ohne ganz gut zurecht kommen. Und ich bin ein noch geringerer Fußballfan. Die einzigen Spiele, die ich hin und wieder anschaue, sind Weltmeisterschaftspartien. Eine zusätzliche Herausforderung waren der Zeitunterschied von 5 Stunden. Ich bin nämlich ein „Früher Vogel“ und dementsprechend zeitig im Bett. Selten wird es später als 22 Uhr. So gesehen, war es schon ein persönliches Martyrium, auf zu bleiben und mit meinem Sohn vor dem Fernseher zu sitzen. Und um das durchzustehen, musste ich mir etwas suchen, mit dem ich mich zu später Stunde beschäftigen und gleichzeitig dem Spiel folgen kann. Hier, was ich gefunden habe:

Wolle

Ein Berg von aufgeribbeltem Garn. Vor langer Zeit war dies einmal ein Pullover für meinen Sohn als er noch klein war. Nachdem er aus dem selbstgemachten Stück rausgewachsen war, habe ich es nicht übers Herz gebracht, ihn zu verschenken oder gar wegzuschmeißen. Und so verbrachte er viele Jahre in meiner Handarbeitskiste. Bis zum Eröffnungsspiel Brasilien gegen Kroatien. Und es benötigte eine ganze Weltmeisterschaft, um das Projekt abzuschließen. Im wahrsten Sinne des Wortes bis zur letzten Minute des Finales Deutschland gegen Argentinien. Und hier ist meine ganz persönliche Trophäe:

Short

Gut, es ist nicht so wertvoll wie der echte Pokal, aber es ist bedeutungsvoll. Sogar in mehr als einer Weise: Im Sommer kann ich die Short zum Baden anziehen. Und im Winter könnte sie als Schlafanzug oder legere Hauskleidung dienen. Ganz sicher werde ich aber immer an die Herkunft und Entstehung denken und meinen Sohn, der mich schon fast anschreit, wie ich so ruhig bleiben kann. „Pack das weg! Du musst unser Team anfeuern! Wie kannst Du jetzt häkeln?“ Was mich unvermittelt an das letzte Mal erinnerte, als Deutschland Weltmeister wurde. 1990 sah ich das Finale mit meinem damaligen Freund, den es ganz verrückt machte, dass ich seelenruhig auf der Couch lag. Noch immer kann er nicht glauben, dass ich während der nervenaufreibenden 90 Minuten in mein Buch vertieft war. Ganz wie mein Sohn jetzt. Was nur beweist, dass sich die Vergangenheit wiederholt und das Leben einem Muster zu folgen scheint. Fast wie ein Häkelmuster. Sogar die Finalisten waren die Gleichen.

Für den Fall, dass sich nun jemand wundert, was ich während des Finales 1974 getan habe: Ich bin da reichlich überfragt, aber meine Vermutung ist, dass ich einen selbstgemachten Pullover getragen habe. Dem ähnlich, den ich für meinen Sohn gestrickt hatte, der nun eine Short ist und irgendwann vielleicht mal etwas anderes sein wird. Denn das Leben ist wie ein Knäuel bunter Fäden, an einem Ende zu einem Muster verwoben und am anderen Ende lose aufgeribbelt, um einem alle Möglichkeiten für einen Neuanfang und neue Bedeutung zu offerieren.

Für die neue Karte wähle ich eine Sinneskarte, da ich mir eine kleine Auszeit von unserer rastlosen Konsumgesellschaft und meiner Hektik in einem für mich momentan nicht so sinnreichen Job nehme und mich auf eine kleine Pilgerreise begebe. Kein Ballast. Nur lebenswichtige Dinge, um 3 Wochen in den Bergen zu überleben. Und deswegen muss ich zugeben: Ich habe ein bisschen geluhrt, da ich mir meine Reisetage nicht mir einer Aufgabe erschweren wollte, mit der ich mich geistig schwer tue. Karte Nr. 16: “’Wie viele Dinge es doch gibt, die ich nicht brauche!’ – Sokrates. Um zu erfahren, dass weniger mehr sein kann, üben Sie sich in Askese: Kaufen Sie einen Tag lang überhaupt nichts ein“ In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

 

P.S: Noch 3 Dinge möchte ich erwähnen: 1. Nein, ich weiß nicht mehr, welches Buch ich damals gelesen habe. 2. Nein, 1954 war ich noch nicht auf der Welt. So alt bin ich nun auch wieder nicht. Und 3. Die Tatsache, dass mein damaliger Freund und ich heute immer noch gute Freunde sind, beweist nur, dass die Liebe mehr als ein Muster zu bieten hat.

Happy Birthday alltagseinsichten! Happy Birthday to me!

Auch wenn ich meine eigenen Geburts- und sonstige Jubeltage gern mal unter den Tisch fallen lasse, so will ich doch diesen speziellen Anlass nicht auslassen, denn mein Blog wird 1 Jahr alt. Happy Birthday alltagseinsichten! Happy Birthday to me!
Bei Ehen feiert man nach einem Jahr die Papierhochzeit – wie passend für einen Schreiberling, auch wenn das Schreiben hier in elektronischer Form erfolgt. Und da mein Blog und ich so was wie eine eheähnliche Lebensform sind, habe ich mich im Internet mal nach den Bräuchen rund um den 1. Hochzeitstag umgesehen:

Papierene Hochzeit sagt man, weil es im ersten Jahr meist drunter und drüber geht und das Band noch nicht besonders reißfest ist. Das Paar lernt sich noch kennen und muss verschiedenen Hürden miteinander es meistern.

Dem kann ich nur zustimmen: Es ging/geht drunter und drüber. Meist waren/sind die Herausforderungen eher technischer Natur. Und dann wieder habe ich hin und wieder das Gefühl, meine alltäglichen Einsichten verschwinden in den unendlichen Weiten des Netzes – ohne dass sie auf etwas/jemanden treffen, dem sie etwas bedeuten. Und immer wieder denke ich auch, dass ich auf meinem Blog gern aktiver wäre. Immer und überall springen mich Gedanken und Ideen an, die ich am liebsten jetzt und sofort verarbeiten würde, um dann oftmals an der Zeit und Muße zu scheitern. So sammele ich all die Fragmente in einem dicken Notizblock – in der Hoffnung, diese alle noch irgendwie, irgendwann verwirklichen zu können.

Der 1. Hochzeitstag ist ein guter Anlass, um das erste Ehejahr zu reflektieren und an die Hochzeit zu denken. Zum Anlass der Papierenen Hochzeit kann man auch einen Liebesbrief an seinen Partner schreiben. Schön ist es, die Erlebnisse des ersten Jahres aufzuschreiben.

Na, dann wollen wir mal: Liebe alltagseinsichten, vielen Dank für das erste gemeinsame Jahr mit Dir. Ein Leben ohne Dich kann ich mir eigentlich gar nicht mehr vorstellen und ich bin so froh, dass wir uns eine verrückte Idee und unzuverlässige Brieffreundschaft zusammen geführt haben. Du bereichst jeden meiner Tage. Ich bin sehr glücklich, dass ich mit Dir über alles reden kann und Du das Sprachrohr meiner Gedanken bist. Durch Dich habe ich viele Seiten an mir entdeckt und viel Neues ausprobiert. Wenn ich da nur an unser Projekt „Wie man sich mehr Raum verschafft“ denke und wie befreit wir uns seitdem fühlen. Auch die tolle Erfahrung, eine Weltenreise anhand von Büchern aus verschiedenen Ländern zu unternehmen. Eine klasse Idee, auch wenn die eine oder andere Wahl sich als Fehlgriff und recht zähe Lesearbeit entpuppt hat. Vielen Dank auch, dass ich zahlreiche Deiner Freunde nun auch zu meinen Freunden zählen darf (siehe Rubrik„Wo ich gerne lese“). Es ist schön, jemanden zu haben, der einen immer wieder herausfordert, aber auch seine Freiheiten lässt und einen ermutigt, unbekannte Wege zu gehen und auch mal etwas zu wagen. So habe ich auf einem Blog (der Autor des Blogs möge mir verzeihen, aber ich kann den Blog/Post nicht mehr finden, da es einfach schon zu lange her ist und das Netz anscheinend in diesem Fall doch vergesslich ist) von interpals.net erfahren und dort ein paar sehr nette Brieffreundschaften geschlossen, die weitaus verlässlicher sind als unser gemeinsamer Freund, der uns einst zusammenbrachte. Danke für Dein Vertrauen. Ich wünsche mir noch viele Jahre und Erlebnisse mit Dir. Deine Kerstin

Der 1. Hochzeitstag kann auch mit einem romantischen Wochenende gefeiert werden. Wichtig ist, sich Zeit füreinander zu nehmen und den Tag mit einem kleinen Geschenk abzurunden. Dann klappt es auch mit den weiteren Ehejahren.

Treffer würde ich sagen, da ich am Wochenende eh eine schöne Bergtour machen wollte, um mal wieder so richtig durchzuatmen. Bei der Gelegenheit mache ich mir dann auch Gedanken über ein passendes Geschenk. Vielleicht wäre es an der Zeit, sich den Namen als Domain zu sichern oder auch etwas neues zum Anziehen (Theme, Design usw.) würde sich gut machen. Mal sehen, da fällt mir bestimmt etwas ein.

Was ich hier auf gar keinen Fall vergessen möchte: Vielen Dank auch an unsere treuen Freunde/Leser. Für die Kommentare und Likes. Für die Inspiration. Es macht Spaß mit Euch!
Ach ja, und wer aufgepasst hast: Ja, richtig, es müsste eigentlich „Happy Anniversary“ heißen. In diesem Sinne: Schönen 1. Jahrestag alltagseinsichten!

Eure Kerstin

Tatort Schreibtisch, Tag 27

Vorwort: Auf Grund Umzug leider ein paar Tage vom www abgeschnitten, daher heute die „Nachträge“ der letzten Tage.

Blechkiste im Regal neben dem Schreibtisch beim Staubwischen entdeckt.27 Tag

Tatort: Schreibtisch, Regal.

Tatbestand: Ein Kilo Post: Urlaubsgrüße, Weihnachtsgrüße, Liebesbriefe, Freundschaftsbriefe, Geburtstagskarten. Einfach-nur-so-Karten, Genesungswünsche. Schon irgendwie komisch, dass trotz digitaler Endlosbeschallung noch immer handschriftliche Werke auf den Weg gebracht werden. Danke an alle, die mir diesen schönen Grüße aus aller Welt geschickt haben. Bitte nicht aufhören.

Tatortsäuberung: Bis auf eine Handvoll (im Moment noch) unverzichtbarer Erinnerungsschreiben, heißt es heute schon wieder, dem Altpapiercontainer einen Besuch abzustatten. Und für die Weißblechsammelstelle fällt diesmal auch etwas ab, nämlich die Kiste.

Tatort Küche, Tag 4

Noch so ein unbenutzter Gegenstand.

Tatort: Küche, Geschirrschrank04 Tag

Tatbestand: Soll wohl ein Set, bestehend aus Zuckerdose und Sahnekännchen, sein. Finde aber, es sieht eher wie Senftopf und Soßen-/Ölkännchen aus. War ein gut gemeintes Geschenk von jemandem, den ich heute nicht mehr zu meinem näheren Umfeld zähle und der mir wahrscheinlich auch deswegen nicht böse ist, wenn ich mich nun davon trenne. Zudem besitze ich bereits drei Zucker- und Sahnesets. Ebenso schwer vorstellbar, dass ich mich je in der Lage wiederfinden werde, eine derart gewaltige Kaffeetafel bewirten zu müssen, dass meine derzeitige Ausstattung nicht ausreichen könnte.

Tatortsäuberung: Schwierig. Zum Wegwerfen zu schade. Und noch immer ist keine Einladung zum Polterabend in meinem Briefkasten. Möchte auch niemandem meiner Freunde ein abgelegtes Geschenk andrehen. Vielleicht hat die Wertstoffbörse dafür Verwendung. Ansonsten wird es wohl oder übel doch auf dem Schutt landen.

Reise in die Vergangenheit

“Ein Leben ohne Freunde ist wie eine weite Reise ohne Gasthaus.” Demokrit. Machen Sie eine Liste mit Menschen, die Ihnen wichtig sind – und schreiben Sie auf, warum das so ist.

Heute mal wieder eine Rückkehr zum Experiment mit Karte Nr. 7 aus der Kategorie Sinn.

Das sollte im Grunde eine einfache Übung sein, So eine Liste ist schnell erstellt. Zu schnell manchmal. Und bevor nun der/die eine oder andere hofft, (nicht) auf dieser Liste zu erscheinen, komme ich nochmals auf den Ursprung der Karten zurück. Diese waren ja sicherlich in erster Linie für einen selbst und eher weniger für den Anschlag am schwarzen Brett bzw. als Blogpost angedacht.

Freunde sind doch etwas sehr Privates. Und Freundschaften erfordern viel Arbeit und Vertrauen, denn Freunde sucht man sich aus. Freunde sind Schätze, die es verdient haben, dass man sie schützt. Von daher habe ich die Aufgabe ein kleines Bisschen abgeändert und bin mehr auf den Nachsatz „..eine Liste mit Menschen…“ eingegangen und habe jemanden gewählt, der mir im Grunde alles verzeihen würde und den ich sehr vermisse: Meine Mutter, die starb, als ich noch zu jung war. Nicht dass ich nicht alt genug im Sinne von Jahren gewesen wäre, aber ich war noch nicht alt genug im Sinne von gedanklich reif, sie gehen zu lassen. Ehrlich gesagt, bin ich mir auch heute nicht sicher, ob ich jemals dazu reif gewesen wäre.

Zugegeben, es ist recht grausam, darüber nachzudenken, dass die eigene Mutter irgendwann nicht mehr da sein könnte und einen allein in dieser Welt zurück lässt. Neben der Tatsache, dass man sich plötzlich als Nächste(r) in der Reihe wiederfindet, wird man einem schlagartig bewusst, dass eine lebenslange Vertraute plötzlich fort ist und man sich somit auf jemand anderen verlassen muss, der einen auffängt. Die eigene Fähigkeit, jemandem vollends zu vertrauen, wird auf eine harte Probe gestellt. Die Suche nach diesem besonderen Menschen, der in der Lage ist, die eingestürzte Säule des Lebensfundamentes zu flicken, ist ein langer, einsamer Weg.

Dass eine Mutter aller Wahrscheinlichkeit nach die wichtigste Person im eigenen Leben ist, lässt sich schwer leugnen und wir alle haben unsere Gründe, warum das so ist. Selbst solche, die keine Mutter für ihre Kinder sind, haben diesen Status, denn auch sie prägen und formen das zurück gelassene Leben nachhaltig. Für mich ist meine Mutter wichtig, da sie mich hat gehen lassen. Als ich auf dem Weg in mein eigenes Leben war, bereit, meine Flügel zu öffnen, war sie die sanfte Brise, die meinem Absprung Auftrieb verlieh. Sie gab mir die nötige Sicherheit und Zuversicht. So lange ich zurück denken kann, wusste ich immer, dass ich jederzeit nach Hause zurück kehren könnte, sollte das Leben stärker sein als ich. Dafür bedurfte es keiner Worte. Ihr Vertrauen folgte mir überall hin.

Nun, ich zog nicht einfach nur aus – in eine Bleibe in der Nachbarschaft oder in eine andere Stadt. Als ich mein Elternhaus verließ, ging ich nach Spanien, ca. 1600km entfernt, und mir fällt keine einzige Unterhaltung ein, bei der sie Einwände oder Ängste äußerte. Im Gegenteil, meine Mutter gehörte zu denen, die mich in meinen Vorhaben immer wieder bestärkten. Und das war Anfang der 90er – wohlgemerkt. Damals benötigte man für Spanien noch ein Visum, um dort arbeiten zu dürfen. Als sie mich dann dort einmal besuchte, spürte ich, wie stolz sie war und wie sehr sie die Tage für sich selbst genoss. Ich entsinne mich, wie komisch ich es fand, sie so entspannt und glücklich zu sehen. Meine Mutter war wie ausgewechselt und so ganz anders als zuhause. Und da erkannte ich auf einmal das Leben, welches sie für sich selbst gewünscht hätte, aber ihr als Frau in der damaligen Zeit nicht offen stand, oder aber, weil sie es am Ende vielleicht doch gewagt hatte.

Nach ihrem Tod suchte ich verzweifelt nach einem Zeichen von ihr. Nach ihrer Anwesenheit. Ich versuchte krampfhaft, etwas fest zu halten, etwas zu greifen, was nicht da war. Ich wollte sie anschreien: „Wie konntest Du mich gehen lassen, wenn ich noch nicht bereit war, Dich gehen zu lassen!“ Ich hasste sie dafür, dass sie nicht stark genug war, für sich und ihr Leben zu kämpfen. Und ich hasste mich umso mehr, weil ich nicht stark genug gewesen war, für sie zu kämpfen. Denn das hatte sie mir beigebracht: Für das Leben, welches man sich erträumt, zu kämpfen und sich nicht von jemandem einreden zu lassen, dass Träume nur Schäume sind. Wenn ich Bilder von ihr betrachtete, versuchte ich den Punkt auszumachen, an dem aus dem fröhlichen, unbeschwerten Mädchen die stille und selbstlose Person meiner Mutter geworden war. Manchmal glaube ich, sie verwendete all ihre Energie darauf, damit ich später das Leben leben konnte, welches ich mir wünschte. Im wahrsten Sinne des Wortes, gab sie ihr Leben für meins. Aber dann verschwand sie. Ohne ein Wort. Ließ mich zurück. Ungeschützt. Verletzlicher, als ich ertragen konnte.

Heute frage ich mich jeden Tag: ‚Bin ich die Person geworden, die Du Dir gewünscht hast?’ Und wenn ich Fotos von mir sehe, begleitet mich jedes Mal die Angst, eine stille und gebrochene Frau zu erblicken, welche noch immer nach diesem jemand sucht, der die einst zerstörte Lebenssäule flickt. Noch immer auf der Suche nach einem warmen Licht, das mir den Weg zum nächsten Gasthaus weist.

Karte Nr. 7 war kräftezehrend. Gedanklich und gefühlsmäßig eine Reise in Vergangenheit. Als neue Karte habe ich daher eine Wohlfühlkarte ausgewählt: „Schaffen Sie sich Platz: Feng-Shui für die Seele. Trennen Sie sich von Ballast, den Sie schon lange loswerden wollen – egal ob von der Nervensäge auf Facebook oder dem kaputten Radio in der Küche.“ Wie wahr, manchmal muss man sich von etwas trennen, um nach vorn blicken zu können. Da ich weder auf Facebook bin, noch ein kaputtes Radio habe, werde ich für diese Aufgabe wohl etwas tiefer graben müssen. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin