Die Tasche

Kurzurlaub in der Therme. Ich habe meine orange Reisetasche gepackt, die ich seit fast dreißig Jahren besitze. Damals hatte ich sie immer dabei, wenn ich meinen Freund übers Wochenende besuchte. Oft bin ich mit dem Nachtzug gefahren und dann morgens mit meiner kleinen leuchtenden Tasche am Bahnsteig gestanden. Ich fühlte mich jung und frei und mondän.

Tasche

Jetzt, fast dreißig Jahre später, trage ich die Tasche über den Bahnhofsplatz und ertappe mich dabei, dass ich mich wie damals fühle. Und dann stelle ich noch fest, dass ich neben der Reisetasche auch meine Handtasche von damals dabeihabe. Ein Designermodel, welches ich in einer kleinen Boutique am Marktplatz für sündhafte teure DM 250 erstanden habe. Eine horrende Summe für mich und meine damaligen Verhältnisse. Aber wie gesagt, ich war jung und frei und mondän.

Ein Kind saust mit seinem Bobbycar laut scheppernd über den Gehsteig, der Vater in wilder Verfolgungsjagd hinterher. Ich lächle verständnisvoll, als der Kleine vor meinen Füßen ein riskantes Wendemanöver vollzieht. Der Vater schaut mich an. Ja, klar, ich bin jung und frei und kinderlos… halt, das war in einem anderen Leben, in einer anderen Zeit, einer anderen Stadt. Die Tasche spielt mir einen Streich.

Im Gegensatz zu mir, ist die Tasche die Gleiche geblieben. Keine Narben, keine Risse, drei Jahrzehnte scheinen spurlos an ihr vorüber gegangen zu sein, was ich von mir nicht behaupten kann. Es ächzt und knackt im Gebälk, mein Körper signalisiert Ermüdungs- und Abnutzungserscheinungen. Wie doch die Zeit vergeht.

Gerade und immer mal wieder gibt es diesen Trend, den Gang der Zeit festzuhalten. Dann wird in sozialen Netzwerken als Profilbild ein Bild von sich im Alter von ca. zwanzig Jahren eingestellt, was irgendwie nur für Leute weit jenseits der Zwanzig wirklich Sinn macht. Das führt zu viel Gelächter, was Frisuren und Kleidung der jeweiligen Epoche betrifft. Ein bisschen trauert man dem faltenlosen Gesicht, den Haaren ohne Graustich nach. Doch wenn man dann einmal hinter die Fassade blickt, entdeckt man all diese jungen, freien und manchmal auch mondänen Menschen, die so viel vom Leben erwarten und vor Lebensfreude und Zuversicht nur so strahlen. Und das alles ganz ohne eine entsprechende App.

Und heute? Die wenigsten zeigen sich. Schon gar nicht im Portraitmodus. Als Profilbild müssen Kind(er), Haustier, Landschaft, Sprüche etc. herhalten. Symbole der eigenen Identität. Dabei sagen unsere Gesichter doch so viel mehr. Die Zeichen der Zeit sind auch Zeugen des Lebens, das um uns herum und mit uns mittendrin stattfindet.

Oder verstecken wir uns nur alle hinter einem Wunschbild? Dem jungen und freien und mondänen Traum vom ich? Wo nur verliert man dieses innere Leuchten? Ist das Leben wirklich so zermürbend, dass es der Seele gar keine Chance gibt, nicht verhärmt zu werden? Sind die Hürden so hoch, dass es nicht ausbleibt, dass man hart wird?

All das geht mir durch den Kopf, während ich mit meiner kleinen orangen Reisetasche über den Bahnsteig laufe. Der Sound des Sportwagens zieht so manchen Blick auf sich, als ich einsteige. Mein Freund klappt das Dach runter, im Radio läuft „Here comes the sun“ von den Beatles und der Wind fährt durch mein Haar. Das Bergpanorama, welches sich vom Pool der Therme vor mir entfaltet, ist atemberaubend. Mehr jung und frei und mondän geht nicht.

 

Eure Kerstin

Was von der achten Rauhnacht (1. Januar) übrigbleibt – August 2017

Der Januar als erster Monat des Jahres, ein Sinnbild für den Neuanfang. Ein neues Jahr, eine Fülle an Möglichkeiten und Chancen. Der August als das Pendant im Rauhnächtekalender, auch dieser steht im Zeichen der Fülle. Und das hat er absolut erfüllt. Eine Fülle an Eindrücken, Erlebnissen und Entdeckungen. So viel, dass ich noch immer den Wind, das Wetter und die Sonne in mir spüre.  

 Und natürlich auf das fast schon obligatorische Gipfelglücksbild.

 zGipfel

Der September und der Herbst sind mittlerweile schon ein ganzes Stück eingezogen, Zeit, ein bisschen in sich reinzuhorchen und inne zu halten. Bin gespannt, welche Weg meine Intuition gehen wird.

 

Eure Kerstin

aufgetankt und losgelassen – die Freizeitfrage

Neben Büchern mein Nummer eins Luxusgut. Denn die Zeit, die wir haben, kommt nicht mehr zurück. Es gibt immer nur das Hier und Jetzt. Doppeltes Glück, da ich einen Partner an meiner Seite habe, der dahingehend genauso tickt.

Dass Erlebnisse auf der Glücksskala ganz weit oben stehen, ist sicherlich jedem klar. Und das absolut Fantastische an ihnen ist, dass es ist im Rückblick auch völlig egal ist, ob diese im Moment des Geschehens positiv oder sogar so richtig mies negativ sind. Irgendwann wird aus dem Campingtrip, bei dem das Zelt erst von Krabbeltieren befallen und dann unter Wasser stand, eine Geschichte, über die man lacht und die man gerne weitererzählt. Mehrmals im Laufe seines Lebens. Mit ein paar Schuhen, die ein absoluter Fehlkauf waren, passiert so etwas nicht.

Jedes Erleben bereichert und prägt, während der Besitz materieller Dinge die Freiheit raubt, uns einengt und sogar zu vermehrtem Stress führen kann. Nachzulesen bei James Wallmann „Stuffocation“. Darin schreibt er so treffend: „Erinnerungen leben länger als Träume.“ Ganz besonders gilt das bei Träumen nach materiellen Dingen. Und Robert Wringham („Ich bin raus“) ergänzt diese Aussage noch: „Der Mensch ist nicht die Summe der Dinge, die er besitzt.“

2017 hat Freizeit im Sinne von draußen sein für mich einen ungleich höheren Stellenwert als die Jahre zuvor, denn in meinem Rauhnächteorakel war und ist genau das meine Aufgabe für dieses Jahr – die Natur draußen genießen. Wer meine Reihe „Was von den Rauhnächten übrigbleibt“ mitverfolgt, der mag den Eindruck haben, dass ich immerzu wie wild von einem Gipfel zum anderen stürme. Es gibt aber auch die wirklichen Naherholungsoasen. Wie ein Spaziergang durch die Stadt. Oder mit einer Decke zur nächsten Wiese ziehen und die Hasen am Waldrand beobachten. Oder eine Matratze in den Garten legen und den Wolken einen Namen geben. Wobei der Garten, gilt für Terrasse und Balkon gleichermaßen, an sich ja schon die Auszeit garantiert.

Es sind also meist die kleinen Dinge, die glücklich machen. Das spontane Kaffeetrinken mit der Freundin genauso wie Spieleabend mit dem Nachwuchs, wenn ich mal wieder eine Glückssträhne habe und der Gegenspieler es nicht glauben kann. Herrlich, natürlich auch, wenn das Blatt sich gegen mich wendet. Wie heißt es doch so schön: Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Gerade, wenn die Gedanken an morgen und die Zukunft von Verunsicherung geprägt sind, ist es wichtig, sich auf den Moment zu besinnen. Die Seele baumeln lassen, runterkommen und ankommen. Das klappt gegenüber letztem Jahr schon viel besser und viel öfter. Auch wenn ich mir das auf die Fahne beziehungsweise den Rauhnächtewunschzettel schreiben musste, damit es regelmäßig an die Gedankenoberfläche gespült wird.

Insofern ist für mich jeder ausgegebene Cent bare Münze und es reut mich kein bisschen, dass die Kosten für meine freie Zeit, die mir gehört, seit Januar (inkl. Urlaub) um beinahe fünfzig Prozent gestiegen sind. Sie liegen damit in etwa auf einer Höhe mit den Lebenshaltungskosten an dritter Stelle meiner Ausgaben.

Schon mal von dem Buch/Film „Brewster’s Millions“ gehört? Darin muss der Held (das Buch stammt im Übrigen aus dem Jahre 1902!)) eine Millionen Dollar binnen eines Jahres ausgehen, um das ihm vermachte Vermögen zu erben. Und zwar so, dass er am Ende physisch nichts vorzuweisen hat. Na, klingelst? Yep, genau. Ich habe natürlich keine Millionen und das mit dem Erben habe ich gründlich vermasselt – anderes Thema. Aber, wenn mich das Leben genauso viel kostet wie das Erleben, dann würde ich sagen, alles richtig gemacht und der Jackpot gehört mir.

Was sich in dem einen Jahr noch so getan hat, darum geht es beim nächsten Mal. Also, dann action!

Eure Kerstin

P.S.: Noch ein Wort zu oben erwähnten Buch „Brewster’s Millions“: Interessanterweise wurden in den 1920ern in den USA wesentlich mehr Güter produziert als verkauft. Der Markt war gesättigt. Dies führte zu der Diskussion, weniger produzieren und dafür mehr Freizeit, oder den Verbrauch sprich Verkauf ankurbeln. Das Ergebnis kennen wir alle. Die Hand dafür ins Feuer legen, dass heute die Entscheidung eine andere wäre, würde ich allerdings nicht. 

Gummistiefelweg

Nach langer Zeit mal wieder ein Beitrag in der Rubrik „Leseecke“.
Inspiriert vom örtlichen Schreibwettbewerb und weil heute Weltglückstag ist, habe ich einfach mal meine Geschichte eingesandt.

Direkt hinter dem Haus war das Moor. Und wenn er abends mit der Arbeit auf dem Hof fertig war, saß er auf der Bank neben der Eingangstür und blinzelte in den Sonnenuntergang. An Regentagen blickte er mit zusammengekniffenen Augen in Richtung Moor und sah den Nebeln zu, wie sie über die Landschaft zogen. Im Winter hielt er eine dampfende Tasse in Händen, um sich zu wärmen und bisweilen erschauderte er beim Anblick der bizarren Formen, die Eis und Schnee geformt hatten. Was wohl hinter dem Moor war, fragte er sich, wenn er so dasaß und den Horizont absuchte. Ob es dort ein Meer gab? Einen Fluss vielleicht? Oder Berge? Sein ganzes Leben hatte er immer nur darüber gegrübelt, es aber immer dabei belassen.

Der Frühling kam und verscheuchte die trübsinnigen Gedanken. Zu viel Arbeit gab es, um sich weiter Träumereien und Hirngespinsten hinzugeben. Am Abend setzte er sich wie immer auf die Bank und blickte in Richtung Moor. Die Sonne stand schon tief, so dass er die Hände vor die Augen halten musste, um die tanzenden Lichter am Horizont zu erspähen. Und dann stand sie auf einmal vor ihm. Ihr Gesicht lag im Dunkeln als er aufblickte. „Ist ja ganz schön weit draußen hier“, sagte sie. Und als er sie nur weiter stumm anblickte: „Kann ich vielleicht heute Nacht hier irgendwo schlafen? Heute schaffe ich es sicher nicht mehr im Hellen über das Moor.“ Er stand auf und ging ins Haus. Und dann kam er wieder heraus. Aber sie war noch da. Stand da mit ihrem Rucksack und verdreckten Kleidern. „Also, was ist? Kann ich bleiben? Du hast mich schon verstanden, oder?“ Sie sah ihn fragend und zugleich unsicher an. Er schluckte ein paar Mal und räusperte sich. „Ja, also, neben der Stube ist noch ein Zimmer….“ „Prima“, fiel Sie ihm ins Wort und ging an ihm vorbei ins Haus.

Später half sie ihm in der Küche und erzählte, dass sie auf dem Weg nach Finnland sei. Voller Staunen folgte er ihren Worten. Finnland, das war unvorstellbar weit weg und klang nach Freiheit und Leben. Er kannte nur den Hof und die Stadt mit ihren Straßen und Geschäften und den Menschen, die dort lebten. Viel Kontakt hatte er nie gehabt. Zu laut und hastig war ihm immer alles erschienen. Und seine Freunde, die ihn besuchten, waren meist voller Ungeduld, wenn er mit ihnen auf der Bank saß und über das Moor und was dahinter wohl sein mochte, sinnierte. „Ist doch egal“, sagten sie oft, „Was soll da schon sein? Ist halt ein Moor und dann ‘ne Stadt. Oder irgendwas halt. Komm‘, lass uns in die Stadt fahren und feiern.“ Und wenn er dann wieder auf seinem Hof war, auf der Bank saß und über das Moor schaute, fragte er sich, ob da vielleicht auch jemand saß und genau wie er darüber nachdachte, was denn wohl auf der anderen Seite wäre. Und ob es eine Stadt wie seine wäre. All das erzählte er ihr. „Tja, keine Ahnung, aber ich werde es herausfinden. Morgen gehe ich durch das Moor und dann immer weiter. Bis nach Finnland.“

Am Morgen lag er in seinem Bett und dachte über den Traum nach, den er gehabt hatte. Da war ein Mädchen gewesen. Mit einem Rucksack. Das wollte nach Finnland. Zu Fuß. Durch das Moor. Einfach so. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Ein schöner Traum war das gewesen. Und dann stand sie auf unvermittelt in seinem Zimmer. „Also, ich muss jetzt los. Danke, dass ich hier schlafen durfte.“ Und dann war sie auch schon wieder weg. Er rappelte sich auf und stolperte, die Bettdecke verfing sich in seinen Füßen. Als er vor die Tür trat, hatte sie schon ihren Rucksack auf den Schultern. Sie drückte ihm links und rechts einen Kuss auf die Wange und dann zog sie los. Direkt in Richtung Moor. Sie drehte sich noch einmal um und winkte. Fast sah es aus, als ob sie tanzend durch das Moor hüpfte. Und irgendwie war ihm ihr Winken nicht wie ein Abschied, sondern wie eine Einladung erschienen. Finnland, das war ja verrückt. Er schüttelte den Kopf und ging zurück ins Haus.

Und plötzlich musste er lachen. Er ging in die Küche, wickelte Brot, Wurst und Käse in ein Tuch und verstaute alles in seinem Leinensack. Vor der Tür holte er tief Luft. Ein herrlicher Tag. Die Luft war klar und er fühlte sein Herz schlagen als er so durch das Moor lief. Unter seinen Gummistiefeln hörte er es glucksen und der Boden gab nach und in seinen Fußabdrücken bildete sich ein kleiner See mit dunklem Wasser. Irgendwann wich das Moor einer Wiese, auf der man noch die Spuren des Winters erkennen konnte. Der lehmige Boden war matschig und er sank immer wieder mit den Gummistiefeln tief ein, blieb stecken und musste den Schuh mühsam aus der Erde ziehen. Er stapfte weiter, seine Schuhe schwer und voller Dreck. Dann erblickte er einen Weg, den in einen Wald führte. Und am Ende konnte er gerade noch sehen, wie sie darin verschwand. Er zog die nutzlosen Gummistiefel aus und fing an zu rennen.

Wunder gibt es immer wieder – hoffentlich

„Das Bruttosozialprodukt sagt nichts über das Wohlbefinden und die Lebensqualität aus.“, so schreibt Florin Opitz in seinem Buch „Speed – auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Und das stimmt ja auch irgendwie. Wenn ich Ressourcen spare, Dinge repariere und wiederverwerte statt neu zu kaufen, dann konsumiere ich nicht und trage auch nicht zum Wohlstand bei. Rein in der Theorie natürlich. Mein ökologischer Fußabdruck wird kleiner und das Maß aller Dinge, das Bruttosozialprodukt sinkt. Ich bin eine Wachstumsbremse.

Jeden Tag konsumieren wir 55 Kilogramm:

  • Wasser
  • Strom
  • Zahnpasta, Seife und alle Dinge zur persönlichen Pflege
  • Benzin
  • Nahrung
  • Kleidung
  • Dinge, die zur Herstellung von durch uns konsumierte Sachen gehören (Rohstoffe, Produktion, Transport)

Unser ökologischer Fußabdruck hat die Ausmaße eines Monsters. 1,8 Hektar wären wünschenswert, 2,7 Hektar ist das momentan weltweite Ist, jeder Deutsche verbraucht 4,6 Hektar.
Höchste Zeit, die Schuhe auszuziehen und mal nachzurechnen. Ich habe auf der Seite des Umweltbundesamtes meine Daten eingegeben.  

BilanzSo ganz zufrieden bin ich da noch nicht. Aber das Ergebnis ist auch nicht 100% individuell korrekt, weil einige Daten mit Durchschnittswerten hinterlegt sind. Z.B. beim Kaufverhalten gibt es nur die Abstufung „sparsam“, „durchschnittlich“ und „großzügig“. Doch immerhin bekommt man ein Gespür für die eigene Spur, die man auf diesem Planeten hinterlässt. Passt der Schuh, oder ist da noch Luft? Ganz klar, es kostet Kraft, seinen Weg zu gehen und Verzicht kostet:

  • Man muss sich aufraffen und anfangen
  • Nachdenken und das immer wieder
  • Energie, denn Denken strengt an
  • Mut haben und sich behaupten
  • Seine Komfortzone verlassen und agieren
  • Willensstärke beweisen und sich anstrengen
  • Unbequem sein und seine eigene Bequemlichkeit aufgeben

Geld kostet es nicht. Und Zeit gewinnt man am Ende auch. Und wer weiß, Wunder gibt es immer wieder und vielleicht befinden wir uns wirklich schon auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. Wie Nico Paech würde ich mir wünschen, dass auch die Unternehmen diesen Weg einschlagen und umdenken. Schließlich gibt es auch ohne ständiges Ankurbeln der Konsumgesellschaft jede Menge zu tun: Instandhaltung, Reparaturdienstleistungen, Umgestalten, Renovieren, Designer, Dienstleistungen, Vermittler. Alles sinnvolle, zukunftsweisende und krisensichere Jobs.

„Die Freiheit, man selbst zu sein, ist die größte Freiheit überhaupt“, so schreibt es Rachel Ward.

Damit schließe ich erst mal mein Projekt „Verzicht kostest“ ab und verabschiede mich in die Sommerpause. Ganz offline und mit offenem Blick für meine Umwelt.

Also dann, bis zum nächsten Mal.

Eure Kerstin

Von Pferdestärken und anderen Forbewegungsmittlen

Ich will Spaß, ich geb‘ Gas“ – das war mal ein Hit. Im Film, Funk und Fernsehen. Und nicht nur wegen der Frisuren und Kleider ein sehenswertes Video. Ich sage nur Schlagzeug. Gut, Schluss mit Lustig.

Fragt man den einen oder anderen Erdbewohner, was ihm zu Deutschland einfällt, dann sind unsere Autobahnen ganz vorne mit dabei. Und die Tatsache, dass man hierzulande noch so richtig Gas geben darf. Vom Können will ich hier man nicht sprechen, denn entweder sind die Strecken ohne Geschwindigkeitsbegrenzung von linksfahrenden Hutträgern zugeparkt, oder es finden die berüchtigten Elefantenrennen statt, oder Ferienanfang/-ende fallen mit kilometerlangen Baustellenarbeiten zusammen. Also, freie Fahrt ist jedenfalls was anderes.

Ja, ich fahre gerne schnell. Macht Spaß, da hatte der Sänger recht. Zum Glück fährt mein Auto nicht so schnell wie der besungene Maserati es kann, beziehungsweise ich es hin und wieder gern möchte (s.o.). Und es ist auch recht uncool. Deutsche Mittelklasse. Fünftürer. Diesel. Nur gehegt und gepflegt wird es nicht. Jedenfalls nicht so. Ist ja auch ein Auto und soll mich von A nach B bringen. Mehr nicht. Insofern hält sich der Spaß in Grenzen, aber der Sänger hatte ja auch im Film eine Vespa und keine Seifenkiste mit 170 Pferden unter der Haube.

Auto

Wirklich bewegt wird es auch nicht, mein Gefährt. Der Kundenberater aus dem Autohaus meint bei jedem saisonalen Reifenwechsel, meine Bremsbeläge seien verrostet. Nun gut, dafür sind die Reifen nicht abgefahren und mehr als 6000 Kilometer pro Jahr kommen auch nicht auf den Zähler. Soviel fährt mein Chef locker in zwei Monaten. Aber der wohnt auch nicht nur knappe drei Kilometer von seinem Schreibtisch entfernt. Ok, er muss natürlich auch noch den einen oder anderen Termin anfahren. Dafür werde ich immer mal wieder auf meinen Drahtesel angesprochen, mit dem ich jeden Tag zur Arbeit fahre. Bei Wind und Wetter. Nur bei geschlossener Schneedecke nehme ich mal den Bus, wobei ich das auch schon gelaufen bin. Spart CO2 und kostet Kalorien.

Bilanz von 10 Arbeitstagen

Bilanz von 10 Arbeitstagen

Mein fahrbarer Untersatz wird also so gesehen nur einmal in der Woche bewegt. Zum wöchentlichen Samstagseinkauf. Gas geben ist da natürlich nicht drin. Das geht nur bei Urlaubsfahrten, die nicht per Flieger beziehungsweise Bahn angesteuert werden. Wobei, das mit dem Gas geben hatten wir ja oben schon geklärt.

Das Flugzeug kommt immer seltener als Transportmittel zum Zuge. Anfang des Jahres war ich auf der Reisemesse eines Outdoorspezialisten, die bei uns stattfand und ein Sitznachbar bei einem Vortrag erzählte, dass er seinen Sommerurlaub bereits gebucht habe. Wandern in Kenia. Oder war es Kuba? Im Grunde auch egal. Nach meiner Antwort, dass man auch in der Nähe sein Fernweh auskurieren könne und die Alpen ja schließlich direkt vor der Haustür liegen würden, schien er ganz erstaunt und wollte wissen, was ich denn so alles empfehlen könne und schon gemacht hätte. Gut, war eventuell auch eine Masche und die Einladung zum Kaffee habe ich dann abgelehnt, was mich nun doch etwas wurmt. Aber das ist ein anderes Thema.

Nur mal so für die Aktennotiz: Ein Flug nach New York schlägt mit 4 Tonnen CO2 zu Buche. Statistisch gesehen stehen jedem von uns aber nur 2,7 Tonnen zur Verfügung. Um also meine Bilanz meines bisherigen Lebens auszugleichen, dürfte ich wohl bis an mein Lebensende kein Stahlvogel mehr betreten. Wäre bestimmt machbar, wenn ich da an das Buch „Fliegen ohne Flügel“ denke, aber ob das so der Weisheit letzter Schluss ist? Wohl werde ich aber beim nächsten Flug die freiwillige Umweltabgabe berappen. Das löst selbstverständlich nicht das Problem, aber vielleicht bringt es doch was. Das muss ich nochmals genauer unter die Lupe nehmen.

Zugfahren hingegen finde ich klasse. Man kann rumlaufen, hat echte Beinfreiheit und es gibt eine ganz ordentliche Speisekarte und kein Einheitsessen. Und ich kann wirklich stundenlang raus schauen. Unschlagbar ist allerdings das Unterhaltungsprogramm.

Spaß

Unlängst waren der jugendliche Mitbewohner und ich auf einer Fahrt auf der Nord-Süd-Achse der Republik unterwegs und kurz nachdem wir die schöne Elbmetropole verlassen hatten, stoppte der Zug. Mitten auf der Strecke. Da stand er nun. Nach vielleicht fünf Minuten fiel das sogar dem Nachwuchs auf. Teenager brauchen ja manchmal etwas länger. Ich meinte dann, dass die Kuhherde erst noch über die Gleise getrieben werden müsse. „Echt???“ Das sollte eigentlich ein Scherz sein. War es aber nicht, denn nach Wiederaufnahme der Fahrt im Schneckentempo meinte der Schaffner/Zugbegleiter – also der mit der Mikrofonhoheit – dass sich Tiere auf den Schienen befänden und man die Fahrt erst mal nur langsam fortsetzen könne. „Sag‘ ich doch“, war meine Reaktion und fand den geernteten Blick zum Wiehern komisch.

Irgendwann kam der mit der Zange, um die Fahrscheine abzuknipsen. Der Herr schräg hinter mir durchwühlte alle Taschen, konnte aber nur Platzreservierung und Quittung finden. Zwei Damen und ich konnten nicht umhin, kostenlose und hilfreiche Tipps beizusteuern. Der nette Herr mit der Zange meinte, es käme nochmals wieder, dann könne man ja in Ruhe suchen. Genau da tauchte natürlich das Ticket auf, was der Fahrgast zu bedauern schien: „Hätte mich jetzt interessiert, was passiert wäre, wenn ich den nicht gefunden hätte. Ob ich dann wohl aus dem Zug geworfen worden wäre?“, sinnierte er. Die Damen und ich mussten grinsen. Kopfkino.

Doch damit nicht genug. Kurz darauf wieder eine Durchsage: „Im Wagen vier befindet sich ein schwarzer Koffer, der immer hin und her rollt. Der Besitzer wird gebeten, sich zu melden. Ansonsten wird der Koffer am nächsten Bahnhof aus dem Zug befördert.“ Leicht nervöses Kopfrecken bei den Mitreisenden. Und dann konnten wir uns vor Lachen kaum halten, als ich sagte, dass wir nun doch noch einen Zugrauswurf erleben würden. Leider folgte die Entwarnung auf dem Fuße. Schade, das Räumkommando hätte ich gern miterlebt.

Ja, wenn einer eine Reise tut kann ich da nur sagen. So was passiert einem im Flieger nicht. Da wird eisern um Armlehnen gekämpft und die unter Entzugserscheinung leidenden Lungen (Raucher) und Finger (Smobies = Smartphone-Zombies) mit Tomatensaft beruhigt. An Gespräche unter Mitreisenden ist da bei aller Liebe nicht zu denken.

Das Glück liegt beim Reisemittel also nicht nur auf dem Rücken der Pferde, sondern hat auch mit selbstbestimmtem Handeln zu tun. Wenn dann noch Spaß, ein gewisser Reiz und so etwas wie Bedeutung für uns hinzu kommt, dann sind wir bei uns selbst. So einfach ist das.

Mal sehen, womit man noch so alles seinen Spaß haben kann.

 

Also dann, action!
Eure Kerstin

Tag 19: Geduldsprobe

Tag 19Danny Kaye hat einmal gesagt: „Geld allein macht nicht glücklich. Es gehören auch noch Aktien, Gold und Grundstücke dazu.“ Mich würde interessieren, was Danny Kaye, der 1987 verstorben ist, heute noch hinzu fügen würde. Oder vielleicht auch ändern. Denn dass Geld nichts mehr wert ist, wird mir beim allmonatlichen Kassensturz klar, wenn ich Einnahmen und Ausgaben gegenüberstelle. Gerade erst wurde meine Vermutung durch die aktuellen Inflationsraten untermauert. 2,3% mehr für Lebensmittel. Dass die Energiepreise gefallen sind, ist schön, aber hat vielleicht mal jemand nach draußen gesehen? Mitte Dezember und noch immer an die 10°C. Klar, dass man bei so einem Wetter auf seinem Energievorrat hocken bleibt. Das Angebot bestimmt schließlich die Nachfrage.

Gut, das sollte ja eigentlich gar nicht mein Thema sein heute, aber bei den meisten Wünschen scheitert es sehr wahrscheinlich des Öfteren am Geld. Schwein gehabt, kann ich da nur sagen. Denn, der eine oder andere hat es mitbekommen, mein Wunsch ist es ja, so was wie ein Zigeuner/Hippie/Aussteiger zu werden. Da braucht man nicht so viel. Wer schon mal sein Hab und Gut in einem Rucksack oder auch Koffer untergebracht hat, weiß, wie leicht man sich von Dingen trennt, wenn man diese mit sich herum schleppen muss und sie nicht überlebenswichtig sind. Aus Erfahrung kann ich sagen, da wird mal erst recht zum Krümmelkacker, wenn man nicht schon vorher einer war.

Geld ist bei mir also nicht unbedingt das Problem. Bares ist zwar irgendwie immer Mangelware und Aktien traue ich schon von Haus aus nicht. Gold, hm, also mein Zahngold habe ich bis dato immer gespendet. Also auch Fehlanzeige. Schmuck: Leider wurde mir das bisschen, was ich besessen habe, vor ein paar Jahren geklaut. Ach ja, falls der/die Einbrecher das hier lesen: Ich hätte gern die Tiffany Kette, den Swarovski Kristallanhänger und die Opalohrstecker zurück. Die vermisse ich wirklich sehr. Tja, bleiben noch Grundstücke. Und bevor jetzt irgendwelche Heiratsschwindler und andere zwielichtige Gestalten auf dumme Gedanken kommen: Nein, ich besitze nur eine Wohnung und die gehört zur Hälfte auch noch der Bank. Also vergesst es.

Gut, vielleicht ist Geld ja doch ein Problem. Ich will das aber mal positiv sehen. Schließlich ist die Umsetzung des Planes ja erst in 5-10 Jahren so weit. Theoretisch kann da noch ein Lottogewinn ins Haus flattern. Das Problem ist eher ein anderes. Nämlich die Zeit und die Frage: Wie soll ich nur so lange durchhalten? Wo ich doch am liebsten jetzt und sofort und gleich losziehen würde. Das ist für mich eine echte Geduldsprobe. Nichts für ungeduldige Zappelphilippe. Was ist da eigentlich die weibliche Bezeichnung? Gut, ich hoffe jedenfalls, dass sich das Warten lohnt.

Neulich verkündete mein Chef voller Stolz, dass er nun zig Jahre an einen Deal hingearbeitet hätte, um ihn nun endlich zum Abschluss zu bringen. Ich meinte dann: „Derjenige hat eben nicht damit gerechnet, dass Sie so hartnäckig sind.“ Woraufhin er: „Glauben Sie mir, auch für mich ist das nicht immer einfach.“ Da mussten wir beide herzlich lachen. Wie recht er doch hat.

 

Na, dann bis morgen, Kerstin