Sehnsucht nach Heimat

Der 15. August ist Mariä Himmelfahrt. Das Kloster Beuerberg veranstaltet dazu im Rahmen seiner diesjährigen Feierlichkeiten zum Thema „Heimat. Gesucht. Geliebt, Verloren.“ einen Tag der Sehnsucht. Es geht um Heimweh, Reisen und die Fremde. Aber eben auch um das Heimkommen. Da wäre ich gern hingegangen. Nein, nicht aufgrund einer religiösen Gesinnung, sondern mehr wegen der Sehnsucht. Der Sehnsucht nach dem, was ist und dem, was sein könnte.

img_0833Stattdessen urlaube ich in einem Land, das zwar kulturell und landschaftlich mehr als genug zu bieten hat, dafür aber den Menschen sämtliche Rechte aberkennt und den Freiheitsgeist eher mit Verboten und Drohungen erstickt. Insofern fühle ich mich weder so richtig willkommen, noch akzeptiert. Da ist es schwer, der Sehnsucht Einhalt zu gebieten, wo man doch eigentlich so gern das Fremde erkunden, sich durch Stadt und Land treiben lassen und die Menschen kennen lernen möchte. Die Heimat der anderen als eine Möglichkeit zu leben. Auch das ein Ziel, wenn es einen in die ferne Fremde zieht.

Das Ganze ist eine Kompromisslösung für alle Beteiligten und irgendwie fühlt es sich auch so an. Die überschwängliche Freude am Reisen mag sich nicht einstellen. Gefeiert wird trotzdem. Nicht feierlich, sondern im Übermaß. Das Urlaubsdomizil lebt davon, dass alles im Überfluss und darüber hinaus vorhanden ist, so dass man gar nicht erst den Blick und die Gedanken schweifen lassen kann, auch um sich selbst in Frage zu stellen. Das Ego ist das Maß aller Dinge und rafft maß- und gewissenlos alles an sich und in sich hinein. All die Nationen vereint, so scheint es, nur das stete, unablässige Vergnügen und die Sucht danach. Brot und Spiele der Neuzeit. Fast erscheint es wie eine Flucht aus dem eigenen Leben. Fern der Heimat, während man der Heimat des Gastlandes so wenig Respekt zollt.

Wenn ich mir jetzt den Feiertag so anschaue, dann wird ja auch immer gern von der Heimfahrt, dem nach Hause kommen gesprochen. Das Leben auf der Erde also nur eine Wartehalle? Ein Zwischenstopp, den man einlegt, auf der Suche nach dem Ort, der einem das Gefühl des Angekommenseins gibt? Durchaus stellt sich aber auch die Frage, ob diese Himmelsreisen und am Ende vielleicht sogar jede Reise der Sehnsucht nach Heimat geschuldet sind. Oder eher dem Fernweh. Vielleicht ist es ja aber auch so, dass einem die Heimat (hin und wieder) nicht das erfüllt, was der Begriff impliziert, weil sie einen einengt, einschränkt, nicht liebt. Dann käme es eher eine Flucht gleich.

So reist die Sehnsucht immerzu mit, egal ob man nur einen Fuß vor die Tür setzt oder sich ganze Kontingente und Zeitzonen von dieser entfernt. Was also ist Heimat?

Der Preis der Freiheit

Veränderungen gehören zum Leben dazu. Manche initiieren wir selbst, manchen werden wir ohne unser Zutun ausgesetzt. In der modernen Arbeitswelt gehören beide zum Alltag. Change Management, Umstrukturierung, Wandel der Firmenkultur, und wie die Kurswechsel nicht alle heißen. Manchmal ist man morgens schon froh, wenn man seinen Schreibtisch noch am alten Platz findet, wobei es ja auch Firmen mit freier Sitzplatzwahl gibt. Besitzansprüche an Möbel entstehen so gar nicht erst und so mancher Kollegenwechsel geht dann spurlos an einem vorüber.

Nun, Veränderungen gehören nicht nur zum Leben, sondern eben auch zum Arbeitsleben. So gesehen eine etwas schizophrene Vorstellung, die Idee, dass man zwei Leben hat, die parallel nebeneinander existieren und sich immer wieder und immer mehr miteinander vermischen. Gleichzeitig sollte man sich auch darüber im Klaren sein, dass man einen Großteil seines Lebens mit Arbeit verbringt. Da sollte es also auch ein Unternehmen sein, das zur eigenen Persönlichkeit passt. Wie ein Lebenspartner.

Von daher ist die Entscheidung, mich zu trennen, nicht allzu schwer gefallen. Wenn man für ein Unternehmen tätig ist, in dem Vision und Realität ganz nah beieinander und doch Welten dazwischen liegen, dann stellt sich irgendwann die Frage, inwieweit ich mich für Geld prostituiere und dabei meine Prinzipien und Vorstellungen über Bord werfe. Nach dem Motto Geld stinkt nicht, auch wenn es einen schalen Geschmack im Mund hinterlässt. Dann wird der Lohn zum Schmerzensgeld und selbst das ist nicht genug.

Der Abschied hat sich gezogen, wurde hinaus und immer wieder verschoben. Was nützt es, wenn die Arbeitsbedingungen der reine Luxus sind, einen die Arbeitsinhalte aber krank machen? Am Ende half mir das berühmte Maßband, den Ausstieg nicht aus den Augen zu verlieren.

Maßband

Die Entscheidung für eine Auszeit, um Freiraum zu schaffen und mal wieder Luft zu(m) Atmen zu kommen, war also eher eine Notwendigkeit. Wo will ich hin? Was will ich mit dem Rest meines Lebens anfangen? Die Freiheit, ohne Zwang den eigenen Wünschen, wenn auch für einen begrenzten Zeitraum, zu folgen, ist unbeschreiblich. Der Preis der Freiheit kostet weniger als dass sie wert ist.

An den Neuanfang sind nun also ziemlich hohe Erwartungen geknüpft. Es geht darum, die eigenen Vorstellungen vom Lebenspartner Arbeit mit der Realität zu vergleichen und zu sehen, was übrigbleibt. Die Wahlfreiheit ist auf dem Papier gegeben. Die Zugeständnisse muss man mit sich selbst vereinbaren. Mal gewinnt man, mal verliert man. Und das zumeist ohne scheinbar logische und nachvollziehbare Regeln.

Eure Kerstin

Die Tasche

Kurzurlaub in der Therme. Ich habe meine orange Reisetasche gepackt, die ich seit fast dreißig Jahren besitze. Damals hatte ich sie immer dabei, wenn ich meinen Freund übers Wochenende besuchte. Oft bin ich mit dem Nachtzug gefahren und dann morgens mit meiner kleinen leuchtenden Tasche am Bahnsteig gestanden. Ich fühlte mich jung und frei und mondän.

Tasche

Jetzt, fast dreißig Jahre später, trage ich die Tasche über den Bahnhofsplatz und ertappe mich dabei, dass ich mich wie damals fühle. Und dann stelle ich noch fest, dass ich neben der Reisetasche auch meine Handtasche von damals dabeihabe. Ein Designermodel, welches ich in einer kleinen Boutique am Marktplatz für sündhafte teure DM 250 erstanden habe. Eine horrende Summe für mich und meine damaligen Verhältnisse. Aber wie gesagt, ich war jung und frei und mondän.

Ein Kind saust mit seinem Bobbycar laut scheppernd über den Gehsteig, der Vater in wilder Verfolgungsjagd hinterher. Ich lächle verständnisvoll, als der Kleine vor meinen Füßen ein riskantes Wendemanöver vollzieht. Der Vater schaut mich an. Ja, klar, ich bin jung und frei und kinderlos… halt, das war in einem anderen Leben, in einer anderen Zeit, einer anderen Stadt. Die Tasche spielt mir einen Streich.

Im Gegensatz zu mir, ist die Tasche die Gleiche geblieben. Keine Narben, keine Risse, drei Jahrzehnte scheinen spurlos an ihr vorüber gegangen zu sein, was ich von mir nicht behaupten kann. Es ächzt und knackt im Gebälk, mein Körper signalisiert Ermüdungs- und Abnutzungserscheinungen. Wie doch die Zeit vergeht.

Gerade und immer mal wieder gibt es diesen Trend, den Gang der Zeit festzuhalten. Dann wird in sozialen Netzwerken als Profilbild ein Bild von sich im Alter von ca. zwanzig Jahren eingestellt, was irgendwie nur für Leute weit jenseits der Zwanzig wirklich Sinn macht. Das führt zu viel Gelächter, was Frisuren und Kleidung der jeweiligen Epoche betrifft. Ein bisschen trauert man dem faltenlosen Gesicht, den Haaren ohne Graustich nach. Doch wenn man dann einmal hinter die Fassade blickt, entdeckt man all diese jungen, freien und manchmal auch mondänen Menschen, die so viel vom Leben erwarten und vor Lebensfreude und Zuversicht nur so strahlen. Und das alles ganz ohne eine entsprechende App.

Und heute? Die wenigsten zeigen sich. Schon gar nicht im Portraitmodus. Als Profilbild müssen Kind(er), Haustier, Landschaft, Sprüche etc. herhalten. Symbole der eigenen Identität. Dabei sagen unsere Gesichter doch so viel mehr. Die Zeichen der Zeit sind auch Zeugen des Lebens, das um uns herum und mit uns mittendrin stattfindet.

Oder verstecken wir uns nur alle hinter einem Wunschbild? Dem jungen und freien und mondänen Traum vom ich? Wo nur verliert man dieses innere Leuchten? Ist das Leben wirklich so zermürbend, dass es der Seele gar keine Chance gibt, nicht verhärmt zu werden? Sind die Hürden so hoch, dass es nicht ausbleibt, dass man hart wird?

All das geht mir durch den Kopf, während ich mit meiner kleinen orangen Reisetasche über den Bahnsteig laufe. Der Sound des Sportwagens zieht so manchen Blick auf sich, als ich einsteige. Mein Freund klappt das Dach runter, im Radio läuft „Here comes the sun“ von den Beatles und der Wind fährt durch mein Haar. Das Bergpanorama, welches sich vom Pool der Therme vor mir entfaltet, ist atemberaubend. Mehr jung und frei und mondän geht nicht.

 

Eure Kerstin

Was von der achten Rauhnacht (1. Januar) übrigbleibt – August 2017

Der Januar als erster Monat des Jahres, ein Sinnbild für den Neuanfang. Ein neues Jahr, eine Fülle an Möglichkeiten und Chancen. Der August als das Pendant im Rauhnächtekalender, auch dieser steht im Zeichen der Fülle. Und das hat er absolut erfüllt. Eine Fülle an Eindrücken, Erlebnissen und Entdeckungen. So viel, dass ich noch immer den Wind, das Wetter und die Sonne in mir spüre.  

 Und natürlich auf das fast schon obligatorische Gipfelglücksbild.

 zGipfel

Der September und der Herbst sind mittlerweile schon ein ganzes Stück eingezogen, Zeit, ein bisschen in sich reinzuhorchen und inne zu halten. Bin gespannt, welche Weg meine Intuition gehen wird.

 

Eure Kerstin

aufgetankt und losgelassen – die Freizeitfrage

Neben Büchern mein Nummer eins Luxusgut. Denn die Zeit, die wir haben, kommt nicht mehr zurück. Es gibt immer nur das Hier und Jetzt. Doppeltes Glück, da ich einen Partner an meiner Seite habe, der dahingehend genauso tickt.

Dass Erlebnisse auf der Glücksskala ganz weit oben stehen, ist sicherlich jedem klar. Und das absolut Fantastische an ihnen ist, dass es ist im Rückblick auch völlig egal ist, ob diese im Moment des Geschehens positiv oder sogar so richtig mies negativ sind. Irgendwann wird aus dem Campingtrip, bei dem das Zelt erst von Krabbeltieren befallen und dann unter Wasser stand, eine Geschichte, über die man lacht und die man gerne weitererzählt. Mehrmals im Laufe seines Lebens. Mit ein paar Schuhen, die ein absoluter Fehlkauf waren, passiert so etwas nicht.

Jedes Erleben bereichert und prägt, während der Besitz materieller Dinge die Freiheit raubt, uns einengt und sogar zu vermehrtem Stress führen kann. Nachzulesen bei James Wallmann „Stuffocation“. Darin schreibt er so treffend: „Erinnerungen leben länger als Träume.“ Ganz besonders gilt das bei Träumen nach materiellen Dingen. Und Robert Wringham („Ich bin raus“) ergänzt diese Aussage noch: „Der Mensch ist nicht die Summe der Dinge, die er besitzt.“

2017 hat Freizeit im Sinne von draußen sein für mich einen ungleich höheren Stellenwert als die Jahre zuvor, denn in meinem Rauhnächteorakel war und ist genau das meine Aufgabe für dieses Jahr – die Natur draußen genießen. Wer meine Reihe „Was von den Rauhnächten übrigbleibt“ mitverfolgt, der mag den Eindruck haben, dass ich immerzu wie wild von einem Gipfel zum anderen stürme. Es gibt aber auch die wirklichen Naherholungsoasen. Wie ein Spaziergang durch die Stadt. Oder mit einer Decke zur nächsten Wiese ziehen und die Hasen am Waldrand beobachten. Oder eine Matratze in den Garten legen und den Wolken einen Namen geben. Wobei der Garten, gilt für Terrasse und Balkon gleichermaßen, an sich ja schon die Auszeit garantiert.

Es sind also meist die kleinen Dinge, die glücklich machen. Das spontane Kaffeetrinken mit der Freundin genauso wie Spieleabend mit dem Nachwuchs, wenn ich mal wieder eine Glückssträhne habe und der Gegenspieler es nicht glauben kann. Herrlich, natürlich auch, wenn das Blatt sich gegen mich wendet. Wie heißt es doch so schön: Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Gerade, wenn die Gedanken an morgen und die Zukunft von Verunsicherung geprägt sind, ist es wichtig, sich auf den Moment zu besinnen. Die Seele baumeln lassen, runterkommen und ankommen. Das klappt gegenüber letztem Jahr schon viel besser und viel öfter. Auch wenn ich mir das auf die Fahne beziehungsweise den Rauhnächtewunschzettel schreiben musste, damit es regelmäßig an die Gedankenoberfläche gespült wird.

Insofern ist für mich jeder ausgegebene Cent bare Münze und es reut mich kein bisschen, dass die Kosten für meine freie Zeit, die mir gehört, seit Januar (inkl. Urlaub) um beinahe fünfzig Prozent gestiegen sind. Sie liegen damit in etwa auf einer Höhe mit den Lebenshaltungskosten an dritter Stelle meiner Ausgaben.

Schon mal von dem Buch/Film „Brewster’s Millions“ gehört? Darin muss der Held (das Buch stammt im Übrigen aus dem Jahre 1902!)) eine Millionen Dollar binnen eines Jahres ausgehen, um das ihm vermachte Vermögen zu erben. Und zwar so, dass er am Ende physisch nichts vorzuweisen hat. Na, klingelst? Yep, genau. Ich habe natürlich keine Millionen und das mit dem Erben habe ich gründlich vermasselt – anderes Thema. Aber, wenn mich das Leben genauso viel kostet wie das Erleben, dann würde ich sagen, alles richtig gemacht und der Jackpot gehört mir.

Was sich in dem einen Jahr noch so getan hat, darum geht es beim nächsten Mal. Also, dann action!

Eure Kerstin

P.S.: Noch ein Wort zu oben erwähnten Buch „Brewster’s Millions“: Interessanterweise wurden in den 1920ern in den USA wesentlich mehr Güter produziert als verkauft. Der Markt war gesättigt. Dies führte zu der Diskussion, weniger produzieren und dafür mehr Freizeit, oder den Verbrauch sprich Verkauf ankurbeln. Das Ergebnis kennen wir alle. Die Hand dafür ins Feuer legen, dass heute die Entscheidung eine andere wäre, würde ich allerdings nicht. 

Gummistiefelweg

Nach langer Zeit mal wieder ein Beitrag in der Rubrik „Leseecke“.
Inspiriert vom örtlichen Schreibwettbewerb und weil heute Weltglückstag ist, habe ich einfach mal meine Geschichte eingesandt.

Direkt hinter dem Haus war das Moor. Und wenn er abends mit der Arbeit auf dem Hof fertig war, saß er auf der Bank neben der Eingangstür und blinzelte in den Sonnenuntergang. An Regentagen blickte er mit zusammengekniffenen Augen in Richtung Moor und sah den Nebeln zu, wie sie über die Landschaft zogen. Im Winter hielt er eine dampfende Tasse in Händen, um sich zu wärmen und bisweilen erschauderte er beim Anblick der bizarren Formen, die Eis und Schnee geformt hatten. Was wohl hinter dem Moor war, fragte er sich, wenn er so dasaß und den Horizont absuchte. Ob es dort ein Meer gab? Einen Fluss vielleicht? Oder Berge? Sein ganzes Leben hatte er immer nur darüber gegrübelt, es aber immer dabei belassen.

Der Frühling kam und verscheuchte die trübsinnigen Gedanken. Zu viel Arbeit gab es, um sich weiter Träumereien und Hirngespinsten hinzugeben. Am Abend setzte er sich wie immer auf die Bank und blickte in Richtung Moor. Die Sonne stand schon tief, so dass er die Hände vor die Augen halten musste, um die tanzenden Lichter am Horizont zu erspähen. Und dann stand sie auf einmal vor ihm. Ihr Gesicht lag im Dunkeln als er aufblickte. „Ist ja ganz schön weit draußen hier“, sagte sie. Und als er sie nur weiter stumm anblickte: „Kann ich vielleicht heute Nacht hier irgendwo schlafen? Heute schaffe ich es sicher nicht mehr im Hellen über das Moor.“ Er stand auf und ging ins Haus. Und dann kam er wieder heraus. Aber sie war noch da. Stand da mit ihrem Rucksack und verdreckten Kleidern. „Also, was ist? Kann ich bleiben? Du hast mich schon verstanden, oder?“ Sie sah ihn fragend und zugleich unsicher an. Er schluckte ein paar Mal und räusperte sich. „Ja, also, neben der Stube ist noch ein Zimmer….“ „Prima“, fiel Sie ihm ins Wort und ging an ihm vorbei ins Haus.

Später half sie ihm in der Küche und erzählte, dass sie auf dem Weg nach Finnland sei. Voller Staunen folgte er ihren Worten. Finnland, das war unvorstellbar weit weg und klang nach Freiheit und Leben. Er kannte nur den Hof und die Stadt mit ihren Straßen und Geschäften und den Menschen, die dort lebten. Viel Kontakt hatte er nie gehabt. Zu laut und hastig war ihm immer alles erschienen. Und seine Freunde, die ihn besuchten, waren meist voller Ungeduld, wenn er mit ihnen auf der Bank saß und über das Moor und was dahinter wohl sein mochte, sinnierte. „Ist doch egal“, sagten sie oft, „Was soll da schon sein? Ist halt ein Moor und dann ‘ne Stadt. Oder irgendwas halt. Komm‘, lass uns in die Stadt fahren und feiern.“ Und wenn er dann wieder auf seinem Hof war, auf der Bank saß und über das Moor schaute, fragte er sich, ob da vielleicht auch jemand saß und genau wie er darüber nachdachte, was denn wohl auf der anderen Seite wäre. Und ob es eine Stadt wie seine wäre. All das erzählte er ihr. „Tja, keine Ahnung, aber ich werde es herausfinden. Morgen gehe ich durch das Moor und dann immer weiter. Bis nach Finnland.“

Am Morgen lag er in seinem Bett und dachte über den Traum nach, den er gehabt hatte. Da war ein Mädchen gewesen. Mit einem Rucksack. Das wollte nach Finnland. Zu Fuß. Durch das Moor. Einfach so. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Ein schöner Traum war das gewesen. Und dann stand sie auf unvermittelt in seinem Zimmer. „Also, ich muss jetzt los. Danke, dass ich hier schlafen durfte.“ Und dann war sie auch schon wieder weg. Er rappelte sich auf und stolperte, die Bettdecke verfing sich in seinen Füßen. Als er vor die Tür trat, hatte sie schon ihren Rucksack auf den Schultern. Sie drückte ihm links und rechts einen Kuss auf die Wange und dann zog sie los. Direkt in Richtung Moor. Sie drehte sich noch einmal um und winkte. Fast sah es aus, als ob sie tanzend durch das Moor hüpfte. Und irgendwie war ihm ihr Winken nicht wie ein Abschied, sondern wie eine Einladung erschienen. Finnland, das war ja verrückt. Er schüttelte den Kopf und ging zurück ins Haus.

Und plötzlich musste er lachen. Er ging in die Küche, wickelte Brot, Wurst und Käse in ein Tuch und verstaute alles in seinem Leinensack. Vor der Tür holte er tief Luft. Ein herrlicher Tag. Die Luft war klar und er fühlte sein Herz schlagen als er so durch das Moor lief. Unter seinen Gummistiefeln hörte er es glucksen und der Boden gab nach und in seinen Fußabdrücken bildete sich ein kleiner See mit dunklem Wasser. Irgendwann wich das Moor einer Wiese, auf der man noch die Spuren des Winters erkennen konnte. Der lehmige Boden war matschig und er sank immer wieder mit den Gummistiefeln tief ein, blieb stecken und musste den Schuh mühsam aus der Erde ziehen. Er stapfte weiter, seine Schuhe schwer und voller Dreck. Dann erblickte er einen Weg, den in einen Wald führte. Und am Ende konnte er gerade noch sehen, wie sie darin verschwand. Er zog die nutzlosen Gummistiefel aus und fing an zu rennen.

Wunder gibt es immer wieder – hoffentlich

„Das Bruttosozialprodukt sagt nichts über das Wohlbefinden und die Lebensqualität aus.“, so schreibt Florin Opitz in seinem Buch „Speed – auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Und das stimmt ja auch irgendwie. Wenn ich Ressourcen spare, Dinge repariere und wiederverwerte statt neu zu kaufen, dann konsumiere ich nicht und trage auch nicht zum Wohlstand bei. Rein in der Theorie natürlich. Mein ökologischer Fußabdruck wird kleiner und das Maß aller Dinge, das Bruttosozialprodukt sinkt. Ich bin eine Wachstumsbremse.

Jeden Tag konsumieren wir 55 Kilogramm:

  • Wasser
  • Strom
  • Zahnpasta, Seife und alle Dinge zur persönlichen Pflege
  • Benzin
  • Nahrung
  • Kleidung
  • Dinge, die zur Herstellung von durch uns konsumierte Sachen gehören (Rohstoffe, Produktion, Transport)

Unser ökologischer Fußabdruck hat die Ausmaße eines Monsters. 1,8 Hektar wären wünschenswert, 2,7 Hektar ist das momentan weltweite Ist, jeder Deutsche verbraucht 4,6 Hektar.
Höchste Zeit, die Schuhe auszuziehen und mal nachzurechnen. Ich habe auf der Seite des Umweltbundesamtes meine Daten eingegeben.  

BilanzSo ganz zufrieden bin ich da noch nicht. Aber das Ergebnis ist auch nicht 100% individuell korrekt, weil einige Daten mit Durchschnittswerten hinterlegt sind. Z.B. beim Kaufverhalten gibt es nur die Abstufung „sparsam“, „durchschnittlich“ und „großzügig“. Doch immerhin bekommt man ein Gespür für die eigene Spur, die man auf diesem Planeten hinterlässt. Passt der Schuh, oder ist da noch Luft? Ganz klar, es kostet Kraft, seinen Weg zu gehen und Verzicht kostet:

  • Man muss sich aufraffen und anfangen
  • Nachdenken und das immer wieder
  • Energie, denn Denken strengt an
  • Mut haben und sich behaupten
  • Seine Komfortzone verlassen und agieren
  • Willensstärke beweisen und sich anstrengen
  • Unbequem sein und seine eigene Bequemlichkeit aufgeben

Geld kostet es nicht. Und Zeit gewinnt man am Ende auch. Und wer weiß, Wunder gibt es immer wieder und vielleicht befinden wir uns wirklich schon auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. Wie Nico Paech würde ich mir wünschen, dass auch die Unternehmen diesen Weg einschlagen und umdenken. Schließlich gibt es auch ohne ständiges Ankurbeln der Konsumgesellschaft jede Menge zu tun: Instandhaltung, Reparaturdienstleistungen, Umgestalten, Renovieren, Designer, Dienstleistungen, Vermittler. Alles sinnvolle, zukunftsweisende und krisensichere Jobs.

„Die Freiheit, man selbst zu sein, ist die größte Freiheit überhaupt“, so schreibt es Rachel Ward.

Damit schließe ich erst mal mein Projekt „Verzicht kostest“ ab und verabschiede mich in die Sommerpause. Ganz offline und mit offenem Blick für meine Umwelt.

Also dann, bis zum nächsten Mal.

Eure Kerstin