Heimatkunde

Ich bin ein Kind meiner Eltern, ein Kind meiner Zeit.
Ich bin ein Weltenbürger. Das sage ich, wenn mich jemand fragt, wo ich herkomme bzw. wer ich bin. Das ist eine recht diffuse Sache und der Ursprung erschließt sich mir auch beim intensiven Nachdenken nicht vollends. Ich bin mir also nicht sicher, warum ich keinen Ort als meine Heimat bezeichne.

Wenn ich sage, ich bei ein Kind meiner Eltern, dann bedeutet das in diesem Zusammenhang, dass meine Eltern wohl den Grundstein für meine Ruhe- und Rastlosigkeit gelegt haben. Sie sind nämlich diverse Male umgezogen. Erst allein. Von Nordrhein-Westfalen nach Niedersachsen. Und dann mit mir im Schlepptau. Von Niedersachsen nach Bayern, genauer gesagt Mittelfranken und von Mittelfranken nach Oberbayern und schließlich auch noch mal innerhalb der gleichen Stadt vom Ostteil nach Westen. Da können andere Mit-Erdenbürger mit Sicherheit mehr aufweisen, nichts desto trotz glaube ich, dass mit jedem Umzug der Geist geschult wird, mit Trennungen und veränderten Bedingungen zurecht zu kommen.
Die zweite Aussage, ich bin ein Kind meiner Zeit, fällt unmittelbar damit zusammen, dass meine Eltern das Wirtschaftswunderland Deutschland prägte und genossen haben, was sich unter anderem darin äußerte, dass wir viel gereist sind.

Zusammengefasst und als Ergebnis kommt dann so etwas wie meine Person dabei heraus. Ich wandele bereits ein halbes Jahrhundert auf diesem Planeten, habe auf zwei Kontinenten und in drei Ländern gelebt, in drei Bundesländern gewohnt, war in neun Städten (manche mehrfach) gemeldet und bin in meinem bisherigen bereits vierzehn Mal umgezogen. Ein Freund fragte mich mal, nachdem ich diese Aufstellung gemacht hatte, ob ich als Spion tätig sei und ob mein Name schon meiner wäre. Manchmal also lassen sich ganz unterschiedliche Schlüsse aus einem Leben ziehen. Wenn man etwas dabei lernt, dann effektives Packen und sich von Dingen und vor allem Menschen verabschieden. Was man vermisst, ist Heimat und das Gefühl, dazu zu gehören.

Vor einigen Jahren, nach einem misslungenen Neustart in einer norddeutschen Großstadt, eröffnete ich meiner Freundin, die ich im schönen Bayern zurück gelassen hatte, dass ich zurück käme und wenn sie, nach all dem Drama und dem Durcheinander und dem, was ich durchgemacht hätte, sich irgendwann in den Kopf die fixe Idee, weg zu ziehen, einpflanzen würde, ich sie persönlich umbringen würde. Genau das waren meine Worte: „Dann bringe ich Dich um!“ Woraufhin sie ganz seelenruhig erwiderte: „Nein, ich ziehe hier nicht weg. Meine Familie und meine Freunde sind alle hier.“

Noch immer bin ich eifersüchtig und neidisch auf diese Aussage. Und noch heute, fast fünfzehn Jahre später, bin ich die Heimatlose, der Flachwurzler, wie sie immer sagt. Und sie mein Ruhepol, der mich daran erinnert, dass Heimat kein Manko ist, sondern dem Leben Seele gibt. Und dass das Weltenbürgerdasein kein Widerspruch sein muss. Und irgendwie hatte auch meine Mutter es wohl vor sehr langer Zeit schon geahnt, dass ich immer wieder auf der Suche nach so etwas wie Heimat sein würde, als sie mir dieses kleine Geschenk machte, damit ich mich, wenn auch nicht physisch doch wenigstens gedanklich irgendwo zuhause fühle.

Heimat

Danke

 

P.S.: Nur um das klar zu stellen, ich bin eine absolut harmlose Seele und die Gutmütigkeit in Person und dass ich damals solch eine harsch Drohung ausgesprochen habe, lag einzig und allein an den Lebensumständen und meiner damit einhergehenden Verzweiflung und nicht daran, dass ich irgendwelche kriminellen Energien besitze.

Beilagen oder was man von Romanhelden lernen kann

Mit dem Aschermittwoch ist ja bekanntlich alles vorbei. Vor allem die Völlerei. Beginn der Fastenzeit. Und es kursieren heutzutage ganz verschiedene Ansätze, dies zu würdigen: Kein Alkohol, keine Süßigkeiten, kein Fleisch, kein Auto, kein Handy usw. Für jeden ist da also etwas dabei. Man kann auch jährlich wechseln, dann wird es nicht so eintönig. So mache ich das für meinen Teil und zwar zwischen dem Verzicht auf Süßigkeiten und Fleisch. Einmal hatte ich sogar beides gleichzeitig versucht, musste mich aber nach zwei Wochen geschlagen geben. Mein Nervenhaushalt konnte dem Ansturm nicht länger standhalten. Dann stand nur noch Fleisch auf der Fastenliste.

Nachdem letztes Jahr Süßigkeiten dran waren, wird – logisch – dieses Jahr wieder Fleisch vom Speiseplan gestrichen. Von gelegentlichen Ausnahmen abgesehen, wäre für mich ohnehin ein fleischloses und glückliches Dasein absolut vorstellbar. Auch ganz ohne das Gefühl des Verzichtes.

Ganz anders die beiden Fleischesser am Essenstisch. „Fleisch ist mein Gemüse.“ Wer kennt diesen Spruch nicht? Der Kinderarzt sagte einmal bei einer Untersuchung des schon damals gemüseverschmähenden vorpubertären Mitbewohners: „Na, wenigstens hat er keinen Eisenmangel.“ Wie immer im Leben, gibt es zwei Seiten die Sache zu betrachten.

Mahlzeit eins: Es gibt Gnocci mit Tomaten. „Sehr leckere Beilage“, meint der große Fleischesser. „Äh, das ist das Hauptgericht“, entgegne ich. „Wie gesagt, leckere Beilage“. Den Rest des Essens versuche ich mit nicht nahrungsrelevanten Themen zu füllen.

Mahlzeit zwei: Es gibt Kartoffeln mit kalten Fischvariationen. Das kommt gut an. Vor allem die Garnelen in Knoblauch. Die kommen auch noch nach Stunden gut an beziehungsweise wieder gut hoch. Und man hat obendrein auch noch am nächsten Tag etwas davon beziehungsweise die nicht fastende Bevölkerung.

Mahlzeit drei: Es gibt Gemüsecurry. Sehr lecker. Für die Fleischesser am Tisch habe ich ein Herz und sie bekommen dazu Hühnchen. Das dient auch einem gewissen Selbstschutz, denn seitdem es nur noch „Beilagen“ und hin und wieder Wassertiere auf den Teller schaffen, schauen mich beide zunehmend gierig an. Und der große Fleischesser behauptet ja auch standhaft, dass Geflügel kein Fleisch sei. Ich muss ihm unbedingt die nachfolgende Szene aus der Lektüre der Buchgesellschaft „Mord in der Maple Street“ von M.R.C. Kasasian einmal vorlesen:

„Sind Sie denn nicht hungrig?“ „Sehr sogar“, antwortete ich. „Aber ich wollte auf das Fleisch warten.“ „Haben Sie heute nicht genug Fleisch gesehen?“, fragte er. „Es wundert mich, dass Sie das Verlangen verspüren, sich noch mehr davon in den Mund zu stecken.“ […] „Wie können Sie die sterblichen Überreste einer jungen Frau als Fleisch bezeichnen?“ „Haut, Muskeln und Knochen.“ […] „Fleisch gemäß jedweger Definition.“ […] „Wie können Sie nur so gefühllos sein?“ „Sorgen Sie sich lieber um die Lebenden.“ […] „Und was den Vorwurf betrifft, ich sei gefühllos – wer von uns beiden ernährt sich denn von Toten?“

Beilagen

Irgendwann fange dann doch auch ich an die Tage zu zählen. Wenn ich für den Nachwuchs an der Fleisch- und Wursttheke stehe, ertappe ich mich dabei, dass ich neidisch auf die Kinder schaue, denen die Verkäufern ein Stück Wurst anbietet und ich atme tief ein, um meinen Heißhunger mit dem Geruch zu befriedigen. Noch zwei Wochen. Dabei ist es gar nicht so sehr das Fleisch an sich, welches ich gelüste, sondern die fleischigen Beilagen: Brot mit Wurst, Spiegeleier mit Speck, Nudeln mit Hackfleischsauce. Womit wir wieder bei den Beilagen wären. Tja, und irgendwann ist die Fastenzeit ja auch vorbei. Der erste Bissen in das teure Filetsteak, welches ich mir beim letzten Mal vor zwei Jahren geleistet hatte, war bei weitem nicht so sinnlich und betörend wie ich mir das vorgestellt hatte.

Dieses Jahr kam mir kurz vor dem Ende der Fastenzeit etwas so Kontraproduktives wie ein Urlaub dazwischen, bei dem ich mir gleich morgens ein Omelett mit Schinken gegönnt habe. Dazu Pancakes mit Ahornsirup und in Butter gebratenen Toast. Tausend Kalorien zum Frühstück und satt bis zum Abend. Ich glaube, etwas Leckeres habe ich noch nie in meinem Leben gegessen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich kein schlechtes Gewissen hatte, vielleicht lag es aber auch an dem Alternativplan. Denn die Tage der Sünde habe einfach hinten drangehängt und es gab wieder Beilagen pur. Vor allem beim Treffen der Buchgesellschafter, denn schließlich ist der Romanheld aus obigem Ausschnitt vehementer Verfechter des fleischlosen Genusses. Und es war mindestens genau so lecker wie das Schinkenomelett.

 

Eure Kerstin

Familienzuwachs

Nein, kein Hund, keine Katze und auch sonst kein Haustier. Und schon gar nicht schwanger. Und trotzdem ein Familienzuwachs. Und das kam so:
Der Mann an meiner Seite ist nicht mehr der Jüngste. Was passt, den das bin ich ja auch nicht. Mit einem knappen Jahrhundert und mehr auf dem Buckel haben Mann und Frau eine gewisse Vorgeschichte, wenn sich beide erst in diesem Lebensabschnitt begegnen. Alles andere wäre irgendwie ziemlich anormal und definitiv kein Fall für mich.

Die Vorgeschichte hat in unser beider Fällen für Nachwuchs gesorgt. Doch im Gegensatz zu meinem jugendlichen Mitbewohner, ist dieser auf der männlichen Seite schon länger flügge und steht mittlerweile auf eigenen Beinen. Und zwar schon so sehr, dass inzwischen sogar eigener Nachwuchs da ist. Inklusive Ehe möchte ich hinzufügen, denn in Bayern herrschen mancherorts mitunter noch Anstand und Sitte. Was den Mann an meiner Seite zum Opa macht und ziemlich stolz. Also, das Enkelkind. Und der Rest wohl auch.

Der stolze Opa ist mehr ein Mann der Taten denn der Worte und als vor kurzem die Taufe des Enkelkindes anstand, wurden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen und kurzerhand meine Familieneinführung vollzogen.

Da stand ich nun als „die Neue“ und „die aus der Stadt“ mitten drin. Vorstellungsrunde: Zuerst die (Ur)-großmutter, dann die Kinder, es sind nämlich zwei, nebst Ehepartner und Lebenspartner. Die Ex, die mir tatsächlich als „meine Ex“ vorgestellt wurde. Der Partner der Ex. Und die russische Sippe der Schwiegertochter: Mutter, Vater, zwei Schwestern inklusive Ehemännern und diverser Kinder. Eine Sippe, wie gesagt.

Wie jemand aus dem tiefsten Bayern mit einer russischen Einwandererfamilie in Kontakt kommt, lasse ich jetzt mal dahingestellt. Interessant ist dabei eigentlich, dass der Opa und Schwiegervater nach über einem Jahr noch immer nicht die Namen aller Angehörigen weiß. Aber gut, wer die Ex als „meine Ex“ vorstellt, tut sich vielleicht mit Namen generell schwer.

Aber wie gesagt, er ist auch mehr ein Mann der Taten und hat mir quasi schon „angedroht“, dass er mit mir Nägel mit Köpfen machen wird. Was mich, verständlicherweise, ziemlich nervös macht. Und das in meinem Alter! Tja, so kann es gehen, auf einen Schlag wäre ich dann also neben meinem derzeitigen Status als Mutter noch Ehefrau, Schwiegertochter, Stiefmutter, Schwiegermutter und Oma. Und obendrein mit der russischen Mafia verwandt. Wobei, das muss erst noch bestätigt werden.

Ach ja, Kind Nummer zwei heiratet im Sommer und da muss „die Neue“, also ich, dann auch wieder mit. Diesmal kommt die Sippe aus der Gegend und ist ganz standesgemäß Bauer. Herrlich, so ein Familienzuwachs. Ein Haustier wäre da unter Umständen einfacher gewesen. Auch was das Merken des Namens angeht. Aber eben lange nicht so schön.

 

Eure Kerstin

„Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß“ (Rainer Maria Rilke)

Gerade erst war ich auf einer Beerdigung. Ich bin kein gläubiger Mensch. Eher das Gegenteil. Aber das Zitat von Rainer Maria Rilke auf der Todesanzeige hat mich wirklich berührt. Es passt. Der Verstorbene war mit einem wirklich langen Leben gesegnet. Fast 93 Jahre. Eine Zeitspanne, in der so unermesslich viel Leben ist. Gesegnet war er auch mit einer großen Familie, die das Wort Familie lebt. Vier Kinder, neun Enkel und bis dato acht Urenkel, demnächst wären es zehn gewesen. Mit seiner Frau feierte er unlängst die Gnadenhochzeit. 70 Jahre gemeinsame Zeit. Eine unbeschreibliche Fülle an Erlebnissen.

Abschied

Leider gehöre ich nur im angeheirateten Sinne zur Familie. Und doch bin ich ein Teil in all den Jahren gewesen. Etwas, das mich immer wieder mit einem gewissen Maß an Wehmut erfüllt. Und so war es auch meine Verbundenheit, der mich an der Beerdigung hat teilhaben lassen.

Die Trauer um jemanden, der in solch hohem Alter stirbt ist selbstverständlich da, aber eben anders. Alles geht sehr still und andächtig von statten. Hier und da wird vereinzelt eine Träne verdrückt. Aber es überwiegt, wie es sich wohl jeder, der einmal von seinen Lieben geht, wünscht, die Erinnerung. Geschichten und Anekdoten werden mit einem Lächeln weiter gegeben.

Um so befremdlicher empfinde ich die Beerdigung. Ein Trauergottesdienst in der Pfarrkirche, bei dem immer und immer wieder die Kirche und der Glauben die Hauptrollen spielen, während die Gläubigkeit des Verstorbenen gepriesen wird. Ein steter Fluss an Gebeten und Lobpreisungen. Der Messdiener erscheint im Drei-Tage-Bart mit ungeputzten Schuhen und gähnt unverhohlen vor sich hin. Ich vermisse den Menschen.

Danach stürmen wir alle zu den Autos. Der Friedhof ist am Rande der Stadt. Hektisch treibt eines der Kinder die Gesellschaft an. Das eigene Enkelkind hält er an der Hand, ist aber mehr darauf bedacht, die Ordnung und Organisation der Trauergesellschaft zu bewahren. „Sohn, nimm‘ Du ihn doch an die Hand. Er geht so langsam.“ Ja, will ich rufen, er ist drei Jahre alt. Sein Tempo ist ein anderes. Er ist hier und Du bist hier. Das ist es, was zählt.

Die Aussegnungshalle ist gefüllt bis auf den letzten Platz. Der Verstorbene war ein angesehenes und geachtetes Mitglied in verschiedenen Verbänden und der Stadt, die ihn hier mit ihren Reden ehren. Auf dem Trauerflor von seiner Frau steht „Meine Sonne“. Ob sie ihm das je gesagt hat? Und was wird nun? Wo ihre Sonne dort im geschlossenen Sarg für immer ruhen wird? Ein wahres Meer an Blumen und Kränzen inmitten der Weihrauchschwaden. „… Danke für alles – Du warst ein super Opa“ Ob das auch so ausgesprochen wurde? Wie oft trägt man solche Worte mit sich? Und wie oft finden diese den Weg nach draußen?

Vor dem Grab sammelt sich die Menge, die achtlos über die umliegenden Gräber stolpert. Die städtischen Gießkannen können den Einkaufswagen gleich nur mit einem Geldstück von der Halterung genommen werden. Die Grabstätten, welche ins Auge fallen, sind mit einer Visitenkarte des örtlichen Grabpflegedienstes versehen. Die Inschriften auf den Grabsteinen sprechen eine andere, nicht mehr vorhandene Wahrheit. Hinter den Bäumen hört man die Autos auf der Schnellstraße vorbei rauschen. Nein, das ist es nicht, was ich mir als letzte Ruhestätte und Ort der Erinnerung vorstelle. Kein Platz, um inne zu halten.

Als ich mich verabschiede, fragt eines der Kinder, warum ich schon fahre. „Er ist allein zuhause“, antworte ich. „Ja, aber er muss ja nicht mehr gestillt werden“.  Erst sehr viel später überkommt mich die Trauer. Nicht um den Mann, Vater, Opa, Urgroßvater, der gegangen ist, sondern um all die Menschen, die hier sind und doch niemals da. Ich will nach Hause.

Heute bleibt die Küche kalt

Der Wiener Wald war früher die Lösung, wenn Muttern nicht am Herd stehen wollte. Wobei, früher war in Punkto gemeinsames Essen vieles anders, wie ich schon mal in dem Beitrag „Duft des Lebens“ festgestellt habe.

Ich jedenfalls gehe auch gern auswärts essen. Es macht einfach Spaß, die Mahlzeit fix und fertig serviert zu bekommen. Irgendwie ist auch manchmal wie ein Überraschungsei, wenn der Teller vor einem steht. Denn ob das Gericht, welches sich auf der Speisekarte so verführerisch anhörte, wirklich solche Qualitäten besitzt, wird man erst feststellen, wenn man es probiert hat.

Die Deutschen sparen bekanntlich ja zuerst am Restaurantbesuch, wenn das Geld knapp ist. Das ist nachvollziehbar. Trotzdem boomt die Szenegastronomie und Sterneküche. In manchen Lokalitäten muss auf Wochen im Voraus reserviert werden. Das ist ebenso nachvollziehbar und liegt am Erlebnisfaktor, denn oft spielt das Essen an sich nur die zweite Geige. Die wesentliche Zutat für die stimmige Note ist der Service und die Gesellschaft.

Vor einigen Jahren war unsere Familie (Großeltern, Kinder, Enkelkinder und Freunde) im schönen Aschau. Zwei Sterne kann die Residenz Winkler vorweisen. Zugegeben, das kann man sich wirklich nicht jede Woche, auch nicht jeden Monat, leisten. Aber der jugendliche Mitbewohner, der damals noch ein Kind war, und ich schwärmen noch heute von dem Abend. Oft, wenn wir etwas besonders Leckeres speisen, sagen wir: „Weißt Du noch, damals bei Winkler’s?“

Noch schöner als kochen lassen, ist Kochen für Freunde. Stimmt’s, liebe Buchgesellschaft? Auch dabei ist der Geselligkeitsfaktor der springende Punkt. Ich sage ja immer, ich bin ein Gesellschaftsesser. Allein essen, wenn der jugendliche Mitbewohner wieder mal auf Abstand zur Eigenkreation geht, ist langweilig und schmeckt irgendwie nicht. Und Essen, nur um satt zu werden, finde ich unbefriedigend. Da bleibt dann erst recht die Küche kalt und es gibt ein Brot mit Tee und einem Apfel oder Joghurt.

Doch am allerschönsten ist Kochen mit Freunden. Stimmt’s, liebe M.? Dabei lassen sich vorzügliche Herddiskussionen führen und gewagte Rezepte testen. Wir haben mal „Plattes Huhn“ nach einem Rezept von Johann Lafer gemacht. Das war ein echtes Erlebnis, bei dem man dem armen Flattermann mit Hilfe eines Backbleches sämtliche Knochen brechen musste, bis er eben platt war. Nichts für Zartbesaitete, aber lecker und vor allem lustig war’s.

Plattes Huhn

Was das alles mit Verzicht zu tun hat? Nichts, wenn man mal von den Zutaten, die natürlich Bio sein können, absieht. Und das ist gut so. Verzicht heißt ja nicht, dass man sich nichts mehr gönnt, sondern dass man das, was das Leben einem bietet, mit allen Sinnen genießt.

Das Pedant zu auswärts essen, ist Essen zum Mitnehmen. Das schauen wir uns morgen an.

 

Also dann, action!
Eure Kerstin

 P.S.: Das Foto ist aus dem Kochbuch „Meine besten Rezepte“. Unsere Kreation sah nicht so perfekt aus, aber darauf kommt es bekanntlich auch nicht an. 

Tag 8: Ausnahmsweise normal

Tag 8Ich bin ein Einzelkind der Mittelschicht mit norddeutschen Wurzeln, das derzeit im „schönsten“ (nicht meine Worte, aber fühlt sich hin und wieder so an) Bundesland Deutschlands zuhause ist – muss ich eigentlich noch mehr sagen?

Ist natürlich nicht besonders spezifisch und/oder einzigartig, weil es wahrscheinlich auf Tausende, wenn nicht sogar Millionen Mitmenschen zutrifft. Man könnte sogar hingehen und sagen: Ich bin normal. Durchschnitt eben. Ich würde sogar soweit gehen, zu behaupten, dass ich recht langweilig bin.

Der politische Umbruch der 80er und 90er Jahre ist irgendwie an mir vorbei gegangen. Ich habe nicht einmal in meinem Leben an einer Demo teilgenommen, genauso wenig an einem Musikfestival. Drogen und Alkohol kenne ich nur vom Hörensagen.

Während der Wiedervereinigung war ich im Ausland und konnte mit den Bildern, die ich zufällig aufgeschnappt habe, so gar nichts anfangen. Dafür war ich am 11. September ziemlich nah dran und bin dann freiwillig in die Arbeit gegangen, um meinen Kollegen zu helfen, mit dem Chaos fertig zu werden.

Ich gehöre nicht zu denen, die sich wünschen reich und berühmt zu sein. Ok, etwas reich wäre schon ganz schön, aber so passt es auch ganz gut. Nur, dass man als Teil der Mittelschicht wirklich für alles mitzahlen darf, das sorgt hin und wieder schon für erhöhten Blutdruck.

Ich wäre auch nicht gern ein Star in einer Castingshow oder auf Youtube oder überhaupt medientechnisch bekannt. Manchmal bin ich mir sogar gar nicht sicher, ob ich wirklich so viel und präsent im Netz sein will.

Tja, mehr ist da nicht. Mehr will ich auch gar nicht sein. Normal ist ja heutzutage schon fast die Ausnahme, wenn ich es recht betrachte.

 

Na, dann bis morgen, Kerstin

Der Anruf

Karte Nr. 12: „’Dass wir miteinander reden können, macht uns zu Menschen’, Karl Jaspers. Sie sind eine Tochter, Cousine, Nichte bzw. Sohn, Cousin, Neffe. Rufen Sie ein Familienmitglied an, bei dem Sie sich lange nicht gemeldet haben.“

Es klingelt. Einmal. Zweimal. Dreimal. Vielleicht habe ich Glück und er nimmt nicht ab, denke ich. Viermal. Was mache ich, wenn ich ihn nicht erreiche? Fünfmal. „Hallo?“ „Hallo. Papa.“ Kurz zögere ich. Soll ich sagen: Ich bin’s. Kerstin. Aber wer sollte sonst ‚Papa’ sagen? Ich bin das einzige Kind. „Alles Gute zum Geburtstag.“ „Ja. Danke.“

Und jetzt? Warum habe ich mir nichts zurecht gelegt? Stichpunkte gemacht? Jetzt bloß nicht den Faden verlieren. Welchen Faden? „Wie geht es Euch? Wie geht es Dir?“ Ja, eigentlich will ich wissen, wie es meinem Vater geht. Ihm ganz persönlich. Ganz ehrlich. Ist er glücklich? Lebt er so, dass es ihm gut geht? Aber all das frage ich natürlich nicht. „Uns geht es gut. Freunde aus Stuttgart sind da.“ Freunde aus Stuttgart? Nie von denen gehört. Aber im Grunde scheint es auch nicht verwunderlich. Warum auch? Wir telefonieren zweimal im Jahr und tauschen Belanglosigkeiten aus. „Noch einen Tag, dann sind wir am Unterrhein.“ „Ach, dann seid Ihr schon wieder in Deutschland?“ Blöde Frage. Seit Jahren fährt er im Oktober fort und kommt im April zurück. „Ja, dann waren wir ein halbes Jahr in Portugal. Das achte Jahr.“ Oh Gott, wie die Zeit vergeht. „Oh, Wahnsinn wie die Zeit vergeht.“

Ja, das läuft doch ganz gut. Immer schön weiter reden. Aber was? Seit ich denken kann, habe ich nicht ein Gespräch geführt, das nicht irgendwie aufgesetzt und qualvoll war. Wir haben uns nichts zu sagen. „Wie ist das Wetter?“ Herrje, klischeehafter, langweiliger geht es wohl kaum. „Gut, natürlich nicht so warm wie in Portugal.“ „Also, hier hat es den ganzen Winter nicht geschneit.“ „Ach. Dann wird es ja jede Menge Plagegeiser geben.“

Ok. Das Wetter ist abgehakt. Ich brauche ein neues Thema. „Wart Ihr Ski fahren?“ Hat mich mein Vater gerade etwas gefragt? „Ja“, antworte ich perplex. „Wo wart Ihr denn?“ „In Saalbach.“ „Ach ja.“ „Ja, mit U. Da waren wir letztes Jahr auch schon. Schnee war nicht so viel. E. fährt Snowboard“, sprudelt es aus mir heraus. So viel Info wie möglich. „Snowboard? Ja, die jungen Leute fahren heute alle Snowboard.“ „Skifahren kann er auch, aber er wollte jetzt Snowboard lernen.“ Als ob ich mich rechtfertigen müsste, dass er nicht genauso gern und gut Ski fährt wie ich es getan habe.

„Und was macht die Schule?“ Noch eine unerwartete Frage. Wie kann es sein, dass er mich jahrelang immer nur angerufen hat, wenn er etwas gebraucht hat und nun auch einmal Interesse zeigt? Tief in mir zweifele ich, ob es wahres Interesse ist oder nur gesellschaftlicher Smalltalk. „Ja, ist gut.“ Und dann will ich gar nicht mehr aufhören. Erzähle von der Schule, den Fächern, Sport und allem, was dazu gehört. Am liebsten würde ich all die verpassten Chancen in diese paar Minuten packen. Ein Bild für ihn aufbauen, damit er eine Ahnung hat, wie es mir geht. „Gleich kommen unsere Freunde aus Stuttgart.“ Oh ja, das. „Mit denen gehen wir zum Essen.“

Ja, das ist wohl das Zeichen, dass das Gespräch lange genug gedauert hat. Bloß nicht zuviel Intimität aufkommen lassen. Am Ende könnte bei jedem der Eindruck entstehen, wir vermissen einander. „Ja, ist gut. Feiert schön.“ „Schick mir doch mal Deine neue Adresse.“ „Ja klar, mache ich.“ Innerlich sträube ich mich. Was für ein Blödsinn. Ist ja nicht so, dass er mich plötzlich ohne Ankündigung besuchen würde. Warum also? Will ich mir die Enttäuschung ersparen, die entsteht, wenn zu Geburtstagen oder anderen Feiertagen keine Karte oder Geschenk den Weg zu mir findet? „Mach’s gut. Viel Spaß.“ Ich liebe Dich Papa, füge ich in Gedanken hinzu.

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Ich gebe zu, ich hatte Schützenhilfe in Form eines Geburtstages und ich bin mir nicht sicher, ob ich auch so geschafft hätte. Aber für ein paar Tage war ich glücklich. Glücklich, dass ich angerufen habe und nicht nur eine Karte oder ein E-Mail geschickt habe. Glücklich, weil er Interesse gezeigt hat. Glücklich, weil es sich so anfühlte, als ob unsere Beziehung doch noch eine Chance zum Besseren hätte. Es fühlte sich gut an. Ich fühlte mich gut. Dann kam mein eigener Geburtstag. Und er ging. Ohne Anruf. Ohne ein Wort von meinem Vater.

Die Last, die Familie bedeutet. Sie wiegt schwer und erdrückt einen. Saugt einen aus. Bis die Gedanken sich immer und immer wieder im Kreis um diese eine Frage drehen: Warum?

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Ganz ehrlich: Ich habe so gar keine Lust, eine neue Karte zu ziehen. Vielleicht hat M. recht. Seit ich dieses Experiment angefangen habe, bin ich deprimiert und stelle mir bei allem und jedem die Frage nach dem Sinn. Ok, keine Sinnkarte. So viel ist mal klar. Lieber Komfort. Bitte lass’ es eine gute Karte sein. Oh, nein, ich sehe Depressionen am Horizont aufziehen: “Sie spazieren auf den Pfaden Ihrer Kindheit: Tauchen Sie ab in eine heile Welt und leihen Sie sich einen Film aus Kindertagen aus: ’Lassie’, ‚Pippi Langstrumpf’, ‚Cinderella’…“ Ich besorge besser gleich auch eine Großpackung Taschentücher. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin