Der alltägliche Luxus

Wo hört das Alltägliche auf? Und wo fängt der Luxus an? Kann man da überhaupt eine generelle Trennung vornehmen? Wohl eher nicht, da für einen Heimatlosen sicherlich Dinge wie beispielsweise ein sicheres Zuhause einen ganz anderen Stellenwert haben als für mich. So etwas wie reelle Existenzangst kenne ich nicht. Von daher bin ich immer noch verwundert, dass ich regelmäßig von den Gespenstern einer recht unrealistischen Furcht vor dem sozialen Absturz mit einhergehender Obdachlosigkeit verfolgt werde.

Ich hatte ja in meinem Beitrag „Die Prinzessin auf der Erbse“ bereits erwähnt, dass ich nicht immer in Deutschland zuhause war und nach der Jahrtausendwende waren dies für ein paar Jahre die USA. Ich will hier gar nicht groß auf irgendwelche politischen und/oder kulturellen Gepflogenheiten eingehen, wichtig ist nur die Tatsache, dass es eben als Nicht-Amerikaner recht schwer ist, dort eine Arbeitserlaubnis zu erhalten, wenn man keine Green Card besitzt und nicht von der eigenen Firma dort eingesetzt wird. Dann benötigt man einen Sponsor, der einen einstellt und als alleiniger Arbeitgeber im Arbeitsvisum eingetragen wird. Das hat zur Folge, dass ein Arbeitswechsel so ohne weiteres nicht möglich ist. Ein weiterer an sich sehr positiver Punkt ist, dass man als Ausländer, der man in dem Fall ja ist, keinen Kredit bekommt – noch nicht einmal einen Dispo.

Lange Rede, kurzer Sinn: Nachdem der heutige jugendliche Mitbewohner das Licht der Welt erblickt hatte, verfiel mein Arbeitsvisum logischerweise als ich nicht direkt wieder eingestiegen bin. Ich wurde jedoch geduldet, da der Vater ja noch Arbeit hatte. Nun muss ich noch erwähnen, dass dieser ein Freigeist und Künstler ist und von fester Anstellung nicht viel hält. Was soll ich sagen: Als Freiberufler eine Familie ernähren ist nur etwas für Nervenstarke, zu denen ich mit einem Neugeborenen definitiv nicht gehört habe und als typische Deutsche, wie ich mich sehen würde, wohl auch nie gehören werde. Jeden Monat setzte bei mir also leichte Panik ein, wir könnten am Ende des Monats kein Geld für Essen mehr haben. Völlig absurd. Eigentlich. Vielleicht waren es auch die Hormone oder die ganze recht unruhige Lage im Land oder der Beziehung, aber in Gedanken sah ich mich oft mit einem Baby auf der Straße sitzen.

Tja, geblieben sind das Baby, das sich zum jugendlichen Mitbewohner gemausert hat und der Tick, das Geld könnte nicht reichen. Nun gut, es gibt ja unzählige Möglichkeiten, sein Hirn mit Gespinsten zu beschäftigen, egal, wie weit hergeholt sie auch sein mögen.

Zurück zum alltäglichen Luxus, ein Dach über dem Kopf zu haben, denn selbstverständlich ist das nicht und das Phänomen, dass jeder von uns seine eigenen vier Wände braucht, um sich in seinem Nest wohl zu fühlen, ist ja noch recht neu. Dabei rede ich jetzt nicht von den Höhlenmenschen, die im Clan zusammen gehaust haben, sondern denke da nur zwei bis drei Generationen zurück, als die Familien noch unter einem gemeinsamen Dach gewohnt haben. So gesehen, fröne auch ich ungeniert dem Luxus und übe in keinster Weise Verzicht, denn Familie und Verwandtschaft sind weit gestreut.

Haus

Zudem nenne ich eine vier-Zimmer-Wohnung mein Eigen. Zugeben, so im Nachhinein bin ich damit nicht so glücklich wie ich es mir bei Vertragsabschluss erträumt hatte. Weniger wäre hier mehr gewesen. Weniger Verantwortung, weniger Dinge, die Zeit und Aufmerksamkeit verlangen. Besitztum ist schön, aber für mich letzten Endes nicht befriedigend. Nicht, weil es immer andere gibt, die mehr haben, sondern weil man auch abhängig wird. Von den eigenen Vorstellungen und nicht zuletzt von dem Konstrukt, das man sein Leben nennt.

Es stimmt also, Geld macht nicht glücklich. Nicht ohne eine entsprechende Verbindung zur eigenen Einstellung. Reichtum in jedweder Form lähmt und macht träge, denn unsere Habenziele drehen sich immer um das Gleiche, während hingegen Seinziel einen auf Trab und in Bewegung halten. Vielleicht fühlt sich meine Burg daher auch noch nicht wie mein Zuhause an und ich bin noch immer nicht angekommen.

Für mich wäre insofern der Verzicht in dem Fall ein Gewinn, trotz den Zielen, die einem die kapitalistische Welt gern als erstrebenswert verkauft. Vor einiger Zeit bin ich auf den Tiny House Blog gestoßen – Leben auf klein(st)em Raum und wie ich finde, sehr fortschrittlich. In meinem Herzen bin ich eben doch ein Flachwurzler, wie meine Freundin M. immer sagt. Oder ein Zigeuner, dem man seinen Wohnwagen genommen hat. Wobei ich ein Wohnmobil wählen würde und das bereits als meine Zukunftsvision im häuslichen Ziegelbau kund getan habe. Insofern wäre diese Art von Obdachlosigkeit, wenn man es denn so nennen will, für mich echter Luxus. Nun fiebert der Nachwuchs seiner Volljährigkeit entgegen, damit er meinen derzeitigen fahrbaren Untersatz erben kann, während Muttern auf Hippie macht.

Ja, das Auto, früher Inbegriff von Freiheit. Das wollen wir uns beim nächsten Mal genauer anschauen.

Also dann, action!
Eure Kerstin

Tag 28: Leistungsbewertung

Tag 28Wenn ich diesen Brief hier so schreiben würden, wie er mir so im ersten Moment durch den Kopf gehuscht ist, dann stände bei mir aller Wahrscheinlichkeit morgen das Jugendamt vor der Tür. Denn das wäre dann eher so eine Art Abschiedsbrief gewesen, indem ich dem jugendlichen Mitbewohner auf dem weiteren Weg alles Gute wünschen und es aufrichtig bedauern würde, dass sich aber ab sofort eine andere Bedienstete um die Bedürfnisse der Mitbewohner kümmern müsse, ich mich aber kurzfristig entschlossen hätte, meine unbezahlte Anstellung hier aufzugeben, weil mir nun klar wäre, wohin mein Weg gehe. Gut, vielleicht hätte in dem Fall das Jugendamt sogar einen sonntäglichen Besuch abgestattet. Und nach reiflicher Überlegung komme ich meist zur Vernunft und weil im Kühlschrank noch so leckere Sachen sind, werde ich noch etwas bleiben. Aber einen Brief schreiben will ich auch nicht. Schön schon gar nicht. Damit hatte ich bis zuletzt kein großes Glück, wenn ich mir das zerrüttete Vater-Tochter-Verhältnis vor Augen führe.

Daher wird das hier eher so eine Art Leistungsbewertung der letzten Wochen: Klar geworden ist mir, dass ich wirklich gern hier schreibe. Hin und wieder bin ich sogar überrascht, wie gut ich mein eigenes Geschwätz finde. Klar, ist ja auch von mir und irgendwoher muss der jugendliche Mitbewohner ja seine frühreife Arroganz her haben. Schließlich kann man nicht jede schlechte Eigenschaft dem anderen Erbgutverantwortlichen zuschieben.

Zu der Aufgabe 30 Tage Schreiben ist Folgendes zu sagen: Schreiben an sich ist also ok. Schreiben und zur Arbeit gehen ist auch noch ok. Schreiben und das Teen in Schach halten geht gerade noch so. Schreiben und zur Arbeit gehen und das Teen in Schach halten ist unmöglich. Und wenn dann noch Weihnachten dazu kommt ist es eine Katastrophe. So gesehen waren das die längsten dreißig Tage, in denen ich mit Sicherheit mehr als einen Monat gealtert bin. Vom Schlafdefizit will ich hier gar nicht erst reden.

Vom Verfasser des kleinen Heftes beziehungsweise von den Fragen hätte ich mir ein bisschen mehr erwartet. Irgendwann beschlich mich da das Gefühl, dass ständig die gleichen Fragen in anderer Aufmachung auftauchten. Das fand ich persönlich schade. Aber wie gesagt, wenn man sich mit der Aufgabe im Vorfeld nicht vertraut macht und einfach drauf los legt, dann kommt eben manchmal das böse Erwachen. So in der Art kriegt das der jugendliche Mitbewohner von mir ja auch immer zu hören, wenn bei einem Test die Antwort mit der gestellten Frage irgendwie nicht zusammen passt. Solche Dinge muss ich also auch weniger leichtsinnig anpacken. Aber, ich habe durchgehalten, trotz manch zähem Ringen um Worte. Alles in allem eine gute Leistung.

Nach jeder Leistungsbewertung erfolgt bekanntlich eine Zielvereinbarung über die zukünftige Zusammenarbeit: Klar geworden ist mir auch, dass ich, komme, was das wolle, irgendwann meine Zelte hier abbreche, ich aber gleichzeitig aufpassen muss, das Hier und Jetzt nicht zu verpassen, weil ich in Gedanken schon die Tage zähle, bis ich losziehen kann. Alles eben zu seiner Zeit. Daran muss ich noch arbeiten.

 

Na, dann bis morgen, Kerstin

Versuch und Irrtum

Karte Nr. 25: „Werden Sie durch Fehler stark: Sie haben vergessen, eine Mail zu beantworten oder morgens verschlafen? Suchen Sie keine Entschuldigungen und stehen Sie zu Ihrem Malheur. Daraus entsteht wahre Kraft.“

Ich bin schon fast ein halbes Jahrhundert alt. Das macht also schon fast ein halbes Jahrhundert Versuch und Irrtum. Schließlich bin ich ein Mensch. Und auch, wenn ich mich noch so sehr anstrenge in Richtung Perfektionismus, kämpfe ich auch immer mit meiner an mich gestellten Erwartungshaltung. Im Leben geht es eben um Fehler machen und aus diesen zu lernen.

Als Kind fasst man den heißen Herd an, man verbrennt sich die Finger und von an versucht man, sich von heißen Kochplatten fern zu halten. Als Jugendlicher küsst man den niedlichen Jungen, man wird verletzt und von da an versucht man, sich von den Blendern fern zu halten. Als Erwachsener kauft man ein Schnäppchen, man wird enttäuscht und von da an versucht man, sein Geld weise und sinnvoll zu investieren. So zumindest die Theorie.

Nein, ich bedauere die Fehler nicht, die ich gemacht habe. Ich bereue auch keine Entscheidung, die sich im Nachhinein als unklug heraus gestellt hat. Ich bin vielleicht hin und wieder traurig über die verbrannten Finger und das böse Erwachen, aber ich kann erkennen, wo und wann ich einen hitzebeständigeren Ofenhandschuh hätte anziehen sollen.

Eine gewisse Reife und Erfahrung hilft einem, mit dem einen oder anderen Malheur fertig zu werden. Ich versinke nicht im Boden, wenn ich den falschen Verteiler für eine E-Mail benutze oder ein vertrauliches Dokument unverschlüsselt losschicke. Ich kann reinen Gewissen behaupten, dass dies unvermeidbare Nebeneffekte eines Lebens auf der Überholspur oder im Hamsterrad oder wie auch immer man unser Leben heutzutage betiteln mag, sind. Vielleicht ist das ja der Lerneffekt. Man verfällt nicht mehr in Panik, weil man weiß, dass es aller Wahrscheinlichkeit, nicht der letzte Fehler sein wird, den man macht. Was mich im Hinblick auf meine Zukunft beunruhigt, ist eher die Angst, dass die Auswirkungen größer und verheerender sein könnten. Und vielleicht bin ich dann nicht mehr gefestigt genug, damit gelassen umzugehen. Denn des Vergnügen beim Versuch-und-Irrtum des Lebens liegt darin, dass niemand dabei verletzt wird.

Bleiben noch zwei Power Karten. Eine 50:50 Chance. Karte Nr. 26: „Zeigen Sie (mehr) Haltung: Sagen Sie nicht nur, DASS, sondern auch WARUM Sie etwas gut finde. Dazu gehört etwa, bei Facebook nicht nur ‚Gefällt mir’ zu klicken, sondern außerdem einen Kommentar zu formulieren. Das regt das Denken an.“ Hört sich gut an. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

P.S.: Ach ja, und nur der Ordnung halber: Ich würde ja gern mal verschlafen. Besser gesagt, ausschlafen. Aber wenn die Kirchenglocken pünktlich um sieben Uhr läuten, dann erübrigt sich der Versuch. Und das soll keine Entschuldigung sein.

Lebensmuster

Karte Nr. 15: “Machen Sie etwas selbst: Stellen Sie etwas mit eigenen Händen her, das Sie sonst gekauft hätten – eine Glückwunschkarte oder einen Pareo. Und seien Sie hinterher stolz auf Ihr Werk!“

Wenn ich in der Arbeit so richtiggehend frustriert bin und an den Punkt gelange, an dem ich mich frage, was ich da eigentlich für eine Art von Job mache, wünsche ich mir oft, ich hätte einen handwerklichen Beruf ergriffen – wie Schreiner oder Gärtner. Etwas Handwerkliches erlernt, bei dem man etwas erschafft, kreiert, etwas Sinnvolles macht und dabei der Menschheit einen Dienst erweist. Eine sehr noble Denkweise, ich weiß. Aber vielleicht ist das etwas, was sich in unsere Gedanken schleicht, wenn wir älter werden und realisieren, was mit uns und unserem Planet passiert. Nichts scheint mehr dafür bestimmt, einen langfristigen Nutzen zu erfüllen und nur bis zum nächsten update oder Modetrend Bestand zu haben. Aber wenn ich so darüber nachdenke: Brauchen tue ich nicht wirklich etwas – von Lebensmitteln vielleicht mal abgesehen.

Ich habe mehr Gabeln als ich Teller besitze. Und mehr Teller als Stühle. Und mehr Stühle als an meinem Tisch Platz haben. Sicher, das ist jetzt eine sehr vereinfachte Ansicht des gesamten Bildes, aber mal ganz ehrlich, ich habe nicht mal so viele Freunde wie ich Gabeln habe. Was unter Umständen ein sehr trauriger Gedanke sein könnte. Natürlich könnte ich mich nun von all den überflüssigen Gabeln trennen. Vielleicht spenden und jemandem damit helfen. Oder etwas anderes aus ihnen machen. Schmuck wäre denkbar, da es sich um Silbergabeln handelt, die ich von meiner Großtante geerbt habe. Sehr elegant, sagt der eine oder andere aus meinem Freundeskreis. Sie verleihen einem einfachen Mahl eine gewisse Vornehmheit.

Ok, um es kurz zu machen: Ich habe den Gabeln nichts angetan – ich liebe meine Gabeln. Nichtsdestotrotz habe ich mit dem Gedanken an einen Silberverarbeitungskurs gespielt. Zum Glück für die Gabeln waren alle Termine ausgebucht. Scheint fast so, als ob es jede Menge Leute gibt, die ihren Gabeln eine andere Bestimmung geben wollen.

Am Ende wurde mir meine Entscheidung von der Fußballweltmeisterschaft abgenommen. Zugegebenermaßen bin ich kein großer Fernsehgucker. Wahrscheinlich könnte ich auch ohne ganz gut zurecht kommen. Und ich bin ein noch geringerer Fußballfan. Die einzigen Spiele, die ich hin und wieder anschaue, sind Weltmeisterschaftspartien. Eine zusätzliche Herausforderung waren der Zeitunterschied von 5 Stunden. Ich bin nämlich ein „Früher Vogel“ und dementsprechend zeitig im Bett. Selten wird es später als 22 Uhr. So gesehen, war es schon ein persönliches Martyrium, auf zu bleiben und mit meinem Sohn vor dem Fernseher zu sitzen. Und um das durchzustehen, musste ich mir etwas suchen, mit dem ich mich zu später Stunde beschäftigen und gleichzeitig dem Spiel folgen kann. Hier, was ich gefunden habe:

Wolle

Ein Berg von aufgeribbeltem Garn. Vor langer Zeit war dies einmal ein Pullover für meinen Sohn als er noch klein war. Nachdem er aus dem selbstgemachten Stück rausgewachsen war, habe ich es nicht übers Herz gebracht, ihn zu verschenken oder gar wegzuschmeißen. Und so verbrachte er viele Jahre in meiner Handarbeitskiste. Bis zum Eröffnungsspiel Brasilien gegen Kroatien. Und es benötigte eine ganze Weltmeisterschaft, um das Projekt abzuschließen. Im wahrsten Sinne des Wortes bis zur letzten Minute des Finales Deutschland gegen Argentinien. Und hier ist meine ganz persönliche Trophäe:

Short

Gut, es ist nicht so wertvoll wie der echte Pokal, aber es ist bedeutungsvoll. Sogar in mehr als einer Weise: Im Sommer kann ich die Short zum Baden anziehen. Und im Winter könnte sie als Schlafanzug oder legere Hauskleidung dienen. Ganz sicher werde ich aber immer an die Herkunft und Entstehung denken und meinen Sohn, der mich schon fast anschreit, wie ich so ruhig bleiben kann. „Pack das weg! Du musst unser Team anfeuern! Wie kannst Du jetzt häkeln?“ Was mich unvermittelt an das letzte Mal erinnerte, als Deutschland Weltmeister wurde. 1990 sah ich das Finale mit meinem damaligen Freund, den es ganz verrückt machte, dass ich seelenruhig auf der Couch lag. Noch immer kann er nicht glauben, dass ich während der nervenaufreibenden 90 Minuten in mein Buch vertieft war. Ganz wie mein Sohn jetzt. Was nur beweist, dass sich die Vergangenheit wiederholt und das Leben einem Muster zu folgen scheint. Fast wie ein Häkelmuster. Sogar die Finalisten waren die Gleichen.

Für den Fall, dass sich nun jemand wundert, was ich während des Finales 1974 getan habe: Ich bin da reichlich überfragt, aber meine Vermutung ist, dass ich einen selbstgemachten Pullover getragen habe. Dem ähnlich, den ich für meinen Sohn gestrickt hatte, der nun eine Short ist und irgendwann vielleicht mal etwas anderes sein wird. Denn das Leben ist wie ein Knäuel bunter Fäden, an einem Ende zu einem Muster verwoben und am anderen Ende lose aufgeribbelt, um einem alle Möglichkeiten für einen Neuanfang und neue Bedeutung zu offerieren.

Für die neue Karte wähle ich eine Sinneskarte, da ich mir eine kleine Auszeit von unserer rastlosen Konsumgesellschaft und meiner Hektik in einem für mich momentan nicht so sinnreichen Job nehme und mich auf eine kleine Pilgerreise begebe. Kein Ballast. Nur lebenswichtige Dinge, um 3 Wochen in den Bergen zu überleben. Und deswegen muss ich zugeben: Ich habe ein bisschen geluhrt, da ich mir meine Reisetage nicht mir einer Aufgabe erschweren wollte, mit der ich mich geistig schwer tue. Karte Nr. 16: “’Wie viele Dinge es doch gibt, die ich nicht brauche!’ – Sokrates. Um zu erfahren, dass weniger mehr sein kann, üben Sie sich in Askese: Kaufen Sie einen Tag lang überhaupt nichts ein“ In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

 

P.S: Noch 3 Dinge möchte ich erwähnen: 1. Nein, ich weiß nicht mehr, welches Buch ich damals gelesen habe. 2. Nein, 1954 war ich noch nicht auf der Welt. So alt bin ich nun auch wieder nicht. Und 3. Die Tatsache, dass mein damaliger Freund und ich heute immer noch gute Freunde sind, beweist nur, dass die Liebe mehr als ein Muster zu bieten hat.

Die Bank – die andere Seite der Münze

Fortsetzung zu: „Die Bank – die eine Seite der Münze“.

Mann, was für ein herrlicher Tag. Zum Glück hat es gestern Abend geregnet. Endlich. Nachdem wochenlang kein Tropfen gefallen ist. Dann regnet es und im Tal schlägt der Blitz ein. Schon verrückt manchmal. Beim Nachbarn hat es den Stromverteiler erwischt. Der Arme hat aber auch wirklich immer Pech. Erst letzte Woche ist einer dieser Wanderer bei ihm während des Abendessens zusammen gebrochen. Musste mit dem Heli abgeholt werden.

Jetzt im Sommer kommen die hier jeden Tag vorbei. Irre. Ganze Horden. Manche schleppen wahre Monster von Rucksäcken. Selbst die Kinder und die Alten müssen mit. Zum Glück habe ich nur einen einfachen Hof. Keine Betten und keine Wirtschaft. Und trotzdem fragt jeden Tag mindestens einer, ob er einkehren kann. Die glauben alle, wir führen hier ein Leben wie im Paradies. Ein bisschen Gartenarbeit und dann die Tiere streicheln. Von wegen. Ich frage mich manchmal, was mich geritten hat, als ich diesen Hof übernommen habe. Seit über einem Jahr ackere ich wie verrückt, um mit der Renovierung weiter zu kommen. Alles im Alleingang. Heute muss ich unbedingt noch die letzten Arbeiten am Dach fertig kriegen. Jetzt, wo es langsam wieder Herbst wird in den Bergen. Hoffentlich kommt der Nachbar nachher rüber wie versprochen und hilft mit. Muss ich gleich mal anrufen und fragen, ob es dabei bleibt oder er noch an dem Stromverteiler dran ist. Jetzt mache ich aber erst mal eine Pause. Seit Sonnenaufgang habe ich am Dach gewerkelt. Die Tiere muss ich auch noch füttern. Ich fühl mich total ausgetrocknet. Habe seit dem Kaffee heute morgen noch gar nichts getrunken. Na, also zehn Minuten gönne ich mir jetzt und setze mich auf meine Bank. Ach, Vater. Deine Bank. So ein tolles Geschenk zum Einzug. Selbst gezimmert und alles. So glücklich war er, als er damit ankam. Nun steht sie hier und er hatte Recht. Ein einmaliger Blick ins Tal. Ach, sieh mal einer an. Der Pilz da ist mir noch gar nicht so richtig aufgefallen. Sieht ja toll aus. Wie der so aus dem Holz wächst.

Oh Mann, das Auto steht auch noch da. Habe ich gestern ganz vergessen, dass ich es in die Scheune fahre. Scheint das Gewitter aber ganz gut überstanden zu haben.

Ach, so ein herrlicher Tag und ich hatte noch gar keine Gelegenheit, ihn zu genießen. Lecker, so frisches Bergwasser. Gibt doch nichts Besseres. Da am Berg, da spazieren sie schon wieder rum, die Wanderer. Herrje, wer ist das denn? Die sieht ja fertig aus. Hat sich wohl übernommen, die Frau. Ich sage es ja immer. Mit Kind und Kegel in die Berge. Ohne Rücksicht auf Verluste. Was stürmt die denn so auf mich zu? Handy hat sie auch in der Hand. Was will die denn damit? Hier ist eh bestimmt kein Empfang. „Sagen Sie, der Weg da, führt der zu der Hütte hier?“ Also, wo sind wir denn hier. Wedelt mir mit der Karte vor meinem Gesicht rum und denkt, ich bin hier die Auskunft, oder was? „Weiß nicht.“ Bei uns heißt das erst mal ‚Grüß Gott’, bevor man gleich mit der Tür ins Haus fällt. Wie gesagt, glauben alle, wir sind die Bauern vom Berg und latschen über unsere Wiesen und haben nichts im Kopf. „Ist vielleicht eine Frau mit rotem Rucksack und roter Kappe von dort runter gekommen?“ Woher soll ich das denn wissen? Ich ackere seit Sonnenaufgang hier und habe keine Zeit, in die Gegend zu schauen. „Keine Ahnung.“ Interessiert mich auch nicht, wenn ich ehrlich bin. Wenn die zu blöd sind, sich in den Bergen zurecht zu finden, sollen sie daheim bleiben. Außerdem, der Ton macht die Musik, gute Frau.

Was macht sie denn jetzt? Ich glaub, ich kriege die Tür nicht zu. Jetzt macht die den Pilz weg. Die Bank ist doch ewig groß. Sag mal, hat die keine Augen im Kopf? „Den können Sie doch da lassen! Ist doch genug Platz da“. „Ich möchte mich hier aber gern hinsetzen.“ Auf solch blöde Kommentare kann ich echt verzichten. Wie ein Elefant im Porzellanladen. Macht sich breit, keine Manieren und nun wird auch noch der Rucksackinhalt über die Bank verteilt. Prost, Mahlzeit. Also, ich habe genug, ist eh schon spät.

Liebe Leser, vielleicht hat der eine oder andere die hier beschriebene Situation in ähnlicher Weise erlebt und hinterher darüber gegrübelt, was da falsch gelaufen ist. Und genau so erging es auch mir, wenn auch die Geschichte sich nur in Teilen so zugetragen hat und der Rest hinzu gedichtet ist. Sollte aber zufällig jemand den besagten Hofbesitzer kennen oder sich in der Beschreibung wieder erkennen: „Es tut mir leid! Aufrichtig leid, dass ich den Pilz weggemacht habe. Ehrlich!“

Seelenfitness

Karte Nr. 14: “Bewegen Sie sich: Schwingen Sie sich aufs Fahrrad, ziehen Sie ein paar Bahnen im Schwimmbad oder dehnen Sie Ihren Körper bei einer Yogastunde. Wetten, dass Sie sich danach auch seelisch viel fitter fühlen?“

Also, wenn es um Bewegung geht, gehöre ich eher zu den Abhängigen, würde ich sagen, weil ich nicht still sitzen kann. Von daher war dies hier mehr Kür denn Pflicht.

Ich fahre mit dem Fahrrad zur Arbeit. Jeden Tag –außer es schüttet aus Kübeln. Einfach macht das 1,9km. Ist jetzt nicht so viel, summiert sich aber auf ungefähr 76km pro Monat, wenn man von einem 20-Tage-Arbeitspensum ausgeht. Für meine Seele habe ich also diesen Monat noch ein paar extra Kilometer erstrampelt: Erdbeerpflücken, Eisessen, Einkaufen, Gartenausstellung, Fahrt zum See. Alles mit dem Drahtesel. Wobei die Tour von der Gartenausstellung nach Hause mit Abstand die Schönste war. Die Sonne ging schon langsam unter und ich habe einen kleinen Abstecher am Fluss entlang gemacht und bin dabei an jeder Menge Kornfelder vorbei gekommen, die mit leuchtendroten Mohnblumen gesprenkelt waren. Einfach traumhaft, die roten Punkte in den sonnengelben Feldern.

Rad Zweimal in der Woche jogge ich auf dem örtlichen Trimm-Dich-Pfad. Die Übungen mache ich dabei nicht, aber dafür absolviere ich zwei Runden. 4452m insgesamt. Bergauf, bergab. Ach ja, und dabei lästere und quassele ich ausgiebig, was sicherlich als Zusatzübung gerechnet werden kann. Diesen Monat habe ich ein paar extra Runden im Wald gedreht (hauptsächlich, weil mein Laufpartner sich nach Italien verdrückt hat und mich hier bei 30°C Hitze hat sitzen lassen). Es geht doch nichts über einen frühen Start, wenn die Sonne gerade aufgeht und die Erde erwärmt, der Boden noch feucht ist und man die Sonnenstrahlen auf dem Rücken spüren kann.

Jogging

Jede Stufe verlängert das Leben um ein paar Sekunden. So, oder so ähnlich habe ich das mal irgendwo gelesen. Und ich mag Treppen. Ich nutze sie auch, wenn es einen Fahrstuhl gibt und ich nicht gerade in den fünfte Stock oder höher hinauf muss. Zum Glück haben wir in der Arbeit keinen Fahrstuhl. Mein Zuhause verfügt über vier Etagen (ist etwas verwinkelt). Das und die zwei Etagen in der Arbeit sorgen für jede Menge Bewegung. Lustigerweise ist die Anzahl der Stufen der einzelnen Treppenabsätze bei mir unterschiedlich: Acht, sieben und neun. Erst dachte ich, es liegt an dem Hexenhaus, in dem ich wohne und daran, dass die Decken alle unterschiedlich hoch sind (war bestimmt die Abschlussarbeit beim Architekturstudium), aber dann habe ich die Stufen in der Arbeit gezählt und ta da, die waren ebenfalls unterschiedlich. Es gibt vier Treppenabsätze mit elf-neun-elf-neun Stufen. Ich bin echt total verwirrt, warum das so ist (scheint wohl doch eine allgemeine Architektenmasche zu sein und nicht nur Anwärter betreffend). Insofern muss ich unbedingt bei nächster Gelegenheit mal woanders die Stufen zählen, selbst wenn es bedeutet, fünf Stockwerke oder höher zu erklimmen. Spart Energie und sorgt auch für einen knackigen Hintern.

treppauftreppab

Yoga wird allgemein natürlich mehr als Seelensport denn als work-out angesehen, aber mein Yogakurs zählt eher zur Gattung Power-Yoga. Puh, nach eineinviertel Stunden spüre ich jede Faser und jeden Muskel. Wenn ich im Anschluss in der Sauna sitze, würde ich mich am liebsten zu einer Kugel zusammenrollen und einfach liegen bleiben – so fertig bin ich. Ich habe auch schon andere, ruhigere Yogakurse gemacht, musste aber feststellen, dass mein Geist sich dabei nicht so richtig entspannen konnte. Also ist das die bessere Alternative für mich, obwohl ich gern mehr mentale Entspannung machen würde.

Yoga

Das sind so meinen normalen Körper- und Geistbewegungsaktivitäten. Leider hatte ich letzten Monat keine Gelegenheit, meiner Lieblingsseelenfitness Wandern nachzugehen. Die Luft, das Licht, die Stimmung, die Geräusche, die Sicht, die Gerüche – alles erscheint einem wie ein Wunder und ich fühle mich zur richtigen Zeit am richtigen Platz. Wundervoll. Stattdessen bin ich zum Bouldern. Na, ist natürlich kein Vergleich, aber verlangt zumindest ein hohes Maß an Konzentration.

Bouldern

Ach ja, Schwimmen. Schwimmen stand auch auf der Karte. Also, ich habe es wirklich versucht. Ich bin sogar mit dem Fahrrad zum See gefahren. Aber das Wasser war so dermaßen kalt, dass ich es einfach nicht geschafft habe. Als Ausgleich hatte ich mir Ballett ausgesucht, aber dann fand ich die Vorstellung von einer alten Tante wie mir unter den jungen, biegsamen Dingern doch etwas befremdlich und bin statt dessen zum Zumba (lag aber evtl. auch daran, dass zufälligerweise ein entsprechender Flyer in meinem Briefkasten war). Gut, ich also hochmotiviert da hin. Schließlich gehöre ich zu der Aerobicgeneration und tanze auch gern – also, so für mich. Erster Eindruck: Lauter junge, biegsame Dinger. Zweiter Eindruck: Alte Tanten wie ich müssen nicht jeden Modetrend mitmachen. Und im Grunde ist Zumba nur Aerobic mit Popowackelmusik. Und da ich keinerlei südländisches Blut in meinen Adern habe, fehlt mir das sexy Hüftschwunggen.

swimmingZumba

Von daher bleibe ich bei meinen Leisten und quäle mich nicht mit Sachen, die zu Abzügen bei meiner Seelenfitness führen.

Da der Sommer gerade erst richtig in Fahrt kommt, kann eine Powerkarte nicht schaden würde ich sagen. Ja, die ist für mich: Karte Nr. 15: “Machen Sie etwas selbst: Stellen Sie etwas mit eigenen Händen her, das Sie sonst gekauft hätten – eine Glückwunschkarte oder einen Pareo. Und seien Sie hinterher stolz auf Ihr Werk!“ In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

 

Eure Kerstin

Tatort Badezimmer, Tag 13

Manchmal kann ich mich des starken Eindrucks nicht erwehren, dass ich in diversen Urlauben ganz offensichtlich meinen Geschmack zu Hause gelassen haben muss. Anders lassen sich solche Funde nicht wirklich erkl13 Tagären.

Tatort: Bad, Schrank.

Tatbestand: Baby Mini Mouse. Disneyland lässt grüßen. Glücklicherweise diesmal ohne Geräuschkulisse.

Tatortsäuberung: Siehe Tatortsäuberung Tag 12 (Nervige Staubfänger haben ab sofort Hausverbot)