Das neue Reisen, 1. Etappe: Der Kosmos

LeseeckeDas Licht ist grell, je nach Tageszeit, und dann knistern die Fugen von Fenster und Möblierung. Doch heute drückt der Wind an die Scheibe und der Regen prasselt auf den gläsernen Terrassenvorbau. Unaufhörlich. Im Sturm biegen sich die haushohen Bäume in Nachbars Garten und neben dem Rascheln der Blätter knackst und knarrt es in den Zweigen und Ästen. Die Wetterseite macht ihrem Namen alle Ehre.

Je nach Witterung vernimmt man das stetige, irgendwie monotone und doch unregelmäßige Surren der Reifen auf dem Asphalt der nahe gelegenen Bundesstraße, ganz zu schweigen von den aufgemotzten Motoren der Halbstarken, welche die 30er Zone als Abkürzung nehmen. Wobei die urbane Kulisse von überall her wie Sand ins Innere eindringt und sich niederlässt: Hubschrauber auf dem Landeplatz der Feuerwehr inklusive Einsatzwagen mit Martinshörnern aller Art, welche mich aufschrecken und das Gedankenkarussell sich drehen lassen.

Dann die Kirchenglocken, die immerwährende Erinnerung, was die Stunde geschlagen hat, sieben Tage die Woche, vom ersten Angelusläuten bis zur Abendandacht im Viertelstundentakt. Zum Glück, wenn man hier leicht ketzerisch von Glück sprechen kann, wird der Glockenturm seit geraumer Zeit saniert, so dass lediglich Feiertags- und Gottesdienstläuten erschallt, wobei mir letzteres in diesen Zeiten irgendwie sinnlos erscheint. Genauso wie der Gesang des Muezzins vor ein paar Tagen, als Sonne und Muttertag reihum alle aus ihrer Behausung gelockt hatten, nachdem Grünflächen am Vortag noch getrimmt und gemäht worden waren. Noch immer frage ich mich, ob nur jemand aus der benachbarten Siedlung uns alle an seinem Glauben teilhaben lassen wollte, oder ob der Wind tatsächlich diesen aus der entfernten Moschee bis hierher getragen hat und der Klang sich dann in den Häuserschluchten verfing und vervielfältige wie das Echo am Königssee. Vielleicht wollte auch derjenige nur ein bisschen mitmischen bei Grillparty, Spielplatzgetöse, Kaffeegeklapper und Zweiradtouren, motorisiert und muskelbetrieben.

Doch heute herrschen Wochentagsbedingungen, aus den Kellergewölben steigt der durchdringende Ton der Drechselmaschine des Hobbybastlers durch alle Ritzen und Poren nach oben. Gleichzeitig fühle ich mich wie eine Sardine zwischen pubertierendem Mitbewohner und Nachbarskind eingequetscht, das Zimmer, ein schmaler Schlauch zwischen den um Aufmerksamkeit konkurrierenden Parteien. Unvorhersehbar und jederzeit kann das Gewitter der Furie von nebenan losbrechen. Dann mischt sich die Stimme der Mutter unter. Laut, aggressiv und in einer mir fremden Sprache werden die Machtkämpfe ausgetragen. Gepolter und Türenschlagen sind die Folge. Hin und wieder lausche ich, ob und wann der Zeitpunkt zum Eingreifen gegeben sein könnte. Doch dann hämmert der Zocker im eigenen Haushalt mit der Faust auf den inzwischen wackeligen Schreibtisch und stößt ein paar unflätige Kraftausdrücke aus, die mich zusammen zucken lassen, während die Wander- und Reiseführer, gleichermaßen Zukunftsträume und Meilenstein, auf dem Regal über meinem eigenen Schreibpult vibrieren. Manchmal räche ich mich mit der Nähmaschine, die mit Vollgas über die Tischplatte rumpelt, so dass jede Kommunikation im Keim erstickt wird.

Abgesehen davon erscheint das Zimmer still, kein Ticken einer Uhr, kein Ventilator, der den Rechner verrät, kein Summen, das manch moderne Lichtquelle zur allgemeinen Geräuschkulisse hinzusteuert. Das Klicken der Tastatur geht im Rhythmus des eigenen Herzens unter. Das marokkanische Tagesbett hält Siesta und sogar die Schritte auf dem Laminat und das Zurechtrücken des Stuhles scheinen sich selbst Zurückhaltung auferlegt zu haben, so als ob sie meine Gedanken nicht stören wollten, während der Blick umherschweift und über die Bilder und Memorabilien gleitet, die den Raum füllen, ja schon fast erdrücken und mich in eine andere Welt hineinziehen, gleich einer Reise durch mein Leben. Bunt und verteilt über Orte, Länder, Kontinente und die Zeit.

Die erste große Liebe als schemenhaftes Bild verewigt, mit schüchternen Zärtlichkeiten, die Scherben des zertrümmerten Autofensters vom Familienausflug nach Straßburg, der Graffiti-Brocken der Berliner Mauer, das Korallengerippe aus der tosenden Brandung von Hawaii, das Miniaturmodell eines ratternden Oldtimers als Symbol für den ersten Wagen, der ebenso knatterte, von den Eltern mitfinanziert, der Segler in der Glasflasche als Andenken an die Fahrt auf der Ostsee unter vollen Segeln, die Parfümphiole von einem orientalischen, geschäftigen Bazar, der Casinochip aus Las Vegas, vorbei geschmuggelt an den scheppernden, einarmigen Banditen und dem Croupier, der einem ein „rien ne va plus“ hinterherruft, der Geocachingschatz, gehoben neben der Kuhweide, deren Glocken die Südtiroler Bergalmruhe weithin verkündeten.

Gegenüber der Schreibtisch, dunkel gemasert, filigran verschnörkelt, mit Messingbeschlägen zum Öffnen und Schließen der schwergängig atmenden Schublade und in einer wilden Odyssee im offenen Cabrio durch die Hollywood Hills transportiert. Darüber die Magnetwand mit all den Geschichten, die noch als Ideen umhergeistern und mir nun bei jedem Aufblicken vom Bildschirm zuflüstern, sie zu Papier zu bringen.

Die Welt als unendlicher Kosmos im Kleinen, zusammengepfercht auf 11m².

„Lesen stärkt die Seele“ (Voltaire)

…, so möchte man meinen. Und da ich mich, wie schon in „Die rosarote Brille“ und „Sieben auf einen Streich“ erwähnt, seit einiger Zeit einer Überarbeitung der hauseigenen Bibliothek widme, sind im Laufe der vorangegangenen Wochen/Monate so einige Bücher dem Hunger der Leseratte und des Bücherwurms zum Opfer gefallen. Und da ich mit dem Annehmen und Verarbeiten der Krise so meine Schwierigkeiten habe, sind wir drei getreu dem Motto viel hilft viel vorgegangen und haben den zweiten Gang eingelegt. Außerdem ist da ja noch der schöne Satz von Voltaire und als Hommage an all die Gefährten, die nun hoffentlich ein neues Zuhause finden, und zur Stärkung der Seele, hier die Passagen und Sätze, welche ich mir als Erinnerung an die ebenso schöne wie unschöne Zeit behalte:

“I love tunnels. They’re the symbol of hope: sometime it will be bright again. If by chance, it is not night.”
“Humans can’t bear silence. It would mean that they would bear themselves.”
“Then there was a silence he had never experienced before: in it, you could hear the years.” (Night train to Lisbon – Pascal Mercier)

“‘But still […]. No matter how often he bangs his head, no matter how many times he falls over, he goes on walking backwards.’ […] What his uncle doesn’t understand is that in walking backwards, his back to the world, his back to God, he is not grieving. He is objecting. Because when everything cherished by you in life has been taken away, what else is there to do but object?” (The high mountains of Portugal – Yann Martel)

’Let’s start at the beginning […] You phoned me. That is where the discussion started, is it not?’ ‘I disagree. It all started when an image of you intruded itself into my mind much earlier this morning. […] I knew you wanted to talk to me about something, but what it was I couldn’t begin to guess. So I replied to your summons by phoning your number […]’ ‘Ahh,’ said Sinha. ‘Now I understand. So neither of us knows what I want to talk with you about. That does make this conversation rather difficult.’” (The Feng Shui detective – Nury Vittachi)

“This is how it began. I had nowhere I had to be, and he had nowhere he had to be. We had money in our pockets and time on our hands. It was that easy.”
„Another slice from the pie of time I now wish I could put back and do over. Do over, the way little children play games by their own set of rules – rules that include do-over, the second chance. […], and then one day someone says, ‘No, no do-overs,’ and in its place is the void: If only.”
“Sometimes, to do something stupid […] is a far better thing to do than to do nothing at all. […] we should’ve have done something, even something stupid, something that chanced ruining our lives, because to do something stupid, something reckless, something honest, is to be brave, but Henry and I, if we were nothing else, we were cowards, and that was the end of that.” (The scenic route – Binnie Kirshenbaum)

„At the first stoplight I ask the cabbie, ‘What do you think of love?’ […] ‘You know, people think cabdrivers are oracles, that we speak the truth in moments of crisis. We’re not. We drive cabs.’ […] ‘What were you reading before I got in?’ ‘Tolstoy.’ […] ‘I’ve got the one cabbie in all of Baltimore reading dead Russians and refusing to be an oracle.’ ‘Okay, okay,’ he says. ‘Ask me again.’ […] ‘What do you think of love?’ ‘It’s rare.’ ‘What else?’ ‘That’s enough, isn’t it?’ (The future for curious people – Gregory Sherl)

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Die rosarote Brille

img_0631Das Gedächtnis ist ein sehr unzuverlässiger Speicherplatz. Nein, ehrlich. Die Daten an sich mögen ja so ziemlich am sichersten Aufbewahrungsort der Welt sein, denn die Fähigkeit des Gedankenlesens liegt nach wie vor (noch) im Bereich der Utopie. Dass aber der Produzent und Eigentümer selbst oftmals genauso vor verschlossenen Türen steht, erscheint bisweilen recht bizarr und erst recht unbegreiflich.

Keine Erinnerung, die unsere zig Milliarden Nerven nicht in ein neues Gewand kleiden und beim Datenabruf in abgeänderter Version wiedergeben. Es ist in gewisser Weise wahrlich ein Armutszeugnis für den weisen Menschen. Warum das so ist? Das ist inzwischen ganz gut erforscht. Es ist nämlich so, dass unser Gehirn erst einmal jedes Ereignis in verschiedenen Regionen „lagert“. Es geht dabei um Gefühle, Ort und Zeit sowie die Geschichte dazu. Wenn wir uns dann erinnern, fügt unser Gehirn die Einzelteile wieder zusammen und ersetzt schlicht und ergreifend fehlende Puzzleteile durch plausibel erscheinende. Wichtig scheint nur der Kern zu sein. Schon nach einem Jahr entspricht nur noch die Hälfte der Erinnerungen dem tatsächlich Erlebten. An dieser Tatsache ist nun auch nicht viel zu ändern und man ist immer wieder erstaunt, wie unzuverlässig und fehlerhaft die Erinnerungen sind. Meine letzte Erfahrung hat mich dahingehend richtiggehend in Selbstzweifel gestürzt. Und das kam so:

Vor ca. zwanzig Jahren las ich den Roman „Die Säulen der Erde“ von Ken Follett, den sicherlich der eine oder andere kennt. Das Buch hat mich seinerzeit so in seinen Bann gezogen, dass damals nicht viel gefehlt und ich mich auf den Jacobsweg nach Santiago de Compostela gemacht hätte. Zu einer Zeit, als das (Fern)Wandern noch nicht so in und medienwirksam war und lange vor Hape Kerkeling. Hinzufügen muss ich, dass kurz vorher meine Mutter verstorben war, mein damaliger Freund als manisch-depressiv diagnostiziert wurde und ich so ziemlich durch den Wind. In meiner Vorstellung wäre der Pilgerweg eine Möglichkeit gewesen, mit dem Verlust und Schmerz fertig zu werden und einen Weg zu finden, wie es weiter gehen soll. Nun, letzten Ende hat mir der Mut gefehlt, der materielle wohlgemerkt. Meine Bedenken, was dann mit meiner Arbeit, mit meinem bisschen Hab und Gut werden würde, waren zu übermächtig, was mir heutzutage einfach nur kindisch, naiv, ja sogar lächerlich vorkommt. So habe ich das Vorhaben erst mal in die unbestimmte Zukunft verschoben und letztendlich aufgrund der touristischen Massen und Medien ganz aufgeben. Und, klar, ich habe es immer bereut.

Zurück zum Thema: Im Rahmen meines Projektes „Sieben auf einen Streich“ ist mir besagter Roman und seine nachhallende Wirkung wieder eingefallen und ich habe mir den Schinken erneut zu Gemüte geführt. Auch irgendwie in der Hoffnung, die damaligen Gedankengänge nachvollziehen zu können. Tja, und jetzt kommst: Der Part, bei dem es um den Weg nach Santiago de Compostela geht, umfasst gerade mal so 50 Seiten. Von 1151 Gesamtseiten. In der Taschenbuchausgabe. Und man muss auch schon an die 800 Seiten weit lesen, um überhaupt erst an diesen Punkt zu gelangen. Und es geht auch irgendwie so gar nicht um den Jacobsweg und das Pilgern, sondern dieser ist nur ein Weg, dem Held und Heldin (also zwei aus der Reihe an Protagonisten) folgen. Nicht mal das Zueinanderfinden der beiden passiert auf dem Weg selbst.

Wie konnte mir mein Gedächtnis nur so einen Streich spielen? Meine jahre-, ach was jahrzehntelange Obsession ist ein Nebenschauplatz und hätte meiner heutigen Ansicht nach fast überall stattfinden können. Ich bin gerne bereit, Nachsicht walten zu lassen und mir einzugestehen, dass meine Nerven seinerzeit recht angespannt waren und vielleicht das eine oder andere zu meinem Schutz in der Erinnerung umgeschrieben haben. Ähnlich wie bei einem Trauma. Aber dass mir gleich so eklatant eine rosarote Brille aufgesetzt wird, lässt mich ziemlich verdattert aus dieser schauen. Was mag mein Hirn sich sonst noch so zusammen gereimt haben? Wenn ich es hochrechne, dann dürften nicht mal fünf Prozent meiner Erinnerung wahr sein. Es ist erschütternd, sich einzugestehen, dass es nichts Unzuverlässigeres zu geben scheint als die eigenen Erinnerungen. Doch wozu dann diese überhaupt speichern? Die Antwort der Forscher ist ganz einfach: Für die Zukunft. Denn beides, Erinnerung und Zukunft, werden von ein und demselben Areal aus gesteuert. Es zeigt sich, dass die Gedanken an morgen nur funktionieren, wenn wir über so etwas wie Vergangenheit verfügen und beides in Relation setzen. Auch eine Erklärung dafür, warum Kinder so vertieft im Hier und Jetzt sind, während wir großen Kinder uns mit jeder Entscheidung so schwertun und ständig von dem, was kommt/kommen könnte eingebremst zu sein scheinen? Mag sein. Eine Zukunft frei von jeglicher Erfahrung gestalten zu können, wäre sicherlich unbeschwert und gleichzeitig undenkbar.

Die rosarote Brille färbt also nicht nur die Erinnerung, sondern ist auch ein verschwommener Blick nach vorn. Von daher werde ich nun beim Anblick meiner hauseigenen Bibliothek nicht nur mehr in Erinnerungen schwelgen, sondern die vorhandenen Werke einer neuerlichen Prüfung unterziehen. Eine Bestandsaufnahme, ob diese der Gegenwart gerecht werden. Somit pilgere ich quasi literarisch, denn die Idee des Jacobsweges ist nach wie vor von der Wunsch-/todo-Liste gestrichen. Manchmal tut es nämlich auch erstaunlich gut, nicht jedem unerfüllten Traum hinterher zu trauern.

auf halber Strecke – Episode 4

PendelzugNeulich auf halber Strecke, da treffe ich einen ehemaligen Klassenkameraden. Er selbst ist erst seit diesem Tag Pendler, hat eine neue Stelle in der Innenstadt. „Willkommen im Club“, beglückwünsche ich ihn, wobei mein Unterton sicherlich verrät, dass es sich beim Club der Pendler eher um einen Verein leidgeprüfter Steuerzahler der Mittelklasse, die das Rückgrat unseres Sozialstaates bildet und diesen am Laufen hält, handelt.

Eine Weile reden wir über die Vorzüge und Nachteile des öffentlichen Nahverkehrs. „Ja, da wo ich einsteige kriege ich selten noch einen Sitzplatz. Ist aber nicht so tragisch. Nach all der Zeit, die man sitzend am Schreibtisch verbringt.“ So, als ehemalige Klassenkameraden schleppt sich die Unterhaltung, ähnlich stockend der Zugfahrt zur Hauptberufszeit, dahin. Vor gefühlten Ewigkeiten waren wir so gesehen ja schon einmal Leidensgenossen, pubertierend und im jugendlich-aufbegehrenden Geiste vereint gegen das Spießertum der Elterngeneration und den unfähigen, in ihren Lehrmethoden eingefahrenden Lehrern. Jetzt, dreißig Jahre später, hat uns die Gesellschaft geformt, geprägt und auf unsere Plätze verwiesen. Und doch ist ein Funke des Aufbegehrens geblieben: „Wir wohnen jetzt da, wo es uns gefällt und nicht da, wo die Arbeit ist. Lieber pendele ich.“ Ja, das klingt gut. Ich hatte auch mal einen Freund, der diese Einstellung vertreten hat. Das Ende war, dass er wirklich traumhaft gewohnt hat, aber von Arbeit weit und breit keine Rede war. Irgendwann muss er dann umgezogen sein, dahin, wo Arbeit ist.

„Was machen die Kinder?“, will ich wissen, um die drohende Stille trotz übervoller S-Bahn abzuwenden. „Ich komme gerade von der Tochter. Die wohnt in der Innenstadt.“ Ah, da wo die Arbeit ist. Junge Leute sehen das anders. So war ich auch mal. Nun „zwinge“ ich den Nachwuchs, in einem Vorort der Großstadt zu leben. So lange, bis auch er sich in Richtung eigenständigem Leben in Richtung Lichterglanz und Nachtleben davon machen wird. „Der Sohn ist gerade auf Weltreise. Findungsphase, bis er weiß, was er machen will.“ Beide Kinder aus dem Haus. Schön, denke ich. Ein Leben so ganz ohne Erziehungspflichten.

„Warst Du eigentlich auf dem Klassentreffen im Sommer?“ Ich stocke. Er erinnert sich tatsächlich nicht an mich. Nicht wirklich. Ein nichtssagendes Gesicht in der Menge der Ehemaligen. „Doch, doch, ich war da“, und bin fast versucht hinzufügen, dass ich die auf dem obligatorischen Foto war, deren halbe Brust aus der Bluse fällt. Vielleicht erhöht das meinen Wiedererkennung- und Wiedererinnerungswert beim nächsten Mal. Sei es auf dem Klassentreffen oder im Zug. Und gleichzeitig hoffe ich, dass der ehemalige Klassenkamerad zukünftig zu anderen Zeiten pendelt. Wobei ich auch die Hoffnung hege, dass ich vielleicht einmal dort wohne und arbeite, wo es mir gefällt. Dann könnte ich sagen, ich lebe.

Genug für heute. Die Türen schließen. Und ich bin wie immer mittendrin und voll dabei.

 

Sieben auf einen Streich – Das Resümee

Made with Repix (http://repix.it)

So, das war’s mit meinen glorreichen Sieben. Natürlich gibt es noch unzählige andere Favoriten in meinem Fundus, die es mir hoffentlich nachsehen, dass sie hier nicht geehrt wurden, dafür aber in meiner hauseigenen Bibliothek einen festen Platz haben.

Folgt noch so etwas wie eine Bestandsaufnahme. Und damit sich der Kreis dann auch wieder irgendwie schließt, kommen die Textpassagen aus Buch Nummer eins „Momo“ von Michael Ende.

Im Rückblick muss ich feststellen, dass es in allen Büchern um die Zeit geht, beziehungsweise um das zur-rechten-Zeit-am-richtigen-Ort-Sein. Heißt das nun für mich, dass ich ebenso auf der Suche nach der Zeit und/oder dem Ort bin? Am Ende noch immer ein Zeitreisender bin?

„‘Dies‘, sagte Meister Hora, ‚ist einen Sternstunden-Uhr. Sie zeigt zuverlässig die seltenen Sternstunden […]‘ ‚Was ist denn eine Sternstunde?‘, fragte Momo. ‚Nun, es gibt manchmal im Lauf der Welt besondere Augenblicke, […] wo es sich ergibt, daß alle Dinge und Wesen, bis zu den fernsten Sternen hinauf, in ganz einmaliger Weise zusammenwirken, so daß etwas geschehen kann, was weder vorher noch nachher je möglich wäre. Leider verstehen die Menschen sich im allgemeinen nicht darauf, sie zu nützen, und so gehen die Sternstunden oft unbemerkt vorüber. Aber wenn es jemand gibt, der sie erkennt, dann geschehen große Dinge auf der Welt.‘“

Auffällig auch, dass (fast) alle Lieblingsbücher älteren Datums sind, obwohl ich mit zunehmendem Alter inzwischen deutlich mehr lese. Heißt das nun wieder, ich lese heute oberflächlicher, so dass weniger Werke einen bleibenden Eindruck hinterlassen? Oder gehen die Geschichten von heute generell weniger unter die Haut?

„‘Und deshalb will ich dir ein Geheimnis anvertrauen: Hier aus dem Nirgend-Haus in der Niemals-Gasse kommt die Zeit aller Menschen.‘ ‚[…] machst du sie selbst?‘ […] ‚Nein, mein Kind, ich bin nur der Verwalter. Meine Pflicht ist es, jedem Menschen die Zeit zuzuteilen, die ihm bestimmt ist.‘ ‚Könntest du es dann nicht ganz einfach so einrichten, […] daß die Zeit-Diebe den Menschen keine Zeit mehr stehlen können?‘ ‚Nein, das kann ich nicht, […] denn was die Menschen mit ihrer Zeit machen, darüber müssen sie selbst bestimmen. Sie müssen sie auch selbst verteidigen.‘“

Im Grunde ist es allerdings aber auch wiederum so, dass Lieblingsbücher immer auch eine Momentaufnahme sind. Und ich habe in vielen Lebensphasen immer wiederholt andere Werke zu meinen Favoriten erklärt. Und hier möchte ich dann noch ein Zitat aus meiner aktuellen Lektüre „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Noah Harari anbringen:

„Jeder Moment der Geschichte ist ein Scheideweg. Eine einzige Straße führt von der Vergangenheit in die Gegenwart, doch in die Zukunft führt eine unendliche Vielzahl von möglichen Wegen. Einige sind breiter und besser ausgeschildert als anderes, weshalb wir sie mit größerer Wahrscheinlichkeit einschlagen, aber oft nimmt die Geschichte völlig unvorhersehbare Wendungen.“

In diesem Sinne. Vorhang zu für meine Sieben. Und alle auf einen Streich wieder zurück ins Bücherregal.

 

P.S.: Danke nochmals, liebe Ines, für den Staffelstab, den ich gern im Kreis meiner Leser weiterreiche. Vielleicht hat ja Sarah („NurMitMir“)oder Alice von („Make a Choice Alice“), beide, wenn ich das so richtig interpretiere, ebenfalls begeisterte Vielleser, Lust, die nächste Runde einzuläuten. Es dürfen natürlich auch beide oder alle, die Lust und Laune haben, ihre eigene Reihe der Sieben starten.

Sieben auf einen Streich – „Momo“ von Michael Ende

Made with Repix (http://repix.it)

Als ich in der fünften oder sechsten Klasse war, musste jeder sein Lieblingsbuch vorstellen und meine Klassenkameradin Maren hatte damals „Momo“ von Michael Ende dabei. Maren war keine meiner Freundinnen und irgendwie anders: Sie hatte leicht rote Haare, unzählige Sommersprossen in einem runden Mondgesicht und eine verkrüppelte Hand, eigentliche eher einen verkrüppelten kleinen Finger, der nur aus einem Glied bestand. Es erschreckt mich, dass ich nicht mehr sagen kann, an welcher Hand und auch, dass ich bis heute keine Ahnung habe, ob die Missbildung Folge eines Unfalls oder angeboren war.

Jedenfalls, irgendwie passte das Buch. Es war ebenfalls anders. Anders als alle Bücher, die ich bis dahin kannte und anders als alle anderen Buchvorstellungen. Zumindest kann ich heute weder das von mir präsentierte Buch noch eines meiner anderen Mitschüler noch nennen. Aber „Momo“ blieb. Es war eines der ersten Bücher, welches ich förmlich verschlungen habe. Und in der Folge war kein Werk von Michael Ende vor mir sicher. So gesehen, war dies der Grundstein meiner Leseliebe für phantastische Literatur.

Ja, meine Leidenschaft für den Autor ging sogar so weit, dass ich ihn zum Thema meiner Abiturfacharbeit, für die ich ein „gut“ erhielt und die dann im Schillerarchiv in Marbach archiviert wurde, gemacht habe. Den Briefwechsel zwischen Michael Ende und mir von damals besitze ich noch immer. Ebenso alle seine Veröffentlichungen.

Nun, „Momo“ dürfte so ungefähr jedem bekannt sein, weswegen ich hier auf eine Inhaltsangabe verzichte. Aber es ist zutiefst erschreckend, wie aktuell das Thema ist: „Man hat eines Tages keine Lust mehr, irgend etwas zu tun. Nichts interessiert einen, man ödet sich. Aber diese Unlust verschwindet nicht wieder, sondern sie bleibt und nimmt langsam immer mehr zu. […] Man fühlt sich immer mißmutiger, immer leerer im Inneren, immer unzufriedener mit sich und der Welt. […] Man wird sich ganz gleichgültig und grau, die ganze Welt kommt einem fremd vor und einen nichts mehr an. Es gibt keinen Zorn mehr und keine Begeisterung, man kann sich nicht mehr freuen und nicht mehr trauern, man verlernt das Lachen und das Weinen. Dann ist es kalt geworden in einem und man kann nichts und niemanden mehr lieb haben […] Man hastet mit leerem, grauen Gesicht umher…“

Ich frage mich, wie Michael Ende sich wohl geäußert hätte, wenn er sehen könnte, dass die Ausmaße noch viel gravierender sind als er diese vor bald fünfzig Jahren beschrieben hat. So gesehen, ist es beinahe eher ein Buch für Erwachsene, die Kinder von damals. Sicherlich hat niemand den Wunsch, in dieser von ihm dargestellten, kindlichen Idylle zu eben, zumindest im Ansatz aber den Wunsch nach einem frei bestimmten Leben, in dem das Wichtigste das Menschsein ist.  „Momo“ lässt Raum für Hoffnung, mein absoluter Favorit.

Ja, richtig gelesen: Und auch wenn Nominierungen normalerweise rückwärts vonstattengehen, so musste ich in dem Fall einfach mit Platz eins anfangen. Zum einen, da ich die Bücher in der Lesereihenfolge auflisten wollte und zum anderen, da sich für mich auf „Momo“ irgendwie alles aufbaut. Also dann, bis morgen.

Am Ende des Regenbogens…

Am Ende des Regenbogens befindet sich ein Schatz. Das Leben ist dieser Schatz, den man teilen kann. Man sollte ihn wertschätzen in dieser hektischen Zeit und innehalten.

Und wenn jemand dieses Leben verlässt, dann ist plötzlich die Zeit dahin und wir alle müssen uns dann vor uns stellen und fragen, ob wir diesen Schatz zur Genüge wertgeschätzt haben.

Der Redner zitiert Augustinus, der einmal sagte: „Nur weil man jemanden nicht sehen kann, heißt es nicht, dass er nicht da ist. Man kann ihm immer noch einen Brief schreiben.“

Du warst ein guter Mensch. Was kann man mehr sagen über jemanden, der einen schmerzlichen Verlust im Leben von so vielen hinterlässt. Wenn die Erinnerung einem ein Lächeln auf das Gesicht zaubert, wurde man geliebt.

Dabei ist meine Rolle nur die einer Anwesenden, die man pflichtbewusst duldet. Als Mutter des Enkelkindes, als Exschwiegertochter. Und doch waren wir verbunden, da wir am gleichen Tag Geburtstag feierten. Eine Bürde, die ich nun zu tragen habe, denn an jedem meiner Geburtstage wird auch Deine Abwesenheit deutlich. Haben wir uns früher gegenseitig das Ständchen gesungen, so wird es nun in Deinem Namen vorgetragen, begleitet von Melancholie und Wehmut.

Dein Abschied war kein plötzlicher. Wir alle wussten, dass es nur einen Aufschub geben kann. Allein dessen Dauer und Anzahl waren unbekannte Faktoren. Ist es vermessen, zu denken, dass Dein Festhalten am Leben daher umso verstörender war? Es war nicht der friedvolle Abgang, den wir uns alle für Dich und uns und letzten Endes sich jeder wünscht. Ist es vermessen, zu denken, dass Dich die Bilder meiner letzten Wanderung haben noch träumen lassen? Ist es vermessen zu denken, dass die Hand Deines Enkels in Deiner Dir einen weiteren Aufschub gewährt hat? Es war ein Ende ohne Ende.

Und das mag dann auch die, mal abgesehen vom ehemals gemeinsam gefeierten Geburtstag, Verbindung sein, auf der unsere gegenseitige Verbundenheit basierte: Dieses Wissen um den Schatz des Lebens, den man immerzu annimmt, aber nahezu nie innehält. Immer in dem Glauben, das Ende es Regenbogens wäre nie erreichbar, wo doch nur ein einziger Wimpernschlag genügt und er nicht mehr am Firmament zu sehen ist. So wandeln wir leicht und freigiebig durchs Leben, bereit alles zu geben für jeden, der ein Ohr, eine Hand und ein Herz braucht und vertrösten unsere Träume auf morgen.

Ich wünsche Dir, dass dort, wo auch immer Du nun sein mögest, nicht nur ein , sondern Dein Regenbogen auf Dich wartet.

Danke, dass ich eine Zeit lang an Deinem Leben teilhaben durfte.

Allen anderen möchte ich die Worte von Robert Frost mit auf den Weg geben: „Alles, was ich über das Leben gelernt habe, kann ich in drei Worte fassen: Es geht weiter.“

Opa

 

Die Tasche

Kurzurlaub in der Therme. Ich habe meine orange Reisetasche gepackt, die ich seit fast dreißig Jahren besitze. Damals hatte ich sie immer dabei, wenn ich meinen Freund übers Wochenende besuchte. Oft bin ich mit dem Nachtzug gefahren und dann morgens mit meiner kleinen leuchtenden Tasche am Bahnsteig gestanden. Ich fühlte mich jung und frei und mondän.

Tasche

Jetzt, fast dreißig Jahre später, trage ich die Tasche über den Bahnhofsplatz und ertappe mich dabei, dass ich mich wie damals fühle. Und dann stelle ich noch fest, dass ich neben der Reisetasche auch meine Handtasche von damals dabeihabe. Ein Designermodel, welches ich in einer kleinen Boutique am Marktplatz für sündhafte teure DM 250 erstanden habe. Eine horrende Summe für mich und meine damaligen Verhältnisse. Aber wie gesagt, ich war jung und frei und mondän.

Ein Kind saust mit seinem Bobbycar laut scheppernd über den Gehsteig, der Vater in wilder Verfolgungsjagd hinterher. Ich lächle verständnisvoll, als der Kleine vor meinen Füßen ein riskantes Wendemanöver vollzieht. Der Vater schaut mich an. Ja, klar, ich bin jung und frei und kinderlos… halt, das war in einem anderen Leben, in einer anderen Zeit, einer anderen Stadt. Die Tasche spielt mir einen Streich.

Im Gegensatz zu mir, ist die Tasche die Gleiche geblieben. Keine Narben, keine Risse, drei Jahrzehnte scheinen spurlos an ihr vorüber gegangen zu sein, was ich von mir nicht behaupten kann. Es ächzt und knackt im Gebälk, mein Körper signalisiert Ermüdungs- und Abnutzungserscheinungen. Wie doch die Zeit vergeht.

Gerade und immer mal wieder gibt es diesen Trend, den Gang der Zeit festzuhalten. Dann wird in sozialen Netzwerken als Profilbild ein Bild von sich im Alter von ca. zwanzig Jahren eingestellt, was irgendwie nur für Leute weit jenseits der Zwanzig wirklich Sinn macht. Das führt zu viel Gelächter, was Frisuren und Kleidung der jeweiligen Epoche betrifft. Ein bisschen trauert man dem faltenlosen Gesicht, den Haaren ohne Graustich nach. Doch wenn man dann einmal hinter die Fassade blickt, entdeckt man all diese jungen, freien und manchmal auch mondänen Menschen, die so viel vom Leben erwarten und vor Lebensfreude und Zuversicht nur so strahlen. Und das alles ganz ohne eine entsprechende App.

Und heute? Die wenigsten zeigen sich. Schon gar nicht im Portraitmodus. Als Profilbild müssen Kind(er), Haustier, Landschaft, Sprüche etc. herhalten. Symbole der eigenen Identität. Dabei sagen unsere Gesichter doch so viel mehr. Die Zeichen der Zeit sind auch Zeugen des Lebens, das um uns herum und mit uns mittendrin stattfindet.

Oder verstecken wir uns nur alle hinter einem Wunschbild? Dem jungen und freien und mondänen Traum vom ich? Wo nur verliert man dieses innere Leuchten? Ist das Leben wirklich so zermürbend, dass es der Seele gar keine Chance gibt, nicht verhärmt zu werden? Sind die Hürden so hoch, dass es nicht ausbleibt, dass man hart wird?

All das geht mir durch den Kopf, während ich mit meiner kleinen orangen Reisetasche über den Bahnsteig laufe. Der Sound des Sportwagens zieht so manchen Blick auf sich, als ich einsteige. Mein Freund klappt das Dach runter, im Radio läuft „Here comes the sun“ von den Beatles und der Wind fährt durch mein Haar. Das Bergpanorama, welches sich vom Pool der Therme vor mir entfaltet, ist atemberaubend. Mehr jung und frei und mondän geht nicht.

 

Eure Kerstin

aufgetankt und losgelassen – die Freizeitfrage

Neben Büchern mein Nummer eins Luxusgut. Denn die Zeit, die wir haben, kommt nicht mehr zurück. Es gibt immer nur das Hier und Jetzt. Doppeltes Glück, da ich einen Partner an meiner Seite habe, der dahingehend genauso tickt.

Dass Erlebnisse auf der Glücksskala ganz weit oben stehen, ist sicherlich jedem klar. Und das absolut Fantastische an ihnen ist, dass es ist im Rückblick auch völlig egal ist, ob diese im Moment des Geschehens positiv oder sogar so richtig mies negativ sind. Irgendwann wird aus dem Campingtrip, bei dem das Zelt erst von Krabbeltieren befallen und dann unter Wasser stand, eine Geschichte, über die man lacht und die man gerne weitererzählt. Mehrmals im Laufe seines Lebens. Mit ein paar Schuhen, die ein absoluter Fehlkauf waren, passiert so etwas nicht.

Jedes Erleben bereichert und prägt, während der Besitz materieller Dinge die Freiheit raubt, uns einengt und sogar zu vermehrtem Stress führen kann. Nachzulesen bei James Wallmann „Stuffocation“. Darin schreibt er so treffend: „Erinnerungen leben länger als Träume.“ Ganz besonders gilt das bei Träumen nach materiellen Dingen. Und Robert Wringham („Ich bin raus“) ergänzt diese Aussage noch: „Der Mensch ist nicht die Summe der Dinge, die er besitzt.“

2017 hat Freizeit im Sinne von draußen sein für mich einen ungleich höheren Stellenwert als die Jahre zuvor, denn in meinem Rauhnächteorakel war und ist genau das meine Aufgabe für dieses Jahr – die Natur draußen genießen. Wer meine Reihe „Was von den Rauhnächten übrigbleibt“ mitverfolgt, der mag den Eindruck haben, dass ich immerzu wie wild von einem Gipfel zum anderen stürme. Es gibt aber auch die wirklichen Naherholungsoasen. Wie ein Spaziergang durch die Stadt. Oder mit einer Decke zur nächsten Wiese ziehen und die Hasen am Waldrand beobachten. Oder eine Matratze in den Garten legen und den Wolken einen Namen geben. Wobei der Garten, gilt für Terrasse und Balkon gleichermaßen, an sich ja schon die Auszeit garantiert.

Es sind also meist die kleinen Dinge, die glücklich machen. Das spontane Kaffeetrinken mit der Freundin genauso wie Spieleabend mit dem Nachwuchs, wenn ich mal wieder eine Glückssträhne habe und der Gegenspieler es nicht glauben kann. Herrlich, natürlich auch, wenn das Blatt sich gegen mich wendet. Wie heißt es doch so schön: Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Gerade, wenn die Gedanken an morgen und die Zukunft von Verunsicherung geprägt sind, ist es wichtig, sich auf den Moment zu besinnen. Die Seele baumeln lassen, runterkommen und ankommen. Das klappt gegenüber letztem Jahr schon viel besser und viel öfter. Auch wenn ich mir das auf die Fahne beziehungsweise den Rauhnächtewunschzettel schreiben musste, damit es regelmäßig an die Gedankenoberfläche gespült wird.

Insofern ist für mich jeder ausgegebene Cent bare Münze und es reut mich kein bisschen, dass die Kosten für meine freie Zeit, die mir gehört, seit Januar (inkl. Urlaub) um beinahe fünfzig Prozent gestiegen sind. Sie liegen damit in etwa auf einer Höhe mit den Lebenshaltungskosten an dritter Stelle meiner Ausgaben.

Schon mal von dem Buch/Film „Brewster’s Millions“ gehört? Darin muss der Held (das Buch stammt im Übrigen aus dem Jahre 1902!)) eine Millionen Dollar binnen eines Jahres ausgehen, um das ihm vermachte Vermögen zu erben. Und zwar so, dass er am Ende physisch nichts vorzuweisen hat. Na, klingelst? Yep, genau. Ich habe natürlich keine Millionen und das mit dem Erben habe ich gründlich vermasselt – anderes Thema. Aber, wenn mich das Leben genauso viel kostet wie das Erleben, dann würde ich sagen, alles richtig gemacht und der Jackpot gehört mir.

Was sich in dem einen Jahr noch so getan hat, darum geht es beim nächsten Mal. Also, dann action!

Eure Kerstin

P.S.: Noch ein Wort zu oben erwähnten Buch „Brewster’s Millions“: Interessanterweise wurden in den 1920ern in den USA wesentlich mehr Güter produziert als verkauft. Der Markt war gesättigt. Dies führte zu der Diskussion, weniger produzieren und dafür mehr Freizeit, oder den Verbrauch sprich Verkauf ankurbeln. Das Ergebnis kennen wir alle. Die Hand dafür ins Feuer legen, dass heute die Entscheidung eine andere wäre, würde ich allerdings nicht. 

Das Sechszehntagetagebuch – Teil 2

Teil 1 gibt es hier und die Vorgeschichte hier.

Sonntag, Tag acht
Heute weiß ich eigentlich gar nicht, was das Beste war, denn der ganze Tag war einer voller Highlights. Vor ein paar Wochen bin ich auf dem Wendelstein gewesen und habe mit einem Freund „Wer bin ich gespielt“, wobei er auf die Zugspitze tippte. Tja, und irgendwie ist das hängen geblieben. Warum eigentlich nicht auf die Zugspitze? Tja, und eigentlich macht man so eine Tour ja nicht unbedingt im Winter, außer man ist eben so wie ich. Tja, und dann kam noch der perfekte Sonnentag hinzu.
Hier die Rangliste der Top drei:
Platz 3: Auf dem Weg rund um die Ehrwalder Alm waren unzählige Schneekanonen im Einsatz. Das war absolut surreal und ich kam mir vor wie in einem Science Fiktion Film als ich durch diese Landschaft aus künstlichen Schneefall und sich auftürmenden Schneebergen gelaufen bin.
Platz 2: Die perfekte Stille, der strahlendblaue und klare Himmel, der gleißende Sonnenschein auf der Schneedecke, keine einzige Menschenseele. Ganze 7,5 Stunden lang.
Platz 1 (Szene an der Bergstation): „Eine Talfahrt bitte.“ Leicht ungläubiger Blick: „Wie san Sie jetzt da rauf kemma?“ Lächeln: „Zu Fuß.“ Verdutzter Blick und Musterung von oben bis unten: „Ja, sauba.“ Priceless!

Zugspitze

Montag, Tag neun
Offene Fenster haben auch was Gutes. Man kann seine Sorgen und seinen Ärger einfach abstreifen und vor sich auf einen großen Haufen abschütteln. Dann öffnet man ein Fenster und wirft den gesamten Ballast einfach raus. „Was würdest Du tun, wenn Du keine Ängste hättest?“ Eine sehr gute Frage meiner Yogalehrerin. Wobei das Wort Angst ein Überbegriff für alles ist, was nicht Liebe ist. Wut, Trauer, Hass, Ärger, Sorgen, Verzweiflung. Von was und welchen Zwängen werden wir geleitet und lassen und einengen? Und warum lassen wir es zu? Das Beste war das Fallenlassen und von den „Guten Mächten“ aufgefangen zu werden.

Dienstag, Tag zehn
Die Ruhe, die irgendwann am Abend im Haus einkehrt, war das Beste. Wenn der eine Nachbar seinen Hobbykeller verlässt, die Haushaltsgerätschaften der anderen Nachbarn still sind und der eigene Nachwuchs endlich aufhört, sich stundenlang mit seinen Freunden über die besten Strategien beim Computerspiel lautstark zu unterhalten. Dazu ein Buch und heißen Tee. Eigentlich ist es gar nicht so schwierig, Entspannung zu finden und diese zu genießen.

Mittwoch, Tag elf
Das Beste heute: Der Sex. Eigentlich die Frauengespräche über Sex bzw. Männer an sich. Das Gekichere, das Gelächter, das Gegackere. So albern wie mit 14, dafür aber so unverblümt wie mit 44+.

Donnerstag, Tag zwölf
Das Beste wäre gewesen, wenn ich eine Schulter zum Anlehnen gehabt hätte. Ein schrecklicher Tag, an dem ich mal wieder diejenige war, bei der alles abgeladen wird. Mir kann man ja sämtliche Sorgen und Ärgernisse zumuten. Ich weiß immer zu helfen und immer einen Weg und immer einen guten Rat. Und so schaue ich aus dem Fenster und betrachte das Glitzern der Sonnenstrahlen auf dem Reif, der sich über die Landschaft legt. Augen schließen und sich ganz weit weg träumen.

Freitag, Tag dreizehn
In Erinnerungen schwelgen. „Maybe, there’s a world where we don’t have to run..“

Samstag, Tag vierzehn
Das Beste waren die Donuts, die auf dem Rückweg aus der Stadt mitgenommen habe. Nach einem leicht anstrengenden Tag in der Münchner Innenstadt genau das richtige Seelenessen.

Donuts

Unmengen an Menschenmassen, voller Hetze und ohne Achtsamkeit und Rücksicht. Paare, die sich nichts zu sagen haben, welch Elend. Ich frage mich immer gern, warum es so kommt. Das ist doch meist so. Schweigen können lässt sich nur bei jemandem, dem man vertraut. Aber diese offensichtlich fehlende Anteilnahme hat doch mit Vertrauen nichts zu tun.

Sonntag, Tag fünfzehn

Noch knappe zwei Wochen bis Weihnachten. Insofern ist wohl das Beste heute, dass ich mittlerweile alle Geschenke habe. Im Groben weiß ich auch schon, was es zu Essen geben wird. Am liebsten wäre es mir, es wäre einfach der zweite oder dritte Januar und gut ist. Weihnachten und das ganze Drumherum trägt mittlerweile nur dazu bei, meine ohnehin angespannten Nerven nur noch weiter zu ruinieren.
Aber eigentlich war das Beste, dass die private Krise bei meiner Freundin anscheinend endlich eine Wendung zum Besseren nimmt. Endlich einmal gute Nachrichten. Seit Monaten belastet mich ihr Unglück, weil ich nicht weiß, wie ich ihr helfen soll. Mittlerweile so sehr, dass ich ihr meine Sorgen und Nöte gar nicht mehr aufhalsen will. Als Folge schnürt sich mir die Kehle zu. Ich habe ständig das Gefühl, nicht genug Luft zum Atmen zu haben und der Appetit ist mir grundlegend vergangen. Keine gute Kombination. Mal sehen, ob Weihnachten wenigstes zum Zunehmen taugt.

Montag, Tag sechszehn
Das Beste ist, dass diese elendigen sechszehn Tage vorbei sind. Nicht mehr darüber nachdenken müssen, was an dem Tag gut war. Von daher funktioniert diese Art von Therapie überhaupt nicht. Und das werde ich dem jungen Mann und Auftraggeber teuer bezahlen lassen. Der wird sich hüten, nochmals so eine Bestellung aufzugeben.

Ende
Eure Kerstin