Die Tasche

Kurzurlaub in der Therme. Ich habe meine orange Reisetasche gepackt, die ich seit fast dreißig Jahren besitze. Damals hatte ich sie immer dabei, wenn ich meinen Freund übers Wochenende besuchte. Oft bin ich mit dem Nachtzug gefahren und dann morgens mit meiner kleinen leuchtenden Tasche am Bahnsteig gestanden. Ich fühlte mich jung und frei und mondän.

Tasche

Jetzt, fast dreißig Jahre später, trage ich die Tasche über den Bahnhofsplatz und ertappe mich dabei, dass ich mich wie damals fühle. Und dann stelle ich noch fest, dass ich neben der Reisetasche auch meine Handtasche von damals dabeihabe. Ein Designermodel, welches ich in einer kleinen Boutique am Marktplatz für sündhafte teure DM 250 erstanden habe. Eine horrende Summe für mich und meine damaligen Verhältnisse. Aber wie gesagt, ich war jung und frei und mondän.

Ein Kind saust mit seinem Bobbycar laut scheppernd über den Gehsteig, der Vater in wilder Verfolgungsjagd hinterher. Ich lächle verständnisvoll, als der Kleine vor meinen Füßen ein riskantes Wendemanöver vollzieht. Der Vater schaut mich an. Ja, klar, ich bin jung und frei und kinderlos… halt, das war in einem anderen Leben, in einer anderen Zeit, einer anderen Stadt. Die Tasche spielt mir einen Streich.

Im Gegensatz zu mir, ist die Tasche die Gleiche geblieben. Keine Narben, keine Risse, drei Jahrzehnte scheinen spurlos an ihr vorüber gegangen zu sein, was ich von mir nicht behaupten kann. Es ächzt und knackt im Gebälk, mein Körper signalisiert Ermüdungs- und Abnutzungserscheinungen. Wie doch die Zeit vergeht.

Gerade und immer mal wieder gibt es diesen Trend, den Gang der Zeit festzuhalten. Dann wird in sozialen Netzwerken als Profilbild ein Bild von sich im Alter von ca. zwanzig Jahren eingestellt, was irgendwie nur für Leute weit jenseits der Zwanzig wirklich Sinn macht. Das führt zu viel Gelächter, was Frisuren und Kleidung der jeweiligen Epoche betrifft. Ein bisschen trauert man dem faltenlosen Gesicht, den Haaren ohne Graustich nach. Doch wenn man dann einmal hinter die Fassade blickt, entdeckt man all diese jungen, freien und manchmal auch mondänen Menschen, die so viel vom Leben erwarten und vor Lebensfreude und Zuversicht nur so strahlen. Und das alles ganz ohne eine entsprechende App.

Und heute? Die wenigsten zeigen sich. Schon gar nicht im Portraitmodus. Als Profilbild müssen Kind(er), Haustier, Landschaft, Sprüche etc. herhalten. Symbole der eigenen Identität. Dabei sagen unsere Gesichter doch so viel mehr. Die Zeichen der Zeit sind auch Zeugen des Lebens, das um uns herum und mit uns mittendrin stattfindet.

Oder verstecken wir uns nur alle hinter einem Wunschbild? Dem jungen und freien und mondänen Traum vom ich? Wo nur verliert man dieses innere Leuchten? Ist das Leben wirklich so zermürbend, dass es der Seele gar keine Chance gibt, nicht verhärmt zu werden? Sind die Hürden so hoch, dass es nicht ausbleibt, dass man hart wird?

All das geht mir durch den Kopf, während ich mit meiner kleinen orangen Reisetasche über den Bahnsteig laufe. Der Sound des Sportwagens zieht so manchen Blick auf sich, als ich einsteige. Mein Freund klappt das Dach runter, im Radio läuft „Here comes the sun“ von den Beatles und der Wind fährt durch mein Haar. Das Bergpanorama, welches sich vom Pool der Therme vor mir entfaltet, ist atemberaubend. Mehr jung und frei und mondän geht nicht.

 

Eure Kerstin

aufgetankt und losgelassen – die Freizeitfrage

Neben Büchern mein Nummer eins Luxusgut. Denn die Zeit, die wir haben, kommt nicht mehr zurück. Es gibt immer nur das Hier und Jetzt. Doppeltes Glück, da ich einen Partner an meiner Seite habe, der dahingehend genauso tickt.

Dass Erlebnisse auf der Glücksskala ganz weit oben stehen, ist sicherlich jedem klar. Und das absolut Fantastische an ihnen ist, dass es ist im Rückblick auch völlig egal ist, ob diese im Moment des Geschehens positiv oder sogar so richtig mies negativ sind. Irgendwann wird aus dem Campingtrip, bei dem das Zelt erst von Krabbeltieren befallen und dann unter Wasser stand, eine Geschichte, über die man lacht und die man gerne weitererzählt. Mehrmals im Laufe seines Lebens. Mit ein paar Schuhen, die ein absoluter Fehlkauf waren, passiert so etwas nicht.

Jedes Erleben bereichert und prägt, während der Besitz materieller Dinge die Freiheit raubt, uns einengt und sogar zu vermehrtem Stress führen kann. Nachzulesen bei James Wallmann „Stuffocation“. Darin schreibt er so treffend: „Erinnerungen leben länger als Träume.“ Ganz besonders gilt das bei Träumen nach materiellen Dingen. Und Robert Wringham („Ich bin raus“) ergänzt diese Aussage noch: „Der Mensch ist nicht die Summe der Dinge, die er besitzt.“

2017 hat Freizeit im Sinne von draußen sein für mich einen ungleich höheren Stellenwert als die Jahre zuvor, denn in meinem Rauhnächteorakel war und ist genau das meine Aufgabe für dieses Jahr – die Natur draußen genießen. Wer meine Reihe „Was von den Rauhnächten übrigbleibt“ mitverfolgt, der mag den Eindruck haben, dass ich immerzu wie wild von einem Gipfel zum anderen stürme. Es gibt aber auch die wirklichen Naherholungsoasen. Wie ein Spaziergang durch die Stadt. Oder mit einer Decke zur nächsten Wiese ziehen und die Hasen am Waldrand beobachten. Oder eine Matratze in den Garten legen und den Wolken einen Namen geben. Wobei der Garten, gilt für Terrasse und Balkon gleichermaßen, an sich ja schon die Auszeit garantiert.

Es sind also meist die kleinen Dinge, die glücklich machen. Das spontane Kaffeetrinken mit der Freundin genauso wie Spieleabend mit dem Nachwuchs, wenn ich mal wieder eine Glückssträhne habe und der Gegenspieler es nicht glauben kann. Herrlich, natürlich auch, wenn das Blatt sich gegen mich wendet. Wie heißt es doch so schön: Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Gerade, wenn die Gedanken an morgen und die Zukunft von Verunsicherung geprägt sind, ist es wichtig, sich auf den Moment zu besinnen. Die Seele baumeln lassen, runterkommen und ankommen. Das klappt gegenüber letztem Jahr schon viel besser und viel öfter. Auch wenn ich mir das auf die Fahne beziehungsweise den Rauhnächtewunschzettel schreiben musste, damit es regelmäßig an die Gedankenoberfläche gespült wird.

Insofern ist für mich jeder ausgegebene Cent bare Münze und es reut mich kein bisschen, dass die Kosten für meine freie Zeit, die mir gehört, seit Januar (inkl. Urlaub) um beinahe fünfzig Prozent gestiegen sind. Sie liegen damit in etwa auf einer Höhe mit den Lebenshaltungskosten an dritter Stelle meiner Ausgaben.

Schon mal von dem Buch/Film „Brewster’s Millions“ gehört? Darin muss der Held (das Buch stammt im Übrigen aus dem Jahre 1902!)) eine Millionen Dollar binnen eines Jahres ausgehen, um das ihm vermachte Vermögen zu erben. Und zwar so, dass er am Ende physisch nichts vorzuweisen hat. Na, klingelst? Yep, genau. Ich habe natürlich keine Millionen und das mit dem Erben habe ich gründlich vermasselt – anderes Thema. Aber, wenn mich das Leben genauso viel kostet wie das Erleben, dann würde ich sagen, alles richtig gemacht und der Jackpot gehört mir.

Was sich in dem einen Jahr noch so getan hat, darum geht es beim nächsten Mal. Also, dann action!

Eure Kerstin

P.S.: Noch ein Wort zu oben erwähnten Buch „Brewster’s Millions“: Interessanterweise wurden in den 1920ern in den USA wesentlich mehr Güter produziert als verkauft. Der Markt war gesättigt. Dies führte zu der Diskussion, weniger produzieren und dafür mehr Freizeit, oder den Verbrauch sprich Verkauf ankurbeln. Das Ergebnis kennen wir alle. Die Hand dafür ins Feuer legen, dass heute die Entscheidung eine andere wäre, würde ich allerdings nicht. 

Das Sechszehntagetagebuch – Teil 2

Teil 1 gibt es hier und die Vorgeschichte hier.

Sonntag, Tag acht
Heute weiß ich eigentlich gar nicht, was das Beste war, denn der ganze Tag war einer voller Highlights. Vor ein paar Wochen bin ich auf dem Wendelstein gewesen und habe mit einem Freund „Wer bin ich gespielt“, wobei er auf die Zugspitze tippte. Tja, und irgendwie ist das hängen geblieben. Warum eigentlich nicht auf die Zugspitze? Tja, und eigentlich macht man so eine Tour ja nicht unbedingt im Winter, außer man ist eben so wie ich. Tja, und dann kam noch der perfekte Sonnentag hinzu.
Hier die Rangliste der Top drei:
Platz 3: Auf dem Weg rund um die Ehrwalder Alm waren unzählige Schneekanonen im Einsatz. Das war absolut surreal und ich kam mir vor wie in einem Science Fiktion Film als ich durch diese Landschaft aus künstlichen Schneefall und sich auftürmenden Schneebergen gelaufen bin.
Platz 2: Die perfekte Stille, der strahlendblaue und klare Himmel, der gleißende Sonnenschein auf der Schneedecke, keine einzige Menschenseele. Ganze 7,5 Stunden lang.
Platz 1 (Szene an der Bergstation): „Eine Talfahrt bitte.“ Leicht ungläubiger Blick: „Wie san Sie jetzt da rauf kemma?“ Lächeln: „Zu Fuß.“ Verdutzter Blick und Musterung von oben bis unten: „Ja, sauba.“ Priceless!

Zugspitze

Montag, Tag neun
Offene Fenster haben auch was Gutes. Man kann seine Sorgen und seinen Ärger einfach abstreifen und vor sich auf einen großen Haufen abschütteln. Dann öffnet man ein Fenster und wirft den gesamten Ballast einfach raus. „Was würdest Du tun, wenn Du keine Ängste hättest?“ Eine sehr gute Frage meiner Yogalehrerin. Wobei das Wort Angst ein Überbegriff für alles ist, was nicht Liebe ist. Wut, Trauer, Hass, Ärger, Sorgen, Verzweiflung. Von was und welchen Zwängen werden wir geleitet und lassen und einengen? Und warum lassen wir es zu? Das Beste war das Fallenlassen und von den „Guten Mächten“ aufgefangen zu werden.

Dienstag, Tag zehn
Die Ruhe, die irgendwann am Abend im Haus einkehrt, war das Beste. Wenn der eine Nachbar seinen Hobbykeller verlässt, die Haushaltsgerätschaften der anderen Nachbarn still sind und der eigene Nachwuchs endlich aufhört, sich stundenlang mit seinen Freunden über die besten Strategien beim Computerspiel lautstark zu unterhalten. Dazu ein Buch und heißen Tee. Eigentlich ist es gar nicht so schwierig, Entspannung zu finden und diese zu genießen.

Mittwoch, Tag elf
Das Beste heute: Der Sex. Eigentlich die Frauengespräche über Sex bzw. Männer an sich. Das Gekichere, das Gelächter, das Gegackere. So albern wie mit 14, dafür aber so unverblümt wie mit 44+.

Donnerstag, Tag zwölf
Das Beste wäre gewesen, wenn ich eine Schulter zum Anlehnen gehabt hätte. Ein schrecklicher Tag, an dem ich mal wieder diejenige war, bei der alles abgeladen wird. Mir kann man ja sämtliche Sorgen und Ärgernisse zumuten. Ich weiß immer zu helfen und immer einen Weg und immer einen guten Rat. Und so schaue ich aus dem Fenster und betrachte das Glitzern der Sonnenstrahlen auf dem Reif, der sich über die Landschaft legt. Augen schließen und sich ganz weit weg träumen.

Freitag, Tag dreizehn
In Erinnerungen schwelgen. „Maybe, there’s a world where we don’t have to run..“

Samstag, Tag vierzehn
Das Beste waren die Donuts, die auf dem Rückweg aus der Stadt mitgenommen habe. Nach einem leicht anstrengenden Tag in der Münchner Innenstadt genau das richtige Seelenessen.

Donuts

Unmengen an Menschenmassen, voller Hetze und ohne Achtsamkeit und Rücksicht. Paare, die sich nichts zu sagen haben, welch Elend. Ich frage mich immer gern, warum es so kommt. Das ist doch meist so. Schweigen können lässt sich nur bei jemandem, dem man vertraut. Aber diese offensichtlich fehlende Anteilnahme hat doch mit Vertrauen nichts zu tun.

Sonntag, Tag fünfzehn

Noch knappe zwei Wochen bis Weihnachten. Insofern ist wohl das Beste heute, dass ich mittlerweile alle Geschenke habe. Im Groben weiß ich auch schon, was es zu Essen geben wird. Am liebsten wäre es mir, es wäre einfach der zweite oder dritte Januar und gut ist. Weihnachten und das ganze Drumherum trägt mittlerweile nur dazu bei, meine ohnehin angespannten Nerven nur noch weiter zu ruinieren.
Aber eigentlich war das Beste, dass die private Krise bei meiner Freundin anscheinend endlich eine Wendung zum Besseren nimmt. Endlich einmal gute Nachrichten. Seit Monaten belastet mich ihr Unglück, weil ich nicht weiß, wie ich ihr helfen soll. Mittlerweile so sehr, dass ich ihr meine Sorgen und Nöte gar nicht mehr aufhalsen will. Als Folge schnürt sich mir die Kehle zu. Ich habe ständig das Gefühl, nicht genug Luft zum Atmen zu haben und der Appetit ist mir grundlegend vergangen. Keine gute Kombination. Mal sehen, ob Weihnachten wenigstes zum Zunehmen taugt.

Montag, Tag sechszehn
Das Beste ist, dass diese elendigen sechszehn Tage vorbei sind. Nicht mehr darüber nachdenken müssen, was an dem Tag gut war. Von daher funktioniert diese Art von Therapie überhaupt nicht. Und das werde ich dem jungen Mann und Auftraggeber teuer bezahlen lassen. Der wird sich hüten, nochmals so eine Bestellung aufzugeben.

Ende
Eure Kerstin

Geschriebene Worte

In Mexiko wird den Verstorbenen mit einem farbenfrohen Fest am „Tag der Toten“ gedacht. Kerzen und Lichter vor den Türen sollen den Toten den Weg nach Hause weisen, wo ein extra Gedeck mit der Lieblingsspeise für sie mit auf dem Tisch steht. Im Gegensatz zu den eher besinnlichen Feiertagen rund um Allerheiligen im europäischen Raum, wird dort ausgelassen und fröhlich gefeiert. Denn in der Nacht zum 2. November kehren die Seelen der Verstorbenen zu den Lebenden zurück, um diese zu besuchen und mit Ihnen zu feiern.

Woher ich das weiß? Aus dem Buch „Wo geht’s denn hier zum Glück?“ von Maike van den Boom. Auf den ersten Blick klingt das jetzt etwas paradox: Glück und Tod im selben Atemzug zu nennen. Beim zweiten Hinschauen allerdings vermag diese Tradition vielleicht beiden Seiten helfen. Den Lebenden, um nicht in Trübsinn zu verfallen und den Toten, um Gewissheit zu haben, dass es den Hinterbliebenden gut geht. Ganz ehrlich: Wäre ich eine umherwandernde Seele, wäre ich zutiefst unglücklich, wenn meine Hinterbliebenen meiner mit Trauermiene und stiller Andacht gedenken und könnte bis in alle Ewigkeit keine Ruhe finden. Erst recht wollte ich kein trostloses, farbloses, totes Gesteck auf meinem Grab. Nicht, dass ich überhaupt ein Grab wollen würde.

Hätte ich das damals gewusst, wer weiß, wie anders so mancher Weg verlaufen wäre. Damals, nachdem meine Mutter plötzlich nicht mehr in meinem Leben war, dafür aber den Großteil meines Lebens bestimmte. Stattdessen bin ich in Schwermut versunken und immer wieder an denselben Fragen verzweifelt. Daran konnten auch die sogenannten Erinnerungskärtchen nichts ändern. Diese sollen einen zum liebevollen Erinnern ermuntern. Da stehen dann Fragen wie „Was hast Du von … gelernt?“ und „Was sagte … oft zu Dir?“ oder „Was fand … schwierig?“. Ich konnte mit den Fragen irgendwie nicht so viel anfangen. Es sind ja auch nicht meine Fragen beziehungsweise die Fragen, auf die ich eine Antwort suche. Diese habe ich über all die Jahre hinweg in meinem Trauertagebuch verarbeitet.

Und noch immer erschüttern mich meine Gedanken und vor allem die Fragen. Nichts davon ist geklärt. Alles ist noch immer offen und unausgesprochen. Geschriebene Worte, die auf Antworten warten. Und mittendrin ein Brief von ihr. In ihrer unverkennbaren Art. „So wie Du Entscheidungen triffst, Dich ohne Scheu ins nächste Vorhaben stürzt, finde ich klasse. […] Ich denke zurück; ich war nicht so selbstbewusst und gefestigt. Ich brauchte vielmehr Mut, musste viel mehr an mir arbeiten, um mein „Ich“ zu behaupten. Ich bin ehrlich, ich beneide Dich darum, ich finde es herrlich und gut, dass Du das alles so gut im Griff hast, auch wenn Du manchmal daran zweifelst. […] Also mach Dir keine Sorgen um meine Sorgen. Ich weiß, Du schaffst es, auch wenn es im Augenblick nicht so läuft, wie Du Dir das wünscht.“

Tischplatz

Geschriebene Worte, die Antworten auf alle Fragen sind.

 

Eure Kerstin

„Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß“ (Rainer Maria Rilke)

Gerade erst war ich auf einer Beerdigung. Ich bin kein gläubiger Mensch. Eher das Gegenteil. Aber das Zitat von Rainer Maria Rilke auf der Todesanzeige hat mich wirklich berührt. Es passt. Der Verstorbene war mit einem wirklich langen Leben gesegnet. Fast 93 Jahre. Eine Zeitspanne, in der so unermesslich viel Leben ist. Gesegnet war er auch mit einer großen Familie, die das Wort Familie lebt. Vier Kinder, neun Enkel und bis dato acht Urenkel, demnächst wären es zehn gewesen. Mit seiner Frau feierte er unlängst die Gnadenhochzeit. 70 Jahre gemeinsame Zeit. Eine unbeschreibliche Fülle an Erlebnissen.

Abschied

Leider gehöre ich nur im angeheirateten Sinne zur Familie. Und doch bin ich ein Teil in all den Jahren gewesen. Etwas, das mich immer wieder mit einem gewissen Maß an Wehmut erfüllt. Und so war es auch meine Verbundenheit, der mich an der Beerdigung hat teilhaben lassen.

Die Trauer um jemanden, der in solch hohem Alter stirbt ist selbstverständlich da, aber eben anders. Alles geht sehr still und andächtig von statten. Hier und da wird vereinzelt eine Träne verdrückt. Aber es überwiegt, wie es sich wohl jeder, der einmal von seinen Lieben geht, wünscht, die Erinnerung. Geschichten und Anekdoten werden mit einem Lächeln weiter gegeben.

Um so befremdlicher empfinde ich die Beerdigung. Ein Trauergottesdienst in der Pfarrkirche, bei dem immer und immer wieder die Kirche und der Glauben die Hauptrollen spielen, während die Gläubigkeit des Verstorbenen gepriesen wird. Ein steter Fluss an Gebeten und Lobpreisungen. Der Messdiener erscheint im Drei-Tage-Bart mit ungeputzten Schuhen und gähnt unverhohlen vor sich hin. Ich vermisse den Menschen.

Danach stürmen wir alle zu den Autos. Der Friedhof ist am Rande der Stadt. Hektisch treibt eines der Kinder die Gesellschaft an. Das eigene Enkelkind hält er an der Hand, ist aber mehr darauf bedacht, die Ordnung und Organisation der Trauergesellschaft zu bewahren. „Sohn, nimm‘ Du ihn doch an die Hand. Er geht so langsam.“ Ja, will ich rufen, er ist drei Jahre alt. Sein Tempo ist ein anderes. Er ist hier und Du bist hier. Das ist es, was zählt.

Die Aussegnungshalle ist gefüllt bis auf den letzten Platz. Der Verstorbene war ein angesehenes und geachtetes Mitglied in verschiedenen Verbänden und der Stadt, die ihn hier mit ihren Reden ehren. Auf dem Trauerflor von seiner Frau steht „Meine Sonne“. Ob sie ihm das je gesagt hat? Und was wird nun? Wo ihre Sonne dort im geschlossenen Sarg für immer ruhen wird? Ein wahres Meer an Blumen und Kränzen inmitten der Weihrauchschwaden. „… Danke für alles – Du warst ein super Opa“ Ob das auch so ausgesprochen wurde? Wie oft trägt man solche Worte mit sich? Und wie oft finden diese den Weg nach draußen?

Vor dem Grab sammelt sich die Menge, die achtlos über die umliegenden Gräber stolpert. Die städtischen Gießkannen können den Einkaufswagen gleich nur mit einem Geldstück von der Halterung genommen werden. Die Grabstätten, welche ins Auge fallen, sind mit einer Visitenkarte des örtlichen Grabpflegedienstes versehen. Die Inschriften auf den Grabsteinen sprechen eine andere, nicht mehr vorhandene Wahrheit. Hinter den Bäumen hört man die Autos auf der Schnellstraße vorbei rauschen. Nein, das ist es nicht, was ich mir als letzte Ruhestätte und Ort der Erinnerung vorstelle. Kein Platz, um inne zu halten.

Als ich mich verabschiede, fragt eines der Kinder, warum ich schon fahre. „Er ist allein zuhause“, antworte ich. „Ja, aber er muss ja nicht mehr gestillt werden“.  Erst sehr viel später überkommt mich die Trauer. Nicht um den Mann, Vater, Opa, Urgroßvater, der gegangen ist, sondern um all die Menschen, die hier sind und doch niemals da. Ich will nach Hause.

Geschenke für die Ewigkeit

Geschenke sind was Wunderbares. Findet Ihr nicht? Jedoch, und das mag nur eine Vermutung meinerseits sein, verlieren Sie mit zunehmendem Alter ein bisschen die Faszination, die sie als Kind auf mich ausgeübt haben. Sicherlich lässt sich das auf die Tatsache zurückführen, dass ich bereits eine ganze Weile nicht mehr an Elfen und dergleichen so wirklich glaube und ebenso darauf, dass meine Wünsche nicht mehr so drängend überlebensnotwendig und wichtig sind wie zu Zeiten, als Puppen, Lego und andere Spielsachen auf meiner Wunschliste ganz oben standen.

„Wünschen kann man sich alles“, war in solchen Momenten immer ein Spruch meines Vaters, den ich inzwischen auch gern mal dem jugendlichen Mitbewohner entgegne, wenn die Wünsche mal wieder das Budget zu sprengen drohen, bar jeder Grundlage und schlicht utopisch sind. Im Gegenzug dazu gibt es natürlich auch Leute, die es mit dem Schenken hin und wieder mal übertreiben. Großeltern zum Beispiel, die das auch gern auf die gestressten Eltern ausweiten.

Neulich wollte mir die Oma etwas Gutes tun und spendierte dem Nachwuchs, sich und mir eine Massage. Als wir also vor dem Tresen standen und unsere Termine vereinbart hatten, drängte sie mich, ob ich nicht noch eine Gesichtsbehandlung oder Pediküre oder, oder haben wolle. „Nein, danke, ich bin glücklich.“ „Ja, aber schau doch mal.“ „Ich möchte nicht, ich bin glücklich.“ Das hätte noch ewig so weitergehen können, wenn nicht die freundliche Dame hinter dem Tresen schließlich meinte: „Lassen Sie sie doch, wenn sie glücklich ist.“ So ist das, warum dem Glück noch eine Krone aufsetzten und es golden anmalen? Mehr führt nicht zwingend zu mehr Glück.

Ich bin ein großer Fan von sogenannten vergänglichen Geschenken. Der gute, alte Fresskorb feierte bei mir vor einiger Zeit eine Renaissance. Leicht aufgepeppt wohlgemerkt: Besondere Tees, exquisiter Kaffee, ungewöhnliche Öle, exotische Gewürze, duftende Seifen – so in etwa, je nach Anlass und Beschenktem. Da steht dann nichts rum, was Staub ansammelt und was man, wenn der Schenker mit Besuch droht, schnell platzieren muss. Man kennt das ja, wenn Schwiegermuttern auf der Matte steht: „Wo habt Ihr denn die Vase?“

Apropos Vasen. Davon kann man, so scheint es, tatsächlich nicht genug haben und trotzdem hat man nie die Passende. Blumen sind sowieso eine feine Sache – allerdings nur Schnittblumen, denn Topfpflanzen verlangen neben dem grünen Daumen auch – ähnlich den Schwiegermuttergeschenken – eine konstante Betreuung, um die Beziehung nicht zu gefährden.

Blumengeschenk

Von einem inzwischen verflossenen Liebhaber habe ich bei einem unserer ersten Treffen eine Zimmerpalme bekommen. Tja, Ihr ahnt es schon, der Liebhaber ist weg und ich darf mich nun noch immer um die Palme kümmern, weil ich es nicht übers Herz bringe, sie einfach dem Grünabfallcontainer zu überlassen. Meine Begeisterung kann man sich vorstellen.

Daneben stehen, wie könnte es anders sein, Bücher bei mir immer hoch im Kurs. Gern auch mal welche, die ich selbst gelesen und nicht mehr behalten möchte, wobei ich betonen muss, dass ich nicht wahllos irgendwelche Schundliteratur an Freunde und Verwandte verticke, um mich dieser elegant zu entledigen, sondern schon versuche, harmonische Paare zu bilden.

Und da kleine Geschenke die Freundschaft erhalten und zudem sich manchmal auch Glück gut teilen lässt, hier mein Beitrag: Wer meinen Post „Alle meine Leidenschaften“ gelesen hat, erinnert sich vielleicht, dass ich beziehungsweise mein Blog „alltagseinsichten“ kürzlich seinen dritten Geburtstag gefeiert hat. Aus dem Grunde können interessierte Leser die Lektüre, welche mich auf meinem Nachhaltigkeitsprojekt begleitet und inspiriert hat, ausleihen und sich so manches gern nochmals nachlesen. In dem Fall einfach im über das Kontaktformular bei mir melden. Und wer mehr Literatur und weniger Sachbuch affin ist, der kann bei der Buchgesellschaft stöbern. Da bieten wir auch gerade unsere Lesetitel an.

Bibliothek

Wie gesagt, Geschenke sind was Wunderbaren, doch wenn wir ehrlich sind, dann sind es nicht wirklich die materiellen Dinge, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Vielleicht mal abgesehen vom einem Schmuckstück in einer kleinen, türkisenen Box. Vielmehr sind es die Erlebnisse, die wir in Erinnerung behalten und die uns über so manch verdrießliche Stunde hinwegtrösten. Ich erinnere mich beispielsweise nur an sehr wenige Geschenke aus meiner Kindheit und Jugend und sogar der vergangenen Jahre, dafür umso lebhafter an gemeinsame Stunden und insbesondere Urlaube und Reisen. So gesehen sind es also die geschenkten Erinnerungen, die uns ein Leben lang und darüber hinaus begleiten. Denn wie formuliert es Bonnie Ware in ihrem Buch „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ so schön: „Es ist so ungeheuer wichtig, dass Sie über das Leben nachdenken, dass Sie jetzt führen, denn es kann sein, dass Ihnen bei Ihrem Tod nur wenig Zeit bleibt, um Ihren Frieden zu finden oder über sich nachzudenken. Stattdessen werden Sie in dem Wissen sterben, dass Sie fast Ihr ganzes Leben damit verbracht haben, das Glück auf den falschen Wegen zu suchen […], und dass Sie die Gelegenheit zum Richtungswechsel einfach verpasst haben.“

Wegweiser

Der wahre Luxus ist das Leben an sich. Auf alles andere kann man verzichten. Zum Abschluss meines Projektes werde ich noch ein bisschen über das eine oder andere philosophieren. Mal sehen, wohin es mich treibt.

 

Also dann, action!

Eure Kerstin

Heute bleibt die Küche kalt

Der Wiener Wald war früher die Lösung, wenn Muttern nicht am Herd stehen wollte. Wobei, früher war in Punkto gemeinsames Essen vieles anders, wie ich schon mal in dem Beitrag „Duft des Lebens“ festgestellt habe.

Ich jedenfalls gehe auch gern auswärts essen. Es macht einfach Spaß, die Mahlzeit fix und fertig serviert zu bekommen. Irgendwie ist auch manchmal wie ein Überraschungsei, wenn der Teller vor einem steht. Denn ob das Gericht, welches sich auf der Speisekarte so verführerisch anhörte, wirklich solche Qualitäten besitzt, wird man erst feststellen, wenn man es probiert hat.

Die Deutschen sparen bekanntlich ja zuerst am Restaurantbesuch, wenn das Geld knapp ist. Das ist nachvollziehbar. Trotzdem boomt die Szenegastronomie und Sterneküche. In manchen Lokalitäten muss auf Wochen im Voraus reserviert werden. Das ist ebenso nachvollziehbar und liegt am Erlebnisfaktor, denn oft spielt das Essen an sich nur die zweite Geige. Die wesentliche Zutat für die stimmige Note ist der Service und die Gesellschaft.

Vor einigen Jahren war unsere Familie (Großeltern, Kinder, Enkelkinder und Freunde) im schönen Aschau. Zwei Sterne kann die Residenz Winkler vorweisen. Zugegeben, das kann man sich wirklich nicht jede Woche, auch nicht jeden Monat, leisten. Aber der jugendliche Mitbewohner, der damals noch ein Kind war, und ich schwärmen noch heute von dem Abend. Oft, wenn wir etwas besonders Leckeres speisen, sagen wir: „Weißt Du noch, damals bei Winkler’s?“

Noch schöner als kochen lassen, ist Kochen für Freunde. Stimmt’s, liebe Buchgesellschaft? Auch dabei ist der Geselligkeitsfaktor der springende Punkt. Ich sage ja immer, ich bin ein Gesellschaftsesser. Allein essen, wenn der jugendliche Mitbewohner wieder mal auf Abstand zur Eigenkreation geht, ist langweilig und schmeckt irgendwie nicht. Und Essen, nur um satt zu werden, finde ich unbefriedigend. Da bleibt dann erst recht die Küche kalt und es gibt ein Brot mit Tee und einem Apfel oder Joghurt.

Doch am allerschönsten ist Kochen mit Freunden. Stimmt’s, liebe M.? Dabei lassen sich vorzügliche Herddiskussionen führen und gewagte Rezepte testen. Wir haben mal „Plattes Huhn“ nach einem Rezept von Johann Lafer gemacht. Das war ein echtes Erlebnis, bei dem man dem armen Flattermann mit Hilfe eines Backbleches sämtliche Knochen brechen musste, bis er eben platt war. Nichts für Zartbesaitete, aber lecker und vor allem lustig war’s.

Plattes Huhn

Was das alles mit Verzicht zu tun hat? Nichts, wenn man mal von den Zutaten, die natürlich Bio sein können, absieht. Und das ist gut so. Verzicht heißt ja nicht, dass man sich nichts mehr gönnt, sondern dass man das, was das Leben einem bietet, mit allen Sinnen genießt.

Das Pedant zu auswärts essen, ist Essen zum Mitnehmen. Das schauen wir uns morgen an.

 

Also dann, action!
Eure Kerstin

 P.S.: Das Foto ist aus dem Kochbuch „Meine besten Rezepte“. Unsere Kreation sah nicht so perfekt aus, aber darauf kommt es bekanntlich auch nicht an.