Eine Frage der Ehre

Manchmal ist anfangen ja das schwierigste. Sei es nun, dem inneren Schweinehund ein Schnäppchen zu schlagen, sich liebgewonnene Eigenarten abzugewöhnen oder guten Vorsätzen Taten folgen zu lassen.

Den ersten Schritt zu tun und jemandem die Hand zu reichen ist besonders schwer. Und so kam es, dass ich den Gedanken, mich ehrenamtlich zu engagieren seit geraumer Zeit mit mir herumtrug, mich aber erst vor nicht allzu langer Zeit tatsächlich entschließen konnte, einen Schritt nach vorne zu machen. Die Annonce in der Zeitung, sich als Vorlesepate einzubringen, kam mir da sehr entgegen. Denn, lesen, das tue ich für mein Leben gern und so ein bisschen Vorlesen erschien mir einfach.

Nun gehöre ich also zu den Stützen der Gesellschaft, ohne die das ganze System zusammenbrechen würde, wenn man dem Tenor glauben darf. Und dem Staate Bayern ist das eine Menge wert. Ich werde zu verschiedenen Gesprächskreisen und Weiterbildungsvorträgen eingeladen. Bei diversen Festen darf ich auch dabei sein, denn Feiern ist ja ebenso ein bayerisches Kulturgut. Und wenn ich zu den ganz Fleißigen aufsteige und mit fünf und mehr Stunden pro Woche Dienst am Nächsten verrichte, darf ich sogar mit Herrn Söder eine Floßfahrt machen. Zum Glück für Herrn Söder und mich schaffe ich das zeitlich nicht. Und auch sonst schaffe ich das nur eingeschränkt. Emotional ist das nämlich so eine Sache.

Wie gesagt, vorlesen erschien mir einfach. Gute Geschichten gibt es ja nun zuhauf, aber die Kunst liegt eher darin, die richtigen Geschichten auszuwählen, denn meine Zuhörerschaft sind größtenteils Menschen, die alt, vereinsamt und vergessen sind. Meist auch sehr eingeschränkt, gefangen im eigenen Körper, abgeschnitten von ihrer Umwelt. Wenn ich dann bei Ihnen sitze und einen bunten Strauß der Worte ausbreite, blühen sie für kurze Zeit förmlich auf. Der stets vor sich hin summende Demenzkranke lauscht, die Blinde lächelt, der Schwerhörige und Blinde richtet sich auf und folgt dem Klang der Stimme, die Verwirrte erinnert sich, die  Schwerstbehinderte freut sich. Und auch ich fühle, dass es guttut, da zu sein.

Ehrensache

Doch dann packt mich regelmäßig das Grauen. Ich sehe die ganze Bandbreite des Alterns vor mir, dem Verfall und der Würdelosigkeit machtlos ausgesetzt. Niemand will so leben und doch begegne ich jede Woche mir und meiner eigenen Zukunft. Und das ist bald noch schwieriger als die Auswahl der Texte. Von daher eine Bitte, Liebling: Nimm mich mit in die Berge und lass mich, auch wenn ich nichts mehr sehe, nichts mehr höre und nichts mehr verstehe, die Luft und den Frieden einatmen – bis zum letzten Atemzug.

 

 

Eure Kerstin

P.S.: Im Angesicht der bevorstehenden Landtagswahlen in Bayern, ist die in Aussicht gestellte Floßfahrt mit Herrn Söder ja so eine Sache, würde aber auch an meinem Engagement nichts ändern. So oder so. Schließlich ist es für mich eine Frage der Ehre.

Die 16-Tage-Challenge

Einer meiner Freunde hat mich gebeten, während seines Urlaubes jeden Tag das Beste, was an diesem passiert ist, aufzuschreiben. Sechszehn Tage lang.

16-Tage-Tagebuch

Hauptsächlich, weil er sich Sorgen macht: Frauen mittleren Alters – sprich in der Mid-Life-Crisis und den Wechseljahren – neigen ja hin und wieder zu Übersprunghandlungen. Ich rede dann gern von offenen Fenstern und der schönen Aussicht aus solchen. Also hat er mir diese Bitte abgerungen. Wohlweislich und in vollen Bewusstsein, dass er mich damit an meiner wunden Stelle, dem Schreiben, trifft. Nun verlangt es quasi die Ehre, dass ich dem nachkomme. Eine Herausforderung, der ich nur schwerlich widerstehen kann. Sechszehn Tage lang.

Irgendwie erinnert mich das an jemanden, der mal ein Dankbarkeitsfototagebuch über ein Jahr hinweg geführt hat. Glaube, es gab da einen Blog, auf dem dann jeden Tag ein Foto war. So in etwa komme ich mir nun vor.  Nur, dass der Freund sich in der Dominikanischen Republik die Sonne auf den Wanst scheinen lässt, während ich hier bei miesem Wetter und in der Hektik der Vorweihnachtszeit mir nun das Hirn zermartern darf. Und dabei wollte ich nicht schon wieder so ein Projekt anfangen, bei dem ich jeden Tag geistige Höchstleistungen vollbringen muss.

Aber, der junge Mann wusste wohl ziemlich genau, was er tat. Wer mit Denken beschäftigt ist, kann nicht nach Fenstern und anderen Fluchtmöglichkeiten Ausschau halten. Und gleichzeitig zwingt er mich dazu, dass ich jeden Tag an ihn denke. Ein ganz schlauer Schachzug war das. Hätte ich ihm gar nicht zugetraut.

 

Eure Kerstin

P.S.: Auch, wenn es sich sicherlich hervorragend für meinen Blog eignet, habe ich mich entschlossen, die Tagebucheinträge hier nicht zu posten. Nur falls jemand darauf spekuliert.