Wirtschaftlichkeitsberechnungen

Nach einigem Ringen mit mir und meinem Budget habe ich in einen von diesen Bamboo Cups, zu Neu-Deutsch „Kaffee-to-go-Becher“, investiert. Warum es explizit Kaffeebecher heißt, entzieht sich meinem genauen Kenntnisstand und ich bin fast versucht, das als Diskriminierung der Tee- und Kakaotrinker zu werten. Und wer sagt eigentlich, dass nur Heißgetränke in einem to-go-Becher transportiert werden können/dürfen? Aber das ist wohl eher ein Thema der Mehrheitslehre.

Es hat mich wie gesagt etwas Überwindung gekostet, schließlich besitze ich bereits einen wiederverwertbaren Becher (siehe „Draußen nur Kännchen“). Dieser war ein Werbegeschenk, von daher für mich so gesehen gratis. Wie das mit Werbegeschenken so ist, lassen diese sich aufgrund des Werbeaufdruckes nicht wirklich als Geschenk wiederverwerten, sondern höchstens in Form einer Gabe weiterreichen. Nun bin ich eigentlich kein großer Freund von logobehafteten Werbeartikeln, aber besagter Becher kam damals zur richtigen Zeit als ich mich gerade mit dem Thema Plastik auseinandergesetzt habe und er aus Porzellan ist. Das hat den Vorteil, dass es eben kein Plastik und geruchsneutral ist, aber eben auch zerbrechlich. Und er wiegt mehr als ein vergleichbarer Plastikbecher, was grundsätzlich kein Negativmerkmal ist, aber noch eine Rolle bei der Auswertung spielen wird. Und zu guter Letzt ist er auch nicht auslaufsicher, was situationsbedingt ein Problem werden kann.

Womit wir uns dem Einsatzgebiet nähern. So ein to-go-Becher ist ja wie der Name schon sagt, für den Einsatz unterwegs gedacht. Man trägt ihn in der Hand, im Rucksack, in der Tasche, auf dem Fahrrad, in der Bahn, im Bus etc. Aus dem Physikunterricht ist bei mir leider nicht viel bis gar nichts hängen geblieben, sonst könnte ich hier bestimmt mit einer Formel von bewegten Objekten zu Flüssigkeiten, die sich in bewegten Objekten befinden, aufwarten. So kann ich nur aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen und da verhält es sich so, dass Flüssigkeiten ein widerspenstiges und unkalkulierbares Eigenleben entwickeln, wenn sie bewegt werden. Ergo ist das mit dem Auslaufschutz ein wichtiges Kriterium, wenn man beim Gang aus dem Haus abwägt, ob man den umweltfreundlichen und wiederbefüllbaren Becher mitschleppt, oder eben dann doch die Einwegvariante des Coffeeshops seines Vertrauens wählt.

Nun also die erste Wirtschaftlichkeitsberechnung: Ich nehme meinen 453 Gramm schweren, zerbrechlichen Becher mit, lasse ihn befüllen, genieße den Inhalt und schleppe ihn dann den ganzen Tag bzw. bis ich wieder zuhause bin mit herum. Eventuell versaut mir der Rest Flüssigkeit dann auch noch den Inhalt meiner Tasche, wenn ich vergesse, eine Plastiktüte mitzunehmen, die ich dann wohlgemerkt nach Gebrauch ganz umweltbewusst auswaschen darf. Oder aber ich gehe unbeschwert aus dem Haus, kaufe to-go, genieße, entsorge den Müll und fertig. Da erübrigt sich fast die Bilanz. Fertig also. Fertig bis eben auf die winzige Kleinigkeit, dass sich mein Gewissen jedes Mal in einem Konflikt mit meinem Genuss- und ich-brauche-Koffein-Zentrum befindet. Infolgedessen hatte ich hin und wieder meinen Becher zuhause befüllt, beim einhändigen Fahrradfahren auf dem Weg zur Haltestelle getrunken und diesen dann in den Fahrradkorb bis zur Rückkehr deponiert. Oder aber ich bin eher los, um dann hastig unterwegs stationär die Koffeindosis hinunter zu stürzen. Auf Ex so gesehen. Beides hat mit Genuss irgendwie nichts gemein und hinterlässt einen Nachgeschmack.

Konflikte, so sagt mein Professor, sind im Grunde genommen der Normalzustand. Nichts desto trotz versuchen wir Menschen, Konflikte zu lösen, auch wenn dadurch vielleicht neue zu Tage kommen. Das Universum und eben auch wir Menschen brauchen anscheinend immer wieder diesen Impuls zur Veränderung. Okay, das ist ein Thema für die Soziologen. Jedenfalls bin ich bei der Strategie zur Lösung des Konfliktes unweigerlich auch die Bambusvariante der Unterwegs-Becher gestoßen. Dem folgte die zweite Wirtschaftlichkeitsberechnung: Unzerbrechlich, leicht, wiederverwendbar und eben kein Plastik. Ein dickes Plus auf der Habenseite. Dem gegenüber stand die Tatsache, dass ich den Neuerwerb bezahlen muss und dann keine Verwendung mehr für das Porzellanmodell hätte, es zum Ballast mutieren und früher oder später dem Tatort LINK zum Opfer fallen würde.

Vor allem das mit dem Kaufen hat zum anfangs erwähnten innerlichen Ringen geführt. Es ist ja so, dass man bei Anschaffungen auch eine gewisse Vorstellung davon hat, was einem dieser wert ist. Das ist natürlich eine ganz individuelle Sache und hängt mit ziemlich subjektiven Kosten-Nutzen-Rechnungen und ganz realen Budgetrahmenbedingen zusammen. Bei mir lag diese Grenze zwischen „passt“ und „seid-ihr-noch-ganz-bei-Trost“ in etwa bei zehn Euro, eher noch darunter. Also, so €9,95. Das Hirn liebt es einfach, solch psychologische Fallen ohne Umwege als Gewinn zu deklarieren. Egal, ist ein Thema für Marketingfachleute.

Wie es sich für einen mündigen Verbraucher gehört, muss erst einmal der Markt begutachtet werden. Also steuere ich alle Läden an, die dafür in Betracht kommen. Und sogleich stelle ich fest, dass die „passt“-Variante bei näherer Begutachtung nicht auslaufsicher ist. Schade, aber eine Entscheidung nur aufgrund des geringeren Gewichtes, was auf der Prioritätenliste eh den wenigsten Einfluss hat, steht außer Frage. Und, logisch, die Art von Becher, bei der sich Einsatz und Bedarf decken, rangiert in der Kategorie „seid-ihr-noch-ganz-bei-Trost“. Stolze €14,95 stehen im Raum. Puuh, das sind fünfzig Prozent über dem Budget. Am Ende kostet es mich also eine gute Portion Überwindung, doch die Sucht (Koffein) hat sich mit dem Gewissen (kein Einweg) verbündet und so gibt es eigentlich keine zwei Meinungen.

Kaffeebecher

Nun spare ich also kräftig. Zumindest im übertragenen Sinn. Jeden Tag einen Einwegbecher, was natürlich rechnerisch nicht so ganz richtig ist, da ich ja vorher den Becher aus Porzellan mit dabeihatte und eben nur hin und wieder zur Einwegvariante gegriffen habe. Aber der Einfachheit halber und weil ich neben Physik auch kein wirkliches Mathegenie bin, belassen wir es mal bei der Aufstellung. Macht fünf in der Woche, ca. zwanzig im Monat usw. Während also nun auf der Umweltseite alles im grünen Bereich ist, klafft auf der Geldseite eine Lücke von €14,95. Womit ich schließlich zur dritten Wirtschaftlichkeitsberechnung komme: Es gibt nämlich unter anderem einen Coffee Shop, der den Kunden einen Nachlass von fünfundzwanzig Cent gewährt, wenn man seinen eigenen Becher dabeihat. Das Einwegpfand im weitesten Sinne. Das nenne ich mal Kundenbindung und unternehmerisches Vorausdenken. Um also den monetären Einsatz wieder zu amortisieren, muss ich ungefähr sechzig Kaffee trinken.  Der berühmte Break-even-point ist somit nach zwölf Wochen erreicht, wenn man von fünf Portionen in der Woche ausgeht. Wenn ich dann noch mitberücksichtige, dass es ein Bonusprogramm gibt, also jeder elfte Kaffee gratis ist, dann ist schon bei einunddreißig Heißgetränken bereits ein Gewinn zu verzeichnen.

Für die Füchse unter meinen Lesern: Von Wirtschaft kann hier finanzbuchhalterisch keine wirkliche Rede sein, höchstens von Stammtischphilosophie gepaart mit einer laienhaften Milchmädchenrechnung, denn jeder Besuch im Coffee Shop kostet schließlich unweigerlich Geld, das man ja nicht ausgeben würde, wenn man sich entweder morgens schon genug Koffein zuführen oder aber noch besser, von der Sucht befreien würde, was letztlich sicherlich das Beste für die Umwelt und meine Gesundheit wäre. Aber bei all dem würde ich eine Sache ganz schön vermissen und das ist der Spaß am Konflikt und seinen Mitstreitern.

 

Eure Kerstin

Draußen nur Kännchen

Kaffeezeit

Das waren noch Zeiten. Nein, früher war nicht alles besser. Aber in gewissen Dingen vielleicht entspannter. Wir alle laufen ständig der Zeit hinterher. Das ist doch komisch, findet Ihr nicht? Wir haben zig Geräte, die uns Arbeit abnehmen und entlasten: Waschmaschine, Geschirrspüler, Akkuschrauber, Rasenmähroboter, Navi, Computer. Die Maschinen übernehmen immer mehr von dem, was der Mensch früher selbst gemacht hat. Das würde ja eigentlich bedeuten, dass wir um Längen mehr Zeit haben müssten, als die Generation vor uns. Und? Wer von Euch hat mehr Zeit?

Ich nehme mal stark an, mit dem Paradoxon bin ich nicht so ganz allein. Die Krux an der Sache ist die, dass wir immerzu neue Dinge erschaffen, die wir vorher nicht hatten und auch irgendwie gar nicht brauchten. Und dann müssen neue Programme her, um wieder Zeit zu sparen. Wir sind umgeben von „Energiesklaven“, sagt Nico Paech.

Ein Beispiel aus meinem Arbeitsalltag: Ganz früher hat man Briefe geschrieben. Der ging an eine Person. Das war weit vor meiner Zeit im Berufsalltag, weil so alt bin ich nun auch wieder nicht. Dann kamen Rundschreiben, die wurden von Büro zu Büro weitergereicht. An so was kann ich mich noch vage erinnern. Anschließend gab es Faxe. Die konnte man schon an mehrere, nicht unbedingt gleichzeitig, aber nacheinander verschicken. Die Ära habe ich in ihrer Blütezeit erlebt.

Tja, und heute gibt es E-Mail. Ein Mail kann man an hundert und mehr Personen gleichzeitig senden. Ich habe das für 2015 mal dokumentiert: Da habe ich über 13.000 E-Mails in der Arbeit verschickt. Nur verschickt, wohlgemerkt. Und die hatten teilweise tatsächlich hundert und mehr Empfänger. Irre. Das macht über 1.000 Mails pro Monat. Und wenn man von 20 Arbeitstagen ausgeht, sind das in etwa 50 Mails pro Tag, 6 pro Stunde, alle 10 Minuten eine Mail. Und noch mal: Das waren nur die Mails, die ich verschickt habe. Da wundert mich es nicht im Geringsten, dass die wirkliche Arbeit zur Nebensache wird.

Mein Chef erzählt in dem Zusammenhang immer gern die Story von einem seiner ehemaligen Chefs, der oft stöhnte: „Heute habe ich schon wieder fünf Faxe bekommen.“ Also, ich find’s lustig. Und gleichzeitig fehlen mir die Worte, weil es schon fast makaber ist.

Heute muss alles sofort, wie der jugendliche Mitbewohner sagt „instant“, passieren. Das trifft auch auf unsere Nahrungsaufnahme zu. An jeder Ecke kann man Essen und Trinken im Schnelldurchgang seinem durchgetakteten Körper zuführen. Wer sich in den bekannten Coffee-Shops einen Kaffee zum „Hiertrinken“ – ist schon bezeichnend, dass es nicht mal einen wirklich passenden Ausdruck dafür gibt – bestellt, ist nicht mehr up-to-date. Im Grunde lädt der ganze Laden auch nicht zum Verweilen ein. Die wenigsten haben eine Toilette, also ist ein zweites Getränk ein no go. Die klassische Im-Biss-Bude ist heute ein Foodtruck und es gibt food on the go. Dabei sind sowohl der Coffee als auch das Food oft sehr, sehr lecker. Daran liegt es also nicht, dass man es sich so schnell mal eben einverleibt.

Ich muss gestehen, ich nehme nach meinem Wocheneinkauf am Samstag auch einen Coffee to go mit. Der ist zum einen meine persönliche Belohnung – es gibt immer einen Grund – und zum anderen so was wie ein Frühstücksersatz. Und mit dem armen, unter Luftnot leidenden toten Fisch (siehe Beitrag dazu: Konflikte und Kompromisse) kann man sich eben nicht noch gemütlich für eine halbe Stunde an die Kaffeebar setzen. Selbst die Nicht-Bio-Pizza fände das, glaube ich, nicht so prickelnd.

Also kommt hier der Becher aus der Vorbereitung zum Einsatz. Der ist aus Porzellan und führt auch hier zur gewohnten Diskussion an der Theke. „Können Sie den Latte bitte in den Becher füllen?“ „Das geht nicht.“ „Wieso?“ „Weil da viel mehr reingeht, als in die normalen Becher.“ „?“ Kurzer Blick meinerseits in den mitgebrachten Becher. „Also, die Kollegin macht das sonst immer.“ „Die Kollegin.“ Bedrohlicher Blick. „Das würde ich ja gerne mal wissen, wer die Kollegin ist.“ „Hm, also ich glaube ja nicht, dass da mehr reingeht.“ Der Barista will es genau wissen und füllt einen Pappbecher mit Wasser bis ca. 2 cm unter den Rand. Dann schüttet der den Inhalt in meinen Becher. Randvoll. Aha. „Ja, ok, das geht.“ „Da bin ich aber froh, dass die Kollegin jetzt nicht in Schwierigkeiten steckt.“ Darüber, dass in meinen Becher im Grunde weniger reingeht, hat er dann kein Wort mehr verloren. Am Preis ändert sich logischerweise auch nichts, aber mein Gewissen ist mal wieder um 2 cm gewachsen.

Hier ein schöner Artikel von utopia zum Thema Pappbecher: https://utopia.de/0/magazin/kaffee-coffee-to-go-becher-muell-umwelt-recycling-1

Oder ein Video von PULS für diejenigen, die es eilig haben (Zeitbedarf 1.30 Minuten – schneller als ein Kaffee zum Mitnehmen):

Noch ein, zwei Sätze zu Getränken für unterwegs: Auch die lassen sich ohne Weiteres in wiederverwendbare Behältnisse füllen.

Trinkflaschen Meine Thermoskanne mit Tee steht zum Beispiel auf dem Schreibtisch, wenn sie nicht im Rucksack auf die Berge gewandert wird und die Aluflasche ist nur unwesentlich schwerer als PET-/PEW-Flaschen. Dafür unkaputtbar und einfacher zu reinigen. Die Ausnahme wird wieder mal dem jugendlichen Mitbewohner für das Schulgetränk zugestanden. Aber das ist okay, denn Getränkeflaschen haben die paranormale Angewohnheit, vom Schulgelände oder auf dem Weg dahin/zurück, manchmal weiß man das nicht so genau, weggebeamt zu werden. Das sind im schlimmsten Fall €0,25 Verlust und nicht €10+ für die wiederbefüllbare Alternative.

Morgen geht es um eine ganz besondere Beziehung, die man zu selbst angebauten Nahrungsmittel entwickelt.

 Also dann, action!
Eure Kerstin

 P.S.: In den späten 90ern gab es in einer großen, politischen Wochenzeitung einen Bericht, in dem Politiker und Prominente befragt wurden, was sie Besuchern, die kein Deutsch sprechen, als Erstes beibringen würden. Damals sagte einer: „Draußen nur Kännchen“. Mich würde wirklich interessieren, wie heute die Antwort ausfallen würde.