Das neue Reisen, 2. Etappe: Der Fremde in meiner Wohnung

img_0365Schon in dem Moment als ich die Tür aufschließe, weiß ich, dass er wieder da ist. Und so sicher wie das Amen in der Kirche, sitzt der Tod am Küchentisch und liest seelenruhig die Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung, die meine Nachbarin mir immer in den Briefkasten steckt.

„War es Dir mal wieder zu laut, zu voll und zu viel Chaos bei Dir?“, frage ich ihn. Er blickt auf und nickt. „Gut, aber bring nicht wieder die ganzen unglücklichen Seelen mit hierher. Die letzten verstecken sich immer noch in den Lampen und lassen sich nicht zum Gehen bewegen. Wenn Du alles bei mir ablädst, dann herrschen hier bald ebensolche Zustände wie bei Dir und Du weißt, das mag ich nicht. Es gibt Regeln und Ordnung.“ „Ok“, kommt es kleinlaut hinter der Zeitung hervor.

Und so vergehen die Tage. Der Tod streift des Nachts umher und geht seinen Geschäften nach, während ich versuche, dem Fremden und seinem Treiben keine allzu große Aufmerksamkeit zu schenken.

„Hast Du Sorgen?“, fragt er mich. „Du siehst müde aus.“ „Eins sage ich Dir, wenn Du mir mit einer Deiner Ideen kommst…“, zische ich ihn an. „Ich wollte nur nett sein. Weißt Du, ich koche heute mal“, schlägt der Tod vor. Und so wird auch das zur Routine. Der Tod steht am Herd. Dann räumt er auf.

Und schon bald gibt es kein Entrinnen mehr vor seinem Putz- und Ordnungswahn. „Nimm einen Untersetzer“, sobald ich mich mit der Tasse Tee in der Hand nach einem Platz umsehe. „Das gibt sonst Flecken“, ruft er noch hinterher. Immer öfter ertappe ich mich dabei, wie ich auf Zehenspitzen durch die Wohnung schleiche, um seiner Pedanterie zu entgehen. Ja, bisweilen lasse ich sogar bewusst Sachen liegen, trage Dreck herein. Alles erscheint mir fremd und als ob dies nicht meine Wohnung wäre, fühle ich mich plötzlich als Eindringling.

„Es ist wirklich nicht mehr auszuhalten. Du nimmst mir die Luft zum Atmen.“ Der Tod umhüllt sich mit Dunkelheit. „Du kannst nicht einfach alles an Dich reißen und meine Ordnung neu ordnen. Mein Leben gerät aus den Fugen und nichts ist mehr sicher hier.“

In den folgenden Tagen sehe ich ihn nur selten, doch irgendetwas verändert sich. Ich spüre es, kann es aber nicht fassen. Irgendetwas anderes, neues Fremdes nistet sich ein. Zur Rede gestellt, meint er nur, er würde seine Sachen regeln.

Und dann passiert es: Eines Abends sitze ich auf der Couch und plötzlich schaut die Stehlampe mich an und blendet mir ins Gesicht. Und im nächsten Augenblick ist der Spuk vorbei und ich denke, dass ich mir das vielleicht eingebildet habe. Doch als ich später aus dem Badezimmer komme, kauert der Tod zitternd unter meinem Bett. „Die Seelen“, flüstert er. Ich beuge mich zu ihn hinunter. „Sie haben einen Weg gefunden.“ Noch immer verstehe ich nicht. Und dann erzählt er, dass er beim Aufräumen wohl etwas unvorsichtig war und nun die Lichter an immer neuen Stellen und unvorhergesehen auftauchen, sich wie Irrlichter durch das Mobiliar fressen. Mal hinter dem Kühlschrank, wenn man ihn öffnet. Dann flammen im Bücherregal Blitze auf und unter der Kommode flackert es. Das Schlüsselloch leuchtet, wenn die Außenbeleuchtung angeht. „Lass uns doch einfach die Lampen alle aus der Wohnung bringen“, schlage ich vor. „Wir haben Kerzen und der Kamin gibt auch Licht.“

Seine Augen funkeln. Er hat verstanden. Der Tod nimmt mich in seine Arme, die Zeit bleibt stehen und die Unendlichkeit beginnt.

 

P.S.: Vielen Dank an die beste aller Freundinnen für die wundervolle Inspiration und an den einfachen Mann, der mich tagtäglich herausfordert, Grenzen in Wege zu verwandeln.

Lage(r)gespräche 2.0

Inzwischen ist die Lage im heimischen Lager bisweilen doch recht angespannt und zuweilen kurz vor der Eskalation, denn sowohl meine Nerven als auch Zurechnungsfähigkeit schwinden so nach und nach.

Lagergespräche

Wir erinnern uns, in den Lage(r)gesprächen wurde beschlossen, dass nur noch einmal die Woche eingekauft wird und auch nur das, was auf dem Zettel steht. Schnitzel waren gewünscht.
„Morgen gibt es Schnitzel. Alles klar?“
„Mmph“
Einen Tag später
„Mami, was gibt es zu essen?“
„Schnitzel, habe ich Dir doch gestern schon gesagt.“
„Ach ja. Lecker.“
Etwa eine halbe Stunde später
„Mami, was gibt es eigentlich heute zum Essen?“
„Das gleiche wie vor einer halben Stunde: Immer noch Schnitzel.“
„Stimmt. Manchmal erschreckt es mich schon, wie wenig ich Dir zuhöre.“

Selbsterkenntnis ist ja bekanntlich der erste Weg zur Besserung. Man muss nur daran glauben.

***

„Mami, morgen gehe ich beim B. Basketball spielen.“
„Du weißt schon, dass Basketball jetzt nicht gerade ideal ist, so von wegen Abstandsregel und Kontakt nur mit Menschen aus demselben Haushalt und so. Nicht, dass es da Ärger mit den Nachbarn gibt, weil als Bruder gehst Du ja jetzt nicht durch.“
„Dann sage ich einfach, ich bin der Cousin. Aus Italien.“
„Super Idee, aber wenn das GSG9 Team bei mir anruft, werde ich jeglichen Verwandtschaftsgrad abstreiten.“

***

„Mami, Du musst mir helfen. Der Lehrer für mein Seminar will morgen einen Videocall machen. Ich brauche eine Ausrede, warum ich nicht teilnehmen kann.“
„Wieso?“
„Na, weil ich nichts getan habe und es nicht kann.“
„Ja, und jetzt?“
„Brauche ich eine Ausrede, sonst würde ich Dich ja nicht fragen.“
„Sag ihm die Wahrheit.“
„Ich kann sagen, dass ich keine Kamera habe.“
„Ja, genau, der ist doch nicht doof. Ihr habt alle ein Handy mit Kamera.“
„Ich kann sagen, dass die kaputt ist.“
„Das ist aber doch gelogen und dann darfst Du die nächsten Tage/Wochen aber auch die nicht benutzen. Und am Ende kommt sowas immer raus. Das ist doch Mist. Seit Wochen sage ich immer wieder…“ (Alle Eltern wissen, wie der Satz weitergeht)
„Dann hole ich jetzt den Hammer und mache die Kamera kaputt. Dann ist es nicht gelogen.“
„Du willst ein €800,00 Handy kaputt machen, nur damit Du eine Ausrede hast?“
„Ja. Was soll ich denn sonst machen?“
„Die Wahrheit sagen!“

Die Diskussion war natürlich sehr viel länger und intensiver als sich das hier wiedergeben lässt. Letzten Endes hat der jugendliche Mitbewohner noch so viel Restverstand besessen, das Richtige zu tun, wofür ich wirklich dankbar bin, weil so langsam auch meine Denkfabrik den Geist aufgibt.

***

„Mami, haben wir noch Eis da?“
„Nein, aber ich hatte Dir vorhin ja vorgeschlagen, dass wir mal vor die Tür gehen könnten und dann ein Eis essen gehen?
„Ja, ich wollte ja auch ein Eis.“
„Nein, Du wolltest, dass ich Dir eins mitbringe.“
„Ich konnte nicht mit, ich habe keine Socken mehr.“
„…“

Hilfe, ich bin eine Mutter, bitte holt mich hier raus!

***

Und noch ein Wiederholungstäter aus der Erstfassung der Lage(r)gespräche:
„Mami, ich bin mir sicher, dass Augustiner irgendwas aus China bekommt.“
Oh bitte, das ist ja wie bei ‚Täglich grüßt das Murmeltier‘. „Kronkorken vielleicht. Oder Hefe…“, schlage ich unbedacht vor.

Ja, genau, das ist es, deswegen herrscht hier Notstand, weil die ganzen Brauereien die deutsche Hefe weghamstern. Ihr könnt das lassen, das Oktoberfest fällt eh dieses Jahr aus.

P.S.: Das war vor der offiziellen Verkündung. Super, jetzt kann ich auch noch Hellsehen.

***

„Mami, eigentlich wäre es doch jetzt ganz einfach, einen Terroranschlag zu verüben.“
Hust, also am liebsten würde ich das Gespräch gleich hier und jetzt beenden und Hausarrest für die nächsten Wochen verordnen (halt, den haben wir ja schon), aber als verantwortungsvoller Erziehungsberechtigter komme ich dem Bildungsauftrag natürlich nach.
„Also, wenn man es auf eine Einzelperson abgesehen hat, ja, dann wäre die aktuelle Situation vielleicht von Vorteil. Ansonsten macht es ja wohl wenig Sinn, weil an prominenten Plätzen niemand ist und es keine Großveranstaltungen gibt. Da käme dann nur ein Supermarkt in Frage.“
„Supermarkt passt doch. Stell Dir mal die Schlagzeile vor: ‚5000 Rollen Klopapier und 3 Kunden in die Luft gesprengt‘.“

Ja, ich kann das tatsächlich vor mir sehen. Schrecklich, was mit dem Verstand nach fünf Wochen Kontaktverbot und Abstandsregeln und überhaupt passiert. Ich glaube, ich gehe jetzt erst mal Klopapier einkaufen. Und einen Kasten Bier, bei dem ich die Hefe extrahiere. Vielleicht lässt sich auf diesem Wege auch ein Flaschengeist finden, der mir drei Wünsche erfüllt. Ach was, einer würde mir schon reichen. Also ein Wunsch, der Flaschengeist ist ja quasi die Grundvoraussetzung. Ok, beenden wir das lieber, bevor wir wirklich noch staatlichen Besuch (tragen die eigentlich auch Mund- und Nasenschutz unter ihrer Vermummung?) bekommen.

***

Hinweis zum Bild: Es frage mich bitte niemand, wie man a) auf das Wort „Müdigkeitserscheinung“ kommt und b) woran man diese erkennt, wenn der Verfasser schläft. Ich war/bin schon ohnedies völlig von den Socken (also da sind die abgeblieben), dass die Worte „bitte“ und „danke“ Verwendung gefunden haben, was aber vielleicht auch als Bestechung gelten kann, wenn man den Nachsatz bezüglich Frühstück liest.

Von wegen Kindergeburtstag

Wenn man von einer Aufgabe oder einem Vorhaben als Kindergeburtstag spricht, drückt man für gemein hin die damit verbundene geringe Anstrengung aus. Tut es sozusagen als leicht und mit links zu bewältigen ab. Ja, betrachtet den Aufwand bisweilen sogar so abschätzig, dass es diesen scheinbar gar nicht wert ist. Quasi aus der unbeschwerten Sicht eines Kindes.

Doch wer schon mal einen Kindergeburtstag ausgerichtet hat, weiß, dass dies bei weitem keine leichte Sache ist, die man so eben mal aus dem Ärmel schüttelt. Mit simplem Topfschlagen und Blinde-Kuh-Spiel ist der Meute der Kinder und deren Helikoptereltern heutzutage nicht mehr bei zu kommen. Auch hier geht es um das immer mehr, immer ausgefallener, um das noch größere Event. Als Mutter des jugendlichen Mitbewohners habe ich da so meine leidvollen Erfahrungen gemacht, aber was tut man nicht alles für den Nachwuchs.

Schon der erste Geburtstag war ein Highlight, auch wenn ich zugeben muss, dass ich in Disneyland wahrscheinlich mehr Spaß hatte als der Dreikäsehoch. Aber das ist sehr subjektiv, denn das Ankuscheln an die plüschigen Disneyhelden unterließ ich aus Anstandsgründen, während das Geburtstagskind dies ganz ungeniert und aus vollen Halse lachend genoss. So wurde im nächsten Jahr gleich nochmals Disneyland besucht, vor allem, weil die Mama so viel Spaß hatte.

Geburtstag Nummer drei war etwas gemäßigter in den eigenen vier Wänden unter dem Motto Piratenparty. Deko, Musik und Spiele abgestimmt und als Krönung eine Pinata, dessen Beute logischerweise keines der Kinder entern konnte, da schlicht und ergreifend Kraft und Ausdauer fehlten. Irgendwann erbarmte sich eines der größeren, älteren Geschwisterkinder und hieb wild um sich schlagend auf die Schatzkiste, zum Glück kein Pony oder dergleichen ein, während die anwesenden Mütter ihre Kinder vor der Attacke in Sicherheit brachten.

Der vierte Geburtstag fand dann aufgrund ungenügenden Versicherungsschutzes und diverser familiärer Angelegenheiten ohne große Feier statt. Doch beim fünften Geburtstag haben wir wieder mitgemischt, diesmal eine Cowboy und Indianer Party. Das Wohnzimmer wurde entkernt, sprich nahezu alle Möbel in andere Räume verfrachtet, und dafür ein Zelt aufgestellt. Aus meinem Elternhaus habe ich seinerzeit sogar ein Rehfell und den Büffelschädel, der im Treppenhaus hing, geholt und bei mir installiert. Und nein, mein Vater ist weder Klein- noch Großwildjäger. Die Schatzsuche war eine Art Rallye. Die Kinder mussten dazu Steine in Form von in Papier gewickelten Telefonbüchern – keine Ahnung, wo ich damals die Menge ergattert hatte – erspielen, um damit den reißenden Strom, den Gehweg zum Garten, überqueren. Der Spaß, der mich voller Vorfreude auf diesen die kiloschweren Druckerzeugnisse schleppten und verpacken ließ, hielt sich in Grenzen. Der Schatz wurde innerhalb von Sekunden durch einen mutigen Sprung ins kühle Nass, den Gehweg, gehoben. Keine Ahnung, warum nur ich diese Phantasiewelt gesehen habe. Am Ende waren wohl alle froh, dass dieses unrealistische Possenspiel vorüber war.

So richtig ins Zeug gelegt habe ich mich dann für den sechsten Ehrentag. Piraten und andere Helden meiner Kindheit waren verpönt, die Zukunft hielt Einzug und das in Form einer Weltraumparty. Es muss wohl die Zeit der neueren Star Wars Filme gewesen sein, denn das Kind hatte einen Stormtrouperanzug und war der Faszination der unendlichen Weiten erlegen. Allerdings sind diese in einer Drei-Zimmer-Wohnung recht begrenzt, wenn man mal vom Kinderzimmer absieht, in dem Dinge einfach verschwinden und wenn überhaupt erst nach Lichtjahren wieder in die Umlaufbahn zurückkehren. Nun, das Wohnzimmer wurde diesmal einfach in die Kulisse mit eingebaut. Das Sofa war das Raumschiff, auf dem die Kinder wie Astronauten mit dem Rücken auf der Sitzfläche und mit hochgestreckten Füßen lagen. Der Raum wurde mit Laken, Tüchern und Folie abgetrennt. Die Einstiegsluke zum Raumschiff war ein kleiner Tritthocker. Vom Raumschiff führte eine Luftschleuse, eine von diesen Kriechröhren, auf den „Planeten“. Dort war eine Station, unser taupefarbenes Notfallzelt, aufgebaut und allerlei außerirdische Dinge, Fischernetz, Lichterkette, Wattebauschen etc., bevölkern Boden, Wand und Decke. Die Fenster waren mit Postern von Galaxien und Sternen beklebt, so dass es ziemlich schummrig war. Zum Glück war der Begriff der Knutschecke noch ohne Bedeutung für die Weltraumeroberer. Ich glaube mich erinnern zu können, dass allen vom ständigen Starten und Landen der Rakete flau im Magen wurde und man kurzerhand das Kinderzimmer ansteuerte, das am Ende einem Schlachtfeld glich. Die Rückkehr auf den Boden der Tatsachen und zur Erde war dann mit viel Aufräumarbeit verbunden.

Inzwischen kann von Kindergeburtstag eigentlich nicht mehr die Rede sein und man möchte meinen, dass mit zunehmender Eigenständigkeit der Kinder der Aufwand in gleichem Maße abnimmt. Doch wenn heute eine Party ansteht, dann wünsche ich mir manchmal das damalige Chaos zurück. Nicht nur, dass ich zur frühmorgendlicher Stunde die Horde der Pubertiere zur Ruhe anhalten muss, nein, morgens wird dann ein Frühstück wie im Fünf-Sterne-Hotel erwartet, das ich frisch und munter auf den Tisch bringen darf, während sich die übernächtigten Gäste aus der Höhle des Kinderzimmers, welches genauso einladend aussieht wie riecht, schleppen. Die mühsam erlernte Sprache scheint dabei ebenso gänzlich im unendlichen Raum des Internets verschwunden zu sein wie der Geruchssinn, denn eine Büffelherde ist nichts dagegen.

Ist man dem Schicksal der zu veranstalteten Feier durch Verlagerung nach auswärts entkommen, ist die Freude allerdings nur von kurzer Dauer. Denn dann sitze ich am Küchentisch und hoffe, dass das Kind unbeschadet und nüchtern und selbständig nach Hause kommt, keinen Ärger mit der Obrigkeit verursacht und nicht in irgendwelchen Ärger hineingerät, vor der Geisterstunde daheim ist und den Geist aus der Flasche nicht zu sehr intus hat.

Wenn man also etwas als Kindergeburtstag bezeichnet, dann kann man das nur aus der Warte des Geburtstagskindes tun. Ach ja, und da wir gerade dabei sind, die nächste Feier verlegen wir wieder nach Disneyland, denn aus dem Alter, Anstand als Grund für irgendetwas anzuführen, bin ich jetzt dann bald raus.

Kindergeburtstag

Eure Kerstin