Was von den Rauhnächten übrigbleibt: Mai

Der jugendliche Mitbewohner und ich spielen „Weltreise“. Ein Geschenk aus Zeiten der Pandemie, als selbst Ziele im nächstgelegenen Landkreis unerreichbar und fern waren. Ein kläglicher Ersatz für all die nicht realen Möglichkeiten.

Wer das Spiel nicht kennt: Jeder Spieler startet an einem Ort und muss verschiedene Stationen rund um den Globus besuchen. Man reist mit der Anzahl der gewürfelten Augen und ganz ohne CO²-Abdruck. Zu jedem Ort gibt es eine Karte, die in rund 10 Sätzen über Vergangenes und Aktuelles informiert.

Wir jetten also so durch die Welt und legen Stopps an Orten wie Tripolis, La Paz, Hong Kong, Kinshasa, Seoul, Teheran, Kingston, Norilsk, Kuwait-Stadt, Jerusalem und Nikosia ein. Zugegeben nicht zwingend die erste Wahl, wenn es um Traumziele geht. Zumindest gilt das für einen Großteil der Ziele und ist natürlich sehr subjektiv.

Nach etwa 10 000 zurückgelegten Kilometern und dem dazugehörigen Geschichtshintergrund meint der Nachwuchs, nachdem er die Historie von Ho-Chi-Minh-Stadt vorgelesen hat: Sag mal, kann es sein, dass es immer nur um Krieg und Mord und Totschlag gegangen ist?

Kurz rekapituliere ich, was von meinem Geschichtsunterricht sonst noch so hängengeblieben ist und muss mit Bedauern feststellen, dass sich diese Frage im Grunde nur mit einem Ja beantworten lässt. Irgendwie stellt sich die Befürchtung und wage Ahnung ein, dass der Mensch nicht nur schlecht, sondern auch böse ist. Es ist sogar davon auszugehen, dass sich dies aller Wahrscheinlichkeit auch nicht ändern wird.

P.S.: Wer jetzt über das Schicksal von Ho-Chi-Minh-Stadt rätselt, dem sei der Hinweis gegeben, dass es sich um die größte Stadt Vietnams handelt. Der Rest ist dann selbsterklärend.

Zeitreisen in die Gegenwart: Brettspiel für Götter

„Wer entscheidet das eigentlich alles?“, meint meine Freundin. Nein, sie meint nicht die Maßnahmen und Verordnungen und Gebote und Richtlinien, welche uns seit Monaten begleiten und bestimmen. Sie meint das Leben und dessen Verlauf an sich. Ja, wer entscheidet eigentlich, ob man dick oder dünn, groß oder klein, blond oder braun, reich oder arm usw. ist? Und wer entscheidet, ob man vom Pech verfolgt wird oder eine Glücksträhne nach der anderen hat?

Es ist doch, wenn man mal die Biologie und andere rationale sowie wissenschaftliche Begründungen außer Acht lässt, die immer wiederkehrende Frage nach dem Sinn und dem, was wir mit unserem Verstand und unseren Sinnen nicht fassen können, oder hin und wieder auch einfach nicht wollen. Das, was der eine das Göttliche, der andere das Schicksal, der nächste Karma nennt.

Zu schön und tröstlich aber auch der Gedanke, dass es da etwas geben könnte, auf das wir einfach keinen Einfluss haben, das weder durch unsere Gene, Kultur und Herkunft noch Erziehung bestimmt ist und das sich von unseren vielen großen und kleinen Taten nicht am der Lauf der Dinge hindern lässt. Ein Spielbrett, von fremder Hand die Figuren geführt. Vorwärtsrücken, im Kreis laufen und dann wieder auf Anfang zurück geschmissen werden. Der Spruch „Der Mensch denkt, Gott lenkt“, mag einem dazu einfallen.

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Krisenzeiten eignen sich ganz besonders, sich den Status einer Marionette überzustülpen. Macht- und tatenlos begegnen wir dem, was uns die Sprache verschlägt. Zu übergroß die Dimension, zu gewaltig die übermenschlichen Gegenspieler.

Dann erscheint es uns, zumindest kurzzeitig, leichter, unser Leben als etwas zu betrachten, das nicht wir in der Hand haben, sondern für uns gehandhabt wird. Die Sehnsucht nach dem paradiesischen Urzustand, in dem wir sorgen-, aber eben auch unfrei umherwandeln. Wer sich gern so sieht, sollte dabei nicht außer Acht lassen, dass uns allerdings auch erst die Selbsterkenntnis befähigt, uns weiterzuentwickeln.

Und so ist letztlich die Vorstellung, dass irgendwann wer auch immer entschieden hat, dass wir Menschen nicht weiterhin im infantilen und primitiven Zustand des Paradieses als Spielfigur im Brettspiel der Götter auftreten, sondern agieren und Verantwortung übernehmen, mehr als ein Gewinn. Schließlich schmeckt auch der sauerste Apfel süß, wenn er uns auf dem Spielfeld des Lebens die Augen öffnet und uns vorrücken lässt. Denn wir können mehr. Wir sind mehr.

Ein Gedankenspiel mit der besten Freundin hilft natürlich auch in so mancher Krise.

P.S.: Liebste Freundin, alles erdenklich Gute zum Geburtstag. Wir machen einfach da weiter, wo wir aufgehört haben.