Von Weißkitteln und anderen Dingen, die nicht von dieser Welt sind

Es wirken mit:Mystik

  • Nackte und nüchterne Tatsachen
  • Die Freundin und die Liebe
  • Eine Banane und ein Bounty
  • Weißkittel und andere überlebensgroße Gestalten

Unlängst durfte ich vier Tage im Krankenhaus zubringen. Also, nicht auf einmal, sondern schön verteilt auf kleine Häppchen. Das hatte mehrere Vorteile: Ich konnte jeweils nicht lange nachdenken, sondern wurde direkt und unmittelbar mit allem konfrontiert. Und ich habe nahezu zwei Bücher in dieser Zeit gelesen. „Der raffinierte Mr. Scratch“ (444 Seiten) und „Die Bücherdiebin“ (586 Seiten). Von daher weiß Ich nun, dass es einen Unterschied zwischen dem Tod und dem Teufel gibt und dass beide sehr, sehr menschlich sind und ein großes Herz haben. Vielleicht nicht die beste Lektüre, wenn man sich an Orten rumtreibt, an denen Dinge sich mitunter zwischen Leben und Tod bewegen. Andererseits wäre das selbst für mich doch ein bisschen zu mystisch gewesen.

Bis zu jenen schicksalhaften vier Tagen, war ich in bisherigen meinem Leben nur dreimal in Folge von Verletzungen im Krankenhaus und einmal zur eigenen Geburt und der des Nachwuchses. An das das erste Mal erinnere ich mich nicht mehr. Da muss ich so vier oder fünf gewesen sein und mein schon damals ausgeprägter Sturkopf schloss unfreiwillig Bekanntschaft mit dem Türstock, der als Sieger hervorging und mir eine Platzwunde bescherte, die genäht wurde. Tja, ob es daran lag, dass ich mich gern erinnern oder die Sturheit meines Schädels zu einem späteren Zeitpunkt nochmals testen wollte, kann ich nicht so genau sagen, aber jedenfalls wurde das Experiment in ähnlicher Konstellation wiederholt. Doch leider zog mein Kopf auch beim zweiten Mal den Kürzeren, so dass ich heute zwei Narben als Trophäen auf der Stirn trage. Beim dritten Mal durfte ich mir eine Tetanusspritze in den Allerwertesten jagen lassen, die dafür sorgte, dass ich mein aufgeschürftes Knie völlig vergaß, weil ich so damit beschäftigt war, eine schmerzfreie Sitzposition zu finden, die erträglich war.

Und nun also das: Vier Aufenthalte in zehn Tagen. Als sich bei Nummer drei der erste Schock über die Tatsache, dass ich neben meiner ersten OP auch noch gleich die Premiere einer Vollnarkose erleben beziehungsweise verschlafen darf, gelegt hatte, fragte ich mich insgeheim schon, ob ich dafür den „richtigen“ Tag ausgesucht hatte. Schließlich war es der Todestag meiner Mutter. Aber das wäre dann selbst für mich etwas zu mystisch gewesen.

Auf dem Monitor kann ich meinen Herzschlag sehen, der wie ein aufgeschreckter Schmetterling wild in meiner Brust flattern und den ich verzweifelt mit sanften Bildern und Atemübungen versuche, zu beruhigen. Selbst die Schwester blickt ein paar Mal sorgenvoll in meine schreckgeweihteten Augen. Der diensthabende Anästhesist versichert mir, dass sie „ein ganz tolles Schlafmittel“ haben und sie „gut auf mich aufpassen“ werden. Wenn man mit einem rasenden Puls und völlig nackt und seit fast zwanzig Stunden nüchtern, also fast am Verhungern, auf einem Gitterbett liegt und mit zig Dioden und Schläuchen verkabelt ist, wirkt das nicht gerade vertrauenserweckend. Der Schmetterling in meiner Brust sorgt dafür, dass ich das Rauschen meines Blutes bis in die Haarwurzeln fühlen kann. Und dann sehe ich mich auf einer Bank vor meiner Hütte in den Bergen Hand in Hand mit dem Mann an meiner Seite sitzen, während die letzten Sonnenstrahlen durch das Tal vor uns ziehen. Und dann ruft jemand unsanft meinen Namen. Und noch mal. Tja, so brutal kann die Wirklichkeit sein und so schnell sind zwei Stunden vorbei. Der beste Schlaf, den ich seit Ewigkeiten hatte. Alles andere wäre selbst für mich etwas zu mystisch gewesen.

Noch etwas wacklig auf den Beinen, vor allem aber leicht benebelt im Kopf, holt mich meine Freundin später ab. Keine drei Stunden nach dem Eingriff. Ein Segen und zugleich Fluch der modernen Medizin: Ambulant versorgt und zuhause auskurieren. Für mich heißt das auch, die Mutterrolle in gewohnter Weise ausfüllen. Doch später dann, als es ganz still um mich herum ist, sitze ich auf der Küchenbank, genieße ich die Banane, die mir meine Freundin fürsorglich eingepackt hat und das Bounty, welches ich mir immer bei besonderen Bergtouren und dann als Gipfelbelohnung gönne. Ein bisschen Mystik tut manchmal eben ganz gut.

Eure Kerstin

 

P.S.: Das Buch „Mystik an der Leine des Alltäglichen“ kann ich nur jedem empfehlen. Auch ohne Krankenhaus. Die beiden im Text genannten Lektüren natürlich auch.

 

 

Scheinwelten

Karte Nr. 18: „’Nicht die Dinge beunruhigen die Menschen, sondern seine Meinung über die Dinge’ – Epiktet. Hinterfragen Sie eine Ihrer Überzeugungen, etwa hinsichtlich Hausfrauen, Machos oder Paaren mit getrennten Schlafzimmern.“

Ich will gar nicht erst in die Diskussion über Vorurteile und Ansichten einsteigen. Das ist ziemlich dünnes Eis, auf dem man sich da bewegt. Zum einen bin ich zu alt, um keine Meinung zu haben und zum anderen tendieren wir dazu, zu allem und jedem eine Meinung zu äußern – unabhängig von der Tatsache, ob wir eine Ahnung haben, wovon wir sprechen oder nicht. Ein Zugeständnis an ein Leben, bei dem die andere Seite der Welt nur einen Klick entfernt ist. Wir sind nicht mal in der Lage, die Haustür zu öffnen, geschweige denn eine Reise zu unternehmen, egal wie fremd das Land sein mag, ohne irgendeine Erwartungshaltung.

Kürzlich war ich während einer Reise in Tanger, Marokko. Das ist Afrika, aber auch irgendwie Europa. Und zu 99% muslimisch. Die Stadt ist geprägt von einer langen und bewegten Geschichte. König Mohammed VI. investiert gerade Unsummen in die Modernisierung. Tanger wird auch „Die weiße Stadt“ genannt, da die Gebäude die Sonne so lebhaft wiederspiegeln. Im Vorfeld gab es einen Vortrag, bei dem der Lektor uns ausführlich informierte. Auch, dass in den Cafés keine Frauen sitzen, sich unterhalten und Minztee trinken. Geschäfte sind Männersache. Ich versuchte, mir vorzustellen, ob ich in solch einer Welt leben könnte: Exotisch und bestimmt durch Traditionen und tief verankerte Ansichten. Und ich wollte unbedingt die Medina und das Treiben erleben.

Als Frau mit leichtem blond-grau Stich und recht blasser Haut hatte ich so meine Bedenken, mich allein in die Altstadt zu begeben. Also habe ich mich einer Reisegruppe angeschlossen. Ich trug einen bodenlangen, losen Rock, eine hochgeschlossene, lockere Bluse und eine Strickjacke, die meine Hände über die Gelenke hinweg bedeckte. Sogar meine Schuhe waren angemessen – flach und geschlossen. Keine grellen Farben (grau/beige/weiß), nichts, was mich hätte herausstechen lassen. Soweit, ein Kopftuch zu tragen, bin ich nicht gegangen, aber meine Haare habe ich in einem festen Dutt befestigt. Immerzu in der Annahme, dass ich die allgemeinen Erwartungen und Gepflogenheiten respektieren kann, aber auch zu zeigen, dass ich nicht mit allen Vorschriften einverstanden bin und mich verbiegen lasse. Schließlich bin ich Europäerin. Gewohnt, meine Meinung frei zu äußern und trotzdem tolerant zu sein. Zu respektieren und respektiert zu werden. Was soll ich sagen: Unmittelbar, nachdem wir den Hafen verlassen hatten, fühlte ich mich nackt. Wir leben in einer Scheinwelt. Es gibt Dinge, die wir sehen und solche, die wir sehen wollen.

Illusion

Zu den auf der Hand liegenden Punkten: Nein, ich könnte niemals nur Hausfrau sein. Ohne Arbeit – also meinen derzeitigen Job – aber sehr wohl. Aber das ist ja nicht dasselbe. Ich wäre nicht glücklich, nur mit Kochen, Putzen, Kindererziehung und häuslichen Aufgaben, aber ich bewundere all jene, die darin aufgehen.

Nr. 2: Machos: Ja, da werde ich schwach, aber ich hasse es, weil ich es nicht leiden kann, wenn mir jemand sagt, was ich tun soll und was ich zu mögen habe. Gut, die Machos, von denen ich rede, sind meist nur Machos nach außen hin. Innerlich sind sie voller Selbstzweifel, unsicher und eigentlich auf Grund irgendwelcher mentalen Schwierigkeiten, welche sie durch ihr vorgetäuschtes Machogehabe zu kompensieren versuchen, einfach nicht in der Lage, ein normales Leben zu führen. Tut mir leid, Jungs. Schätze, ich habe einfach immer nur diesen einen Stereotyp in meinem Leben getroffen.

Ah, und die getrennte Schlafzimmer. Super Idee. Aber warum nicht gleich getrennte Wohnungen? So hat man wenigstens eine Rückzugsmöglichkeit, um seine Spleens auszuleben und z.B. mit Gurkenmaske abends ins Bett zu steigen. Schließlich muss der geliebte Mensch ja nicht alles zu sehen bekommen, richtig? Nicht, dass ich so was mache, aber auch ich werde älter und wer weiß schon, was die Zukunft bringt.

Wer es noch nicht gemerkt hat: Weihnachten steht vor der Tür, der Vorweihnachtsstress hat schon begonnen. Was wäre da besser als eine Komfortkarte. Nr. 19.: „Sie geben sich der Muße hin: Gestatten Sie sich, mal so richtig faul zu sein. Reservieren Sie einen Tag im Kalender, den Sie von morgens bis abends im Bett verbringen werden – mit Schlafen, Lesen oder Sex.“ Gut, also für die Aufgabe überlege ich noch, ob getrennte Schlafzimmer oder besser nicht. Aber die Frage ist doch, warum das „oder“? In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

Kleidergeschichten

Karte Nr. 17: “’Sie fühlen sich unschlagbar: Tragen Sie Ihr schönstes Kleid und genießen Sie die Blicke. Ein normaler Tag wird so zu etwas Besonderem – und jeder kann es sehen.“

Kleiderschrank

Zuerst wollte ich nur das Bild veröffentlichen und jeder könnte sich seine eigene Geschichte dazu denken. Ich hatte wirklich einen schlechten Monat. Wetter, Arbeit, Familie, Freunde, Leben, das ganze Paket. Mag sein, dass es an der Jahreszeit liegt. Unter Umständen liegt es auch an mir. Wer weiß? Alles, was ich weiß ist: Ich habe mich nicht unschlagbar gefühlt. Und ich habe auch keine Blicke kassiert. Ich denke: Was ist nur verkehrt mit dieser Welt? Was stimmt mit mir nicht? Vielleicht waren es die falschen Kleider. Vielleicht bin ich blind. Vielleicht gibt es keine normalen Tage mit normalen Menschen mehr. M. sagt immer, dass mir Kleider stehen. Hm.

Ich habe versucht, mich zu erinnern, welches Kleid ich wann getragen habe. Schlussendlich haben alle Kleider eine Vergangenheit und eine Geschichte.

Da ist das Spitzenkleid, dass ich zusammen mit einen Freund gekauft habe, als wir einen spontanen Ausflug ans Meer gemacht haben. Das blaue Sweatshirtkleid mit der Kapuze, das ich während des Italienurlaubes immerzu anhatte, als ich eine kleine Hütte gemietet hatte und eine solch riesige Melone auf dem Markt gekauft habe, die ich nicht aufessen konnte, bevor sie schlecht wurde. Das lange, rote Trägerkleid mit den Punkten, das grüne Samtkleid und das rote Dirndl – allesamt für Hochzeiten angeschafft, auf die ich nicht keine große Lust hatte, aber trotzdem hingehen musste. Das blaue Seidenkleid mit den Pailletten, ein Impulskauf, der noch immer auf eine geeignete Gelegenheit wartet. Die kurze, schwarze Seidentunika mit den rosa und lila Quadraten, die ich bei einer Städtetour abends in der Bar anhatte, während der Klavierspieler sein Bestes gab. Das lange, schulterfreie Abendkleid, welches ich für eine Silvesterparty erworben habe, auf die ich dann nicht gegangen bin. Das enge, lila Jerseykleid, in dem ich so gern an Couchtagen rumgammel. Das graue Dirndl, ausgesucht für eine Firmenveranstaltung. Das schwarze A-Linien-Kleid mit dem weißen Grafikmuster, für das ich Ewigkeiten nach einem Shirt zum Drunterziehen gesucht habe. Die verschiedenen Strickkleider in grau, braun und hellgrün, die sich so gut auf der Haut anfühlen und einfach bequem sind. Das weiße Strandkleid, das ich in Ägypten während des all-inclusive Urlaubes in dem schicken 5-Sterne-Hotel getragen habe. Das blaue Blusenkleid, das ich gern im Garten anhabe. Das Safarikleid, welche bis dato noch nie auf einer Safari war. Das graue Leinenkleid mit dem tiefen Rückenausschnitt und dem Schlitz, das man ohne Unterrock nicht ausführen kann. Das Wickelkleid mit den weißen und rosa Blumen, welches so gut zu den silbernen Riemchenschuhen passt. Das beige Etuikleid, das ich nur anziehe, wenn es mehr als 30°C sind und ich eine gewisse Bräune habe – also einmal im Jahr.

Aber eigentlich will ich gar nicht in Erinnerungen schwelgen. Weil dann müsste ich wohl mein Hochzeitskleid aus dem Kleidersack holen und endlich entscheiden, was ich damit anfange. Irgendwie hat es mir nie so richtig gepasst. Aber wie jede Braut bildete ich mir ein, ein Kleid ausgesucht zu haben, welches ich später nochmals anziehen könne. Und habe vom Stil her ein Jackie-Kennedy-Kleid ausgesucht. Vermutlich sollte ich es einfach ändern lassen und einfärben. Et voilà: Der perfekte Cocktaildress. Nur schade, dass ich nie zu irgendwelchen Cocktailempfängen gehe.

Glücklicherweise steht Halloween vor der Tür und ich kann mein Hexenoutfit aus der Versenkung holen. Zusammen mit der silbergrauen Perücke und dem langen Umhang. Und wenn ich die Hakennase mit der Warze trage, kann ich sicher sein, dass ich zumindest dann den einen oder anderen Blick erhalte. Bis dahin ziehe ich das unverschämt teure, bodenlange graue Kleid, welches gerade erst seine Kleidergeschichte beginnt, weil neu, und spiele Aschenputtel.

Nr. 18. Was mache ich nur? Ich brauche dringend ein bisschen Ordnung in meinem Leben. Daher ist eine Sinneskarte wohl eine gute Wahl: „’nicht die Dinge beunruhigen die Menschen, sondern seine Meinung über die Dinge’ – Epiktet. Hinterfragen Sie eine Ihrer Überzeugungen, etwa hinsichtlich Hausfrauen, Machos oder Paaren mit getrennten Schlafzimmern.“  Herrje, ich fühle mich schon jetzt überfordert und brauche beim besten Willen keine zusätzlichen Herausforderungen für meinen wirren Gedankenhaushalt. Na denn. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

Tatort des Monats Februar

Nach dem Umzug erinnert der Keller eher an eine Rumpelkammer. Es wird mir immer verborgen bleiben, warum Keller grundsätzlich voll sind, obwohl man die Dinge, die dort lagern, fast nie braucht (Küchenmaschine) bzw. auch nicht vermisst (künstliche Kerzen mit Farbwechsel und Fernbedienung). Wenn ich also ohne diese Stücke am Leben bleibe, dann wäre der Umkehrschluss somit, dass ich sie tatsächlich nicht brauche. Werde also demnächst dort Tabula Rasa machen. Hier schon mal der erste Fund, denn Kleinvieh macht bekanntlich auch Mist. Und den will ich ja loswerden.

Tatort: Keller, Werkzeugkiste.2014_02

Tatbestand: Allerlei Möbelaufbauhilfen, die sich im Laufe der Jahre beim Shoppen im blau-gelben Einrichtungshaus angesammelt haben.

Tatortsäuberung: Wurden schön säuberlich gesammelt: Könnte man ja noch mal benötigen. Wozu allerdings der berühmte Imbusschlüssel in der Einheitsgröße in zigfacher Ausfertigung gut sein soll, bleibt mir bis dato verschlossen. Noch habe ich nur zwei Hände. Vielleicht wäre eine Art Auf-/Abbauparty mit Freunden denkbar. Hm, schade, bin ja gerade erst umgezogen. Also, weg damit in den Metallschrottcontainer. Schließlich weiß ich ja, wo es Nachschub gibt, sollte besagte Party doch noch irgendwann stattfinden.

Spieglein, Spieglein…

Leseecke„Wenn ich in den Spiegel schaue, dann…“

Ich glaube, Frauen und Frauen in meinem Alter im Besonderen, tendieren dazu, diesen Satz negativ zu beenden: Falten, graue Haare, fahle Haut, Pickel, mattes Haar, Augenringe, um nur mal ein paar Dinge zu nennen. Also, ein schwieriges Thema. Schon bei Schneewittchen war der Spiegel der Grund allen Übels. Immer gibt es ein Bild, das schöner/besser ist als wir: Die neue Mitarbeiterin im Team, die Schauspielerin aus dem letzten Film, die Frau uns gegenüber im Bus, die Werbeikone. Doch welches Bild habe ich von mir? Bin ich am Ende selbst die böse Stiefmutter, die ständig ihre Schönheit hinterfragt und ihrer Jugend hinterher trauert?

Es heißt ja immer, Frauen verbringen viel Zeit vor dem Spiegel. Dieses Vorurteil kann ich guten Gewissen so erst mal nicht bestätigen. Klar schaue ich morgens und abends in den Spiegel, aber wirklich sehen tue ich mich nicht. Der Blick zielt meist immer nur Details: Schminke auflegen, Haare frisieren, Zahnseide benutzen, Outfit kontrollieren. Fertig. Selten, dass ich meine Aufmerksamkeit dem Ganzen widme. Oder einen zweiten Blick riskiere. Riskieren ist das richtige Stichwort. Warum ist das eigentlich so? Versuchen wir durch das Nicht-im-Spiegel-Betrachten unser Bild von uns zu konservieren? Ähnlich einem Dorian Grey, der sich verzweifelt an seine jugendliche Schönheit klammert, während sein wahres Ich immer mehr zu einer Fratze wird? Sind wir so von äußeren Einflüssen manipuliert, dass wir an unserem Äußeren nichts Gutes mehr entdecken können?  Schon mal versucht, das eigene Spiegelbild anzulächeln? Ich will nicht behaupten, es ist unmöglich, aber in den meisten Fällen wirkt es doch recht unnatürlich, eigentlich schon gezwungen. Viel einfacher scheint es tatsächlich Grimassen zu ziehen. Würde also auch bedeuten, dass wir uns leichter tun, eine Kunstfigur von uns zu erschaffen, als ohne Maske aufzutreten. Trete wir also mit der Fratze auf, während wir unser wahres Ich verbergen?

Man sagt ja auch, die Augen seien die Spiegel zur Seele. Was bedeutet es also, wenn ich mir schon selbst nicht mehr so richtig in die Augen schaue? Und was sagt dies über meine Beziehung zu anderen aus? Kann ich dann überhaupt noch anderen Menschen in die Auge schauen und sie in meine? Oder ist meine Seele am Ende so verkommen, dass es mir vor meinem eigenen Anblick graut? Was ist aus mir geworden? Der eine oder andere kennt vielleicht folgende Liedzeile: „Now the face that I see in the mirror, more and more is a stranger to me, more and more I can see there’s danger, in becoming what I’ve never thought I’d be.” Werden wir uns vielleicht mit der Zeit immer fremder? Hin und wieder ertappe ich mich dabei, dass ich mein Spiegelbild sehe und mir dann meine Mutter entgegenschaut. Als Kind habe diese Ähnlichkeit nicht wahrgenommen, ja sogar bisweilen ansatzweise verleugnet. Nie konnte ich ihre Züge erkennen. Und nun sind sie da. Unverkennbar. Ob es mir Angst macht? Nein, im Grunde empfinde ich es als beruhigend, zu wissen, dass man sein Erbe mich sich trägt und am Ende vielleicht auch weitergibt.

Und so spiegelt sich in meinem Bild ein ganzes Leben. Zu jedem „Makel“ gibt es eine Geschichte, voll mit Gefühlen und Erlebnissen. Und wenn ich neben all den Fragen genau hinschaue, dann kann ich sagen: Ja, das bin ich und ich bin gut so wie ich bin?

Eure Kerstin

Tagline – Wer oder was bin ich?

LeseeckeVorweg: Eigentlich sollte es hier mit Karte #4 weitergehen, aber nachdem ich mich im Laufe der letzten Wochen recht ausführlich mit dem Thema Bloggen beschäftigt habe, möchte ich zu meinem Experiment eine weitere Kategorie als Leseecke für andere Themen, die mich beschäftigen, hinzufügen. Ja, ich weiß, wenn ich nun mit einem neuen Thema anfange, wird es unter Umständen etwas verwirrend. Aber bei „The Daily Post“ werden hin und wieder so interessante Aufgaben an die Blogger gestellt, dass ich beschlossen habe, das ein oder andere Thema aufzugreifen. Kurze Hintergrundinfo für alle, denen „The Daily Post“ kein Begriff ist: Hierbei handelt es sich um eine Website von wordpress.com (bei der auch mein Blog registriert ist), auf der täglich Themen, Fragen und Aufgaben an alle Nutzer verteilt werden, die man dann über den eigenen Blog verarbeiten kann. Und dies ist eine der Aufgaben aus den letzten Wochen:

„Jeder benutzt bei seinen Einträgen verschiedene „Taglines“. Was wäre, wenn auch Menschen damit versehen wären? Was wäre Deine „Tagline“?“

Es stimmt, ich habe alle meine bisherigen Einträge mit Schlagwörtern versehen, von denen ich denke, dass sie den Artikel charakterisieren. Meine erste Eingebung dazu ist die Sendung „Was bin ich?“. Und im Speziellen Robert Lembke mit seiner Frage: „Welches Schweinderl hätten S’ denn gern?“ So ein Sendeformat würde heute wahrscheinlich keiner mehr anschauen. Völlig normale Menschen kommen rein, schreiben Ihren Namen an eine Tafel und machen ein typische Handbewegung. Dann versucht die Ratecrew mit Fragen den Beruf heraus zu bekommen. Bei jedem „Nein“ ist der Nächste dran und der Kandidat erhält 5 D-Mark. Jawohl, D-Mark, so lange ist das schon her. Und wenn ich mich recht entsinne, sogar noch vor der „neuen“ D-Mark. Damals, als noch der Herr mit der langen Lockenpracht auf dem 10-Mark-Schein war und die Dame mit dem überdimensionalen Haarnetz auf dem 20er. Maximale Gewinnchance bei Robert Lembke: 50 D-Mark. Schluss war, wenn das Schweinderl voll ist, also 10x Nein ergibt 50 D-Mark, oder der Beruf erraten wurde. Oft gab es noch eine Promirunde, bei der die Rater Schlafmasken aufsetzen mussten. Ein durch Spannung nicht zu überbietendes Format – nach heutigen Maßstäben wohlgemerkt. Denn ich glaube mich erinnern zu können, dass ich diese Sendung durchaus gern gesehen habe, was auch daran gelegen haben mag, dass es damals eh nur 3 Programme gab und eben das lief, was die Eltern sehen wollten. Vorbild war im übrigen die US-Show „What’s my line?“. Und das passt dann ganz gut zu meiner „Tagline“. Laut Übersetzungshandbuch, steht Tagline für Werbeslogan. Was also, wenn ich für mich Werbung machen müsste? Wie würde das aussehen, wenn….

… ich ein Haustier wäre: Treue Seele, beim Futter etwas wählerisch, sucht warmes, ruhiges Heim ohne Kinder mit viel Auslauf.

… ich eine Immobilie wäre: Schmuckes, zeitloses Hexenhäuschen, sichtgeschützt, sucht praktisch veranlagten Liebhaber, der gern auch mal selbst Hand anlegt.

… ich eine Bewerbung wäre: Vielseitige, zuverlässige und fleißige Biene mit Hang zum Perfektionismus sucht abwechslungsreiche Aufgabe und nette Kollegen.

…  ich ein Auto wäre: Robuster, wendiger und sportlicher Kleinwagen, günstig im Unterhalt, sucht flotten Fahrer für Wochenendfahrten ins Grüne.

…  ich ein Gericht wäre: Farbenfrohes Geschmackserlebnis mit süßer Note sucht experimentierfreudigen Genießer.

…  ich ein technisches Gerät wäre: Langlebiger, schlichter Begleiter, einfache Handhabung, sucht liebevollen Bediener.

…  ich ein Kleidungsstück wäre: Wandlungsfähiges, leicht konservatives Allroundtalent für jede Gelegenheit sucht ordnungsliebenden Träger, für den Körperpflege selbstverständlich ist.

…  ich eine Kontaktanzeige wäre: Lebenslustige, selbständige Mitvierzigerin, Nichtraucher, eher klein, sucht bodenständigen Mann mit ausgeglichenem Bankkonto. Kein Künstler.

…  ich ein Buch wäre: Wortgewandte, phantasievolle Lektüre sucht ebensolchen Träumer.

…  ich ein Gewächs wäre: Standortunabhängige, pflegeleichte Staude, Flachwurzler, sucht verantwortungsvollen Hobbygärtner.

Wie man sieht, geht es letztendlich weniger um die Frage, welches meine Eigenschaften sind und welche Schlagwörter unter meinem Namen stehen würden, als vielmehr um die Frage: Wer bin ich?

Eure Kerstin