Von wüst zu ernüchternd kreativ

Traumzeichenstunde. Oder so etwas in der Art. Die Dozentin des Kurses zur kreativen Selbstentfaltung will mit uns ein Experiment machen. „Der magische Kubus“ (wer den schon kennt, weiß ja schon jetzt, was für ernüchternde Erkenntnisse da am Ende des kreativen Schaffensprozesses einen vor den Kopf stoßen. Alle andere dürfen gern jetzt Papier und Stift bereitlegen). Dabei geht es in erster Linie und auch später nicht um unsere zeichnerischen beziehungsweise malerischen Talente. Sagt sie. Viel entscheidender ist am Ende das innere Bild. Sagt sie. Na, da bin ich mal gespannt.

Wir befinden uns in der Wüste. Sogleich sehe ich flirrende Luftspiegelungen, kann die Hitze förmlich spüren und auch den schon leicht trockenen Mund. Am Horizont türmen sich endlose Sanddünen, hier und da ragen Gebirge und Steinwüsten auf – ein Meer ohne Wasser und darüber der gleißende Sonnenball. Ein paar zarte Pflanzen, es sind wohl dürre Gräser, platziere ich auch noch, schließlich lebt die Wüste wie man weiß.

Dann kommt der Kubus. Ein Würfel, mitten in der Wüste. Irgendwie wie bei „2001: Odyssee im Weltraum“. Aber das war ein Monolith und kein Kubus und das war auch mit Computern im Weltraum und so und eher düster als magisch. Ich denke an Zelt, Oase, Wassertrog, Haus, irgendwas. Egal, ich platziere ihn einfach erst mal in der Mitte. Eigentlich ist er etwas zu klein geraten, um präsent zu sein, wo es doch um den magischen Kubus geht. Nun ja, verziere ich ihn einfach. Mit Bretterleisten, Verschlägen und Schlössern. Eine Kiste in der Wüste. Eine Schatzkiste? Und dann denke ich, dass so eine Kiste eigentlich auf ein Kamel gehört, welches gemächlich durch die Wüste stapft und seine Fracht dabei sanft hin und her schaukelt. Ein Wüstenschiff. Okay, das Kamel sieht aus wie eine Mischung aus Ente, Elefant und Esel. Aber, es geht ja um das innere Bild.

Nächster Punkt auf der magischen Reise ist eine Leiter. Gut, eine Leiter, um auf das Kamel zu steigen. Das funktioniert. Doch mein Kamel ist ja schon gesattelt und beladen, fertig zum Abmarsch. Noch ist es an einen Pflock angebunden, ein Kamelhaufen zeugt davon, dass es schon etwas länger dort verharren muss, aber nun scheint es doch bald los zu gehen mit der Karawane. Also brauche ich einen Beduinen, der die Leiter gerade wegträgt.

„Und nun ein Pferd“, verkündet die Kursleiterin. Herrje, das Kamel ist schon eine Zumutung für die Augen. Also Menschen, Tiere, das sind alles Dinge, bei denen ich maltechnisch total versage. Ein Kubus, ja das ist kein Problem, Etwas mit klaren Linien und möglichst unbelebt. Und irgendwie soll das Pferd in der Nähe sein. Jedenfalls in meinem Bild, bilde ich mir ein. Da ist aber kein richtiger Platz mehr. Vielleicht, wenn ich nur das Hinterteil oder den Schweif male. Wie es gerade das Bild verlässt. Nein, der Beduine ist ja schon am Davonlaufen. Dann nur den Kopf. Genau. Und das Pferd trinkt gerade aus einem Trog. Die Idee hatte ich doch eigentlich für den Kubus. Ein Brunnen, aus dem ein Pferd/Kamel trinkt. Muss eben noch ein Behälter her. Gar nicht so schlecht.

„Als nächstes befindet sich irgendwo ein Sturm“, meint unsere Kursleiterin. Wüste plus Sturm, ja, das ist jetzt endlich mal etwas, das Sinn macht. Ein Sandsturm. Ein Riesending. Ganz am Horizont, aber gewaltig. Kilometerhohe Türme aus aufgewirbeltem Sand, die sich vor die Sonne schieben. Sehr schön.

Letzter Punkt auf der Reise sind Blumen. Prima, das habe ich ja mit den vier kleinen Grasbüscheln schon gleich am Anfang abgehakt. Die Wüste lebt, ist aber karg. Mehr als diese Art der Vegetation gibt der Boden einfach nicht her.

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Ja, doch so betrachtet, ist es ganz gut geworden. Nicht schön, aber selten und auch ein bisschen kreativ, finde ich. Ein Kabinett der wüsten Schaffenskraft. Bis dann die Auflösung kommt:

  1. Der Kubus bin ich
  2. Die Leiter sind meine Freunde
  3. Das Pferd ist mein Partner
  4. Der Sturm sind Hindernisse und Probleme
  5. Die Pflanzen sind Kinder
  6. Die Wüste ist die Welt

Die Ernüchterung folgt auf dem Fuße:

  1. Ich selbst bin also abgehoben, man könnte schon auf hohem Ross sitzend sagen, wenn es denn kein Kamel wäre. Vielleicht verstecke ich mich auch, während jemand anderes die Last meiner Person (er)tragen muss. Zudem bin ich verschlossen und vernagelt.
  2. Meine Freunde wenden sich ab und verlassen mich gerade.
  3. Mein Partner ist nicht so ganz im Bilde und mit Trinken beschäftigt. Zum Glück ist wenigstes der Kopf und nicht das Hinterteil anwesend. Die psychologische Deutung möchte ich nicht mal ansatzweise hören.
  4. Die Probleme ziehen gerade am Horizont auf, nehmen mir die Sicht und das Licht und sind schon jetzt überdimensioniert.
  5. Tja, und die Kinder sind kurz vor dem Verdursten, völlig unterernährt – ob nun real oder im übertragenen Sinn will ich mir gar nicht erst ausmalen – und nur ziemlich zaghaft wahr zu nehmen.
  6. Was soll ich sagen, meine Welt ist recht schemenhaft, fast schon skizzenhaft, und zeigt sich in einem unklaren, ungekannten Terrain.

Da tröstet es auch nicht, dass die Dozentin uns mit auf den Weg gibt, dass kreativ sein eben auch bedeutet, dass man etwas neu schaffen kann, wenn es einem nicht gefällt. Doch selbst ein farbiger Anstrich würde dem ganzen keine wirklich positive Note verleihen.

Nun fristet das kreative Werk vorerst also sein Dasein als ziemlich traurige Reflexion meines inneren Weltbildes. Vielleicht auch als Mahnung, hin und wieder über den Rand des eigenen Horizontes hinweg zu sehen und die feinen Sandkörner im Getriebe des Lebens nicht zu einem handfesten Motorschaden werden zu lassen. Denn schließlich könnte der Beduine die Leiter auf das Kamel weiter rechts laden und zusammen mit dem Pferd den Sandsturm umgehen. Und was die Kinder betrifft: Ich bin mir sicher, dass gleich rechts, da wo das andere Kamel wartet, eine Oase ist und die Karawane auf ihren Reisen immer wieder vorbeikommt und sich daran erfreut, dass es neben ihnen noch andere Lebewesen gibt, die mit dem bisweilen lebensfeindlichen und wüsten Klima der Welt zurechtkommen.

 

Eure Kerstin

Die Tasche

Kurzurlaub in der Therme. Ich habe meine orange Reisetasche gepackt, die ich seit fast dreißig Jahren besitze. Damals hatte ich sie immer dabei, wenn ich meinen Freund übers Wochenende besuchte. Oft bin ich mit dem Nachtzug gefahren und dann morgens mit meiner kleinen leuchtenden Tasche am Bahnsteig gestanden. Ich fühlte mich jung und frei und mondän.

Tasche

Jetzt, fast dreißig Jahre später, trage ich die Tasche über den Bahnhofsplatz und ertappe mich dabei, dass ich mich wie damals fühle. Und dann stelle ich noch fest, dass ich neben der Reisetasche auch meine Handtasche von damals dabeihabe. Ein Designermodel, welches ich in einer kleinen Boutique am Marktplatz für sündhafte teure DM 250 erstanden habe. Eine horrende Summe für mich und meine damaligen Verhältnisse. Aber wie gesagt, ich war jung und frei und mondän.

Ein Kind saust mit seinem Bobbycar laut scheppernd über den Gehsteig, der Vater in wilder Verfolgungsjagd hinterher. Ich lächle verständnisvoll, als der Kleine vor meinen Füßen ein riskantes Wendemanöver vollzieht. Der Vater schaut mich an. Ja, klar, ich bin jung und frei und kinderlos… halt, das war in einem anderen Leben, in einer anderen Zeit, einer anderen Stadt. Die Tasche spielt mir einen Streich.

Im Gegensatz zu mir, ist die Tasche die Gleiche geblieben. Keine Narben, keine Risse, drei Jahrzehnte scheinen spurlos an ihr vorüber gegangen zu sein, was ich von mir nicht behaupten kann. Es ächzt und knackt im Gebälk, mein Körper signalisiert Ermüdungs- und Abnutzungserscheinungen. Wie doch die Zeit vergeht.

Gerade und immer mal wieder gibt es diesen Trend, den Gang der Zeit festzuhalten. Dann wird in sozialen Netzwerken als Profilbild ein Bild von sich im Alter von ca. zwanzig Jahren eingestellt, was irgendwie nur für Leute weit jenseits der Zwanzig wirklich Sinn macht. Das führt zu viel Gelächter, was Frisuren und Kleidung der jeweiligen Epoche betrifft. Ein bisschen trauert man dem faltenlosen Gesicht, den Haaren ohne Graustich nach. Doch wenn man dann einmal hinter die Fassade blickt, entdeckt man all diese jungen, freien und manchmal auch mondänen Menschen, die so viel vom Leben erwarten und vor Lebensfreude und Zuversicht nur so strahlen. Und das alles ganz ohne eine entsprechende App.

Und heute? Die wenigsten zeigen sich. Schon gar nicht im Portraitmodus. Als Profilbild müssen Kind(er), Haustier, Landschaft, Sprüche etc. herhalten. Symbole der eigenen Identität. Dabei sagen unsere Gesichter doch so viel mehr. Die Zeichen der Zeit sind auch Zeugen des Lebens, das um uns herum und mit uns mittendrin stattfindet.

Oder verstecken wir uns nur alle hinter einem Wunschbild? Dem jungen und freien und mondänen Traum vom ich? Wo nur verliert man dieses innere Leuchten? Ist das Leben wirklich so zermürbend, dass es der Seele gar keine Chance gibt, nicht verhärmt zu werden? Sind die Hürden so hoch, dass es nicht ausbleibt, dass man hart wird?

All das geht mir durch den Kopf, während ich mit meiner kleinen orangen Reisetasche über den Bahnsteig laufe. Der Sound des Sportwagens zieht so manchen Blick auf sich, als ich einsteige. Mein Freund klappt das Dach runter, im Radio läuft „Here comes the sun“ von den Beatles und der Wind fährt durch mein Haar. Das Bergpanorama, welches sich vom Pool der Therme vor mir entfaltet, ist atemberaubend. Mehr jung und frei und mondän geht nicht.

 

Eure Kerstin

Der Duft des Lebens

Leseecke„Menschen haben einen starken Geruchssinn. Erzählen Sie über einen Geruch und woran er Sie erinnert.“

Sicherlich gibt es diese Gerüche, die einen zum Lächeln verführen. Ok, vielleicht ist Lächeln nicht das richtige Wort, eher so was wie ein inneres Lächeln, falls es das gibt. Also in Richtung stilles Glück. Wie der Duft nach frisch gemähtem Gras, die Luft nach einem Sommerregen, frische Bettwäsche, die erste Tasse Kaffee am Morgen.

Und es gibt Gerüche, die einen in eine andere Zeit versetzten: Das Parfum einer verflossenen Liebe, Plätzchenduft und Weihnachten. Schweißgeruch an das letzte Mal, als das eigene Deo versagte.

Und dann gibt es Gerüche, die nur in unserer Erinnerung lebendig sind. Für mich gehört dazu der Sonntagsbraten, den es bei uns immer gab. In meiner Erinnerung sind diese Sonntage lange, triste Tage, die schier endlos dauerten. Die Zeit schien eine zähe Masse zu sein. Die Familien blieben unter sich und jeder war sich selbst überlassen. Sich mit Freunden treffen war eher die Ausnahme. Die Stille draußen setzte sich im Haus fort. Mein Vater, der mittags auf dem Sofa schlief. Meine Mutter, die schweigend am Tisch saß und ihren Gedanken nachhing. Langeweile gehörte zum Programm. Genauso wie die Sportschau ein unumstößliches Ritual war. Es gab sowieso nur eine Handvoll Sender. Die Fernbedienung hatte ihren festen Platz auf der Armlehne des einzigen Sessels, der dem Fernseher zugewandt war. Der Hund, der nach dem Spaziergang friedlich unter dem Couchtisch schlief. Und eben der Sonntagsbraten. Schweinebraten mit Knödeln, Kalbsrollbraten mit Kartoffeln, Rinderschmorbraten mit Rosenkohl. Es roch nach Soße und Wärme. Manchmal waren es Kartoffelknödel mit gebratenen Zwiebeln. Ein Gericht aus der Kindheit meiner Eltern. Es roch nach Heimat und vergangenen Zeiten. Im Herbst gab es Pflaumenpfannkuchen. Es roch süß und gemütlich. Im Sommer wurde des Öfteren mit Freunden gegrillt. Für die Kinder gab es Rippchen und gegrilltes Brot. Der Grill wurde mit Holzkohle und Spiritus betrieben und es gab einen Fön zum Erzeugen der Glut. Flammen wurden mit Bier gelöscht. Es roch nach verbranntem Fett und Asche. Alles war lebendig. Und immer roch es nach Familie. Nach Liebe und Fürsorge.

Bisweilen haben Sonntage noch immer diese Konsistenz der Endlosigkeit. Draußen scheint die Welt zu ruhen. Die Menschen ziehen sich zurück. Neben der Sportschau laufen unzählige andere Sendungen, die für Unterhaltung sorgen. Die Langeweile wird ertränkt in Dokusoaps. Nur der Platz in der Küche bleibt leer. Niemand, der stundenlang für ein Familienessen arbeitet. Kein Topfklappern. Kein Duft, der durch das Haus zieht und einem das Wasser im Mund zusammen laufen lässt. Niemand, der einen zum Essen ruft. Meine Mutter hat mir ihre Rezepte nie verraten. Und ich habe sie nie danach gefragt. Nichts ist vom Duft des Lebens geblieben.

Eure Kerstin

Naturschönheiten

„Liebe zur Natur ist die einzige Liebe, die menschliche Hoffnungen nicht enttäuscht“ Honoré de Balzac. Erleben Sie die Schönheit der Natur.

Es scheint so simpel und doch… Wir sagen ja immer: „Schnönheit liegt im Auge des Betrachters“. Und tatsächlich empfindet jeder Schönheit als etwas Anderes, etwas Persönliches. Von daher habe ich für Karte Nr. 5 eine kleine Fotocollage gemacht, da die Schönheit der Natur sich am besten in Bildern darstellen lässt. Und selbst die zeigen nur die halbe Wahrheit

Frühling

Bergsee

Bergsee

Das erste Grün

Das erste Grün

Wolkenspiegel

Wolkenspiegel

Sonnenkraft

Sonnenkraft

Sommer

Klare Sicht

Klare Sicht

Kühles Nass

Kühles Nass

Wiesengast

Wiesengast

Ruhige See

Ruhige See

Herbst

Warmes Licht

Warmes Licht

Farbenspiel

Farbenspiel

Morgentau

Morgentau

Erstes Weiß

Erstes Weiß

Winter

Winterglück

Winterglück

Puderzucker

Puderzucker

Stille

Stille

Gipfelleuchten

Gipfelleuchten

Diesen Naturschönheiten ist nichts hinzu zu fügen. Außer die neue Aufgabe in Form von Karte Nr. 6 aus der Kategorie Power: “Spielen Sie mit Ihrer Phantasie: Kurbeln Sie Ihre Kreativität an und schreiben Sie ein Gedicht oder eine Kurzgeschichte, worin folgende Worte vorkommen: Herz, Waffel, Sonne, zärtlich.“ In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

Traumhaus vs. Wolkenschloss

Leseecke„Du gewinnst einen Wettbewerb und darfst Dein Traumhaus bauen. Entwerfe die Pläne.“

Als Kind standen meine Eltern einmal vor der Entscheidung, aus Kostengründen weiter aufs Land zu ziehen. Ich bin mir nicht sicher, wie konkret diese Pläne letztendlich waren und ob es irgendwelche Objekte gab, die sie damals besichtigt haben. Ich erinnere mich aber noch an das Bild aus einer dieser Wohnzeitschriften wie „Schöner Wohnen“ oder „Selbst ist der Mann“. Darauf abgebildet war ein ebenerdiges, helles Holzhaus mit Dachgauben. Mitten auf der Wiese. Es war Nacht und das Licht schien durch die unzähligen Sprossenfenster nach draußen und das Haus schien so einladend und warm. Damals dachte ich immer, das wäre das Haus, in welches wir einziehen würden. Dabei ist es doch eigentlich recht verwunderlich, dass wir immer den Hang nach Abgeschiedenheit haben. Eine einsame Hütte in den Bergen aus deren Schornstein der Rauch aufsteigt. Innen ein knisterndes Kaminfeuer und behagliche Stille. Oder der Landsitz mit parkähnlichem Garten. Mit glitzerndes Lüstern, Kachelofen und großzügiger Landhausküche. Immer sind es Fragmente, die sich in das Puzzle einfügen, aber kein Bild ergeben.

Das Wohnzimmer meiner Tante erstreckt sich über sich über drei Ebenen. Jede einzelne bietet eine Sitzgelegenheit und eine andere Sicht auf die Dinge. Davon habe ich lange Zeit geschwärmt. Der Raum ist bis unters Dach offen und man hat das Gefühl, sich in einem Schloss oder einer Kirche zu befinden. So hoch erscheint das Gewölbe. Eine Wand ist den Büchern gewidmet. In meiner Vorstellung ist die Bibliothek so hoch, dass man eine Leiter benötigt, um an die oberen Exemplare zu gelangen und daran vorbeigleiten kann. Eine andere Wand besteht komplett aus Fenstern. Als meine Tante das Haus gebaut hat, haben wir aus schwarzem Tonpapier Raubvogelsilhouetten ausgeschnitten, damit nicht ständig Vögel gegen die Scheiben fliegen. Stünde das Haus mit freier Sicht auf einer Anhöhe oder einem Berg könnte man schier endlos in die Weite blicken. Später hatte ich diverse Altbauwohnungen mit drei Meter hohen Decken. Ein Traum. Der Raum ist immer noch imposant, obwohl ich es eher etwas heimeliger bevorzugen würde. Nicht klein und einengend, aber auch nicht so groß, dass man sich selbst klein vorkommt.

Ich brauche viel Licht. Bodentiefe Fenster, die alles einfangen. Ich hatte mal eine Wohnung mit sogenannten französischen Fenstern. Davor platziert, war der Esstisch, der im Grunde ein geflochtener Gartentisch war. Morgens fiel dort das Licht in die Wohnung. Ich konnte die Balkontüren öffnen und hatte das Gefühl, draußen zu sein. Der Blick auf den Hinterhof hat sein Übriges zum Flair beigetragen. Kennt jemand den Film „Perfect Love Affair“ mit Warren Beatty und Annette Bening? Es gibt da diese Szene, in der er sie mit in das Haus seiner Tante nimmt, das auf irgendeiner tropischen Insel im Regenwald auf einem grünen Hügel steht. Aber es ist gar nicht das Haus, auf das ich hinaus will. Vielmehr ist es der Raum, in dem sich das Treffen abspielt. Dieser erscheint in sanftem, leicht diffusem Licht. Die Fenster sind fast bodentief und hölzerne Fensterläden lassen das Licht herein, halten aber die Hitze des Urwaldes draußen. Diesen Weichzeichnerstil habe ich mal in einer meiner Wohnungen versucht nach zu empfinden. Allerdings waren die Fensterläden durch Holzjalousien ersetzt und davor hingen transparente überlange Gardinen, die dem Ganzen einen Schleier auferlegten. Es war leider niemals so romantisch wie im Film, aber das lag sicherlich daran, dass anstatt des Klaviers ein übergroßer Flachbildfernseher mit Surround-System den Raum beherrschte. Vielleicht ist es aber auch ein Zeichen dafür, dass nicht alles, was in unserer Vorstellung als traumhaft erscheint, der Realitätsprüfung standhält.

Ich mag weiße Wände mit Platz für Bilder und/oder Fotos. In dem Buch von John Irving „Witwe für ein Jahr“ gibt es diese Passagen, bei denen Ruth vor den Bildern ihrer toten Brüder steht, die an sämtlichen Wänden aufgehängt sind. Zu jedem Foto gibt es eine Geschichte und Ruth wird es nicht müde, diese zu hören. Später dann, als nur noch die Haken und die ausgebleichten Stellen auf der Wand an die Bilder erinnern, erinnert sich Ruth bei jedem „Fleck“ daran, welches Foto dort hing und welche Geschichte dazu hört. An sich eine traurige Geschichte: Das Kind, das als Ersatz für die verunglückten Kinder das Familienglück retten soll und immerzu mit den Erinnerungen an die ihr unbekannten Geschwister konfrontiert ist, während vor ihr selbst kein einziges Bild im Hause zu finden ist. Aber das ist ja nicht der Punkt. Hier sollte es ja um das Traumhaus geben und was mir daran gefällt, ist die Vorstellung, beispielsweise im Flur oder Treppenhaus, wenn es denn eines gibt, unzählige Fotos aufzuhängen, die die Geschichte eines ganzen Lebens erzählen.

Ich bin mir nicht sicher, was ein Architekt mit meiner Vorstellung vom Traumhaus anfangen würde. Nach dem, was mir dazu in den Sinn kommt, wird es wohl eher so eine Art Villa Kunterbunt, bei der kein Raum zum anderen passt. Aber ist es nicht gerade das, was ein Traumhaus ausmacht? Ein etwas verschwommenes Bild, dessen Form sich ähnlich der Wolken ständig verändert? Ein Schloß in den Wolken? Und dann las ich in einem Interview folgende Frage des Moderators: „Wie beschreiben Sie Ihr Traumhaus?“ Und die Antwort: „Holzhaus, große Terrasse, fünfzehn Schritte bis an den Strand, das Meer in hundert Metern Entfernung.“ Tja, so einfach ist das!

Eure Kerstin

Spieglein, Spieglein…

Leseecke„Wenn ich in den Spiegel schaue, dann…“

Ich glaube, Frauen und Frauen in meinem Alter im Besonderen, tendieren dazu, diesen Satz negativ zu beenden: Falten, graue Haare, fahle Haut, Pickel, mattes Haar, Augenringe, um nur mal ein paar Dinge zu nennen. Also, ein schwieriges Thema. Schon bei Schneewittchen war der Spiegel der Grund allen Übels. Immer gibt es ein Bild, das schöner/besser ist als wir: Die neue Mitarbeiterin im Team, die Schauspielerin aus dem letzten Film, die Frau uns gegenüber im Bus, die Werbeikone. Doch welches Bild habe ich von mir? Bin ich am Ende selbst die böse Stiefmutter, die ständig ihre Schönheit hinterfragt und ihrer Jugend hinterher trauert?

Es heißt ja immer, Frauen verbringen viel Zeit vor dem Spiegel. Dieses Vorurteil kann ich guten Gewissen so erst mal nicht bestätigen. Klar schaue ich morgens und abends in den Spiegel, aber wirklich sehen tue ich mich nicht. Der Blick zielt meist immer nur Details: Schminke auflegen, Haare frisieren, Zahnseide benutzen, Outfit kontrollieren. Fertig. Selten, dass ich meine Aufmerksamkeit dem Ganzen widme. Oder einen zweiten Blick riskiere. Riskieren ist das richtige Stichwort. Warum ist das eigentlich so? Versuchen wir durch das Nicht-im-Spiegel-Betrachten unser Bild von uns zu konservieren? Ähnlich einem Dorian Grey, der sich verzweifelt an seine jugendliche Schönheit klammert, während sein wahres Ich immer mehr zu einer Fratze wird? Sind wir so von äußeren Einflüssen manipuliert, dass wir an unserem Äußeren nichts Gutes mehr entdecken können?  Schon mal versucht, das eigene Spiegelbild anzulächeln? Ich will nicht behaupten, es ist unmöglich, aber in den meisten Fällen wirkt es doch recht unnatürlich, eigentlich schon gezwungen. Viel einfacher scheint es tatsächlich Grimassen zu ziehen. Würde also auch bedeuten, dass wir uns leichter tun, eine Kunstfigur von uns zu erschaffen, als ohne Maske aufzutreten. Trete wir also mit der Fratze auf, während wir unser wahres Ich verbergen?

Man sagt ja auch, die Augen seien die Spiegel zur Seele. Was bedeutet es also, wenn ich mir schon selbst nicht mehr so richtig in die Augen schaue? Und was sagt dies über meine Beziehung zu anderen aus? Kann ich dann überhaupt noch anderen Menschen in die Auge schauen und sie in meine? Oder ist meine Seele am Ende so verkommen, dass es mir vor meinem eigenen Anblick graut? Was ist aus mir geworden? Der eine oder andere kennt vielleicht folgende Liedzeile: „Now the face that I see in the mirror, more and more is a stranger to me, more and more I can see there’s danger, in becoming what I’ve never thought I’d be.” Werden wir uns vielleicht mit der Zeit immer fremder? Hin und wieder ertappe ich mich dabei, dass ich mein Spiegelbild sehe und mir dann meine Mutter entgegenschaut. Als Kind habe diese Ähnlichkeit nicht wahrgenommen, ja sogar bisweilen ansatzweise verleugnet. Nie konnte ich ihre Züge erkennen. Und nun sind sie da. Unverkennbar. Ob es mir Angst macht? Nein, im Grunde empfinde ich es als beruhigend, zu wissen, dass man sein Erbe mich sich trägt und am Ende vielleicht auch weitergibt.

Und so spiegelt sich in meinem Bild ein ganzes Leben. Zu jedem „Makel“ gibt es eine Geschichte, voll mit Gefühlen und Erlebnissen. Und wenn ich neben all den Fragen genau hinschaue, dann kann ich sagen: Ja, das bin ich und ich bin gut so wie ich bin?

Eure Kerstin