Von wüst zu ernüchternd kreativ

Traumzeichenstunde. Oder so etwas in der Art. Die Dozentin des Kurses zur kreativen Selbstentfaltung will mit uns ein Experiment machen. „Der magische Kubus“ (wer den schon kennt, weiß ja schon jetzt, was für ernüchternde Erkenntnisse da am Ende des kreativen Schaffensprozesses einen vor den Kopf stoßen. Alle andere dürfen gern jetzt Papier und Stift bereitlegen). Dabei geht es in erster Linie und auch später nicht um unsere zeichnerischen beziehungsweise malerischen Talente. Sagt sie. Viel entscheidender ist am Ende das innere Bild. Sagt sie. Na, da bin ich mal gespannt.

Wir befinden uns in der Wüste. Sogleich sehe ich flirrende Luftspiegelungen, kann die Hitze förmlich spüren und auch den schon leicht trockenen Mund. Am Horizont türmen sich endlose Sanddünen, hier und da ragen Gebirge und Steinwüsten auf – ein Meer ohne Wasser und darüber der gleißende Sonnenball. Ein paar zarte Pflanzen, es sind wohl dürre Gräser, platziere ich auch noch, schließlich lebt die Wüste wie man weiß.

Dann kommt der Kubus. Ein Würfel, mitten in der Wüste. Irgendwie wie bei „2001: Odyssee im Weltraum“. Aber das war ein Monolith und kein Kubus und das war auch mit Computern im Weltraum und so und eher düster als magisch. Ich denke an Zelt, Oase, Wassertrog, Haus, irgendwas. Egal, ich platziere ihn einfach erst mal in der Mitte. Eigentlich ist er etwas zu klein geraten, um präsent zu sein, wo es doch um den magischen Kubus geht. Nun ja, verziere ich ihn einfach. Mit Bretterleisten, Verschlägen und Schlössern. Eine Kiste in der Wüste. Eine Schatzkiste? Und dann denke ich, dass so eine Kiste eigentlich auf ein Kamel gehört, welches gemächlich durch die Wüste stapft und seine Fracht dabei sanft hin und her schaukelt. Ein Wüstenschiff. Okay, das Kamel sieht aus wie eine Mischung aus Ente, Elefant und Esel. Aber, es geht ja um das innere Bild.

Nächster Punkt auf der magischen Reise ist eine Leiter. Gut, eine Leiter, um auf das Kamel zu steigen. Das funktioniert. Doch mein Kamel ist ja schon gesattelt und beladen, fertig zum Abmarsch. Noch ist es an einen Pflock angebunden, ein Kamelhaufen zeugt davon, dass es schon etwas länger dort verharren muss, aber nun scheint es doch bald los zu gehen mit der Karawane. Also brauche ich einen Beduinen, der die Leiter gerade wegträgt.

„Und nun ein Pferd“, verkündet die Kursleiterin. Herrje, das Kamel ist schon eine Zumutung für die Augen. Also Menschen, Tiere, das sind alles Dinge, bei denen ich maltechnisch total versage. Ein Kubus, ja das ist kein Problem, Etwas mit klaren Linien und möglichst unbelebt. Und irgendwie soll das Pferd in der Nähe sein. Jedenfalls in meinem Bild, bilde ich mir ein. Da ist aber kein richtiger Platz mehr. Vielleicht, wenn ich nur das Hinterteil oder den Schweif male. Wie es gerade das Bild verlässt. Nein, der Beduine ist ja schon am Davonlaufen. Dann nur den Kopf. Genau. Und das Pferd trinkt gerade aus einem Trog. Die Idee hatte ich doch eigentlich für den Kubus. Ein Brunnen, aus dem ein Pferd/Kamel trinkt. Muss eben noch ein Behälter her. Gar nicht so schlecht.

„Als nächstes befindet sich irgendwo ein Sturm“, meint unsere Kursleiterin. Wüste plus Sturm, ja, das ist jetzt endlich mal etwas, das Sinn macht. Ein Sandsturm. Ein Riesending. Ganz am Horizont, aber gewaltig. Kilometerhohe Türme aus aufgewirbeltem Sand, die sich vor die Sonne schieben. Sehr schön.

Letzter Punkt auf der Reise sind Blumen. Prima, das habe ich ja mit den vier kleinen Grasbüscheln schon gleich am Anfang abgehakt. Die Wüste lebt, ist aber karg. Mehr als diese Art der Vegetation gibt der Boden einfach nicht her.

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Ja, doch so betrachtet, ist es ganz gut geworden. Nicht schön, aber selten und auch ein bisschen kreativ, finde ich. Ein Kabinett der wüsten Schaffenskraft. Bis dann die Auflösung kommt:

  1. Der Kubus bin ich
  2. Die Leiter sind meine Freunde
  3. Das Pferd ist mein Partner
  4. Der Sturm sind Hindernisse und Probleme
  5. Die Pflanzen sind Kinder
  6. Die Wüste ist die Welt

Die Ernüchterung folgt auf dem Fuße:

  1. Ich selbst bin also abgehoben, man könnte schon auf hohem Ross sitzend sagen, wenn es denn kein Kamel wäre. Vielleicht verstecke ich mich auch, während jemand anderes die Last meiner Person (er)tragen muss. Zudem bin ich verschlossen und vernagelt.
  2. Meine Freunde wenden sich ab und verlassen mich gerade.
  3. Mein Partner ist nicht so ganz im Bilde und mit Trinken beschäftigt. Zum Glück ist wenigstes der Kopf und nicht das Hinterteil anwesend. Die psychologische Deutung möchte ich nicht mal ansatzweise hören.
  4. Die Probleme ziehen gerade am Horizont auf, nehmen mir die Sicht und das Licht und sind schon jetzt überdimensioniert.
  5. Tja, und die Kinder sind kurz vor dem Verdursten, völlig unterernährt – ob nun real oder im übertragenen Sinn will ich mir gar nicht erst ausmalen – und nur ziemlich zaghaft wahr zu nehmen.
  6. Was soll ich sagen, meine Welt ist recht schemenhaft, fast schon skizzenhaft, und zeigt sich in einem unklaren, ungekannten Terrain.

Da tröstet es auch nicht, dass die Dozentin uns mit auf den Weg gibt, dass kreativ sein eben auch bedeutet, dass man etwas neu schaffen kann, wenn es einem nicht gefällt. Doch selbst ein farbiger Anstrich würde dem ganzen keine wirklich positive Note verleihen.

Nun fristet das kreative Werk vorerst also sein Dasein als ziemlich traurige Reflexion meines inneren Weltbildes. Vielleicht auch als Mahnung, hin und wieder über den Rand des eigenen Horizontes hinweg zu sehen und die feinen Sandkörner im Getriebe des Lebens nicht zu einem handfesten Motorschaden werden zu lassen. Denn schließlich könnte der Beduine die Leiter auf das Kamel weiter rechts laden und zusammen mit dem Pferd den Sandsturm umgehen. Und was die Kinder betrifft: Ich bin mir sicher, dass gleich rechts, da wo das andere Kamel wartet, eine Oase ist und die Karawane auf ihren Reisen immer wieder vorbeikommt und sich daran erfreut, dass es neben ihnen noch andere Lebewesen gibt, die mit dem bisweilen lebensfeindlichen und wüsten Klima der Welt zurechtkommen.

 

Eure Kerstin

Schatten der Vergangenheit

Ob es an den depressiv stimmenden Herbsttagen liegt, die den Winter einläuten oder an einer kosmischen Überschneidung verschiedener Ereignisse, kann ich im Moment noch nicht klar ausmachen, aber die Schatten der Vergangenheit holen mich derzeit mal wieder ein. Und das in ziemlich rasantem Tempo.

Angefangen hatte alles irgendwie mit dem Erzeuger des jugendlichen Mitbewohners, dem ich neulich am Telefon nahegelegt habe, es wäre doch ganz schön, wenn er zumindest hin und wieder auch mal meine Meinung einholen würde. An sich ein recht bescheidener Wunsch, aber mein Hirn hat daraufhin anscheinend die Schublade ehemaliger Liebhaber nicht richtig zugemacht, denn seitdem geistern diese durch mein Leben.

Amor und Psyche

Ich plaudere jetzt mal ein bisschen aus dem sehr persönlichen Beziehungsnähkästchen. Vor recht langer Zeit hatten ein Kollege und ich neben der beruflichen eine, wenn auch kurze, private Beziehung. Das ist jetzt eigentlich nichts Ungewöhnliches, schließlich finden ein Drittel der zwischenmenschlichen Beziehungen ihren Anfang während der Arbeitszeit. Oder eben auf einer der berüchtigten Weihnachtsfeiern.

Nun gehört mein Brötchengeber zu den Unternehmen, die in sogenannten Restrukturierungsmaßnahmen die Zukunft sehen und so kam es, dass dem Status Ex-Lebensabschnittsgefährte nun auch der des zukünftigen Ex-Kollegen zu Teil wird. Da sind mir dann einige Dinge durch den Kopf gegangen, ihm anscheinend auch, denn prompt leuchtete am Tag nach Bekanntgabe auf meinem Display seine Telefonnummer.

Er: „Ich bin Opa geworden.“ Sie: „Aha. Schön.“ Er: „Wenn ich nächstes Jahr aufhöre, dann kann ich mit Dir wandern gehen.“ Sie (gedanklich): Hä?? Er: „Das hatte ich Dir ja damals versprochen.“ Sie (gedanklich): Echt? Wo war ich denn da? Er: „Du wolltest doch immer diesen Weg gehen.“ Sie: „Ja, Du weißt ja, wann Ferien sind.“ Also, jedenfalls war es ein ganz nettes Gespräch, auch wenn das jetzt hier nicht so aussieht, und wir haben neben ein paar Neuigkeiten auch die Handynummern ausgetauscht. Ja, ich weiß. Sagt nix!

Prompt kamen dann später auch die Opa-Bilder. Leider hatte ich meinen Part der Abmachung, im Gegenzug Bergbilder zu schicken, vergessen. Wobei ich da noch ein Hühnchen mit meinem Unterbewusstsein zu rupfen habe, wie mir scheint, denn normalerweise leide ich unter einem Elefantengehirn, das alles abspeichert. Obwohl, das mit dem gemeinsamen Wandern ist mir ja auch entfallen. Am nächsten Tag in der Arbeit landete dann prompt ein dezenter Hinweis per Mail in meinem Postfach. So, und nun kann sich jeder ausmalen, dass der vergangen geglaubte Liebhaber sich gerade ziemlich breit macht in meinen Gedanken und ganz realen Leben.

Das, was mich jedoch am meisten beunruhigt ist, dass ich nun immerzu an den Film „Freunde mit gewissen Vorzügen“ denken muss. Nur, keiner meiner Schatten ist Justin Timberlake. Bei weitem nicht. Ok, ich bin auch nicht Mila Kunis, aber das Anziehendste an dem heutigen Opa ist seine Stimme. Die ist ziemlich sexy. Der Rest, na ja. Da gab es andere. In solchen Momenten verfluche ich das menschliche Erinnerungsvermögen und das Internet. Ganz ehrlich. Früher hätte man gegrübelt und vielleicht bei Freunden ganz vorsichtig mal nachgehorcht, aber heutzutage tippt man den Namen einfach in die Suchmaschine und schon landet das Antlitz des Ex auf dem Bildschirm. Ich weiß, selbst schuld.

Meine ganz große Liebe, der berühmte Deckel zum Topf, breitet heutzutage doch tatsächlich sein ganzes Leben für jeden sichtbar im sozialen Netzwerk aus. Schwanke gerade noch, ob das egozentrisch und exhibitionistisch veranlagtes Eingebildetsein oder einfach nur doof ist. Und wo sich das Karussell in meinem Kopf schon mal in Bewegung gesetzt hatte, ist mir da gleich noch eine andere verflossene Schattengestalt erschienen. Meine Jugendliebe glänzte beim letzten Klassentreffen mit Abwesenheit, von daher wurde das Netz um Auskunft gebeten. Ich war echt schockiert, also bin schockiert: Was man ja als blind verliebter Teenager nicht glauben möchte, aber irgendwann sieht der unwiderstehliche Jüngling, für den man all die pubertären Streitigkeiten vom Zaun gebrochen hat, seinem Vater (trifft wahrscheinlich auch im Falle von weiblichen Jugendlieben und ihren Müttern zu) verdammt ähnlich und dann ist man doch ziemlich froh, dass der Held vergangener Tage mit seinem Pferd weiter gezogen ist beziehungsweise man ihm die Sporen gegeben hat.

Stellt sich die Frage, was nun? Und wie werde ich die Schatten los? Mein Hirn scheint in Bezug auf die Vergangenheit da ähnlich einer defekten Schallplatte (die älteren meiner Leser werden sich erinnern) immer wieder an einer Stelle hängen zu bleiben. Vielleicht hat ja jemand einen guten Tipp, wie man die Endlosschleife abschalten kann.

Eure Kerstin

Tag 18: Zeichensetzung

Tag 18Eine gute Frage. Wenn jemand eine gute Antwort hat, immer her damit. Ich bin dahingehend für jeden Tipp dankbar. Ganz ehrlich. Das ist nämlich ein ziemlich wunder Punkt in meinem Leben. Schon immer. Ergo muss da was in meiner Erziehung falsch gelaufen sein – so zumindest meine Vermutung. Natürlich ist das auch ein Sender-Empfänger Problem, dem will ich gar nicht widersprechen. Und wenn ich als Sender nichts empfange, dann ist meine Sendung entweder nicht angekommen, ignoriert oder so falsch verstanden worden, dass der Empfänger entweder keine Antwort für nötig erachtet oder so enttäuscht/gekränkt/verletzt/vor den Kopf gestoßen ist, dass keine Rückmeldung erfolgt.

Das Leben ist voller Missverständnisse und Fragezeichen. Wirklich schade eigentlich. Es könnte so schön sein.

Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich in dieser Richtung schon ziemlich viel ausprobiert habe. Immer in der Hoffnung, dass sich die Dinge abschließen lassen. Wobei: Lassen sich menschliche Beziehungen – gleich welchen Grades – überhaupt jemals abschließen? So ein und für alle mal vollständig in die erledigt-Schublade packen? Ich wage das ja zu Bezweifeln. Irgendwie sind das so Endlossätze mit Kommas und Nebensätzen und Bindestrichen. Und vor allem jeder Menge Strichpunkte und Doppelpunkte.

Mein Hirn jedenfalls hat die Angewohnheit, so manches, von dem ich glaubte, es als beendet abgehakt zu haben, hin und wieder an die Oberfläche zu ziehen und mir damit den Tag zu versauen, wenn ich das hier mal so sagen darf. Dann brodelt es auf kleiner Flamme so vor sich hin. Leider kocht es aber nie über und ich schaffe es noch nicht mal dann, meinem Ärger mal Luft zu verschaffen, sondern immer nur in Anführungszeichen gewisse Andeutungen zu machen. Dabei wäre das höchstwahrscheinlich die passende Therapie. Ist sogar kostenlos. Wie gesagt, ein wunder Punkt bei dem ich mich im Hinblick auf die Zeichensetzung schwer tue. Dabei wünsche ich mir, dass ich mal hinter gewisse Sachen einen Haken machen kann, um nicht zu sagen ein fettes Ausrufezeichen.

 

Na, dann bis morgen, Kerstin

 

Tag 17: selbstverständlich

Tag 17Also, eigentlich finde ich die Frage ziemlich doof. „Das versteht sich doch von selbst“, hätten meine Eltern wohl früher gesagt. Richtig. So sehe ich das auch. Menschen, die mir wichtig sind, behandele ich automatisch pfleglich und mit der gebührenden Aufmerksamkeit. Vielleicht sind Anstand und Achtung heute keine Tugenden mehr und die Frage hat ihre Berechtigung. Frei nach dem Motto: „Alle denken immer nur an sich. Nur ich, ich denk an mich.“

Hatte ja schon mal an Tag 4 die Behauptung aufgestellt, dass ich leicht egozentrisch veranlagt bin. Könnte ja sein, dass sich dieser Wesenszug im Laufe der letzten Woche zunehmend ausgeprägt hat.

Unter Umständen verstehe ich auch einfach den Sinn nicht. Mag sein.

Um es kurz zu machen: Mir fallen da nur zwei Dinge ein:

1. „Innteerrneet!“, würde der jugendliche Mitbewohner ausrufen. (Seine unverständige Erziehungsberechtigte hat nämlich da eine Zeitsperre eingebaut und muss sich des Öfteren rechtfertigen, dass dies nichts mit der Liebe gegenüber dem Teen zu tun hat)

2. Meine lieben Freunde aus nah und fern, ich weiß, ich könnte mich öfter mal melden.

Also, so bei näherer Betrachtung kann ich noch einen dritten Punkt hinzu fügen:

3. Wer das jetzt hier liest und das Gefühl hat, dass ich ihr/ihm ruhig mal (wieder) zeigen könnte,dass sie/er mir wichtig ist, der melde sich einfach. So kurz vor Weihnachten will ich mal großzügig sein und noch ein paar Wünsche erfüllen.

 

Na, dann bis morgen, Kerstin

Der Anruf

Karte Nr. 12: „’Dass wir miteinander reden können, macht uns zu Menschen’, Karl Jaspers. Sie sind eine Tochter, Cousine, Nichte bzw. Sohn, Cousin, Neffe. Rufen Sie ein Familienmitglied an, bei dem Sie sich lange nicht gemeldet haben.“

Es klingelt. Einmal. Zweimal. Dreimal. Vielleicht habe ich Glück und er nimmt nicht ab, denke ich. Viermal. Was mache ich, wenn ich ihn nicht erreiche? Fünfmal. „Hallo?“ „Hallo. Papa.“ Kurz zögere ich. Soll ich sagen: Ich bin’s. Kerstin. Aber wer sollte sonst ‚Papa’ sagen? Ich bin das einzige Kind. „Alles Gute zum Geburtstag.“ „Ja. Danke.“

Und jetzt? Warum habe ich mir nichts zurecht gelegt? Stichpunkte gemacht? Jetzt bloß nicht den Faden verlieren. Welchen Faden? „Wie geht es Euch? Wie geht es Dir?“ Ja, eigentlich will ich wissen, wie es meinem Vater geht. Ihm ganz persönlich. Ganz ehrlich. Ist er glücklich? Lebt er so, dass es ihm gut geht? Aber all das frage ich natürlich nicht. „Uns geht es gut. Freunde aus Stuttgart sind da.“ Freunde aus Stuttgart? Nie von denen gehört. Aber im Grunde scheint es auch nicht verwunderlich. Warum auch? Wir telefonieren zweimal im Jahr und tauschen Belanglosigkeiten aus. „Noch einen Tag, dann sind wir am Unterrhein.“ „Ach, dann seid Ihr schon wieder in Deutschland?“ Blöde Frage. Seit Jahren fährt er im Oktober fort und kommt im April zurück. „Ja, dann waren wir ein halbes Jahr in Portugal. Das achte Jahr.“ Oh Gott, wie die Zeit vergeht. „Oh, Wahnsinn wie die Zeit vergeht.“

Ja, das läuft doch ganz gut. Immer schön weiter reden. Aber was? Seit ich denken kann, habe ich nicht ein Gespräch geführt, das nicht irgendwie aufgesetzt und qualvoll war. Wir haben uns nichts zu sagen. „Wie ist das Wetter?“ Herrje, klischeehafter, langweiliger geht es wohl kaum. „Gut, natürlich nicht so warm wie in Portugal.“ „Also, hier hat es den ganzen Winter nicht geschneit.“ „Ach. Dann wird es ja jede Menge Plagegeiser geben.“

Ok. Das Wetter ist abgehakt. Ich brauche ein neues Thema. „Wart Ihr Ski fahren?“ Hat mich mein Vater gerade etwas gefragt? „Ja“, antworte ich perplex. „Wo wart Ihr denn?“ „In Saalbach.“ „Ach ja.“ „Ja, mit U. Da waren wir letztes Jahr auch schon. Schnee war nicht so viel. E. fährt Snowboard“, sprudelt es aus mir heraus. So viel Info wie möglich. „Snowboard? Ja, die jungen Leute fahren heute alle Snowboard.“ „Skifahren kann er auch, aber er wollte jetzt Snowboard lernen.“ Als ob ich mich rechtfertigen müsste, dass er nicht genauso gern und gut Ski fährt wie ich es getan habe.

„Und was macht die Schule?“ Noch eine unerwartete Frage. Wie kann es sein, dass er mich jahrelang immer nur angerufen hat, wenn er etwas gebraucht hat und nun auch einmal Interesse zeigt? Tief in mir zweifele ich, ob es wahres Interesse ist oder nur gesellschaftlicher Smalltalk. „Ja, ist gut.“ Und dann will ich gar nicht mehr aufhören. Erzähle von der Schule, den Fächern, Sport und allem, was dazu gehört. Am liebsten würde ich all die verpassten Chancen in diese paar Minuten packen. Ein Bild für ihn aufbauen, damit er eine Ahnung hat, wie es mir geht. „Gleich kommen unsere Freunde aus Stuttgart.“ Oh ja, das. „Mit denen gehen wir zum Essen.“

Ja, das ist wohl das Zeichen, dass das Gespräch lange genug gedauert hat. Bloß nicht zuviel Intimität aufkommen lassen. Am Ende könnte bei jedem der Eindruck entstehen, wir vermissen einander. „Ja, ist gut. Feiert schön.“ „Schick mir doch mal Deine neue Adresse.“ „Ja klar, mache ich.“ Innerlich sträube ich mich. Was für ein Blödsinn. Ist ja nicht so, dass er mich plötzlich ohne Ankündigung besuchen würde. Warum also? Will ich mir die Enttäuschung ersparen, die entsteht, wenn zu Geburtstagen oder anderen Feiertagen keine Karte oder Geschenk den Weg zu mir findet? „Mach’s gut. Viel Spaß.“ Ich liebe Dich Papa, füge ich in Gedanken hinzu.

– – –

Ich gebe zu, ich hatte Schützenhilfe in Form eines Geburtstages und ich bin mir nicht sicher, ob ich auch so geschafft hätte. Aber für ein paar Tage war ich glücklich. Glücklich, dass ich angerufen habe und nicht nur eine Karte oder ein E-Mail geschickt habe. Glücklich, weil er Interesse gezeigt hat. Glücklich, weil es sich so anfühlte, als ob unsere Beziehung doch noch eine Chance zum Besseren hätte. Es fühlte sich gut an. Ich fühlte mich gut. Dann kam mein eigener Geburtstag. Und er ging. Ohne Anruf. Ohne ein Wort von meinem Vater.

Die Last, die Familie bedeutet. Sie wiegt schwer und erdrückt einen. Saugt einen aus. Bis die Gedanken sich immer und immer wieder im Kreis um diese eine Frage drehen: Warum?

 – – –

Ganz ehrlich: Ich habe so gar keine Lust, eine neue Karte zu ziehen. Vielleicht hat M. recht. Seit ich dieses Experiment angefangen habe, bin ich deprimiert und stelle mir bei allem und jedem die Frage nach dem Sinn. Ok, keine Sinnkarte. So viel ist mal klar. Lieber Komfort. Bitte lass’ es eine gute Karte sein. Oh, nein, ich sehe Depressionen am Horizont aufziehen: “Sie spazieren auf den Pfaden Ihrer Kindheit: Tauchen Sie ab in eine heile Welt und leihen Sie sich einen Film aus Kindertagen aus: ’Lassie’, ‚Pippi Langstrumpf’, ‚Cinderella’…“ Ich besorge besser gleich auch eine Großpackung Taschentücher. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

Tatort Abstellraum, Tag 8

Heute mit besten Grüßen aus der Vergangenheit.08 Tag

Tatort: Abstellraum, rechtes Regal, 3. Boden gaaanz hinten.

Tatbestand: Leere Schmuckverpackungen mit passender Geschenktüte. Warum habe ich die überhaupt aufgehoben? Uh, unerfreuliche Erinnerungen werden wach.

Tatortsäuberung: Schnell weg damit. Vielleicht lässt sich irgendjemand dadurch inspirieren, mir ein paar neue Stücke zu schenken. Am liebsten in einer kleinen türkisen Schachtel. Hallo! Bald ist Weihnachten! Hört mich jemand?

Reise in die Vergangenheit

“Ein Leben ohne Freunde ist wie eine weite Reise ohne Gasthaus.” Demokrit. Machen Sie eine Liste mit Menschen, die Ihnen wichtig sind – und schreiben Sie auf, warum das so ist.

Heute mal wieder eine Rückkehr zum Experiment mit Karte Nr. 7 aus der Kategorie Sinn.

Das sollte im Grunde eine einfache Übung sein, So eine Liste ist schnell erstellt. Zu schnell manchmal. Und bevor nun der/die eine oder andere hofft, (nicht) auf dieser Liste zu erscheinen, komme ich nochmals auf den Ursprung der Karten zurück. Diese waren ja sicherlich in erster Linie für einen selbst und eher weniger für den Anschlag am schwarzen Brett bzw. als Blogpost angedacht.

Freunde sind doch etwas sehr Privates. Und Freundschaften erfordern viel Arbeit und Vertrauen, denn Freunde sucht man sich aus. Freunde sind Schätze, die es verdient haben, dass man sie schützt. Von daher habe ich die Aufgabe ein kleines Bisschen abgeändert und bin mehr auf den Nachsatz „..eine Liste mit Menschen…“ eingegangen und habe jemanden gewählt, der mir im Grunde alles verzeihen würde und den ich sehr vermisse: Meine Mutter, die starb, als ich noch zu jung war. Nicht dass ich nicht alt genug im Sinne von Jahren gewesen wäre, aber ich war noch nicht alt genug im Sinne von gedanklich reif, sie gehen zu lassen. Ehrlich gesagt, bin ich mir auch heute nicht sicher, ob ich jemals dazu reif gewesen wäre.

Zugegeben, es ist recht grausam, darüber nachzudenken, dass die eigene Mutter irgendwann nicht mehr da sein könnte und einen allein in dieser Welt zurück lässt. Neben der Tatsache, dass man sich plötzlich als Nächste(r) in der Reihe wiederfindet, wird man einem schlagartig bewusst, dass eine lebenslange Vertraute plötzlich fort ist und man sich somit auf jemand anderen verlassen muss, der einen auffängt. Die eigene Fähigkeit, jemandem vollends zu vertrauen, wird auf eine harte Probe gestellt. Die Suche nach diesem besonderen Menschen, der in der Lage ist, die eingestürzte Säule des Lebensfundamentes zu flicken, ist ein langer, einsamer Weg.

Dass eine Mutter aller Wahrscheinlichkeit nach die wichtigste Person im eigenen Leben ist, lässt sich schwer leugnen und wir alle haben unsere Gründe, warum das so ist. Selbst solche, die keine Mutter für ihre Kinder sind, haben diesen Status, denn auch sie prägen und formen das zurück gelassene Leben nachhaltig. Für mich ist meine Mutter wichtig, da sie mich hat gehen lassen. Als ich auf dem Weg in mein eigenes Leben war, bereit, meine Flügel zu öffnen, war sie die sanfte Brise, die meinem Absprung Auftrieb verlieh. Sie gab mir die nötige Sicherheit und Zuversicht. So lange ich zurück denken kann, wusste ich immer, dass ich jederzeit nach Hause zurück kehren könnte, sollte das Leben stärker sein als ich. Dafür bedurfte es keiner Worte. Ihr Vertrauen folgte mir überall hin.

Nun, ich zog nicht einfach nur aus – in eine Bleibe in der Nachbarschaft oder in eine andere Stadt. Als ich mein Elternhaus verließ, ging ich nach Spanien, ca. 1600km entfernt, und mir fällt keine einzige Unterhaltung ein, bei der sie Einwände oder Ängste äußerte. Im Gegenteil, meine Mutter gehörte zu denen, die mich in meinen Vorhaben immer wieder bestärkten. Und das war Anfang der 90er – wohlgemerkt. Damals benötigte man für Spanien noch ein Visum, um dort arbeiten zu dürfen. Als sie mich dann dort einmal besuchte, spürte ich, wie stolz sie war und wie sehr sie die Tage für sich selbst genoss. Ich entsinne mich, wie komisch ich es fand, sie so entspannt und glücklich zu sehen. Meine Mutter war wie ausgewechselt und so ganz anders als zuhause. Und da erkannte ich auf einmal das Leben, welches sie für sich selbst gewünscht hätte, aber ihr als Frau in der damaligen Zeit nicht offen stand, oder aber, weil sie es am Ende vielleicht doch gewagt hatte.

Nach ihrem Tod suchte ich verzweifelt nach einem Zeichen von ihr. Nach ihrer Anwesenheit. Ich versuchte krampfhaft, etwas fest zu halten, etwas zu greifen, was nicht da war. Ich wollte sie anschreien: „Wie konntest Du mich gehen lassen, wenn ich noch nicht bereit war, Dich gehen zu lassen!“ Ich hasste sie dafür, dass sie nicht stark genug war, für sich und ihr Leben zu kämpfen. Und ich hasste mich umso mehr, weil ich nicht stark genug gewesen war, für sie zu kämpfen. Denn das hatte sie mir beigebracht: Für das Leben, welches man sich erträumt, zu kämpfen und sich nicht von jemandem einreden zu lassen, dass Träume nur Schäume sind. Wenn ich Bilder von ihr betrachtete, versuchte ich den Punkt auszumachen, an dem aus dem fröhlichen, unbeschwerten Mädchen die stille und selbstlose Person meiner Mutter geworden war. Manchmal glaube ich, sie verwendete all ihre Energie darauf, damit ich später das Leben leben konnte, welches ich mir wünschte. Im wahrsten Sinne des Wortes, gab sie ihr Leben für meins. Aber dann verschwand sie. Ohne ein Wort. Ließ mich zurück. Ungeschützt. Verletzlicher, als ich ertragen konnte.

Heute frage ich mich jeden Tag: ‚Bin ich die Person geworden, die Du Dir gewünscht hast?’ Und wenn ich Fotos von mir sehe, begleitet mich jedes Mal die Angst, eine stille und gebrochene Frau zu erblicken, welche noch immer nach diesem jemand sucht, der die einst zerstörte Lebenssäule flickt. Noch immer auf der Suche nach einem warmen Licht, das mir den Weg zum nächsten Gasthaus weist.

Karte Nr. 7 war kräftezehrend. Gedanklich und gefühlsmäßig eine Reise in Vergangenheit. Als neue Karte habe ich daher eine Wohlfühlkarte ausgewählt: „Schaffen Sie sich Platz: Feng-Shui für die Seele. Trennen Sie sich von Ballast, den Sie schon lange loswerden wollen – egal ob von der Nervensäge auf Facebook oder dem kaputten Radio in der Küche.“ Wie wahr, manchmal muss man sich von etwas trennen, um nach vorn blicken zu können. Da ich weder auf Facebook bin, noch ein kaputtes Radio habe, werde ich für diese Aufgabe wohl etwas tiefer graben müssen. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin