Von Fluchten und Abgründen

In Zeiten innerer Unruhe und großen Zweifelns neige ich zur Selbstverstümmelung. So habe ich es für mich formuliert bzw. einen späteren Freund gegenüber einmal definiert als wir über unsere persönlichen Abgründe gesprochen haben. Und, um es gleich vorweg zu sagen, es hat rein gar nichts mit dem Verhalten, welches normalerweise diesem Begriff zugeschrieben wird, zu tun. Wenn ich von Selbstverstümmelung rede, dann ist das in meinem Fall eine übertriebene Art von etwas recht Banalem zu reden. Also, keine Angst, ich bin absolut nicht gefährdet.

Feuer

Er war im übrigen spielsüchtig, der Freund, was ja so gesehen keine körperlichen Konsequenzen nach sich zieht. Außer vielleicht Hunger, weil man kein Geld für Essen hat. Oder auch Müdigkeit, was dann doch wieder irgendwie körperlicher Natur wäre, aufgrund von Schlafentzug und folglich Konzentrationsschwächen. Nun ja, den Freund gibt es schon seit sehr langer Zeit nicht mehr und ich wünsche ihm nur bedingt alles Gute, da er mich seinerzeit so mir nichts dir nichts gegen eine andere Herzensdame ausgetauscht hat. Trotz der gegenseitigen Vertrautheit, was unsere seelischen Qualen anging. Und vielleicht bin ich deswegen auch noch nicht geheilt, was das betrifft.

Als ich besagte Unterredung mit dem Unglück kassieren und Weiterreichen desselben Spieler hatte, war ich gerade in der Phase, in der ich meiner Melancholie in Form von poetischen Wandmalereien Ausdruck verlieh. Also keine Graffitis oder so. Nein, ich habe damals ganz simpel selbst verfasste Gedichte im Stile von I-Ah aus „Pu, der Bär“ (sehr deprimierend) an meine Wände geschrieben, die ich dann im Falle eines Besuches hinter Bildern verschwinden ließ. Das war gar nicht so einfach. Schließlich mussten Wandtattoo und Tarngemälde größenmäßig harmonieren. Wo da die Selbstverstümmelung bei ist? Nun ja, jeden Tag mit den eigenen depressiven und deprimierenden Wortansammlungen konfrontiert zu werden, ist schon irgendwie eine Strafe. Einen Spiegel braucht es da fast schon nicht mehr, um zu sehen, wie mies es einem geht. Das Ganze entwickelte mit der Zeit einen gewissen Höhlencharakter. Und als dann der Auszug anstand, musste ich selbstverständlich dafür sorgen, dass mein geistiges Eigentum vom Eigentum des Vermieters getrennt wurde. Das grenzte dann tatsächlich an körperliche Folter, da dabei die Tapeten und Anstriche der letzten hundert Jahre von der Wand abfielen, die irgendwie auch mal in einen Kugelhagel verwickelt gewesen sein muss, was nach näherer Inspektion Löcher vom Bohren und Hämmern der besagten Jahrhunderte waren – hoffe ich zumindest.

Später dann hatte ich eine etwas körperlichere Phase und habe mir, huhu, Ohrringe stechen lassen. Ich bin eben doch ziemlich konservativ bis bieder und eine Memme. Das tat dann schon weh, aber offensichtlich nicht genug, denn kurz darauf folgte ein Tattoo. Diesmal ein echtes in Form einer, wie exotisch, Rose. Wie gesagt, konservativ und etwas bieder, Memme nicht mehr ganz so sehr. Da gibt es aber wenigstens keine Probleme von wegen Eigentumsverhältnissen und Besitzansprüchen. Und ebenso wenig ein Abdeckproblem, weil ziemlich intim. Das nun wieder tat so richtig weh und auch länger als 24 Stunden. Um es genau zu nehmen tut es auch heute, nach über einem Vierteljahrhundert noch immer weh und zwar immer dann, wenn ich auf der Suche nach einer passenden Vase bin. Wer jetzt an Rose und Vase und vielleicht irgendetwas Schlüpfriges denkt, weit gefehlt. Meine Mutter, irgendwoher muss meine konservative Einstellung ja herkommen, meinte seinerzeit, ich hätte mir für das Geld lieber eine schöne Vase kaufen sollen. Wie recht sie doch hatte, denn jedes Mal, wenn ich Blumen bekomme, muss ich feststellen, dass mir die passende Vase fehlt und so werde ich stets an die Schmerzen, welche mir der Tätowierer und der Tod meiner Mutter beigefügt haben, erinnert.

Heutzutage gehe ich bergsteigen. Am liebsten im frühen Morgengrauen, wenn die äußere Welt noch in Ordnung scheint und die Ruhe sich in mein gequältes Leben einschleicht. Ich bin nicht leichtsinnig, nein, ich weiß ziemlich genau, was Unachtsamkeit und ein falscher Schritt für Folgen haben können. Aber ich fordere viel, vor allem von meinem Körper. Dabei geht es nicht immer um den größtmöglichen Schwierigkeitsgrad und ich plane auch nicht, einen neuen Geschwindigkeitsrekord zu brechen. Aber in Zeiten der inneren Unruhe und des Selbstzweifels scheinen die körperliche Grenzerfahrung sowie der nachfolgende Muskelkater die einzigen Möglichkeiten zu sein, dem eigenen Gefühlschaos eine Richtung zu geben, die nicht im Untergang liegt und von den seelischen Schmerzen ablenkt. Der Wanderpartner an meiner Seite weiß schon immer ganz genau, wenn mich etwas bedrückt und gibt mir ein Zeichen, dass ich einfach loslaufen soll. Er weiß, nach ein paar Hundert Höhenmetern wird mein Geist schon Ruhe geben und ich auf ihn warten. Meine Freunde schlagen mittlerweile lediglich einen Spaziergang vor, um mir zu signalisieren, dass sie auf gar keinen Fall auch nur ansatzweise den Versuch unternehmen werden, mit mir wandern zu gehen. Wobei die größte Gefahr immer nur dann lauert, wenn ich und der Berg allein aufeinandertreffen. Das mit der Gefährdung ist also so gesehen relativ, denn ein gewisses Suchtpotential ist natürlich vorhanden.

Jeder hat sein persönliches, selbstauferlegtes Joch zu tragen und bisweilen fühlen wir uns ja auch sehr wohl damit. Und auch wenn meine Art der Selbstverstümmelung keine Krankheit ist, so ist es doch auch eine Art von Sucht und ließe sich durchaus auch mit etwas so Gravierendem wie Alkoholismus vergleichen. Denn auch das ist eine Flucht aus der Realität. Der Unterschied besteht darin, dass man beim Alkoholrausch seine Sinne betäubt, um keine Schmerzen zu empfinden, während ich den Schmerz im Adrenalinrausch suche, um einen Sinn zu finden und die Kraft weiter zu machen.

Man mag sich fragen, warum ich vom Hobby des poetischen Philosophen zu des Müllers Lust abgestiegen bin. Nun, bei der Begegnung mit meinen Dämonen fehlen mir mittlerweile wohl einfach die Worte.

 

Eure Kerstin

Wunder gibt es immer wieder – hoffentlich

„Das Bruttosozialprodukt sagt nichts über das Wohlbefinden und die Lebensqualität aus.“, so schreibt Florin Opitz in seinem Buch „Speed – auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Und das stimmt ja auch irgendwie. Wenn ich Ressourcen spare, Dinge repariere und wiederverwerte statt neu zu kaufen, dann konsumiere ich nicht und trage auch nicht zum Wohlstand bei. Rein in der Theorie natürlich. Mein ökologischer Fußabdruck wird kleiner und das Maß aller Dinge, das Bruttosozialprodukt sinkt. Ich bin eine Wachstumsbremse.

Jeden Tag konsumieren wir 55 Kilogramm:

  • Wasser
  • Strom
  • Zahnpasta, Seife und alle Dinge zur persönlichen Pflege
  • Benzin
  • Nahrung
  • Kleidung
  • Dinge, die zur Herstellung von durch uns konsumierte Sachen gehören (Rohstoffe, Produktion, Transport)

Unser ökologischer Fußabdruck hat die Ausmaße eines Monsters. 1,8 Hektar wären wünschenswert, 2,7 Hektar ist das momentan weltweite Ist, jeder Deutsche verbraucht 4,6 Hektar.
Höchste Zeit, die Schuhe auszuziehen und mal nachzurechnen. Ich habe auf der Seite des Umweltbundesamtes meine Daten eingegeben.  

BilanzSo ganz zufrieden bin ich da noch nicht. Aber das Ergebnis ist auch nicht 100% individuell korrekt, weil einige Daten mit Durchschnittswerten hinterlegt sind. Z.B. beim Kaufverhalten gibt es nur die Abstufung „sparsam“, „durchschnittlich“ und „großzügig“. Doch immerhin bekommt man ein Gespür für die eigene Spur, die man auf diesem Planeten hinterlässt. Passt der Schuh, oder ist da noch Luft? Ganz klar, es kostet Kraft, seinen Weg zu gehen und Verzicht kostet:

  • Man muss sich aufraffen und anfangen
  • Nachdenken und das immer wieder
  • Energie, denn Denken strengt an
  • Mut haben und sich behaupten
  • Seine Komfortzone verlassen und agieren
  • Willensstärke beweisen und sich anstrengen
  • Unbequem sein und seine eigene Bequemlichkeit aufgeben

Geld kostet es nicht. Und Zeit gewinnt man am Ende auch. Und wer weiß, Wunder gibt es immer wieder und vielleicht befinden wir uns wirklich schon auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. Wie Nico Paech würde ich mir wünschen, dass auch die Unternehmen diesen Weg einschlagen und umdenken. Schließlich gibt es auch ohne ständiges Ankurbeln der Konsumgesellschaft jede Menge zu tun: Instandhaltung, Reparaturdienstleistungen, Umgestalten, Renovieren, Designer, Dienstleistungen, Vermittler. Alles sinnvolle, zukunftsweisende und krisensichere Jobs.

„Die Freiheit, man selbst zu sein, ist die größte Freiheit überhaupt“, so schreibt es Rachel Ward.

Damit schließe ich erst mal mein Projekt „Verzicht kostest“ ab und verabschiede mich in die Sommerpause. Ganz offline und mit offenem Blick für meine Umwelt.

Also dann, bis zum nächsten Mal.

Eure Kerstin

Lebensmittelpunkte – kurz und knackig

Lebensmittel scheinen ein schier unerschöpfliches Thema zu sein und ich könnte noch jede Menge dazu schreiben und vielleicht werde ich ja irgendwann zum Wiederholungstäter. Letztendlich finde ich aber wichtig, dass man trotz Verzicht, sich ein gesundes Verhältnis zur Ernährung bewahrt und auch der Genuss nicht zu kurz kommt. Beim Verzicht und dem Weg zum einfachen Leben geht es ja nicht nur um ethische und ökologische Ziele, sondern auch darum, glücklicher zu sein, sein Leben zu entrümpeln und mehr Zeit für Freunde und Familie zu haben.

Glück

Und gerade bei den Nahrungsmitteln zählt für mich ebenso, dass sich Umweltbewusstsein und Praktikabilität vereinbaren lassen. Wie gesagt, es bringt nichts, wenn ich sämtliche Märkte und Bio-Läden im Umkreis von 100km abklappere und regelmäßig dafür Stunden im Auto verbringe. Das hat dann auch nichts mehr mit Nachhaltigkeit zu tun. Ich für mich habe da derzeit einen ganz guten Kompromiss gefunden, was das Einkaufen (Bio-Ware im Supermarkt) und die Lebenssituation (rebellischer, jugendlicher Mitbewohner mit ausgeprägtem Hang zu Fleisch und Fast Food) betrifft.

Kurz und knackig hier die Kapitelbilanz, die ein bisschen was von einer Milchmädchenrechnung hat. Und zwar zum einen, da ich nicht mehr so ganz genau nachvollziehen kann, seit wann ich mein Einkaufsverhalten im Bereich Nahrung angepasst habe und dies ja auch irgendwie ein leicht fließender Übergang war und ist. Und zum anderen, da ich in meinem Haushaltsbuch den Posten Lebensmittel nicht explizit ausweise. Dieser ist unter Lebenshaltung zusammen gefasst und es fließen auch die Kosten für Kosmetika, Putzmittel, Kerzen, Briefmarken und Reinigung mit ein. Insofern mag es nicht 100% transparent und korrekt sein.

Aber gut, so sieht die Punkteverteilung aus:

Jahre Kosten pro Monat
2009 – 2014 €507,00
2015 – April 2016 €491,00

Also, das hat mich selbst wirklich überrascht. Man denkt ja immer, Bio ist so teuer und man kann es sich nicht leisten. Hinzu kommt, dass der jugendliche Mitbewohner ja noch wächst und im Laufe der letzten Jahre zunehmend mehr Futterbedarf hatte – ich also mehr einkaufe. Und wenn man auch noch bedenkt, dass die Preise ja im Allgemeinen steigen, dann finde ich die Bilanz absolut erstaunlich. Insgesamt macht das zwar „nur“ eine Ersparnis von €192,00 im Jahr, aber immerhin. Ich bin platt, fast so wie das Huhn aus dem Beitrag „Heute bleibt die Küche kalt„.

Apropos: Liebe M., hiermit die Einladung zum gemeinsamen Kochen auch meine Kosten. Das Fleisch von den Weideschweinen aus dem TV-Beitrag „Vom Leben der Schweine“ habe ich schon bestellt.

Beim Blick auf den Kalender musste ich feststellen, dass der April schon sehr weit fortgeschritten ist und ich noch gar nicht alle Punkte aus meinem Projekt „Verzicht kostet“ in meinem Nachhaltigkeitsmonat erledigt habe. Daher werde ich wohl in die Verlängerung gehen. Zuerst muss ich aber meine Reserven auffüllen und nehme ein paar Tage blogfrei. Und weil am Sonntag auch noch Tag der Arbeit ist, geht es erst nächste Woche weiter mit den Gegenständen des täglichen Lebens.

 

Also dann, vor der action erst mal Pause!
Eure Kerstin

Konflikte und Kompromisse

Neben den ganzen Schwierigkeiten, die einem die Lebensmittelindustrie in Punkte Nachhaltigkeit so in den Weg legt, kommen die persönlichen und familiären Konflikte hinzu. Und die sind oft weit schwieriger zu handhaben als das bewusste Einkaufen.

Fangen wir mal mit meiner persönlichen Konfliktsituation an: Das wäre der Zeitfaktor. Wer wie ich ebenfalls eine 40+ Stundenwoche hat und einen jugendlichen Mitbewohner, der weiß, wovon ich rede. Da können Stunden, die man für sich irgendwo abzwackt, schon mal zu überlebenswichtigen Schatzkästchen werden. Also schließt man einen Kompromiss. Mit der Zeit und dem Gewissen. Für mich heißt das: Ein großer Wocheneinkauf (mit kleinen Ausnahmen) im Supermarkt um die Ecke (der ein wirklich umfangreiches Angebot hat).

Einmal pro Woche einkaufen, das ist natürlich, was Frische angeht, nicht so ganz unproblematisch. Ein Salat, den ich am Samstag kaufe, wäre am Donnerstag sicherlich nur noch als Kompost- und Schneckenfutter zu gebrauchen. Hier kommt der Plan, den ich gestern kurz erwähnt hatte, ins Spiel. Ohne Essenplan bzw. eine Vorstellung davon funktioniert das System nicht. So lassen sich auch viele Nahrungsmittel besser kombinieren und in verschiedene Gerichte/Mahlzeiten integrieren und es bleibt weniger übrig. Wichtig ist, dass man sich an den Plan hält und nicht noch dies und das mitnimmt, weil es gerade im Angebot ist oder so lecker aussieht. Jedenfalls ist das meine Erfahrung.

Absoluter Wunsch wäre es natürlich, sich auf dem Markt mit allem einzudecken. Aber der bietet logischerweise auch nur Marktware an, so dass ich dann noch zusätzlich in den Supermarkt müsste. Ein sogenannter plastikfreier Markt, oder einer, der Nahrungsmittel lose verkauft, wären super. Der nächste ist aber 30 Kilometer weg. Aus meiner Sicht lohnt sich das nicht aufgrund der Fahrweges. Im Moment nehme ich das zähneknirschend hin, aber ich arbeite an einer Lösung, weil ich mich damit mittelfristig nicht abfinden will. Wie sagt Andre Wilkens so schön: „Alternativen zu haben ist der Kern der Freiheit.“ Absolut.

Im Supermarkt kommt wie gesagt nur Bio bzw. regionales, saisonales Bio in den Korb. Das klappt soweit ganz gut, weil der Markt eben entsprechend sortiert ist. Hat aber seinen Preis. 500g regionaler Zucker kosten so 2,50€ und 1kg Mehl 2,80€. Das Bio-Huhn schlägt mit gut 10€ für 500g zu Buche. Als Konsequenz bleibt im Zweifel, weil vielleicht zu teuer, dann nur der Verzicht und es gibt eben nur einmal die Woche Fleisch, was auch noch gesünder ist.

Unser Land

Neben dem persönlichen Konflikt, kommt dann die Herausforderung Supermarkt hinzu. Wer gestern aufgepasst hat, hat vielleicht bemerkt, dass nur Fisch in die mitgebrachte Box kommt. Von Fleisch stand da nichts. Genau. Schwierigkeit Nummer eins: Heutzutage sind die meisten Fleischwaren bereits abgepackt in der Kühltheke. Da mache ich immer einen großen Bogen drum herum. Leider gibt es das Bio-Flesch nur fertig abgepackt, aber ich frage immer wieder, ob es nicht auch Bio an der Theke gibt. Vielleicht ändert sich das ja irgendwann.

Auch will man meine Box an der Theke nicht annehmen. Zuerst hieß es ,aus hygienischen Gründen wäre das nicht möglich. Dann habe ich mich schlau gemacht und gelernt, dass die Box einfach oben auf der Theke stehen bleiben muss, dann gelte das Argument nicht mehr. Gesagt, getan. Dann war die Aussage, dass das nicht ginge, weil von wegen Bon für die Kasse und so. Also, im Grunde wollte man mir unterstellen, dass ich die Ware in meine Tasche packe und nicht an der Kasse vorzeige. Ist so meine Vermutung. Aber ich war schon vorbereitet und konnte kontern, dass es beim Brot auch funktionieren würde. Woraufhin mein Stoffbeutel mit dem aufgeklebten Bon sehr genau begutachtet wurde. „Ja, also, das muss ich aber erst mit der Marktleitung abklären“, war dann die Antwort. Schön, nun frage ich also regelmäßig nach Bio-Fleisch und ob das mit der Marktleitung schon geklärt ist. Steter Tropfen höhlt den Stein.

Das kostet Kraft und Mut, weil man sich eben nicht einfach abspeisen lässt. Beim Fischmann muss ich mir auch immer anhören, dass man den Fisch nur widerwillig in meine Box bettet, weil diese aus Plastik ist und keine Luft dran kommt. Ja, aber sie ist auslaufsicher und zuhause wird das arme Tier befreit. Und dann muss ich immer bestätigen, dass dies innerhalb der nächsten halben Stunde passiert. Nur so nebenbei: Der Fischmann wickelt den Fisch immer in zwei Lagen beschichtete Folie und dann in eine Tüte. Ich bin ja kein Fisch, aber da könnte ich ebenso wenig atmen. Wie gesagt, es kostet Kraft, gegen den Strom zu schwimmen. Es fühlt sich aber auch immer wie ein klitzekleiner Sieg an, wenn man einen Zug getan hat und merkt, dass es vorwärts geht.

Für die familiären Konfliktsituationen und die dazugehörigen endlosen Kompromissverhandlungen schreibe ich einen extra Beitrag. Den gibt es morgen, denn ich muss mich an den Essenplan für die nächste Woche machen und allein das ist Stoff für unzählige Konflikte.

Essensplan

 Also dann, action!
Eure Kerstin

Auraleuchten

Ronja hat mich mit ihrem Beitrag „heb Dich von der Masse ab“ beziehungsweise vielmehr mit ihrer Antwort auf meinen Kommentar, der ganz wunderbar zu meiner derzeitigen spirituellen Gedankenwelt passt, ganz schön zum Nachdenken gebracht:

Ich: „Eine wirklich gute Frage. Ich gehöre fast immer zu der Fraktion, die sich gern versteckt und klein macht. Manchmal nervt das, wenn ich z.B. im Geschäft mal wieder nicht wahrgenommen werde. Ein Freund meinte aber mal, als er mit mir beim Einkaufen war, dass es ihm so vorkam, als ob ich durch den Laden schweben würde, während er immer allen anderen ausweichen musste. Ein sehr schönes Kompliment, finde ich.“

Ronja: “Wer sich eher zurück nimmt entwickelt einfach auch andere Möglichkeiten – manche können sich fast schon “unsichtbar” oder “unwahrnehmbar” machen – so gut sind sie darin …oder du hast einfach nur einen Teil deiner Aura soweit ausgedehnt, dass dich keiner angehen konnte … aber cool ist es sicher … nimmst du es auch bewusst wahr?“

Also, von der Warte habe ich das noch nie gesehen. Aber, es gefällt mir. Es gefällt mir sogar ausgesprochen gut, denn die Fähigkeit, unsichtbar zu sein, erscheint ja irgendwie Fluch und Segen zugleich zu sein: Man eckt nicht an, erweckt aber auch kein Interesse. Man bleibt für sich, wird aber auch übergangen.

Dass dies mit meiner Aura zu tun haben könnte, eröffnet mir einen ganz anderen Blickwinkel. Ich finde, das klingt fantastisch. Ab sofort denke ich darüber völlig anders und ein bisschen stolz bin ich auch auf mein unsichtbares Auraleuchten. Vielen Dank, liebe Ronja für den tollen Denkansatz.

AuraJetzt muss ich nur noch an dem An- und Ausschalten der Aura arbeiten, damit ich im entscheidenden Moment sichtbar bin.

 

Eure Kerstin

CO²-neutraler Blog: Ich mach mit!

Tolle Sache. Danke Christine für den Hinweis auf die Aktion von Macht’s grün, der Umweltaktion von kaufDA in Kooperation mit „I plant a tree“, bei der pro Blog, der mitmacht, ein Baum in Deutschland gepflanzt wird.

Ziel ist es, die Atmosphäre durch die Pflanzung eines Baumes im Schnitt um 5kg CO² pro Jahr zu entlasten und natürlich Deutschland noch grüner zu machen. Ein normaler Blog verursacht jährlich etwa 3,6kg CO² und . Damit neutralisiert ein Baum die CO²-Emissionen eines Blogs.

Tja, nun habe ich inzwischen auch einen Buchblog. Für den werde ich dann wahrscheinlich in meinem Garten einen Baum pflanzen und mich an seinem Grün erfreuen, während ich in einem Buch lese.

Wer auch gerne teilnehmen möchte – so geht’s:

  1. Bericht über Aktion posten + Button einfügen
  2. E-Mail an CO2-neutral@kaufda.de über Blogpost schicken
  3. KaufDa pflanzt einen Baum für den eigenen Blog

Eure Kerstin

Die Bank – die andere Seite der Münze

Fortsetzung zu: „Die Bank – die eine Seite der Münze“.

Mann, was für ein herrlicher Tag. Zum Glück hat es gestern Abend geregnet. Endlich. Nachdem wochenlang kein Tropfen gefallen ist. Dann regnet es und im Tal schlägt der Blitz ein. Schon verrückt manchmal. Beim Nachbarn hat es den Stromverteiler erwischt. Der Arme hat aber auch wirklich immer Pech. Erst letzte Woche ist einer dieser Wanderer bei ihm während des Abendessens zusammen gebrochen. Musste mit dem Heli abgeholt werden.

Jetzt im Sommer kommen die hier jeden Tag vorbei. Irre. Ganze Horden. Manche schleppen wahre Monster von Rucksäcken. Selbst die Kinder und die Alten müssen mit. Zum Glück habe ich nur einen einfachen Hof. Keine Betten und keine Wirtschaft. Und trotzdem fragt jeden Tag mindestens einer, ob er einkehren kann. Die glauben alle, wir führen hier ein Leben wie im Paradies. Ein bisschen Gartenarbeit und dann die Tiere streicheln. Von wegen. Ich frage mich manchmal, was mich geritten hat, als ich diesen Hof übernommen habe. Seit über einem Jahr ackere ich wie verrückt, um mit der Renovierung weiter zu kommen. Alles im Alleingang. Heute muss ich unbedingt noch die letzten Arbeiten am Dach fertig kriegen. Jetzt, wo es langsam wieder Herbst wird in den Bergen. Hoffentlich kommt der Nachbar nachher rüber wie versprochen und hilft mit. Muss ich gleich mal anrufen und fragen, ob es dabei bleibt oder er noch an dem Stromverteiler dran ist. Jetzt mache ich aber erst mal eine Pause. Seit Sonnenaufgang habe ich am Dach gewerkelt. Die Tiere muss ich auch noch füttern. Ich fühl mich total ausgetrocknet. Habe seit dem Kaffee heute morgen noch gar nichts getrunken. Na, also zehn Minuten gönne ich mir jetzt und setze mich auf meine Bank. Ach, Vater. Deine Bank. So ein tolles Geschenk zum Einzug. Selbst gezimmert und alles. So glücklich war er, als er damit ankam. Nun steht sie hier und er hatte Recht. Ein einmaliger Blick ins Tal. Ach, sieh mal einer an. Der Pilz da ist mir noch gar nicht so richtig aufgefallen. Sieht ja toll aus. Wie der so aus dem Holz wächst.

Oh Mann, das Auto steht auch noch da. Habe ich gestern ganz vergessen, dass ich es in die Scheune fahre. Scheint das Gewitter aber ganz gut überstanden zu haben.

Ach, so ein herrlicher Tag und ich hatte noch gar keine Gelegenheit, ihn zu genießen. Lecker, so frisches Bergwasser. Gibt doch nichts Besseres. Da am Berg, da spazieren sie schon wieder rum, die Wanderer. Herrje, wer ist das denn? Die sieht ja fertig aus. Hat sich wohl übernommen, die Frau. Ich sage es ja immer. Mit Kind und Kegel in die Berge. Ohne Rücksicht auf Verluste. Was stürmt die denn so auf mich zu? Handy hat sie auch in der Hand. Was will die denn damit? Hier ist eh bestimmt kein Empfang. „Sagen Sie, der Weg da, führt der zu der Hütte hier?“ Also, wo sind wir denn hier. Wedelt mir mit der Karte vor meinem Gesicht rum und denkt, ich bin hier die Auskunft, oder was? „Weiß nicht.“ Bei uns heißt das erst mal ‚Grüß Gott’, bevor man gleich mit der Tür ins Haus fällt. Wie gesagt, glauben alle, wir sind die Bauern vom Berg und latschen über unsere Wiesen und haben nichts im Kopf. „Ist vielleicht eine Frau mit rotem Rucksack und roter Kappe von dort runter gekommen?“ Woher soll ich das denn wissen? Ich ackere seit Sonnenaufgang hier und habe keine Zeit, in die Gegend zu schauen. „Keine Ahnung.“ Interessiert mich auch nicht, wenn ich ehrlich bin. Wenn die zu blöd sind, sich in den Bergen zurecht zu finden, sollen sie daheim bleiben. Außerdem, der Ton macht die Musik, gute Frau.

Was macht sie denn jetzt? Ich glaub, ich kriege die Tür nicht zu. Jetzt macht die den Pilz weg. Die Bank ist doch ewig groß. Sag mal, hat die keine Augen im Kopf? „Den können Sie doch da lassen! Ist doch genug Platz da“. „Ich möchte mich hier aber gern hinsetzen.“ Auf solch blöde Kommentare kann ich echt verzichten. Wie ein Elefant im Porzellanladen. Macht sich breit, keine Manieren und nun wird auch noch der Rucksackinhalt über die Bank verteilt. Prost, Mahlzeit. Also, ich habe genug, ist eh schon spät.

Liebe Leser, vielleicht hat der eine oder andere die hier beschriebene Situation in ähnlicher Weise erlebt und hinterher darüber gegrübelt, was da falsch gelaufen ist. Und genau so erging es auch mir, wenn auch die Geschichte sich nur in Teilen so zugetragen hat und der Rest hinzu gedichtet ist. Sollte aber zufällig jemand den besagten Hofbesitzer kennen oder sich in der Beschreibung wieder erkennen: „Es tut mir leid! Aufrichtig leid, dass ich den Pilz weggemacht habe. Ehrlich!“

Lebensmut

Seien Sie mutig. Tun Sie etwas, das Sie Überwindung kostet – gehen Sie zum Beispiel abends allein zum Essen. Verstecken Sie sich nicht hinter einer Zeitung, sondern beobachten Sie bewusst die Leute. Herausforderungen durchbrechen die Routine und fördern die Lebenslust.“

Ich gehöre nicht zu den mutigen Menschen. Ganz im Gegensatz zu meinem Sternzeichen mache ich mich gern klein und unscheinbar. Meine Lieblingsfarbe ist grau und auch ansonsten pflege ich eher einen eremitenhaften Lebensstil. Da scheint bei der Sternenkonstellation irgendetwas gehörig schief gelaufen zu sein, denn als Widder sollte ich eigentlich immer in vorderster Reihe stehen. Sozusagen mit dem Kopf durch die Wand und allezeit vorweg. Obwohl in einer Zeit groß geworden, in der es schon fast zum guten Ton gehörte, für und/oder gegen irgendetwas seine Stimme zu erheben, habe ich an noch keiner Demonstration oder Kundgebung teilgenommen. Politisch und gesellschaftlich gesehen bin ich genügsam bis mit-allem-einverstanden und nehme eben alles, wie es kommt. Ich gehe wählen, mache pünktlich meine Steuererklärung, halte mich (fast immer) an die Geschwindigkeitsbegrenzung und trenne meinen Müll vorschriftsmäßig.

Mut bringt man ja im Allgemeinen auch eher mit heldenhaften Taten in Verbindung. Kein Mensch würde es als mutig ansehen, wenn ich z.B. einfach mit verbundenen Augen über die Straße ginge. Das wäre blöd, verrückt, dumm und ich ein Spinner. Aber eben nicht mutig.

Was nun, wenn ich mehr oder weniger gezwungen wäre, mit verbundenen Augen über die Straße zu gehen, weil ich z.B. damit ein Leben retten könnte? Wäre es dann Mut oder Angst, was mich zum Überqueren veranlassen würde?

Und was, wenn ich zufällig Zeuge davon wäre, wie jemand gezwungen wird, mit verbundenen Augen über die Straße zu gehen? Zivilcourage ist mutig. Den Mut zu haben, nicht weg zu schauen und gegen das Unrecht einzuschreiten. Und gleichzeitig ist es auch etwas leichtsinnig und gefährlich. Leider. Ich bin gewiss kein Held im herkömmlichen Sinne. Und ehrlich gesagt, frage ich mich hin und wieder: Würde ich einschreiten? Würde ich Hilfe holen? Ich wünschte, ich könnte mit absoluter Überzeugung sagen, wie ich reagieren würde. Und dass diese Reaktion mutig wäre. Diese Art von Mut kann man nicht trainieren oder testen.

Und überhaupt: Das tagtägliche Leben fordert bisweilen mehr Mut. Es gibt Tage, da muss ich all meinen Mut zusammen nehmen, um nicht einfach alles hinzuschmeißen und aus der Tretmühle des Lebens auszusteigen. Es kostet mich Überwindung, meine Pflichten zu erfüllen: Einkaufen, Kochen, Putzen, Aufräumen, Waschen. Und manchmal treibt mich nur mein schlechtes Gewissen an, das eine oder andere nicht ausufernd schleifen zu lassen.

Die Menschen machen mir manchmal Angst. Diese Unzufriedenheit mit allem und jedem. Dieses ständige Fordern nach mehr. Egoismus und Egozentrik scheinen immer mehr zuzunehmen und ich ertappe mich dabei, wie ich wünschte, mich würde all das nichts angehen. Um ein Held zu sein, muss ich nicht besonders mutig sein, wohl aber, um das Leben zu meistern.

Nein, ich bin nicht allein essen gegangen. Ganz nach dem Motto: ‚Heute mache ich kein Abendbrot, heute mache ich mir Gedanken’, hier eine kleine Aufstellung der Dinge, die mich keine Überwindung gekostet haben, weder heldenhaft mutig, aber herausfordernd und im Nachhinein vor allem ein Höllenspaß waren bzw. noch immer sind:

  • mit Zug durch Italien reisen
  • mit einem Koffer nach Spanien auswandern
  • einen kompletten Umzug mit einem Seat Marbella machen
  • am Strand übernachten
  • mit dem Auto 500km durch Ägypten fahren
  • mit zwei Koffern nach USA auswandern
  • den Beruf wechseln
  • allein in die Berge gehen
  • einen Blog starten
  • sesshaft werden und Eigentum erwerben

Ich finde, das zeugt doch von einer Menge Mut – Lebensmut. Und den kann man genauso wenig trainieren. Vielleicht aber ist er die perfekte Grundlage, um der Mutlosigkeit die Stirn zu bieten.

Neue Karte, neues Glück. Da ich mit dem Ausgang der letzten Powerkarte nicht so ganz glücklich bin, wage ich einen neuen Versuch und wähle nochmals die Powerkategorie: „Erschließen Sie neue Welten, indem Sie neue Worte finden: Lesen Sie Ungewohntes, etwa den Wirtschaftsteil Ihrer Zeitung und bereichern Sie so Ihr Vokabular. ‚Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt’, lehrt uns der Philosoph Ludwig Wittgenstein.“ Puh, das wird eine harte Nuss. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

Tatort Handtasche, Tag 19

Vorweg: Keine Angst, ich bin inzwischen nicht so radikal, dass ich meinen Geldbeutel entsorge. Aber dem Inhalt rücke ich hiermit zu Leibe.

Tatort: Handtasche, Geldbeutel.19 Tag

Tatbestand: Kundenkarten aller Art. Hat man solche erst einmal im Geldbeutel, fühlt man sich ständig dazu genötigt, sämtliche Filialen der Kundenkarte oder ihrer Partnerunternehmen mit einem (virtuellen) Besuch zu beehren. Damit ist nun Schluss.

Tatortsäuberung: In klitzekleine Schnipsel zerschnitten, was sehr befriedigend war.

P.S.: Muss zugeben, dass ich mich tatsächlich nicht von allen Karten trennen konnte und noch immer die eine oder andere mit mir führe. Aber das hier ist wenigstens schon mal ein Anfang.

Reise in die Vergangenheit

“Ein Leben ohne Freunde ist wie eine weite Reise ohne Gasthaus.” Demokrit. Machen Sie eine Liste mit Menschen, die Ihnen wichtig sind – und schreiben Sie auf, warum das so ist.

Heute mal wieder eine Rückkehr zum Experiment mit Karte Nr. 7 aus der Kategorie Sinn.

Das sollte im Grunde eine einfache Übung sein, So eine Liste ist schnell erstellt. Zu schnell manchmal. Und bevor nun der/die eine oder andere hofft, (nicht) auf dieser Liste zu erscheinen, komme ich nochmals auf den Ursprung der Karten zurück. Diese waren ja sicherlich in erster Linie für einen selbst und eher weniger für den Anschlag am schwarzen Brett bzw. als Blogpost angedacht.

Freunde sind doch etwas sehr Privates. Und Freundschaften erfordern viel Arbeit und Vertrauen, denn Freunde sucht man sich aus. Freunde sind Schätze, die es verdient haben, dass man sie schützt. Von daher habe ich die Aufgabe ein kleines Bisschen abgeändert und bin mehr auf den Nachsatz „..eine Liste mit Menschen…“ eingegangen und habe jemanden gewählt, der mir im Grunde alles verzeihen würde und den ich sehr vermisse: Meine Mutter, die starb, als ich noch zu jung war. Nicht dass ich nicht alt genug im Sinne von Jahren gewesen wäre, aber ich war noch nicht alt genug im Sinne von gedanklich reif, sie gehen zu lassen. Ehrlich gesagt, bin ich mir auch heute nicht sicher, ob ich jemals dazu reif gewesen wäre.

Zugegeben, es ist recht grausam, darüber nachzudenken, dass die eigene Mutter irgendwann nicht mehr da sein könnte und einen allein in dieser Welt zurück lässt. Neben der Tatsache, dass man sich plötzlich als Nächste(r) in der Reihe wiederfindet, wird man einem schlagartig bewusst, dass eine lebenslange Vertraute plötzlich fort ist und man sich somit auf jemand anderen verlassen muss, der einen auffängt. Die eigene Fähigkeit, jemandem vollends zu vertrauen, wird auf eine harte Probe gestellt. Die Suche nach diesem besonderen Menschen, der in der Lage ist, die eingestürzte Säule des Lebensfundamentes zu flicken, ist ein langer, einsamer Weg.

Dass eine Mutter aller Wahrscheinlichkeit nach die wichtigste Person im eigenen Leben ist, lässt sich schwer leugnen und wir alle haben unsere Gründe, warum das so ist. Selbst solche, die keine Mutter für ihre Kinder sind, haben diesen Status, denn auch sie prägen und formen das zurück gelassene Leben nachhaltig. Für mich ist meine Mutter wichtig, da sie mich hat gehen lassen. Als ich auf dem Weg in mein eigenes Leben war, bereit, meine Flügel zu öffnen, war sie die sanfte Brise, die meinem Absprung Auftrieb verlieh. Sie gab mir die nötige Sicherheit und Zuversicht. So lange ich zurück denken kann, wusste ich immer, dass ich jederzeit nach Hause zurück kehren könnte, sollte das Leben stärker sein als ich. Dafür bedurfte es keiner Worte. Ihr Vertrauen folgte mir überall hin.

Nun, ich zog nicht einfach nur aus – in eine Bleibe in der Nachbarschaft oder in eine andere Stadt. Als ich mein Elternhaus verließ, ging ich nach Spanien, ca. 1600km entfernt, und mir fällt keine einzige Unterhaltung ein, bei der sie Einwände oder Ängste äußerte. Im Gegenteil, meine Mutter gehörte zu denen, die mich in meinen Vorhaben immer wieder bestärkten. Und das war Anfang der 90er – wohlgemerkt. Damals benötigte man für Spanien noch ein Visum, um dort arbeiten zu dürfen. Als sie mich dann dort einmal besuchte, spürte ich, wie stolz sie war und wie sehr sie die Tage für sich selbst genoss. Ich entsinne mich, wie komisch ich es fand, sie so entspannt und glücklich zu sehen. Meine Mutter war wie ausgewechselt und so ganz anders als zuhause. Und da erkannte ich auf einmal das Leben, welches sie für sich selbst gewünscht hätte, aber ihr als Frau in der damaligen Zeit nicht offen stand, oder aber, weil sie es am Ende vielleicht doch gewagt hatte.

Nach ihrem Tod suchte ich verzweifelt nach einem Zeichen von ihr. Nach ihrer Anwesenheit. Ich versuchte krampfhaft, etwas fest zu halten, etwas zu greifen, was nicht da war. Ich wollte sie anschreien: „Wie konntest Du mich gehen lassen, wenn ich noch nicht bereit war, Dich gehen zu lassen!“ Ich hasste sie dafür, dass sie nicht stark genug war, für sich und ihr Leben zu kämpfen. Und ich hasste mich umso mehr, weil ich nicht stark genug gewesen war, für sie zu kämpfen. Denn das hatte sie mir beigebracht: Für das Leben, welches man sich erträumt, zu kämpfen und sich nicht von jemandem einreden zu lassen, dass Träume nur Schäume sind. Wenn ich Bilder von ihr betrachtete, versuchte ich den Punkt auszumachen, an dem aus dem fröhlichen, unbeschwerten Mädchen die stille und selbstlose Person meiner Mutter geworden war. Manchmal glaube ich, sie verwendete all ihre Energie darauf, damit ich später das Leben leben konnte, welches ich mir wünschte. Im wahrsten Sinne des Wortes, gab sie ihr Leben für meins. Aber dann verschwand sie. Ohne ein Wort. Ließ mich zurück. Ungeschützt. Verletzlicher, als ich ertragen konnte.

Heute frage ich mich jeden Tag: ‚Bin ich die Person geworden, die Du Dir gewünscht hast?’ Und wenn ich Fotos von mir sehe, begleitet mich jedes Mal die Angst, eine stille und gebrochene Frau zu erblicken, welche noch immer nach diesem jemand sucht, der die einst zerstörte Lebenssäule flickt. Noch immer auf der Suche nach einem warmen Licht, das mir den Weg zum nächsten Gasthaus weist.

Karte Nr. 7 war kräftezehrend. Gedanklich und gefühlsmäßig eine Reise in Vergangenheit. Als neue Karte habe ich daher eine Wohlfühlkarte ausgewählt: „Schaffen Sie sich Platz: Feng-Shui für die Seele. Trennen Sie sich von Ballast, den Sie schon lange loswerden wollen – egal ob von der Nervensäge auf Facebook oder dem kaputten Radio in der Küche.“ Wie wahr, manchmal muss man sich von etwas trennen, um nach vorn blicken zu können. Da ich weder auf Facebook bin, noch ein kaputtes Radio habe, werde ich für diese Aufgabe wohl etwas tiefer graben müssen. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin