Das neue Reisen, 5. Etappe: Morgenroutine

img_0365Benommen liege ich im Bett und treibe auf der Scholle im frühen Morgenlicht. „Stau auf der A96 Lindau Richtung München“…und schon stehen die Autos Stoßstange an Stoßstange bei mir im Zimmer und stauen sich an der geschlossenen Zimmertür. Ich hätte sie besser auflassen sollen, dann müsste ich mir jetzt nicht das Gehupe anhören und die Abgase einatmen, die sich zum undurchsichtigen Smog ausweiten. Zum Schutz ziehe ich mir die Decke über den Kopf, doch dann umklammern mich ihre vier Enden, nageln mich auf der Matratze fest und dann füllt sich das Kopfkissen mit Treibsand, in dem ich zu versinken drohe. Meine Hände versuchen irgendwo Halt zu finden, während meine Augen den Raum in der Hoffnung auf Rettung absuchen. Plötzlich stürzt die Friedenstaube aus Chagalls Bild auf mich herab, aber anstatt mir zu Hilfe zu kommen, attackiert sie den Schamanen, der gerade seinem Portrait entsteigt und in der anderen Ecke seine Pfeife raucht. Der Rauch, angestachelt vom Flügelschlagen verfängt sich in der Perlenkette, die in der offenen Schmuckschatulle liegt. Sie reicht mir ihre alabasterfarbene Hand und so hangele ich mich aus dem Bett, fühle den sicheren, festen Boden unter den Füßen.

Doch meine Beine schmerzen vom Muskelkater, den ich gestern aus 2000m Höhe unvorsichtigerweise gegrüßt habe und der sich nun niedergelassen hat und bei jedem Schritt seine Krallen ausfährt. Mit steifen Gelenken bahne ich mir hustend und tastend einen Weg durch die verkeilten Fahrzeuge zum Bad. Wütende Fratzen, hinter Windschutzscheiben gefangen begleiten mich, wenn meine Stelzen den Lack treffen.

Ich winde meine linke Hand um den Türstock, um nicht den Halt zu verlieren. Beim Hochziehen der Rollläden brennt das gleißende Licht des Supersterns durch das Glas und hinterlässt einen scharfen Rand, dort wo es auf Widerstand stößt. Es riecht verbrannt als die Nachtschatten in Ausguss und Wandlöchern Zuflucht suchen. Das Interieur ächzt unter der Last der Strahlung, die nur während der ersten Stunden des neuen Tages auf dieser Seite der Galaxie so unerbittlich ihre Kreise zieht und gleichzeitig Leben und Verderben bringt. Der Farn auf der Fensterbank schüttelt sich, bittet die Gießkanne flehentlich um Nahrung und gräbt seine Wurzeln etwas tiefer in die Erde, um der einsetzenden Sintflut etwas entgegenzusetzen.

Beim Toilettengang drohen meine Muskeln zu splittern wie Schiffsplanken und schwer atmend komme ich wieder hoch. Eigentlich würde ich gern auf eine Dusche verzichten, ich bin spät dran, aber die Wanne stellt sich mir drohend in den Weg. Sobald sich beide Füße am Emaille festgesaugt haben und ich nicht mehr umkippen kann, überfällt mich hinterrücks der Duschvorhang. „Dreh Dich gefälligst um, ich habe nichts an“, fauche ich ihn an. Beleidigt hüllt er sich in Schweigen. Dann verschwindet mein Körper unter dem Wasserfall, der sich aus dem Duschkopf ergießt. Der Lärm ist ohrenbetäubend, rechts und links stürzen die Fluten herab und reißen alles mit sich. Glucksend und gurgelnd öffnet der Abfluss seinen Schlund und ich muss aufpassen, dass meine Zehen nicht vom Strudel angezogen werden. Gleichzeitig versuche ich, den unaufhörlichen Wassermassen Herr zu werden und mit der Seife einen Schutzschild zu bilden. Doch aus dem Schaum entspringt ein Ungeheuer, welches meine Haare aufweckt. Wie der Schopf der Medusa greifen die Tentakeln nach mir, schnüren mir die Luft ab und nehmen mir das Augenlicht. Blind taste ich nach der elektrischen Zahnbürste. Wild fuchtele ich um mich, doch als Schwert ist sie unbrauchbar. Inzwischen ist der Schaum zu einer glitschigen Masse angewachsen, so dass ich die Zahnbürste mit beiden Händen umklammere, um nicht abzurutschen während ich auf Start drücke. Unvermittelt bebt die Luft. Die Vibration setzt sich durch meinen Körper hinfort und zusammen mit dem Surren erstarren die Greifarme auf meinem Kopf, so dass ich wieder zu Atem komme. Noch schnell den Hahn auf kalt stellen, um auch den letzten wasseraffinen Wesen den Gar aus zu machen.

Der Föhn schleudert mir den Saharawind entgegen. Die sengende Hitze bläst mir frontal ins Gesicht. Der Kamm nimmt den Kampf mit dem Orkan an. Dieser verfängt sich in den Zacken und zaubert so ein Schlaflied, welches den aufgebrachten Föhn beruhigt.

Auf Zehenspitzen schleiche ich zum Ausgang. Das Bett stellt sich schlafend, in Wartestellung verharrend. Der Pfeifenrauch des Indianers hat die Ketten wie Schlangen aus dem Schmuckkästchen kriechen lassen und ein Netz vor die Badezimmertür gespannt. Dahinter kann ich die noch immer wartenden Autos ausmachen. Ich ziehe mich kurz zurück und lege die Uhr an. Das Ticken friert die Zeit ein, lässt das Kettennetz zu einem Eiskristall erstarren. Ich schnappe mir den Föhn, stelle auf Überschallgeschwindigkeit und ziele. Das Eis birst unter der Wucht und die Tropfen sprühen über das Bett, welches sich wimmernd und schwer verwundet zurückzieht. Mit einem mutigen Sprung über die Motorhauben hechte ich zum Türgriff und rette mich nach draußen, genau in dem Moment, als Adele „Set fire to the rain“ singt und hinter mir die Elemente losbrechen.

Die Prinzessin auf der Erbse

Wenn ich eines so richtig liebe, dann ist es ein frisch bezogenes Bett. Da komme ich mir dann selbst wie eine Prinzessin vor, weil alles so frisch und fluffig riecht. Das königliche Vergnügen währt leider nur zwei bis drei Tage, dann ist es wieder eine gewöhnliche Bettstatt. Bis zum nächsten Wäschewechsel.

Bett

Vor gefühlt sehr, sehr langer Zeit befanden sich mein Heim und Bett in einem fernen Land, in dem ein Oberbett nicht zum Standardbettzeug gehört und nur in Luxushotels anzutreffen ist: Und eben bei ausgewanderten Mitteleuropäern.  Ansonsten besteht die Zudecke wie der Name schon sagt, aus einer Decke und darunter ein Laken. Beides ist meist akkurat an den Seiten und unten eingeschlagen und wenn man sich dann rechtschaffen müde zum Schlafen hinlegt, kann sich bisweilen leichte Sardinenfühligkeit bemerkbar machen. Also, kuschelig ist was anderes.

Allerdings muss ich zugeben, dass die Sache mit dem Laken und der Decke in lauen Sommernächten durchaus was hat. Und so pflege ich mein Sommer-/Winterprinzip, das bereits für meinen Kleiderschrank gilt, auch für Bettwäsche: Im Winter Daunendecke wie im Märchen und im Sommer Frau Holle für Allergiker. Und das Einschlagen muss man ja nicht unbedingt nachmachen.

Das hört sich jetzt nach Unmengen an Bettwäsche an, ist aber nicht so. Pro Saison gibt es zwei Bezüge, die wechselseitig aufgezogen werden. Mit dem System komme ich ganz gut über die Runden.

Schwierig, der eine oder andere ahnt es schon, ist mal wieder das Reich des Prinzen in spe, der in dem Fall der Erbsenzähler ist. Das hängt hauptsächlich mit dem Einfluss der leicht teleshoppingsüchtigen Großmutter zusammen, die bei jedem seiner Besuche eine neue, wunderbare Bettwäsche hat. Die findet der Nachwuchs dann so toll, dass kurz darauf der Bote mit dem Paket vor der Tür steht. Und da Sets immer günstiger sind, bekommen wir alles in zweifacher Ausführung, wobei die Maße der beiden Schlafstätten in unserem Hause nicht kompatibel sind.

Hier kommt also wieder die Aussteuerkiste aus meinem Beitrag „Tischlein deck Dich“ zum Einsatz. Also die zweite ihrer Art, um genau zu sein. Und da dort auch schon Bettwäsche für eine ganze WG lagert, profitieren inzwischen auch Freunde von den Paketen.

Neben der Bettwäsche eignen sich auch Handtücher perfekt für eine Aussteuerkiste. Da kann ich eindeutig auf gut die Hälfte verzichten, wobei die farbenfrohen mit genau der Absicht vom zukünftigen Ex-Mitbewohner ausgesucht wurden. Ich hoffe nur, dass Knallfarben dann nach wie vor der letzte Schrei sind.

Handtücher

Womit ich mich, fast so wie mit dem geerbten Geschirr, schwer tue, sind Tischdecken. Heutzutage benutzt ja fast niemand mehr Tischdecken, oder nur noch zu besonderen Anlässen. So wie das gute Geschirr eben. Ich besitze sage und schreibe dreizehn Stück, wovon ich „nur“ fünf selbst gekauft habe. Der Rest sind Erbstücke und Geschenke. Eine muss auf alle Fälle das traute Heim verlassen. So viel steht fest, dreizehn geht gar nicht – nicht mal im Märchen. Und ich bezweifele auch, dass sich Tischdecken für die Aussteuerkiste eignen. Zu altmodisch und zu viel Bügelarbeit, wenn ich den jugendlichen Mitbewohner da richtig einschätze.

Vielleicht kann man einzelne Tischdecken in Servietten umwandeln. Die muss ich nämlich hin und wieder aussortieren, wenn Tomatensauce und Co. auch nach zig Waschgängen noch Flecken hinterlassen bzw. dem jugendlichen Auge der Unterschied zwischen Geschirrhandtuch und Servietten mal wieder nicht so ganz klar war. Das wäre also durchaus eine denkbare Alternative.

Und da wir schon bei der Hausarbeit sind: Darum geht es dann im nächsten Beitrag.

Also dann, action!
Eure Kerstin