Tag 17: selbstverständlich

Tag 17Also, eigentlich finde ich die Frage ziemlich doof. „Das versteht sich doch von selbst“, hätten meine Eltern wohl früher gesagt. Richtig. So sehe ich das auch. Menschen, die mir wichtig sind, behandele ich automatisch pfleglich und mit der gebührenden Aufmerksamkeit. Vielleicht sind Anstand und Achtung heute keine Tugenden mehr und die Frage hat ihre Berechtigung. Frei nach dem Motto: „Alle denken immer nur an sich. Nur ich, ich denk an mich.“

Hatte ja schon mal an Tag 4 die Behauptung aufgestellt, dass ich leicht egozentrisch veranlagt bin. Könnte ja sein, dass sich dieser Wesenszug im Laufe der letzten Woche zunehmend ausgeprägt hat.

Unter Umständen verstehe ich auch einfach den Sinn nicht. Mag sein.

Um es kurz zu machen: Mir fallen da nur zwei Dinge ein:

1. „Innteerrneet!“, würde der jugendliche Mitbewohner ausrufen. (Seine unverständige Erziehungsberechtigte hat nämlich da eine Zeitsperre eingebaut und muss sich des Öfteren rechtfertigen, dass dies nichts mit der Liebe gegenüber dem Teen zu tun hat)

2. Meine lieben Freunde aus nah und fern, ich weiß, ich könnte mich öfter mal melden.

Also, so bei näherer Betrachtung kann ich noch einen dritten Punkt hinzu fügen:

3. Wer das jetzt hier liest und das Gefühl hat, dass ich ihr/ihm ruhig mal (wieder) zeigen könnte,dass sie/er mir wichtig ist, der melde sich einfach. So kurz vor Weihnachten will ich mal großzügig sein und noch ein paar Wünsche erfüllen.

 

Na, dann bis morgen, Kerstin

Vertauschte Rollen

Karte Nr. 21: „Sie sehen das Positive: Machen Sie einem Menschen ein Kompliment oder loben Sie jemanden, der es verdient hat. Sie werden erkennen, es tut Ihnen beiden gut.“

Wer aufgepasst hat, wird es bemerkt haben. Richtig, es sind zwei Monate seit der letzten Glückskarte vergangen. Ehrlich gesagt, war ich einfach nicht in der Lage, die Aufgabe zu erfüllen und kurz davor, aufzugeben. Das mag jetzt etwas lächerlich klingen. Schließlich ging es ja „nur“ darum, jemandem ein Kompliment zu machen. Also dachte ich: Okay, versuche es weiter. Vielleicht kommt der richtige Zeitpunkt noch. Aber irgendwie wollte es mir nicht gelingen. Nun ist es nicht etwa so, dass ich niemanden kennen würde, der kein Kompliment und/oder Lob verdient hätte. Aber irgendwie stecke ich da gerade in einer Krise und wenn ich nun die Aufgabe einfach nur mache, um sie als erledigt abhaken zu können, würde es wohl am Ziel vorbeigehen. Abwege vom Pfad des „Suchen und Finden des Glücks“. Was also tun? Die Karte ans Ende stellen und nochmals als letzte heraus holen? Sicherlich würde sie dann in meinem Hinterkopf immer herum geistern und langsam zu einem übergroßen Problemgeist heranwachsen. Der Gedanke, aufzugeben, schien sehr verlockend. Zu meiner bereits recht depressiven und gedrückten Stimmung gesellte sich eine hübsche Grippe, die ich aufgrund der Arbeitslast nicht richtig auskurieren konnte. Noch immer habe ich das Gefühl, dass mein Körper nach einer Auszeit förmlich schreit, um sich erholen zu können. Aber: Ich will mich nicht beschweren. Ich habe jede Menge Menschen, die mein Lob verdienen. Familie, Freunde, Kollegen. Eine ganze Reihe von guten Seelen, die mich unterstützen, aufbauen und verstehen. Wen also sollte ich auswählen? Würde ein einfaches „Danke, dass Du für mich da bist“ reichen, um den Effekt der Karte zu erzielen?

Ich werde das Ganze hier abkürzen. Während der letzten Wochen waren meine Freunde wahre Seelenretter. Sie versuchten, meine Stimmung zu heben, mich zu motivieren, mir zu helfen. Sie haben mir und meinen ständigen Beschwerden zugehört, so dass ich mich verstanden und besser gefühlt habe. Geachtet und beachtet. Es hat mir geholfen, nicht in Selbstzweifel zu ertrinken und aufzugeben. Sie haben mir gut gemeinte Ratschläge und Zuspruch erteilt. Und ich habe immer auf die eine oder andere Weise Danke für Deine Hilfe“ gesagt. Und genau so funktionierte die Aufgabe. Lediglich mit vertauschten Rollen und mit mir als Empfänger der Glückskarte.

Karte Nr. 22 (wie beschlossen, arbeite ich erst die noch verbliebenen Wohlfühlkarten ab): „Sie sehen das große Ganze: Zoomen Sie sich in Gedanken ein Stück von der Erde weg. Blicken Sie dann auf Ihre Alltagssorgen hinunter – die scheinen jetzt winzig klein zu sein.“ Hört sich nach einem guten Plan an. Na dann: Los geht’s! In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

Singletasking für die Seele

„Sie sind ganz bei der Sache: Versuchen Sie, dreimal auf Multitasking zu verzichten. Zum Beispiel zu essen, ohne zu lesen, zu telefonieren, ohne E-Mails zu checken, fernzusehen, ohne die Zeitung zu scannen.“

Um der Hektik des Sommers zu entfliehen, fiel meine Kartenwahl auf die Kategorie Komfort.

Erster Tag: Total versagt, auf ganzer Linie. Morgens Frühstück und Brotzeit gemacht, Tee gekocht, Kleid gebügelt, Wohnung gelüftet und das alles gleichzeitig. In der Arbeit habe ich es gleich gar nicht versucht. Das hebe ich mir für den Fall auf, dass ich es ansatzweise überhaupt schaffe. Tja, und nachmittags: Schwimmsachen packen, umziehen, Trinken, Bürotasche ausleeren, noch schnell etwas essen. Klar, Multitasking at its best!

Zweiter Tag: Heute mache ich es besser. Ganz bestimmt. Schließlich ist Wochenende. Aber schon kurz nach dem Aufstehen ist die Ruhe und der gute Vorsatz dahin. Schnell den Garten gießen, damit die Sonne nicht auch noch die letzten grünen Halme verbrennt, nebenbei Wäsche sortiert und Maschine neu gestartet. Dann frühstücken und Einkaufsliste schreiben. Samstagseinkauf, ich komme. Erst gegen Mittag kehrt langsam Ruhe ein, als ich am See entspanne. Allerdings lese, esse, trinke und unterhalte ich mich gleichzeitig. Und den anderen Badegästen und Spaziergängern schaue ich auch noch hinterher.

Dritter Tag: Sonntag, Tag der Ruhe. Von wegen! Bis Mittags schlage ich mich ganz gut. Immer schön der Reihe nach. Joggen, Duschen, Frühstücken, Lesen. Doch dann hole ich das Bügeleisen raus, um ein Kleid für morgen zu bügeln (diesmal mache ich es im Vorfeld, jawohl), stelle dann aber fest, dass der Saum sich stellenweise gelöst hat. Also, Nadel und Faden her. Dann fällt mir ein, dass ich den Rucksack noch ausbessern wollte. Also, Nähmaschine rausholen. Nebenbei wäre Mittagessen angesagt. Ups, schon 14 Uhr. Und ich habe um 14.30 Uhr eine Verabredung. Nun aber hurtig. Schnell packen, schminken und los. Abends dann wieder Entspannung, obwohl: TV an, E-Mails lesen und Haushaltsbuch führen zählt sicherlich als Multitasking.

Eine Woche später: Was soll ich sagen. Ein Reinfall. Bin etwas ratlos, wie ich mit dieser Herausforderung weiter komme. Im Grunde wäre ich ja mit einem Tag ohne Multitasking zufrieden. Bin ich tatsächlich so fremdbestimmt? Wie ein Fähnchen im Wind, oder besser noch Grisu, der Drache. Kennt den überhaupt noch jemand? Grisu wollte immer Feuerwehrmann sein. Ein Widerspruch schon in sich. Ein feuerspeiender Drache, der Feuer löschen will. Und irgendwie war es so auch. Immer wieder muss er seine versehentlich selbst entfachen Feuer löschen und schaffte es nie, Feuerwehrmann zu werden. Fast komme ich mir auch so vor. Als ob ich die „Brände“ selbst lege und dann versuche, alle gleichzeitig zu bekämpfen. Hin und wieder gibt es kurze Momente, bei denen es gelingt. Ok, ich arbeite weiter daran und übe mich im Singletasking.

Nach zwei Wochen: Zumindestens der Vorsatz ist jeden Tag da und immer wieder erinnere ich mich daran, nur auf eine Sache zu machen. Leider ist die Quote nach wie vor im einstelligen Bereich. Mag daran liegen, dass man gerade im Sommer jeden Sonnenstrahl ausnutzt, um sich draußen aufzuhalten. Im Winter ist es da doch eher gemütlicher. Man ist froh, auf der Couch zu sitzen, mit einer Tasse heißem Tee und den Schneeflocken beim Tanzen zu zuschauen. Ja, ich weiß, ich fantasiere. Liegt vielleicht an den Temperaturen, die gerade herrschen. Weiß nicht, was mir mehr zu schaffen macht: Die Hitze oder diese angebliche Komfortkarte.

Vier Wochen später: Nachdem ich die ersten beiden Wochen keine wirklichen Erfolge erzielen konnte, habe ich nun doch die Auflösung für Karte Nummer vier gefunden. Das Rezept lautet: Urlaub. Genauer gesagt: Hüttentrekking. Das mag jetzt erst mal nicht nach Urlaub und Erholung klingen. Aber, was den Verzicht auf Multitasking betrifft ist es das non plus ultra. Man kann gar nicht anders, als immer nur eine Sache zu machen und so setzt man jeden Tag einen Schritt vor den anderen. Möchte man die Aussicht/Landschaft bewundern, bleibt man stehen, da man sich ansonsten im günstigsten Fall aufgeschlagene Knie holt und im Schlechtesten den Berghang hinabfällt. Morgens steht man auf, macht sein Bett und packt seinen Schlafsack ein. Erstaunlich, was man alles nicht braucht, wenn man es erst mal selber tragen muss. Und nach drei Tagen kümmert es einen auch nicht mehr, ob die Frisur sitzt oder man das Shirt doch hätte wechseln sollen. Frühstück dient mehr der tatsächlichen Nahrungsaufnahme denn dem Genuss: Brot mit Marmelade, Käse oder Speck. Dazu Kaffee oder Milch. Das Gleiche wie gestern und das Gleiche wie morgen. Dann ein Blick auf die Karte und los geht es. Gleichmäßig, immer vorwärts. Mittags gibt es Obst, Wurst oder Käse und Brot. Manchmal gönnt man sich eine Suppe. Richtig, wie gestern und wie morgen. Mancher ahnt es schon: Das Abendessen bietet keine großen Überraschungen und variiert zwischen: Kaiserschmarrn, Omelett, Spiegeleiern und Rühreier mit und ohne Speck. Abends schaut man in die Karte und fragt nach dem Wetterbericht. Dann geht es schlafen. Ich bin sicher, das klingt alles mehr als langweilig. Aber es funktioniert. Jedes einzelne Aufgabe ist wichtig und verlangt volle Aufmerksamkeit. Alles hat eine Seele, die Multitasking wie selbstverständlich ausschließt.

Warum sind wir nicht in der Lage, diese Aufmerksamkeit tagtäglich aufzubringen? Sind die Aufgaben und unsere Mitmenschen es nicht wert? Sind wir einfach nicht fähig, immer nur einer Sache/Person 100% Aufmerksamkeit zu widmen? Kein Wunder, dass unsere Welt so damit beschäftigt ist, Aufmerksamkeit mit allem und jeden zu erregen. Und hier komme ich, und versuche der Seele das Multitasking abzugewöhnen.

Was ich noch gelernt habe – mal abgesehen davon, dass ich mehr Urlaub brauche? Man kann immer nur einem Weg folgen, um die nächste Hütte zu erreichen.

Hütte ist ein gutes Stichwort für Karte Nr. 5 (Sinnkarte): „Liebe zur Natur ist die einzige Liebe. die menschliche Hoffnungen nicht entäuscht“ Honoré de Balzac. Erleben Sie bewußt die Schönheit der Natur. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin