Was von der siebten Rauhnacht (31. Dezember) übrigbleibt – Juli 2017

Beim Zusammenstellen des Rückblicks ist mir gerade aufgefallen, dass ich vor lauter Gesellschaft und gesellschaftlicher Aktivitäten, kaum Fotos gemacht habe. Das nehme ich mal als positives Zeichen. Und auch dafür, dass sich so viele Ereignisse aneinander gereiht haben, dass es schon fast schwer war, Schritt zu halten. Ein wahres Fest, ganz im Sinne des 31. Dezembers, seines Zeichens Silvester.

Es war wirklich ein bewegender Monat mit zahlreichen Höhepunkten:

Wallberg, Geigelstein, Hinteres Sonnwendjoch auf der Bergseite.. 

das Sommertollwood und die Auerdult auf der Talseite….

 und eine reichhaltige Ernte und vorausschauende Vorratshaltung auf der Gartenseite… 

sowie das Treffen der Buchgesellschaft auf der Hausseite. 

Buchgesellschaft

Hin und wieder war es gar so viel Aktion, dass ich froh um jede stille Minute war. Dann wurde es so ruhig, dass sich mitunter ungewöhnliche Begegnungen eingestellt haben. So konnte ich viele Meter neben einem schwimmenden Biber schlendern, mich einem unerschrockenen Eichhörnchen mitten in der Stadt beim Knacken einer Nuss bis auf wenige Meter nähern und auch das Murmeltier zog es erst auf den letzten Metern vor, seinen Bau aufzusuchen. Leider bin ich in solchen Momenten von dem Erlebnis immer so in Bann gezogen, dass ich erst hinterher an ein Festhalten in Form eines Fotos denke. Selbst die Katze aus der Nachbarschaft, die meinen Sonnenplatz auf der Terrasse genießt, kriege ich nicht bildlich festgehalten. Vielleicht ist es aber auch besser/schöner/intensiver so.

Nun steht der August ins Haus. Mal sehen, wie sehr dieser ausgefüllt ist. Und welche Gelegenheiten sich bieten, diesen zu genießen.

Eure Kerstin

Von Krähen und Kranichen – oder: Saunastammtisch

Früher oder später sind wir alle auf der Suche nach Erleuchtung. Und bevor jetzt jemand die Augen verdreht und das als esoterischen Quatsch abtut, hier geht es um nackte Tatsachen.

Mein Seelenleben versuche ich mit dreimal die Woche mit Yoga ins Gleichgewicht zu bringen. Atmen, den Atem fließen lassen, Chakren (Energiezentren/Ebenen) aktivieren. Doch von der Erleuchtung bin ich meilenweit getrennt. Shiva, der im Kopf sitzt und das Männliche verkörpert, hat mich fest im Griff. Shakti, das Weibliche und der Gegenpol, liegt faul irgendwo am Ende meiner Wirbelsäule (Kundalini), auf der die Chakren sitzen, rum und beschäftigt ich mit was weiß ich. Soviel zur Theorie.

Yoga

Meine Yogalehrerin sagt immer: „Was wir hören, denken und tun, muss nicht das Gleiche sein.“ Womit sie absolut recht hat. Wer schon mal Power Yoga mit schnellen, abwechselnden Abfolgen gemacht hat, weiß wie schwierig das sein kann, wenn nebenbei auch noch der Atem völlig unbeschwert fließen soll. Ja, Yoga kann echt anstrengend sein. Körperlich und geistig.

Bei einer meiner Yogastunden herrscht ein Männeranteil von 50% und mehr. Ich denke, das sagt so einiges über den Anspruch und den Level aus. Die Sache mit der Erleuchtung rückt da immer etwas in den Hintergrund, die Männer sind doch eher am Sport als an der inneren Ausgeglichenheit interessiert. Nicht zu vergessen das Highlight, der nachfolgende Saunabesuch. Im schummrigen Dunkel lassen sich vortrefflich Stammtischparolen ausrufen und politische Ereignisse kommentieren. Da bekommt der Begriff „hitzige“ Diskussion einen ganz neuen Blickwinkel. Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob die Herren wegen des Sports oder des Aufgusses vor die Haustür gehen. Könnte auch eine Kombination aus beidem sein. „I train, because I want to look good naked“, hat mir mal jemand auf meine Frage, warum er am Marathontraining teilnimmt, geantwortet. Shiva, der eine ziemlich wilde Socke gewesen sein soll, zwinkert mir zu.

Ohne Fleiß kein Preis, und so üben wir regelmäßig Asanas, die den männlichen Yogis aufgrund der ungleichen Muskelkraftverteilung eher leichter fallen. Mit dazu gehört die Krähe. Und wie der Name schon sagt, handelt es sich da eher um eine gedrungene Kauerform, als denn etwas Leichtes und Anmutiges. Ich gebe zu, ich kämpfe seit Anbeginn mit der Stellung, die ein hohes Maß an Gleichgewicht und Stabilität und ziemlich viel Kraft in den Unterarmen und Handgelenken verlangt. Doch auch nach zig Versuchen, kann ich immer nur verstohlene, neidische Seitenblicke nach rechts und links werfen, während ich selbst recht unelegant nach vorne kippe und jedes Mal – im wahrsten Sinne des Wortes – auf die Fresse zu fallen drohe. Shiva, die wilde Socke tanzt und lacht.

Im anschließenden Saunagang werde ich dann gern mal aufs Korn genommen: „Hast ganz schön gewackelt heute.“ Haha, sehr witzig. Überhaupt werden die wenigen Frauen, die sich in den männlichen Hexenkessel wagen, ganz genau beäugt. Nach dem Motto, wer zuerst zuckt, hat verloren. Und solange noch keine Frau die Saunahölle verlassen hat, harren die Männer schnaufend und lamentierend aus – wobei sie gern unauffällig eine Stufe weiter nach unten rutschen.

Doch neulich hieß es: Mach mir den Kranich! Ausgehend von der gleichen Ausgangshaltung – einer Hocke – streckt er sich gen Himmel. Das klappt auf Anhieb und beflügelt mich geradezu. Die Knie ruhen in den Achseln, während die Zehen dem Nachbarn zuwinken. Euphorie macht sich breit und ich bin der Erleuchtung schon dicht auf den Fersen. Na ja, symbolisch zumindest. Shakti klettert die Chakren der Kundalini empor und lächelt Shiva zu, während meine ewig kreisenden Gedanken wie Schmetterlinge davon flattern.

In der Sauna dann: „Du hältst es aber ganz gut aus“, als ich nach 15 Minuten noch keine Anstalten mache, das Feld zu räumen. „Flach atmen hilft“, ist meine Antwort. Und in Gedanken füge ich hinzu: Tja, aus einer Krähe wird eben auch bei 90°C und im Halbdunkel kein Kranich.

 

Eure Kerstin

 

 

CO²-neutraler Blog: Ich mach mit!

Tolle Sache. Danke Christine für den Hinweis auf die Aktion von Macht’s grün, der Umweltaktion von kaufDA in Kooperation mit „I plant a tree“, bei der pro Blog, der mitmacht, ein Baum in Deutschland gepflanzt wird.

Ziel ist es, die Atmosphäre durch die Pflanzung eines Baumes im Schnitt um 5kg CO² pro Jahr zu entlasten und natürlich Deutschland noch grüner zu machen. Ein normaler Blog verursacht jährlich etwa 3,6kg CO² und . Damit neutralisiert ein Baum die CO²-Emissionen eines Blogs.

Tja, nun habe ich inzwischen auch einen Buchblog. Für den werde ich dann wahrscheinlich in meinem Garten einen Baum pflanzen und mich an seinem Grün erfreuen, während ich in einem Buch lese.

Wer auch gerne teilnehmen möchte – so geht’s:

  1. Bericht über Aktion posten + Button einfügen
  2. E-Mail an CO2-neutral@kaufda.de über Blogpost schicken
  3. KaufDa pflanzt einen Baum für den eigenen Blog

Eure Kerstin

Tag der Abrechnung – Wie man sich mehr Raum verschafft

Etwas über einen Monat ist es her, dass ich Karte Nr. 8 gezogen habe: „Schaffen Sie sich Platz: Feng-Shui für die Seele. Trennen Sie sich von Ballast, den Sie schon lange loswerden wollen – egal ob von der Nervensäge auf Facebook oder dem kaputten Radio in der Küche.“

Seitdem war ich schwer mit Aufräumen beschäftigt. Und wie. Ich konnte gar nicht mehr aufhören. Was mir dabei alles in die Hände gefallen ist, kann unter „Wie man sich mehr Raum verschafft“ nachgelesen werden. Habe ich nun mehr Platz? Sicherlich. Ebenso sicher werde ich meine Augen weiterhin offen halten, um erstens weiter das Gerümpel in Schach zu halten und zweitens erst gar nicht mehr so viel Schnickschnack anzuhäufen. Soweit der Plan.

Habe ich auch mehr Platz für meine Seele? Hm, fraglich. Denken wir doch bei Ballast eher an den emotionalen Ballast, die man durch eine simple Aufräumaktion nicht so einfach los wird. Das Problem mit derartigen Erinnerungsträgern ist auch, dass wir diese bisweilen sogar ganz gut leiden können. Zum Beispiel ein Schal – Geburtstag- oder Jahrestagsgeschenk: Im Grunde tragen wir den Schal gern, weil er kuschelig und schön ist, werden aber auch gleichzeitig an etwas erinnert, das wir gern aus unserem Gedächtnis streichen würden. Was passiert, wenn wir uns dann doch von dem Gegenstand trennen? Ein Schal lässt sich vielleicht einfacher „verschmerzen“ als vielleicht ein Möbelstück, welches nun auch noch einen leeren Platz hinterlässt, der uns obendrein und zusätzlich an das Fehlen eines solchen erinnert. Also muss unter Umständen ein Ersatz gefunden und angeschafft werden. Wie erfolgreich mag ein solcher Austausch wohl sein? Würde ich nicht automatisch nach etwas dem Original sehr Ähnlichem suchen und mich dann fast schon gezwungener Maßen mit einer unzureichenden Kopie abgeben, die ich dann nur bedingt gut finde? Oder wage ich etwas total Neues? Etwas, was womöglich im ersten Moment überhaupt nicht mein Stil ist.

Und was passiert mit solchen Erinnerungsstücken, die neben dem immateriellen Wert einen tatsächlichen haben? Schmuck – ein Klassiker. Wenn ich diesen verkaufe und mir etwas davon gönne, eine Massage beispielweise, kann ich diese dann auch genießen? Oder ich kaufe ein Gemälde. Muss ich dann beim Betrachten vielleicht ständig daran denken, was den Erwerb möglich gemacht hat?

Das Problem ist, je älter man wird, um so mehr seelischer Ballast häuft sich an, von dem man sich eventuell (noch) nicht bereit ist zu trennen.

Selbstverständlich schaffen wir uns auch selbst Dinge an, die wir mit Erinnerungen belegen. Vielleicht gerade weil es uns seelisch schlecht geht, kaufen wir etwas als Ersatzbefriedigung. Vielleicht eine Kaffeetasse. Kann diese es jemals zur Lieblingstasse schaffen oder fristet sie im hinteren Teil des Schrankes ein ewiges Schattendasein? Was passiert mit Dingen, die aus einem bestimmten Anlass bzw. mit einer gewissen Absicht in unserem Besitz sind? Ein Beispiel: Ich habe mir vor Jahren, aus Freude über eine neue Wohnung, um das Glück noch zu verstärken bzw. zu erhalten, einen sogenannten Lucky Bamboo gekauft. Er hatte Wasser und stand am Fenster. Mehr braucht so ein Glücksbringer eigentlich nicht, wenn ich die Gebrauchsanweisung richtig gelesen habe. Dann aber wurde in meine Wohnung eingebrochen. Ein Anti-Glückfall sozusagen. Wo war der Bambus, möchte ich gern wissen? Im Grunde hätte ich ihn nach dieser Aktion wahrscheinlich kurzerhand rauswerfen sollen. Aber nein, ich habe ihn behalten und seitdem zieht er mit mir durch die Welt. Und das wohl eher, da ich schon fast Angst habe, noch mehr Unglück anzuziehen, sollte ich mich von ihm trennen. Nun aber kommt das Paradoxe: Ich kümmere mich nur sehr nachlässig um die Pflanze, da ich dem grünen Stängel noch immer böse bin wegen des Einbruchs. Heißt das nun, dass ich damit weiteres Unglück herauf beschwöre oder war der Lucky Bamboo am Ende von Anfang an nur ein Unglücksrabe im Schafspelz und ich hätte ihn damals schon zu Kleinholz verarbeiten sollen? Was, wenn nun das Unglück mein ständiger Begleiter ist? Und wenn ja, wie werde ich es los?

Zurück zur Bilanz und dem Tag der Abrechnung für Karte Nr. 8. Neben all den materiellen Dingen habe ich es schließlich doch noch geschafft, etwas Seelensäuberung zu betreiben, bei dem mir der Zufall zu Hilfe kam. Ich gehöre zu den Menschen, die ein Handy lediglich dafür benutzen, wofür es geschaffen wurde: Zum Telefonieren. Gut, hin und wieder ist auch die eine oder andere SMS dabei. Vielmehr mache ich damit nicht. Von daher besitze ich ein recht altertümliches Modell mit Tasten. Ich habe keine Apps zum Errechnen der perfekten Eierkochzeit und ich kann keine Musik damit hören. Tja, man könnte sagen, ich behandle mein Handy fasr ebenso nachlässig wie den Bambus. Zumindestens sieht es recht mitgenommen aus. Im wahrsten Sinne des Wortes. Es passt in die Hosentasche ohne diese auszubeulen und in eine kleine Abendhandtasche. Allerdings mangelt es an Eleganz und inzwischen auch Funktionalität. Mit Klebeband wurde unlängst das Display zum Durchhalten bewogen. Die Ecken haben sich schon vor längerer Zeit bei diversen Abstürzen verabschiedet. Und vor kurzem muss die im Gerät eingebaute Antenne einen Knacks abbekommen haben, da ich zusehends und immer öfter nur Notrufe absetzen hätte können. Lange Rede, kurzer Sinn: Das Christkind hatte Erbarmen oder Mitleid oder Angst um mein Seelenheil und mir großzügigerweise unter den Weihnachtsbaum ein schickes Smartphone gelegt. Während ich die alte SIM-Karte in das neue Handy eingelegt habe, bin ich über meine Kontakte gestolpert. Viele von denen kann ich schon gar nicht mehr als Kontakt bezeichnen, da bereits seit Jahren ein solcher nicht mehr besteht oder auch noch nie bestand, wenn es sich um vom Mobilfunkunternehmen vorinstallierte Nummern handelt. Manch einer war mit drei verschiedenen Handynummern versehen. Andere wiederum wurden mal für berufliche Zwecke benötigt. Und einige haben sich tatsächlich aus meinem Leben verabschiedet oder ich mich aus ihren. Und so habe ich das alte Handy gespendet, obwohl ich glaube, dass selbst Bedürftige mein Angebot ausschlagen werden. Und mit dem alten Handy habe ich mich nun von vielen seit langem überflüssigen und ungenutzten Telefonnummern getrennt. Dabei sind mir jede Menge schöne Erinnerungen durch den Kopf gegangen und ich bei jedem Löschen habe ich einen Abschiedsgruß mit auf den Weg gesandt. Und wen es interessiert: Die Eierkochapp wird auch jetzt nicht bei mir Einzug halten, denn da halte ich es wie Loriot und koche die nach Gefühl oder mit der guten alten Eieruhr.

Bleibt noch die Vorschau auf die neue Aufgabe. Passend zum energiegeladenen Vormonat eine Powerkarte: „Seien Sie mutig. Tun Sie etwas, das Sie Überwindung kostet – gehen Sie zum Beispiel abends allein zum Essen. Verstecken Sie sich nicht hinter einer Zeitung, sondern beobachten Sie bewusst die Leute. Herausforderungen durchbrechen die Routine und fördern die Lebenslust.“ Na dann, Prosit Neujahr und bis in einem Monat.

Eure Kerstin

P.S.: Ach ja, und für den Bambus werde ich einen Freund kaufen. Schließlich ist keiner gern allein. Und vielleicht bringt ihn das auf andere Gedanken.

Die Kunst des Atmens

„Sie sind ganz in Ihrer Mitte: Bewusstes Atmen beruhigt, lindert Angst und Schmerz. Beginnen Sie mit fünf Sekunden einatmen, fünf Sekunden ausatmen. Langsam steigern.“

Klar kann ich fünf Sekunden einatmen und ausatmen. Ich kann sogar zehn Sekunden ein- und ausatmen und noch länger, wenn ich mich nur auf den Rhythmus des Atmens konzentriere. Die zweite Karte ist eine aus der Kategorie Wohlfühlen. Mal sehen, was mir dazu einfällt und zu welchen Einsichten es mich bringt:

Atmen ist das Erste, was wir tun, wenn wir in dieser Welt ankommen und ebenso das Letzte, wenn wir sie verlassen. Mit einem Lauten Knall kommen wir an: Hier bin ich, ich bin hier. Und wir scheiden: Leise und mit einem Seufzer. Ein schöner Kreis: Ein – Leben – Aus. Nichts, auf das wir besondere Sorgfalt legen oder dem wir große Achtung schenken. Es ist für uns selbstverständlich. Die Luft um uns herum. Nichts, was wir sehen, anfassen, fühlen können. Und doch ist es die Essenz des Lebens.

Ich liebe es, meinen Atem zu sehen, wenn es draußen kalt ist. Die Fensterscheibe anzuhauchen und dann die Welt wie durch einen weißen Schleier zu sehen, der langsam verschwindet.

Manchmal habe ich das Gefühl des Erstickens – als wenn ich nicht genügend Luft bekommen würde. Dabei meine ich nicht Sauerstoff. Es ist eher so, dass ich das Gefühl habe, die Luft sei leer und würde sozusagen den göttlichen Atem missen. Meine Lungen können sich nicht ausdehnen. Es fühlt sich an, als ob etwas unmenschlich Schweres mich zusammen presst.

Beim Sport oder anderen körperlichen Aktivitäten, wird man sich auf einmal recht schnell seines Atems bewusst. Oder vielmehr der Tatsache, dass man außer Atem gerät. Beim Pilates gibt der Trainer die Sequenz des Atemholens vor. Irgendwie kann ich nie richtig folgen, da ich bei weitem länger benötige, um den Kreis von Ein- und Ausatmen zu schließen. Beim Yoga funktioniert das besser. Das Zusammenspiel von Atmung und Bewegung fühlt sich vertrauter und natürlicher an. Hin und wieder müssen wir uns einzig und allein auf unsere Atmung konzentrieren und dann kann ich es förmlich vor meinem inneren Auge sehen, wie die Luft bis in die letzte Zelle strömt. Mein Atem fließt durch meinen Körper und nimmt allen Raum ein und nach einiger Zeit heften sich alle Gedanken, alle Probleme an den Luftstrom und fliegen mit dem Atem davon. Für mich: Die Kunst des Atmens. Der Punkt, an dem man einfach ist. Vor einiger Zeit sagte jemand zu mir: „Wir sind nicht unsere Gedanken. Wir sind die Stille zwischen den Gedanken.“ Am Anfang dachte ich: ‚Was für ein Blödsinn! Was, wenn nicht meine Gedanken, definiert mich?’ Aber es ist tatsächlich war. Wenn man den Punkt erreicht, an dem kein Gedanke mehr unser Hirn beschäftigt, dann ist man einfach. Ich persönlich schaffe dies am besten beim Bergsteigen. Ich höre mich atmen, meine Gedanken wandern in meinem Kopf umher und wenn der letzte Funke meine Gedanken verlassen hat, fühle ich mich unbeschwert und leicht und zuhause.

Wenn ich zur Ruhe komme, dann versteckt sich mein Atem ganz gern. Mein Brustkorb bewegt sich nur minimal und nahezu kein Geräusch zeigt an, dass ich noch lebe. Wie, als wenn ich versuche, keine Aufmerksamkeit zu erregen. Zumindestens wurde mir das erzählt von Leuten, die mal neben mir geschlafen haben. Anscheinend liege ich wie tot da. Muss wohl ein Überbleibsel aus meiner Zeit als Höhlenmensch sein. Aber ich lebe – noch. Obwohl es schon Zeiten gegeben hat, zu denen ich mir gewünscht hätte, ich könnte mich einfach hinlegen und sterben. Wie die Rehe. Habe ich irgendwo mal gelesen oder gehört: Wenn ein Reh sterben möchte, legt es sich hin und stirbt. Einfach so. Als ich vor langer Zeit mal an einem solchen Tiefpunkt war, gab es in einer Ausstellung eine schalldichte Kammer, die man testen konnte. Als die Tür sich hinter mir geschlossen hatte, war mit einem Mal kein einziges Geräusch mehr zu hören. Alles wurde geschluckt. Nicht einmal mein Atem erzeugte einen Ton. Ich konnte mein Herz wie wild schlagen hören. Es hörte sich wie ein tosender Wasserfall oder fürchterlicher Sturm an. Ich hatte wahrlich das Gefühl zu ertrinken und meinen eigenen Atem nicht zu hören. Voller Panik bin ich damals aus der Kammer im wahrsten Sinne des Wortes geflohen. Später bereute ich aber, dass ich meinem Atem keine Chance gelassen habe, die Umgebung zu spüren, meine Gedanken auszuschalten und ich zu sein. Offensichtlich hatte ich die Kunst des Atmens noch nicht erlernt. Ich war noch nicht in meiner Mitte angekommen.

Eure Kerstin