Zeitreisen in die Vergangenheit: Ungelebte Augenblicke

Vorwort: Ein sehr persönlicher Text, den ich schon einmal bei einem Literaturprojekt veröffentlichen durfte und hier nun leicht abgeändert als Zeitreise. Passend zum heutigen Tage und aus einer meiner schwersten Zeiten.

Ich sehe sie dort liegen. Das unschuldig weiße Laken bedeckt ihren ausgezehrten Körper. Unter dem Tuch senkt und hebt sich der Brustkorb mechanisch und überdimensional auf und ab. Ich trete an ihr Bett und blicke in ihre Augen. Leblos starren sie – weit offenstehend – zur Decke. Ein gefühlloser Blick ins Nirgendwo. Um sie herum Instrumente und Apparate unaussprechlichen Ausmaßes. Unmengen von Schläuchen sind auf ihrem Körper verteilt, ragen aus ihrem Mund, enden in Kanülen, die in ihre Arme führen. Gleich einer Riesenkrake, liegt sie – bewegungslos gefesselt – in deren Umarmung. Der Anblick raubt mir den Atem.

Mein Vater, der neben mir steht, schlägt sich die Hände vor das Gesicht und ich habe Angst, dass er zusammenbricht. Fest lege ich meine Hände auf seine Arme und führe ihn fort von diesem unerträglichen Anblick, der auf immer in mein Gedächtnis eingebrannt sein wird.

Auf dem Flur reißt er sich den übergestreiften Kittel vom Leib und versucht, seine Tränen in Griff zu bekommen. Ich würde ihn so gern in die Arme nehmen, doch er will keinen Trost. Wohl auch aus Furcht, weich zu werden und seinen Schmerz nicht mehr beherrschen zu können.

Der Arzt versucht, uns Erklärungen zu liefern: Er möchte keine Hoffnungen machen, aber auch keine Schwarzmalerei betreiben. Im Grunde könne er eigentlich gar nichts sagen, nur, dass man diese ganzen Maßnahmen nicht vorgenommen hätte, wenn es hoffnungslos wäre. Dann lässt er uns dort stehen, auf dem kalten und grausamen Flur der Intensivstation. In meinen Gedanken ist jegliche Ordnung verloren gegangen. Später kann ich mich an keinen einzigen aus diesen Momenten mehr erinnern. Nur die Fragen, die bleiben: Warum? Wieso? Weshalb? Warum? Warum? Und nochmals: Warum?

Dann flüchten mein Vater und ich – so scheint es beinahe – auf die Straße, die uns mit ihrem Lärm und Treiben erdrückt. So sitzen wir im Auto. Wortlos, sprachlos, gefühllos. Aus irgendeinem wirren Gedankengang heraus erinnert sich mein Vater an die Dinge, die er für sie ins Krankenhaus gebracht hat und er bittet mich, diese zu holen. Und so lasse ich ihn allein und gehe.

Tränen der Verzweiflung steigen in mir auf. Ich stehe im Fahrstuhl. Neben der Zahl neun leuchtet in dicken Buchstaben „Intensivstation“. Ich zögere. Ich will nochmals zurück gehen, sie für mich ganz allein haben und ihr sagen, wie sehr ich sie liebe und wie sehr ich sie brauche, noch immer. Neben all den Dingen, die ich später bitter bereuen werde, gehört auch dazu, dass ich es nicht getan habe, dass ich nicht nochmals zurück gegangen bin.

Auf ihrem Krankenzimmer angelangt, räumen die Schwester und ich ihren Schrank aus. Ihr Bett ist verwaist und kalt. Ich komme mir wie eine Grabschänderin vor, die die letzten Habseligkeiten eines Menschen an sich nimmt. Ich stopfe sämtliche Dinge in einen Leinenbeutel, lege den Bademantel darüber und greife nach der Handbörse. Die Schwester berichtet mir, dass sie ihren Schmuck in die Börse gelegt hat. Nun nehme ich ihn an mich. Zwei goldene Ketten, mit Anhängern aus Bergkristall und Hämatit. Sie und ihre Steine. Ein ganzes Sammelsurium hat sie sich angelegt. Alle Steine haben eine Bedeutung. Sie heilen, beschützen und schützen. Sie bewahrt sie in einem kleinen Säckchen auf und ist ständig auf der Suche nach neuen. Eigentlich hätte ich auch erwartet, ihre Ringe zu finden. Sie fehlen.

Es ist eiskalt und der schneidende Wind bläst durch meinen Mantel. Wir sitzen am Tisch. Vor uns zwei Teller mit Essen. Ich schaue meinem Vater zu, wie er es – gleich mir – aus reiner Pflicht und ohne Geschmack zu sich nimmt. Er sieht alt aus. Seine kurz geschorenen Haare lassen die Kopfhaut durchscheinen und betonen sein gegerbtes Gesicht. Seine Hände zittern. Die Adern pulsieren dick und bläulich auf seinem Handrücken. Ich erinnere mich an meine Jugend: Oft foppte er mich, wenn ich eine Erzählung mit den Worten ‚ein alter Mann’ anfing, und er dann fragte, wie alt er denn sei, der alte Mann, und ich überlegte und antwortete, dass er wohl um die vierzig gewesen sei, worauf er diesen besonderen Blick aufsetzte und meinte, dass er dann wohl so alt wie er wäre. Aber mein Gefühl sagte mir, dass diese Gleichung nicht stimmen konnte. Mein Vater war, seit ich denken kann, ohne Alter. Während ich und alles um mich herum an Jahren zunahm, so blieb er doch scheinbar immer derselbe. Nie hätte ich ihn als alt bezeichnet. Doch jetzt: Jetzt sah ich es. Ich konnte neben ihm gehen und ihm dabei fast in die Augen sehen, seine Schultern umfasste ich leicht mit meinen Armen und seine Füße und Hände hatten längst nicht mehr diese Größe.

Ich fühle ihren Schmuck in meinen Taschen. Ich nehme die Ketten heraus und lasse sie durch meine Finger gleiten. Meine Hände riechen nach dem Desinfektionsmittel des Krankenhauses. Steril und nach Tod. Ich bekomme diesen Geruch nicht von meiner Haut. Er setzt sich fest und bleibt haften. In meiner Nase, in meinem Inneren konserviert. Krampfhaft umschließe ich sie und habe Angst, sie loszulassen. In meinen Gedanken entgleitet sie mir, sobald ich den Griff lockere. Ich rede mit ihr, beschwöre sie, festzuhalten am Leben.

Ich sitze im Zug nach Hause. Mein bleiches Gesicht spiegelt sich im Fenster wider. Irgendwann leuchtet an meinem Telefon auf, dass ich eine Meldung habe. Einer meiner Freunde möchte wissen, wie es ihr geht. Die Menschen sind seltsam, fragen danach, wie es dem anderen geht und haben doch nur Kraft für die eigenen Empfindungen. Eine Floskel ohne Bedeutung, die nur dazu dient, die selbst aufgestellten Vermutungen bestätigt zu sehen und den anderen zu quälen, indem er seinem Zustand Worte verleiht und erst durch das gesprochene Wort, diesem Wahrheit zuspricht.

Ich sitze an meinem Tisch. Die Arbeit der vergangenen Woche liegt vor mir. Ich sortiere meinen Tag, plane meine Termine. Als meine Kollegin den Anruf meines Vaters durchstellt, sind meine Gedanken fest in der Welt der Arbeit, so dass ich keine Chance habe, zu reagieren. „Deine Mutter ist gestorben.“ Ende. Der Fall nimmt kein Ende und das Loch hat keinen Boden. Irgendwann ist nur noch das pure Nichts. Mein Herz hört auf zu schlagen. Unheimliche Stille breitet sich in meinem Körper aus. Wie ein Fels liegt es in meiner Brust. Ich habe das Gefühl, einen Fremdkörper in mir zu haben, den es gilt, zu bekämpfen und zu vernichten. Mein Körper schnürt mich ein und wird lange Zeit die einzige Schutzhülle für meine Seele sein. Ich schließe meine Augen und tauche in mein Inneres. Mein Blick weicht jedem aus, der versucht, einzudringen und so bleibt der Weg zurück unerreichbar.

Mein Vater hat Tee gekocht. Einsam sitzen wir beisammen. Mein Vater zeigt mir den Text, den er für die Trauerkarten verfasst hat. Ich lese ihn wie in Trance. Mein Gehirn nimmt alles auf und lässt es fallen. Jede Einzelheit, jede Kleinigkeit der nächsten Wochen brennt sich in mir fest. Ich sitze in meiner Höhle am Ende des langen Falls – Dunkelheit um mich herum – und die Ereignisse senken sich herab, versperren den Ausgang, rauben mir das Licht und die Luft zum Atmen. Irgendwann kehrt Stille ein. Das Haus schläft und seine Bewohner haben sich mit ihrem Schmerz zurück gezogen in ihre Einsamkeit. In das Wohnzimmer scheint silbriges Mondlicht. Ich sitze auf dem Sofa, starre nach draußen und zähle die Schneeflocken, die im Licht der Straßenlaterne still zu Boden sinken. Ich fühle mich entsetzlich einsam. Ein Stück meines Herzens ist verstummt. Tränen kullern über mein Gesicht. Ich hasse sie für das, was sie mir angetan hat. Wieso hat sie nicht gekämpft? Warum hat sie so einfach aufgegeben?

Der Reif friert zu Kristallen, die sich über die Landschaft breiten. Groß und weiß tut sich das Krankenhausgebäude vor mir auf. Bedrohlich und dunkel blicken die Fensterfronten herunter. Nein, ich will dort nicht hinein, ich will nicht diesen Geruch von Leid und Verfall und Schmerz an und in mir haben. Eine Schwester weist mir den Weg in das Wertsachenbüro für Verstorbene. Geschäftiges Treiben um mich herum. Teilnahmslos nehme ich ihre letzten Dinge entgegen. Ein goldener Ehering und der Diamantring, den mein Vater ihr geschenkt hat, als ich geboren wurde. Ich ziehe sie auf die Ketten, die ich noch immer bei mir trage.

Die Kälte dringt langsam durch meine Kleider. Eine Kerze brennt ruhig und friedlich vor sich hin. An meinem Finger trage ich den Diamantring. Die Ketten um meinen Hals. Meine Gedanken sind wie ausgebrannt. Mein Leben gleicht einem Labyrinth. Jeden Tag wache ich auf und spüre den Verlust. Der Schmerz erdrückt mich. Ich fühle mich gebrochen und gebeugt. Immer wieder glaube ich, die Last nicht tragen zu können. Meine Hände greifen ins Leere, während ich falle. Mein Körper spürt die Risse und Wunden schon längst nicht mehr. Ich begrabe allen Zorn und alle Tränen in mir. Wer könnte es schon ertragen? Es ist ein Irrglaube, zu denken, dass man Freud’ und Leid’ teilen kann. Unglück macht einsam. Ich verschließe meine Seele. Krachend ist das Tor zum Leben ins Schloss gefallen.

Ich sitze in einer Kirche. In einer Stadt, die ich nicht einmal kenne. Ist es wirklich schon drei Jahre her, dass Du gestorben bist, und mir auf alle Ewigkeit die Chance geraubt hast, „Hallo Mama“ zu rufen, wenn ich nach Hause komme, in ein Haus, dem nun die Seele fehlt und das keinen Schutz mehr vor der Welt bietet. Wie konnte ich nur all’ die Augenblicke ungenutzt vorbeiziehen lassen, in dem kindlichen Glauben, dass es so etwas wie Zeit gibt.

Das neue Reisen, 10. Etappe: Das Mitbringsel

Auf Wunsch eines einzelnen Lesers (Danke an T. von schreib.blog), habe ich mich bei meinen Zimmerreisen auf die Suche nach einem Mitbringsel gemacht. Eine schöne Vorstellung. Was bleibt und taugt als ein solches bei dieser anderen, neuen Art des Reisens?

Das Heim ist ja auch deswegen ein Zuhause, da alles darin die Person und deren Persönlichkeit widerspiegelt. Umso mehr, bunter und vielfältiger, je zahlreicher die Bewohner, welche Tisch und manchmal sogar das Bett teilen. Auswahl und Anordnung der Einrichtung verleihen einem Raum Charakter. Und der ganze große Rest, Bücher, Bilder, Memorabilien bilden das Leben, die Energie, welche bremst oder beflügelt, vielleicht sogar je nach Stimmung.

Die Frage bleibt: Was bringt man mit als Souvenir? Was bleibt als Erinnerung vom Streifzug durch die eigenen vier Wände?

Denn Erinnerungsstücke sind genau das: Andenken an vergangene Zeiten, welche die Sehnsucht gleichzeitig stillen und wecken.

Die Sehnsucht als Ursprung allen Handelns, komprimiert in einer materiellen Form, um sie zu bewahren. Man baut ihr einen Käfig, um ihrer Herr zu werden. Doch sie ist da, ein Leben lang. Wie der Zweifel, der uns unsere Entscheidungen abverlangt.

Was aber, wenn die Sehnsucht einem ständig und beständig Leid auferlegt? Die Sehnsucht sich gar als Angst bemerkbar macht? Dann gilt es, sich mit ihr auseinander zu setzen, bevor sie einem den Schlaf raubt. Also muss man ebenso auch den Mut haben, sich von ihr treiben zu lassen, ihr entgegen zu treten und sie als etwas am Ende Unerfüllbares anzuerkennen.

Und all die manifestierten Sehnsüchte bilden ein Sammelsurium an gelebten Bruchstücken. Mitbringsel und Hoffnungsträger gleichermaßen. Die Frage, was wäre, wenn, lässt sich in letzter Instanz schließlich nicht beantworten. Es bleibt also nur die Sehnsucht.

An dieser Stelle möchte ich fürs erste die Reisetätigkeit in den eigenen vier Wänden ruhen lassen, mich für die Reisebegleitung bedanken und mit einem Zitat von Ahmet Altan enden: „Ihr könnt mich einsperren, wo immer ihr wollt. Auf den Flügeln meiner unendlichen Vorstellungskraft werde ich die ganze Welt bereisen. […] Ihr könnt mich ins Gefängnis stecken, doch ihr könnt mich dort nicht festhalten. Weil ich die Zaubermacht besitze, die allen Schriftstellern eigen ist. Ich kann mühelos durch Wände gehen.

Das neue Reisen, 1. Etappe: Der Kosmos

img_0365Das Licht ist grell, je nach Tageszeit, und dann knistern die Fugen von Fenster und Möblierung. Doch heute drückt der Wind an die Scheibe und der Regen prasselt auf den gläsernen Terrassenvorbau. Unaufhörlich. Im Sturm biegen sich die haushohen Bäume in Nachbars Garten und neben dem Rascheln der Blätter knackst und knarrt es in den Zweigen und Ästen. Die Wetterseite macht ihrem Namen alle Ehre.

Je nach Witterung vernimmt man das stetige, irgendwie monotone und doch unregelmäßige Surren der Reifen auf dem Asphalt der nahe gelegenen Bundesstraße, ganz zu schweigen von den aufgemotzten Motoren der Halbstarken, welche die 30er Zone als Abkürzung nehmen. Wobei die urbane Kulisse von überall her wie Sand ins Innere eindringt und sich niederlässt: Hubschrauber auf dem Landeplatz der Feuerwehr inklusive Einsatzwagen mit Martinshörnern aller Art, welche mich aufschrecken und das Gedankenkarussell sich drehen lassen.

Dann die Kirchenglocken, die immerwährende Erinnerung, was die Stunde geschlagen hat, sieben Tage die Woche, vom ersten Angelusläuten bis zur Abendandacht im Viertelstundentakt. Zum Glück, wenn man hier leicht ketzerisch von Glück sprechen kann, wird der Glockenturm seit geraumer Zeit saniert, so dass lediglich Feiertags- und Gottesdienstläuten erschallt, wobei mir letzteres in diesen Zeiten irgendwie sinnlos erscheint. Genauso wie der Gesang des Muezzins vor ein paar Tagen, als Sonne und Muttertag reihum alle aus ihrer Behausung gelockt hatten, nachdem Grünflächen am Vortag noch getrimmt und gemäht worden waren. Noch immer frage ich mich, ob nur jemand aus der benachbarten Siedlung uns alle an seinem Glauben teilhaben lassen wollte, oder ob der Wind tatsächlich diesen aus der entfernten Moschee bis hierher getragen hat und der Klang sich dann in den Häuserschluchten verfing und vervielfältige wie das Echo am Königssee. Vielleicht wollte auch derjenige nur ein bisschen mitmischen bei Grillparty, Spielplatzgetöse, Kaffeegeklapper und Zweiradtouren, motorisiert und muskelbetrieben.

Doch heute herrschen Wochentagsbedingungen, aus den Kellergewölben steigt der durchdringende Ton der Drechselmaschine des Hobbybastlers durch alle Ritzen und Poren nach oben. Gleichzeitig fühle ich mich wie eine Sardine zwischen pubertierendem Mitbewohner und Nachbarskind eingequetscht, das Zimmer, ein schmaler Schlauch zwischen den um Aufmerksamkeit konkurrierenden Parteien. Unvorhersehbar und jederzeit kann das Gewitter der Furie von nebenan losbrechen. Dann mischt sich die Stimme der Mutter unter. Laut, aggressiv und in einer mir fremden Sprache werden die Machtkämpfe ausgetragen. Gepolter und Türenschlagen sind die Folge. Hin und wieder lausche ich, ob und wann der Zeitpunkt zum Eingreifen gegeben sein könnte. Doch dann hämmert der Zocker im eigenen Haushalt mit der Faust auf den inzwischen wackeligen Schreibtisch und stößt ein paar unflätige Kraftausdrücke aus, die mich zusammen zucken lassen, während die Wander- und Reiseführer, gleichermaßen Zukunftsträume und Meilenstein, auf dem Regal über meinem eigenen Schreibpult vibrieren. Manchmal räche ich mich mit der Nähmaschine, die mit Vollgas über die Tischplatte rumpelt, so dass jede Kommunikation im Keim erstickt wird.

Abgesehen davon erscheint das Zimmer still, kein Ticken einer Uhr, kein Ventilator, der den Rechner verrät, kein Summen, das manch moderne Lichtquelle zur allgemeinen Geräuschkulisse hinzusteuert. Das Klicken der Tastatur geht im Rhythmus des eigenen Herzens unter. Das marokkanische Tagesbett hält Siesta und sogar die Schritte auf dem Laminat und das Zurechtrücken des Stuhles scheinen sich selbst Zurückhaltung auferlegt zu haben, so als ob sie meine Gedanken nicht stören wollten, während der Blick umherschweift und über die Bilder und Memorabilien gleitet, die den Raum füllen, ja schon fast erdrücken und mich in eine andere Welt hineinziehen, gleich einer Reise durch mein Leben. Bunt und verteilt über Orte, Länder, Kontinente und die Zeit.

Die erste große Liebe als schemenhaftes Bild verewigt, mit schüchternen Zärtlichkeiten, die Scherben des zertrümmerten Autofensters vom Familienausflug nach Straßburg, der Graffiti-Brocken der Berliner Mauer, das Korallengerippe aus der tosenden Brandung von Hawaii, das Miniaturmodell eines ratternden Oldtimers als Symbol für den ersten Wagen, der ebenso knatterte, von den Eltern mitfinanziert, der Segler in der Glasflasche als Andenken an die Fahrt auf der Ostsee unter vollen Segeln, die Parfümphiole von einem orientalischen, geschäftigen Bazar, der Casinochip aus Las Vegas, vorbei geschmuggelt an den scheppernden, einarmigen Banditen und dem Croupier, der einem ein „rien ne va plus“ hinterherruft, der Geocachingschatz, gehoben neben der Kuhweide, deren Glocken die Südtiroler Bergalmruhe weithin verkündeten.

Gegenüber der Schreibtisch, dunkel gemasert, filigran verschnörkelt, mit Messingbeschlägen zum Öffnen und Schließen der schwergängig atmenden Schublade und in einer wilden Odyssee im offenen Cabrio durch die Hollywood Hills transportiert. Darüber die Magnetwand mit all den Geschichten, die noch als Ideen umhergeistern und mir nun bei jedem Aufblicken vom Bildschirm zuflüstern, sie zu Papier zu bringen.

Die Welt als unendlicher Kosmos im Kleinen, zusammengepfercht auf 11m².

umgedacht und aufgestellt – die Wohnungs- und Haushalts bzw. Lebenswegfrage

Erinnert sich der eine oder andere noch an die Inventurliste aus Armee der Energieslaven?
1 Fernseher, 1 DVD-Player, 2 Radios, 1 Radiowecker, 1 Stereoanlage, 1 Computer, 2 1 Laptops, 1 MP3-Player, 2 Handys, 1 Telefon, 1 Spielkonsole, 1 PSP, 1 Gameboy, 2 Digitalkameras, 1 Staubsauger, 1 Waschmaschine, 1 Trockner, 1 Mikrowelle, 1 Kühlschrank, 1 Kaffeemaschine, 1 Kaffeemühle, 1 Toaster, 1 Wasserkocher, 1 Mixer, 1 Küchenmaschine, 1 Rührstab, 1 Saftpresse, 2 Föns*, 2 1 elektronische Zahnbürsten, 1 Lockenstab, 1 Glätteisen, 1 Set beheizbare Lockenwickler, 1 Nähmaschine, 1 Bügeleisen.

Richtig, die durchgestrichenen Energiesklaven haben die Wohnung verlassen und sind, falls noch nicht veräußert, vorerst in den Keller gezogen, wo sie auf den Flohmarkt/Verkauf warten. Das * bedeutet, dass ein Exemplar in dem derzeit vorhandenen zweiten Haushalt deponiert ist und auf die Zukunft = Verkauf wartet. Die Kaffeemühle hat ein Bleiberecht bis ich einen manuellen Ersatz gefunden habe. Die Energiesklaven in kursiv sind angezählt (bei den Radios/Kameras jeweils 1 Exemplar), heißt, die werden kurzfristig bis mittelfristig das kuschelige Zuhause gegen eine neue Bleibe eintauschen müssen. Anstelle der Kaffeemaschine kommt ein kleiner Italiener zum Einsatz.

Tut mir leid, Moni, aber der Kaffee schmeckt seit einiger Zeit komisch. Keiner sagt jetzt was, bitte. Entkalken und andere Kapseln haben keinen Erfolg gezeigt, wahrscheinlich liegt es also doch an mir. Die Tante führt gegenüber dem jugendlichen Mitbewohner, wenn dieser beim Essen mal wieder etwas verweigert, auch immer an, dass der Geschmack sich ändert, wenn man älter wird. Eventuell besteht in beiden Fällen Hoffnung.

Apropos jugendlicher Mitbewohner: Wie man sieht, hat er ganz schön ausgemistet. Gleichstand, wenn ich es so grob überschlage. Gut gemacht, Großer!
Was hat sich sonst im Haushalt getan?
Geschirr, Besteck und Küchenutensilien sowie Bettwäsche und Handtücher und nicht zu vergessen Möbel und Einrichtungsgegenstände warten so gesehen auf den Auszug des jugendlichen Mitbewohners und darauf, was davon dieser dann für würdig erachtet, in seinen eigenen Hausstand mitzunehmen. Die Sache mit der Aussteuerkiste ist natürlich nach wie vor ein Thema. Bis es denn so weit ist, dauert es ja noch und bis dahin fällt mit Sicherheit (hoffentlich) auch noch das eine oder andere Stück der natürlichen Auslese zum Opfer.

Bei den Staubfängern, die sich als solche den Wohnraum mit mir teilen, handelt es sich ja fast durchgängig um Memorabilien mit sentimentalem Wert. Wer hätte das gedacht? Für jeden anderen also schlichtweg Killefit, Schnickschnack, Krimkrams, Nippes, Tüddelkram, Kokolores – Staubfänger eben. Manchmal bin ich kurz davor, mich von den handfesten Erinnerungen zu trennen, schließlich sind diese ja in meinem Kopf viel lebendiger vorhanden, und dann lasse ich es doch, weil ich keinen Sinn darin sehe, diese zu verbannen, solange sie mich nicht explizit stören, belasten oder sich etwas an der Wohnsituation ändert. Insofern darf sich dieser Ballast damit rühmen, dass er mir so viel bedeutet, dass ich derzeit keine Hand an ihn anlege, sollte sich allerdings auch nicht zu sicher fühlen, denn in Wirklichkeit ist er einfach nur geduldet bis zum Tag X.

Ein paar Worte zum Tag X: Der Lebensweg und damit die Frage nach dem Zuhause, ist, was mich betrifft, noch nicht abgeschlossen. Als Weltenbummler und Zigeunerin in spe, wird dies in einer unbestimmten Zukunft ein ganz anderes Abenteuer. Es gibt mehrere Pläne (A und B und C, vielleicht auch noch weitere Varianten, mal sehen), die derzeit im Raum und zur Diskussion stehen. Und dann wäre ich versucht, ein Experiment zu machen: Alle meine „sieben“ Sachen in Umzugskisten packen und so lassen. Und erst dann, wenn ich etwas brauche, aus der Kiste holen. Ohne Einschränkung. Nach einem Monat steht so ziemlich fest, was man letztendlich benötigt und auch nutzt. Die Herausforderung besteht dann natürlich darin, sich vom Rest ohne Abschiedsschmerz zu trennen.

Andererseits kamen Gedanken dieser Art erst vor einigen Tagen beim Frühstück zur Sprache. Und wenn ich mir jetzt und hier so vorstelle, ich würde meine vier Wände gegen das Vagabundenleben eintauschen, dann kann ich nicht auf Anhieb sagen, welche Dinge tatsächlich weiterhin in meinem Besitz bleiben sollten und ob ich nicht vielleicht sogar in der Lage wäre, mich restlos von allem zu trennen. Andererseits, beschwören kann ich es auch nicht. Es bleibt also abzuwarten, welche Wege das Leben einschlägt.

Ach ja, zwei Neuzugänge in punkto Stromfresser sind auch zu vermelden – leider: Ein iPad und das elektronische Buch. Ja, ich weiß, sagt nichts! Zu meiner Verteidigung kann ich sagen: Es waren Geschenke. Gut gemeint, das ich will einfach mal unterstellen, aber unüberlegt, wenn man mich kennt. Das iPad wird alle paar Tage mal zu Rate gezogen. Und das eher aus Bequemlichkeitsgründen, weil schneller startet als der PC. Das E-Book ist ein anderes Thema.

Aber dazu mehr im nächsten Kapitel.
Also dann, action!

Eure Kerstin

 

Tatort des Monats März

Der März ist ja der Monat des Aufbruchs. Und jede „gute“ Hausfee weiß, dass der Frühjahrsputz unmittelbar damit verbunden ist. Und auch der letzte Mensch auf dieser Welt weiß, dass die meisten Unfälle im Haushalt passieren. Da bilde ich keine Ausnahme.

Tatort: Regal über dem Schreibtisch.Tonwek

Tatbestand: Mallorquinisches Tonwerk.

Tatortsäuberung: Das klingt jetzt vielleicht etwas drastisch, aber das handwerkliche Stück wurde tatsächlich entsorgt und nicht repariert. Erstens, weil ich es ursprünglich mal als Geschenk mitgebracht hatte und es nach dem Tod der Beschenkten wieder in meinen Besitz übergegangen ist, also so gesehen, gar nicht meins war/ist. Zweitens, weil ich mich erst um die Reparatur des Tisches, auf den das Andenken geknallt ist, kümmern muss (siehe Dellen auf dem Foto). Und drittens, weil ich ein weiteres, wenn auch nicht identisches Exemplar mit der gleichen Vorgeschichte besitze, welches nun besonders behutsam beim Abstauben behandelt werden wird.

Schatten der Vergangenheit

Ob es an den depressiv stimmenden Herbsttagen liegt, die den Winter einläuten oder an einer kosmischen Überschneidung verschiedener Ereignisse, kann ich im Moment noch nicht klar ausmachen, aber die Schatten der Vergangenheit holen mich derzeit mal wieder ein. Und das in ziemlich rasantem Tempo.

Angefangen hatte alles irgendwie mit dem Erzeuger des jugendlichen Mitbewohners, dem ich neulich am Telefon nahegelegt habe, es wäre doch ganz schön, wenn er zumindest hin und wieder auch mal meine Meinung einholen würde. An sich ein recht bescheidener Wunsch, aber mein Hirn hat daraufhin anscheinend die Schublade ehemaliger Liebhaber nicht richtig zugemacht, denn seitdem geistern diese durch mein Leben.

Amor und Psyche

Ich plaudere jetzt mal ein bisschen aus dem sehr persönlichen Beziehungsnähkästchen. Vor recht langer Zeit hatten ein Kollege und ich neben der beruflichen eine, wenn auch kurze, private Beziehung. Das ist jetzt eigentlich nichts Ungewöhnliches, schließlich finden ein Drittel der zwischenmenschlichen Beziehungen ihren Anfang während der Arbeitszeit. Oder eben auf einer der berüchtigten Weihnachtsfeiern.

Nun gehört mein Brötchengeber zu den Unternehmen, die in sogenannten Restrukturierungsmaßnahmen die Zukunft sehen und so kam es, dass dem Status Ex-Lebensabschnittsgefährte nun auch der des zukünftigen Ex-Kollegen zu Teil wird. Da sind mir dann einige Dinge durch den Kopf gegangen, ihm anscheinend auch, denn prompt leuchtete am Tag nach Bekanntgabe auf meinem Display seine Telefonnummer.

Er: „Ich bin Opa geworden.“ Sie: „Aha. Schön.“ Er: „Wenn ich nächstes Jahr aufhöre, dann kann ich mit Dir wandern gehen.“ Sie (gedanklich): Hä?? Er: „Das hatte ich Dir ja damals versprochen.“ Sie (gedanklich): Echt? Wo war ich denn da? Er: „Du wolltest doch immer diesen Weg gehen.“ Sie: „Ja, Du weißt ja, wann Ferien sind.“ Also, jedenfalls war es ein ganz nettes Gespräch, auch wenn das jetzt hier nicht so aussieht, und wir haben neben ein paar Neuigkeiten auch die Handynummern ausgetauscht. Ja, ich weiß. Sagt nix!

Prompt kamen dann später auch die Opa-Bilder. Leider hatte ich meinen Part der Abmachung, im Gegenzug Bergbilder zu schicken, vergessen. Wobei ich da noch ein Hühnchen mit meinem Unterbewusstsein zu rupfen habe, wie mir scheint, denn normalerweise leide ich unter einem Elefantengehirn, das alles abspeichert. Obwohl, das mit dem gemeinsamen Wandern ist mir ja auch entfallen. Am nächsten Tag in der Arbeit landete dann prompt ein dezenter Hinweis per Mail in meinem Postfach. So, und nun kann sich jeder ausmalen, dass der vergangen geglaubte Liebhaber sich gerade ziemlich breit macht in meinen Gedanken und ganz realen Leben.

Das, was mich jedoch am meisten beunruhigt ist, dass ich nun immerzu an den Film „Freunde mit gewissen Vorzügen“ denken muss. Nur, keiner meiner Schatten ist Justin Timberlake. Bei weitem nicht. Ok, ich bin auch nicht Mila Kunis, aber das Anziehendste an dem heutigen Opa ist seine Stimme. Die ist ziemlich sexy. Der Rest, na ja. Da gab es andere. In solchen Momenten verfluche ich das menschliche Erinnerungsvermögen und das Internet. Ganz ehrlich. Früher hätte man gegrübelt und vielleicht bei Freunden ganz vorsichtig mal nachgehorcht, aber heutzutage tippt man den Namen einfach in die Suchmaschine und schon landet das Antlitz des Ex auf dem Bildschirm. Ich weiß, selbst schuld.

Meine ganz große Liebe, der berühmte Deckel zum Topf, breitet heutzutage doch tatsächlich sein ganzes Leben für jeden sichtbar im sozialen Netzwerk aus. Schwanke gerade noch, ob das egozentrisch und exhibitionistisch veranlagtes Eingebildetsein oder einfach nur doof ist. Und wo sich das Karussell in meinem Kopf schon mal in Bewegung gesetzt hatte, ist mir da gleich noch eine andere verflossene Schattengestalt erschienen. Meine Jugendliebe glänzte beim letzten Klassentreffen mit Abwesenheit, von daher wurde das Netz um Auskunft gebeten. Ich war echt schockiert, also bin schockiert: Was man ja als blind verliebter Teenager nicht glauben möchte, aber irgendwann sieht der unwiderstehliche Jüngling, für den man all die pubertären Streitigkeiten vom Zaun gebrochen hat, seinem Vater (trifft wahrscheinlich auch im Falle von weiblichen Jugendlieben und ihren Müttern zu) verdammt ähnlich und dann ist man doch ziemlich froh, dass der Held vergangener Tage mit seinem Pferd weiter gezogen ist beziehungsweise man ihm die Sporen gegeben hat.

Stellt sich die Frage, was nun? Und wie werde ich die Schatten los? Mein Hirn scheint in Bezug auf die Vergangenheit da ähnlich einer defekten Schallplatte (die älteren meiner Leser werden sich erinnern) immer wieder an einer Stelle hängen zu bleiben. Vielleicht hat ja jemand einen guten Tipp, wie man die Endlosschleife abschalten kann.

Eure Kerstin

Tatort Schreibtisch, Tag 21

Obwohl mein Schreibtisch, der eigentlich eher ein Sekretär ist, recht übersichtlich ist, birgt die Schublade allerhand fast vergessene Erinnerungsstücke. Mag auch daran liegen, dass ich von Berufs wegen so viel Zeit an meinem Arbeitsschreibtisch verbringe, dass ich privat mich lieber bequem in einen Sessel fläze als mich an meinen Schreibtisch zu begeben.

Tatort: Schreibtisch, Schublade.21 Tag

Tatbestand: Alte, ältere und uralte Ausweise aus dem letzten Jahrtausend. Warum ich die noch habe? Sind so schöne bunte Einreise- und Visastempel drin.

Tatortsäuberung: Ausweise sind abgelaufen und somit auch das Aufenthaltsrecht im Schreibtisch. Eigentlich ein vortrefflicher Grund, mal wieder zu verreisen und sich neue Stempel zu besorgen.

 

P.S.: Muss leider gestehen, dass ich es am Ende doch nicht übers Herz gebracht habe und den Kinderausweis – meinen ersten – behalten habe.

Tatort Schreibtisch, Tag 20

Schon wieder ein neues Betätigungsfeld. Hoffentlich verliere ich nicht den Überblick, wo ich schon war und was noch nicht unter die Lupe genommen wurde.

Tatort: Schreibtisch, Schublade.20 Tag

Tatbestand: Stinknormaler Kugelschreiber, den eine findige Andenkenproduktionsfirma in eine „Bayerische Schreibmaschine“ verwandelt hat. Habe ich mal am Flughafen erworben, als ich keinen Stift dabei hatte. Dem Preis nach zu urteilen, war es eher ein nobles Schreibgerät.

Tatortsäuberung: Schreibt leider nicht besonders gut, liegt auch nicht schön in der Hand. Billiges Klump, sozusagen. „Tschüß“, würde der Hamburger sagen.

Tatort Badezimmer, Tag 13

Manchmal kann ich mich des starken Eindrucks nicht erwehren, dass ich in diversen Urlauben ganz offensichtlich meinen Geschmack zu Hause gelassen haben muss. Anders lassen sich solche Funde nicht wirklich erkl13 Tagären.

Tatort: Bad, Schrank.

Tatbestand: Baby Mini Mouse. Disneyland lässt grüßen. Glücklicherweise diesmal ohne Geräuschkulisse.

Tatortsäuberung: Siehe Tatortsäuberung Tag 12 (Nervige Staubfänger haben ab sofort Hausverbot)

Tatort Badezimmer, Tag 12

Da es draußen so eisig, winterlich kalt ist, habe ich mich ins warme Badezimmer verkrochen und bin sogleich fündig geworden.12 Tag

Tatort: Bad, Heizung.

Tatbestand: Kreischmöve aus Stoff. Andenken an einen der zahlreichen Ostseeurlaube. Zum Glück waren diese weitaus schöner als das Andenken.

Tatortsäuberung: Nervige Staubfänger haben ab sofort Hausverbot.