Der Hotspot

Vorwort: Eigentlich wollte ich die aktuelle Lage ja nicht mehr kommentieren, aber hin und wieder bereichert etwas Inkonsequentsein das Dasein.

***

Sonntagmorgen, kurz nach sieben Uhr. Wohlgemerkt nach, nicht vor, denn da ist die Welt bekanntlich ja noch in Ordnung. Ich sitze im Zug und beiße gerade genüsslich in mein Croissant, als die Zugbegleiterin vorbeikommt, um mein Ticket zu kontrollieren. „Die Maske bitte auflassen“, ermahnt sie mich. Ich blicke etwas dümmlich aus der Wäsche: „Auch beim Essen?“. „Sie hätten ja am Bahnhof vorhin essen können“, bekomme ich zur Antwort, „Außerdem sind Sie in einem Hotspot-Gebiet.“

Ja, ich bin in einem kürzlich als Hotspot deklarierten und inzwischen wieder freigesprochenen Gebiet, je nachdem, welche Einwohnerzahlen man zu Grunde legt, losgefahren und ja, ich bin gerade durch einen ehemaligen Hotspot gereist, den eine feiersüchtige und/oder schlaflose Partygängerin aus Übersee heimgesucht und ihr Unwesen getrieben hatte, in dem es dann, ich glaube, Achtung, drei Neuinfektionen, gab. Und, ja, der Zug fährt in ein Hotspot-Gebiet, der aber nur für Besuche von über achtundvierzig Stunden als ein solcher Konsequenzen hat, allerdings, ich steige vor der Grenze aus, bin dann also irgendwie zwischen einem ehemaligen und aktuellen Hotspot unterwegs. Das hat der Ministerpräsident so definiert und der muss es ja wissen. Der sitzt ja an der Quelle der Weisheit und den hat die Mehrheit gewählt und bei „Wer wird Millionär“ verhilft der Publikumsjoker auch meist zum gewünschten Ziel. Egal, anderes Thema.

Die Zugbegleiterin, die ja den Zug begleitet und nicht mich, nun, die hat vielleicht das mit der Geographie und den sich ständig ändernden Verfügungen nicht so ganz und zu so früher Stunde parat. Ist ja auch immer ein brisantes Geschichtsthema, also die Grenze zwischen Bayern und Tirol, da kann man schon mal den Überblick verlieren, vor allem, da es ja um diese Uhrzeit noch recht finster ist draußen und die Dame, ihrem Akzent nach zu urteilen, erst vor dreißig Jahren überhaupt in den Genuss des freien Reisens gekommen ist. Und vielleicht entstammt sie ja auch dem Tal der Ahnungslosen, die waren ja selbst in den eigenen Reihen am Ende der Welt, weil im Grenzgebiet ohne West-TV, was natürlich verboten, aber dort noch nicht einmal empfangen wurde. Herrje, ich schweife schon wieder ab.

Zurück zum Thema: Wir wollen also mal nicht so sein und wer weiß, vielleicht ist auf dem Berg ja die Hölle los und ein findiger Geschäftsmann hat eine Après-Auftiegsbar eröffnet. Ich lasse folglich mal lieber meine Corona-Warn-App samt Bluetooth laufen. Im Zweifelsfall ist dann der Akku alle, um einen Notruf abzusetzen, aber man muss schließlich Prioritäten zum Wohle der Allgemeinheit setzen. Dann steige ich aus. Weit und breit keine Menschenseele in dem ganze vier Häuser umfassenden Ort. Nun, sind ja vielleicht alle schon oben und feiern auch noch einen Tag danach das Jubiläum der Wiedervereinigung oder irgendein Dorffest. Da sind ländliche Gegenden ja mitunter recht einfallsreich, wenn es um einen Grund zum Trinken und Feiern geht.

Nach zwei Stunden treffe ich tatsächlich auf Leben: Eine Gämse und ich stehen uns erstaunt gegenüber. Kurze Zeit später dann eine ganze Herde. Oh, ein Hotspot, denke ich. Zum Glück halten die Bergbewohner gebührenden Abstand. Offensichtlich haben auch sie Probleme, beim Essen eine Maske zu tragen, denn keiner trägt einen Mund-Nasen-Schutz. Oder es sind illegale Einwanderer aus dem ein wenige hundert Meter entfernten Hotspot-Gebiet. Das Gras auf der anderen Seite ist ja immer grüner.

Nach zweieinhalb Stunden dann der Gipfel. Ich schaue auf mein Handy. Kein Hotspot. Nicht mal 1G, kein Balken, nichts. Die Digitalisierungsoffensive der Netzbetreiber ist offensichtlich noch nicht bis in diesen Winkel vorgedrungen. Lohnt wohl auch nicht, außer mir ist hier ja niemand. Auch sonst ist es eher ziemlich frisch, gefühlt ein paar Grad über null würde ich sagen.

Auf dem Berg gegenüber sehe ich eine Gruppe von Menschen. Vier, das ist gerade noch so erlaubt. Ich winke. Dann halte ich inne. Hm, ob die Aerosole wohl so weit fliegen können? Pestizide, wie gerade festgestellt, sind ja nach neuesten Erkenntnissen auch viel weiträumiger unterwegs als ursprünglich angenommen. Und werden die Viren eigentlich weniger, wenn die Sauerstoffversorgung mit zunehmender Höhe sinkt? Und ob die auch wissen, dass sie sich nur auf der anderen Seit der Grenze tummeln dürfen? Wenn die Zweibeiner schon unter einer Geographieverwirrheit leiden und die Vierbeiner unter territorialer Unbefangenheit, dann will ich gar nicht wissen, mit was der Intellekt eines solch unsichtbaren Feindes aufwartet.

Nach zwanzig Minuten immer noch keine Aussicht darauf, dass sich hier ein Hotspot befindet, oder demnächst aufflammt. Dafür ist mir so richtig kalt. Wenn ich hier oben erfriere und dann so in ein paar hundert bis tausend Jahren gefunden werde, dann bin ich vielleicht so etwas wie ein weiblicher Ötzi der Corona-Krise und dann bin nicht nur ich, sondern auch der Fundort ein Hotspot, der die Massen anzieht. Ok, das sind eindeutige Anzeichen beginnender Hypothermie und so klammere ich mich mit Handschuhen, also richtigen Handschuhen, an meinen Teebecher. Nun muss ich allerdings ziemlich dringend, was echt blöd ist. So auf über 2000m und unterm Gipfelkreuz wächst schließlich nicht allzu viel, was einem Sichtschutz bietet, denn auch wenn man ganz allein ist, will man, ok vielleicht eher Frau als Mann, ja eine gewisse Privatsphäre wahren. Wenn ich aber nun hier direkt hinpinkele, dann ist es wirklich ein Hotspot. Zumindest kurzzeitig. Und während ich noch darüber sinniere, kommt doch tatsächlich ein Wanderer des Weges. Erst bin ich mir nicht sicher, ob es sich um eine Fata Morgana handelt, die dem ständigen Sauerstoffmangel infolge der Maskierung geschuldet ist, oder der Kurzatmigkeit aufgrund der Höhe, oder um meinen einfachen Mann, der mich mal so richtig überraschen will und den mir mein malträtiertes Hirn und einsames Herz nun einfach vorgaukelt.

Wir grüßen einander. Puh, zum Glück hocke ich hier nicht mit runtergelassenen Hosen. Egal, ob es sich bei dem Neuankömmling nun um einen Fremden oder meinen einfachen Mann handelt. Jetzt sind wir also schon zwei. Sind zwei schon ein Hotspot? Also, das kommt jetzt drauf an, aber gehört definitv nicht hierher, weder gedanklich noch physisch, sondern wenn, dann auf die Alm.

Zurück in der Zivilisation, zeigt der Ort nach wie vor keinerlei Anzeichen einer Temperaturänderung. Nur meine Füße, die könnten als Hotspot durchgehen, so brennen meine Fußsohlen. Und als ich so auf den Zug warte und als Erinnerung noch ein Foto des in jeder Hinsicht Grenzgebietes mache und auf mein Handy blicke, fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Mensch, denke ich, ich hätte ja nur meinen persönlichen Hotspot freischalten müssen und schon wäre ich mittendrin gewesen. Das muss es sein, was mir die Zugbegleiterin heute Morgen vermitteln wollte. Die hatte ihren freigegeben und wollte mich schlicht und ergreifend anmachen. Oh Mann, bin ich aber auch verpeilt.

img_1056

Der Hotspot

Vertrauen ist der Anfang von allem

Das inzwischen geflügelte Wort, mir in einem im Nachgang perfekt gewählten und wohlüberlegten Moment derart zugespielt, damit ich mir meine Bedenken und Vorbehalte klar vor Augen führe, um diese doch bitte nach und nach, am liebsten aber sofort über Bord zu werfen, ist nicht nur der Anfang, sondern auch die Basis und Intensität von allem.

Den Anfang einer Beziehung, einer jeden wohlgemerkt, festzulegen, zu beziffern, ist in den meisten Fällen gar nicht so einfach. Wodurch definiert sich der Anfang? Der erste Kontakt? Oder lässt sich der Anfang sogar schon im unbewussten Bereich unserer Gedanken und Gefühle ausmachen? Der Wunsch nach einem Beginn an sich? Oder ist es das ganz typisch Konkrete? Der erste Kuss, der Handschlag, das erste gemeinsame Projekt, das erste Essen usw. Die Liste ließe sich wohl bis ins Unendliche ausweiten, was nur zeigt, dass der Anfang oftmals aus mehreren Komponenten besteht und nicht so eindeutig ist, wie wir uns das im Nachhinein vielleicht wünschen.

Das Ende hingegen schon. Das lässt sich ziemlich klar definieren, auch wenn der Weg dahin schleichend verlaufen mag. Am Ende ist immer ein Punkt.

Vielleicht machen Anfänge aus diesem Grunde auch mehr Spaß und sind gleichzeitig auch viel schwieriger und mitunter vielschichtiger und verunsichernder. Vertrauen hin oder her.

Doch bei einer Reise ist der Anfang, zumindest der physische recht eindeutig definiert und hinterlässt bei allen Beteiligten Spuren. Aufregung, Spannung, Freude beim Reisenden. Aufregung, Spannung, Melancholie bei dem, der zurückbleibt. Egal wie tief und groß das Vertauen ist.

Und so schicke ich dem Reisenden und einfachen Mann auf diesem und für alle Wege Grüße hinterher. Piratengrüße. So lange es eben dauert, denn wenn das Vertrauen den Anfang macht und diesem den Weg ebnet, dann kennt die Liebe keine Grenzen.

Das neue Reisen, 7. Etappe: Der Widerspruch in uns

img_0365Das Tor zur Hölle befindet sich gleich im ersten Stock. Nahezu lautlos gleite ich in die Küche.

Von oben kein Laut. Geschafft. So früh am Morgen genieße ich die Ruhe bei einer Tasse Tee, während die Gedanken noch den Träumen der letzten Nacht nachhängen. Ich greife nach dem Wasserkocher, der sich sträubt und nur widerwillig seinen Deckel öffnet. „Du musst leise sein“, flüstert er mir zu. Aus dem Wasserhahn fließt das kühle Nass, gluckst und gurgelt: „Du musst leise sein.“ Ich starte das Signal zur Zündung und schon brodelt es, was das Zeug hält. „Pst, nicht so laut“, presse ich zwischen den Zähnen hindurch.

Doch dann öffne ich Schränke und Schubladen. Die Kuchengabeln schmeißen sich schützend vor die Löffel und bedrohen mich mit ihren Zinken, während die Tassen um die Vorherrschaft buhlen und im Chor „Nimm mich, nimm mich mit“ singen.

Den Atem anhaltend, ein ängstlicher Blick in Richtung Obergeschoß. Die Luft zittert und vibriert.

Wie Nebelschwaden zieht der Tee durch die Wohnung. Es duftet nach Morgen und Frische und Freiheit. Das Licht bricht sich und formt einen Regenbogen über dem Küchentisch. Eine Insel inmitten der Hektik des Alltags. Vor mir ein Buch, in das ich eintrete und bisweilen gerne nicht nur verweilen, sondern bleiben möchte. In andere Welten versunken, rühre ich in der Teetasse. Kleine Wirbel lassen die sich auflösenden Kandissplitter tanzen und das Geräusch des auf Porzellan treffenden Löffels durchbricht die Ruhe. Akustische Schwingungen breiten sich aus und tropfen vom Tischrand auf den Boden, bevor sie in weiter Ferne eine Flutwelle entfachen.

Die Welt vor dem Küchenfenster nimmt Farbe an. Das Leben streckt sich, um dem Tag die Hand zu reichen. Der fahrende Gemüsehändler verkündet Ankunft und Angebot per Lautsprecher und Glockengeläut. Türen spucken ihre Bewohner nach draußen. Stimmen, bereit, der Stille ein Ende zu bereiten. Ein Vorgeschmack auf das Panorama der menschlichen Schwächen. Ein Versprechen, dass es nur eines Wortes bedarf, um Freude, Glück, Vertrauen, Zuversicht, Nähe und Liebe in Missgunst, Egoismus, Streit, Angst, Distanz und Einsamkeit zu verwandeln.

Ein scheinbar unstillbarer Hunger, immerzu nach dem einen Widerspruch in uns und dem des Gegenübers zu suchen, um ihm dann mit allem zu begegnen, was Wunden schlägt.

Das Monster im ersten Stock reißt die Rollläden hoch und durch den Türspalt ergießen sich grelle Strahlen ins Treppenhaus. Raubtierfütterung.

Das neue Reisen, 1. Etappe: Der Kosmos

img_0365Das Licht ist grell, je nach Tageszeit, und dann knistern die Fugen von Fenster und Möblierung. Doch heute drückt der Wind an die Scheibe und der Regen prasselt auf den gläsernen Terrassenvorbau. Unaufhörlich. Im Sturm biegen sich die haushohen Bäume in Nachbars Garten und neben dem Rascheln der Blätter knackst und knarrt es in den Zweigen und Ästen. Die Wetterseite macht ihrem Namen alle Ehre.

Je nach Witterung vernimmt man das stetige, irgendwie monotone und doch unregelmäßige Surren der Reifen auf dem Asphalt der nahe gelegenen Bundesstraße, ganz zu schweigen von den aufgemotzten Motoren der Halbstarken, welche die 30er Zone als Abkürzung nehmen. Wobei die urbane Kulisse von überall her wie Sand ins Innere eindringt und sich niederlässt: Hubschrauber auf dem Landeplatz der Feuerwehr inklusive Einsatzwagen mit Martinshörnern aller Art, welche mich aufschrecken und das Gedankenkarussell sich drehen lassen.

Dann die Kirchenglocken, die immerwährende Erinnerung, was die Stunde geschlagen hat, sieben Tage die Woche, vom ersten Angelusläuten bis zur Abendandacht im Viertelstundentakt. Zum Glück, wenn man hier leicht ketzerisch von Glück sprechen kann, wird der Glockenturm seit geraumer Zeit saniert, so dass lediglich Feiertags- und Gottesdienstläuten erschallt, wobei mir letzteres in diesen Zeiten irgendwie sinnlos erscheint. Genauso wie der Gesang des Muezzins vor ein paar Tagen, als Sonne und Muttertag reihum alle aus ihrer Behausung gelockt hatten, nachdem Grünflächen am Vortag noch getrimmt und gemäht worden waren. Noch immer frage ich mich, ob nur jemand aus der benachbarten Siedlung uns alle an seinem Glauben teilhaben lassen wollte, oder ob der Wind tatsächlich diesen aus der entfernten Moschee bis hierher getragen hat und der Klang sich dann in den Häuserschluchten verfing und vervielfältige wie das Echo am Königssee. Vielleicht wollte auch derjenige nur ein bisschen mitmischen bei Grillparty, Spielplatzgetöse, Kaffeegeklapper und Zweiradtouren, motorisiert und muskelbetrieben.

Doch heute herrschen Wochentagsbedingungen, aus den Kellergewölben steigt der durchdringende Ton der Drechselmaschine des Hobbybastlers durch alle Ritzen und Poren nach oben. Gleichzeitig fühle ich mich wie eine Sardine zwischen pubertierendem Mitbewohner und Nachbarskind eingequetscht, das Zimmer, ein schmaler Schlauch zwischen den um Aufmerksamkeit konkurrierenden Parteien. Unvorhersehbar und jederzeit kann das Gewitter der Furie von nebenan losbrechen. Dann mischt sich die Stimme der Mutter unter. Laut, aggressiv und in einer mir fremden Sprache werden die Machtkämpfe ausgetragen. Gepolter und Türenschlagen sind die Folge. Hin und wieder lausche ich, ob und wann der Zeitpunkt zum Eingreifen gegeben sein könnte. Doch dann hämmert der Zocker im eigenen Haushalt mit der Faust auf den inzwischen wackeligen Schreibtisch und stößt ein paar unflätige Kraftausdrücke aus, die mich zusammen zucken lassen, während die Wander- und Reiseführer, gleichermaßen Zukunftsträume und Meilenstein, auf dem Regal über meinem eigenen Schreibpult vibrieren. Manchmal räche ich mich mit der Nähmaschine, die mit Vollgas über die Tischplatte rumpelt, so dass jede Kommunikation im Keim erstickt wird.

Abgesehen davon erscheint das Zimmer still, kein Ticken einer Uhr, kein Ventilator, der den Rechner verrät, kein Summen, das manch moderne Lichtquelle zur allgemeinen Geräuschkulisse hinzusteuert. Das Klicken der Tastatur geht im Rhythmus des eigenen Herzens unter. Das marokkanische Tagesbett hält Siesta und sogar die Schritte auf dem Laminat und das Zurechtrücken des Stuhles scheinen sich selbst Zurückhaltung auferlegt zu haben, so als ob sie meine Gedanken nicht stören wollten, während der Blick umherschweift und über die Bilder und Memorabilien gleitet, die den Raum füllen, ja schon fast erdrücken und mich in eine andere Welt hineinziehen, gleich einer Reise durch mein Leben. Bunt und verteilt über Orte, Länder, Kontinente und die Zeit.

Die erste große Liebe als schemenhaftes Bild verewigt, mit schüchternen Zärtlichkeiten, die Scherben des zertrümmerten Autofensters vom Familienausflug nach Straßburg, der Graffiti-Brocken der Berliner Mauer, das Korallengerippe aus der tosenden Brandung von Hawaii, das Miniaturmodell eines ratternden Oldtimers als Symbol für den ersten Wagen, der ebenso knatterte, von den Eltern mitfinanziert, der Segler in der Glasflasche als Andenken an die Fahrt auf der Ostsee unter vollen Segeln, die Parfümphiole von einem orientalischen, geschäftigen Bazar, der Casinochip aus Las Vegas, vorbei geschmuggelt an den scheppernden, einarmigen Banditen und dem Croupier, der einem ein „rien ne va plus“ hinterherruft, der Geocachingschatz, gehoben neben der Kuhweide, deren Glocken die Südtiroler Bergalmruhe weithin verkündeten.

Gegenüber der Schreibtisch, dunkel gemasert, filigran verschnörkelt, mit Messingbeschlägen zum Öffnen und Schließen der schwergängig atmenden Schublade und in einer wilden Odyssee im offenen Cabrio durch die Hollywood Hills transportiert. Darüber die Magnetwand mit all den Geschichten, die noch als Ideen umhergeistern und mir nun bei jedem Aufblicken vom Bildschirm zuflüstern, sie zu Papier zu bringen.

Die Welt als unendlicher Kosmos im Kleinen, zusammengepfercht auf 11m².

Lage(r)gespräche 2.0

Inzwischen ist die Lage im heimischen Lager bisweilen doch recht angespannt und zuweilen kurz vor der Eskalation, denn sowohl meine Nerven als auch Zurechnungsfähigkeit schwinden so nach und nach.

Lagergespräche

Wir erinnern uns, in den Lage(r)gesprächen wurde beschlossen, dass nur noch einmal die Woche eingekauft wird und auch nur das, was auf dem Zettel steht. Schnitzel waren gewünscht.
„Morgen gibt es Schnitzel. Alles klar?“
„Mmph“
Einen Tag später
„Mami, was gibt es zu essen?“
„Schnitzel, habe ich Dir doch gestern schon gesagt.“
„Ach ja. Lecker.“
Etwa eine halbe Stunde später
„Mami, was gibt es eigentlich heute zum Essen?“
„Das gleiche wie vor einer halben Stunde: Immer noch Schnitzel.“
„Stimmt. Manchmal erschreckt es mich schon, wie wenig ich Dir zuhöre.“

Selbsterkenntnis ist ja bekanntlich der erste Weg zur Besserung. Man muss nur daran glauben.

***

„Mami, morgen gehe ich beim B. Basketball spielen.“
„Du weißt schon, dass Basketball jetzt nicht gerade ideal ist, so von wegen Abstandsregel und Kontakt nur mit Menschen aus demselben Haushalt und so. Nicht, dass es da Ärger mit den Nachbarn gibt, weil als Bruder gehst Du ja jetzt nicht durch.“
„Dann sage ich einfach, ich bin der Cousin. Aus Italien.“
„Super Idee, aber wenn das GSG9 Team bei mir anruft, werde ich jeglichen Verwandtschaftsgrad abstreiten.“

***

„Mami, Du musst mir helfen. Der Lehrer für mein Seminar will morgen einen Videocall machen. Ich brauche eine Ausrede, warum ich nicht teilnehmen kann.“
„Wieso?“
„Na, weil ich nichts getan habe und es nicht kann.“
„Ja, und jetzt?“
„Brauche ich eine Ausrede, sonst würde ich Dich ja nicht fragen.“
„Sag ihm die Wahrheit.“
„Ich kann sagen, dass ich keine Kamera habe.“
„Ja, genau, der ist doch nicht doof. Ihr habt alle ein Handy mit Kamera.“
„Ich kann sagen, dass die kaputt ist.“
„Das ist aber doch gelogen und dann darfst Du die nächsten Tage/Wochen aber auch die nicht benutzen. Und am Ende kommt sowas immer raus. Das ist doch Mist. Seit Wochen sage ich immer wieder…“ (Alle Eltern wissen, wie der Satz weitergeht)
„Dann hole ich jetzt den Hammer und mache die Kamera kaputt. Dann ist es nicht gelogen.“
„Du willst ein €800,00 Handy kaputt machen, nur damit Du eine Ausrede hast?“
„Ja. Was soll ich denn sonst machen?“
„Die Wahrheit sagen!“

Die Diskussion war natürlich sehr viel länger und intensiver als sich das hier wiedergeben lässt. Letzten Endes hat der jugendliche Mitbewohner noch so viel Restverstand besessen, das Richtige zu tun, wofür ich wirklich dankbar bin, weil so langsam auch meine Denkfabrik den Geist aufgibt.

***

„Mami, haben wir noch Eis da?“
„Nein, aber ich hatte Dir vorhin ja vorgeschlagen, dass wir mal vor die Tür gehen könnten und dann ein Eis essen gehen?
„Ja, ich wollte ja auch ein Eis.“
„Nein, Du wolltest, dass ich Dir eins mitbringe.“
„Ich konnte nicht mit, ich habe keine Socken mehr.“
„…“

Hilfe, ich bin eine Mutter, bitte holt mich hier raus!

***

Und noch ein Wiederholungstäter aus der Erstfassung der Lage(r)gespräche:
„Mami, ich bin mir sicher, dass Augustiner irgendwas aus China bekommt.“
Oh bitte, das ist ja wie bei ‚Täglich grüßt das Murmeltier‘. „Kronkorken vielleicht. Oder Hefe…“, schlage ich unbedacht vor.

Ja, genau, das ist es, deswegen herrscht hier Notstand, weil die ganzen Brauereien die deutsche Hefe weghamstern. Ihr könnt das lassen, das Oktoberfest fällt eh dieses Jahr aus.

P.S.: Das war vor der offiziellen Verkündung. Super, jetzt kann ich auch noch Hellsehen.

***

„Mami, eigentlich wäre es doch jetzt ganz einfach, einen Terroranschlag zu verüben.“
Hust, also am liebsten würde ich das Gespräch gleich hier und jetzt beenden und Hausarrest für die nächsten Wochen verordnen (halt, den haben wir ja schon), aber als verantwortungsvoller Erziehungsberechtigter komme ich dem Bildungsauftrag natürlich nach.
„Also, wenn man es auf eine Einzelperson abgesehen hat, ja, dann wäre die aktuelle Situation vielleicht von Vorteil. Ansonsten macht es ja wohl wenig Sinn, weil an prominenten Plätzen niemand ist und es keine Großveranstaltungen gibt. Da käme dann nur ein Supermarkt in Frage.“
„Supermarkt passt doch. Stell Dir mal die Schlagzeile vor: ‚5000 Rollen Klopapier und 3 Kunden in die Luft gesprengt‘.“

Ja, ich kann das tatsächlich vor mir sehen. Schrecklich, was mit dem Verstand nach fünf Wochen Kontaktverbot und Abstandsregeln und überhaupt passiert. Ich glaube, ich gehe jetzt erst mal Klopapier einkaufen. Und einen Kasten Bier, bei dem ich die Hefe extrahiere. Vielleicht lässt sich auf diesem Wege auch ein Flaschengeist finden, der mir drei Wünsche erfüllt. Ach was, einer würde mir schon reichen. Also ein Wunsch, der Flaschengeist ist ja quasi die Grundvoraussetzung. Ok, beenden wir das lieber, bevor wir wirklich noch staatlichen Besuch (tragen die eigentlich auch Mund- und Nasenschutz unter ihrer Vermummung?) bekommen.

***

Hinweis zum Bild: Es frage mich bitte niemand, wie man a) auf das Wort „Müdigkeitserscheinung“ kommt und b) woran man diese erkennt, wenn der Verfasser schläft. Ich war/bin schon ohnedies völlig von den Socken (also da sind die abgeblieben), dass die Worte „bitte“ und „danke“ Verwendung gefunden haben, was aber vielleicht auch als Bestechung gelten kann, wenn man den Nachsatz bezüglich Frühstück liest.

Lage(r)gespräche

Lagerkoller

Der jugendliche Mitbewohner, ein sonst der Gattung des Homo Sapiens zugehöriges Wesen, entwickelt sich mit fortschreitender Schulschließung und Ausgangsbeschränkung zum Homo ohne die dazugehörige Weisheit, wie die Dialoge der letzten Wochen aus dem Basislager vermuten lassen:

„Mami, Du musst Vorräte kaufen.“
„Nein, wir haben genüg für mindestens zwei Wochen.“
„Mami, Du musst Wasser kaufen.“
„Warum sollte ich Wasser kaufen? Wasser kommt aus dem Wasserhahn. Außer ich habe da was nicht mitbekommen und der Virus ist auch einer, der die Stromnetze angreift.“ Marc Elsberg und ‚Black Out‘ lassen grüßen. Ok, vielleicht kaufe ich doch ein paar Getränke und Lebensmittel.

***

„Mami, das ist voll gefährlich, man kann sich immer wieder anstecken.“
„Ja, Grippe und Husten und Schnupfen kann ich auch immer wieder kriegen, aber nur, wenn es ein anderer Erreger ist. Das ist ein Virus, kein Bakterium. Ergo, ist man dann erst mal immun. So lange, bis er mutiert.“

***

„Mami, weißt du, dass das Augustiner Bier auch in China produziert wird?“
„…“ Herr, lass Hirn vom Himmel fallen.

***

„Mami, …“
„Nein, bitte keine neuen Verschwörungstheorien mehr. Ihr müsst wirklich nicht jeden Mist glauben, der im Internet steht. Hast Du eigentlich mal Deine Schulsachen gemacht?“
„Nein, die Website geht doch nicht.“
„Hast Du es denn mal probiert heute?“
„Nein.“
„…“ Ich glaube, das mit dem Bier stimmt und der Nachwuchs hat einfach zu viel davon getrunken und sich mit weiß Gott was infiziert.

***

Mami, die schieben alle voll‘ Panik.“
„Also, das ist eine bessere Lungenentzündung. Vor allem für Leute in Deinem Alter.“
„Aber eins sag‘ ich Dir, Du stirbst zuerst.“
„Jaaa, wenn es nach der Ordnung der Dinge geht, sterbe ich vor Dir. Davon gehe jetzt mal ich aus.“ Gut, ich kann für nichts garantieren. Die Rate der häuslichen Gewalt soll ja steigen, so die Prognosen. Außerdem ändert sich heutzutage ja nahezu täglich etwas und die Dinge geraten zusehends in Unordnung.

***

„Mami, es ist nichts zu essen da.“
„Oh bitte, ich habe extra mehr eingekauft. Wir kommen mindestens vier Wochen ohne Einkaufen aus. Es ist dann am Ende vielleicht nicht mehr Witzigmann, aber verhungern tun wir nicht.“
„Es sind aber keine Süßigkeiten mehr da.“
„Ja, dann musst Du Dir das eben besser einteilen. Ich gehe nur noch einmal die Woche einkaufen. Und was nicht auf der Liste steht, kaufe ich nicht.“
„Kann ich dann die Anzahl dahinter schreiben?“
„…“
„Echt jetzt, im Kühlschrank sehe ich sonst nur Salat.“ Irgendwie scheint der fehlende Sauerstoff und Vitamin D Mangel den Sehnerv anzugreifen. Oder Einfluss auf das farbliche Sehen zu nehmen, denn der eine einsame Salat scheint alles andere im Kühlschrank förmlich zu überstrahlen. Hm, vielleicht kommt der aus der Nähe von Tschernobyl oder Fukushima. Ich glaube, das sind erste Anzeichen, für was auch immer.

***

„Mami, ich glaub ich hab‘ Corona.“
„Wieso das denn?“
„Ich habe so Halskratzen.“
„Hm…“
„Und meine Nase läuft auch die ganze Zeit.“
„Das ist kein Corona. Das ist maximal eine Erkältung.“
24 Stunden später
„Mami, ich habe einen Hexenschuss.“
„Wie hast Du das denn gemacht?“
„Beim Haare trocknen.“
„Äh…“ Irgendwas stimmt da nicht mit der Telefonleitung. Oder das ist der verstrahlte Salat. Oder das mit dem Bier stimmt doch. „Beim Haare trocknen?“
„Ja, es tut so weh im Rücken. Im Brustwirbelbereich.“
„Das ist kein Hexenschuss. Das kommt von zu wenig Bewegung und dem starren Blick auf viereckige Bildschirme.“ Hilfe, der Nachwuchs wird zum Hypochonder. Vielleicht kaufe ich besser ein paar Süßigkeiten, Zucker soll ja bekanntlich Glückshormone ausschütten.

***

„Mami, eigentlich müsste man doch jetzt in Aktien investieren.“
„Die Anleger sind da aber wohl gerade nicht so ganz dieser Meinung.“
„Sollte man nicht gerade dann einsteigen und Aktien kaufen? Wenn es dann wieder alles normal ist, dann steigt die Aktie doch.“
„Ja, normalerweise, aber wer weiß denn schon, wann und welches Unternehmen. Da müsste man dann schon streuen und sich nicht auf eine Aktie verlassen. Aber da kenne ich mich nicht wirklich aus.“
„Vielleicht irgendein kleines Unternehmen. Oder ein Start-up.“
„Also, die sind für gewöhnlich nicht an der Börse.“
„Dann Lufthansa.“
„Ja, könnte mir vorstellen, dass sich die relativ zügig erholen. Je nachdem, wie lange die Krise anhält und wer die meisten Reserven hat.“ Danke, wer auch immer sich angesprochen fühlt, es ist doch noch nicht alles verloren und das Gehirn des jugendlichen Mitbewohners funktioniert zumindest phasenweise noch.

***

Ich bin mir sicher, das ist noch lange nicht das Ende der Lage(r)gespräche, die mitunter auch den fortschreitenden Lagerkoller widerspiegeln. Von Lichtblicken mal abgesehen. Und die Leute mit Blick in die Zukunft sind ja auch der Meinung, dass in solchen Zeiten der Fokus wieder auf der Besinnung auf die Familie und das Miteinander liegt.

Am meisten würde mich aber interessieren, wie diese Zeit an die nächste Generation weitergegeben wird und was zukünfitige Generationen über diesen Teil der Weltgeschichte denken werden. Und so hoffe ich, dass ich doch noch ein Weilchen auf dieser Erde wandeln darf und eventuell ein kleines bisschen davon miterleben kann.

auf halber Strecke – Episode 9

PendelzugNeulich auf halber Strecke, ergattere ich im allmorgendlichen Trubel, Gedränge und Geschubse einen Sitzplatz. Wobei das an meiner Haltestelle noch nicht das Problem ist, sondern erst zwei Bahnhöfe weiter. Mir gegenüber sitzt ein junger Mann, so Ende Zwanzig Anfang Dreißig wäre meine Schätzung. Der Platz neben ihm, am Fenster, wird von seiner Tasche in Anspruch genommen. So etwas finde ich ja immer recht dreist, um nicht zu sagen, mehr als unverschämt. Leute, die ihren Taschen, Rucksäcken und anderen Gepäckstücken einen Sitzplatz reservieren und sozusagen, ihr Revier abstecken. Das erinnert mich dann immer auch an die Strandurlaube und die Liegestuhlmafia, welche kurz nach Sonnenaufgang mit Handtüchern bewaffnet, den Platz in der ersten Reihe markiert und diesen dann erst zum Mittagschlaf auch körperlich belegt. Nun ja, in der Bahn werden die territorialen Besitzansprüche meist doch zügiger, wenn auch widerwillig, an Mitreisende abgetreten.

Gesagt, getan. Schon an der nächsten Station rutscht der junge Mann auf den Fensterplatz und bietet einer jungen Dame im etwa gleichen Alter den von ihm galanterweise vorgewärmten Platz an. Oh, wie zuvorkommend, denke ich. Also, bis auf den vorgewärmten Platz. Doch dann fangen die beiden ein Gespräch an. Ah, die kennen sich. Kollegen wohl. Und dann streichelt er ihre Hände, die gefaltet über der Tasche auf ihrem Schoß liegen. Oh, die kennen sich nicht nur, sondern gehören zusammen. Ein Paar. Wie niedlich. Die beiden fahren gemeinsam zur Arbeit und verabreden sich in der Bahn.

Ihre Hände verharren weiterhin hin bewegungslos in ihrer Position, während er weiterhin an ihren Fingern herum nestelt. Dann reden beide über einen geplanten Wochenendausflug und diskutieren, wer wann wie frei nimmt und wie lange. Irgendwann nimmt er seine Hand weg.

Zusammen steigen wir alle drei aus. Also, ich hinter den beiden, die eine so nüchterne und abgeklärte Beziehung zu führen scheinen. Sie laufen vor mir her, den Bahnsteig entlang. Ein Mann und eine Frau gehen nebeneinander. Niemand würde vermuten, dass diese zwei wirklich ein Paar sind. Keine Hand sucht die andere, kein Anzeichen von Nähe, von Wärme, von Intimität. Nein, so will ich nicht enden.

auf halber Strecke – Episode 7

PendelzugNeulich auf halber Strecke, Wochenanfang und wieder pendelt die Arbeitswelt vom Wochenende in den Alltag der Arbeitswoche

Mir gegenüber sitzen zwei Männer, so zwischen Mitte vierzig und fünfzig und der eine eher so Typ Beamter mit Bauch und leicht fahlem Gesicht, der andere eher so ein verkappter 68er, ziemlich leger bis nachlässig gekleidet, eben irgendwie in der Gesellschaft angekommen.

Beide hatte ich letzte Woche schon mal von weiter weg überhört, wie sie sich unentwegt unterhalten haben und mir da schon gedacht, dass ich die beiden unbedingt einmal „näher kennenlernen“ muss.

„Freitag ist wieder der Würger in Eichenau eingestiegen.“ Oh, ja, den habe ich auch gehört. Hörte sich wirklich nicht gesund an und ein paar Leute haben da auch die Hälse gereckt. Mir allerdings ist er zum ersten Mal aufgefallen.

„Der röchelt immer so“, meint der Mittelstandshippie und die Geräusche, welche er dann aus seiner Kehle produziert, erinnern gleichzeitig an Darth Vader und etwas schwer Verdauliches. Der Kollege ist anscheinend ziemlich hart im Nehmen und döst mit geschlossenen Augen. Schläft der etwa?

„Keine Ahnung, ob das eine Erkältung ist, aber muss man es denn dann so ausleben?“ Der Kollege grummelt, was sich durchaus als Zustimmung deuten ließe. “Wenn jeder sich so ausleben würde und hier husten, rülpsen und furzen.“ Ich muss an den Film, oder war es eine von diesen Shows, vom Wochenende denken, in dem der Held/Kandidat bei einer etwas von der gesellschaftlichen Mitte entfernten Familie auf einer Farm war und ein rohes Ei mit selbstgebranntem Sprit zur Begrüßung trinken musste. Das hörte sich ähnlich an und mir war kurzzeitig regelrecht übel. Sofort kommt das leicht flaue Gefühl in der Magengegend auch jetzt wieder zurück.

Verzweifelt bete ich ein Mantra: Weißes Pferd auf grüner Wiese, weißes Pferd auf grüner Wiese. Als das nicht hilft, greife ich panisch nach meinem Handy und suche hektisch nach der Playlist zum Runterkommen. Alles ist besser als weiterhin dieses Kopfkino in Farbe.

Während John Denver “Some days are diamonds, some days are stones. Sometimes the hard times won’t leave me alone” singt, hoffe ich inständig, dass ihm diese Zeilen weder nach dem Genuss von Hochprozentigem mit Einlage noch aufgrund einschlägiger Pendelerfahrung eingefallen ist, sondern wirklich nur einer seiner melancholischen Songtexte ist.

Klar war der Platz bei den beiden noch frei, denke ich. Und ab sofort steige ich in den Waggon jedenfalls nicht mehr ein. Und vielleicht verkaufe ich auch den Fernseher.

Genug für heute. Die Türen schließen. Und ich bin wie immer mittendrin und voll dabei.

 

auf halber Strecke – Auftakt

Seit geraumer Zeit pendele ich nun. Also, nur damit das klar ist, wir reden hier von vollen Zügen während des Berufsverkehrs und nicht von diesen niedlichen Zauberutensilien für den Hausgebrauch, die zuverlässig und akkurat berechenbar und ohne Verzögerungen hin und her pendeln.

Wobei das einfach auch eine Frage der Definition sein kann, heißt es doch schön in einer solchen: „..ein von Wahrsagern verwendetes Metallstück, das an einem dünnen Faden in den Händen okkultistisch begabter Personen gehalten wird und an bestimmten Stellen ausschlägt und so Antwort auf unerklärliche Fragen gibt“.

Also, wenn man mich fragt, da steht Bahn ganz dick drüber. Metallstück, klar, ist der Zug. Dünner Faden, eh klar, das ganze Schienen- und Zeitmanagement hängt so was von am seidenen Faden.

Okkultistisch begabte Personen sind alle Bahnangestellten, beziehungsweise so lautet bestimmt die Stellenbeschreibung, die dann doch keiner liest und noch weniger erfüllt. Und das mit der Begabung ist beim vorherrschenden Fachkräftemangel ja in allen Branchen ein Thema. Da ist man bisweilen froh, wenn die Bahnmitarbeiter Sätze mit Subjekt, Prädikat und Objekt bilden können.

An bestimmten Stellen ausschlagen, logo, das sind so Dinge wie Störungen bei Türen, Signalen, Weichen, Stellwerken, Bahnschranken, Oberleitungen, Triebwägen und Technik im Allgemeinen, Einsätze aller Art und höhere Gewalt, also dem Wetter – egal, ob heiß oder kalt.

Und die unerklärlichen Fragen sind die der Bahnkunden, die immer da sind, wo sie am meisten stören. Tja, dass in der Kombination mit fehlender Begabung an bestimmten Stellen, die unerklärliche Fragen hervorrufen, keine Antworten zu finden sind, erklärt sich von selbst und jeder weitere Erklärungsversuch erübrigt sich somit. Nichts verstanden? Macht nichts, die meisten Lautsprecherdurchsagen, wenn es denn überhaupt welche gibt, sind ebenso dürftig und man muss sich seinen Teil denken und auf das Beste hoffen.

Ich will aber nicht in den bisweilen allgemeinen Tenor einstimmen und mich hier über die Bahn, respektive den Nahverkehr und alles, was dazu gehört, auslassen. Mir geht es um die Menschen im Zug. Und da oute ich mich jetzt als mehr oder minder heimlicher Lauscher, wobei die Gespräche ja so gesehen im öffentlichen Nahverkehr genau das sind, nämlich öffentlich.

Man höre und staune, es gibt tatsächlich noch Menschen, die sich in Zügen unterhalten. Ohne mobiles Endgerät und von Angesicht zu Angesicht. Und da passiert es hin und wieder, dass mich so manches Gespräch in den Bann zieht und zum Mithören veranlasst. Darum soll es in meiner neuen Rubrik „auf halber Strecke – der menschliche Zug“ gehen.

Die bayerische Landeshauptstadt bezeichnet sich ja gern als Weltstadt mit Herz, was hinlänglich bekannt sein dürfte. München ist aber auch die Hauptstadt der Pendler und liegt bundesweit auf Platz 1. Tagtäglich pendeln mehr als 560.000, ich bin einer davon und das sind ihre Geschichten.…

Pendelzug

Der Preis der Freiheit

Veränderungen gehören zum Leben dazu. Manche initiieren wir selbst, manchen werden wir ohne unser Zutun ausgesetzt. In der modernen Arbeitswelt gehören beide zum Alltag. Change Management, Umstrukturierung, Wandel der Firmenkultur, und wie die Kurswechsel nicht alle heißen. Manchmal ist man morgens schon froh, wenn man seinen Schreibtisch noch am alten Platz findet, wobei es ja auch Firmen mit freier Sitzplatzwahl gibt. Besitzansprüche an Möbel entstehen so gar nicht erst und so mancher Kollegenwechsel geht dann spurlos an einem vorüber.

Nun, Veränderungen gehören nicht nur zum Leben, sondern eben auch zum Arbeitsleben. So gesehen eine etwas schizophrene Vorstellung, die Idee, dass man zwei Leben hat, die parallel nebeneinander existieren und sich immer wieder und immer mehr miteinander vermischen. Gleichzeitig sollte man sich auch darüber im Klaren sein, dass man einen Großteil seines Lebens mit Arbeit verbringt. Da sollte es also auch ein Unternehmen sein, das zur eigenen Persönlichkeit passt. Wie ein Lebenspartner.

Von daher ist die Entscheidung, mich zu trennen, nicht allzu schwer gefallen. Wenn man für ein Unternehmen tätig ist, in dem Vision und Realität ganz nah beieinander und doch Welten dazwischen liegen, dann stellt sich irgendwann die Frage, inwieweit ich mich für Geld prostituiere und dabei meine Prinzipien und Vorstellungen über Bord werfe. Nach dem Motto Geld stinkt nicht, auch wenn es einen schalen Geschmack im Mund hinterlässt. Dann wird der Lohn zum Schmerzensgeld und selbst das ist nicht genug.

Der Abschied hat sich gezogen, wurde hinaus und immer wieder verschoben. Was nützt es, wenn die Arbeitsbedingungen der reine Luxus sind, einen die Arbeitsinhalte aber krank machen? Am Ende half mir das berühmte Maßband, den Ausstieg nicht aus den Augen zu verlieren.

Maßband

Die Entscheidung für eine Auszeit, um Freiraum zu schaffen und mal wieder Luft zu(m) Atmen zu kommen, war also eher eine Notwendigkeit. Wo will ich hin? Was will ich mit dem Rest meines Lebens anfangen? Die Freiheit, ohne Zwang den eigenen Wünschen, wenn auch für einen begrenzten Zeitraum, zu folgen, ist unbeschreiblich. Der Preis der Freiheit kostet weniger als dass sie wert ist.

An den Neuanfang sind nun also ziemlich hohe Erwartungen geknüpft. Es geht darum, die eigenen Vorstellungen vom Lebenspartner Arbeit mit der Realität zu vergleichen und zu sehen, was übrigbleibt. Die Wahlfreiheit ist auf dem Papier gegeben. Die Zugeständnisse muss man mit sich selbst vereinbaren. Mal gewinnt man, mal verliert man. Und das zumeist ohne scheinbar logische und nachvollziehbare Regeln.

Eure Kerstin