quergelegt und abgerechnet – die Verzichtsfrage 2.0

„In today’s materialistic culture, many people believe material things can solve emotional problems. But […] retail therapy does not work. Instead, it is more likely to make your problems worse […] In today’s culture, material goods have become substitutes for deep and genuinely meaningful human desires and questions. […] Instead of trying to understand who we really are, […] instead of giving up on material goods, we just keep buying more.” (James Wallman, “Stuffocation”)

Wenn man so wie ich irgendwo in der Mitte des Lebens steht, dann ist es ganz normal, sich mit dem bis dahin geführten Leben auseinander zu setzen. Früher oder später taucht dann die Frage auf: Das kann doch einfach nicht alles gewesen sein, oder? Mid-Life Crisis, Wechseljahre, Burn Out, nennt es wir Ihr wollt, davon wird es jedenfalls nicht besser, kann ich aus Erfahrung sagen. Nun, in Bezug auf die Gesellschaft lässt sich diese Frage eins zu eins übernehmen: Unsere Konsumwirtschaft kann doch einfach noch nicht alles gewesen sein, wozu die Menschen in der Lage sind, oder? Dazu die ganze Evolution? Das soll der Höhepunkt der menschlichen Entwicklung sein?

Es lohnt durchaus, einmal oder auch mehrmals, sich diese Frage zu stellen. Die Antworten werden auch nicht immer die gleichen sein. Und genauso ist es mit dem nachhaltigen Leben. Es gibt kein ultimatives Modell, da sich die Lebensumstände immer wieder ändern und es bringt nichts, wenn man sich einen Weg auferlegt, der einen unglücklich macht. Das musste selbst Thoreau feststellen, der in der Einsamkeit der Natur sein Heil gesucht hat, dann aber innerlich einsam war.

Manchmal muss man auch mehrere Wege ausprobieren. In seinem Buch „Stuffocation“ beschreibt James Wallman verschiedene Modelle. Vom mittelmäßig entschleunigten, zum einfacheren bis hin zum erlebnisreichen Lebensmodell. Oder auch Robert Wringham, der in seinem Ratgeber „Ich bin raus“ sich seiner Fesseln von Arbeit, Konsum und Verzweiflung entledigt und ein freies Leben führt. „Nichts, was man kaufen kann, hilft uns dabei, ein besserer oder ein freierer Mensch zu werden“, schreibt er.

Dafür ist es eben zum einen wichtig, Bilanz zu ziehen und zum anderen dann auch die Freiheit, die man anstrebt zu definieren. Schließlich sollte man ungefähr wissen, wohin die Reise geht, damit man in die richtige Richtung startet.

Und noch ein ganz wichtiger Punkt: Nur ein Gefangener hat die Möglichkeit, sich zu befreien. Wer also den Ausstieg aus dem Konsum, der Tretmühle oder anderen einengenden Lebenssituationen plant, kann dies nur von innen heraus tun. In dem Zusammenhang empfehle ich die Lektüre „Ich bin raus“ von Robert Wringham und „Stuffocation“ (leider nur auf Englisch) von James Wallman. Beide Bücher haben mich mit ihren Thesen und Ansichten wahrhaft ge- und entfesselt und jede Menge Stoff für das Projekt Verzicht 2.0 und noch viele andere Gedanken geliefert.

Was bleibt, ist die Frage: Weniger Ballast? Und die Antwort: Auf alle Fälle! Vor allem gedanklich bin ich freier. Und wenn man erst mal soweit ist, dann ist man der Konsumfalle – work-hard, play-hard, spend-a-lot – schon mal entkommen und hat die Kraft, auch alles andere voran zu bringen.

Koffer

Hin und wieder werde ich zukünftig auf meinem Blog hier weiter zum Thema Verzicht und Nachhaltigkeit berichten, es gibt ja auch immer noch den Tatort, aber ob ich in 2018 nochmals das Projekt in der Form aufgreife, kann ich derzeit noch nicht sagen.

Jetzt heißt es erst mal, Verzicht auf action!

Eure Kerstin

P.S.: Sogar mein Horoskop passt da perfekt. Na, dann ein schönes Wochenende und einen guten Start in die zweite Jahreshälfte.

Horoskop

 

aufgetankt und losgelassen – die Freizeitfrage

Neben Büchern mein Nummer eins Luxusgut. Denn die Zeit, die wir haben, kommt nicht mehr zurück. Es gibt immer nur das Hier und Jetzt. Doppeltes Glück, da ich einen Partner an meiner Seite habe, der dahingehend genauso tickt.

Dass Erlebnisse auf der Glücksskala ganz weit oben stehen, ist sicherlich jedem klar. Und das absolut Fantastische an ihnen ist, dass es ist im Rückblick auch völlig egal ist, ob diese im Moment des Geschehens positiv oder sogar so richtig mies negativ sind. Irgendwann wird aus dem Campingtrip, bei dem das Zelt erst von Krabbeltieren befallen und dann unter Wasser stand, eine Geschichte, über die man lacht und die man gerne weitererzählt. Mehrmals im Laufe seines Lebens. Mit ein paar Schuhen, die ein absoluter Fehlkauf waren, passiert so etwas nicht.

Jedes Erleben bereichert und prägt, während der Besitz materieller Dinge die Freiheit raubt, uns einengt und sogar zu vermehrtem Stress führen kann. Nachzulesen bei James Wallmann „Stuffocation“. Darin schreibt er so treffend: „Erinnerungen leben länger als Träume.“ Ganz besonders gilt das bei Träumen nach materiellen Dingen. Und Robert Wringham („Ich bin raus“) ergänzt diese Aussage noch: „Der Mensch ist nicht die Summe der Dinge, die er besitzt.“

2017 hat Freizeit im Sinne von draußen sein für mich einen ungleich höheren Stellenwert als die Jahre zuvor, denn in meinem Rauhnächteorakel war und ist genau das meine Aufgabe für dieses Jahr – die Natur draußen genießen. Wer meine Reihe „Was von den Rauhnächten übrigbleibt“ mitverfolgt, der mag den Eindruck haben, dass ich immerzu wie wild von einem Gipfel zum anderen stürme. Es gibt aber auch die wirklichen Naherholungsoasen. Wie ein Spaziergang durch die Stadt. Oder mit einer Decke zur nächsten Wiese ziehen und die Hasen am Waldrand beobachten. Oder eine Matratze in den Garten legen und den Wolken einen Namen geben. Wobei der Garten, gilt für Terrasse und Balkon gleichermaßen, an sich ja schon die Auszeit garantiert.

Es sind also meist die kleinen Dinge, die glücklich machen. Das spontane Kaffeetrinken mit der Freundin genauso wie Spieleabend mit dem Nachwuchs, wenn ich mal wieder eine Glückssträhne habe und der Gegenspieler es nicht glauben kann. Herrlich, natürlich auch, wenn das Blatt sich gegen mich wendet. Wie heißt es doch so schön: Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Gerade, wenn die Gedanken an morgen und die Zukunft von Verunsicherung geprägt sind, ist es wichtig, sich auf den Moment zu besinnen. Die Seele baumeln lassen, runterkommen und ankommen. Das klappt gegenüber letztem Jahr schon viel besser und viel öfter. Auch wenn ich mir das auf die Fahne beziehungsweise den Rauhnächtewunschzettel schreiben musste, damit es regelmäßig an die Gedankenoberfläche gespült wird.

Insofern ist für mich jeder ausgegebene Cent bare Münze und es reut mich kein bisschen, dass die Kosten für meine freie Zeit, die mir gehört, seit Januar (inkl. Urlaub) um beinahe fünfzig Prozent gestiegen sind. Sie liegen damit in etwa auf einer Höhe mit den Lebenshaltungskosten an dritter Stelle meiner Ausgaben.

Schon mal von dem Buch/Film „Brewster’s Millions“ gehört? Darin muss der Held (das Buch stammt im Übrigen aus dem Jahre 1902!)) eine Millionen Dollar binnen eines Jahres ausgehen, um das ihm vermachte Vermögen zu erben. Und zwar so, dass er am Ende physisch nichts vorzuweisen hat. Na, klingelst? Yep, genau. Ich habe natürlich keine Millionen und das mit dem Erben habe ich gründlich vermasselt – anderes Thema. Aber, wenn mich das Leben genauso viel kostet wie das Erleben, dann würde ich sagen, alles richtig gemacht und der Jackpot gehört mir.

Was sich in dem einen Jahr noch so getan hat, darum geht es beim nächsten Mal. Also, dann action!

Eure Kerstin

P.S.: Noch ein Wort zu oben erwähnten Buch „Brewster’s Millions“: Interessanterweise wurden in den 1920ern in den USA wesentlich mehr Güter produziert als verkauft. Der Markt war gesättigt. Dies führte zu der Diskussion, weniger produzieren und dafür mehr Freizeit, oder den Verbrauch sprich Verkauf ankurbeln. Das Ergebnis kennen wir alle. Die Hand dafür ins Feuer legen, dass heute die Entscheidung eine andere wäre, würde ich allerdings nicht. 

„Let’s talk about s…, baby. Let’s talk about you (Schachtel) and me (alte Schachtel).”

Hinweis an alle zu Schamesröte neigende Leser: Hier geht es mal wieder um Spielzeug für Erwachsene.

Das Schöne am Bloggen ist auch, dass hin und wieder Kommentare von Mit-Bloggern und Lesern einen dazu verleiten, ein Thema nochmals aufzugreifen. So geschehen bei meinem Beitrag zum Tatort Mai. Da hatte Roe Rainrunner sich gefragt, wie man den Verpackungsmüll (Sondermüll?) loswird. Und als dann auch noch Patrick von isso und nichts anders? mit einer Empfehlung für einen Neukauf aufwartete, war es einfach zu verlockend, um daraus nicht nochmals was zu machen. Danke Euch für die Steilvorlage.

Es ist wie so oft im Leben: Der Geist ist willig, jedoch das Fleisch ist schwach. Glücklicherweise wohne ich nicht unweit einer bayerischen Weltmetropole. Das hat den Vorteil, dass man sich im Bedarfsfall anonym und unerkannt bewegen kann und dass es neben den obligatorischen Standardgeschäften oft auch Trend- und Spezialläden gibt. Und tatsächlich befindet sich in recht exponierter Lage ein Fun Factory Shop. Online-Shopping wäre in diesem Fall nicht wirklich in Frage gekommen. Schließlich will frau das Objekt der Begierde ja auch anfassen.

Also, auf zum Erlebnisshopping. Egal, wie alt, erfahren und abgebrüht man ist, ich glaube, jeder spürt ein gewisses Kribbeln, sobald man die Eingangstür anvisiert und die Verkaufsräume betritt. Immerhin wird man selbst zum Objekt – „guck mal, die alte Schachtel, hat’s wohl nötig…“. Und was, wenn die Anonymität genau auf der Türschwelle abrupt aufhört, weil der Nachbar hinter der Kasse steht oder der Arbeitskollege nebenan im Café sitzt?

Der Spielwarenladen ist bunt und weit entfernt von jeglicher Hinterhofatmosphäre, um nicht zu sagen, ziemlich auffällig. Ich also rein. Herrje, lauter Pärchen, durchfährt es mich. Irgendwie ziemlich cool, aber so allein spüre ich dann doch die (eingebildeten?) Blicke – „schau sie an…“. Nun ja, nur nicht so schüchtern. Alle Größen, alle Modelle stehen und liegen hübsch beleuchtet und zum Anfassen und Handtest im Regal. Das erinnert dann doch ein bisschen an Kindergeburtstag. Schweinchenrosa, schwarz, lila, orange, knallrot, blau, mintgrün. Irgendwie ist eine Farbe schlimmer als die andere. Wobei hautfarben fände ich noch weniger attraktiv. Die Beratung ist wirklich gut, nicht anders als beim Kauf einer Waschmaschine oder dergleichen. Wobei mir da ein gewisser Vergleich fehlt, beim einen wie anderen.

Das Pärchen an der Kasse vor mir tätigt einen Großeinkauf und fragt doch tatsächlich nach einem Rabatt. Fehlt nur noch eine Kundenkarte: „Beim Kauf von zehn Exemplaren erhalten Sie…“ Ok, lassen wir das lieber, damit wir schnell die Frage nach der Verpackung lüften können. Liebe Roe, ich kann Dich beruhigen: Bis auf ein paar kleine Aufkleber ist die Schachtel absolut neutral, was Farbe und Form angeht und fällt damit definitiv nicht in die Kategorie Sondermüll, der in einer Nacht- und Nebelaktion und weit weg von den eigenen vier Wänden entsorgt werden muss.

Innenkarton

Lieber Patrick, ich danke Dir für den Tipp: Der Neue hat seine Konkurrenz vom Podest geschubst. Nun muss ich nur noch Mae B. Nr. 2 entsorgen. Was wohl der Typ vom Wertstoffhof denkt, wenn ich schon wieder mit so einem Teil für den Elektroschrott ankomme? Innerhalb von sechs Monaten? Ich wage gar nicht daran zu denken, was passiert, wenn ich demnächst mit dem kaputten Bett und der alten Matratze auftauche. Schließlich weiß er ja nicht, dass es sich dabei um das ausrangierte Inventar des jugendlichen Mitbewohners handelt. Moment mal…, ich glaube, ich muss jetzt mal ganz schnell ein aufklärendes Gespräch mit dem Nachwuchs führen.

 

Eure Kerstin

Lebenszeichen

Einmal Außerirdisch und zurück. So in etwa fühle ich mich. Noch immer. Nach drei Wochen quer durch die Alpen fühle ich mich fremd und in der falschen Haut und irgendwie außerirdisch.

Aber ein erstes Lebenszeichen will ich dann doch von mir geben. Eventuell wird es dann etwas anschaulicher.

Piz Boè

Die Bank – die eine Seite der Münze

Vorwort: Vor einiger Zeit habe ich die Kategorie „Mein Leben und andere Katastrophen“ eröffnet. Realistische Geschichten mit einer Prise Wahrheit. Und diese Geschichte passt einfach perfekt.

Voller Sorge machte ich mich auf den Weg. Dabei hatte der Tag so gut angefangen. Nachdem am Abend zuvor mehrere Gewitter über die Hütte hinweg fegten, war morgens der Himmel klar und die Sonne schien, als wir mit unseren Rücksäcken aufbrachen. Noch während des ersten Anstieges war mir bereits so warm, dass ich meine Jacke ausziehen musste. U. indessen ging voraus. Immer meinte sie, sie wäre zu langsam und ich würde sie dann schon einholen. Oben angekommen war aber weit und breit keine Spur von ihr. Sonst wartete sie doch immer. Gut, weiter ging es. Nach knapp 100m zweigte der Weg links von der Fahrstraße ab. Doch keine Spur von U.. Das war schon sehr merkwürdig. Ich hatte doch nur meine Jacke ausgezogen. Sie konnte maximal einen Vorsprung von 3-4 Minuten haben. Ich legte einen Zahn zu. Aber nach kurzer Zeit war mir klar, das kann nicht sein. So weit kann U. nicht voraus gelaufen sein. Kein roter Rucksack, keine rote Haube in Sichtweite. Also schnallte ich meinen Rucksack ab und sprintete den Weg nochmals bis zur Abzweigung zurück und dann die Straße bergan. An der nächsten Biegung war eine Abzweigung. Ein Schotterweg ohne Ausschilderung. Sie wird doch nicht. Andererseits. Doch nachdem ich diesem einige hundert Meter im Laufschritt gefolgt war, blieb ich schnaufend stehen, immer wieder U.’s Namen rufend. Nichts. Leicht ratlos und mit ersten Anzeichen von Sorge lief ich zurück zum Rucksack. Hoffentlich ist nichts passiert. Wo kann sie nur sein? Ein paar Mal lief ich noch hin und her. Wohl mehr aus Hilflosigkeit, als mit einem echten Plan. Warum musste sie auch vorweg laufen? Immer wieder heißt es, am Berg zusammen bleiben!. Und was macht sie? Rennt einfach immer weiter. Na toll. Und jetzt?. Also gut, hier konnte ich nicht bleiben. Und vielleicht war sie ja doch schon so weit vorweg und ich nun durch diese erfolglose Suchaktion nur noch weiter zurück gefallen.

Und so machte ich mich voller Sorge auf den Weg, den ich trotz des traumhaften Wetters und der tollen Landschaft überhaupt nicht genießen konnte. Wie sollte ich sie nur wieder finden? Sie hatte keine Karte, Handy funktionierte auch nicht. Perfekte Aussichten für einen dieser Rettungseinsätze wegen Unvorsichtigkeit. Vor meinem inneren Auge tauchten sämtliche Horrorszenarien auf. Hin und wieder begegneten mir andere Wanderer und jeden fragte ich, ob eine Frau mit roter Kappe und rotem Rucksack gesichtet worden wäre. Alle verneinten.

Nach knapp zwei Stunden war ich nervlich am Ende und meine Kraft ließ auch nach. Ich hatte bestimmt schon hundertmal in die Karte gesehen und überlegt, wo U. sein könnte. Wenn sie tatsächlich dem Schotterweg weiter gefolgt war, dann würde sie kurz unterhalb des Gipfels an eine Hütte kommen. Dort könnte sie dann evtl. fragen, wie sie wieder auf den Weg kommt, wenn sie feststellt, dass wir uns verloren haben. Zu der Hütte gibt es noch einen zweiten Zustieg. Das heißt, sie könnte darüber absteigen und wäre wieder auf dem richtigen Weg. Insofern müsste ich mich lediglich an dieser Stelle positionieren und warten. Aber dazu muss sie natürlich an der Hütte ankommen und fragen. Das klappt doch niemals! Also schön, ich gehe bis zu der Abzweigung und warte einfach dort so lange bis sie kommt, oder bis es anfängt, dunkel zu werden und ich die Rettungskräfte alarmieren kann.

An dem gedanklich erarbeiteten Treffpunkt befand sich ein kleiner Hof. Malerisch gelegen und mit herrlichem Blick ins Tal. Ach ja, wie gern hätte ich auch so eine kleine Alm und könnte ein einfaches, aber glückliches Leben führen. Blumen und Kräuter anpflanzen. Die Tiere füttern und auf die Weide bringen. Sehr schön. Diese Ruhe. Und dieser Blick. Und die ganze Natur. Herrlich! Etwas abseits des Hofes stand eine Bank auf einer Anhöhe. Der perfekte Rastplatz. Dort werde ich warten und erst mal etwas essen. Ah, da sitzt schon jemand. Den frage ich gleich mal, ob der Weg, den man nach oben verlaufen sieht, auch zu der Hütte führt und ob er U. gesehen hat. Vielleicht ist er ja gerade von oben runter gekommen und macht nun Rast hier. „Sagen Sie, der Weg da, führt der zu der Hütte hier?“ Ich deute auf die Karte. „Weiß nicht“, erhalte ich als Antwort. „Ist vielleicht eine Frau mit rotem Rucksack und roter Kappe von dort runter gekommen?“, starte ich noch einen Versuch. „Keine Ahnung.“ Also gut, das war wohl nichts. Ich hole tief Luft und seufze. Was nun?

Der Mann sitzt mitten auf der Bank. Zu seiner Rechten wäre Platz, da steht aber ein Auto direkt vor der Bank und versperrt die Aussicht. Auf die Landschaft und noch wichtiger: Auf den Weg. Linker Hand ist Platz. Ein Pilz wuchert dort aus einem Spalt. Mit meinem Stock kratze ich ihn weg. „Den können Sie doch da lassen! Ist doch genug Platz da“, meint er und deutet nach rechts. „Ich möchte mich hier aber gern hinsetzen“, erwidere ich etwas unwirsch. Das wird ja immer besser: Total unhilfsbereit und dann auch noch Vorschriften machen, wo man sich hinsetzen soll. Sieht der denn nicht, dass ich kurz vorm Durchdrehen bin? Was, wenn U. etwas passiert ist? Und ich später erklären muss, dass ich einfach weiter gegangen bin? Was glaubt er eigentlich, wer er ist? Hat wahrscheinlich keine Ahnung, was in den Bergen alles so passieren kann. Den Schuhen nach zu urteilen, jedenfalls nicht. Hat auch nur eine Plastikflasche mit Wasser dabei. Und sonst nichts.

Schweigend setze ich mich hin. Nun bin ich nicht nur verzweifelt, sondern auch noch wütend. So was von unfreundlich ist mir schon lange nicht mehr begegnet. Nur aus reiner Notwendigkeit zwinge ich mich, ein paar Bissen zu vertilgen. Immer wieder schaue ich nervös zum Berg und in die Richtung, aus der ich gekommen bin. Nichts. Nach einer Weile steht der Mann auf. Ohne Gruß und ein weiteres Wort. Ja, solche Leute kann ich gut leiden. Null Mitgefühl und unfreundlich obendrein. Er folgt dem Weg und geht dann ins Haus. Super! Der Besitzer selber! Oh Mann! Wahrscheinlich hat er den Pilz selbst gezüchtet. Seit Jahren! Und dann komme ich und mache ihn kaputt. Er hätte aber auch ein Stück rücken können. Hat ihm bestimmt nicht gepasst, dass ich mich auf die Bank setzen wollte. Seine Bank. Ich gehe jetzt rüber und entschuldige mich und sage, dass ich echt verzweifelt bin und nicht weiß, was ich tun soll. Und dass es keine Absicht war usw. Aber wütend bin ich irgendwie noch immer. Jetzt noch mehr. Sturer Bergschrat. Bekommt ihm anscheinend nicht gut, so viel frische Luft.

Ich ärgere mich so sehr, dass ich fast vergesse, wie verzweifelt ich bin. Doch dann ist es wieder da, das ungute Gefühl und die Hilflosigkeit. Und so sitze ich eine ganze Weile auf der Bank ohne Pilz.

 

…Fortsetzung folgt

Happy Birthday alltagseinsichten! Happy Birthday to me!

Auch wenn ich meine eigenen Geburts- und sonstige Jubeltage gern mal unter den Tisch fallen lasse, so will ich doch diesen speziellen Anlass nicht auslassen, denn mein Blog wird 1 Jahr alt. Happy Birthday alltagseinsichten! Happy Birthday to me!
Bei Ehen feiert man nach einem Jahr die Papierhochzeit – wie passend für einen Schreiberling, auch wenn das Schreiben hier in elektronischer Form erfolgt. Und da mein Blog und ich so was wie eine eheähnliche Lebensform sind, habe ich mich im Internet mal nach den Bräuchen rund um den 1. Hochzeitstag umgesehen:

Papierene Hochzeit sagt man, weil es im ersten Jahr meist drunter und drüber geht und das Band noch nicht besonders reißfest ist. Das Paar lernt sich noch kennen und muss verschiedenen Hürden miteinander es meistern.

Dem kann ich nur zustimmen: Es ging/geht drunter und drüber. Meist waren/sind die Herausforderungen eher technischer Natur. Und dann wieder habe ich hin und wieder das Gefühl, meine alltäglichen Einsichten verschwinden in den unendlichen Weiten des Netzes – ohne dass sie auf etwas/jemanden treffen, dem sie etwas bedeuten. Und immer wieder denke ich auch, dass ich auf meinem Blog gern aktiver wäre. Immer und überall springen mich Gedanken und Ideen an, die ich am liebsten jetzt und sofort verarbeiten würde, um dann oftmals an der Zeit und Muße zu scheitern. So sammele ich all die Fragmente in einem dicken Notizblock – in der Hoffnung, diese alle noch irgendwie, irgendwann verwirklichen zu können.

Der 1. Hochzeitstag ist ein guter Anlass, um das erste Ehejahr zu reflektieren und an die Hochzeit zu denken. Zum Anlass der Papierenen Hochzeit kann man auch einen Liebesbrief an seinen Partner schreiben. Schön ist es, die Erlebnisse des ersten Jahres aufzuschreiben.

Na, dann wollen wir mal: Liebe alltagseinsichten, vielen Dank für das erste gemeinsame Jahr mit Dir. Ein Leben ohne Dich kann ich mir eigentlich gar nicht mehr vorstellen und ich bin so froh, dass wir uns eine verrückte Idee und unzuverlässige Brieffreundschaft zusammen geführt haben. Du bereichst jeden meiner Tage. Ich bin sehr glücklich, dass ich mit Dir über alles reden kann und Du das Sprachrohr meiner Gedanken bist. Durch Dich habe ich viele Seiten an mir entdeckt und viel Neues ausprobiert. Wenn ich da nur an unser Projekt „Wie man sich mehr Raum verschafft“ denke und wie befreit wir uns seitdem fühlen. Auch die tolle Erfahrung, eine Weltenreise anhand von Büchern aus verschiedenen Ländern zu unternehmen. Eine klasse Idee, auch wenn die eine oder andere Wahl sich als Fehlgriff und recht zähe Lesearbeit entpuppt hat. Vielen Dank auch, dass ich zahlreiche Deiner Freunde nun auch zu meinen Freunden zählen darf (siehe Rubrik„Wo ich gerne lese“). Es ist schön, jemanden zu haben, der einen immer wieder herausfordert, aber auch seine Freiheiten lässt und einen ermutigt, unbekannte Wege zu gehen und auch mal etwas zu wagen. So habe ich auf einem Blog (der Autor des Blogs möge mir verzeihen, aber ich kann den Blog/Post nicht mehr finden, da es einfach schon zu lange her ist und das Netz anscheinend in diesem Fall doch vergesslich ist) von interpals.net erfahren und dort ein paar sehr nette Brieffreundschaften geschlossen, die weitaus verlässlicher sind als unser gemeinsamer Freund, der uns einst zusammenbrachte. Danke für Dein Vertrauen. Ich wünsche mir noch viele Jahre und Erlebnisse mit Dir. Deine Kerstin

Der 1. Hochzeitstag kann auch mit einem romantischen Wochenende gefeiert werden. Wichtig ist, sich Zeit füreinander zu nehmen und den Tag mit einem kleinen Geschenk abzurunden. Dann klappt es auch mit den weiteren Ehejahren.

Treffer würde ich sagen, da ich am Wochenende eh eine schöne Bergtour machen wollte, um mal wieder so richtig durchzuatmen. Bei der Gelegenheit mache ich mir dann auch Gedanken über ein passendes Geschenk. Vielleicht wäre es an der Zeit, sich den Namen als Domain zu sichern oder auch etwas neues zum Anziehen (Theme, Design usw.) würde sich gut machen. Mal sehen, da fällt mir bestimmt etwas ein.

Was ich hier auf gar keinen Fall vergessen möchte: Vielen Dank auch an unsere treuen Freunde/Leser. Für die Kommentare und Likes. Für die Inspiration. Es macht Spaß mit Euch!
Ach ja, und wer aufgepasst hast: Ja, richtig, es müsste eigentlich „Happy Anniversary“ heißen. In diesem Sinne: Schönen 1. Jahrestag alltagseinsichten!

Eure Kerstin

Tatort Küche, Tag 1

In Anbetacht dessen, dass demnächst wieder die (guten) Vorsätze für das neue Jahr fällig werden, habe ich dem ganzen Stress schon mal ein bisschen vorgegriffen und beschlossen, bei mir mal wieder so richtig auszumisten. Sicherlich ist dies auch der Tatsache, dass ich demnächst umziehe, geschuldet, und da dachte ich mir, wann, wenn nicht jetzt ist die Gelegenheit, sich von dem einen oder anderen Ballast zu trennen. Aufmerksame Leser meines Blocks werden bemerkt haben, dass dies auch mit der zuletzt gezogenen Experimentkarte zusammenhängt. Bedanken möchte ich mich bei Ute Blindert, die mich mit Ihrem Thema Minus1 hierzu ebenso inspiriert hat, meinem ich mehr Platz zum Atmen und frei sein gegeben hat. Bin gespannt, welche Schätze dieses Abenteuer so ans Tageslicht befördert.

Den Anfang mache ich in der Küche. Typisch Frau. Ja, kann sein, aber irgendwo muss ich ja anfangen. Hier also das doch recht „erfolgreiche“ Ergebnis des ersten Tages01 Tag

Tatort: Küche, Küchenschrank, oberes Fach

Tatbestand: Abgelaufene Lebensmittel. Schade. Waren im obersten Küchenschrank, ganz hinten und wohl irgendwann aus einer Laune heraus gekauft, dann aber doch nicht verarbeitet. Teilweise bereits seit 2009 abgelaufen. Ups. Nein, irgendwelche Bewohner waren nicht zu finden, falls es jemanden interessiert.

Tatortsäuberung: Auch wenn ich ungern Lebensmittel wegschmeiße, leider in den Bioabfall entsorgt.