Heimatkunde

Ich bin ein Kind meiner Eltern, ein Kind meiner Zeit.
Ich bin ein Weltenbürger. Das sage ich, wenn mich jemand fragt, wo ich herkomme bzw. wer ich bin. Das ist eine recht diffuse Sache und der Ursprung erschließt sich mir auch beim intensiven Nachdenken nicht vollends. Ich bin mir also nicht sicher, warum ich keinen Ort als meine Heimat bezeichne.

Wenn ich sage, ich bei ein Kind meiner Eltern, dann bedeutet das in diesem Zusammenhang, dass meine Eltern wohl den Grundstein für meine Ruhe- und Rastlosigkeit gelegt haben. Sie sind nämlich diverse Male umgezogen. Erst allein. Von Nordrhein-Westfalen nach Niedersachsen. Und dann mit mir im Schlepptau. Von Niedersachsen nach Bayern, genauer gesagt Mittelfranken und von Mittelfranken nach Oberbayern und schließlich auch noch mal innerhalb der gleichen Stadt vom Ostteil nach Westen. Da können andere Mit-Erdenbürger mit Sicherheit mehr aufweisen, nichts desto trotz glaube ich, dass mit jedem Umzug der Geist geschult wird, mit Trennungen und veränderten Bedingungen zurecht zu kommen.
Die zweite Aussage, ich bin ein Kind meiner Zeit, fällt unmittelbar damit zusammen, dass meine Eltern das Wirtschaftswunderland Deutschland prägte und genossen haben, was sich unter anderem darin äußerte, dass wir viel gereist sind.

Zusammengefasst und als Ergebnis kommt dann so etwas wie meine Person dabei heraus. Ich wandele bereits ein halbes Jahrhundert auf diesem Planeten, habe auf zwei Kontinenten und in drei Ländern gelebt, in drei Bundesländern gewohnt, war in neun Städten (manche mehrfach) gemeldet und bin in meinem bisherigen bereits vierzehn Mal umgezogen. Ein Freund fragte mich mal, nachdem ich diese Aufstellung gemacht hatte, ob ich als Spion tätig sei und ob mein Name schon meiner wäre. Manchmal also lassen sich ganz unterschiedliche Schlüsse aus einem Leben ziehen. Wenn man etwas dabei lernt, dann effektives Packen und sich von Dingen und vor allem Menschen verabschieden. Was man vermisst, ist Heimat und das Gefühl, dazu zu gehören.

Vor einigen Jahren, nach einem misslungenen Neustart in einer norddeutschen Großstadt, eröffnete ich meiner Freundin, die ich im schönen Bayern zurück gelassen hatte, dass ich zurück käme und wenn sie, nach all dem Drama und dem Durcheinander und dem, was ich durchgemacht hätte, sich irgendwann in den Kopf die fixe Idee, weg zu ziehen, einpflanzen würde, ich sie persönlich umbringen würde. Genau das waren meine Worte: „Dann bringe ich Dich um!“ Woraufhin sie ganz seelenruhig erwiderte: „Nein, ich ziehe hier nicht weg. Meine Familie und meine Freunde sind alle hier.“

Noch immer bin ich eifersüchtig und neidisch auf diese Aussage. Und noch heute, fast fünfzehn Jahre später, bin ich die Heimatlose, der Flachwurzler, wie sie immer sagt. Und sie mein Ruhepol, der mich daran erinnert, dass Heimat kein Manko ist, sondern dem Leben Seele gibt. Und dass das Weltenbürgerdasein kein Widerspruch sein muss. Und irgendwie hatte auch meine Mutter es wohl vor sehr langer Zeit schon geahnt, dass ich immer wieder auf der Suche nach so etwas wie Heimat sein würde, als sie mir dieses kleine Geschenk machte, damit ich mich, wenn auch nicht physisch doch wenigstens gedanklich irgendwo zuhause fühle.

Heimat

Danke

 

P.S.: Nur um das klar zu stellen, ich bin eine absolut harmlose Seele und die Gutmütigkeit in Person und dass ich damals solch eine harsch Drohung ausgesprochen habe, lag einzig und allein an den Lebensumständen und meiner damit einhergehenden Verzweiflung und nicht daran, dass ich irgendwelche kriminellen Energien besitze.

Wirtschaftlichkeitsberechnungen

Nach einigem Ringen mit mir und meinem Budget habe ich in einen von diesen Bamboo Cups, zu Neu-Deutsch „Kaffee-to-go-Becher“, investiert. Warum es explizit Kaffeebecher heißt, entzieht sich meinem genauen Kenntnisstand und ich bin fast versucht, das als Diskriminierung der Tee- und Kakaotrinker zu werten. Und wer sagt eigentlich, dass nur Heißgetränke in einem to-go-Becher transportiert werden können/dürfen? Aber das ist wohl eher ein Thema der Mehrheitslehre.

Es hat mich wie gesagt etwas Überwindung gekostet, schließlich besitze ich bereits einen wiederverwertbaren Becher (siehe „Draußen nur Kännchen“). Dieser war ein Werbegeschenk, von daher für mich so gesehen gratis. Wie das mit Werbegeschenken so ist, lassen diese sich aufgrund des Werbeaufdruckes nicht wirklich als Geschenk wiederverwerten, sondern höchstens in Form einer Gabe weiterreichen. Nun bin ich eigentlich kein großer Freund von logobehafteten Werbeartikeln, aber besagter Becher kam damals zur richtigen Zeit als ich mich gerade mit dem Thema Plastik auseinandergesetzt habe und er aus Porzellan ist. Das hat den Vorteil, dass es eben kein Plastik und geruchsneutral ist, aber eben auch zerbrechlich. Und er wiegt mehr als ein vergleichbarer Plastikbecher, was grundsätzlich kein Negativmerkmal ist, aber noch eine Rolle bei der Auswertung spielen wird. Und zu guter Letzt ist er auch nicht auslaufsicher, was situationsbedingt ein Problem werden kann.

Womit wir uns dem Einsatzgebiet nähern. So ein to-go-Becher ist ja wie der Name schon sagt, für den Einsatz unterwegs gedacht. Man trägt ihn in der Hand, im Rucksack, in der Tasche, auf dem Fahrrad, in der Bahn, im Bus etc. Aus dem Physikunterricht ist bei mir leider nicht viel bis gar nichts hängen geblieben, sonst könnte ich hier bestimmt mit einer Formel von bewegten Objekten zu Flüssigkeiten, die sich in bewegten Objekten befinden, aufwarten. So kann ich nur aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen und da verhält es sich so, dass Flüssigkeiten ein widerspenstiges und unkalkulierbares Eigenleben entwickeln, wenn sie bewegt werden. Ergo ist das mit dem Auslaufschutz ein wichtiges Kriterium, wenn man beim Gang aus dem Haus abwägt, ob man den umweltfreundlichen und wiederbefüllbaren Becher mitschleppt, oder eben dann doch die Einwegvariante des Coffeeshops seines Vertrauens wählt.

Nun also die erste Wirtschaftlichkeitsberechnung: Ich nehme meinen 453 Gramm schweren, zerbrechlichen Becher mit, lasse ihn befüllen, genieße den Inhalt und schleppe ihn dann den ganzen Tag bzw. bis ich wieder zuhause bin mit herum. Eventuell versaut mir der Rest Flüssigkeit dann auch noch den Inhalt meiner Tasche, wenn ich vergesse, eine Plastiktüte mitzunehmen, die ich dann wohlgemerkt nach Gebrauch ganz umweltbewusst auswaschen darf. Oder aber ich gehe unbeschwert aus dem Haus, kaufe to-go, genieße, entsorge den Müll und fertig. Da erübrigt sich fast die Bilanz. Fertig also. Fertig bis eben auf die winzige Kleinigkeit, dass sich mein Gewissen jedes Mal in einem Konflikt mit meinem Genuss- und ich-brauche-Koffein-Zentrum befindet. Infolgedessen hatte ich hin und wieder meinen Becher zuhause befüllt, beim einhändigen Fahrradfahren auf dem Weg zur Haltestelle getrunken und diesen dann in den Fahrradkorb bis zur Rückkehr deponiert. Oder aber ich bin eher los, um dann hastig unterwegs stationär die Koffeindosis hinunter zu stürzen. Auf Ex so gesehen. Beides hat mit Genuss irgendwie nichts gemein und hinterlässt einen Nachgeschmack.

Konflikte, so sagt mein Professor, sind im Grunde genommen der Normalzustand. Nichts desto trotz versuchen wir Menschen, Konflikte zu lösen, auch wenn dadurch vielleicht neue zu Tage kommen. Das Universum und eben auch wir Menschen brauchen anscheinend immer wieder diesen Impuls zur Veränderung. Okay, das ist ein Thema für die Soziologen. Jedenfalls bin ich bei der Strategie zur Lösung des Konfliktes unweigerlich auch die Bambusvariante der Unterwegs-Becher gestoßen. Dem folgte die zweite Wirtschaftlichkeitsberechnung: Unzerbrechlich, leicht, wiederverwendbar und eben kein Plastik. Ein dickes Plus auf der Habenseite. Dem gegenüber stand die Tatsache, dass ich den Neuerwerb bezahlen muss und dann keine Verwendung mehr für das Porzellanmodell hätte, es zum Ballast mutieren und früher oder später dem Tatort LINK zum Opfer fallen würde.

Vor allem das mit dem Kaufen hat zum anfangs erwähnten innerlichen Ringen geführt. Es ist ja so, dass man bei Anschaffungen auch eine gewisse Vorstellung davon hat, was einem dieser wert ist. Das ist natürlich eine ganz individuelle Sache und hängt mit ziemlich subjektiven Kosten-Nutzen-Rechnungen und ganz realen Budgetrahmenbedingen zusammen. Bei mir lag diese Grenze zwischen „passt“ und „seid-ihr-noch-ganz-bei-Trost“ in etwa bei zehn Euro, eher noch darunter. Also, so €9,95. Das Hirn liebt es einfach, solch psychologische Fallen ohne Umwege als Gewinn zu deklarieren. Egal, ist ein Thema für Marketingfachleute.

Wie es sich für einen mündigen Verbraucher gehört, muss erst einmal der Markt begutachtet werden. Also steuere ich alle Läden an, die dafür in Betracht kommen. Und sogleich stelle ich fest, dass die „passt“-Variante bei näherer Begutachtung nicht auslaufsicher ist. Schade, aber eine Entscheidung nur aufgrund des geringeren Gewichtes, was auf der Prioritätenliste eh den wenigsten Einfluss hat, steht außer Frage. Und, logisch, die Art von Becher, bei der sich Einsatz und Bedarf decken, rangiert in der Kategorie „seid-ihr-noch-ganz-bei-Trost“. Stolze €14,95 stehen im Raum. Puuh, das sind fünfzig Prozent über dem Budget. Am Ende kostet es mich also eine gute Portion Überwindung, doch die Sucht (Koffein) hat sich mit dem Gewissen (kein Einweg) verbündet und so gibt es eigentlich keine zwei Meinungen.

Kaffeebecher

Nun spare ich also kräftig. Zumindest im übertragenen Sinn. Jeden Tag einen Einwegbecher, was natürlich rechnerisch nicht so ganz richtig ist, da ich ja vorher den Becher aus Porzellan mit dabeihatte und eben nur hin und wieder zur Einwegvariante gegriffen habe. Aber der Einfachheit halber und weil ich neben Physik auch kein wirkliches Mathegenie bin, belassen wir es mal bei der Aufstellung. Macht fünf in der Woche, ca. zwanzig im Monat usw. Während also nun auf der Umweltseite alles im grünen Bereich ist, klafft auf der Geldseite eine Lücke von €14,95. Womit ich schließlich zur dritten Wirtschaftlichkeitsberechnung komme: Es gibt nämlich unter anderem einen Coffee Shop, der den Kunden einen Nachlass von fünfundzwanzig Cent gewährt, wenn man seinen eigenen Becher dabeihat. Das Einwegpfand im weitesten Sinne. Das nenne ich mal Kundenbindung und unternehmerisches Vorausdenken. Um also den monetären Einsatz wieder zu amortisieren, muss ich ungefähr sechzig Kaffee trinken.  Der berühmte Break-even-point ist somit nach zwölf Wochen erreicht, wenn man von fünf Portionen in der Woche ausgeht. Wenn ich dann noch mitberücksichtige, dass es ein Bonusprogramm gibt, also jeder elfte Kaffee gratis ist, dann ist schon bei einunddreißig Heißgetränken bereits ein Gewinn zu verzeichnen.

Für die Füchse unter meinen Lesern: Von Wirtschaft kann hier finanzbuchhalterisch keine wirkliche Rede sein, höchstens von Stammtischphilosophie gepaart mit einer laienhaften Milchmädchenrechnung, denn jeder Besuch im Coffee Shop kostet schließlich unweigerlich Geld, das man ja nicht ausgeben würde, wenn man sich entweder morgens schon genug Koffein zuführen oder aber noch besser, von der Sucht befreien würde, was letztlich sicherlich das Beste für die Umwelt und meine Gesundheit wäre. Aber bei all dem würde ich eine Sache ganz schön vermissen und das ist der Spaß am Konflikt und seinen Mitstreitern.

 

Eure Kerstin

Beilagen oder was man von Romanhelden lernen kann

Mit dem Aschermittwoch ist ja bekanntlich alles vorbei. Vor allem die Völlerei. Beginn der Fastenzeit. Und es kursieren heutzutage ganz verschiedene Ansätze, dies zu würdigen: Kein Alkohol, keine Süßigkeiten, kein Fleisch, kein Auto, kein Handy usw. Für jeden ist da also etwas dabei. Man kann auch jährlich wechseln, dann wird es nicht so eintönig. So mache ich das für meinen Teil und zwar zwischen dem Verzicht auf Süßigkeiten und Fleisch. Einmal hatte ich sogar beides gleichzeitig versucht, musste mich aber nach zwei Wochen geschlagen geben. Mein Nervenhaushalt konnte dem Ansturm nicht länger standhalten. Dann stand nur noch Fleisch auf der Fastenliste.

Nachdem letztes Jahr Süßigkeiten dran waren, wird – logisch – dieses Jahr wieder Fleisch vom Speiseplan gestrichen. Von gelegentlichen Ausnahmen abgesehen, wäre für mich ohnehin ein fleischloses und glückliches Dasein absolut vorstellbar. Auch ganz ohne das Gefühl des Verzichtes.

Ganz anders die beiden Fleischesser am Essenstisch. „Fleisch ist mein Gemüse.“ Wer kennt diesen Spruch nicht? Der Kinderarzt sagte einmal bei einer Untersuchung des schon damals gemüseverschmähenden vorpubertären Mitbewohners: „Na, wenigstens hat er keinen Eisenmangel.“ Wie immer im Leben, gibt es zwei Seiten die Sache zu betrachten.

Mahlzeit eins: Es gibt Gnocci mit Tomaten. „Sehr leckere Beilage“, meint der große Fleischesser. „Äh, das ist das Hauptgericht“, entgegne ich. „Wie gesagt, leckere Beilage“. Den Rest des Essens versuche ich mit nicht nahrungsrelevanten Themen zu füllen.

Mahlzeit zwei: Es gibt Kartoffeln mit kalten Fischvariationen. Das kommt gut an. Vor allem die Garnelen in Knoblauch. Die kommen auch noch nach Stunden gut an beziehungsweise wieder gut hoch. Und man hat obendrein auch noch am nächsten Tag etwas davon beziehungsweise die nicht fastende Bevölkerung.

Mahlzeit drei: Es gibt Gemüsecurry. Sehr lecker. Für die Fleischesser am Tisch habe ich ein Herz und sie bekommen dazu Hühnchen. Das dient auch einem gewissen Selbstschutz, denn seitdem es nur noch „Beilagen“ und hin und wieder Wassertiere auf den Teller schaffen, schauen mich beide zunehmend gierig an. Und der große Fleischesser behauptet ja auch standhaft, dass Geflügel kein Fleisch sei. Ich muss ihm unbedingt die nachfolgende Szene aus der Lektüre der Buchgesellschaft „Mord in der Maple Street“ von M.R.C. Kasasian einmal vorlesen:

„Sind Sie denn nicht hungrig?“ „Sehr sogar“, antwortete ich. „Aber ich wollte auf das Fleisch warten.“ „Haben Sie heute nicht genug Fleisch gesehen?“, fragte er. „Es wundert mich, dass Sie das Verlangen verspüren, sich noch mehr davon in den Mund zu stecken.“ […] „Wie können Sie die sterblichen Überreste einer jungen Frau als Fleisch bezeichnen?“ „Haut, Muskeln und Knochen.“ […] „Fleisch gemäß jedweger Definition.“ […] „Wie können Sie nur so gefühllos sein?“ „Sorgen Sie sich lieber um die Lebenden.“ […] „Und was den Vorwurf betrifft, ich sei gefühllos – wer von uns beiden ernährt sich denn von Toten?“

Beilagen

Irgendwann fange dann doch auch ich an die Tage zu zählen. Wenn ich für den Nachwuchs an der Fleisch- und Wursttheke stehe, ertappe ich mich dabei, dass ich neidisch auf die Kinder schaue, denen die Verkäufern ein Stück Wurst anbietet und ich atme tief ein, um meinen Heißhunger mit dem Geruch zu befriedigen. Noch zwei Wochen. Dabei ist es gar nicht so sehr das Fleisch an sich, welches ich gelüste, sondern die fleischigen Beilagen: Brot mit Wurst, Spiegeleier mit Speck, Nudeln mit Hackfleischsauce. Womit wir wieder bei den Beilagen wären. Tja, und irgendwann ist die Fastenzeit ja auch vorbei. Der erste Bissen in das teure Filetsteak, welches ich mir beim letzten Mal vor zwei Jahren geleistet hatte, war bei weitem nicht so sinnlich und betörend wie ich mir das vorgestellt hatte.

Dieses Jahr kam mir kurz vor dem Ende der Fastenzeit etwas so Kontraproduktives wie ein Urlaub dazwischen, bei dem ich mir gleich morgens ein Omelett mit Schinken gegönnt habe. Dazu Pancakes mit Ahornsirup und in Butter gebratenen Toast. Tausend Kalorien zum Frühstück und satt bis zum Abend. Ich glaube, etwas Leckeres habe ich noch nie in meinem Leben gegessen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich kein schlechtes Gewissen hatte, vielleicht lag es aber auch an dem Alternativplan. Denn die Tage der Sünde habe einfach hinten drangehängt und es gab wieder Beilagen pur. Vor allem beim Treffen der Buchgesellschafter, denn schließlich ist der Romanheld aus obigem Ausschnitt vehementer Verfechter des fleischlosen Genusses. Und es war mindestens genau so lecker wie das Schinkenomelett.

 

Eure Kerstin

Tatort des Monats April

Im Universum gibt es ja bekanntlich keinen Pol ohne Gegenpol. Ergo ist es also irgendwie nur natürlich, dass auf Socken (siehe Tatort März) Schuhe folgen. Wobei zum einen der Tatbestand Schuhe diskutierbar wäre und zum anderen, ob diese Art Schuhe überhaupt Socken benötigt, was im Hinblick sowohl auf Funktion als auch Ästhetik zu betrachten wäre. Wie gesagt, das Universum verlangt immer nach einem Ausgleich der Kräfte.

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Tatbestand: Allroundschlappen

Tatortsäuberung: Tja, da lässt sich nichts mehr retten. Nach zwölf Jahren bleiben nur die schönen Erinnerungen unzähliger Hüttenwanderungen zurück, bei denen Sie als Hüttenschuhe und an Ruhetagen zum Einsatz kamen. Doch letztendlich war es die Gartenarbeit, die den Tretern den Gar ausgemacht hat. Schade, dabei hatte ich sie schon für meine nächste Wanderung eingeplant. Nun muss Ersatz her. Nicht zuletzt, um auch einen Ausgleich bei der anstehenden Schuhinventur zu schaffen. Bleibt nur die Frage: In welchen Wertstoffkreislauf muss ich die Schuhe entsorgen, um im Universum keine Kettenreaktion aufgrund einer Unausgeglichenheit zu sorgen?

Tatort des Monats März

Man will es ja manchmal nicht wahrhaben, aber auch Socken haben eine begrenzte Lebensdauer, wenn sie denn nicht schon vorher in den unendlichen Weiten der Waschmaschine in eine andere Galaxie teleportiert werden

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Tatort: Kleiderschrank

Tatbestand: Sportsocken

 

Tatortsäuberung: Ich weiß, stopfen wäre eine Option gewesen, denn die Socken waren qualitativ hochwertige Markensocken aus dem Fachhandel. Allerdings glaube ich, mich erinnern zu können, dass das noch zu DM-Zeiten war. Aber auch das mag Einbildung sein. Wie auch der Glaube daran, dass ich einfach immer zu schnell gejoggt bin und aus diesem Grunde die Socken heiß gelaufen sind und der Reibung des Luftwiederstandes nicht länger standhalten konnten. Nun ja, man wird ja noch wohl träumen dürfen. Oder sind das die endorphinen Spätfolgen meines Hochgeschwindigkeitslaufes? Oder dann doch eher die ersten hypothermalen Anzeichen? Wie dem auch sei, die Socken sind über den Jordan gegangen.

Von wüst zu ernüchternd kreativ

Traumzeichenstunde. Oder so etwas in der Art. Die Dozentin des Kurses zur kreativen Selbstentfaltung will mit uns ein Experiment machen. „Der magische Kubus“ (wer den schon kennt, weiß ja schon jetzt, was für ernüchternde Erkenntnisse da am Ende des kreativen Schaffensprozesses einen vor den Kopf stoßen. Alle andere dürfen gern jetzt Papier und Stift bereitlegen). Dabei geht es in erster Linie und auch später nicht um unsere zeichnerischen beziehungsweise malerischen Talente. Sagt sie. Viel entscheidender ist am Ende das innere Bild. Sagt sie. Na, da bin ich mal gespannt.

Wir befinden uns in der Wüste. Sogleich sehe ich flirrende Luftspiegelungen, kann die Hitze förmlich spüren und auch den schon leicht trockenen Mund. Am Horizont türmen sich endlose Sanddünen, hier und da ragen Gebirge und Steinwüsten auf – ein Meer ohne Wasser und darüber der gleißende Sonnenball. Ein paar zarte Pflanzen, es sind wohl dürre Gräser, platziere ich auch noch, schließlich lebt die Wüste wie man weiß.

Dann kommt der Kubus. Ein Würfel, mitten in der Wüste. Irgendwie wie bei „2001: Odyssee im Weltraum“. Aber das war ein Monolith und kein Kubus und das war auch mit Computern im Weltraum und so und eher düster als magisch. Ich denke an Zelt, Oase, Wassertrog, Haus, irgendwas. Egal, ich platziere ihn einfach erst mal in der Mitte. Eigentlich ist er etwas zu klein geraten, um präsent zu sein, wo es doch um den magischen Kubus geht. Nun ja, verziere ich ihn einfach. Mit Bretterleisten, Verschlägen und Schlössern. Eine Kiste in der Wüste. Eine Schatzkiste? Und dann denke ich, dass so eine Kiste eigentlich auf ein Kamel gehört, welches gemächlich durch die Wüste stapft und seine Fracht dabei sanft hin und her schaukelt. Ein Wüstenschiff. Okay, das Kamel sieht aus wie eine Mischung aus Ente, Elefant und Esel. Aber, es geht ja um das innere Bild.

Nächster Punkt auf der magischen Reise ist eine Leiter. Gut, eine Leiter, um auf das Kamel zu steigen. Das funktioniert. Doch mein Kamel ist ja schon gesattelt und beladen, fertig zum Abmarsch. Noch ist es an einen Pflock angebunden, ein Kamelhaufen zeugt davon, dass es schon etwas länger dort verharren muss, aber nun scheint es doch bald los zu gehen mit der Karawane. Also brauche ich einen Beduinen, der die Leiter gerade wegträgt.

„Und nun ein Pferd“, verkündet die Kursleiterin. Herrje, das Kamel ist schon eine Zumutung für die Augen. Also Menschen, Tiere, das sind alles Dinge, bei denen ich maltechnisch total versage. Ein Kubus, ja das ist kein Problem, Etwas mit klaren Linien und möglichst unbelebt. Und irgendwie soll das Pferd in der Nähe sein. Jedenfalls in meinem Bild, bilde ich mir ein. Da ist aber kein richtiger Platz mehr. Vielleicht, wenn ich nur das Hinterteil oder den Schweif male. Wie es gerade das Bild verlässt. Nein, der Beduine ist ja schon am Davonlaufen. Dann nur den Kopf. Genau. Und das Pferd trinkt gerade aus einem Trog. Die Idee hatte ich doch eigentlich für den Kubus. Ein Brunnen, aus dem ein Pferd/Kamel trinkt. Muss eben noch ein Behälter her. Gar nicht so schlecht.

„Als nächstes befindet sich irgendwo ein Sturm“, meint unsere Kursleiterin. Wüste plus Sturm, ja, das ist jetzt endlich mal etwas, das Sinn macht. Ein Sandsturm. Ein Riesending. Ganz am Horizont, aber gewaltig. Kilometerhohe Türme aus aufgewirbeltem Sand, die sich vor die Sonne schieben. Sehr schön.

Letzter Punkt auf der Reise sind Blumen. Prima, das habe ich ja mit den vier kleinen Grasbüscheln schon gleich am Anfang abgehakt. Die Wüste lebt, ist aber karg. Mehr als diese Art der Vegetation gibt der Boden einfach nicht her.

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Ja, doch so betrachtet, ist es ganz gut geworden. Nicht schön, aber selten und auch ein bisschen kreativ, finde ich. Ein Kabinett der wüsten Schaffenskraft. Bis dann die Auflösung kommt:

  1. Der Kubus bin ich
  2. Die Leiter sind meine Freunde
  3. Das Pferd ist mein Partner
  4. Der Sturm sind Hindernisse und Probleme
  5. Die Pflanzen sind Kinder
  6. Die Wüste ist die Welt

Die Ernüchterung folgt auf dem Fuße:

  1. Ich selbst bin also abgehoben, man könnte schon auf hohem Ross sitzend sagen, wenn es denn kein Kamel wäre. Vielleicht verstecke ich mich auch, während jemand anderes die Last meiner Person (er)tragen muss. Zudem bin ich verschlossen und vernagelt.
  2. Meine Freunde wenden sich ab und verlassen mich gerade.
  3. Mein Partner ist nicht so ganz im Bilde und mit Trinken beschäftigt. Zum Glück ist wenigstes der Kopf und nicht das Hinterteil anwesend. Die psychologische Deutung möchte ich nicht mal ansatzweise hören.
  4. Die Probleme ziehen gerade am Horizont auf, nehmen mir die Sicht und das Licht und sind schon jetzt überdimensioniert.
  5. Tja, und die Kinder sind kurz vor dem Verdursten, völlig unterernährt – ob nun real oder im übertragenen Sinn will ich mir gar nicht erst ausmalen – und nur ziemlich zaghaft wahr zu nehmen.
  6. Was soll ich sagen, meine Welt ist recht schemenhaft, fast schon skizzenhaft, und zeigt sich in einem unklaren, ungekannten Terrain.

Da tröstet es auch nicht, dass die Dozentin uns mit auf den Weg gibt, dass kreativ sein eben auch bedeutet, dass man etwas neu schaffen kann, wenn es einem nicht gefällt. Doch selbst ein farbiger Anstrich würde dem ganzen keine wirklich positive Note verleihen.

Nun fristet das kreative Werk vorerst also sein Dasein als ziemlich traurige Reflexion meines inneren Weltbildes. Vielleicht auch als Mahnung, hin und wieder über den Rand des eigenen Horizontes hinweg zu sehen und die feinen Sandkörner im Getriebe des Lebens nicht zu einem handfesten Motorschaden werden zu lassen. Denn schließlich könnte der Beduine die Leiter auf das Kamel weiter rechts laden und zusammen mit dem Pferd den Sandsturm umgehen. Und was die Kinder betrifft: Ich bin mir sicher, dass gleich rechts, da wo das andere Kamel wartet, eine Oase ist und die Karawane auf ihren Reisen immer wieder vorbeikommt und sich daran erfreut, dass es neben ihnen noch andere Lebewesen gibt, die mit dem bisweilen lebensfeindlichen und wüsten Klima der Welt zurechtkommen.

 

Eure Kerstin

Das Monster

Nein, die Rede ist nicht von Schwiegermüttern, besseren Hälften, dem Nachwuchs oder anderen, gern mit diesem Ausdruck betitelten Menschen der näheren persönlichen Umgebung.

Gemeint ist ganz banal der Keller, der einem Monster nicht unähnlich ist und sich auch in der näheren persönlichen Umgebung befindet. Er treibt sich in einer dunklen Ecke herum, frisst alles, was ihm in die Finger kommt und jedwege Konfrontation mit seinen Abgründen erfüllt einen mit Unbehagen.

Im Feng-Shui symbolisiert der Keller das Unterbewusstsein und die Vergangenheit. Beides Angelegenheiten, die jeder ganz gern auch mal zu vergessen sucht. Aber, der Keller ist auch das Fundament und er hat Einfluss auf unser Leben. Nebeneffekte können u.a. Depression und Behinderung des eigenen Fortschritts sein, wenn denn allzu großes Chaos in den Katakomben herrscht.

Keller und Gerümpel sind für die meisten wie mich zwei nicht voneinander zu trennende Begriffe, also versuche ich dem Ganzen systematisch zu Leibe zu rücken. Was befindet sich eigentlich in meinem Keller und wie viel?

Klassiker sind Sportausrüstung, jahreszeitliche Deko, Schuhe, Jacken, Koffer und Taschen sowie wie eben die Dinge, von denen man schon seit Jahren glaubt, dass sie irgendwann einmal gebraucht werden und von Nutzen sind. Dann gibt es noch die, nennen wir es mal, Andenkenecke. Spielzeug zum Beispiel. Das eigene und/oder das des eigenen Nachwuchses.

Schätzungen zu Folge sind 90% der Dinge, die wir im Keller lagern Gerümpel. Dinge also, die man nicht braucht (der/die alte/n WLAN Router) oder nicht liebt (Klamotten). Es gibt zu viele Dinge auf einem Raum (vom Koffer bis zum Weihnachtsschmuck), die unordentlich und schlecht organisiert sind (Sportausrüstung) und/oder nicht zu Ende gebracht worden sind (Hobbyprojekte).

Im Laufe der letzten drei Monate habe ich mich dahingehend sehr intensiv mit meiner Vergangenheit und meinem Unterbewusstsein beschäftigt und mir dabei immer die Frage gestellt, brauche ich das noch? Will ich das noch länger in meinem Besitz haben?

Auslöser war eine fixe Idee. Nämlich aus zwei Kellern einen machen und den anderen umzufunktionieren. Um den Plan umzusetzen, musste also erst mal aus- und ausgeräumt werden. Und das ging so:

  • 12 Stunden im Keller verbracht
  • 72 Anzeigen geschaltet
  • 5 mal über einen Zwischenhändler verkauft
  • 2 mal an Bekannte verkauft
  • 3 mal an Freunde verschenkt
  • 5 mal an Nachbarn verschenkt (siehe auch „Nachbarschaftshilfe)
  • 2 mal an soziale Einrichtungen gespendet
  • 24 Päckchen gepackt
  • 16 mal zur Post gefahren/gelaufen
  • 11 mal die Tür geöffnet zwecks persönlicher Übergabe
  • 10 mal zum Wertstoffhof gefahren

Und so sieht das Ergebnis nun aus, nachdem aus der Idee eines zweiten Raumes Wirklichkeit geworden ist.

Keller

Das Monster scheint also erst mal gezähmt und das Fundament steht auch einer guten Basis. Und nun ist es an dem Monster der näheren persönlichen Umgebung, etwas draus zu machen. Die Geburtstagsüberraschung ist jedenfalls gelungen. Happy Birthday!

Eure Kerstin