Raus und Machen – ein Annäherungsversuch

Wenn ich mich selbst so sehe, dann würde ich mich als begeisterungsfähig bezeichnen und als jemanden, der schnell mal Feuer und Flamme, manchmal sogar etwas leichtsinnig und naiv ist. Vor allem, wenn es um das Erleben draußen vor der Tür geht. Insofern wundert es mich also nicht wirklich, dass ich das Buch „Raus und machen“ von Christo Förster erst in einem Zug durchgelesen habe und dann sofort loslegen wollte.

Es geht um sogenannte Mikroabenteuer. Die Idee zu einem Vorhaben in ein Erlebnis umsetzen. Direkt vor der Haustüre. Vater des Ganzen, wenn man so will, ist Alastair Humphreys. Und mit der Beschreibung „kurz, einfach, lokal, günstig und trotzdem aufregend, lustig, herausfordernd, erfrischend und bereichernd” gibt es sogar eine Definition von ihm, die von Christo Förster noch um die Spielregeln „nur öffentliche Verkehrsmittel inkl. Bahn (kein Auto, kein Flugzeug), draußen übernachten (ohne Zelt), insgesamt maximal 72 Stunden unterwegs sein, und natürlich alles wieder so verlassen, wie man es vorgefunden hat“ ergänzt wurde.

Die Idee des Draußenübernachtens ist jetzt so neu natürlich nicht, aber es einfach mal von jetzt auf gleich im Park/Wald um die Ecke tatsächlich auch zu machen, ohne großes Drumherum, hat mich sogleich in ihren Bann gezogen. So sehr, dass ich es wirklich jetzt und gleich auch machen wollte. Nun ist das als Vollzeiterziehungsberechtigte und –alleinverdienerin nicht etwas, was sich mal eben bewerkstelligen lässt. Aber planen wollte ich auch nicht groß. Das Gesicht des jugendlichen Mitbewohners möchte ich sehen, wenn ich abends um 20 Uhr meine Sachen packe und verkünde, dass ich die Nacht im Wald verbringe. Schließlich hat er mich gerade erst für nicht ganz zurechnungsfähig erklärt, als ich im Waschbecken ein paar Papiere verbrannt habe. „Was stinkt denn hier so?“ Irritierter Blick in die Spüle, in der sich letzte Glutspuren über die Ascheschnipsel ziehen. „Es riecht wie in einer Shisha-Bar“, und bevor ich noch fragen kann, woher er das denn bitte so genau weiß, „Was machst Du da?“ „Ich habe ein paar Papiere verbrannt?“ „Warum?“ „Ich wollte die nicht in den Müll werfen?“ „Ja, aber warum machst Du das?“ „Ich wollte die nicht in den Müll werfen?“ „Wieso?“ …. usw., usw. Die Szene ließe sich wahrscheinlich mehr oder weniger 1:1 auf meine Nacht im Freien übertragen, wobei dann der Teil Was-soll-ich-denn-dann-essen einen größeren Part einnehmen würde. Keine Ahnung, woher die ständige Angst, es könnte nichts zu essen geben, man sogar vielleicht verhungern, herkommt. Muss irgendein Kindheitstrauma sein. Rabenmutter. Genau, und deswegen ist das mit dem Übernachten im Park/Wald etwas, was geplant sein will, ich aber nicht möchte. Nicht spontan genug. Einfach weil einem gerade danach ist. Nun bin ich es, die das Kleinkind raushängen lässt und mit einer ich-will-aber-Haltung sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen lassen will.

Was bleibt? Der Garten, beziehungsweise die Terrasse. Und in Ermangelung einer Hängematte muss kurzerhand die Outdoorcouch herhalten. Gesagt, getan. Schlafsack aus dem Keller geholt und los. Raus und machen. Kurz nach Dämmerung liege ich also verpackt und eingemummelt draußen und blicke in den Himmel. Schön, man kann sogar ein paar Sterne sehen. Trotz Straßenlaterne und allen anderen Lichtquellen. Also gut, Augen zu und schlafen. Nur mit den Ohren funktioniert das nicht. Die lassen sich nämlich nicht ausschalten. Im Gegenteil, sie lauschen angestrengt, ob sich Plagegeister in meine Richtung bewegen oder die Gartenbwohner vielleicht die Chance nutzen und durch die offene Terrassentür, die sich leider von außen nicht zuziehen lässt, in die warme Stube nebst Vorratskammer flüchten. Daneben dringen allerlei menschliche Alltagsgeräusche zu mir durch, so dass ich immer wieder aufschrecke. Im Laufe der frühen Nacht merke ich dann, dass ich es mit dem Verpacken und Einmummeln etwas übertrieben habe. Mir ist brütend heiß. Nach knappen vier Stunden gebe ich auf und krieche in mein Bett. Am nächsten Tag bin ich völlig gerädert.

Aber die Idee nagt noch immer an mir. So leicht gebe ich nicht auf. Neuer Versuch, neues Glück. Diesmal ist es deutlich kälter und ich etwas wagemutiger, denn mit sinkenden Temperaturen verschwinden auch die Plagegeister. Nur das mit der Tür wird dafür kritischer, da es nun drinnen um einiges wärmer als draußen ist und auch die Kälte ungehindert Einzug halten kann. Nun ja, dafür muss ich mir für die Zukunft etwas überlegen, wenn ich zum Draußenschläferjunkie mutieren sollte.

Dunkel ist es, die Sterne leuchten und die Geräuschkulisse blende ich einfach aus. Einatmen. Ausatmen. Schön ist es. Und erst um vier Uhr, als das erste Auto in der Nachbarschaft gestartet wird, treibt es mich dann doch ins Bett. Nach all der frischen, kühlen Luft erscheint es drinnen fast unerträglich heiß und ich brauche eine Weile, bevor ich wieder zur Ruhe komme. Dass ich auch diesmal ziemlich derangiert durch den folgenden Tag stolpere, ist eigentlich egal. Und dass es nicht so ganz dem Prinzip „raus und machen“ entsprach auch. Aber ich habe es gemacht. Im Rahmen meiner Möglichkeiten.

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Und dann entdecke ich durch Zufall ein paar Tage später, dass der Autor selbst demnächst (wieder) eine Vortragsreihe bei meinem Lieblingsausrüster veranstaltet. Super, das verbinde ich einfach mit dem Erwerb einer Hängematte.

Sehnsucht nach Heimat

Der 15. August ist Mariä Himmelfahrt. Das Kloster Beuerberg veranstaltet dazu im Rahmen seiner diesjährigen Feierlichkeiten zum Thema „Heimat. Gesucht. Geliebt, Verloren.“ einen Tag der Sehnsucht. Es geht um Heimweh, Reisen und die Fremde. Aber eben auch um das Heimkommen. Da wäre ich gern hingegangen. Nein, nicht aufgrund einer religiösen Gesinnung, sondern mehr wegen der Sehnsucht. Der Sehnsucht nach dem, was ist und dem, was sein könnte.

img_0833Stattdessen urlaube ich in einem Land, das zwar kulturell und landschaftlich mehr als genug zu bieten hat, dafür aber den Menschen sämtliche Rechte aberkennt und den Freiheitsgeist eher mit Verboten und Drohungen erstickt. Insofern fühle ich mich weder so richtig willkommen, noch akzeptiert. Da ist es schwer, der Sehnsucht Einhalt zu gebieten, wo man doch eigentlich so gern das Fremde erkunden, sich durch Stadt und Land treiben lassen und die Menschen kennen lernen möchte. Die Heimat der anderen als eine Möglichkeit zu leben. Auch das ein Ziel, wenn es einen in die ferne Fremde zieht.

Das Ganze ist eine Kompromisslösung für alle Beteiligten und irgendwie fühlt es sich auch so an. Die überschwängliche Freude am Reisen mag sich nicht einstellen. Gefeiert wird trotzdem. Nicht feierlich, sondern im Übermaß. Das Urlaubsdomizil lebt davon, dass alles im Überfluss und darüber hinaus vorhanden ist, so dass man gar nicht erst den Blick und die Gedanken schweifen lassen kann, auch um sich selbst in Frage zu stellen. Das Ego ist das Maß aller Dinge und rafft maß- und gewissenlos alles an sich und in sich hinein. All die Nationen vereint, so scheint es, nur das stete, unablässige Vergnügen und die Sucht danach. Brot und Spiele der Neuzeit. Fast erscheint es wie eine Flucht aus dem eigenen Leben. Fern der Heimat, während man der Heimat des Gastlandes so wenig Respekt zollt.

Wenn ich mir jetzt den Feiertag so anschaue, dann wird ja auch immer gern von der Heimfahrt, dem nach Hause kommen gesprochen. Das Leben auf der Erde also nur eine Wartehalle? Ein Zwischenstopp, den man einlegt, auf der Suche nach dem Ort, der einem das Gefühl des Angekommenseins gibt? Durchaus stellt sich aber auch die Frage, ob diese Himmelsreisen und am Ende vielleicht sogar jede Reise der Sehnsucht nach Heimat geschuldet sind. Oder eher dem Fernweh. Vielleicht ist es ja aber auch so, dass einem die Heimat (hin und wieder) nicht das erfüllt, was der Begriff impliziert, weil sie einen einengt, einschränkt, nicht liebt. Dann käme es eher eine Flucht gleich.

So reist die Sehnsucht immerzu mit, egal ob man nur einen Fuß vor die Tür setzt oder sich ganze Kontingente und Zeitzonen von dieser entfernt. Was also ist Heimat?

auf halber Strecke – Episode 7

PendelzugNeulich auf halber Strecke, Wochenanfang und wieder pendelt die Arbeitswelt vom Wochenende in den Alltag der Arbeitswoche

Mir gegenüber sitzen zwei Männer, so zwischen Mitte vierzig und fünfzig und der eine eher so Typ Beamter mit Bauch und leicht fahlem Gesicht, der andere eher so ein verkappter 68er, ziemlich leger bis nachlässig gekleidet, eben irgendwie in der Gesellschaft angekommen.

Beide hatte ich letzte Woche schon mal von weiter weg überhört, wie sie sich unentwegt unterhalten haben und mir da schon gedacht, dass ich die beiden unbedingt einmal „näher kennenlernen“ muss.

„Freitag ist wieder der Würger in Eichenau eingestiegen.“ Oh, ja, den habe ich auch gehört. Hörte sich wirklich nicht gesund an und ein paar Leute haben da auch die Hälse gereckt. Mir allerdings ist er zum ersten Mal aufgefallen.

„Der röchelt immer so“, meint der Mittelstandshippie und die Geräusche, welche er dann aus seiner Kehle produziert, erinnern gleichzeitig an Darth Vader und etwas schwer Verdauliches. Der Kollege ist anscheinend ziemlich hart im Nehmen und döst mit geschlossenen Augen. Schläft der etwa?

„Keine Ahnung, ob das eine Erkältung ist, aber muss man es denn dann so ausleben?“ Der Kollege grummelt, was sich durchaus als Zustimmung deuten ließe. “Wenn jeder sich so ausleben würde und hier husten, rülpsen und furzen.“ Ich muss an den Film, oder war es eine von diesen Shows, vom Wochenende denken, in dem der Held/Kandidat bei einer etwas von der gesellschaftlichen Mitte entfernten Familie auf einer Farm war und ein rohes Ei mit selbstgebranntem Sprit zur Begrüßung trinken musste. Das hörte sich ähnlich an und mir war kurzzeitig regelrecht übel. Sofort kommt das leicht flaue Gefühl in der Magengegend auch jetzt wieder zurück.

Verzweifelt bete ich ein Mantra: Weißes Pferd auf grüner Wiese, weißes Pferd auf grüner Wiese. Als das nicht hilft, greife ich panisch nach meinem Handy und suche hektisch nach der Playlist zum Runterkommen. Alles ist besser als weiterhin dieses Kopfkino in Farbe.

Während John Denver “Some days are diamonds, some days are stones. Sometimes the hard times won’t leave me alone” singt, hoffe ich inständig, dass ihm diese Zeilen weder nach dem Genuss von Hochprozentigem mit Einlage noch aufgrund einschlägiger Pendelerfahrung eingefallen ist, sondern wirklich nur einer seiner melancholischen Songtexte ist.

Klar war der Platz bei den beiden noch frei, denke ich. Und ab sofort steige ich in den Waggon jedenfalls nicht mehr ein. Und vielleicht verkaufe ich auch den Fernseher.

Genug für heute. Die Türen schließen. Und ich bin wie immer mittendrin und voll dabei.

 

auf halber Strecke – Episode 6

PendelzugNeulich auf halber Strecke, also im Grunde weit davor, denn bevor es überhaupt erst so richtig losgeht, ist es im Leben eines Pendlers erst einmal von großer Bedeutung zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

„Meine“ Heimathaltestelle wird umgebaut. Barrierefreier Bahnhof. Das fing mit Demontagearbeiten an. Erst die Anzeigentafel. Stimmt ja auch meist eh nicht, wenn denn überhaupt etwas angezeigt wird. Dann die Uhr. Braucht es auch irgendwie nicht, die Bahn fährt, wenn sie da ist. Dann das Dach. Richtig, es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Nun teilt ein Baugerüst den Bahnsteig, so dass man sich für eine Seite entscheiden muss, von der man annimmt, dass die Bahn dort hält. Na ja, wir alle kennen ja Murphy’s Gesetz.

„Bavaria’s next Top Bahnhof“ steht auf dem Informationsplakat. Die Bahn fährt trotzdem. Manchmal sogar pünktlich. Und manchmal eben nicht. Heute eher nicht. Menschenmassen quetschen sich auf die Seite des Bahnsteiges, von der irgendwann jemand beschlossen hat, dass es die ist, auf der die Bahn heute anhält und dies nun durch die Mehrheit eine entsprechende Gewichtung erfährt. Die Gefahr, ins Gleisbett zu fallen, steigt proportional mit der Anzahl der Wartenden plus Zeit.

Irgendwann erfolgt eine Durchsage. Nur eben nicht auf dem Bahnsteig, auf dem sich alle tummeln, sondern an dem Gleis, welches schon seit Wochen gar nicht mehr in Betrieb ist. Hören tut man nichts. Der Baulärm unterbindet jeden Versuch, die ohnehin qualitätiv schlechten Durchsagen auch nur ansatzweise zu verstehen.

Das verlassene Gleis, das mit dem funktionieren Lautsprecher, durfte komischerweise auch seine Uhr behalten. Allerdings ohne Funktion, die Zeiger stehen still, was ja dann auch irgendwie sinnlos ist. Die Anzeigentafel hängt auch noch. Sogar mit Anzeige: 524 Minuten bis zur nächsten Abfahrt steht da. Ich hoffe mal ganz stark, dass das so eine Art Feierabendanzeige für die Bauarbeiter ist und keinerlei Relevanz zum Fahrplan hat.

Da fällt es einem schwer, nicht in den Tenor, ich habe heute leider kein Foto für Dich, einzustimmen. Nun ja, laut Plakat hat der Bahnhof auch noch bis Mitte 2020 Zeit, sich in ein Topmodell zu verwandeln.

Wenn der Tag schon so anfängt, dann sind wir alle wieder mittendrin und voll dabei.

auf halber Strecke – Episode 5

PendelzugIm Büro sind mal wieder Überstunden angefallen, so dass ich erst zu später Stunde die Bahn nach Hause erwische, was irgendwie auch ein kleines Glück ist, denn dann darf ich mich über einen Sitzplatz freuen. Sozusagen die Entschädigung für die späte Stunde. Und die erste halbe Strecke habe ich ja auch schon hinter mir.

Das junge Pärchen mir gegenüber fällt weder in die Kategorie Schreibtischtäter noch Bürohengst. Die sehen eher nach Party aus. Er mit schwarzer, gesteppter Lederjacke, klamotten- und frisurtechnisch eher in Richtung Punk gehend. Und irgendwie auch eventuell mit Migrationshintergrund mit diesem typisch südländischen Hautton, den dunkeln Haaren und ebensolchen Augen. Vollbart. Sie eher ein Schneewittchen, blass und mit schwarzen, langen Haaren, die mit einem Kopftuch zusammenhalten werden. Schwarze Fingernägel, filigranes Halsband und tiefes Dekolleté, welches den Spitzen-BH hervorblitzen lässt. Die Zukunft unserer Gesellschaft. Nicht repräsentativ, aber doch ein Teil davon.

Belanglosigkeiten werden ausgetauscht. Dann wird die weitere Abendgestaltung zum Mittelpunkt des Gespräches. Anscheinend steigt irgendwo noch eine Party. „Fahren wir mit dem Auto?“ „Nein, jetzt, wo wir das Tagesticket haben, sollten wir es auch nutzen.“ Ups, das kam jetzt irgendwie unerwartet. Vorsicht Vorurteil, kann ich da nur sagen.

„Ich habe meiner Mutter jetzt vorgeschlagen, dass wir den Müll trennen“, wechselt sie plötzlich das Thema. Eventuell habe ich auch den Anschluss verpasst, als ich noch damit beschäftigt war, das äußere Erscheinungsbild mit der vorherigen Aussage in Einklang zu bringen. „Und weißt Du, was sie mir geantwortet hat? ‚Aber dann fährst Du zum Werkstoffhof.‘“ Er: „Ganz ehrlich, Deine Mutter hat noch nicht begriffen, dass es um Nachhaltigkeit geht.“ Wow, ich bin sprachlos. Fridays for Future für die Generation Ü20.

Mittendrin und voll dabei. Wie immer.

 

auf halber Strecke – Episode 4

PendelzugNeulich auf halber Strecke, da treffe ich einen ehemaligen Klassenkameraden. Er selbst ist erst seit diesem Tag Pendler, hat eine neue Stelle in der Innenstadt. „Willkommen im Club“, beglückwünsche ich ihn, wobei mein Unterton sicherlich verrät, dass es sich beim Club der Pendler eher um einen Verein leidgeprüfter Steuerzahler der Mittelklasse, die das Rückgrat unseres Sozialstaates bildet und diesen am Laufen hält, handelt.

Eine Weile reden wir über die Vorzüge und Nachteile des öffentlichen Nahverkehrs. „Ja, da wo ich einsteige kriege ich selten noch einen Sitzplatz. Ist aber nicht so tragisch. Nach all der Zeit, die man sitzend am Schreibtisch verbringt.“ So, als ehemalige Klassenkameraden schleppt sich die Unterhaltung, ähnlich stockend der Zugfahrt zur Hauptberufszeit, dahin. Vor gefühlten Ewigkeiten waren wir so gesehen ja schon einmal Leidensgenossen, pubertierend und im jugendlich-aufbegehrenden Geiste vereint gegen das Spießertum der Elterngeneration und den unfähigen, in ihren Lehrmethoden eingefahrenden Lehrern. Jetzt, dreißig Jahre später, hat uns die Gesellschaft geformt, geprägt und auf unsere Plätze verwiesen. Und doch ist ein Funke des Aufbegehrens geblieben: „Wir wohnen jetzt da, wo es uns gefällt und nicht da, wo die Arbeit ist. Lieber pendele ich.“ Ja, das klingt gut. Ich hatte auch mal einen Freund, der diese Einstellung vertreten hat. Das Ende war, dass er wirklich traumhaft gewohnt hat, aber von Arbeit weit und breit keine Rede war. Irgendwann muss er dann umgezogen sein, dahin, wo Arbeit ist.

„Was machen die Kinder?“, will ich wissen, um die drohende Stille trotz übervoller S-Bahn abzuwenden. „Ich komme gerade von der Tochter. Die wohnt in der Innenstadt.“ Ah, da wo die Arbeit ist. Junge Leute sehen das anders. So war ich auch mal. Nun „zwinge“ ich den Nachwuchs, in einem Vorort der Großstadt zu leben. So lange, bis auch er sich in Richtung eigenständigem Leben in Richtung Lichterglanz und Nachtleben davon machen wird. „Der Sohn ist gerade auf Weltreise. Findungsphase, bis er weiß, was er machen will.“ Beide Kinder aus dem Haus. Schön, denke ich. Ein Leben so ganz ohne Erziehungspflichten.

„Warst Du eigentlich auf dem Klassentreffen im Sommer?“ Ich stocke. Er erinnert sich tatsächlich nicht an mich. Nicht wirklich. Ein nichtssagendes Gesicht in der Menge der Ehemaligen. „Doch, doch, ich war da“, und bin fast versucht hinzufügen, dass ich die auf dem obligatorischen Foto war, deren halbe Brust aus der Bluse fällt. Vielleicht erhöht das meinen Wiedererkennung- und Wiedererinnerungswert beim nächsten Mal. Sei es auf dem Klassentreffen oder im Zug. Und gleichzeitig hoffe ich, dass der ehemalige Klassenkamerad zukünftig zu anderen Zeiten pendelt. Wobei ich auch die Hoffnung hege, dass ich vielleicht einmal dort wohne und arbeite, wo es mir gefällt. Dann könnte ich sagen, ich lebe.

Genug für heute. Die Türen schließen. Und ich bin wie immer mittendrin und voll dabei.

 

Das Leben geht weiter

Das schwarze Kleid hängt anklagend auf dem Kleiderbügel. Ein Kauf, der nicht dem Leben, sondern dem Tod geschuldet ist. Der Mann an meiner Seite rät mir zu hellen Strümpfen, schließlich sei ich nicht die Witwe. Wenn ich die Witwe wäre, dann würde ich schwarze Netzstrümpfe und einen Hut mit passendem Schleier tragen, ist meine Antwort. Nein, ich bin nicht die Witwe, meine Rolle ist die der Respektzollenden. Vor 35 gemeinsamen Jahren und 62 Lebensjahren. Von allem reichlich, aber bei weitem nicht genug.

Die Kirche ist voll, nicht alle finden Platz. Angehörige, Freunde, Kollegen, Nachbarn, Bekannte und all jene Schaulustige, welche die trauernde Witwe sehen wollen, das Unglück der anderen als eigenen Triumph auskosten und denen der Schmerz auf eine niederträchtige Weise Freude bereitet. Ich ziehe meinen Begleiter in die letzte Reihe und versuche, die Fluchtgedanken zu unterdrücken. Alles fühlt sich irgendwie falsch an.

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Ich für mich möchte bitte, wenn es denn irgendwann so weit sein sollte, einfach im Wald verscharrt werden. Dieses ganze Spektakel will ich nicht und eigentlich kann ich mir auch nicht vorstellen, dass es hilft. Niemandem. Abschied nehmen hat für mich eine andere Form. Das ist ein Moment, der nur zwischen zwei Menschen stattfindet und nicht dieser Bühne bedarf.

Die Trauerrednerin spricht davon, dass der Verstorbene der Mittelpunkt der Familie war, der Fixstern, derjenige, der alle zusammengehalten hat. Nein, meine liebe Freundin, dieser Part ist eindeutig Deiner. Ohne Dich wäre diese Familie nicht das, was sie ist. Du bist der Stern, der leuchtet. Dein Mann mag der Fixpunkt gewesen sein, aber Du hast das Universum erhellt.

Umso herzzerreißender ist es nun, mit ansehen zu müssen, in welcher Dunkelheit Du lebst, wobei dieses Leben nicht viel mehr ein Sein ist. Jeder Tag eine Qual, jede Minute eine weitere, in der Du so ganz allmählich und vollumfänglich die Tragweite erahnst und was Verlust wirklich bedeutet.

Derjenige, der geht, muss einfach nur sterben. Alle, die zurückbleiben, müssen damit leben.

Das Leben geht weiter. Ohne Rücksicht.