Sieben auf einen Streich – „Der englische Patient“ von Michael Ondaatje

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Wer „Der englische Patient“ gelesen hat, wird mir beipflichten: Es ist eine wirklich verworrene Story. Unzählige Handlungsstränge verknüpfen sich, die Erzählperspektive ändert sich und hin und wieder steigt man nicht dahinter, was in der Geschichte gerade passiert. Aber eines ist sicher: Die Liebe zur Wüste kommt durch und hält einen in ihrem Bann.

Wie und warum ich zu dem Buch gekommen bin, kann ich nicht mehr sagen, aber gelesen habe ich es vor Erscheinen des gleichnamigen, oscarprämierten Filmes. Und ich weiß noch, dass ich damals hauptsächlich genau deswegen, ganz entgegen meiner Überzeugung, entweder Buch oder Film, in den Film gegangen bin, weil ich mich gefragt habe, wie man aus solch einer Vorlage überhaupt einen Film machen kann. Was soll ich sagen? Das Ergebnis war überwältigend. Der Nachteil ist allerdings, dass nun die Filmbilder die Lektüre überlagern und ich immer nach „anderen“ Geschichte suche.

Und schon allein deshalb gehört es eigentlich zu meinen Grundsätzen, dass ich mich immer nur für eine Variante entscheide: Lektüre oder Film. Bei den wenigen Ausnahmen, die ich im Laufe der Jahre gemacht habe, wurde ich prompt enttäuscht. Vom Film wohlgemerkt. Aber, „Der englische Patient“ war anders. Überwältigend. So sehr, dass ich immer mal wieder von einer Wüstensafari träume.

Und sogar so sehr, dass ich im Nachgang das Buch „Schwimmer in der Wüste“ von Ladislaus E. Almásy, der die Vorlage für den englischen Patienten verkörpern soll, gelesen habe.

„In Tassili habe ich Felszeichnungen aus einer Zeit gesehen, als die Saharabewohner in Binsenbooten Jagd auf Walrösser machten. Im Wadi Sura sah ich Höhlen, deren Wände mit Zeichnungen von Schwimmern bedeckt waren. Hier war einst ein See gewesen. […] Immer noch findet man Harpunen in der Wüste. Es war ein Wasservolk. Selbst heute gleichen Karawanen Flüssen.“

Und, ähnlich bewegen sich auch die Protagonisten in „Der englische Patient“, Gestrandete des Krieges in einer mediterranen Villenruine, Zeitzeugen längst vergangener Epochen. Wie Schwimmer in der Wüste. Eine Oase inmitten der Wüste.

 

Also dann, bis morgen.

 

 

 

Sieben auf einen Streich – „Mond über Manhattan“ von Paul Auster

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Von Paul Auster habe ich erstmals im Radio gehört, das muss so Anfang der 1990er gewesen sein. Es war dabei die Rede von Zufällen, die das Leben schreibt, schicksalhaften Verbindungen und den absurden, phantastischen Momenten. Meine Leidenschaft für derartige Literatur war zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich ausgeprägt und in der Folge stürzte ich mich auf seine Werke. Der erste Roman, den ich in die Finger bekam, war „Musik des Zufalls“ und ist durchaus bezeichnend für seinen Stil. Der Held ist meist eher in sich zerrissen, aber nicht erstarrt. Er durchlebt ganz reale Abgründe, auch und vor allem die eigenen. Und nicht zuletzt befindet er sich in der einen oder anderen Art immer auf Reisen, was oft auch mit tatsächlich physischen Ortswechseln einhergeht. Der Weg der Selbstfindung in allen Variationen.

Noch heute zählt Paul Auster zu meinen Lieblingsautoren und als sein letztes Buch „4 3 2 1“ erschien, konnte ich einfach nicht auf die Taschenbuchausgabe warten, ja noch nicht einmal auf die deutsche Ausgabe. Und auch darin geht es um die Zufälle, die den Lebensweg so oder so bestimmen und beeinflussen und die Frage, was wäre, wenn. Kopfkino auf hohem literarischem Niveau.

Wenn ich nun eines seiner Bücher herausgreifen soll, dann fällt meine Wahl auf „Mond über Manhattan“. Der Held, Marco Stanley Fogg, verliert im Laufe der Geschichte jeglichen Halt und sieht in allem Zeichen schicksalhafter Verstrickungen, die ihn immer weiter abdriften lassen und schließlich zu sich selbst und seiner eigenen Geschichte führen. Dabei er- und durchlebt er Unmengen bizarrer Situationen, immer im Zeichen des Mondes: „‘Sie sind ein Träumer, Junge‘, sagte er. ‘Sie weilen mit Ihren Gedanken auf dem Mond, und daran wird sich, wie es aussieht, auch nichts ändern. Sie haben keinen Ehrgeiz, Geld ist Ihnen völlig unwichtig, und Sie sind viel zu sehr Philosoph, um ein Gefühl für Kunst zu haben. Was soll ich nur mit Ihnen machen? […]‘ ‘Vorigen Winter habe ich mich […] um einen Studienplatz für Bibliothekswissenschaften beworben […]‘ ‘Als Bibliothekar kann ich Sie mir nur schwer vorstellen, Fogg.‘ ‘Es ist abwegig, das gebe ich zu, aber ich denke, ich könnte mich dafür eignen. Bibliotheken befinden sich schließlich außerhalb der realen Welt. Es sind abschieden Orte, Zufluchtsstätten des reinen Denkens. Auf diese Weise kann ich den Rest meines Lebens auf dem Mond weiterleben.‘“

Das Subtile ist bei Paul Auster Programm und trotz der oftmals schier unwahrscheinlichen Zusammenhänge bleibt immer auch das Gefühl von das-hätte-mir-auch-passieren-können.

Also dann, bis morgen.

 

Sieben auf einen Streich – „Momo“ von Michael Ende

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Als ich in der fünften oder sechsten Klasse war, musste jeder sein Lieblingsbuch vorstellen und meine Klassenkameradin Maren hatte damals „Momo“ von Michael Ende dabei. Maren war keine meiner Freundinnen und irgendwie anders: Sie hatte leicht rote Haare, unzählige Sommersprossen in einem runden Mondgesicht und eine verkrüppelte Hand, eigentliche eher einen verkrüppelten kleinen Finger, der nur aus einem Glied bestand. Es erschreckt mich, dass ich nicht mehr sagen kann, an welcher Hand und auch, dass ich bis heute keine Ahnung habe, ob die Missbildung Folge eines Unfalls oder angeboren war.

Jedenfalls, irgendwie passte das Buch. Es war ebenfalls anders. Anders als alle Bücher, die ich bis dahin kannte und anders als alle anderen Buchvorstellungen. Zumindest kann ich heute weder das von mir präsentierte Buch noch eines meiner anderen Mitschüler noch nennen. Aber „Momo“ blieb. Es war eines der ersten Bücher, welches ich förmlich verschlungen habe. Und in der Folge war kein Werk von Michael Ende vor mir sicher. So gesehen, war dies der Grundstein meiner Leseliebe für phantastische Literatur.

Ja, meine Leidenschaft für den Autor ging sogar so weit, dass ich ihn zum Thema meiner Abiturfacharbeit, für die ich ein „gut“ erhielt und die dann im Schillerarchiv in Marbach archiviert wurde, gemacht habe. Den Briefwechsel zwischen Michael Ende und mir von damals besitze ich noch immer. Ebenso alle seine Veröffentlichungen.

Nun, „Momo“ dürfte so ungefähr jedem bekannt sein, weswegen ich hier auf eine Inhaltsangabe verzichte. Aber es ist zutiefst erschreckend, wie aktuell das Thema ist: „Man hat eines Tages keine Lust mehr, irgend etwas zu tun. Nichts interessiert einen, man ödet sich. Aber diese Unlust verschwindet nicht wieder, sondern sie bleibt und nimmt langsam immer mehr zu. […] Man fühlt sich immer mißmutiger, immer leerer im Inneren, immer unzufriedener mit sich und der Welt. […] Man wird sich ganz gleichgültig und grau, die ganze Welt kommt einem fremd vor und einen nichts mehr an. Es gibt keinen Zorn mehr und keine Begeisterung, man kann sich nicht mehr freuen und nicht mehr trauern, man verlernt das Lachen und das Weinen. Dann ist es kalt geworden in einem und man kann nichts und niemanden mehr lieb haben […] Man hastet mit leerem, grauen Gesicht umher…“

Ich frage mich, wie Michael Ende sich wohl geäußert hätte, wenn er sehen könnte, dass die Ausmaße noch viel gravierender sind als er diese vor bald fünfzig Jahren beschrieben hat. So gesehen, ist es beinahe eher ein Buch für Erwachsene, die Kinder von damals. Sicherlich hat niemand den Wunsch, in dieser von ihm dargestellten, kindlichen Idylle zu eben, zumindest im Ansatz aber den Wunsch nach einem frei bestimmten Leben, in dem das Wichtigste das Menschsein ist.  „Momo“ lässt Raum für Hoffnung, mein absoluter Favorit.

Ja, richtig gelesen: Und auch wenn Nominierungen normalerweise rückwärts vonstattengehen, so musste ich in dem Fall einfach mit Platz eins anfangen. Zum einen, da ich die Bücher in der Lesereihenfolge auflisten wollte und zum anderen, da sich für mich auf „Momo“ irgendwie alles aufbaut. Also dann, bis morgen.

Sieben auf einen Streich – Die Herausforderung

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Vor einiger Zeit wurde ich nominiert. Im Grunde ist es aber schon deutlich mehr als einige Zeit her. Meine Freundin und Mitbuchgesellschafterin Ines war bei der Bücherhallenge „Sieben Lieblingsbücher in sieben Tagen“ dabei und hat dann den Staffelstab an mich übergeben. Nun möchte man meinen, dass es kein allzu großes Problem sein sollte, die eigenen Lieblingsbücher auszuwählen, besonders wenn man zur Gattung der Leseratten gehört.

Aber genau da liegt die Krux begraben, denn plötzlich wurde der Stapel der Favoriten immer größer. Nahezu überlebensgroß. Die Auswahl der glorreichen Sieben schien ein echtes Hindernis zu sein. Warum sieben? Warum nicht drei? Oder zehn? Die Entscheidung wurde mit Woche zu Woche schwerer.

Das Gute daran war, dass ich unzählige Werke, nach zum Teil langer Zeit, wieder einmal gelesen habe. Ich glaube, der zwischenzeitliche Rekord lag bei drei Büchern pro Woche. Der Nachteil: Oftmals war ich enttäuscht und überrascht, da ich das eine oder andere Werk weitaus besser in Erinnerung hatte. Wie sich Geschmäcker doch verändern und das Gedächtnis die eigene Erinnerung manipuliert.

Schließlich mein Versuch, diverse Kriterien einzubauen: Verschiedene Jahre (Erscheinung/Lesen), unterschiedliche Genre, in Verbindung mit bestimmten Ereignissen. Das Ergebnis war eher unbefriedigend.

Irgendwann war die Auswahl eingegrenzt und ich musste feststellen, dass ich doch im Grunde ein ziemlicher Mitläufer bin, wenn es um Lieblingsbücher geht. Irgendwie unterscheide ich mich da gar nicht so sehr von der breiten Masse. Und noch eine Erkenntnis: Klassiker sind nicht umsonst zu diesen geworden.

Danke, liebe Ines, für diese wirklich nicht leichte Aufgabe, welche ich nun nach sieben Monaten endlich zu Papier bringe.

Vorhang auf für meine Sieben. Und alle auf einen Streich.

 

 

auf halber Strecke – Episode 3

PendelzugNeulich auf halber Strecke, der offizielle Frühlingsanfang ist schon ein paar Tage her, aber draußen wütet ein Schneesturm allererster Güte, während die S-Bahn mich in Richtung Innenstadt bringt.

In meiner Nähe sitzen ein Mann und eine Frau, ganz offensichtlich Bekannte, vielleicht auch nur Pendelkollegen, zumindest aber soweit miteinander bekannt, dass sie sich über ihre Urlaubspläne austauschen. Beim Blick nach draußen eigentlich keine schlechte Idee.

Es geht um ein Ziel in Griechenland, eventuell auch Kroatien und um die An- beziehungsweise Abreise. Elendige Kilometer bei sommerlichen Temperaturen kommen mir in den Sinn. Und doch sehe ich gleichzeitig das azurblaue Wasser, welches sich in der seichten Brise kräuselt. Vor meinen Augen bleiche Felsen und bunte Boote, die auf den Wellen schaukeln. Mediterrane Bauten, die in friedlicher Ruhe in der Sonne liegen. Warme Luft streicht über die Landschaft. Herrlich.

Die Gedanken an den Sommer tun gut. Dieser Winter scheint so gar nicht dem Frühling Platz machen zu wollen. Und das so kurz vor Ostern. Ostern? Oh, da steht ja bei mir selbst ein kurzes Intermezzo an. Lediglich das Ziel ist noch undefiniert. Dabei hatten der Mann an meiner Seite und ich schon diverse Ideen, in vorderster Reihe ein klassischer Städtetrip. Hamburg und Berlin standen schon zur Diskussion. In Barcelona waren wir sogar schon virtuell per Mausklick, die Realität allerdings bleibt wohl vorerst aufgrund der Budgetvorgaben verwehrt. Eigentlich schade. Wohin also nun?

Und so sitze ich hier, lausche den ganz praktischen Urlaubstipps derjenigen, die schon feste Ziele haben. Bei den dabei immer wieder auftauchenden Punkten in Bezug auf Strategien zur Vermeidung von Staus und anderen Engstellen, komme ich zu dem Schluss, dass eigentlich eine Bahnreise nicht schlecht wäre. Trotz meiner getrübten Sicht als Pendler auf die Fähigkeiten der Deutschen Bahn, trotz der immer wieder arg strapazierten Nerven als Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs. Beim Bahnfahren reisen die Gedanken mit, begegnen der vor den Fenstern vorbeiziehenden Landschaft.

Herrje, meine Haltestelle. Fast hätte ich bei so viel Tagträumerei meine Ausstiegstelle verpasst. Genug für heute. Die Türen schließen. Und ich bin wie immer mittendrin und voll dabei.

Und dann plötzlich sehe ich es vor mir: Prag, da will ich hin! Jetzt gilt es nur noch, den passionierten Autofahrer und Liebsten davon zu überzeugen. Und vielleicht sitzen auch wir dann im Zug und schwärmen von Sehenswürdigkeiten und Spezialitäten der Ferne und anders als meine beiden Mit-Pendler, von der entspannten An- und Abreise.

auf halber Strecke – Episode 2

PendelzugNeulich auf halber Strecke, ich mache mich gerade bereit zum Aussteigen, dränge mich durch die Menschenmassen in Richtung Tür.

Hinter mir höre ich, wie sie sich bei ihm erkundigt, wie das Wochenende so war. Aha, zwei Kollegen. Oder vielleicht auch nur gemeinsame Bahnfahrer, die dann getrennter Wege gehen. Oder sogar Bekannte/Freunde, die sich zufällig im morgendlichen Pendelverkehr getroffen haben.

„Wir waren zu Besuch bei meinem Cousin“, antwortet er. Verwandtschaftsbesuch, das kann im Grunde alles bedeuten. „Der wohnt in Königsbrunn“, fährt er fort. Oh, cool, denke ich. Da gab es früher eine Therme, eigentlich eher sowas wie ein Erlebnisbad. Meine Jungendclique und ich sind da hin und wieder gewesen. Ich glaube, ich war dann nochmal mit meinem Jungendfreund. Lang, lang ist es her. Eigentlich sollte ich wirklich mal wieder zum Schwimmen oder in die Sauna gehen. Wobei Schwimmen besser nur bei über 30° Außentemperatur und mindestens 24° warmen Wasser. Also eher so ein bisschen Whirlpoolplantschen vielleicht.

Die Bahn hält, die Türen öffnen sich, ich vernehme noch wie er sagt: „Und ach…“, und dann eine Pause macht. Ich stutze. Was dieses ‚Ach‘ wohl alles impliziert? Komplizierte Familiengeschichten, zerrüttete Verhältnisse, unerfüllte Liebe, Eifersucht, Streit in allen Nuancen, Mitleid, unglückliche Umstände, Neid, Intrigen, Konkurrenzdenken, Machenschaften, Missgunst, Verachtung, Ungerechtigkeiten, eben die ganze Bandbreite familiärer Tragödien, die Blutsverwandte sich gegenseitig antun und erdulden.

Und ich denke an meine Freundin, die immer sagt: „Unter jedem Dach ein ‚Ach‘.“ Wie recht sie doch hat. Und manchmal reicht ein mit einem Seufzer ausgesprochenes ‚Ach‘, um all das in diesem einen Wort auszudrücken.

Irgendwie hätte ich gern noch das Ende des Gesprächs gehört. Und sei es nur, um den Gedanken an mein eigenes ‚Ach‘ zu entkommen. Doch im Gedränge des montäglichen Menschenstroms, der sich aus der S-Bahn in Richtung der wartenden Schreibtische ergießt, verliere ich den Anschluss und bleibe so für eine weitere Runde im Gedankenkarussell sitzen.

Genug für heute. Die Türen schließen. Und ich bin wie immer mittendrin und voll dabei.

 

auf halber Strecke – Episode 1

PendelzugNeulich auf halber Strecke, über Nacht sind die Temperaturen auf empfindliche Minusgrade gefallen. Die Bahn fährt trotzdem. Sogar pünktlich. Fast. Nur 5 Minuten Verspätung.

Dafür geht die Heizung nicht. Mal wieder nicht, aber das kennt man ja. Im Sommer fällt die Klimaanlage aus, also warum sollte im Winter dann die Heizung funktionieren. Das wäre schon ein Widerspruch in sich. Nun gut, ich bin froh, einen Sitzplatz ergattert zu haben. Denn irgendwie scheint jemand anstatt der sonst üblichen Standardbahn den Kurzzug aus dem Depot geholt zu haben. Schon an der nächsten Station ist es also schon recht beengt. Missmutige Mienen und vereinzeltes Grummeln ist vernehmbar. Ob das an der Verspätung, dem verkürzten Zug oder der nicht heizenden Heizung liegt, lässt sich nicht so genau trennen.

Mir gegenüber sitzt eine Frau und telefoniert. „Ja, ja, die S-Bahn fährt. Na ja, wir fahren so dahin.“ Das stimmt, wir tuckern eigentlich mehr. „Dafür haben sie die Heizung vergessen“, fügt sie hinzu. Auch das stimmt. Alle Passagiere sitzen zusammen gekauert in dieser typischen starren Haltung, die man einnimmt, wenn der Körper versucht, das bisschen Restwärme für alle lebenserhaltenden Organe zu sichern. Jedenfalls komme ich mir so vor. Die Handschuhe habe ich beim Einsteigen unvorsichtigerweise ausgezogen. Inzwischen kann ich die Seiten meines Buches kaum noch umblättern, so steif sind meine Finger. Dafür sehe ich meine Atemwolken.

„Ne, nach draußen kann man nichts sehen, die Fenster sind zugefroren“, setzt die Handynutzerin den Gesprächspartner noch in Kenntnis. Ja, stimmt exakt. Eisblumen kommen mir in den Sinn und ich muss an eine Wohnung, die ich vor Urzeiten einmal bewohnt habe, denken. Die Fenster waren einfach verglast und es gab nur fließend kalt Wasser und in zwei von vier Zimmern einen Kohleofen. Da waren im Winter auch Eisblumen an den Fenstern und es war weiß Gott nicht so romantisch, wie das in vielen Filmen immer rüberkommt.

Nach zwei Stationen ist es nicht wirklich wärmer, aber mittlerweile so gedrängt voll, dass ich von meinem Sitzplatz jeglichen Augenkontakt zu den dicht an dicht stehenden Mitreisenden vermeide, um keine Begehrlichkeiten zu wecken. Wobei, vielleicht habe ich doch die schlechteren Karten, so enger Körperkontakt soll ja bekanntlich dem Erfrierungstod entgegenwirken. Mein Vater pflegte ich in solchen Situationen mir immer recht altklug den Rat zu geben, ich solle mir doch warme Gedanken machen. Ob es wohl drinnen mittlerweile kälter als draußen ist?

Die Frau gegenüber sitzt stumm vor sich hinbrütend da. Ich hege den Verdacht, dass der Akku aufgrund der Kälte den Geist aufgegeben hat. Auf die Raumtemperatur im Gesamten wirkt sich die Menschenmenge jedenfalls auch nach einer halben Stunde Fahrt nicht aus. Die meisten scheinen nur innerlich zu kochen.

Apropos halbe Stunde, da sollte ich eigentlich schon seit einer Minute an meinem Zielbahnhof angekommen sein. Aufgrund der gemächlichen Schleichfahrt heute, fährt die Bahn aber erst mit zwanzig Minuten Verspätung ein. Ob das nun dem Wetter geschuldet ist, oder um die Passiere zu quälen, sei dahingestellt. Ich jedenfalls laufe mit Eisblöcken an den Füßen los, um wenigstens einigermaßen pünktlich am Schreibtisch zu sitzen. So fällt mir dann auch erst bei der Heimfahrt, als ich abends auf dem Bahnsteig warte, auf, dass die Anzeigentafeln, welche seit Monaten nichts oder nur vereinzelte Striche ausgewiesen haben, wieder funktionstüchtig ihren Dienst tun. Tja, man muss bei den Instandhaltungsmaßnahmen eben Prioritäten setzen, überlege ich. Entweder Anzeigentafeln oder Heizung.

Genug für heute. Die Türen schließen. Und ich bin wie immer mittendrin und voll dabei.