Sieben auf einen Streich – „Momo“ von Michael Ende

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Als ich in der fünften oder sechsten Klasse war, musste jeder sein Lieblingsbuch vorstellen und meine Klassenkameradin Maren hatte damals „Momo“ von Michael Ende dabei. Maren war keine meiner Freundinnen und irgendwie anders: Sie hatte leicht rote Haare, unzählige Sommersprossen in einem runden Mondgesicht und eine verkrüppelte Hand, eigentliche eher einen verkrüppelten kleinen Finger, der nur aus einem Glied bestand. Es erschreckt mich, dass ich nicht mehr sagen kann, an welcher Hand und auch, dass ich bis heute keine Ahnung habe, ob die Missbildung Folge eines Unfalls oder angeboren war.

Jedenfalls, irgendwie passte das Buch. Es war ebenfalls anders. Anders als alle Bücher, die ich bis dahin kannte und anders als alle anderen Buchvorstellungen. Zumindest kann ich heute weder das von mir präsentierte Buch noch eines meiner anderen Mitschüler noch nennen. Aber „Momo“ blieb. Es war eines der ersten Bücher, welches ich förmlich verschlungen habe. Und in der Folge war kein Werk von Michael Ende vor mir sicher. So gesehen, war dies der Grundstein meiner Leseliebe für phantastische Literatur.

Ja, meine Leidenschaft für den Autor ging sogar so weit, dass ich ihn zum Thema meiner Abiturfacharbeit, für die ich ein „gut“ erhielt und die dann im Schillerarchiv in Marbach archiviert wurde, gemacht habe. Den Briefwechsel zwischen Michael Ende und mir von damals besitze ich noch immer. Ebenso alle seine Veröffentlichungen.

Nun, „Momo“ dürfte so ungefähr jedem bekannt sein, weswegen ich hier auf eine Inhaltsangabe verzichte. Aber es ist zutiefst erschreckend, wie aktuell das Thema ist: „Man hat eines Tages keine Lust mehr, irgend etwas zu tun. Nichts interessiert einen, man ödet sich. Aber diese Unlust verschwindet nicht wieder, sondern sie bleibt und nimmt langsam immer mehr zu. […] Man fühlt sich immer mißmutiger, immer leerer im Inneren, immer unzufriedener mit sich und der Welt. […] Man wird sich ganz gleichgültig und grau, die ganze Welt kommt einem fremd vor und einen nichts mehr an. Es gibt keinen Zorn mehr und keine Begeisterung, man kann sich nicht mehr freuen und nicht mehr trauern, man verlernt das Lachen und das Weinen. Dann ist es kalt geworden in einem und man kann nichts und niemanden mehr lieb haben […] Man hastet mit leerem, grauen Gesicht umher…“

Ich frage mich, wie Michael Ende sich wohl geäußert hätte, wenn er sehen könnte, dass die Ausmaße noch viel gravierender sind als er diese vor bald fünfzig Jahren beschrieben hat. So gesehen, ist es beinahe eher ein Buch für Erwachsene, die Kinder von damals. Sicherlich hat niemand den Wunsch, in dieser von ihm dargestellten, kindlichen Idylle zu eben, zumindest im Ansatz aber den Wunsch nach einem frei bestimmten Leben, in dem das Wichtigste das Menschsein ist.  „Momo“ lässt Raum für Hoffnung, mein absoluter Favorit.

Ja, richtig gelesen: Und auch wenn Nominierungen normalerweise rückwärts vonstattengehen, so musste ich in dem Fall einfach mit Platz eins anfangen. Zum einen, da ich die Bücher in der Lesereihenfolge auflisten wollte und zum anderen, da sich für mich auf „Momo“ irgendwie alles aufbaut. Also dann, bis morgen.

Sieben auf einen Streich – Die Herausforderung

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Vor einiger Zeit wurde ich nominiert. Im Grunde ist es aber schon deutlich mehr als einige Zeit her. Meine Freundin und Mitbuchgesellschafterin Ines war bei der Bücherhallenge „Sieben Lieblingsbücher in sieben Tagen“ dabei und hat dann den Staffelstab an mich übergeben. Nun möchte man meinen, dass es kein allzu großes Problem sein sollte, die eigenen Lieblingsbücher auszuwählen, besonders wenn man zur Gattung der Leseratten gehört.

Aber genau da liegt die Krux begraben, denn plötzlich wurde der Stapel der Favoriten immer größer. Nahezu überlebensgroß. Die Auswahl der glorreichen Sieben schien ein echtes Hindernis zu sein. Warum sieben? Warum nicht drei? Oder zehn? Die Entscheidung wurde mit Woche zu Woche schwerer.

Das Gute daran war, dass ich unzählige Werke, nach zum Teil langer Zeit, wieder einmal gelesen habe. Ich glaube, der zwischenzeitliche Rekord lag bei drei Büchern pro Woche. Der Nachteil: Oftmals war ich enttäuscht und überrascht, da ich das eine oder andere Werk weitaus besser in Erinnerung hatte. Wie sich Geschmäcker doch verändern und das Gedächtnis die eigene Erinnerung manipuliert.

Schließlich mein Versuch, diverse Kriterien einzubauen: Verschiedene Jahre (Erscheinung/Lesen), unterschiedliche Genre, in Verbindung mit bestimmten Ereignissen. Das Ergebnis war eher unbefriedigend.

Irgendwann war die Auswahl eingegrenzt und ich musste feststellen, dass ich doch im Grunde ein ziemlicher Mitläufer bin, wenn es um Lieblingsbücher geht. Irgendwie unterscheide ich mich da gar nicht so sehr von der breiten Masse. Und noch eine Erkenntnis: Klassiker sind nicht umsonst zu diesen geworden.

Danke, liebe Ines, für diese wirklich nicht leichte Aufgabe, welche ich nun nach sieben Monaten endlich zu Papier bringe.

Vorhang auf für meine Sieben. Und alle auf einen Streich.