Zeitreisen in die Vergangenheit: Zeitenwechsel

Wir sitzen an unserem Tisch. Mein Freund und ich schweigen uns an, eines dieser Pärchen, das sich nichts mehr zu sagen hat und wie wir nie werden wollten. Es ist Silvester 1999. Der Jahrtausendwechsel steht kurz bevor. In unserem Urlaubsresort wird das Galadinner serviert und alle, selbst die Angestellten, sind in ausgelassener Stimmung.

Mein Freund trägt einen dunklen Anzug, der seine Attraktivität noch unterstreicht, ich das Kleid aus Spitze und Seide, welches wir vor einer gefühlten Ewigkeit bei einem unserer Spontantrips in einer sündhaft teuren Boutique am Ostseestrand erstanden haben. Nur mit einer Kreditkarte und dem Cabrio waren wir mitten in der Nacht losgezogen, hatten am Strand engumschlungen dem Sonnenaufgang entgegengeblinzelt und dann abends ausgelassen getanzt, gefeiert und uns geliebt. Damals, als ich seine spontanen Gefühlsschwankungen noch aufregend fand. Konnte das wirklich alles erst ein paar Monate her sein?

Trotz afrikanischen, winterlich warmer Temperaturen ist es für mein Trägerkleidchen etwas zu kühl, oder liegt das an unser beider etwas unterkühlten Stimmung, und so kuschele ich mich in den hellgrauen, fast weißen Angora Bolero, der später Massen an Flusen auf seinem Anzug hinterlassen und für so viel Unmut sorgen wird, dass beide Seiten schmollend und bedrückt dem Jahreswechsel und der Zukunft entgegensehen.

Ein Jahr, das mehr Stoff geliefert hat, als man eigentlich bereit ist zu ertragen, geht zu Ende. Und auch gerade deswegen leisten wir uns diesen Urlaub, ja sind beinahe schon geflüchtet vor den Ereignissen, die wir daheim zurückgelassen haben. Während wir versuchen, die Stimmung nicht vollends kippen zu lassen, drehen sich meine Gedanken im Kreis.

Ein neues Millennium. Wie aufregend, ein Teil davon sein zu können. Mittendrin in der Aufbruchstimmung. Doch für uns scheint es kein Zurück aus diesem Gefängnis, welches jeder für sich und seine Gedanken und Gefühle gebaut hat, zu geben. Genauso wenig scheint ein Ausweg möglich. Dachten wir doch, wir könnten der Zeit entkommen anstatt ihr entgegenzutreten. Wäre dann nicht alles noch gut? Wäre ich dann nicht noch glücklich mit dem Mann mit gegenüber und an meiner Seite? Direkt vor mir. Das Glück zum Greifen nah. Im Grunde hatte ich es schon in den Händen.

Unser Tischgespräch schleppt sich mühsam dahin. Immer wieder schaue ich verstohlen auf die Uhr. Aus Angespanntheit, wohlwissend, dass mit dem Glockenschlag keine Erlösung eintritt, ich dann aber endlich und getrost ins Bett gehen könnte, um wenigstens ein paar Stunden Schlaf und Erholung zu finden. Nicht daran denken zu müssen, dass er nach der Diagnose manisch-depressiv, auf dem Fensterbrett mit frei baumelnden Beinen gedroht hatte, zu springen, wenn ich ihn nicht lieben würde. Nicht daran denken zu müssen, dass der eigene Vater einen von sich stößt, weil man nun mal die Tochter der eigenen Frau ist. Nicht daran denken zu müssen, dass die Mutter dem Leben nichts mehr entgegen zu setzen hatte und ihre Sucht der einzige Weg war, dem allen zu entkommen.

Wir sitzen an unserem Tisch. Mein Freund und ich schweigen uns an. Nicht wie eines dieser Pärchen, das sich nichts mehr zu sagen hat, sondern weil wir wissen, dass schon lange vor dem Jahreswechsel ein unaufhaltsamer Zeitenwechsel begonnen hat, in dem ein Wir keine Zukunft hat.

Zeitreisen in die Vergangenheit: Ungelebte Augenblicke

Vorwort: Ein sehr persönlicher Text, den ich schon einmal bei einem Literaturprojekt veröffentlichen durfte und hier nun leicht abgeändert als Zeitreise. Passend zum heutigen Tage und aus einer meiner schwersten Zeiten.

Ich sehe sie dort liegen. Das unschuldig weiße Laken bedeckt ihren ausgezehrten Körper. Unter dem Tuch senkt und hebt sich der Brustkorb mechanisch und überdimensional auf und ab. Ich trete an ihr Bett und blicke in ihre Augen. Leblos starren sie – weit offenstehend – zur Decke. Ein gefühlloser Blick ins Nirgendwo. Um sie herum Instrumente und Apparate unaussprechlichen Ausmaßes. Unmengen von Schläuchen sind auf ihrem Körper verteilt, ragen aus ihrem Mund, enden in Kanülen, die in ihre Arme führen. Gleich einer Riesenkrake, liegt sie – bewegungslos gefesselt – in deren Umarmung. Der Anblick raubt mir den Atem.

Mein Vater, der neben mir steht, schlägt sich die Hände vor das Gesicht und ich habe Angst, dass er zusammenbricht. Fest lege ich meine Hände auf seine Arme und führe ihn fort von diesem unerträglichen Anblick, der auf immer in mein Gedächtnis eingebrannt sein wird.

Auf dem Flur reißt er sich den übergestreiften Kittel vom Leib und versucht, seine Tränen in Griff zu bekommen. Ich würde ihn so gern in die Arme nehmen, doch er will keinen Trost. Wohl auch aus Furcht, weich zu werden und seinen Schmerz nicht mehr beherrschen zu können.

Der Arzt versucht, uns Erklärungen zu liefern: Er möchte keine Hoffnungen machen, aber auch keine Schwarzmalerei betreiben. Im Grunde könne er eigentlich gar nichts sagen, nur, dass man diese ganzen Maßnahmen nicht vorgenommen hätte, wenn es hoffnungslos wäre. Dann lässt er uns dort stehen, auf dem kalten und grausamen Flur der Intensivstation. In meinen Gedanken ist jegliche Ordnung verloren gegangen. Später kann ich mich an keinen einzigen aus diesen Momenten mehr erinnern. Nur die Fragen, die bleiben: Warum? Wieso? Weshalb? Warum? Warum? Und nochmals: Warum?

Dann flüchten mein Vater und ich – so scheint es beinahe – auf die Straße, die uns mit ihrem Lärm und Treiben erdrückt. So sitzen wir im Auto. Wortlos, sprachlos, gefühllos. Aus irgendeinem wirren Gedankengang heraus erinnert sich mein Vater an die Dinge, die er für sie ins Krankenhaus gebracht hat und er bittet mich, diese zu holen. Und so lasse ich ihn allein und gehe.

Tränen der Verzweiflung steigen in mir auf. Ich stehe im Fahrstuhl. Neben der Zahl neun leuchtet in dicken Buchstaben „Intensivstation“. Ich zögere. Ich will nochmals zurück gehen, sie für mich ganz allein haben und ihr sagen, wie sehr ich sie liebe und wie sehr ich sie brauche, noch immer. Neben all den Dingen, die ich später bitter bereuen werde, gehört auch dazu, dass ich es nicht getan habe, dass ich nicht nochmals zurück gegangen bin.

Auf ihrem Krankenzimmer angelangt, räumen die Schwester und ich ihren Schrank aus. Ihr Bett ist verwaist und kalt. Ich komme mir wie eine Grabschänderin vor, die die letzten Habseligkeiten eines Menschen an sich nimmt. Ich stopfe sämtliche Dinge in einen Leinenbeutel, lege den Bademantel darüber und greife nach der Handbörse. Die Schwester berichtet mir, dass sie ihren Schmuck in die Börse gelegt hat. Nun nehme ich ihn an mich. Zwei goldene Ketten, mit Anhängern aus Bergkristall und Hämatit. Sie und ihre Steine. Ein ganzes Sammelsurium hat sie sich angelegt. Alle Steine haben eine Bedeutung. Sie heilen, beschützen und schützen. Sie bewahrt sie in einem kleinen Säckchen auf und ist ständig auf der Suche nach neuen. Eigentlich hätte ich auch erwartet, ihre Ringe zu finden. Sie fehlen.

Es ist eiskalt und der schneidende Wind bläst durch meinen Mantel. Wir sitzen am Tisch. Vor uns zwei Teller mit Essen. Ich schaue meinem Vater zu, wie er es – gleich mir – aus reiner Pflicht und ohne Geschmack zu sich nimmt. Er sieht alt aus. Seine kurz geschorenen Haare lassen die Kopfhaut durchscheinen und betonen sein gegerbtes Gesicht. Seine Hände zittern. Die Adern pulsieren dick und bläulich auf seinem Handrücken. Ich erinnere mich an meine Jugend: Oft foppte er mich, wenn ich eine Erzählung mit den Worten ‚ein alter Mann’ anfing, und er dann fragte, wie alt er denn sei, der alte Mann, und ich überlegte und antwortete, dass er wohl um die vierzig gewesen sei, worauf er diesen besonderen Blick aufsetzte und meinte, dass er dann wohl so alt wie er wäre. Aber mein Gefühl sagte mir, dass diese Gleichung nicht stimmen konnte. Mein Vater war, seit ich denken kann, ohne Alter. Während ich und alles um mich herum an Jahren zunahm, so blieb er doch scheinbar immer derselbe. Nie hätte ich ihn als alt bezeichnet. Doch jetzt: Jetzt sah ich es. Ich konnte neben ihm gehen und ihm dabei fast in die Augen sehen, seine Schultern umfasste ich leicht mit meinen Armen und seine Füße und Hände hatten längst nicht mehr diese Größe.

Ich fühle ihren Schmuck in meinen Taschen. Ich nehme die Ketten heraus und lasse sie durch meine Finger gleiten. Meine Hände riechen nach dem Desinfektionsmittel des Krankenhauses. Steril und nach Tod. Ich bekomme diesen Geruch nicht von meiner Haut. Er setzt sich fest und bleibt haften. In meiner Nase, in meinem Inneren konserviert. Krampfhaft umschließe ich sie und habe Angst, sie loszulassen. In meinen Gedanken entgleitet sie mir, sobald ich den Griff lockere. Ich rede mit ihr, beschwöre sie, festzuhalten am Leben.

Ich sitze im Zug nach Hause. Mein bleiches Gesicht spiegelt sich im Fenster wider. Irgendwann leuchtet an meinem Telefon auf, dass ich eine Meldung habe. Einer meiner Freunde möchte wissen, wie es ihr geht. Die Menschen sind seltsam, fragen danach, wie es dem anderen geht und haben doch nur Kraft für die eigenen Empfindungen. Eine Floskel ohne Bedeutung, die nur dazu dient, die selbst aufgestellten Vermutungen bestätigt zu sehen und den anderen zu quälen, indem er seinem Zustand Worte verleiht und erst durch das gesprochene Wort, diesem Wahrheit zuspricht.

Ich sitze an meinem Tisch. Die Arbeit der vergangenen Woche liegt vor mir. Ich sortiere meinen Tag, plane meine Termine. Als meine Kollegin den Anruf meines Vaters durchstellt, sind meine Gedanken fest in der Welt der Arbeit, so dass ich keine Chance habe, zu reagieren. „Deine Mutter ist gestorben.“ Ende. Der Fall nimmt kein Ende und das Loch hat keinen Boden. Irgendwann ist nur noch das pure Nichts. Mein Herz hört auf zu schlagen. Unheimliche Stille breitet sich in meinem Körper aus. Wie ein Fels liegt es in meiner Brust. Ich habe das Gefühl, einen Fremdkörper in mir zu haben, den es gilt, zu bekämpfen und zu vernichten. Mein Körper schnürt mich ein und wird lange Zeit die einzige Schutzhülle für meine Seele sein. Ich schließe meine Augen und tauche in mein Inneres. Mein Blick weicht jedem aus, der versucht, einzudringen und so bleibt der Weg zurück unerreichbar.

Mein Vater hat Tee gekocht. Einsam sitzen wir beisammen. Mein Vater zeigt mir den Text, den er für die Trauerkarten verfasst hat. Ich lese ihn wie in Trance. Mein Gehirn nimmt alles auf und lässt es fallen. Jede Einzelheit, jede Kleinigkeit der nächsten Wochen brennt sich in mir fest. Ich sitze in meiner Höhle am Ende des langen Falls – Dunkelheit um mich herum – und die Ereignisse senken sich herab, versperren den Ausgang, rauben mir das Licht und die Luft zum Atmen. Irgendwann kehrt Stille ein. Das Haus schläft und seine Bewohner haben sich mit ihrem Schmerz zurück gezogen in ihre Einsamkeit. In das Wohnzimmer scheint silbriges Mondlicht. Ich sitze auf dem Sofa, starre nach draußen und zähle die Schneeflocken, die im Licht der Straßenlaterne still zu Boden sinken. Ich fühle mich entsetzlich einsam. Ein Stück meines Herzens ist verstummt. Tränen kullern über mein Gesicht. Ich hasse sie für das, was sie mir angetan hat. Wieso hat sie nicht gekämpft? Warum hat sie so einfach aufgegeben?

Der Reif friert zu Kristallen, die sich über die Landschaft breiten. Groß und weiß tut sich das Krankenhausgebäude vor mir auf. Bedrohlich und dunkel blicken die Fensterfronten herunter. Nein, ich will dort nicht hinein, ich will nicht diesen Geruch von Leid und Verfall und Schmerz an und in mir haben. Eine Schwester weist mir den Weg in das Wertsachenbüro für Verstorbene. Geschäftiges Treiben um mich herum. Teilnahmslos nehme ich ihre letzten Dinge entgegen. Ein goldener Ehering und der Diamantring, den mein Vater ihr geschenkt hat, als ich geboren wurde. Ich ziehe sie auf die Ketten, die ich noch immer bei mir trage.

Die Kälte dringt langsam durch meine Kleider. Eine Kerze brennt ruhig und friedlich vor sich hin. An meinem Finger trage ich den Diamantring. Die Ketten um meinen Hals. Meine Gedanken sind wie ausgebrannt. Mein Leben gleicht einem Labyrinth. Jeden Tag wache ich auf und spüre den Verlust. Der Schmerz erdrückt mich. Ich fühle mich gebrochen und gebeugt. Immer wieder glaube ich, die Last nicht tragen zu können. Meine Hände greifen ins Leere, während ich falle. Mein Körper spürt die Risse und Wunden schon längst nicht mehr. Ich begrabe allen Zorn und alle Tränen in mir. Wer könnte es schon ertragen? Es ist ein Irrglaube, zu denken, dass man Freud’ und Leid’ teilen kann. Unglück macht einsam. Ich verschließe meine Seele. Krachend ist das Tor zum Leben ins Schloss gefallen.

Ich sitze in einer Kirche. In einer Stadt, die ich nicht einmal kenne. Ist es wirklich schon drei Jahre her, dass Du gestorben bist, und mir auf alle Ewigkeit die Chance geraubt hast, „Hallo Mama“ zu rufen, wenn ich nach Hause komme, in ein Haus, dem nun die Seele fehlt und das keinen Schutz mehr vor der Welt bietet. Wie konnte ich nur all’ die Augenblicke ungenutzt vorbeiziehen lassen, in dem kindlichen Glauben, dass es so etwas wie Zeit gibt.

Zeitreisen in die Vergangenheit: Koffergeschichten – der erste Sommer

Vorwort: Eine Geschichte, getarnt als kindlicher Lesestoff, aus einer Zeit, als ich selbst noch ein halber Backfisch war. Eine leicht seichte Lektüre und kleine Exkursion, um den Krisenzeiten zu entfliehen.

Der Koffer stand schon lange bereit. Endlich auf Reisen gehen, die Welt kennenlernen anhand der Gerüche, die mit den Schuhen, Hemden, Hosen, Röcken und Pullovern in ihm Platz finden. Und so war es nicht verwunderlich, dass er eines Tages von mitdenkenden Eltern an die Tochter, welche gerade anfing, ihre Flügel zu gebrauchen, um zu starten und zu fliegen, verschenkt wurde.

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Ein tolles Geschenk. So ein Koffer. Wenn er robust ist, hält er jede Menge aus. So kam es, dass der Koffer zusammen mit zwei Gefährten sowie einem Kosmetikkoffer im Haus des Mädchens ankam. Die beiden Gefährten waren zwei von besonderem Schlage. Vor allem der Kleinere. Er machte den Anschein, als wäre er ein Wochenendkoffer oder jemand, den man mit auf Geschäftsreise nahm. Ein Kostüm, Schuhe, Wäsche, Freizeitanzug – fertig. Er liebte es allerdings, so richtig vollgepackt zu werden, dann konnte er sich entsetzlich schwer machen. Ohne Rollen, ließ er sich tragen und freute sich des Lebens. Der Lange war nicht so sehr lang. Vielmehr bot er Platz en masse in alle Richtungen. Der Koffer selbst lag in der Mitte dieser beiden. Ein echter Durchschnittstyp, aber bekanntlich sind dies die Zuverlässigsten. Nicht so sperrig, aber rollbar und somit leicht. Und wenn es sein musste, so hielt er die Luft an, um noch mehr und mehr in sich aufzunehmen. Der Außenseiter war und blieb der Kosmetikkoffer, beauty-case wie sie ihn alle nannten. Was hatte der schon zu bieten? Die anderen waren der Ansicht, er wäre nur elitär und ein Snob. Er duftete nach frisch Gewaschenem und teuren Parfums. Als Handgepäck musste er nicht die Strapazen einer Reise im Gepäckraum von Bahn oder Flugzeug mit hundert anderen teilen. Dafür erfuhr er aber auch keine Neuigkeiten von anderen Orten, die dem Koffer zu Ohren kamen. Tolle Geschichten von Kamelritten, Kreuzfahrten, Kurzreisen und von kunterbunten Kontinenten.

Die erste Reise, die der Koffer antrat, war schon fast ein Umzug. Eine Auswanderung auf Zeit. Es ging ins Ausland, genauer gesagt, in den sonnigen Süden. Das stellte sich der Koffer toll vor: Wärme, Gelassenheit und Ruhe. Vorher aber musste er einiges durchstehen. Schuhe in mannigfacher Art wollten mit und Kleider. Man kann sich nicht vorstellen, dass jemand so viel einpackt: Badeanzüge, Strandsachen, Strümpfe, Nylons, feine Wäsche, Hosen, Abendkleider usw., usw. Die Sachen stapelten sich in unüberschaubare Höhen. Unvorstellbar, dass ein Mensch das alles anziehen wollte und zu brauchen gedachte. Der Koffer war dementsprechend froh, noch zwei Helfer zu haben. Das Mädchen und sogar die Mutter mussten mit vereinten Kräften die Schlösser einrasten lassen. Er wurde gedrückt, gequetscht, man setzte sich auf ihn. Mit aller Macht nahm er sich zusammen, damit er nicht platzte. Nach diesem Ereignis kam der Koffer zu der Überzeugung, dass das Mädchen ein kleiner, verwöhnter Fratz war und wahrscheinlich immer mehr als nötig mitnehmen würde.

Die Reise war aufregend. Das erste Mal fern der Heimat. Allein mussten sie sich alle zurechtfinden. Das Mädchen durch das Gewirr von fremder Sprache und Umgebung. Tausend Dinge gab es zu beachten. Hoffentlich würde sie sich nicht verlaufen und verloren gehen. In etwa dieselben Gedanken machten sich der Koffer und seine Gefährten. Die langen Gepäckbänder beförderten sie in dunkle Tiefen. Sie durchkreuzten andere Bänder, wurden von unbekannten Händen gedreht, gehoben und umhergeworfen. Wenn das mal gut ginge. Was würde passieren, wenn sie an einem vollkommen anderen Ort ankämen, ohne das Mädchen obendrein, vielleicht auch noch getrennt? Wenn jemand sie rauben würde? Wüste Befürchtungen ließen sie dieses erste Abenteuer gar nicht richtig genießen. Doch wie von wundersamer Hand gelenkt, trafen sich alle wie verabredet am Ziel wieder.

Der Koffer fand Platz in einem Zimmer, das ihn eigentlich ziemlich abschreckte. Es hatte ein grässliches Deckenlicht, zwei windschiefe Schränke, kahle Wände, kalten Steinboden und nicht mal ein eigenes Bad. Da hatten sie sich was eingebrockt. Der Koffer entledigte sich seiner Last und Bürde. Er bekam einen Platz auf einem der Schränke. Von dort konnte man ins Freie sehen. Südliche Luft schnuppern. Er sah, wer kam und wer ging. Herrlich!

Das Mädchen erfand irgendeinen Trick, Dinge ebenso konfus wie chaotisch zu organisieren und anzurichten, so dass das Zimmer nach und nach an Wohnlichkeit gewann. Der Koffer fand allerdings, dass solche Aktionen eigentlich sinnlos seien, da das Mädchen nahezu jede Nacht zum Tage machte. Selbst wenn sie mal da war, schlief sie und schlief doch nicht, da sie neben einem unbewussten Heimweh immer öfter nachts aufwachte und sich fragte, was sie hier eigentlich sollte. Insgeheim wünschte sich der Koffer, er könnte etwas Tröstendes unternehmen. Aber das Einzige, was er zu bieten hatte, war der Vorschlag, zu reisen. Das wäre ein Leben. Alles in sich aufnehmen, was das Leben zu bieten hatte. Auf zwei Rollen durch die Welt. Den Sand der Wüste in den Schuhen, das Salz des Ozeans in den Handtüchern, Waldboden an Hosen und Röcken, die Leibspeisen aller Herren Länder auf Shirts und Hemden und alle diese Dinge würde er transportieren. Wenn es sein müsste auch zum Mond. All das wollte er ihr sagen, als eine unerwartete Wendung eintrat. Sie bekamen Herrenbesuch. Welch Unverschämtheit: Sie schleppte einfach diesen Kerl hier an, wo es doch auch sein Reich war. Wenn sie ihn gefragt hätte, hätte er ihr gleich sagen können, dass dieser Typ nur Ärger bringen würde. Sie fragte aber nicht. Zum Glück war diese Affäre nach ein paar Tagen vorbei. Es kehrte wieder Ruhe ein. Der Koffer ließ sich tagsüber die Herbstsonne auf die Nase scheinen und nachts vernahm er das Surren des Heizlüfters und das Atmen des Mädchens mit Wohlwollen.

Als es dann kälter wurde, musste er seinen aussichtsreichen Posten verlassen. Es ging zurück zu den Eltern. Das Fliegen machte ihnen keine Angst mehr, nur dem kleinen Kameraden wurde wieder leicht schlecht. Er musste sich zwischen zwei Überseekoffern behaupten, die mit gegerbter Stimme und ebensolchem Leder sich mit ihren Orkanen, Stürmen, Eismeeren und Seeungeheuern übertönten. Der Koffer rief laut, sie sollten ihre Schauergeschichten für sich behalten und gegenüber Kleinen und Schwachen wäre das eine Schande. Bei der Landung hopste das Flugzeug etwas und da verstummten auch die Überseekoffer. Die Auslader kamen und alle wurden durcheinander gewürfelt. Wer ihnen gerade in die Finge kam, der wurde ohne Zögern auf das Gepäcklaufband verfrachtet. Der Koffer fuhr den langen Gang hinaus und – hoppla – da war er. Er atmete tief durch. Mal sehen, wo die Kleine steht. Ob er vielleicht eine ganze Runde aus dem Band drehen konnte?

Nach 50 Runden wurde das Band abgestellt und ihm war mehr als schlecht. Er dachte, er müsse sterben, als er begriff, dass niemand mehr da war, der auf ihn und seine Gefährten wartete. Der Koffer ärgerte sich zuerst: Das Mädchen hatte sie einfach vergessen! Dann fing er an, sich unbeschreibliche Sorgen zu machen: Vielleicht war ihr etwas zugestoßen. Und schließlich wurde er sehr wütend, da er sich einredete, der Kosmetikkoffer – dieser Beau, der bei ihr war – hatte sie überredet, wieder umzukehren, oder einfach durchzubrennen. Als ihnen allen der Kopf vom Karussellfahren und Nachdenken schwirrte, wurden sie von fremden Männern gepackt. Jetzt war es ganz aus: Sie wurden entführt!

Sie wurden in einen großen Raum gebracht, in dem allerlei Leidensgenossen dasselbe Unglück ereilt hatte. Aber nein, beruhigte eine ziemlich mitgenommene Ledertasche die Neuankömmlinge. Hier ist das Fundbüro. Alles, was vergessen, verloren, verlegt wurde, wird gesammelt. Lost&Found, entgegnete der Große weltmännisch. Gesucht/Gefunden, witzelte der Kleine. Der Koffer war mit seinen Nerven und mit seinem Latein am Ende. Dies war ganz offensichtlich die Anstalt zum Verrücktwerden. Wie sollten sie je aus diesem Schlamassel wieder herauskommen.

Das Mädchen staunte selbst nicht schlecht, als sie feststellen musste, dass sie ihre Maschine wohl verpasst hatte. Voller Hektik nahm sie den nächstbesten Flug irgendwohin und fuhr per Bahn weiter. Der Vater holte sie Stunden später ab.

Plötzlich sah er sie: Das ist sie! Wir sind hier! Hier! Hol‘ uns hier raus! Er wollte vor Freude fast hüpfen. Sie war es tatsächlich. Und das Mädchen holte ihn weg von diesem Schrottplatz. Der Koffer wollte nie mehr so allein und hilflos sein. Er wollte doch das Leben in sich aufsaugen. Und er wollte sich nicht ausmalen, was alles hätte passieren können. Der Koffer war ziemlich müde und erschöpft und als der Vater das Auto startete, schlummerte er selig ein. Zuvor warf er seinen Gefährten noch stolze und überglückliche Blicke zu. Das war ein Abenteuer, was, Jungs?

Nachwort: Ja, eine Fortsetzung wäre sicherlich denkbar. Und wer weiß, vielleicht begegnen der Koffer, oder ein anderes Reiseutensil, und ich uns wieder auf meiner Reise durch die Zeit. Bekanntlich sieht man sich ja immer zweimal.

Zeitreisen in die Vergangenheit: Stromausfall

Im Radio höre ich, dass ein Mensch durch seinen Tod den gesamten Zugverkehr zum Erliegen gebracht hat.
Totaler Stromausfall.

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Ich denke: Gerade bist Du aus dem Haus gegangen. Unsere Probleme lösen sich doch gerade. Nein: ICH denke, dass sie sich lösen. Du, so unbekannt für mich. Wer bin ich? Wer bin ich wirklich? Meine Identität verschwindet in der Flut meiner Gedanken. Ich sitze. Irgendwo. Ich bin allein. Ich flüchte in meine Welt. Das Leben da draußen ist zu schwer für mich. Ich drehe mich im Kreis. Ich öffne meine Augen, um zu sehen. Ich sehe Menschen, die leben. Sie gehen durch meine Welt und leben. War es nicht mal anders? War ICH nicht mal anders?
Stromausfall.
Wir hatten eine Chance. Eine gute und große. Ich habe aufgehört, zu denken. Die Illusion meiner Welt bricht zusammen. Ich bin in der Welt der anderen gefangen. Ich bin allein. Du hast meine Welt mitgenommen und gibst sie weiter an sie. Welches Recht hatte ich nur, diese Chance zu verspielen? Ich sehe uns immer noch. Am Anfang. Ich sehe nur den Anfang. Ich sehe Dich, wie das Glück Dich berührt. Ich habe es festgehalten, dieses Bild. Es steht auf dem Nachttisch.
Stromausfall.
Danach beginnt das Mühen. Ich sehe nichts. Du suchst mich. Die ganze, lange Zeit habe ich die Augen geschlossen. Sinnlos geträumt. Ohne Dich. Das erste Zeichen sehe ich, als unsere Zeit verloren geht. Gefangen in meinen Gedanken dachte ich, die Zeit besiegen zu können. Was bedeutet schon Zeit? Und in Wirklichkeit besiegte ich Dich.
Stromausfall.
Der Weg zu Dir ist nicht mehr da. Wenn ich jetzt in Dein Gesicht blicke, suche ich verzweifelt nach dem Glück. Ich bin aufgewacht. Ich habe meine Grenze gesehen. Der Zugang, den Du in meine Welt gefunden hattest, ist mir versperrt. Ich dachte, wir finden den Anfang, wenn wir einander hätten. ICH habe gedacht. Gedacht: Warst Du nicht schon aus meiner Welt verschwunden, als ich diesen Schritt tat?
Stromausfall.
Schon wieder Scherben. Meine Scherben. Sie schwimmen in meinem Herz. Meine Tränen tragen sie nach draußen. Jeder Schritt auf ihnen tut weh. Ich fühle meinen Körper nicht mehr. Ich spüre nur den Schmerz. Schon lange.
Stromausfall.
Ich quäle mich. Briefe, Gedichte, Fotos, Gedankenfetzen. Gibt es ein Leben danach? Wenn Du es nicht bist, der sein Leben eintauscht gegen die Ruhe des Todes, was ist dann meine Aufgabe? Du sagst, das Leben geht weiter. Alle sagen das. In meiner Welt löscht nichts das Feuer.
Stromausfall.
Hast Du eine Ahnung von meiner Verzweiflung? Hast du eine Ahnung von meinem Schmerz? Wie würdest Du den Schmerz ertragen, wäre ich an Deiner und Du an meiner Stelle? Mein Schmerz ist auch Anklage. Warum hast Du mich nicht vor den Spiegel meiner Seele geführt? Warum hast Du mich so oft allein gelassen? Gefangen. Angekettet. Hilflos. Ohne Dich habe ich keine Energie, meine Welt zu verstehen. Diese Welt ist so klein und eng.
Stromausfall.
Wie hoch sind Deine Ideale? Es wird schwieriger. Ich fange an, um mich zu schlagen. Wer bin ich? Ich wage keinen Schritt. Ich bin allein mit meinen Gedanken, die ausbrechen wollen. Was willst Du? Was willst Du wirklich?
Stromausfall.
Der Tod: Inzwischen bin ich der Ansicht, dass es der einzige Ort ist, an dem absolute Ruhe herrscht. Stille. Alle Gedanken und Gefühle verstummt. Vielleicht ist dies das Glück. Ein Nichts. Kein Raum. Keine Zeit. Keine Endlichkeit. Am Ende ist es im Leben nicht möglich, Frieden zu finden. Ich sehe in Deine Augen. Darin liegt mein Frieden. Wer also bin ich?
Stromausfall.

Zeitreisen in die Vergangenheit: Mauerfall

Vorwort: Gerade erst hat sich der Jahrestag des Mauerfalls gejährt und im Zuge meiner Zeitreisen und der dazugehörigen Denkarbeit bin ich über den nachfolgenden Text beinahe wie über ein heruntergefallenes Mauerstück gestolpert. Er stammt aus dem Jahre 1991, aber so als Einstieg in das Thema der Vergangenheitsbetrachtung und -bewältigung passt er ganz gut.

Beifall und Zurufe sind aus dem Fernsehzimmer zu vernehmen. Was es wohl dort zu sehen gibt, geht es mir durch den Kopf und so stecke ich ihn vorsichtig durch die Tür. Der Raum ist voll bis auf den letzten Sitz. Die, die keinen Platz finden konnten, sitzen auf dem Boden, oder lehnen an den Wänden. Die Luft ist stickig warm. Über den fast leinwandgroßen Bildschirm flackern Bilder von jubelnden und lachenden und tanzenden Menschen. Ich sehe sie, wie sie sich zuprosten, auf Mauern stehen, sich umarmen und ausgelassen feiern. Die Stimmung hat sich in für mich rätselhafter Weise auf die Zuschauer übertragen. Ich schließe die Tür und gehe zurück an die Bar. Komisch. Mein Gehirn versucht, irgendeine Verbindung mit dem Gesehenen aufzubauen. Zurück bleibt ein blanker Eindruck, frei von jeglichem Gefühl.

An der Bar tummeln sich die Gäste. Es ist noch immer warm, auch um diese Jahreszeit. Das Land lebt wieder auf nach der Dürre und Trockenheit des Sommers. Die Touristen ziehen sich langsam in ihre Heimat zurück, lassen uns, die wir hier, wenn auch auf Zeit, wohnen, Gelegenheit, die südliche Gelassenheit wieder zu genießen.

Buntes Treiben herrscht auch im Schwimmbecken. Kinder, die die Erlaubnis haben, länger aufzubleiben, da morgen und für die nächsten ein oder zwei Wochen keine Schule ist, tummeln sich im Wasser. Jugendliche und Singles verdrücken sich mit ihrem Urlaubsflirt ans Meer und schlendern durch die romantische Hotelanlage.

Von irgendwoher ruft jemand: „Die Mauer ist gefallen!“ Die Gäste fallen sich glücklich in die Arme und prosten sich zu. Einer meiner spanischen Mitarbeiter schaut mich fragend an. „Que passado?“ „Was ist passiert?“ Ich zucke mit den Schultern. „No lo se.“ „Ich weiß nicht.“

Das Fernsehzimmer ist mit einmal verlassen und leer. Nur die bunten Bilder flimmern noch über den Bildschirm. Draußen scheint das Fest aller Feste ausgebrochen zu sein. Mit Mühe verstehe ich, was der schwankende und leicht lallende Reporter berichtet: „Hier in Berlin sind die Menschen ausgelassen und erleichtert. Nach monatelangen Demonstrationen hat ihre Stimme sich erhoben und die Mauer zum Fall gebracht. Deutschland ist wieder eins! Die Mauer ist Geschichte! Und die Geschichte wird ab heute neu geschrieben. Das Volk ist vereint und feiert in den Straßen, die keine Sackgassen mehr sind.“ Dann hebt er sein Glas und wird von den ihn umringenden Menschenmassen geküsst und umarmt. Ich sitze starr vor der Leinwand. Monatelange Demonstrationen? Und ich habe es verpasst. Nicht einmal den blassesten aller Schimmer hatte ich. Warum hat mir das denn niemand erzählt?

Groß und rot strahlt die Sonne neben dem Fernsehturm am Alexanderplatz. Ich sitze unter dem Brandenburger Tor mit einem Eis in der Hand. Ich schmunzele vor mich hin bei dem Gedanken an die Eisverkäuferin an der U-Bahn Haltestelle „Bahnhof Zoo“. Einsam und unsicher stand sie da mit ihrem Wagen. Bunte Schilder priesen ihre Ware. „Ich hätte gern eine Kugel Himbeere und Vanille.“ Sie blickt mich zweifelnd und etwas misstrauisch an. „Die Kugel kostet aber DM 2,50.“ „Ja“, sage ich lächelnd.  Vorsichtig nimmt sie das ihr noch so fremde Geld und zählt es geflissentlich nach. Nach ein paar Metern drehe ich mich nochmals nach ihr um. Sie lacht und winkt mir nach. Die Mauer ist gefallen.

Zeitreisen

Es ist noch nicht ganz drei Monate her, dass ich meine Reihe „Das neue Reisen“ in schon fast weiser Voraussicht vorerst ad acta gelegt habe und, vielleicht war das sogar etwas naiv, physisch auf Reisen gegangen bin. Damals, ja ich möchte es wirklich so nennen, denn gefühlt ist es ein „Damals“, war das echte Reisen durchaus möglich. Sogar die Landesgrenzen waren wieder passierbar. Schöne, neue Welt, dachte ich, dachten wir. Doch mit dem einsetzenden Herbst und den verblassenden Erinnerungen an unbeschwerte, leichte Sommertage und -abende, ist neben dem Wetter auch die Stimmung im Keller und ich physisch wieder an die eigenen vier Wände gekettet, wobei es diesmal keine Ketten sind, sondern eher so etwas wie ein Expander. Die Zügel sind etwas lockerer, der Schock aber trotzdem unerwartet heftig.

Was also tun, wenn die Ferne nicht weiter als bis zum nächsten Supermarkt reicht und dichte Nebelschwaden einen zu trüben Grübeleien anstiften? Die Zeit verformt sich, das Leben zerfasert und franst an den Rändern aus. Lose Fäden, die zu Boden fallen. Einige Zeit und noch mehr Anstrengung hat es mich gekostet, aus dem Dickicht der Untergangsszenarien wieder ans Licht zu kommen.

Nun also eine Fortsetzung des Reisens im eigenen Kosmos in etwas abgewandelter Form. Diesmal geht es weniger um Orte als um die Zeit, denn diese ist objektiv betrachtet ja immer gleich, bekommt aber je nach Ereignis eine andere Gewichtung und Bedeutung. Und so lasse ich mich ein bisschen treiben auf der Gezeitenstraße.

Vergangenes, denn das Zurückschauen, so einfach es auch erscheint, konfrontiert einen mit dem eigenen Ich. Die Gegenwart, die sich nicht fassen lässt und doch jeden Augenblick bestimmt. Zukunft, Wunschdenken und Apokalypse, ein Kaleidoskop an Ungewissem.

Zeitreisen. Horizonte und Grenzen ungewiss.

Das neue Reisen, 10. Etappe: Das Mitbringsel

Auf Wunsch eines einzelnen Lesers (Danke an T. von schreib.blog), habe ich mich bei meinen Zimmerreisen auf die Suche nach einem Mitbringsel gemacht. Eine schöne Vorstellung. Was bleibt und taugt als ein solches bei dieser anderen, neuen Art des Reisens?

Das Heim ist ja auch deswegen ein Zuhause, da alles darin die Person und deren Persönlichkeit widerspiegelt. Umso mehr, bunter und vielfältiger, je zahlreicher die Bewohner, welche Tisch und manchmal sogar das Bett teilen. Auswahl und Anordnung der Einrichtung verleihen einem Raum Charakter. Und der ganze große Rest, Bücher, Bilder, Memorabilien bilden das Leben, die Energie, welche bremst oder beflügelt, vielleicht sogar je nach Stimmung.

Die Frage bleibt: Was bringt man mit als Souvenir? Was bleibt als Erinnerung vom Streifzug durch die eigenen vier Wände?

Denn Erinnerungsstücke sind genau das: Andenken an vergangene Zeiten, welche die Sehnsucht gleichzeitig stillen und wecken.

Die Sehnsucht als Ursprung allen Handelns, komprimiert in einer materiellen Form, um sie zu bewahren. Man baut ihr einen Käfig, um ihrer Herr zu werden. Doch sie ist da, ein Leben lang. Wie der Zweifel, der uns unsere Entscheidungen abverlangt.

Was aber, wenn die Sehnsucht einem ständig und beständig Leid auferlegt? Die Sehnsucht sich gar als Angst bemerkbar macht? Dann gilt es, sich mit ihr auseinander zu setzen, bevor sie einem den Schlaf raubt. Also muss man ebenso auch den Mut haben, sich von ihr treiben zu lassen, ihr entgegen zu treten und sie als etwas am Ende Unerfüllbares anzuerkennen.

Und all die manifestierten Sehnsüchte bilden ein Sammelsurium an gelebten Bruchstücken. Mitbringsel und Hoffnungsträger gleichermaßen. Die Frage, was wäre, wenn, lässt sich in letzter Instanz schließlich nicht beantworten. Es bleibt also nur die Sehnsucht.

An dieser Stelle möchte ich fürs erste die Reisetätigkeit in den eigenen vier Wänden ruhen lassen, mich für die Reisebegleitung bedanken und mit einem Zitat von Ahmet Altan enden: „Ihr könnt mich einsperren, wo immer ihr wollt. Auf den Flügeln meiner unendlichen Vorstellungskraft werde ich die ganze Welt bereisen. […] Ihr könnt mich ins Gefängnis stecken, doch ihr könnt mich dort nicht festhalten. Weil ich die Zaubermacht besitze, die allen Schriftstellern eigen ist. Ich kann mühelos durch Wände gehen.

Das neue Reisen, 9. Etappe: Licht und Schatten

img_0365Die Zimmer eines Heimes füllen wir mit Leben, Keller und Dachboden mit Ballast. Eine Gratwanderung zwischen dem Festhalten und dem Loslassen der Vergangenheit ist unvermeidlich.

Das Fundament auf unerledigten sowie verdrängten Fragmenten, bildet einen Grundstein, der bar jeder Statik ist. Ein Klotz am Bein, der einen am Weiterkommen hindert.

Das Dach über dem Kopf, vollgestellt und vollgestopft und mit den dem Vergessen überlassenen Erinnerungen, wird jeglichen Flugversuchen der Gedanken und Träume immer und immer wieder einen Deckel überstülpen.

Von Zeit zu Zeit sollte man sich also den Dingen widmen. Und gerade das unlängst erzwungene Verweilen in den eigenen vier Wänden hat dahingehend zu wahren Befreiungsschlägen geführt. Die Krise als Trennungskatalysator.

Beim Dachboden erscheint diese Aufgabe leichter. Näher am Himmel, mit dem Blick in die Ferne, über den Horizont hinweg, schweifen wir durch längst vergangene Zeiten. Prismen der Elemente im aufgewirbelten Staub. Lichtspiele durch Luken und Ritzen. Wohlige Wärme, die einen umhüllt.

Der Keller hingegen ist immer ein Ort der Dunkelheit, des Ungewissen, ein Verlies des Schreckens. Behaftet mit Schauergeschichten der Kindheit. Bevölkert von Monstern und unheimlichen Gestalten, die nur darauf warten, einem den Weg aus dem Schattenreich zu verwehren.

Wie froh doch der jugendliche Mitbewohner und ich sind, dass in unserem Keller die Macht auf unserer Seite und mit uns ist, denn im Bodenbeton wacht Yoda, dem wir immer wieder „Beschütze mich“ zuflüstern. Vor allem, wenn die Zeit der Lichtanlage abgelaufen ist und die Finsternis um sich greift.

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Das neue Reisen, 8. Etappe: Das Bonuszimmer

img_0365Paradiese sind gemeinhin ja meist und derzeit um ein Vielfaches nahezu unerreichbar und vorzugsweise in weiter Ferne. Das „kleine“ Paradies dagegen findet sich gern mal vor der Haustür in Form eines Balkons oder wie in meinem Fall Gartens.

Ein Luxus, der in diesen Zeiten dem einen oder anderen als unbezahlbar gilt, wenn die eigenen vier Wände mal wieder zu eng werden und der Freiheitsdrang unermesslich. Das Bonuszimmer mit täglich wechselnden Farben. Ein kostenfreier Tapetenwechsel inklusive Frischeluftdusche.

Der eigene Garten, eine Oase vor allem für die Seele. Denn dieser ist immer auch ein Spiegelbild des Besitzers und noch viel mehr der Gesellschaft und der Beziehung des Menschen zur Natur.

Wir kennen alle die streng geometrischen Gärten hochherrschaftlicher Paläste, die sinnbildlich die Macht und Unterordnung der Natur demonstrieren. Erst mit der Aufklärung wurde die Natur im Garten als Gemälde inszeniert, die sich noch immer in den vielfältigen Anlagen in Britannien finden lassen. Nach den beiden Weltkriegen dann war der Garten ein reiner Nutzgarten und diente der Lebensmittelversorgung. Und in den 60er und 70er Jahren beherrschten grüne Rasenflächen und Sandkästen das Bild. Der Wunsch nach möglichst wenig Arbeit verwandelte den Garten in einen Wohngarten. Offene Grundrisse für eine offene Gesellschaft. Doch seit den 80er Jahren rückt zusehends der Wunsch nach einem Einklang mit der Natur in den Vordergrund.

Was also sagt der Garten über einen und das eigene Innenleben sowie das Verhältnis zur Natur aus?

Nun, bei meinem Naturflecken inmitten der Straßenschluchten erkennt das geschulte Auge sogleich, dass das Prinzip der Chaostheorie folgt. Auf den ersten Blick herrscht ein wildes Durcheinander an Nutzpflanzen, bunten Insektenimbissen und unzählige Augenweiden. Alles wuchert und wächst, scheinbar ohne Plan entlang der Zaun- und Gehweggrenzen und nur mit dem Ziel, zu wuchern und zu wachsen. Eine völlig durcheinander gewürfelte Seele. Verloren im Strom der Gezeiten.

Doch der Blick bleibt hängen. Jede Pflanze, jede Blume, jeder Strauch, jeder Stein, alles hat seinen Platz, seine Aufgabe. Exoten und Einheimische in trauter Nachbarschaft. Inseln in einem rastlosen Meer einer zerklüfteten Seele.

Der wilde, ungestüme Geist manifestiert sich in Farben, Formen und dem Zusammenspiel. Unendliche Gedankenfreiheit, die sich in den Formationen verfängt. Anker, die einen erden.

Und wie sich der Mensch ändert, so ändert sich der Garten. Ein beständiger Prozess von Entstehen und Vergehen, Aufblühen und Vertrocknen, Neubeginn und Rückzug. Ein Über-Sich-Hinauswachsen ob der Vielfalt an Szenarien, in denen lediglich die eigene Vorstellungskraft die Grenzen des Möglichen bestimmt. Denn das Bonuszimmer als Quelle ist unerschöpflich.

Das neue Reisen, 7. Etappe: Der Widerspruch in uns

img_0365Das Tor zur Hölle befindet sich gleich im ersten Stock. Nahezu lautlos gleite ich in die Küche.

Von oben kein Laut. Geschafft. So früh am Morgen genieße ich die Ruhe bei einer Tasse Tee, während die Gedanken noch den Träumen der letzten Nacht nachhängen. Ich greife nach dem Wasserkocher, der sich sträubt und nur widerwillig seinen Deckel öffnet. „Du musst leise sein“, flüstert er mir zu. Aus dem Wasserhahn fließt das kühle Nass, gluckst und gurgelt: „Du musst leise sein.“ Ich starte das Signal zur Zündung und schon brodelt es, was das Zeug hält. „Pst, nicht so laut“, presse ich zwischen den Zähnen hindurch.

Doch dann öffne ich Schränke und Schubladen. Die Kuchengabeln schmeißen sich schützend vor die Löffel und bedrohen mich mit ihren Zinken, während die Tassen um die Vorherrschaft buhlen und im Chor „Nimm mich, nimm mich mit“ singen.

Den Atem anhaltend, ein ängstlicher Blick in Richtung Obergeschoß. Die Luft zittert und vibriert.

Wie Nebelschwaden zieht der Tee durch die Wohnung. Es duftet nach Morgen und Frische und Freiheit. Das Licht bricht sich und formt einen Regenbogen über dem Küchentisch. Eine Insel inmitten der Hektik des Alltags. Vor mir ein Buch, in das ich eintrete und bisweilen gerne nicht nur verweilen, sondern bleiben möchte. In andere Welten versunken, rühre ich in der Teetasse. Kleine Wirbel lassen die sich auflösenden Kandissplitter tanzen und das Geräusch des auf Porzellan treffenden Löffels durchbricht die Ruhe. Akustische Schwingungen breiten sich aus und tropfen vom Tischrand auf den Boden, bevor sie in weiter Ferne eine Flutwelle entfachen.

Die Welt vor dem Küchenfenster nimmt Farbe an. Das Leben streckt sich, um dem Tag die Hand zu reichen. Der fahrende Gemüsehändler verkündet Ankunft und Angebot per Lautsprecher und Glockengeläut. Türen spucken ihre Bewohner nach draußen. Stimmen, bereit, der Stille ein Ende zu bereiten. Ein Vorgeschmack auf das Panorama der menschlichen Schwächen. Ein Versprechen, dass es nur eines Wortes bedarf, um Freude, Glück, Vertrauen, Zuversicht, Nähe und Liebe in Missgunst, Egoismus, Streit, Angst, Distanz und Einsamkeit zu verwandeln.

Ein scheinbar unstillbarer Hunger, immerzu nach dem einen Widerspruch in uns und dem des Gegenübers zu suchen, um ihm dann mit allem zu begegnen, was Wunden schlägt.

Das Monster im ersten Stock reißt die Rollläden hoch und durch den Türspalt ergießen sich grelle Strahlen ins Treppenhaus. Raubtierfütterung.