Das neue Reisen, 10. Etappe: Das Mitbringsel

Auf Wunsch eines einzelnen Lesers (Danke an T. von schreib.blog), habe ich mich bei meinen Zimmerreisen auf die Suche nach einem Mitbringsel gemacht. Eine schöne Vorstellung. Was bleibt und taugt als ein solches bei dieser anderen, neuen Art des Reisens?

Das Heim ist ja auch deswegen ein Zuhause, da alles darin die Person und deren Persönlichkeit widerspiegelt. Umso mehr, bunter und vielfältiger, je zahlreicher die Bewohner, welche Tisch und manchmal sogar das Bett teilen. Auswahl und Anordnung der Einrichtung verleihen einem Raum Charakter. Und der ganze große Rest, Bücher, Bilder, Memorabilien bilden das Leben, die Energie, welche bremst oder beflügelt, vielleicht sogar je nach Stimmung.

Die Frage bleibt: Was bringt man mit als Souvenir? Was bleibt als Erinnerung vom Streifzug durch die eigenen vier Wände?

Denn Erinnerungsstücke sind genau das: Andenken an vergangene Zeiten, welche die Sehnsucht gleichzeitig stillen und wecken.

Die Sehnsucht als Ursprung allen Handelns, komprimiert in einer materiellen Form, um sie zu bewahren. Man baut ihr einen Käfig, um ihrer Herr zu werden. Doch sie ist da, ein Leben lang. Wie der Zweifel, der uns unsere Entscheidungen abverlangt.

Was aber, wenn die Sehnsucht einem ständig und beständig Leid auferlegt? Die Sehnsucht sich gar als Angst bemerkbar macht? Dann gilt es, sich mit ihr auseinander zu setzen, bevor sie einem den Schlaf raubt. Also muss man ebenso auch den Mut haben, sich von ihr treiben zu lassen, ihr entgegen zu treten und sie als etwas am Ende Unerfüllbares anzuerkennen.

Und all die manifestierten Sehnsüchte bilden ein Sammelsurium an gelebten Bruchstücken. Mitbringsel und Hoffnungsträger gleichermaßen. Die Frage, was wäre, wenn, lässt sich in letzter Instanz schließlich nicht beantworten. Es bleibt also nur die Sehnsucht.

An dieser Stelle möchte ich fürs erste die Reisetätigkeit in den eigenen vier Wänden ruhen lassen, mich für die Reisebegleitung bedanken und mit einem Zitat von Ahmet Altan enden: „Ihr könnt mich einsperren, wo immer ihr wollt. Auf den Flügeln meiner unendlichen Vorstellungskraft werde ich die ganze Welt bereisen. […] Ihr könnt mich ins Gefängnis stecken, doch ihr könnt mich dort nicht festhalten. Weil ich die Zaubermacht besitze, die allen Schriftstellern eigen ist. Ich kann mühelos durch Wände gehen.

Das neue Reisen, 9. Etappe: Licht und Schatten

img_0365Die Zimmer eines Heimes füllen wir mit Leben, Keller und Dachboden mit Ballast. Eine Gratwanderung zwischen dem Festhalten und dem Loslassen der Vergangenheit ist unvermeidlich.

Das Fundament auf unerledigten sowie verdrängten Fragmenten, bildet einen Grundstein, der bar jeder Statik ist. Ein Klotz am Bein, der einen am Weiterkommen hindert.

Das Dach über dem Kopf, vollgestellt und vollgestopft und mit den dem Vergessen überlassenen Erinnerungen, wird jeglichen Flugversuchen der Gedanken und Träume immer und immer wieder einen Deckel überstülpen.

Von Zeit zu Zeit sollte man sich also den Dingen widmen. Und gerade das unlängst erzwungene Verweilen in den eigenen vier Wänden hat dahingehend zu wahren Befreiungsschlägen geführt. Die Krise als Trennungskatalysator.

Beim Dachboden erscheint diese Aufgabe leichter. Näher am Himmel, mit dem Blick in die Ferne, über den Horizont hinweg, schweifen wir durch längst vergangene Zeiten. Prismen der Elemente im aufgewirbelten Staub. Lichtspiele durch Luken und Ritzen. Wohlige Wärme, die einen umhüllt.

Der Keller hingegen ist immer ein Ort der Dunkelheit, des Ungewissen, ein Verlies des Schreckens. Behaftet mit Schauergeschichten der Kindheit. Bevölkert von Monstern und unheimlichen Gestalten, die nur darauf warten, einem den Weg aus dem Schattenreich zu verwehren.

Wie froh doch der jugendliche Mitbewohner und ich sind, dass in unserem Keller die Macht auf unserer Seite und mit uns ist, denn im Bodenbeton wacht Yoda, dem wir immer wieder „Beschütze mich“ zuflüstern. Vor allem, wenn die Zeit der Lichtanlage abgelaufen ist und die Finsternis um sich greift.

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Das neue Reisen, 8. Etappe: Das Bonuszimmer

img_0365Paradiese sind gemeinhin ja meist und derzeit um ein Vielfaches nahezu unerreichbar und vorzugsweise in weiter Ferne. Das „kleine“ Paradies dagegen findet sich gern mal vor der Haustür in Form eines Balkons oder wie in meinem Fall Gartens.

Ein Luxus, der in diesen Zeiten dem einen oder anderen als unbezahlbar gilt, wenn die eigenen vier Wände mal wieder zu eng werden und der Freiheitsdrang unermesslich. Das Bonuszimmer mit täglich wechselnden Farben. Ein kostenfreier Tapetenwechsel inklusive Frischeluftdusche.

Der eigene Garten, eine Oase vor allem für die Seele. Denn dieser ist immer auch ein Spiegelbild des Besitzers und noch viel mehr der Gesellschaft und der Beziehung des Menschen zur Natur.

Wir kennen alle die streng geometrischen Gärten hochherrschaftlicher Paläste, die sinnbildlich die Macht und Unterordnung der Natur demonstrieren. Erst mit der Aufklärung wurde die Natur im Garten als Gemälde inszeniert, die sich noch immer in den vielfältigen Anlagen in Britannien finden lassen. Nach den beiden Weltkriegen dann war der Garten ein reiner Nutzgarten und diente der Lebensmittelversorgung. Und in den 60er und 70er Jahren beherrschten grüne Rasenflächen und Sandkästen das Bild. Der Wunsch nach möglichst wenig Arbeit verwandelte den Garten in einen Wohngarten. Offene Grundrisse für eine offene Gesellschaft. Doch seit den 80er Jahren rückt zusehends der Wunsch nach einem Einklang mit der Natur in den Vordergrund.

Was also sagt der Garten über einen und das eigene Innenleben sowie das Verhältnis zur Natur aus?

Nun, bei meinem Naturflecken inmitten der Straßenschluchten erkennt das geschulte Auge sogleich, dass das Prinzip der Chaostheorie folgt. Auf den ersten Blick herrscht ein wildes Durcheinander an Nutzpflanzen, bunten Insektenimbissen und unzählige Augenweiden. Alles wuchert und wächst, scheinbar ohne Plan entlang der Zaun- und Gehweggrenzen und nur mit dem Ziel, zu wuchern und zu wachsen. Eine völlig durcheinander gewürfelte Seele. Verloren im Strom der Gezeiten.

Doch der Blick bleibt hängen. Jede Pflanze, jede Blume, jeder Strauch, jeder Stein, alles hat seinen Platz, seine Aufgabe. Exoten und Einheimische in trauter Nachbarschaft. Inseln in einem rastlosen Meer einer zerklüfteten Seele.

Der wilde, ungestüme Geist manifestiert sich in Farben, Formen und dem Zusammenspiel. Unendliche Gedankenfreiheit, die sich in den Formationen verfängt. Anker, die einen erden.

Und wie sich der Mensch ändert, so ändert sich der Garten. Ein beständiger Prozess von Entstehen und Vergehen, Aufblühen und Vertrocknen, Neubeginn und Rückzug. Ein Über-Sich-Hinauswachsen ob der Vielfalt an Szenarien, in denen lediglich die eigene Vorstellungskraft die Grenzen des Möglichen bestimmt. Denn das Bonuszimmer als Quelle ist unerschöpflich.

Das neue Reisen, 7. Etappe: Der Widerspruch in uns

img_0365Das Tor zur Hölle befindet sich gleich im ersten Stock. Nahezu lautlos gleite ich in die Küche.

Von oben kein Laut. Geschafft. So früh am Morgen genieße ich die Ruhe bei einer Tasse Tee, während die Gedanken noch den Träumen der letzten Nacht nachhängen. Ich greife nach dem Wasserkocher, der sich sträubt und nur widerwillig seinen Deckel öffnet. „Du musst leise sein“, flüstert er mir zu. Aus dem Wasserhahn fließt das kühle Nass, gluckst und gurgelt: „Du musst leise sein.“ Ich starte das Signal zur Zündung und schon brodelt es, was das Zeug hält. „Pst, nicht so laut“, presse ich zwischen den Zähnen hindurch.

Doch dann öffne ich Schränke und Schubladen. Die Kuchengabeln schmeißen sich schützend vor die Löffel und bedrohen mich mit ihren Zinken, während die Tassen um die Vorherrschaft buhlen und im Chor „Nimm mich, nimm mich mit“ singen.

Den Atem anhaltend, ein ängstlicher Blick in Richtung Obergeschoß. Die Luft zittert und vibriert.

Wie Nebelschwaden zieht der Tee durch die Wohnung. Es duftet nach Morgen und Frische und Freiheit. Das Licht bricht sich und formt einen Regenbogen über dem Küchentisch. Eine Insel inmitten der Hektik des Alltags. Vor mir ein Buch, in das ich eintrete und bisweilen gerne nicht nur verweilen, sondern bleiben möchte. In andere Welten versunken, rühre ich in der Teetasse. Kleine Wirbel lassen die sich auflösenden Kandissplitter tanzen und das Geräusch des auf Porzellan treffenden Löffels durchbricht die Ruhe. Akustische Schwingungen breiten sich aus und tropfen vom Tischrand auf den Boden, bevor sie in weiter Ferne eine Flutwelle entfachen.

Die Welt vor dem Küchenfenster nimmt Farbe an. Das Leben streckt sich, um dem Tag die Hand zu reichen. Der fahrende Gemüsehändler verkündet Ankunft und Angebot per Lautsprecher und Glockengeläut. Türen spucken ihre Bewohner nach draußen. Stimmen, bereit, der Stille ein Ende zu bereiten. Ein Vorgeschmack auf das Panorama der menschlichen Schwächen. Ein Versprechen, dass es nur eines Wortes bedarf, um Freude, Glück, Vertrauen, Zuversicht, Nähe und Liebe in Missgunst, Egoismus, Streit, Angst, Distanz und Einsamkeit zu verwandeln.

Ein scheinbar unstillbarer Hunger, immerzu nach dem einen Widerspruch in uns und dem des Gegenübers zu suchen, um ihm dann mit allem zu begegnen, was Wunden schlägt.

Das Monster im ersten Stock reißt die Rollläden hoch und durch den Türspalt ergießen sich grelle Strahlen ins Treppenhaus. Raubtierfütterung.

Das neue Reisen, 6. Etappe: Der Baum in meinem Zimmer

img_0365Es muss wohl kurz Bodenfrost geherrscht haben, obwohl der Kalender Hochsommer anzeigt, denn anders kann ich es mir nicht erklären, dass ich dem Pflänzling Unterschlupf gewährte. Ein Ahorn, ausgerechnet, der doch, trotz seiner flachen Wurzeln, eigentlich ein Schutzbaum ist. Denkbar wäre es natürlich auch, dass er mir wie eine verlorene Seele vorkam und ich deswegen nicht anders konnte.

Jedenfalls ist der Baum nun in der Wohnung und erkundet das ihm unbekannte Habitat, was auch bedeutet, dass sich quer durch die Wohnung seine Spuren verfolgen lassen. Alle Wände weisen inzwischen die Abdrücke von Zweigen und Ästen auf. „Weißt Du, wenn man irgendwo zu Gast ist, dann sollte man sich auch so verhalten“, rufe ich durchs Treppenhaus. „Wir bekommen Besuch?“, ruft der Ahorn und stolpert hastig und freudig die Treppen hinunter, wild mit den Ästen wedelnd and die Erde seiner schier endlosen Wurzeln überall verteilend. Aufgeregt raschelt sein Geäst. „Also, eigentlich meinte ich Dich damit“, ich schaue zu ihm auf, er ist wohl schon wieder gewachsen. „Ich bin doch kein Gast“, entrüstet er sich, „ich gehöre zur Familie.“ Ja, irgendwie schon, denke ich.

Als wir abends zu Bett gehen, sitzt der Ahorn schon mitten zwischen Kissen und Decken. „Liest Du mir noch eine Geschichte vor? Ich langweile mich doch nachts immer so, wenn Du schläfst.“ „Ist gut, aber nichts, was auch nur im Entferntesten spannend sein könnte“, räume ich ein, „Sonst verbrauchst Du wieder allen Sauerstoff und kannst nicht stillstehen.“

Doch dann wache ich mitten in der Nacht mit Atemnot auf. Kein einziges Quäntchen Sauerstoff scheint mehr vorhanden. Der Baum steht in der Ecke und macht Entspannungsübungen. Seine Zweige füllen das ganze Zimmer aus. Seine Krone biegt sich an der Decke entlang. „Es tut mir leid“, murmelt er, „aber ich grübele noch immer über den Sinn des Lebens nach.“ „Ist schon gut“, antworte ich, denn nur zu gut kenne ich das Gefühl, fremd zu sein. Fremd in der Welt, fremd im eigenen Ich. „Ich hole Dir jetzt erst mal was zu trinken, bevor Du am Ende noch Deine Blätter verlierst.“

Und dann gehen wir beide nach draußen, schleichen uns an den Geistern der Dunkelheit vorbei, legen uns in die Wiese und zählen die Sterne. Einatmen. Ausatmen. Und mit jedem Atemzug lassen wir unsere Träume zum Himmelszelt aufsteigen. Ein Komet kreuzt die Milchstraße und zieht seinen Schweif wie ein Netz, in dem sich alle Gedanken verfangen, hinterher.

Das neue Reisen, 5. Etappe: Morgenroutine

img_0365Benommen liege ich im Bett und treibe auf der Scholle im frühen Morgenlicht. „Stau auf der A96 Lindau Richtung München“…und schon stehen die Autos Stoßstange an Stoßstange bei mir im Zimmer und stauen sich an der geschlossenen Zimmertür. Ich hätte sie besser auflassen sollen, dann müsste ich mir jetzt nicht das Gehupe anhören und die Abgase einatmen, die sich zum undurchsichtigen Smog ausweiten. Zum Schutz ziehe ich mir die Decke über den Kopf, doch dann umklammern mich ihre vier Enden, nageln mich auf der Matratze fest und dann füllt sich das Kopfkissen mit Treibsand, in dem ich zu versinken drohe. Meine Hände versuchen irgendwo Halt zu finden, während meine Augen den Raum in der Hoffnung auf Rettung absuchen. Plötzlich stürzt die Friedenstaube aus Chagalls Bild auf mich herab, aber anstatt mir zu Hilfe zu kommen, attackiert sie den Schamanen, der gerade seinem Portrait entsteigt und in der anderen Ecke seine Pfeife raucht. Der Rauch, angestachelt vom Flügelschlagen verfängt sich in der Perlenkette, die in der offenen Schmuckschatulle liegt. Sie reicht mir ihre alabasterfarbene Hand und so hangele ich mich aus dem Bett, fühle den sicheren, festen Boden unter den Füßen.

Doch meine Beine schmerzen vom Muskelkater, den ich gestern aus 2000m Höhe unvorsichtigerweise gegrüßt habe und der sich nun niedergelassen hat und bei jedem Schritt seine Krallen ausfährt. Mit steifen Gelenken bahne ich mir hustend und tastend einen Weg durch die verkeilten Fahrzeuge zum Bad. Wütende Fratzen, hinter Windschutzscheiben gefangen begleiten mich, wenn meine Stelzen den Lack treffen.

Ich winde meine linke Hand um den Türstock, um nicht den Halt zu verlieren. Beim Hochziehen der Rollläden brennt das gleißende Licht des Supersterns durch das Glas und hinterlässt einen scharfen Rand, dort wo es auf Widerstand stößt. Es riecht verbrannt als die Nachtschatten in Ausguss und Wandlöchern Zuflucht suchen. Das Interieur ächzt unter der Last der Strahlung, die nur während der ersten Stunden des neuen Tages auf dieser Seite der Galaxie so unerbittlich ihre Kreise zieht und gleichzeitig Leben und Verderben bringt. Der Farn auf der Fensterbank schüttelt sich, bittet die Gießkanne flehentlich um Nahrung und gräbt seine Wurzeln etwas tiefer in die Erde, um der einsetzenden Sintflut etwas entgegenzusetzen.

Beim Toilettengang drohen meine Muskeln zu splittern wie Schiffsplanken und schwer atmend komme ich wieder hoch. Eigentlich würde ich gern auf eine Dusche verzichten, ich bin spät dran, aber die Wanne stellt sich mir drohend in den Weg. Sobald sich beide Füße am Emaille festgesaugt haben und ich nicht mehr umkippen kann, überfällt mich hinterrücks der Duschvorhang. „Dreh Dich gefälligst um, ich habe nichts an“, fauche ich ihn an. Beleidigt hüllt er sich in Schweigen. Dann verschwindet mein Körper unter dem Wasserfall, der sich aus dem Duschkopf ergießt. Der Lärm ist ohrenbetäubend, rechts und links stürzen die Fluten herab und reißen alles mit sich. Glucksend und gurgelnd öffnet der Abfluss seinen Schlund und ich muss aufpassen, dass meine Zehen nicht vom Strudel angezogen werden. Gleichzeitig versuche ich, den unaufhörlichen Wassermassen Herr zu werden und mit der Seife einen Schutzschild zu bilden. Doch aus dem Schaum entspringt ein Ungeheuer, welches meine Haare aufweckt. Wie der Schopf der Medusa greifen die Tentakeln nach mir, schnüren mir die Luft ab und nehmen mir das Augenlicht. Blind taste ich nach der elektrischen Zahnbürste. Wild fuchtele ich um mich, doch als Schwert ist sie unbrauchbar. Inzwischen ist der Schaum zu einer glitschigen Masse angewachsen, so dass ich die Zahnbürste mit beiden Händen umklammere, um nicht abzurutschen während ich auf Start drücke. Unvermittelt bebt die Luft. Die Vibration setzt sich durch meinen Körper hinfort und zusammen mit dem Surren erstarren die Greifarme auf meinem Kopf, so dass ich wieder zu Atem komme. Noch schnell den Hahn auf kalt stellen, um auch den letzten wasseraffinen Wesen den Gar aus zu machen.

Der Föhn schleudert mir den Saharawind entgegen. Die sengende Hitze bläst mir frontal ins Gesicht. Der Kamm nimmt den Kampf mit dem Orkan an. Dieser verfängt sich in den Zacken und zaubert so ein Schlaflied, welches den aufgebrachten Föhn beruhigt.

Auf Zehenspitzen schleiche ich zum Ausgang. Das Bett stellt sich schlafend, in Wartestellung verharrend. Der Pfeifenrauch des Indianers hat die Ketten wie Schlangen aus dem Schmuckkästchen kriechen lassen und ein Netz vor die Badezimmertür gespannt. Dahinter kann ich die noch immer wartenden Autos ausmachen. Ich ziehe mich kurz zurück und lege die Uhr an. Das Ticken friert die Zeit ein, lässt das Kettennetz zu einem Eiskristall erstarren. Ich schnappe mir den Föhn, stelle auf Überschallgeschwindigkeit und ziele. Das Eis birst unter der Wucht und die Tropfen sprühen über das Bett, welches sich wimmernd und schwer verwundet zurückzieht. Mit einem mutigen Sprung über die Motorhauben hechte ich zum Türgriff und rette mich nach draußen, genau in dem Moment, als Adele „Set fire to the rain“ singt und hinter mir die Elemente losbrechen.

Das neue Reisen, 4. Etappe: Meine surreale Wohnung

img_0365Das Telefon stottert, als es den Kühlschrank um eine milde Gabe bittet. Für den Herd, der magersüchtig und ständig auf Diät ist, aber nun beim Kamin zum Picknick mit anschließender Feuertaufe eingeladen ist.

Gespannt lauscht die Topfpflanze, ob die Bücher, die noch ihre Buchstaben abstauben und ihre Blätter sortieren, mit zur Reisegesellschaft gehören. Denn dann würde der grünblättrige Spitzel die Tasse anstupsen, welcher der Badewanne mit einem lauten Klirren Bescheid gäbe, um dem nicht genehmigten Treiben Einhalt zu gebieten.

Doch die Badewanne hat sich hinter den Fliesen verschanzt, sie ist noch immer beleidigt, weil der Couchtisch den Schreibtisch neulich wegen seiner Patina wieder einmal hänselte. Dieser hatte sich daraufhin sofort in ihrer Gegenwart in seine Einzelteile zerlegt und damit den Abfluss zum Überlaufen gebracht.

Nun schlängelt sich das Bett durch sämtliche Ritzen, um die Splitter dem Stuhl zu reichen. Zusammen mit der Stehlampe drapieren sie alles zu Ehren des Sessels in der Besteckschublade, die sofort mit dem Festmahl beginnt.

Die Spülmaschine erschrickt sich und bekommt Schluckauf. Schnell stellt sich die Tür davor, um das zarte Gemüt nicht weiter zu beunruhigen.

Währenddessen reibt sich der Teppich noch den Schlaf aus den Maschen, damit er mit der zurückgelassenen Bettdecke eine Runde Strippoker spielen kann. „Ich auch“, ruft die Stereoanlage und dreht dann für sich eine Pirouette, bevor es dunkel ist und alle gespannt der kleinen Nachtmusik des Wasserkochers horchen.

Das neue Reisen, 3. Etappe: Die Party

img_0365Mein Schreibtisch, kein Ungetüm, gemacht für ein statusträchtiges Vorstandszimmer, eher ein Sekretär, an dem es sich herrlich Tagträumen lässt. Glänzendes, dunkel gemasertes Holz, einem Tanzboden gleich. Darauf eine überdimensionale Tasse mit dem Antlitz von Till Eulenspiegel, welche als Behälter für Stifte, Lineal und Klebestift dient. Links ein Abrisskalender mit Sinnsprüchen aus dem Jahre 2018, seiner Blätter bis auf drei beraubt, Andenken, Erinnerung und Gedächtnisstütze: „Ich denke, wünschen hilft“, heißt es da. Ja, das denke ich auch und ich hätte vielleicht besser aufpassen sollen, wem ich diese Botschaft tagein, tagaus vor Augen halte.

Als erstes hüpft der Stolperstein, Symbol eines Workshops, los und schlittert über die Fläche. Wie ein Eisläufer bewegt er sich über das Parkett. Vom Kratzen und Poltern, wenn er gegen die Bande kracht, aufgeweckt, stehen die Stifte in hab-acht-Stellung. Till Eulenspiegel, der den Stifte Köcher ziert, tanzt im Kreis, gleichzeitig mit seinen Münzen jonglierend, so dass Stiften, Lineal und Schreibfeder schlecht wird. Klebestift, Schere und Tacker haben sich wohlweißlich auf einen der sichereren Plätze begeben. Und während die anderen sich über die Reling lehnen, bekommt Till Eulenspiegel Schräglage und der ganze Inhalt ergießt sich über den Schreibtisch. Die Schreibfeder findet keinen Halt und stürzt ins Bodenlose, kommt mit der Spitze auf dem Fußboden auf und bleibt stecken. Die anderen Stifte berappeln sich. Mann über Bord.

Also wird eine Rettungsaktion gestartet, auch weil die Schreibfeder von allein nicht aus dieser misslichen Lage herauskommt. Die Stifte halten Rat. Die Büroklammern seilen sich ab und während die Zurückgebliebenen nach unten blicken, kommt von hinten der Stolperstein und der Trupp verliert das Gleichgewicht. Nun liegen Bleistifte und Kugelschreiber verstreut in der Tiefe. Bei der Meldung zum Rapport stellen sie entsetzt fest, dass der Älteste, Mitbringsel eines geschichtsträchtigen Hotelaufenthaltes, sich die Mine gebrochen hat. Der Stolperstein tut so, als ob er damit nichts zu tun hätte und will sich hinter dem Tischkalender verstecken. Doch dem Klebestift platzt der Kragen und er fixiert ihn an Ort und Stelle.

Schlaubi Schlumpf, der das Spektakel von erhöhter Position aus verfolgt hat, verzweifelt ob so viel Dilettantismus und nimmt das Steuer in die Hand, wobei er eigentlich nur Anweisungen gibt. Die Lampe lässt ihr Kabel herab und das Lineal verbiegt sich zur Trage, welche langsam nach unten gelassen wird, um die Verletzten und Gestrandeten zu retten. Überschwänglich liegen sich alle in den Armen, nachdem alle wohlbehalten wieder an Bord sind.

Der Stolperstein hat zwischenzeitlich einen Tobsuchtsanfall, welcher ihn in den Zettelkasten katapultiert. Die Notizen fliegen wild und völlig verstört durcheinander, so dass Schere und Tacker mit dem Einfangen beauftragt werden. Die Schere fabriziert flink ein paar Scherenschnitte und der Tacker produziert Kraniche und andere kreative Faltobjekte, die sich unter das Volk mischen. Der Locher ist ganz aus dem Häuschen und verstreut Konfetti. Eine wilde Party ist im Gange, zu der der Stolperstein den Takt vorgibt. Sogar der Älteste macht mit, seine Mine vom Anspitzer neu poliert. Die Stifte spielen eine Runde Mikado, halten aber nicht lange still, da die Schreibfeder die anderen immer kitzelt.

Erst als Till Eulenspiegel allen im Morgengrauen eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt, ist Schluss mit dem Treiben. So, als ob nichts gewesen wäre.

Das neue Reisen, 2. Etappe: Der Fremde in meiner Wohnung

img_0365Schon in dem Moment als ich die Tür aufschließe, weiß ich, dass er wieder da ist. Und so sicher wie das Amen in der Kirche, sitzt der Tod am Küchentisch und liest seelenruhig die Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung, die meine Nachbarin mir immer in den Briefkasten steckt.

„War es Dir mal wieder zu laut, zu voll und zu viel Chaos bei Dir?“, frage ich ihn. Er blickt auf und nickt. „Gut, aber bring nicht wieder die ganzen unglücklichen Seelen mit hierher. Die letzten verstecken sich immer noch in den Lampen und lassen sich nicht zum Gehen bewegen. Wenn Du alles bei mir ablädst, dann herrschen hier bald ebensolche Zustände wie bei Dir und Du weißt, das mag ich nicht. Es gibt Regeln und Ordnung.“ „Ok“, kommt es kleinlaut hinter der Zeitung hervor.

Und so vergehen die Tage. Der Tod streift des Nachts umher und geht seinen Geschäften nach, während ich versuche, dem Fremden und seinem Treiben keine allzu große Aufmerksamkeit zu schenken.

„Hast Du Sorgen?“, fragt er mich. „Du siehst müde aus.“ „Eins sage ich Dir, wenn Du mir mit einer Deiner Ideen kommst…“, zische ich ihn an. „Ich wollte nur nett sein. Weißt Du, ich koche heute mal“, schlägt der Tod vor. Und so wird auch das zur Routine. Der Tod steht am Herd. Dann räumt er auf.

Und schon bald gibt es kein Entrinnen mehr vor seinem Putz- und Ordnungswahn. „Nimm einen Untersetzer“, sobald ich mich mit der Tasse Tee in der Hand nach einem Platz umsehe. „Das gibt sonst Flecken“, ruft er noch hinterher. Immer öfter ertappe ich mich dabei, wie ich auf Zehenspitzen durch die Wohnung schleiche, um seiner Pedanterie zu entgehen. Ja, bisweilen lasse ich sogar bewusst Sachen liegen, trage Dreck herein. Alles erscheint mir fremd und als ob dies nicht meine Wohnung wäre, fühle ich mich plötzlich als Eindringling.

„Es ist wirklich nicht mehr auszuhalten. Du nimmst mir die Luft zum Atmen.“ Der Tod umhüllt sich mit Dunkelheit. „Du kannst nicht einfach alles an Dich reißen und meine Ordnung neu ordnen. Mein Leben gerät aus den Fugen und nichts ist mehr sicher hier.“

In den folgenden Tagen sehe ich ihn nur selten, doch irgendetwas verändert sich. Ich spüre es, kann es aber nicht fassen. Irgendetwas anderes, neues Fremdes nistet sich ein. Zur Rede gestellt, meint er nur, er würde seine Sachen regeln.

Und dann passiert es: Eines Abends sitze ich auf der Couch und plötzlich schaut die Stehlampe mich an und blendet mir ins Gesicht. Und im nächsten Augenblick ist der Spuk vorbei und ich denke, dass ich mir das vielleicht eingebildet habe. Doch als ich später aus dem Badezimmer komme, kauert der Tod zitternd unter meinem Bett. „Die Seelen“, flüstert er. Ich beuge mich zu ihn hinunter. „Sie haben einen Weg gefunden.“ Noch immer verstehe ich nicht. Und dann erzählt er, dass er beim Aufräumen wohl etwas unvorsichtig war und nun die Lichter an immer neuen Stellen und unvorhergesehen auftauchen, sich wie Irrlichter durch das Mobiliar fressen. Mal hinter dem Kühlschrank, wenn man ihn öffnet. Dann flammen im Bücherregal Blitze auf und unter der Kommode flackert es. Das Schlüsselloch leuchtet, wenn die Außenbeleuchtung angeht. „Lass uns doch einfach die Lampen alle aus der Wohnung bringen“, schlage ich vor. „Wir haben Kerzen und der Kamin gibt auch Licht.“

Seine Augen funkeln. Er hat verstanden. Der Tod nimmt mich in seine Arme, die Zeit bleibt stehen und die Unendlichkeit beginnt.

 

P.S.: Vielen Dank an die beste aller Freundinnen für die wundervolle Inspiration und an den einfachen Mann, der mich tagtäglich herausfordert, Grenzen in Wege zu verwandeln.

Das neue Reisen, 1. Etappe: Der Kosmos

img_0365Das Licht ist grell, je nach Tageszeit, und dann knistern die Fugen von Fenster und Möblierung. Doch heute drückt der Wind an die Scheibe und der Regen prasselt auf den gläsernen Terrassenvorbau. Unaufhörlich. Im Sturm biegen sich die haushohen Bäume in Nachbars Garten und neben dem Rascheln der Blätter knackst und knarrt es in den Zweigen und Ästen. Die Wetterseite macht ihrem Namen alle Ehre.

Je nach Witterung vernimmt man das stetige, irgendwie monotone und doch unregelmäßige Surren der Reifen auf dem Asphalt der nahe gelegenen Bundesstraße, ganz zu schweigen von den aufgemotzten Motoren der Halbstarken, welche die 30er Zone als Abkürzung nehmen. Wobei die urbane Kulisse von überall her wie Sand ins Innere eindringt und sich niederlässt: Hubschrauber auf dem Landeplatz der Feuerwehr inklusive Einsatzwagen mit Martinshörnern aller Art, welche mich aufschrecken und das Gedankenkarussell sich drehen lassen.

Dann die Kirchenglocken, die immerwährende Erinnerung, was die Stunde geschlagen hat, sieben Tage die Woche, vom ersten Angelusläuten bis zur Abendandacht im Viertelstundentakt. Zum Glück, wenn man hier leicht ketzerisch von Glück sprechen kann, wird der Glockenturm seit geraumer Zeit saniert, so dass lediglich Feiertags- und Gottesdienstläuten erschallt, wobei mir letzteres in diesen Zeiten irgendwie sinnlos erscheint. Genauso wie der Gesang des Muezzins vor ein paar Tagen, als Sonne und Muttertag reihum alle aus ihrer Behausung gelockt hatten, nachdem Grünflächen am Vortag noch getrimmt und gemäht worden waren. Noch immer frage ich mich, ob nur jemand aus der benachbarten Siedlung uns alle an seinem Glauben teilhaben lassen wollte, oder ob der Wind tatsächlich diesen aus der entfernten Moschee bis hierher getragen hat und der Klang sich dann in den Häuserschluchten verfing und vervielfältige wie das Echo am Königssee. Vielleicht wollte auch derjenige nur ein bisschen mitmischen bei Grillparty, Spielplatzgetöse, Kaffeegeklapper und Zweiradtouren, motorisiert und muskelbetrieben.

Doch heute herrschen Wochentagsbedingungen, aus den Kellergewölben steigt der durchdringende Ton der Drechselmaschine des Hobbybastlers durch alle Ritzen und Poren nach oben. Gleichzeitig fühle ich mich wie eine Sardine zwischen pubertierendem Mitbewohner und Nachbarskind eingequetscht, das Zimmer, ein schmaler Schlauch zwischen den um Aufmerksamkeit konkurrierenden Parteien. Unvorhersehbar und jederzeit kann das Gewitter der Furie von nebenan losbrechen. Dann mischt sich die Stimme der Mutter unter. Laut, aggressiv und in einer mir fremden Sprache werden die Machtkämpfe ausgetragen. Gepolter und Türenschlagen sind die Folge. Hin und wieder lausche ich, ob und wann der Zeitpunkt zum Eingreifen gegeben sein könnte. Doch dann hämmert der Zocker im eigenen Haushalt mit der Faust auf den inzwischen wackeligen Schreibtisch und stößt ein paar unflätige Kraftausdrücke aus, die mich zusammen zucken lassen, während die Wander- und Reiseführer, gleichermaßen Zukunftsträume und Meilenstein, auf dem Regal über meinem eigenen Schreibpult vibrieren. Manchmal räche ich mich mit der Nähmaschine, die mit Vollgas über die Tischplatte rumpelt, so dass jede Kommunikation im Keim erstickt wird.

Abgesehen davon erscheint das Zimmer still, kein Ticken einer Uhr, kein Ventilator, der den Rechner verrät, kein Summen, das manch moderne Lichtquelle zur allgemeinen Geräuschkulisse hinzusteuert. Das Klicken der Tastatur geht im Rhythmus des eigenen Herzens unter. Das marokkanische Tagesbett hält Siesta und sogar die Schritte auf dem Laminat und das Zurechtrücken des Stuhles scheinen sich selbst Zurückhaltung auferlegt zu haben, so als ob sie meine Gedanken nicht stören wollten, während der Blick umherschweift und über die Bilder und Memorabilien gleitet, die den Raum füllen, ja schon fast erdrücken und mich in eine andere Welt hineinziehen, gleich einer Reise durch mein Leben. Bunt und verteilt über Orte, Länder, Kontinente und die Zeit.

Die erste große Liebe als schemenhaftes Bild verewigt, mit schüchternen Zärtlichkeiten, die Scherben des zertrümmerten Autofensters vom Familienausflug nach Straßburg, der Graffiti-Brocken der Berliner Mauer, das Korallengerippe aus der tosenden Brandung von Hawaii, das Miniaturmodell eines ratternden Oldtimers als Symbol für den ersten Wagen, der ebenso knatterte, von den Eltern mitfinanziert, der Segler in der Glasflasche als Andenken an die Fahrt auf der Ostsee unter vollen Segeln, die Parfümphiole von einem orientalischen, geschäftigen Bazar, der Casinochip aus Las Vegas, vorbei geschmuggelt an den scheppernden, einarmigen Banditen und dem Croupier, der einem ein „rien ne va plus“ hinterherruft, der Geocachingschatz, gehoben neben der Kuhweide, deren Glocken die Südtiroler Bergalmruhe weithin verkündeten.

Gegenüber der Schreibtisch, dunkel gemasert, filigran verschnörkelt, mit Messingbeschlägen zum Öffnen und Schließen der schwergängig atmenden Schublade und in einer wilden Odyssee im offenen Cabrio durch die Hollywood Hills transportiert. Darüber die Magnetwand mit all den Geschichten, die noch als Ideen umhergeistern und mir nun bei jedem Aufblicken vom Bildschirm zuflüstern, sie zu Papier zu bringen.

Die Welt als unendlicher Kosmos im Kleinen, zusammengepfercht auf 11m².