Zeitreisen in die Gegenwart: Von Grenzgängern und Grenzpendlern

Die Entfernung, die wir von Dingen oder Menschen empfinden, richtet sich nach dem Verhältnis zu ihnen und den damit verbundenen Emotionen. Der Zahnarztbesuch, auch wenn dieser noch Wochen hin ist, liegt mir schon jetzt im Magen, aber das Wiedersehen mit dem Geliebten ist gefühlt Ewigkeiten entfernt, während gleichzeitig das letzte Treffen bereits eine Unendlichkeit in der Vergangenheit zu liegen scheint. Auch wenn zwischen beidem nur eine Woche liegt. Gefühle haben eben ihre ganz eigene Zeitrechnung. Und sie lassen sich weder begrenzen, noch durch Grenzen bestimmen. Nicht umsonst spricht man von grenzenloser Liebe.

Das mit der Entfernung zu dem Geliebten und den Emotionen, die jede Trennung begleiten, liegt eben daran, dass ich, wie der Name schon sagt, den Geliebten liebe und meinen Zahnarzt eher nicht. Im Normalfall jedenfalls. So eine Sehnsuchtsliebe ist aufregend und immer auch wieder ein bisschen wie neu verlieben. Ständig hüpft man mit den Gedanken zwischen den Erinnerungen an das letzte Mal und der Vorfreude auf das nächste Zusammensein umher. Wehmut und Bauchkribbeln lösen sich nahtlos miteinander ab. Mit einem Teil des Herzens fühlt man den Küssen und Umarmungen nach, während der andere Teil die Wärme und Zärtlichkeit des nächsten Treffens förmlich schon spüren kann. Das Gefühlspendel schwingt dabei mühelos zwischen hin und her und kommt doch niemals an. Jeder Schritt, weg von der Vergangenheit, ist auch ein Schritt in die Zukunft.

Dabei vergisst man, dass es noch ein Dazwischen gibt. Leider. Denn nur auf der Grenze zwischen dem Gestern und Heute sind wir ganz. Ganz bei uns. Ganz wir selbst. Und auch ganz mit uns.

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Zeitreisen in die Gegenwart: Dinge, die das Leben besser machen

Angeblich kann man, wenn man küsst, die Zeit anhalten. Und wer sich schon mal beim Küssen hat fallen lassen, weiß um die Verzauberung der Zeit, die damit einhergeht. Das Universum dehnt und streckt sich, um allen Gefühlen Platz zu machen und nichts kann Sorgen, Ängste und das Gedankenkarussell so unmittelbar mundtot machen wie ein einziger Kuss. Eine Reise in die Unendlichkeit, die nur im Hier und Jetzt möglich ist.

From „How to stop time” by Matt Haig: “A kiss […] is like music. It stops time […] If you feel for someone, just one single kiss can stop the sparrows, they say.”

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Das Ende kommt unweigerlich, wenn ich wieder mit mir allein bin. Der Geliebte, augenscheinlich Lichtjahre entfernt. Plötzlich ist die Welt ganz nah. Zu nah.

Der Geist nicht in der Lage, der Gegenwart Herr zu werden. Der Körper taub von der Anstrengung, wieder mit der Zeit zu gehen. Die Seele, aus der Zeit gefallen, kämpft sich zurück. Das Herz, konzentriert auf den eigenen Rhythmus, um nicht aus dem Takt zu kommen. Mitunter brauche ich Stunden, um dem Alltag wieder entgegen zu treten und ihn in mein Leben zu lassen.

Die Zeit wieder in Gang zu setzen verlangt einem weitaus mehr ab als diese anzuhalten. Ein erschöpfender Kraftakt, gleich einer Metamorphose. Jeder Atemzug eine Qual, so als ob man erstmals seine Lungen mit Luft füllen würde.

Die Liebe gehört eindeutig zu den Dingen, die das Leben besser machen. Derzeit umso mehr. Küss mich doch noch mal, bitte.

“Love is where you find meaning […]. That’s the thing with time […] It’s not all the same. Some days – some years – some decades – are empty. There is nothing to them. It’s just flat water. And then you come across a year, or even a day, or an afternoon. And it is everything. It is the whole thing.“

Zeitreisen in die Gegenwart: Die Mitte

Als ich einem Kollegen vor ein paar Tagen zum Geburtstag gratulierte, hat er sich natürlich bedankt und dann meinte er: „Wieder ein Jahr…wenigstens muss man nichts können zum Alt werden.“ Da musste ich schmunzeln. Stimmt, alt wird man/frau von allein. Und dann dachte ich: Hm, also tun muss man nichts, aber nichts können? Da bin ich mir nicht so sicher.

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Als Angehörige der Generation Mitte muss ich eine ganze Menge können, schließlich bin ich das Rückgrat der Gesellschaft und erwirtschafte über 80 Prozent der steuerpflichtigen Einkünfte wie ich unlängst in einem Bericht des Tagesspiegels lesen durfte. Also nicht ich allein, sondern wir alle, die sich da so in der Mitte tummeln.

Die Mitte ist grundsätzlich ja eher nicht so der beliebteste Ort. Weder beim Betreten des Aufzuges noch beim Erfolg. Individuell ist sie auch nicht und irgendwie hat es was von Enge und Sardinenbox. Mitte klingt auch ein bisschen nach mittelmäßig. Angepasst und konform und eigentlich mit allem, was einen „guten“ Deutschen charakterisiert und ebenso auch glatt wie langweilig macht. Wo wir doch alle immerzu auf der Suche nach dem Ich, dem Herausragen und unserer Einzigartigkeit sind. Am besten ganz oben. Da, wo es einsam und rau und heroisch zugeht.

Gleichzeitig ist die Mitte aber auch ein sicherer Ort. Man läuft nicht Gefahr, am Rand abzustürzen, den Anschluss zu verpassen. Im Tierreich sind die Außenseiter meist immer diejenigen, die zuerst gefressen werden und es bei der Partnerwahl schwerer haben. Angepasst sein führt in dem Fall zu einer höheren Überlebenschance und Akzeptanz. Der Einzelgänger muss weitaus mehr Energie und Kraft aufbringen und mehr Risiken eingehen.

Der eine oder andere mag sich, wenn auch dunkel, an die Sicherheitshinweise beim Fliegen erinnern: „Sollte der Druck in der Kabine sinken, fallen automatisch Sauerstoffmasken aus der Kabinendecke. In diesem Fall ziehen Sie eine der Masken ganz zu sich heran und drücken Sie die Öffnung fest auf Mund und Nase. Danach helfen Sie mitreisenden Kindern“, und anderen Hilfsbedürftigen, möchte ich hinzufügen. Heißt im Klartext: Ich kann anderen nur dann helfen, wenn ich nicht (mehr) gefährdet bin, beziehungsweise nicht mehr Druck auf mich ausgeübt wird, als ich schultern kann. Denn wenn ich ausfalle, dann hat das Folgen: Auf die um mich herum und das Gleichgewicht in der Mitte.

Die Mitte ist so gesehen ein toller Ort, denn die Mitte ist auch das Zentrum. Es lässt sich in alle Richtungen blicken. Hier läuft alles zusammen. Wenn also jeder ein bisschen mehr in die Mitte rückt, dann gibt es weniger Angriffsfläche. Das Boot kentert auch in unruhigem Fahrwasser nicht bei jeder kleinen Untiefe. Und gemeinsam an einem Strang ziehen lässt sich in jedem Alter, ist absolut kein Privileg der Generation Mitte, denn die an den Rändern gehörten selbst einmal dazu oder werden es zukünftig. Und aus der Mitte heraus können ganz viele wunderbare Dinge entstehen. Dazu muss man nur einmal in sich selbst hineinhorchen. Nicht nur an Geburtstagen und anderen schicksalsträchtigen Momenten.

Zeitreisen in die Gegenwart: Brettspiel für Götter

„Wer entscheidet das eigentlich alles?“, meint meine Freundin. Nein, sie meint nicht die Maßnahmen und Verordnungen und Gebote und Richtlinien, welche uns seit Monaten begleiten und bestimmen. Sie meint das Leben und dessen Verlauf an sich. Ja, wer entscheidet eigentlich, ob man dick oder dünn, groß oder klein, blond oder braun, reich oder arm usw. ist? Und wer entscheidet, ob man vom Pech verfolgt wird oder eine Glücksträhne nach der anderen hat?

Es ist doch, wenn man mal die Biologie und andere rationale sowie wissenschaftliche Begründungen außer Acht lässt, die immer wiederkehrende Frage nach dem Sinn und dem, was wir mit unserem Verstand und unseren Sinnen nicht fassen können, oder hin und wieder auch einfach nicht wollen. Das, was der eine das Göttliche, der andere das Schicksal, der nächste Karma nennt.

Zu schön und tröstlich aber auch der Gedanke, dass es da etwas geben könnte, auf das wir einfach keinen Einfluss haben, das weder durch unsere Gene, Kultur und Herkunft noch Erziehung bestimmt ist und das sich von unseren vielen großen und kleinen Taten nicht am der Lauf der Dinge hindern lässt. Ein Spielbrett, von fremder Hand die Figuren geführt. Vorwärtsrücken, im Kreis laufen und dann wieder auf Anfang zurück geschmissen werden. Der Spruch „Der Mensch denkt, Gott lenkt“, mag einem dazu einfallen.

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Krisenzeiten eignen sich ganz besonders, sich den Status einer Marionette überzustülpen. Macht- und tatenlos begegnen wir dem, was uns die Sprache verschlägt. Zu übergroß die Dimension, zu gewaltig die übermenschlichen Gegenspieler.

Dann erscheint es uns, zumindest kurzzeitig, leichter, unser Leben als etwas zu betrachten, das nicht wir in der Hand haben, sondern für uns gehandhabt wird. Die Sehnsucht nach dem paradiesischen Urzustand, in dem wir sorgen-, aber eben auch unfrei umherwandeln. Wer sich gern so sieht, sollte dabei nicht außer Acht lassen, dass uns allerdings auch erst die Selbsterkenntnis befähigt, uns weiterzuentwickeln.

Und so ist letztlich die Vorstellung, dass irgendwann wer auch immer entschieden hat, dass wir Menschen nicht weiterhin im infantilen und primitiven Zustand des Paradieses als Spielfigur im Brettspiel der Götter auftreten, sondern agieren und Verantwortung übernehmen, mehr als ein Gewinn. Schließlich schmeckt auch der sauerste Apfel süß, wenn er uns auf dem Spielfeld des Lebens die Augen öffnet und uns vorrücken lässt. Denn wir können mehr. Wir sind mehr.

Ein Gedankenspiel mit der besten Freundin hilft natürlich auch in so mancher Krise.

P.S.: Liebste Freundin, alles erdenklich Gute zum Geburtstag. Wir machen einfach da weiter, wo wir aufgehört haben.

Zeitreisen in die Gegenwart: Der Herzschlag-Wecker

Sicher bin ich mir nicht, aber die ersten Augenblicke eines neuen Morgens sind sicherlich etwas sehr Individuelles und Persönliches, ja sogar Intimes. Rituale spielen dabei und im Leben überhaupt eine große Rolle, geben uns Halt, Richtung und sind auch Routinen, die wir nicht immerzu und ständig neu erlernen müssen. So kostet jede Veränderung Energie, Kraft und je nach Dauer und Intensität auch Nerven. Besonders, wenn man selbst wenig bis gar keinen Einfluss auf diese hat.

Und ich weiß, wovon ich rede, denn mein Badezimmer wird renoviert. Und das nun schon seit vier Monaten. Und nein, ich habe kein Dixi-Klo im Vorgarten und wasche mich nicht notgedrungen, weil Badeanstalten und Wellnesstempel (mal wieder) geschlossen sind, an der Spüle. Ich schwelge im Luxus, ein zweites Badezimmer zu besitzen, auch wenn es vom Ursprungsgedanken her das des jugendlichen Mitbewohners ist.

Über was ich allerdings nicht verfüge, ist ein zweites Schlafzimmer. Leider. Meines ist nämlich aufgrund der baulichen Gegebenheiten derart mit dem Badezimmer verbunden, dass es eben während der Umbaumaßnahmen nicht nutzbar ist. Großes Leiden geht damit einher. Allseitiges wohlgemerkt.

Inzwischen betreibe ich so etwas wie Camping in der eigenen Wohnung. Mal schlafe ich auf der Couch, dann im Büro/Gästezimmer auf dem 70cm breiten Futonbett, oder ich nächtige ebenerdig auf einer aus allen Decken, die mein Haushalt so hergibt, konstruierten Bettstatt. Das ist einerseits ganz schön, weil man so immer eine andere und wechselnde Perspektive hat, andererseits aber sich allmorgendlich erst einmal sortieren und fragen muss, wo man gerade ist, wie man dorthin gelangt ist und wann der Spuk endlich vorbei ist. Der Stresslevel ist ergo schon vor dem eigentlichen Morgen auf der Beschleunigungsspur, zumindest bei mir.

Und was diesen dann noch zusätzlich verstärkt, ist die Tatsache, dass ich auf meinen geliebten Radiowecker verzichten muss. Also, eigentlich ist es eher eine Hassliebe, wenn man so will, denn zum einen leuchtet das Display zu nachtschlafender Zeit dermaßen hell, dass ich immer ein Tuch darüberlegen muss, damit auch tatsächlich so etwas wie Dunkelheit herrscht. Dann lässt sich natürlich die Uhrzeit nicht mehr ablesen, aber das ist sowieso so eine Sache, denn, und das wäre der Punkt „zum anderen“, der – Achtung – Funkwecker geht falsch. Also, gehen tut er natürlich nicht, aber die Zeit wird falsch angezeigt. Und zwar mit zunehmendem Alter, also das des Weckers, meines ist ein anderes Thema, gleichermaßen zunehmend. Mittlerweile sind so im Laufe der Jahre fast vierzig Minuten zustande gekommen, die der Wecker seiner Zeit voraus ist. Und, ja, richtig gelesen, es ist ein Funkwecker. Ich weiß, das erscheint unlogisch, unplausibel und total unmöglich, ist aber so. Anfangs habe ich mich noch gewehrt und nach einem Zauberknopf gesucht. Jede Menge hübscher Tasten sind vorhanden, aber eine, um die Uhrzeit einzustellen, ist nicht dabei. Macht ja auch Sinn, es ist ja ein Funkwecker, der sich nach dem Funksignal einstellt bzw. einstellen sollte. Nun, wir haben ja alle unsere Macken, warum also nicht auch ein Funkwecker, der das ihm gesendete Signal einfach ignoriert und nach seiner eigenen Zeit lebt. So gesehen eine schöne Vorstellung, nach der eigenen Zeit zu leben, unabhängig und losgelöst.img_1508

Aber zurück zum Indoor-Camping und der Herausforderung des Aufwachens in einer Wohnung, die mittlerweile mehr Baustellen- und Lagerhauscharakter hat, als my-home-is-my-castle-Eigenschaften, denn miteinhergehend mit dem nächtlichen Wanderlager verzichte ich eben auch auf den hassgeliebten Radiowecker. Ausstöpseln, Einstöpseln. Nein, noch mehr Arbeit kann ich beim besten Willen nicht brauchen. Stattdessen muss, in Ermangelung eines adäquaten Zweitweckers, das Handy herhalten.

Und auch, wenn ich zwischenzeitlich der Technik Herr geworden bin, so hat das Aufwachen mit mobilem Endgerät noch immer eher so etwas wie Feueralarmcharakter. Sanft und liebevoll aus dem Reich der Träume geholt werden, geht anders.

Und auch da weiß ich, wovon ich rede, denn wenn der Wecker an meiner Seite, der mein Herz immer mal wieder aus dem Takt bringt, mich guten-morgen-küsst, dann ist das ein von Routine weit entferntes Ritual und der perfekte Start in jeden noch so nervenaufreibenden Tag. Danke.

Zeitreisen in die Gegenwart: Codename Titanic

Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“, so heißt es bei Jürgen Markus. Und manchmal ist das neue Leben sogar so neu, dass es einen selbst und alles Bisherige gehörig durcheinander würfelt. Viel Unsicherheit und manches Zögern geht damit einher. Beiderseitiges. Kopfmenschen mit hypersensiblen Antennen wie meiner einer wissen, wovon ich rede.

Statt Rückenwind, der einen von einer Wolke sieben zur nächsten trägt, steht man so manches Mal im Auge des Orkans. Unlängst hat mich das zu der Aussage veranlasst, dass ich mir in solchen Zeiten einfach vorstelle, ich wäre die Rose aus „Titanic“ und würde vorn am Bug des Schiffes stehen. Der Geliebte als Halt, Anker und Augenöffner hinter mir.

Die Romantik dieser Szene reicht dann bis zu dem Gedanken an die Zukunft, wenn einem klar wird, dass es statt Happy End zur Katastrophe kommt. Zumindest im Film. Vorerst. Denn noch sind wir eher wie zwei Planeten, die sich umkreisen, gleichzeitig gleichermaßen zu einander hingezogen wie von der eigenen Masse auf der zugehörigen Umlaufbahn fixiert. Und dann versuchen Zweifel wie Gewichte sich an mich zu hängen und ich frage mich, ob ich nicht nur als Wind- und Wellenbrecher an erster Stelle stehe denn als geliebtes Wesen.

Die Angst vor dem Schiffbruch ein ständiger Begleiter und so rufe ich dem Geliebten das Codewort Titanic zu, wann immer der Sturm in mir tobt, damit er weiß, dass ich kurz vor dem Untergang bin.

Zeitreisen in die Gegenwart: Junge Liebe in Krisenzeiten

Flügel sind ja etwas sehr Schönes, außer man ist Daidalos, der Vater von Ikarus. Oder Ikarus selbst. Und wo wir schon mal bei der Annäherung an zu heiße Themen sind, was ist eigentlich mit der Mutter von Ikarus? Genau, ich habe keine einzige Silbe über diese gefunden. Ob das nun ein gutes oder schlechtes Zeichen ist und sie das ganze Unheil nicht miterleben musste, sei dahingestellt, aber wenn der Nachwuchs im wahrsten Sinne des Wortes flügge wird, dann sind Mütter nach wie vor der Fels in der Brandung. Nur bei ruhiger See kommen sie in den Heldensagen eher nicht vor.

Die aktuelle Krise hinterlässt vor allem bei Kindern, auch wenn diese schon fast erwachsen sind, deutliche Spuren. Und auch, wenn der Jugend von heute nachgesagt wird, dass sie ihr Leben in den hellen und dunklen Weiten des Internets verbringt, so hat sich 2020 ganz klar gezeigt, dass dies mitnichten der ganzen Wahrheit entspricht. Freunde sind unerlässliche Weggefährten auf dem Weg zu den Sternen und der eigenen Flugbahn. Umso mehr, wenn die Zeiten düster sind.

Erst acht Wochen lang keine Schule und in unserem Fall nur ganze zwei Mal eine virtuelle Stunde, ansonsten herrschte im schulischen Kosmos absolute Dunkelheit. Sonnenfinsternis. Dann ein paar Wochen Blockunterricht, bei zwar keiner totalen, aber doch partiellen, sehr hartnäckigen Sonnenfinsternis. Zum Glück für die gestressten Lehrer und Schüler kamen dann die Sommerferien. Sechs Wochen lang so etwas wie Leben bei voller Beleuchtung, doch schon vier Wochen nach Schulstart dann wieder Blockunterricht. Und immer drohte die erneute Schließung und/oder der unmittelbare Kometeneinschlag in Form nur eines einzigen Falles. Ich schätze, Damokles saß weitaus entspannter auf seinem Thron, als der jugendliche Mitbewohner auf seinem Stuhl im Klassenzimmer bei Durchzug und Minusgraden. Ist aber eine andere Geschichte.

Im Grunde war es letzten Endes nur eine Frage der Zeit. Eine Wahrscheinlichkeitsberechnung, die auch schon Daidalos angestellt haben mag. Nicht zum Spaß hatte er dem ungestümen Sprössling eindringlich zugeredet. Doch auch schon zu Ovids Zeiten hatte die Jugend ihren eigenen Kopf und eben den unbändigen Drang nach Leben und Freiheit. Wenn dann noch die Liebe hinzukommt, dann scheint der Feuerball am Firmament doppelt so heiß. So nach und nach verabschiedeten sich um uns bzw. das Schulkind herum mal die, mal jene Klasse, mal der Jahrgang und nun also die gesamte eigene Jahrgangsstufe. Vierzehn Tage Quarantäne für alle. Als Mutter ist die Krise auch eine, die einen von mehreren Seiten trifft. Wie Sonnenstürme, die ohne Vorwarnung losbrechen und das häusliche Universum in Ungleichgewicht bringen. Und so kam es dann.

Mami, ich habe gerade mit meiner Freundin telefoniert. Und sie hat, ungelogen, am Telefon geweint. Eine Stunde lang. Was soll ich denn jetzt machen?“ Achtung, denke ich, jetzt bloß nichts Falsches sagen und dann denke ich: Herrlich, so eine junge, romantische erste Liebe.
Sie ist halt traurig“, setze ich vorsichtig an.
„Ja, alle ihre Freunde sind jetzt in Quarantäne.“
„Dann schreib ihr doch einen Brief. Oder eine Karte. Oder wir schicken ihr was. Das bringe ich dann zur Post.“
„Hm.“ Ok, streng Dich an, Mutter, der Nachwuchs scheint selbst schon bei der Aussicht auf vierzehn Tage verordneten Hausarrest, den vom Frühjahr dabei kaum verdaut, in Depressionen zu verfallen.
„Komm‘, wir schicken ihr einfach die Kuscheldecke, die Du als Weihnachtsgeschenk für sie hast. Besser, wir bringen sie ihr vorbei.“
„Aber was schenke ich ihr denn dann? Das war das perfekte Geschenk.“
„Da finden wir schon was.“
„Aber die anderen Sachen sind alle so teuer.“ Oh, jetzt wird es interessant, die Herzdame hat offensichtlich einen ausgewählten Geschmack, was ja auch schon ihre Wahl des Herzbuben eindeutig beweist. Mutterstolz.
„Was wünscht sie sich denn sonst noch so?“
„Wart, ich habe das eine Liste.“
„Eine Liste?“
„Ja, immer wenn sie was gesagt hat, was ihr gefällt, habe ich das aufgeschrieben.“ Ich glaube, ich muss mich setzten. Wo hat der Junge das nur her? Die Romantik dieser Aussage überfällt mich dabei fast.
„Weißt Du was, wir bringen ihr Dein Kopfkissen.“
„Oh, ja.“ Super gemacht, Mutter.

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Und so wird der Seelentröster, in Parfüm getränkt, der Angebeteten vor die Tür gestellt. Herzklopfen in dunkler Sternennacht. Junge Liebe. Hoffnung in Krisenzeiten.

Zeitreisen: Intermezzo

„Schreib doch mal wieder was Lustiges“, bat mich unlängst meine Freundin. Und recht hat sie. Die Vergangenheit, zumindest meine, scheint doch recht düster, wenn ich mir die Texte der letzten Zeit nochmals so zu Gemüte führe. Allerdings ist die Gegenwart ja derzeit nicht gerade ein Ort, an dem ich, ebenso wie viele andere wohl, momentan allzu gern bin. Vielleicht wurde der Ausflug in die Vergangenheit auch deswegen zu einer Reise zu Begebenheiten, die von Schwermut und Wehmut geprägt waren, in denen Verlust in der einen oder anderen Form eine Rolle spielt.

Ja, wir haben im Laufe unseres Lebens viel zu verlieren und die Trauer darüber hat absolut ihre Berechtigung und braucht ihre Zeit. Aber: Wir sollten nicht das, was wir haben an das, was gewesen ist, verlieren.

Nun ziehe ich also die Grenze zwischen Gestern und Heute. Die Gegenwart, so hart, verunsichernd und bisweilen hoffnungslos sie auch sein mag, es ist die Zeit, in der wir alle leben.

Die Zeit selbst lässt sich schließlich anhand verschiedener Parameter betrachten. Da wäre zum einen die Kultur. Es gibt monochrome und polychrome Sichtweisen auf die Zeit. Einmal die konkrete und verlässliche Herangehensweise, an Abläufe und System gebunden. Und die andere Sicht auf die Zeit als etwas Dehnbares, was sich an Menschen und Ereignissen orientiert. Sogar eine Wertung lässt sich daraus ableiten, die den jeweiligen Komponenten ihren Stellenwert zuschreibt. Zum anderen tickt die Uhr je nach Klimazone, Industrialisierung, Bevölkerungsdichte und Wohlstand anders.

Ich finde das spannend, denn all dies bietet einem doch auch den Raum und letzten Endes die Möglichkeit, in einer eigenen, individuellen Zeit zu leben. Wie schön, dass es die Gegenwart gibt.

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Zeitreisen in die Vergangenheit: Gustav and the Vienna nights

Vorwort: Andere Zeit, anderer Ort, andere Sprache. Wie sagte mein Chef doch neulich so schön: „Those were the days“.

So, it was decided: I will come and meet you. “1 day, 2 nights, 3 meals a day and coffee breaks in-between” we put in the “contract”. And with that the story starts:

About 7 days to go and I’m already so nervous, that I have a hard time to concentrate and fall asleep. By the time I’ll arrive in Vienna I’ll be so sleep deprived that you probably can try/do everything and I won’t object. Come to think of it, I need to find out about the “sleeping arrangements”. My mind says, I should definitely get my own room. Just in case, if something goes wrong. I mean, I don’t know you. I have no idea about your true intentions and if you are, who you are.

About 5 days to go and my friends all have their good intentions and advice to offer – asked for it or not: “Just be careful.” “Don’t fall in love.” “Have a good time.” “Enjoy yourself.” “Just don’t come back all sad and unhappy.” “If you don’t call me by Friday morning, I’ll call the hotel/police.” That just did it: They have a point, actually more than one. In reality I have no clue, who you really are. Maybe you have some very sick, wooly thoughts and I’ll end up as a missing person case. I must be clearly out of my mind to have agreed to this meeting on neutral ground.

About 2 days to go: Oh dear, you really want to share a room, meaning a bed. Ok, let’s not get all head-over-heels. This doesn’t imply anything. I just need to remember to look for an “emergency exit” and any “weapons” hidden under the bed.

D-Day. D, like in date or disaster or decision or destiny. Do I really want to challenge my destiny and find out, if my guardian angel has a working permit for Austria? I think I’ll just stay in the train and hide under my seat. Maybe you’re not even there. What, if I don’t recognize you? And then I just walk past you? This is ridiculous. Of course, I will know who you are. And anyway, how many people/men can there be waiting for someone arriving with a train close to 10pm?

Gosh, this is quite a long way down the platform. Can’t see, if someone is waiting at the end. So, maybe you got cold feet. Or you’ll wait until everybody is gone and then just jump out from behind a pillar and kidnap me and then that was it. Ok, I better get my act together, this is not a b-class movie. And then I see you. There you are. Standing at the end of the platform. Waiting. Waiting for me. And you smile. Yes, that’s you. Your smile. You’re clutching your hands together, holding on to your gloves and hat. Lucky me, I have a suitcase and a handbag I can hold on to. And what now? But then you just take me in your arms and embrace me.

Neither of us has a clear plan about what happens next or what to do. And as always, when I’m nervous or excited or scared or had too much caffeine I talk. I talk a lot. The entire time. Without taking a breath. I’m sure you notice. Already you look kind of funny at me. We decide to try to get to see the Dome, then walk towards the river Danube. The Dome, of course, is closed. So, I follow you along all the streets you guide me to. Like a little, overly trustful lamb. And I talk and talk and talk and I’m not even sure, if you can follow my endless senseless jabbering.

At one point we’re standing at the canal, looking at the river Danube. Oh, this is nice. And I talk and talk and talk – afraid to really look at you. I’m afraid, whenever I stop talking, you’ll try to kiss me. Then we get to a park. A really deserted park. And of course, we make fun about it. We make all kinds of silly remarks about friends walking by and checking in on me to see, if I’m safe.

Back at the hotel, we sit at the bar. You keep playing with my hair, touching my neck. Eventually you suggest to go upstairs. How are we going to do this? This is awkward, us sharing a room, a bath, a bed. The bed! Oh my, the bed already screams with anticipation. Ok, no need to get all worked up right now. This is just us.

7.04 AM: As soon as you’re gone, it’s getting cold in bed. And not only that: Instantly my mind is up and running. But I’ll try to shut it down and go back to sleep. So, I drift in and out for a little while. No use. Besides, thinking about the evening and night, I’m afraid you might have forgotten to put the DND-sign on the door and the maid will march into the room. And being a maid, she’ll know, that I’m not the one I should be. Where is the key anyway? Don’t tell me, you forgot to leave the key? I’ll never be able to walk to the front desk. What in the world am I going to say? “Hi, I’m staying with Mr. X. in room 453 and he didn’t give me a key.” And then the lady behind the counter will check and there’s only one registered person and then she’ll look at me and ask me, who I am, already enjoying this moment and thinking about the story she’ll tell her co-workers. No, can’t go to the front desk. So, what am I going to do?

9.31 AM: Found the key. Phew, right next to the door. So, no embarrassing encounter with the front desk lady. But for sure there’s no DND-sign on the door. Upon walking along the hallway, the maid greets me. Yes, I know, I’m not the one I should be. Don’t look at me like that. So, where is the breakfast room? A staff member directs me in the right direction, looking me up and down. Oh, come on I could be a regular guest. The receptionist asks for the room number. Yes, I know, I’m not the one I should be. But she tries to look normal. Nothing, she hasn’t seen before. I grab a newspaper and take a seat. Carefully I survey the restaurant: Why can’t I shake of the feeling, that everybody is looking at me? Is there something wrong with my hair, clothes, make up? I mean, I know, I probably look tired, but surely, they can’t all sense my guilty feelings.

Gosh, I’m so tired. Not sure, if I can eat anything. After forcing down an omelet, lots of juice and tea, I start to feel a little bit better. I’m actually feeling also comfortable, sitting there, drinking tea, reading the paper and in no hurry to go somewhere. Very glamorous. It’s a pity you’re not here, having breakfast with me and feeling all grant.

11.21 AM: I walk through the revolving door and instantly I’m thrown into the cruel daylight with all its noises and hectic. Instantly the cold starts to creep into my body. The blowing wind is almost freezing. But the sun is shining and that gives me hope that it’ll get warmer and I make my way to the “Naschmarkt”, which isn’t far from the hotel. The daily market is like a little island in the middle of the ocean – left and right, there are busy streets. But once I enter the area of the “Naschmarkt” I feel like stepping into another world and the noises from the streets around are tuned out. All those little shops, stalls and stands. They offer different kinds of spices, vegetables, fruits, meat, poultry, fish, tea, coffee, sweets, bread and all kinds of everything from all around the world. The vendors want me to try olives, Turkish sweets, Asian snacks and some dishes I have no clue about. But I just want to see the variety, imagine the ways they’ve travelled and take in the smell.

11.57 AM: I decide to retrace the steps from last night – some of them at least. The streets, the city looks so different in daylight. This time the Dome is open and it’s crowded. So, I choose a little altar to the side. I light a candle and sit there, listening to all the voices around me. I close my eyes, feeling almost peace wrapping itself around me.

12.47 PM: Need a coffee, otherwise I’ll never be able to stay awake any longer. I feel like an alien walking through the streets. I’m that tired. Ah, this smells good. Fresh coffee. Around me people from everywhere, talking in different languages and accents. I love big cities. The whole world in one single coffee shop, mixed and tied together.

1.29 PM: Still no message from you. What now? I guess, I have to visit the Belvedere museum by myself. Luckily, I enter the park from the back. In front of me stands the castle, majestic and impressive, overlooking the city, nestled into a beautiful park. The sky in the back of the white palace is amazing: All shades of blue and grey. The sun is still trying to fight the clouds, the wind is pushing towards the city. All reflecting in the fountain and windows. Small flakes of snow are already falling to the ground. And the wind is like ice. This is like a good painting too.

img_1435I head straight for the paintings I came for: Gustav Klimt. And just like that I’m blown away. Never imagined there would have such a glow to them. The colors are overwhelming and the compositions so intense and the emotions they trigger breathtaking. I use every opportunity to sit down and look at them, taking them in, getting absorbed by their beauty. Some are small, others simply huge, some remain unfinished, but each creating a feeling of fulfilment and completion.

3.52 PM: Finally, I’m back at the hotel. That was quite a long walk. Back in the room I feel even more exhausted. Maybe I’ll try to sleep. Shouldn’t be a problem after missing a complete night. While listening to some music, I try to relax and rest. Although way beyond tired and exhausted, I can’t fall asleep. Finally, I give up, turning up the volume and dancing around the room.

5.43 PM: You’re back. And you’re talking just like me the evening before: Without taking a breath. Slow down, I want to kiss you. So happy, you’re back. You’re back and for this evening and the following night you belong to me…

Zeitreisen in die Vergangenheit: Vom richtigen Zeitpunkt

Als ich Dich vor Jahren traf, waren wir unserer Zeit voraus und wir für sie genauso wenig reif wie sie für uns.

So kehrte sie sich gegen uns und wir verloren uns in endlosen Streitereien. Du konntest in ihr nur verlorene, verschwendete, vergeudete Zeit sehen. Ich war stets nur in der Lage, Deine Fehler zu sehen.

Und mit einmal gehörte unsere gemeinsame Zeit der Vergangenheit an.
Jeder für sich ging seinen eigenen Weg, der ihn vom anderen wegführte.
Deine und meine Zeit war eine andere geworden. Sie verging.

Die Wunden wurden zu Narben, die bei jeder Erinnerung schmerzten.
Und selbst als unsere Zeit schon lange vorbei war, fanden wir Zeitpunkte und Worte, einander weh zu tun.

Mit dem Voranschreiten der Zeit, verblasste der Hass und der Groll und verwandelte sich in ein zeitloses Vakuum.

Das Millennium ging zu Ende und wir erinnerten uns beide an ein einst gegebenes Versprechen. Doch noch immer war die Zeit nicht reif. Du und ich waren nicht in der Lage, das Versprechen einzulösen.

Und erst, als ich mit dem Tod konfrontiert wurde, erkannte ich, dass man Zeit nicht aufsparen kann, und dass sie zu kostbar ist, um in lang vergangenen Zwistigkeiten fortzuleben.

Der Zeitpunkt war gekommen. Und diesmal war die Zeit reif. Und wir waren es auch.

Wir definierten die Zeit für uns neu. Die Zeiger bewegten sich im Gleichschritt. Und auf einmal war unsere Zeit das Einzige, was wir einander geben konnten.