Der Mensch lebt nicht vom Brot allein

…, auch nicht von Mehl, Hefe (wird ja gerade zu Preisen wie Gold im Internet verkauft) und Wasser. Und der Geist erst recht nicht.

Brotbacken mag ja eine schöne Beschäftigung sein, wenn einem vor Langeweile die Decke auf den Kopf fällt und der Lagerkoller die eigenen vier Wände auf die Größe eines Wandschrankes schrumpfen lässt. Doch der Geist ist ein unersättlicher Genosse, dem nur schwer beizukommen ist und der selten zufriedenzustellen ist.

Aller körperlichen und geistigen Tätigkeiten, die man in seiner bis dato kostbaren Freizeit betrieben hat, beraubt, schießen die Angebote, diesen nachzugehen, nur so aus dem Boden…äh, dem Netz. Der Erfindergeist ist also weder dem Virus noch dem Konsum erlegen, wofür ich absolut dankbar bin. So viel Nähe, also räumliche, sind wir ja alle nicht (mehr) gewohnt und es dürfte niemanden verwundern, dass der Anstieg der häuslichen Gewalt sich proportional zur Dauer der Ausgangsbeschränkungen verhält. Ebenso die Depressionen.

Wir können einfach nicht mehr miteinander, schon gar nicht auf engem Raum und schon gar nicht auf Dauer. Das dürften die Trennungsraten nach den schönsten Wochen des Jahres und den friedvollen und besinnlichen Feiertagen eindrucksvoll untermauern. Und manchmal kann man auch nicht mit sich selbst allein sein.

Das Privileg, sich die weite Welt per Klick nach Hause zu holen, auch wenn es nicht mit 5G daherkommt, nehmen wir als selbstverständlich. Und dass wir nun nicht nur mit Streamen und Katzenvideos unsere Zeit verplempern, sondern auch mit immer mehr Apps und Diensten tatsächlich der Zeit in dieser Zeit einen Sinn geben können. Und das Angebot nimmt zu, nahezu tagtäglich wird der Markt mit neuen Zeitnutzungs- und Zeitvertreibungsmöglichkeiten schon fast überflutet.

Selbst ich, sonst ja ganz gern mal analog unterwegs, bin dem erlegen und habe mir ein paar Seiten als Favorit gespeichert und diverse Apps gegönnt. Und fast habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich das alles kostenlos frei Haus bekomme. Nun gut, selbst das Handy sagt, ich soll daheimbleiben.

Handy

Nun lausche ich, wenn die Nachrichten mal wieder Überhand nehmen, den Klassikkonzerten der Berliner Philharmonikern, oder meditiere live mit tausend anderen und versuche, meinen Geist einzufangen. Das Wohnzimmer wird mit der entsprechenden App zur Sporthalle. Es gibt Literaturlesungen und Theateraufführungen. Solch regen Anteil am kulturellen Leben nehme ich sonst das ganze Jahr nicht. Vor allem aber bringen diese Gadgets auf andere Gedanken und sorgen für Ablenkung.

Das ist alles gar nicht so schlecht, aber kommt natürlich nicht an das Original ran. Denn das Gefühl ist meist ebenso künstlich wie das virtuelle Erlebnis. Oh Mann, wie ich das Leben vermisse.

 

 

Gemischte Gefühle

Neulich hat eine Freundin per WhatsApp geschrieben, dass um 21 Uhr die Kirchenglocken läuten würden und wir doch alle eine Kerze anmachen sollten. Bis zu dem Zeitpunkt kannte ich nur das Singen für die Menschen im Gesundheitswesen und das Klatschen für diejenigen, die den Laden am Laufen halten bzw. in anderen systemrelevanten Sparten tätig sind. Oder umgekehrt.

Das mit der Kerze war mir neu und ich habe es ehrlich gesagt auch nur deswegen gemacht, weil die Bitte von meiner Freundin kam. Inzwischen weiß ich nun, dass die Kerze für alle Verstorbenen steht und freue mich im Nachhinein, dass ich in dem Fall doch mitgemacht habe. Wenn auch mehr aus persönlichen Gründen denn aus Solidarität.

Kerze

Ansonsten sehe ich diese Akte der Wertschätzung mit gemischten Gefühlen. Ja, ich finde es wichtig und vor allem wirklich schön, dass wahrgenommen wird, was Krankenschwestern, Ärzte, PflegerInnen, KassiererInnen, Paketboten etc. tagtäglich durchmachen. Eine Leistung, die bis vor kurzem noch nicht einmal als solche gewürdigt wurde und schon gar nicht honoriert.

Heute sind wir also einen Schritt weiter, aber geändert hat sich doch eigentlich nichts, wenn noch immer Menschen, die Hilfe leisten, angepöbelt und/oder bedroht werden und im Supermarkt Beschwerden an der Tagesordnung sind.

Ich bin bestimmt kein Gutmensch, um dieses „schöne“ Wort mal zu benutzen, und generell nicht besser als der Großteil der Gesellschaft und genauso alltagsblind in meiner Wahrnehmung, aber ich weiß auch aus eigener Erfahrung, dass Dienstleistung ganz allgemein als selbstverständlich hingenommen und obendrein noch mies bezahlt wird. Meine Mutter hat es einmal, als ich mich für einen elterlichen Zuschuss bedankt und gleichzeitig für meine monetäre Unselbständigkeit entschuldigt habe, so auf den Punkt gebracht: „Wenn ich gewusst hätte, dass Du so schlecht bezahlt werden würdest, hätte ich Dir davon abgeraten.“ Und meine Tante, die eine leidenschaftliche Ärztin war, hat, als ich wie wohl viele Mädchen mit dem Beruf der Krankenschwester liebäugelte, mir ein Praktikum im Krankenhaus ermöglicht und gleichzeitig die Betreuer instruiert, nur die schlimm(st)en Sachen zu zeigen, damit ich den Wunsch erst gar nicht weiter verfolge. Hat funktioniert und ich kann die Bilder von vor 40 Jahren noch immer in Farbe abrufen.

Nun bin ich also gespannt, was aus dem Singen und Klatschen einmal wird, wenn so etwas wie Normalität wieder an der Tagesordnung ist. Denn vom Zuspruch und symbolischen Gesten wird die Arbeit nicht leichter und erst recht nicht besser und angemessen vergütet. Und just lese ich, dass der Handelsverband fordert, die anstehende Lohnerhöhung im Einzelhandel doch bitte aufgrund der Krise bis zum Jahresende aufzuschieben. Wie gesagt, geändert hat sich nichts und ich befürchte, das wird so bleiben.

 

P.S.: Noch ein Hinweis in eigener Sache. Meine Beitragsfrequenz werde ich mit dem Rückgang der Verdopplungsraten dem Trend anpassen und ein bisschen langsamer machen. Denn trotz augenscheinlicher Verlangsamung habe ich so gar nicht das Gefühl, dass es ruhiger wird, aber das ist eine andere Geschichte.

 

Das Gesetz der Strasse

Im Netz und den Gesprächen wird ja zur Genüge über Regeln, Vorschriften und Maßnahmen gesprochen und diskutiert. In anderen Ländern war und ist das sicherlich nicht anders. Es gibt immer Parteien und unterschiedliche Ansichten. Und es gibt Einsichtige und Uneinsichtige.

Und davon handelt die Geschichte, die mir die Bäckersfrau just erzählte als es noch begrenzt möglich war, sich in gastronomischen Einrichtungen zu treffen.

Im Bäckereicafé sitzen zwei ältere Damen, Stammkunden, oder wie sie sich ausdrückte „Alte Schachteln“, also ganz eindeutig Mitglieder der Risikogruppe. Die beiden hatten wohl Vorsichtsmaßnahmen getroffen und saßen mit Abstand zueinander am Tisch. Das Gespräch, wie eben so viele oder fast alle dieser Tage, dreht sich um die aktuellen Umstände.

„Diese dummen Jugendlichen. Die sitzen alle am Baggersee rum.“ Die Bäckersfrau kann nicht anders und schaltet sich in das Gespräch ein. „Also, wenn ich mich hier so umschaue, sind hier genauso Unvernünftige anzutreffen.“ Die Damen fühlen sich ganz offensichtlich angegriffen und inmitten der Servicewüste gelandet. Eine Diskussion im Generationenkonflikt bahnt sich an. Unmut macht sich breit, das Ganze eskaliert.

„Wollen Sie uns etwa hier rausschmeißen?“

„Nein, das kann ich erst um 15 Uhr, Sie sollten aber schon darüber nachdenken, ob das so richtig ist für Sie, hier zu sitzen.“

„Ja, also wissen Sie, zuhause da kriegt man ja einen Lagerkoller.“

„Wenn aber nun alle so denken, dann kommt die Ausgangssperre.“

„Ja dann, dann dürfen wir ja auch nicht mehr.“

„Und genau wegen dieser dummen, dummen Menschen bekommen wir noch die Ausgangssperre.“

Die Bäckersfrau ist sich sicher: Die beiden werden wohl nicht mehr kommen. Auch nach der Aufhebung der Ausgangsbeschränkung nicht.

Ein Verlust für das Geschäft. Ein gesellschaftlicher wohl nur bedingt, denn wenn jeder nur an sich denkt, herrscht das Gesetz der Straße. Zivilcourage einmal anders. Schade, dass ich da nicht dabei war.

Curfew

Und wegen dieser dummen, dummen Menschen wurden die Ausgangsbeschränkungen gerade um zwei Wochen verlängert. Traurig, ich dachte, die menschliche Gesellschaft wäre schon weiter.

Die Welt von morgen

Die Zukunft ist ja immer etwas, das wir herbeisehnen, wenn wir nicht gerade über die Vergangenheit nachgrübeln und uns fragen, was wäre, wenn.

Kristallkugel

Es ist hat ja auch etwas Aufregendes, Anregendes, sich auszumalen, was sein könnte. Das berühmte unbeschriebene Blatt über das wir unsere Träume und Wünsche streuen bis wir dann mit in der Eile der Zeit die Spuren verwischen und uns im Rückblick fragen, warum davon so wenige Realität geworden sind, nur um sie dann wieder auf ein Morgen, ein Irgendwann zu verschieben.

Genauso ist es doch jetzt. Wir fragen uns, warum wir nicht eher reagiert haben, warum man nichts unternommen hat. Und wir ertragen das meiste doch auch deswegen, weil wir die Hoffnung auf eine (bessere) Zukunft haben, versichern uns immer wieder, dass es zu irgendetwas schon gut sein wird, dass man es als Chance sehen muss. So sind wir Menschen nun mal. Vielleicht aus gutem Grund sogar. Die Welt von morgen nicht mit Positivem zu assoziieren würde keinen Sinn ergeben.

Gespannt dürfen wir alle sein, welche der Szenarien, die gerade privat, im Netz, in den Talkshows, in den Gremien gesponnen werden, es schaffen werden, sich durchzusetzen. Ganz neu, zumindest begrifflich für mich, die Idee der Re-Gnose, also der Rückblick aus der Zukunft auf heute. Der Zukunftsforscher Matthias Horx hat dazu einen Artikel geschrieben, der gerade viral (Nebenwirkungen und Langzeitschäden nicht vorhersehbar) geht. Seine Vision tut wirklich gut, sie macht Hoffnung, doch echt ist sie nicht.

Die Welt von morgen lässt sich nicht voraussagen. Vielmehr ist es doch der Wunsch nach einem guten Ende, der allen Visionen zugrunde liegt. Eine veränderte, ja bessere Menschheit scheint auf uns zu warten. Götz Werner hat einmal gesagt, dass der Mensch nur aus zwei Beweggründen lernt bzw. sich ändert, nämlich durch Einsicht oder Katastrophe. Mit der Einsicht ist es ja bei vielen nicht so weit her, wenn man mal nach draußen und so um sich schaut. Stellt sich also die Frage, ob die Katastrophe lang genug anhält, um tatsächlich eine Änderung zu bewirken. Wobei dann ja noch immer nicht gesagt ist, dass dies zum Besseren sein muss.

Das Fach Kristallkugellesen oder Kaffeesatzleserei hat gerade großen Zuspruch, aber die Zukunft wird immer anders und von Variablen beeinflusst sein, die nicht kalkulierbar sind, so gern wir das auch möchten. Und was, wenn wir uns von einer Zukunft blenden lassen, die nicht kommt? Wie groß wird dann der Schaden sein? Nicht immer hilft also ein langer Atem, um am Leben zu bleiben. Und manchmal ist das Ende einer Katastrophe erst der Anfang von dem, was kommt.

Die Würde ist antastbar

Ferdinand von Schirach hat in seinem gleichnamigen Buch aufgezeigt, was wir heute ganz aktuell erleben, sogar am eigenen Leib, wenn der Staat nach und nach und zusehends immer mehr die Freiheit und die Rechte seiner Bürger einschränkt. In seinem Essay heißt es: „Unsere Freiheit wird im Namen der Sicherheit geopfert. […] Die Frage ist, ob wir das wollen.“

Noch sind wir alle in dem Glauben an einen vorübergehenden Zustand und bisweilen beruhigt uns auch der Gedanke, dass es vielleicht sogar ganz gut tut, mal einen Gang runter zu schalten und es sogar als Abwechslung vom sonst so hektischen Alltag und Hamsterrad zu sehen.

Doch was macht das mit uns als Individuum? Mit uns als Gesellschaft?

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Die Diskussion dazu breitet sich gerade ebenso rasant im Netz aus wie es der Virus in unserer Mitte tut. Wie hoch ist der Preis für die Freiheit, die wir gerade opfern? Wie hoch ist der Preis für das Recht auf Freiheit, wenn wir diese uns nicht nehmen lassen? Und letzten Endes, wie hoch ist der Preis für ein Menschenleben? „Der Staat kann ein Leben niemals gegen ein anderes Leben aufwiegen. Keiner kann wertvoller sein als ein anderer, eben weil Menschen keine Gegenstände sind. Und das gilt auch für große Zahlen.“, schreibt von Schirach.

Gerade las ich die Zahl 9 Millionen Dollar, die als Gegenwert für ein Menschenleben angegeben wird. Im ersten Moment denke ich, es ist doch eine ganze Menge, da ließe sich einiges mit anstellen, um ein Leben auch als solches zu bezeichnen und in Würde zu leben. Doch dann muss ich an diverse Boni und Abfindungssummen denken, die in den Chefetagen der großen Konzerne bisweilen die Seiten wechseln, oder mal eben schnell als Rettungsschirm fiktive, auf dem Papier als solche definierte Gesellschaften vor dem Untergang bewahren sollen. Als ob ein Schirm schon mal jemanden vor dem Ertrinken gerettet hätte. Aber das mag wohl für nicht reale Existenzen funktionieren. Letzten Endes handelt sich es ja auch nur um Zahlen; und Geld an sich hat ja erst einen Wert, weil wir ihm diesen verleihen. Und da erscheint mir der Betrag ziemlich mickrig. Und überhaupt, wie setzt sich das denn zusammen? Und ändert sich der Wert je nach Alter, Herkunft, Position?

„Mit den Rechten des Menschen ist es nämlich in Wirklichkeit wie mit der Freundschaft. Sie taugt nichts, wenn sie sich nicht auch und gerade in den dunklen, den schwierigen Tagen bewährt.“, so hat Ferdinand von Schirach es formuliert. Ist also unser System nicht sehr viel zerbrechlicher, als es nach außen hin den Anschein hat. Das gilt sicherlich für den einzelnen Menschen. Aber gilt das auch für die Menschheit an sich? Und gilt das nicht erst recht für Gemeinschaften?

Wie gesagt, die Diskussion Egoismus versus Allgemeinwohl, Humanität versus Ökonomie, Solidarität versus gesellschaftlichem Zusammenbruch hat gerade erst angefangen, wird aber sicherlich gleichermaßen unerbittlich geführt werden wie der Virus wütet. Mit exponentieller Steigerung fürchte ich.

Lage(r)gespräche

Lagerkoller

Der jugendliche Mitbewohner, ein sonst der Gattung des Homo Sapiens zugehöriges Wesen, entwickelt sich mit fortschreitender Schulschließung und Ausgangsbeschränkung zum Homo ohne die dazugehörige Weisheit, wie die Dialoge der letzten Wochen aus dem Basislager vermuten lassen:

„Mami, Du musst Vorräte kaufen.“
„Nein, wir haben genüg für mindestens zwei Wochen.“
„Mami, Du musst Wasser kaufen.“
„Warum sollte ich Wasser kaufen? Wasser kommt aus dem Wasserhahn. Außer ich habe da was nicht mitbekommen und der Virus ist auch einer, der die Stromnetze angreift.“ Marc Elsberg und ‚Black Out‘ lassen grüßen. Ok, vielleicht kaufe ich doch ein paar Getränke und Lebensmittel.

***

„Mami, das ist voll gefährlich, man kann sich immer wieder anstecken.“
„Ja, Grippe und Husten und Schnupfen kann ich auch immer wieder kriegen, aber nur, wenn es ein anderer Erreger ist. Das ist ein Virus, kein Bakterium. Ergo, ist man dann erst mal immun. So lange, bis er mutiert.“

***

„Mami, weißt du, dass das Augustiner Bier auch in China produziert wird?“
„…“ Herr, lass Hirn vom Himmel fallen.

***

„Mami, …“
„Nein, bitte keine neuen Verschwörungstheorien mehr. Ihr müsst wirklich nicht jeden Mist glauben, der im Internet steht. Hast Du eigentlich mal Deine Schulsachen gemacht?“
„Nein, die Website geht doch nicht.“
„Hast Du es denn mal probiert heute?“
„Nein.“
„…“ Ich glaube, das mit dem Bier stimmt und der Nachwuchs hat einfach zu viel davon getrunken und sich mit weiß Gott was infiziert.

***

Mami, die schieben alle voll‘ Panik.“
„Also, das ist eine bessere Lungenentzündung. Vor allem für Leute in Deinem Alter.“
„Aber eins sag‘ ich Dir, Du stirbst zuerst.“
„Jaaa, wenn es nach der Ordnung der Dinge geht, sterbe ich vor Dir. Davon gehe jetzt mal ich aus.“ Gut, ich kann für nichts garantieren. Die Rate der häuslichen Gewalt soll ja steigen, so die Prognosen. Außerdem ändert sich heutzutage ja nahezu täglich etwas und die Dinge geraten zusehends in Unordnung.

***

„Mami, es ist nichts zu essen da.“
„Oh bitte, ich habe extra mehr eingekauft. Wir kommen mindestens vier Wochen ohne Einkaufen aus. Es ist dann am Ende vielleicht nicht mehr Witzigmann, aber verhungern tun wir nicht.“
„Es sind aber keine Süßigkeiten mehr da.“
„Ja, dann musst Du Dir das eben besser einteilen. Ich gehe nur noch einmal die Woche einkaufen. Und was nicht auf der Liste steht, kaufe ich nicht.“
„Kann ich dann die Anzahl dahinter schreiben?“
„…“
„Echt jetzt, im Kühlschrank sehe ich sonst nur Salat.“ Irgendwie scheint der fehlende Sauerstoff und Vitamin D Mangel den Sehnerv anzugreifen. Oder Einfluss auf das farbliche Sehen zu nehmen, denn der eine einsame Salat scheint alles andere im Kühlschrank förmlich zu überstrahlen. Hm, vielleicht kommt der aus der Nähe von Tschernobyl oder Fukushima. Ich glaube, das sind erste Anzeichen, für was auch immer.

***

„Mami, ich glaub ich hab‘ Corona.“
„Wieso das denn?“
„Ich habe so Halskratzen.“
„Hm…“
„Und meine Nase läuft auch die ganze Zeit.“
„Das ist kein Corona. Das ist maximal eine Erkältung.“
24 Stunden später
„Mami, ich habe einen Hexenschuss.“
„Wie hast Du das denn gemacht?“
„Beim Haare trocknen.“
„Äh…“ Irgendwas stimmt da nicht mit der Telefonleitung. Oder das ist der verstrahlte Salat. Oder das mit dem Bier stimmt doch. „Beim Haare trocknen?“
„Ja, es tut so weh im Rücken. Im Brustwirbelbereich.“
„Das ist kein Hexenschuss. Das kommt von zu wenig Bewegung und dem starren Blick auf viereckige Bildschirme.“ Hilfe, der Nachwuchs wird zum Hypochonder. Vielleicht kaufe ich besser ein paar Süßigkeiten, Zucker soll ja bekanntlich Glückshormone ausschütten.

***

„Mami, eigentlich müsste man doch jetzt in Aktien investieren.“
„Die Anleger sind da aber wohl gerade nicht so ganz dieser Meinung.“
„Sollte man nicht gerade dann einsteigen und Aktien kaufen? Wenn es dann wieder alles normal ist, dann steigt die Aktie doch.“
„Ja, normalerweise, aber wer weiß denn schon, wann und welches Unternehmen. Da müsste man dann schon streuen und sich nicht auf eine Aktie verlassen. Aber da kenne ich mich nicht wirklich aus.“
„Vielleicht irgendein kleines Unternehmen. Oder ein Start-up.“
„Also, die sind für gewöhnlich nicht an der Börse.“
„Dann Lufthansa.“
„Ja, könnte mir vorstellen, dass sich die relativ zügig erholen. Je nachdem, wie lange die Krise anhält und wer die meisten Reserven hat.“ Danke, wer auch immer sich angesprochen fühlt, es ist doch noch nicht alles verloren und das Gehirn des jugendlichen Mitbewohners funktioniert zumindest phasenweise noch.

***

Ich bin mir sicher, das ist noch lange nicht das Ende der Lage(r)gespräche, die mitunter auch den fortschreitenden Lagerkoller widerspiegeln. Von Lichtblicken mal abgesehen. Und die Leute mit Blick in die Zukunft sind ja auch der Meinung, dass in solchen Zeiten der Fokus wieder auf der Besinnung auf die Familie und das Miteinander liegt.

Am meisten würde mich aber interessieren, wie diese Zeit an die nächste Generation weitergegeben wird und was zukünfitige Generationen über diesen Teil der Weltgeschichte denken werden. Und so hoffe ich, dass ich doch noch ein Weilchen auf dieser Erde wandeln darf und eventuell ein kleines bisschen davon miterleben kann.