Lebenslinien, oder wovon man besser die Finger lassen sollte

Leseecke„Sie sind auf einem langen Flug und neben Ihnen sitzt eine Wahrsagerin, die darauf besteht, Ihnen aus der Hand zu lesen. Was wird Sie Ihnen erzählen?“

Vorweg muss ich allerdings sagen, dass ich mit Dingen, wie Horoskop, Sternzeichen usw. recht wenig bis gar nichts am Hut habe. Daher habe ich mal in dem schlauen Buch des world wide web nachgeschlagen, was die Furchen noch so zu sagen haben, außer, dass ich eine bessere Handcreme benutzen sollte.

Tja, und wenn ich mir meine Hände so betrachte, dann wird das ein Höllenritt. Fangen wir also einfach an: Wie es in einschlägigen Filmen und Romanen so ist, setzt die Wahrsagerin einen durchdringenden Blick auf, als sie meine rechte Hand betrachtet. Ich dachte ja immer, dass man aus der Linken liest. Aber, es ist eher so, dass man die „Stärkere“ – sprich, Schreibhand – dazu nimmt. Da ich zwar rechts schreibe, aber durchaus viele Dinge mit links mache, hege ich so meine Zweifel, ob der stärkeren Hand.

Nach einiger Zeit räuspert sie sich und seufzt: „Sowohl im Leben als auch in der Liebe wirst Du leider mit vielen Schicksalsschlägen und Enttäuschungen konfrontiert.“ Sie tätschelt aufmunternd meine Schulter: „Deine Kopflinie weist auf Intelligenz und Talent hin.“ Puh, dann ist ja nicht alles verloren. „Die Herzlinie und Sonnenlinie deuten auf Glück in der Liebe und im Leben. Du hast zwei intensive, leidenschaftliche und lange Beziehungen in Deinem Leben, aber ein schwieriges Liebesleben und mehrere Ehen.“ Na, wie soll ich das denn verstehen? Dass ich so was wie jede Menge Ein-Tages-Ehen habe? Und wenn ich es mal so grob überschlage, dann sind die beiden, längeren Beziehungen auch schon abgehakt. Sie streicht über mein Handgelenk und fährt die Lebenslinie entlang: „Du wirst ein langes Leben haben. Allerdings werden Deine Gesundheit und Lebenskraft Dich nicht bis an Dein Lebensende begleiten. Könnte sein, dass Dein Erinnerungsvermögen nachlässt.“ Na toll, ich werde uralt und dement. Kein Wunder, dass ich dann mehrere Ehen habe und mein Liebesleben kompliziert ist: Ich kann mich einfach nie daran erinnern, wer und wo mein Mann ist. Eine Spur von Trauer liegt in ihrer Stimme, als sie verkündet: „Eine Verbindung zu Helfern aus der spirituellen Welt kann ich nicht sehen.“ Zum Glück, bei den ganzen Ehemännern kann ich beim besten Willen nicht auch noch Stimmen aus dem Jenseits oder sonst woher brauchen, die mir sagen, was ich tun soll.

Und hier wird sie eine Pause machen, meine zweite Hand nehmen, die Stirn runzeln und flüstern: „Leider muss ich Dir auch sagen, dass Du einen unstabilen Charakter hast und aus den Möglichkeiten, die Dir das Leben bietet, nicht viel machen wirst und recht oberflächlich bist.“ Ok, wo ist die Stewardess? Ich brauche einen Drink. Am besten gleich die ganze Flasche. Auch wenn ich bekennende Anti-Alkoholikerin bin. Egal. Obwohl das den Prozess des Realitätsverlustes sicherlich beschleunigt. Egal, die beste Zeit ist eh schon vorbei. Dann wird sie mich mitleidig und sorgenvoll anschauen und den Platz wechseln. Neben normalen Sterblichen, die sich demnächst an nichts mehr erinnern und One-Night-Ehen führen und noch dazu charakterschwach sind, will nun wirklich niemand während eines langen Fluges sitzen. Solch schlechtes Karma ist am Ende noch ansteckend.

So viel zu meinem Erlebnis in 10.000 Metern Höhe. Ursprünglich wollte ich zum besseren Verständnis ein Foto meiner Hand hier einfügen, verzichte aber lieber, da ich dem Leser es nicht zumuten möchte, die gleichen oder ähnliche Hiobsbotschaften in den eigenen Handflächen zu entdecken. Im Grunde kann ich daher nur jedem abraten, sich auf ein solches Experiment einzulassen oder im Flugzeug grundsätzlich zu schlafen bzw. dies vorzutäuschen. Denn bekanntlich ist die Freiheit über den Wolken grenzenlos. Und das trifft auch auf das trifft offenbar auch auf Hirngespinste zu.

Zum Glück bin ich, wie anfangs gesagt, in der Hinsicht Realist, obwohl ich immer mal wieder gern daran glauben würde. Und vielleicht habe ich das nach dem Internet Crashkurs im Handlesen auch alles völlig falsch verstanden, aber ich hätte besser die Finger davon lassen sollen, denn nun würde ich ja schon gern wissen, was meine Hände so über mich und mein Leben sagen. Auch wenn ich es nicht wirklich glaube. Ja, so ist das eben mit den bipolaren Persönlichkeiten, die sich am Ende nicht mehr daran erinnern können, was sie am Anfang gesagt haben.

Eure Kerstin

Von A bis Z, oder „Stadt, Land, Fluss“ für Fortgeschrittene

Leseecke„Schreibe eine Kurzgeschichte, eine Erinnerung oder ein Gedicht, welches 26 Sätze lang ist , der erste Satz mit „A“ anfängt und jeder nachfolgende mit dem nächsten Buchstaben im Alphabet.“

Da ich ganz offensichtlich als Frau nicht nur mit 26 Sätzen auskomme und gerne reise, war mir schnell klar, dass ich daraus etwas mache. Heraus gekommen ist so eine Art „1000 Orte, die man gesehen haben muss,…“:

  • A = Alpen, weil ein Berg schöner ist als der nächste.
  • B = Blue Train, um die Schönheit Afrikas in aller Ruhe zu betrachten
  • C = California, da es wohl keinen Fleck auf Erden gibt, der öfter besungen wurde und der solchermaßen von Hoffnungen und Träumen lebt.
  • D = Darjeeling – ein Muss für Teeliebhaber.
  • E = Elternhaus, denn wir haben nur eines.
  • F = Finnland, um die Polarlichter zu sehen und weil es dort ein Hotel gibt, das seine Gäste per sms über den „Nordlicht-Alarm“ informiert.
  • G = Guernsey, exotische Insel im Ärmelkanal.
  • H = Hamburg, weil es kein schöneres Tor zur Welt gibt.
  • I = Irland – grüner geht es nicht.
  • J = Juwelier – am liebsten zum Frühstück und eine türkise Schachtel als Andenken bekommen.
  • K = Karibik – einmal im Leben schneeweißen Sand und glasklares Wasser in Badewannentemperatur erleben.
  • L = Las Vegas, because what happens in Vegas, stays in Vegas.
  • M = Madrid oder Mailand, egal, Hauptsache eine Stadt mit Flair und Mode.
  • N = New York, weil die Stadt wie keine andere gleichzeitig Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verkörpert.
  • O = Ostfriesland, wo man immer „moin, moin“ sagt und der Seefahrersonntag am Donnerstag ist.
  • P = Patagonien, weil es so schön klingt, wie nur das Ende der Welt klingen kann.
  • Q = QM2 (Queen Mary 2) – stilvoll und mit britischer Eleganz den Atlantik bereisen.
  • R = Rom, um auf den Spuren von Asterix und Obelix zu wandeln und dort die Ewigkeit schon angefangen hat.
  • S = Seidenstraße – auf den Spuren Marco Polo’s.
  • T = Texas, um endlich reiten zu lernen.
  • U = Unter den Linden – 1,5 km prachtvoll flanieren.
  • V = Venedig, weil der Espresso auf dem Markusplatz ein Vermögen kostet, dafür aber der Klavierspieler im Café auch bei 30°C einen Frack trägt.
  • W = Wüste – Stille genießen, dem Wind lauschen.
  • X = Xanadu – legendärer, fiktiver Ort in China, der für Prunk und Wohlstand steht. (Parallelen lassen sich dazu auch heute noch finden).
  • Y= Yangon, weil ich bis heute noch nicht einmal wusste, dass es diese Stadt gibt und diese dann auch noch die ehemalige Hauptstadt von Myanmar ist.
  • Z = Zürich, weil ich dort schon mal 1000,00 DM als Taschengeld unter die Leute gebracht habe und es sich einfach wunderbar angefühlt hat.

Ich gebe zu, es ist eine recht eigenwillige Sammlung und die Auswahl ist mir mehr als schwer gefallen, da es einfach so unfassbar viele schöne Orte gibt, die es zu erleben lohnt. Jedoch das Schöne am Reisen, und sei auch nur auf dem Papier, ist ja auch die Vorbereitung: Man sucht sich alles Wissenswerte zusammen und wählt dann die Highlights aus. Und so war es auch mit dieser Reiseliste: Ich habe mehr interessante Orte gefunden, als ich wohl jemals in meinem Leben leibhaftig erleben kann und werde. Von daher noch die Ergänzung mit den drei zusätzlichen Buchstaben im deutschen Alphabet, für alle diejenigen, die am liebsten „Stadt, Land, Fluss für Fortgeschrittene“ spielen.

  • Ä = ändern ist die Voraussetzung für jede Reise
  • Ö = öde gibt es nicht
  • Ü = überraschen lassen

Eure Kerstin

Back to school

Leseecke“Wenn Du eine Pause von Deinem Leben nehmen und nochmals zur Schule gehen könntest, um ein Fach zu studieren, welches wäre das?“

Mit Bayern hat nun auch das letzte Bundesland wieder mit der Schule begonnen. Grund genug, sich nochmals an die eigene Schulzeit zu erinnern und sich der Frage stellen: Würde ich gern nochmals die Schulbank drücken? Als Schüler denkt man ja immer, dass es nichts Schlimmeres als die Schule gibt und wünscht sich bis zum Schluss, endlich erwachsen zu sein, sein eigenes Geld zu verdienen und endlich nicht mehr lernen zu müssen. Während alle Erwachsenen einem immerzu predigen, dass man es nie mehr so schön haben wird, wie während der Schulzeit. Von meiner Warte aus kann ich beides bejahen. Als Schüler habe ich mich so durchgeschlagen. Immer irgendwo im Mittelfeld. Ohne große Opfer und ohne großen Druck. So war das damals. Der Aussage, dass die Schulzeit das Schönste sei, konnte ich trotzdem wenig abgewinnen. Ich wollte mein eigener Herr sein. Raus in die Welt. Das Leben spüren. Heute weiß ich, dass zumindestens eine große Portion Wahrheit dahinter steckt. Nie wieder war es so unbeschwert. Nie wieder war das Leben so einfach und frei von Zwängen. Nie wieder waren die Tage so lang und voller Ideen.

Wer meinen Blog hin und wieder aufmerksam verfolgt, erinnert sich vielleicht, dass ich seinerzeit nicht studiert habe. Auch nachdem viele nach Ausbildungsabschluss studiert haben, hat es mich nicht gereizt. Wie gesagt, ich wollte raus in die Welt. Frei sein. Später habe ich neben vielen Fortbildungskursen auch meinen Ausbilder im Selbststudium neben der Arbeit gemacht. Das war anfangs eine ziemliche Plackerei. Hatte ich doch schon fast vergessen, wie es ist, zu lernen. Inzwischen denke ich eigentlich, dass ich fertig bin mit Lernen. Also nicht das tagtägliche Lernen. Mit neuen Gegebenheiten klar kommen. Technisch nicht den Anschluss zu verlieren. Immer wieder die eigene Sichtweise revidieren. Das alles ist sicherlich ein lebenslanger Lernprozess. Aber das Erlernen im Sinne von Studieren und Spezialisieren. Würde ich das machen wollen? Für Prüfungen lernen, um dann vielleicht festzustellen, dass ich genau dieses Thema nicht so ganz parat habe? Nervös vor der Klasse stehen und ein Referat halten? Meinen Stil von Professoren kritisieren lassen? Ellenlange Aufsätze schreiben? Mathematische Formeln pauken? Nun müsste die Antwort eigentlich „nein“ sein. Und doch: Ja, ich könnte mich für die Rückkehr zur Schulbank begeistern. Da ich nun aber doch nicht mehr so ganz zur typischen Schülerzielgruppe zähle, denke ich da eher an ein Studium. An einer dieser historischen Universitäten. Mit riesigen Hörsälen. Altem Gemäuer und dem Hauch von antikem Glanz. Als Studiengang würde ich etwas Schöngeistiges wählen. Den ganzen Tag reden und philosophieren. Jede Menge Literatur lesen. Gedankenschlösser bauen und die Welt analysieren. Morgens, also mittags eintrudeln. Ungeschminkt, im Schlabberlook. Die Tasche lässig über der Schulter. Ein Stift, ein Block. Im Hörsaal sitzen und mich berieseln lassen. Im Park sitzen und Bücher lesen. Im Café studieren. Ein Alt-Hippie, den man irgendwo vergessen hat. So was wäre ich. Ja, doch, dafür würde ich es durchaus in Erwägung ziehen, mein freies, selbstbestimmtes Leben aufzugeben. Sollte da draußen also jemand gern mein Studium unterstützen wollen, bitte einfach melden. Ich würde auch abends in einer Kneipe bedienen, um die Kasse ein bisschen aufzubessern.

Eure Kerstin

Traumhaus vs. Wolkenschloss

Leseecke„Du gewinnst einen Wettbewerb und darfst Dein Traumhaus bauen. Entwerfe die Pläne.“

Als Kind standen meine Eltern einmal vor der Entscheidung, aus Kostengründen weiter aufs Land zu ziehen. Ich bin mir nicht sicher, wie konkret diese Pläne letztendlich waren und ob es irgendwelche Objekte gab, die sie damals besichtigt haben. Ich erinnere mich aber noch an das Bild aus einer dieser Wohnzeitschriften wie „Schöner Wohnen“ oder „Selbst ist der Mann“. Darauf abgebildet war ein ebenerdiges, helles Holzhaus mit Dachgauben. Mitten auf der Wiese. Es war Nacht und das Licht schien durch die unzähligen Sprossenfenster nach draußen und das Haus schien so einladend und warm. Damals dachte ich immer, das wäre das Haus, in welches wir einziehen würden. Dabei ist es doch eigentlich recht verwunderlich, dass wir immer den Hang nach Abgeschiedenheit haben. Eine einsame Hütte in den Bergen aus deren Schornstein der Rauch aufsteigt. Innen ein knisterndes Kaminfeuer und behagliche Stille. Oder der Landsitz mit parkähnlichem Garten. Mit glitzerndes Lüstern, Kachelofen und großzügiger Landhausküche. Immer sind es Fragmente, die sich in das Puzzle einfügen, aber kein Bild ergeben.

Das Wohnzimmer meiner Tante erstreckt sich über sich über drei Ebenen. Jede einzelne bietet eine Sitzgelegenheit und eine andere Sicht auf die Dinge. Davon habe ich lange Zeit geschwärmt. Der Raum ist bis unters Dach offen und man hat das Gefühl, sich in einem Schloss oder einer Kirche zu befinden. So hoch erscheint das Gewölbe. Eine Wand ist den Büchern gewidmet. In meiner Vorstellung ist die Bibliothek so hoch, dass man eine Leiter benötigt, um an die oberen Exemplare zu gelangen und daran vorbeigleiten kann. Eine andere Wand besteht komplett aus Fenstern. Als meine Tante das Haus gebaut hat, haben wir aus schwarzem Tonpapier Raubvogelsilhouetten ausgeschnitten, damit nicht ständig Vögel gegen die Scheiben fliegen. Stünde das Haus mit freier Sicht auf einer Anhöhe oder einem Berg könnte man schier endlos in die Weite blicken. Später hatte ich diverse Altbauwohnungen mit drei Meter hohen Decken. Ein Traum. Der Raum ist immer noch imposant, obwohl ich es eher etwas heimeliger bevorzugen würde. Nicht klein und einengend, aber auch nicht so groß, dass man sich selbst klein vorkommt.

Ich brauche viel Licht. Bodentiefe Fenster, die alles einfangen. Ich hatte mal eine Wohnung mit sogenannten französischen Fenstern. Davor platziert, war der Esstisch, der im Grunde ein geflochtener Gartentisch war. Morgens fiel dort das Licht in die Wohnung. Ich konnte die Balkontüren öffnen und hatte das Gefühl, draußen zu sein. Der Blick auf den Hinterhof hat sein Übriges zum Flair beigetragen. Kennt jemand den Film „Perfect Love Affair“ mit Warren Beatty und Annette Bening? Es gibt da diese Szene, in der er sie mit in das Haus seiner Tante nimmt, das auf irgendeiner tropischen Insel im Regenwald auf einem grünen Hügel steht. Aber es ist gar nicht das Haus, auf das ich hinaus will. Vielmehr ist es der Raum, in dem sich das Treffen abspielt. Dieser erscheint in sanftem, leicht diffusem Licht. Die Fenster sind fast bodentief und hölzerne Fensterläden lassen das Licht herein, halten aber die Hitze des Urwaldes draußen. Diesen Weichzeichnerstil habe ich mal in einer meiner Wohnungen versucht nach zu empfinden. Allerdings waren die Fensterläden durch Holzjalousien ersetzt und davor hingen transparente überlange Gardinen, die dem Ganzen einen Schleier auferlegten. Es war leider niemals so romantisch wie im Film, aber das lag sicherlich daran, dass anstatt des Klaviers ein übergroßer Flachbildfernseher mit Surround-System den Raum beherrschte. Vielleicht ist es aber auch ein Zeichen dafür, dass nicht alles, was in unserer Vorstellung als traumhaft erscheint, der Realitätsprüfung standhält.

Ich mag weiße Wände mit Platz für Bilder und/oder Fotos. In dem Buch von John Irving „Witwe für ein Jahr“ gibt es diese Passagen, bei denen Ruth vor den Bildern ihrer toten Brüder steht, die an sämtlichen Wänden aufgehängt sind. Zu jedem Foto gibt es eine Geschichte und Ruth wird es nicht müde, diese zu hören. Später dann, als nur noch die Haken und die ausgebleichten Stellen auf der Wand an die Bilder erinnern, erinnert sich Ruth bei jedem „Fleck“ daran, welches Foto dort hing und welche Geschichte dazu hört. An sich eine traurige Geschichte: Das Kind, das als Ersatz für die verunglückten Kinder das Familienglück retten soll und immerzu mit den Erinnerungen an die ihr unbekannten Geschwister konfrontiert ist, während vor ihr selbst kein einziges Bild im Hause zu finden ist. Aber das ist ja nicht der Punkt. Hier sollte es ja um das Traumhaus geben und was mir daran gefällt, ist die Vorstellung, beispielsweise im Flur oder Treppenhaus, wenn es denn eines gibt, unzählige Fotos aufzuhängen, die die Geschichte eines ganzen Lebens erzählen.

Ich bin mir nicht sicher, was ein Architekt mit meiner Vorstellung vom Traumhaus anfangen würde. Nach dem, was mir dazu in den Sinn kommt, wird es wohl eher so eine Art Villa Kunterbunt, bei der kein Raum zum anderen passt. Aber ist es nicht gerade das, was ein Traumhaus ausmacht? Ein etwas verschwommenes Bild, dessen Form sich ähnlich der Wolken ständig verändert? Ein Schloß in den Wolken? Und dann las ich in einem Interview folgende Frage des Moderators: „Wie beschreiben Sie Ihr Traumhaus?“ Und die Antwort: „Holzhaus, große Terrasse, fünfzehn Schritte bis an den Strand, das Meer in hundert Metern Entfernung.“ Tja, so einfach ist das!

Eure Kerstin

„Rolling Stone“ – der Stein des Anstoßes

Leseecke„Wenn Du ein Nomadenleben führen könntest, würdest Du es tun? Wohin würdest Du gehen? Wie würdest Du entscheiden? Wie würde Dein Leben ohne ‚Heimanthafen’ aussehen?“

Anfangs wollte ich es kurz und schlüssig machen: Ja. Wohin es mich gerade zieht. Hauptsache Berge. Perfekt. Und alle, die mich zumindestens ein bisschen kennen, würden dem zustimmen und sagen: „Das ist doch genau das, was Du willst.“

Aber dann kamen mir Zweifel, ob es tatsächlich so einfach zu beantworten ist und ob es tatsächlich so perfekt wäre. Würde ich nicht den Bezug zur Realität verlieren, wenn ich mich einfach so treiben lasse? Von Ort zu Ort ohne Anfang und ohne Ende. Immer irgendwo ankommen, mit dem Wissen, dass ein Weiterziehen bevorsteht. Keine Begegnung wäre von Dauer. Könnte ich überhaupt irgendeine Art von Bindung aufbauen? Hätte ich noch Interesse, die Menschen, denen ich begegne, kennen zu lernen? Mit wem würde ich meine Erlebnisse und Eindrücke teilen? Jedes mal würde ich bei null anfangen. Am Ende wäre mein Nomadendasein eine rastlose Hetze. Von einem lustigen Zigeunerleben keine Rede.

Nicht zu unterschätzen sind auch die Eckpfeiler, auf denen unser Leben ruht: Essen, Schlafen/Wohnen, Arbeit und letztendlich das liebe Geld. Schließlich ist das Leben kein Film, bei dem die Darsteller irgendwie immer Geld zu haben scheinen, fast nie arbeiten und sich selten mit den alltäglich anfallenden Arbeiten plagen. Im wahren Leben finge so ein Unternehmen wohl erst mal mit der Frage an: Kann ich es mir leisten bzw. wie kann ich es mir leisten? Ziehe ich einen Ort, arbeite dort und lebe dann von dem Ersparten, um dann zum nächsten Ort zu ziehen usw.? Suche ich mir jedes Mal eine Unterkunft, oder habe ich ein mobiles Zuhause? Und wenn ich mein Hab und Gut immer mit mir mitschleppe, wie flexibel bin ich dann in Bezug auf die Wahl meines nächsten Zieles? Alles in allem steckt jede Menge Organisation und Planung dahinter, damit am Ende aus dem Traum nicht ein Albtraum wird und man ständig ums Überleben kämpfen muss. Die Alternative, völlig autark und unabhängig zu leben, ist bestimmt machbar, aber in Kombination mit einem Wanderleben scheint es mir eher wie ein Rückschritt ins Mittelalter. Vielleicht mag das bei diversen Urvölkern und in einsamen Gegenden noch praktikabel sein. Aber auch die leben in einer Gemeinschaft, deren Regeln sie befolgen. Als Einzelgänger stößt man da recht schnell an seine Grenzen. Vor allem in unserer westlichen Leistungsgesellschaft, wäre ich sicher ein Stein des Anstoßes. Würde man mich wie einen Exoten behandeln? Gar mit Misstrauen begegnen? Es ist doch vielmehr so, dass wir jedem skeptisch gegenüber treten, der sich nicht der Norm entsprechend verhält. Mit so jemandem stimmt doch etwas nicht. Hat vielleicht sogar Dreck am Stecken. Ein Zigeuner, Träumer und Tagedieb.

Letztendlich denke ich, dass das Leben auf Reisen voll gespickt ist mit der Vorstellung von Romantik und Abenteuer, aber es ist wohl eher harte Arbeit. Und doch ist es ein Traum und manchmal braucht es eben nur einen Stein, der alles ins Rollen bringt. In diesem Sinne mache ich in den nächsten 3 Wochen erst mal einen zeitlich recht begrenzten und überschaubaren Selbstversuch und wandere von Ort zu Ort.

Eure Kerstin

Spieglein, Spieglein…

Leseecke„Wenn ich in den Spiegel schaue, dann…“

Ich glaube, Frauen und Frauen in meinem Alter im Besonderen, tendieren dazu, diesen Satz negativ zu beenden: Falten, graue Haare, fahle Haut, Pickel, mattes Haar, Augenringe, um nur mal ein paar Dinge zu nennen. Also, ein schwieriges Thema. Schon bei Schneewittchen war der Spiegel der Grund allen Übels. Immer gibt es ein Bild, das schöner/besser ist als wir: Die neue Mitarbeiterin im Team, die Schauspielerin aus dem letzten Film, die Frau uns gegenüber im Bus, die Werbeikone. Doch welches Bild habe ich von mir? Bin ich am Ende selbst die böse Stiefmutter, die ständig ihre Schönheit hinterfragt und ihrer Jugend hinterher trauert?

Es heißt ja immer, Frauen verbringen viel Zeit vor dem Spiegel. Dieses Vorurteil kann ich guten Gewissen so erst mal nicht bestätigen. Klar schaue ich morgens und abends in den Spiegel, aber wirklich sehen tue ich mich nicht. Der Blick zielt meist immer nur Details: Schminke auflegen, Haare frisieren, Zahnseide benutzen, Outfit kontrollieren. Fertig. Selten, dass ich meine Aufmerksamkeit dem Ganzen widme. Oder einen zweiten Blick riskiere. Riskieren ist das richtige Stichwort. Warum ist das eigentlich so? Versuchen wir durch das Nicht-im-Spiegel-Betrachten unser Bild von uns zu konservieren? Ähnlich einem Dorian Grey, der sich verzweifelt an seine jugendliche Schönheit klammert, während sein wahres Ich immer mehr zu einer Fratze wird? Sind wir so von äußeren Einflüssen manipuliert, dass wir an unserem Äußeren nichts Gutes mehr entdecken können?  Schon mal versucht, das eigene Spiegelbild anzulächeln? Ich will nicht behaupten, es ist unmöglich, aber in den meisten Fällen wirkt es doch recht unnatürlich, eigentlich schon gezwungen. Viel einfacher scheint es tatsächlich Grimassen zu ziehen. Würde also auch bedeuten, dass wir uns leichter tun, eine Kunstfigur von uns zu erschaffen, als ohne Maske aufzutreten. Trete wir also mit der Fratze auf, während wir unser wahres Ich verbergen?

Man sagt ja auch, die Augen seien die Spiegel zur Seele. Was bedeutet es also, wenn ich mir schon selbst nicht mehr so richtig in die Augen schaue? Und was sagt dies über meine Beziehung zu anderen aus? Kann ich dann überhaupt noch anderen Menschen in die Auge schauen und sie in meine? Oder ist meine Seele am Ende so verkommen, dass es mir vor meinem eigenen Anblick graut? Was ist aus mir geworden? Der eine oder andere kennt vielleicht folgende Liedzeile: „Now the face that I see in the mirror, more and more is a stranger to me, more and more I can see there’s danger, in becoming what I’ve never thought I’d be.” Werden wir uns vielleicht mit der Zeit immer fremder? Hin und wieder ertappe ich mich dabei, dass ich mein Spiegelbild sehe und mir dann meine Mutter entgegenschaut. Als Kind habe diese Ähnlichkeit nicht wahrgenommen, ja sogar bisweilen ansatzweise verleugnet. Nie konnte ich ihre Züge erkennen. Und nun sind sie da. Unverkennbar. Ob es mir Angst macht? Nein, im Grunde empfinde ich es als beruhigend, zu wissen, dass man sein Erbe mich sich trägt und am Ende vielleicht auch weitergibt.

Und so spiegelt sich in meinem Bild ein ganzes Leben. Zu jedem „Makel“ gibt es eine Geschichte, voll mit Gefühlen und Erlebnissen. Und wenn ich neben all den Fragen genau hinschaue, dann kann ich sagen: Ja, das bin ich und ich bin gut so wie ich bin?

Eure Kerstin

Alternativleben, oder die Frage nach dem „was wäre, wenn..“

Leseecke„Bestimme einen Moment in Deinem Leben, an dem Du eine große Entscheidung treffen musstest. Schreibe über dieses andere Leben, welches sich daraus ergeben hätte.“

Oh, wie ich solche Gedankenspiele liebe! Da ich schon eine ganze Menge an Jahren und Erfahrungen geltend machen kann, habe ich auch eine große Auswahl an Situationen, bei denen ich eine Entscheidung treffen musste. Eine der ersten, die ich im Nachgang wohl recht schnell und vielleicht auch unüberlegt getroffen habe, war meine Berufswahl. Ob dies aus jugendlichem Leichtsinn und später pubertärer Rebellion war, kann ich heute nicht mehr sagen, aber hinterher neigt man ja sowieso dazu, den vergangenen Entscheidungen eine Bedeutung zu verleihen, die dem Ganzen einen Sinn geben.

Es war gegen Ende der Schulzeit und bekanntlich stellt sich spätestens dann die Frage: „Was werde ich?“ Das war bei mir nicht anders. Das Schulende kam also näher und irgendwie hat mich das erst mal gar nicht groß beunruhig, nicht zu wissen, was danach kommt. Ich wusste nur eines ziemlich sicher, nämlich, dass ich nicht studieren wollte. Damit war ich sicherlich eine Randerscheinung in meinem Jahrgang. Ich glaube, es haben an die 90% ein Studium begonnen. Manche hatten klare Vorstellungen davon, was sie studieren wollten. Alle anderen haben BWL studiert. Der Rest ist zum Bund oder hat erst mal nichts gemacht. In meiner Vorstellung war ich die Einzige, die letztendlich eine Ausbildung angefangen hat, aber damit mag ich auch ganz falsch liegen. Dass meine Eltern von ihrer Seite auch keinen sonderlich großen Druck ausgeübt haben, mag ebenso dazu beigetragen haben, dass meine Pläne recht dürftig waren. Ich kann mich aber noch daran erinnern, dass in einem Gespräch mit meiner Mutter die Frage nach meinem Berufswunsch aufkam und ich daraufhin sagte: „Ich könnte ja Journalist werden.“ Das war sicherlich nicht nur so dahin gesagt. Zu der Zeit habe ich bereits gern geschrieben und hin und wieder war ich bei der Schülerzeitung aktiv. Schreiben fiel mir leicht und so richtig als Arbeit stellte ich es mir nicht gerade vor. Nach ein bisschen Recherche fand ich die Idee immer noch gut. Bis zu dem Punkt, an dem meine Mutter meinte, dass ich ja dann bei meinem Vater in der Pressestelle des Unternehmens anfangen könnte. Und „peng“, damit war die Sache für mich gegessen. Nicht dass jetzt jemand denkt, ich konnte meinen Vater nicht leiden oder hatte vielleicht Angst vor ihm. Alles falsch. Ich habe immer zu meinem Vater aufgeschaut und seine Meinung und Anerkennung war mir stets wichtig. Der Punkt, warum ich nach dieser Aussage kein Interesse mehr an einer Zukunft als Journalist hatte, war, dass ich mir nicht helfen lassen wollte. Ich wollte es alleine schaffen. Klingt in heutigen Zeiten eher nach „Ritter von der traurigen Gestalt“ und schön blöd als nach Heldentum, aber meine Eltern haben mir immer alles ermöglicht, was ich gern machen wollte und wenn ich einen Ferienjob einen Tag vor den Sommerferien brauchte, so hat mein Vater mir einen verschafft, bei dem ich dann oft meine Zeit abgesessen habe und eine Menge Geld kassiert habe. Warum ich diesen einfachen, bequemen Weg nicht auch bei meinem weiteren Leben gewählt habe, erscheint unlogisch, aber so war es.

Was aber, wenn ich den diesen Weg gewählt hätte? Wie würde mein Alternativleben aussehen? Mal angenommen, ich hätte die Ausbildung in der Pressestelle meines Vaters absolviert: Natürlich habe ich einen tollen Abschluss gemacht. Schließlich wollte ich meinen Vater nicht enttäuschen und ihn in einem schlechten Licht darstellen, indem ich schlechte Bewertungen erhalte. Bis hierher käme das der Realität sehr nahe, während der Rest schlichtweg Wunschdenken ist. Nach meiner Ausbildung wechselte ich und habe für eine große überregionale Zeitung Reportagen im Ausland und aus Krisengebieten gemacht. Ich trug einen dieser praktischen Safari-/Tarnanzüge und berichtete von vorderster Front. Erst war ich für die Schlagzeilen der ersten Seite verantwortlich und dann im meinem weiteren Leben berichtete ich über die Schicksale der Menschen. Ich hatte eine kleine, portable Schreibmaschine, mit der ich abends beim Schein der Gaslampe im meinem Zelt literarisch hochwertige Berichte ablieferte. Mein Arbeitsplatz waren Asien und Arabien. Etwas unsicher bin ich mir in Bezug auf mein Privatleben. Vielleicht wären mein Fotograf und ich ein Paar. Aber eigentlich „sehe“ ich mich eher als dynamische Nachrichtenjägerin, die in ihrer Aufgabe vollends aufgeht. Und inzwischen reise ich durch die Welt und schreibe Reiseberichte und über Restaurants und Hotels, die ich getestet habe. Wie gesagt, reines Wunschdenken. Sehr viel wahrscheinlicher wäre es wohl so gewesen: Nach meiner Ausbildung blieb ich im Unternehmen und habe Betriebsanleitungen verfasst, Kundenanfragen bearbeitet, Imagebroschüren entworfen, Anzeigen getextet, Pressetexte erstellt, Medienanfragen beantwortet, Mitarbeiterkommunikation betrieben und Reden ausgearbeitet. Und nun zurück zum Wunschdenken: Später bin ich dann Konzernsprecherin geworden. Ich habe eine eigene Sekretärin und einen Firmenwagen, bin 24/7 online und habe eine schicke Penthousewohnung mit Portier und mache regelmäßig Urlaub auf exotischen Inseln.

Wenn ich nun so darüber nachdenke, hätte ich vielleicht doch Journalistin werden sollen. Klingt eigentlich alles sehr verlockend. Und genau das ist der springende Punkt. Die Wahrheit ist doch, dass wir immer versuchen, unser eigenes Leben als etwas Besonderes zu sehen – anders zu sein und aus der Masse heraus zu stechen. Und jedes Mal hadern wir mit der Entscheidung. Nehme ich das Jobangebot oder warte ich auf ein Besseres? Soll es diese Wohnung sein oder finde ich etwas Schöneres? Ist das der beste Liegestuhl am Strand oder der dort drüben? Und haben wir uns dann einmal entschieden, spielt unser Gehirn mit uns „was wäre, wenn..“ Und das immer und immer wieder. Nichts ist so hinterhältig wie unser eigener Geist, der in ständiger Angst lebt, etwas zu verpassen.

Als ich damals meinen neuen Berufswunsch, ins Hotelfach zu gehen, äußerte, war die Reaktion meiner Mutter: „Aber da kennen wir ja niemanden.“ Und damit war die Entscheidung gefallen. Was folgte, waren viele Jahre harter, langer Arbeitstage, Wochenend- und Feiertagsdienste und schlechte Bezahlung. Aber: Es waren die Jahre, in denen ich so viele Menschen und Charaktere kennen gelernt habe, die loyalsten Kollegen hatte, viele Städte und manche Länder gesehen habe und mehr über das Leben gelernt habe als manch Akademiker und Manager. Und meine Entscheidung hat den Menschen aus mir gemacht, der ich heute bin. Und wenn ich mir das so betrachte, dann würde ich es gern wieder so machen – in meinem nächsten Leben.

Eure Kerstin