Gummistiefelweg

Nach langer Zeit mal wieder ein Beitrag in der Rubrik „Leseecke“.
Inspiriert vom örtlichen Schreibwettbewerb und weil heute Weltglückstag ist, habe ich einfach mal meine Geschichte eingesandt.

Direkt hinter dem Haus war das Moor. Und wenn er abends mit der Arbeit auf dem Hof fertig war, saß er auf der Bank neben der Eingangstür und blinzelte in den Sonnenuntergang. An Regentagen blickte er mit zusammengekniffenen Augen in Richtung Moor und sah den Nebeln zu, wie sie über die Landschaft zogen. Im Winter hielt er eine dampfende Tasse in Händen, um sich zu wärmen und bisweilen erschauderte er beim Anblick der bizarren Formen, die Eis und Schnee geformt hatten. Was wohl hinter dem Moor war, fragte er sich, wenn er so dasaß und den Horizont absuchte. Ob es dort ein Meer gab? Einen Fluss vielleicht? Oder Berge? Sein ganzes Leben hatte er immer nur darüber gegrübelt, es aber immer dabei belassen.

Der Frühling kam und verscheuchte die trübsinnigen Gedanken. Zu viel Arbeit gab es, um sich weiter Träumereien und Hirngespinsten hinzugeben. Am Abend setzte er sich wie immer auf die Bank und blickte in Richtung Moor. Die Sonne stand schon tief, so dass er die Hände vor die Augen halten musste, um die tanzenden Lichter am Horizont zu erspähen. Und dann stand sie auf einmal vor ihm. Ihr Gesicht lag im Dunkeln als er aufblickte. „Ist ja ganz schön weit draußen hier“, sagte sie. Und als er sie nur weiter stumm anblickte: „Kann ich vielleicht heute Nacht hier irgendwo schlafen? Heute schaffe ich es sicher nicht mehr im Hellen über das Moor.“ Er stand auf und ging ins Haus. Und dann kam er wieder heraus. Aber sie war noch da. Stand da mit ihrem Rucksack und verdreckten Kleidern. „Also, was ist? Kann ich bleiben? Du hast mich schon verstanden, oder?“ Sie sah ihn fragend und zugleich unsicher an. Er schluckte ein paar Mal und räusperte sich. „Ja, also, neben der Stube ist noch ein Zimmer….“ „Prima“, fiel Sie ihm ins Wort und ging an ihm vorbei ins Haus.

Später half sie ihm in der Küche und erzählte, dass sie auf dem Weg nach Finnland sei. Voller Staunen folgte er ihren Worten. Finnland, das war unvorstellbar weit weg und klang nach Freiheit und Leben. Er kannte nur den Hof und die Stadt mit ihren Straßen und Geschäften und den Menschen, die dort lebten. Viel Kontakt hatte er nie gehabt. Zu laut und hastig war ihm immer alles erschienen. Und seine Freunde, die ihn besuchten, waren meist voller Ungeduld, wenn er mit ihnen auf der Bank saß und über das Moor und was dahinter wohl sein mochte, sinnierte. „Ist doch egal“, sagten sie oft, „Was soll da schon sein? Ist halt ein Moor und dann ‘ne Stadt. Oder irgendwas halt. Komm‘, lass uns in die Stadt fahren und feiern.“ Und wenn er dann wieder auf seinem Hof war, auf der Bank saß und über das Moor schaute, fragte er sich, ob da vielleicht auch jemand saß und genau wie er darüber nachdachte, was denn wohl auf der anderen Seite wäre. Und ob es eine Stadt wie seine wäre. All das erzählte er ihr. „Tja, keine Ahnung, aber ich werde es herausfinden. Morgen gehe ich durch das Moor und dann immer weiter. Bis nach Finnland.“

Am Morgen lag er in seinem Bett und dachte über den Traum nach, den er gehabt hatte. Da war ein Mädchen gewesen. Mit einem Rucksack. Das wollte nach Finnland. Zu Fuß. Durch das Moor. Einfach so. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Ein schöner Traum war das gewesen. Und dann stand sie auf unvermittelt in seinem Zimmer. „Also, ich muss jetzt los. Danke, dass ich hier schlafen durfte.“ Und dann war sie auch schon wieder weg. Er rappelte sich auf und stolperte, die Bettdecke verfing sich in seinen Füßen. Als er vor die Tür trat, hatte sie schon ihren Rucksack auf den Schultern. Sie drückte ihm links und rechts einen Kuss auf die Wange und dann zog sie los. Direkt in Richtung Moor. Sie drehte sich noch einmal um und winkte. Fast sah es aus, als ob sie tanzend durch das Moor hüpfte. Und irgendwie war ihm ihr Winken nicht wie ein Abschied, sondern wie eine Einladung erschienen. Finnland, das war ja verrückt. Er schüttelte den Kopf und ging zurück ins Haus.

Und plötzlich musste er lachen. Er ging in die Küche, wickelte Brot, Wurst und Käse in ein Tuch und verstaute alles in seinem Leinensack. Vor der Tür holte er tief Luft. Ein herrlicher Tag. Die Luft war klar und er fühlte sein Herz schlagen als er so durch das Moor lief. Unter seinen Gummistiefeln hörte er es glucksen und der Boden gab nach und in seinen Fußabdrücken bildete sich ein kleiner See mit dunklem Wasser. Irgendwann wich das Moor einer Wiese, auf der man noch die Spuren des Winters erkennen konnte. Der lehmige Boden war matschig und er sank immer wieder mit den Gummistiefeln tief ein, blieb stecken und musste den Schuh mühsam aus der Erde ziehen. Er stapfte weiter, seine Schuhe schwer und voller Dreck. Dann erblickte er einen Weg, den in einen Wald führte. Und am Ende konnte er gerade noch sehen, wie sie darin verschwand. Er zog die nutzlosen Gummistiefel aus und fing an zu rennen.

Toy Story – Spiel des Lebens

Leseecke„Was war Ihr Lieblingsspielzeug als Kind? Sehen Sie eine Verbindung zu Ihrem jetzigen Leben?“

Hier muss ich wirklich meine grauen Zellen aktivieren. Ist gefühlt schon eine (sehr) lange Zeit her, dass ich aus dem Kinderspielzeugalter raus bin. Wobei, Spielen ist ja im Grunde ein zeitloses Vergnügen und ich ertappe mich gelegentlich dabei, dass ich voller Begeisterung Lego-Schlösser baue – vielleicht sogar mit noch mehr Enthusiasmus als so manches Kind. Mag eventuell auch daran liegen, dass Kinder heutzutage einfach ein Übermaß an Spielzeug zur Auswahl haben und sich so nie lange und ausgiebig mit nur einer Sache beschäftigen müssen. Bei mir war das noch etwas anders.

Meine Legosteine lagerten in einer dieser großen Waschmitteltonnen, die es damals gab und welche von meiner Mutter mit Folie beklebt wurde. Beim Suchen nach den passenden Steinen wurde diese dann hin und her gewälzt. Stundenlang musste meine Umwelt das schabende Geräusch der aneinanderstoßenden Plastikteile ertragen. Neben Legosteinen war ich ein großer Fan von Bauklötzen und in Kombination ließen sich gewaltige, wenn auch nicht architektonisch anspruchsvolle Gebilde erschaffen. Architekt oder etwas in der Richtung stand trotzdem nie auf der Wunschliste, wenngleich ich gern schöne Bauwerke aller Art betrachte und immer die Einrichtung anderer Leute unter die Lupe nehme. Dies könnte aber auch als Neugier durchgehen.

Ganz klar, da ich ein Mädchen bin, gehörten Puppen zur Standardausstattung. Die erste Puppe, die ich geschenkt bekam, war eine Babypuppe mit weichem Körper und Schmollmund. Brummi genannt, wie ich damals. Der Legende nach habe ich als Kleinkind gern ebenso geschmollt und daher meine Eltern dazu veranlasst, dieser Marotte mit einem Spiegelbild Abhilfe zu verschaffen. Hat funktioniert, würde ich sagen. Ich bin ein von Grund auf freundliches Wesen und kann Leute mit schlechter Laune schwer ertragen. Allerdings entdecke ich im Laufe der Jahre immer mehr Falten in meinem Gesicht, die mich stark an das grimmige Aussehen von Brummi erinnern. Hoffentlich eigne ich mir mit zunehmendem  Alter also nicht auch die andere Eigenschaft an und werde zum Griesgram. Des weiteren gehörten zwei dunkelhäutige Puppen zu meinem Hofstaat, was Anfang/Mitte der 70er Jahre mit Sicherheit recht ungewöhnlich war, was sicherlich an dem sozialen Gedankengut meiner Mutter lag. Ist  mir ja schon bei meiner Namensnachforschung aufgefallen. Heute kann ich von mir behaupten, dass ich anpassungsfähig und ein weltoffener Mensch bin. Ich liebe fremde Länder und Kulturen und lasse mich gern auf Menschen aller Couleur ein.

Ach ja, einen Monchichi hatte ich auch. Dass es die noch gibt, kann ich mir schwerlich vorstellen. Jedenfalls was das so eine Art Kreuzung zwischen Menschenbaby und Affe und/oder Bär. Lange Wimpern, blaue Augen und Sommersprossen, glaube ich. Einer der Daumen war zu einem Schnuller mutiert, den der Monchichi in den Mund nehmen konnte. Schlabberiger Körper mit kurzen Beinen und langen Armen, braunes Fell und auf dem Kopf ein kleiner Fellbüschel, der mit einer Schleife zum Zopf gebunden wurde. Das war die Mädchenversion. Jungs kamen ohne Schleife. Oha, wenn ich so darüber nachdenke, klingt das eher nach Dr. Frankenstein als nach kindlich gerechten Spielzeug. Wahrscheinlich daher meine Abneigung gegenüber Horrorfilmen.

Barbies, klar, hatte ich auch. Nach der Puppenphase. Genauer gesagt, eine sonnenstudiogebräunte, blonde Schönheit, eine mit langen, dunklen Haaren, eine Dunkelhäutige, ja auch hier wieder der Einfluss meiner Mutter, der ich kurzerhand die Haare schnitt, weil es einfach besser zu ihr passte, ein Kind und natürlich Ken. Sozusagen, Ken und seine drei Frauen. Wem das Kind gehörte und ob es Ken’s Tochter war, ist nicht so ganz klar gewesen. Ihn habe ich mal über Nacht auf der Heizung vergessen, danach waren seine Füße leicht verformt und von da an musste er ohne Schuhe leben, da diese ihm nicht mehr passten. Erklärt sicher mein etwas gestörtes Verhältnis zum männlichen Teil der Menschheit.

Lesen und Gesellschaftsspiele gehören zwar nicht so sehr in die Kategorie Spielzeug, zählen aber nach wie vor zu meinen liebsten Beschäftigungen und Vergnügungen. Bei Letzterem hatte mein Vater die Angewohnheit, mich grundsätzlich nicht gewinnen zu lassen, nur weil ich ein Kind war. Jeden Sieg, den ich errungen habe, war ein ehrlicher Sieg. Ich habe gekämpft und nicht aufgegeben. Eine wunderbare Lehre, die mir im Laufe meines Lebens viel Kraft und Willen verliehen hat.

Welches nun mein Lieblingsspielzeug war, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Ich erinnere mich allerdings sehr genau daran, dass ich immer gern auch mit Autos gespielt habe und mir  – zumindestens eine Zeit lang – nichts sehnlicher gewünscht habe als ein Go-Cart. Einer meiner Kindergartenfreunde hatte eines, während ich „nur“ ein Fahrrad besaß. Mann, wie war ich eifersüchtig und neidisch. Immer ist er damit wie irre über den Hof gesaust, hat Kurven gedreht und Vollbremsungen hingelegt. Offensichtlich was das selbst meiner feministisch angehauchten Mutter zu viel des Guten, denn dieser Wunsch blieb mir verwehrt. Dafür kann ich mich heutzutage für schicke und vor allem schnelle Autos begeistern. Vorausgesetzt, ich bin der Fahrer.

Wie gesagt, die Begeisterung für Dinge ändert sich mit der Zeit und ich bin vielmehr der Ansicht, dass es zu jeder Phase ein Spielzeug gibt, welches das Spielzeug ist. Was bleibt, ist die Erinnerung, Kind zu sein und sich in selbsterschaffenen, fantastischen Welten zu verlieren, die nur den eigenen Regeln folgen. Die beste Vorbereitung auf das Spiel des Lebens. Und dann liegt es an uns selbst, was wir daraus machen.

Eure Kerstin

Das Kind beim Namen nennen

Leseecke„Kennen Sie die Bedeutung Ihres Namens und warum Ihre Eltern diesen für Sie auswählten? Glauben Sie, er passt zu Ihnen?“

Wenn man so wie ich ein ganzes, halbes Leben mit seinem Namen einfach so dahinlebt, dann ist man manchmal ganz schön überrascht, was man so alles mit ein bisschen Nachforschen darüber erfährt.

Eigentlich konnte ich ja meinen Namen – Kerstin – in jungen Jahren nie so richtig leiden. Irgendwie fand ich ihn komisch. Wahrscheinlich habe ich deswegen auch meine Eltern nicht gefragt, warum sie mir diesen Namen gegeben haben – aus Angst, dass dabei irgendwas Komisches bei rauskommt. Ich kannte niemanden, der auch so hieß, weder im Bekanntenkreis, noch irgendwelche bekannten Persönlichkeiten. Auch bin ich nicht mit einem Zweitnamen gesegnet, den ich als Ersatz hätte einsetzen können. Entweder waren meine Eltern mit der Namensfindung schon dermaßen überlastet, dass die Energie für einen zweiten nicht mehr reichte, oder aber die Streitereien in der Verwandtschaft ob des Zweitnamens wären so unschön gewesen, dass sie erst gar nicht den Versuch wagten. So sind mein Name und ich irgendwie immer allein geblieben.

Nun bin ich also der Frage nach der Bedeutung erstmals etwas intensiver nachgegangen. Bis dato hatte mich das nicht wirklich interessiert. Wahrscheinlich wieder die Angst, dass auch da was Komisches bei rauskommt. Klar war mir eigentlich nur, dass Kerstin ein eher nordischer Name ist. Skandinavisch um genauer zu sein. Allerdings ist der Ursprung griechisch. Von Christiane. Was wiederum die Christliche, die Gottestreue, die Gesalbte bedeutet. Oha, das war dann wohl doch eher Zufall, dass ich mit diesem Namen geendet bin, denn davon wurde in meiner Familie ja gleich gar nichts praktiziert. Bis auf das Singen von Weihnachtsliedern und den gelegentlichen Besuch des Weihnachtsgottesdienstes gab es keine christlichen Berührungspunkte. Meine Mutter hatte hin und wieder sogar recht ketzerische Aussagen auf Lager. Sie war ein Kind der Nachkriegszeit und sehr geprägt von der Frauenbewegung. Gern lasse ich mich bisweilen auch zu der Aussage, dass man mich im Mittelalter sicherlich als Hexe verbrannt hätte, hinreißen. So viel zum Thema Gottestreue.

Wie man von Christiane schließlich auf Kerstin kommt ist mir zwar noch etwas unklar, aber die Vermutung, dass ich den Namen einer Modeerscheinung zu verdanken habe, liegt nahe. Kerstin zählte in der Zeit von zwischen 1960 und 1970 zu den zehn beliebtesten Namen. Die Popularität fiel unmittelbar mit dem damaligen Skandalfilm „Sie tanzte nur einen Sommer“ aus dem Jahre 1951 zusammen. Kerstin war der Name der weiblichen Hauptrolle. Ein Film, der seinerzeit Schlagzeilen auf Grund der Badeszene schrieb. Auch das Aufbegehren der Jugend gegenüber den Konventionen sorgte für Gesprächsstoff. Vielleicht habe ich es also auch ein bisschen dem rebellischen Wesen meiner Mutter zu verdanken, dass ich den Namen der am Ende bei einem Motorradunfall verunglückten Protagonisten, trage. In einer Zeit des Umbruchs als Zeichen, dass das Neue eine Chance braucht, um zu gedeihen und sich zu beweisen.

Dabei würde ich mich eher weniger auf der Seite derjenigen sehen, die einen Aufstand anzetteln. Bei meiner Recherche bestätigt sich diese Tatsache, denn mit dem Namen Kerstin verbindet man Wesenszüge wie freundlich, zuverlässig, intelligent, traditionell, lustig, sympathisch. Das hört sich doch alles recht positiv an. Genau so würde ich mich auch sehen. Etwas im Widerspruch steht die Tatsache, dass der Name eher mit Unsportlichkeit assoziiert wird, es aber mehr berühmte Sportlerinnen gibt, die Kerstin heißen als zum Beispiel Politikerinnen und Frauen in künstlerischen Berufen wie Schriftstellerinnen und Schauspielerinnen. Zumindestens wenn man den verschiedenen Internetplattformen Glauben schenken will.

Besonders abstrus sind diverse Spitz- und Kosenamen zu Kerstin. Es findet sich Keksi, Tinchen, Knasti, Kes, Klak, Kiste, Kirsche, Kerli. Keschi, Kex, um nur ein paar zu nennen. Da weiß ich gleich gar nicht, welcher nicht absolut grausig ist. Eventuell lässt sich das als Zeichen dafür deuten, dass der Name und die Trägerin eben keine Abkürzung/Verniedlichung brauchen. Ein Name, der ein bisschen nach Mittsommernacht, Freiheit und Eigenständigkeit klingt. Passt, würde ich sagen und meine Eltern haben dem Kind genau den richtigen Namen gegeben. Und den Rest mit der Gottestreue kriege ich dann schon noch hin. Jetzt, wo ich erfahren habe, dass mir sogar einen Namenstag, der 24. Juli, gewidmet ist, besinne ich mich vielleicht auch noch auf diesen Aspekt meines Namens. Immerhin habe ich noch ein ganzes, halbes Leben vor mir.

Eure Kerstin

Gedankensprünge ins Ungewisse – zur Nachahmung nicht zu empfehlen

Leseecke„Schreiben Sie einen Beitrag über irgendein Thema. Einzige Bedingung: Fügen Sie gegen Ende den Satz: ‚Er versuchte mich mit dem Gabelstapler zu treffen!‘ ein.’

…… okay …… das ist jetzt nicht gerade nett. Weder die Aufgabe, noch das Thema. Setzt es doch recht kriminelle plus sadistische Energien voraus, jemanden mit einem Gabelstapler zu ermorden. So jedenfalls denke ich mir das. Warum sollte mich sonst jemand mit einem solchen Monstergerät „treffen“ wollen. Überhaupt kenne ich gar keine Leute, die so drauf sind. Gut, ich kenne genug Leute, die einen Gabelstapler fahren und sich damit gern wahre Rennen liefern. Wusste jemand, dass es tatsächlich Meisterschaften im Gabelstaplerfahren gibt? Gut, ist wahrscheinlich nicht so der Publikumsmagnet, aber es gibt sie.

Also, wenn ich die Kollegen mit ihren überdimensionalen Legomobilen so sehe, dann sieht es nach einem großen Spaß aus. Könnte mir auch gefallen (fahre gern schnell). In Bezug auf die Kollegen kann ich auch nicht behaupten, dass einer von ihnen mordlüsterne Gedanken hegt. Ja, ich gebe zu, dass es immer der nette Nachbar bzw. der Gärtner ist, der den Mörder spielt. Von einem Gabelstaplerangriff habe ich bis dato allerdings noch nichts gehört. Nicht mal im TV-Krimi. Nun zählen Krimis nicht unbedingt zu meinen Lieblingssendungen. Gruselt es mich doch meist zu sehr und ich muss wegschalten. Die andere Alternative wäre, dass der Krimi so verworren ist, dass ich es mich langweilt und ich, richtig, wegschalte. Eventuell einer dieser skandinavischen Formate. Die sind ja immer recht düster. Da passt ein Gabelstapler als Mordwaffe gut rein. Eignet sich aber nur bedingt als Fluchtfahrzeug, müsste demnach recht zügig entsorgt werden. Je länger ich darüber nachdenke, desto unwahrscheinlicher finde ich es doch.

Noch weniger amüsant ist der Gedanke an die bestimmt nicht unerheblichen Schmerzen. Nehme ja mal an, dass ich aufgespießt werden soll. Überfahren macht gar keinen Sinn und ließe sich mit einem Auto, oder meinetwegen auch Traktor viel besser erledigen. Hat jemand mal die Räder von so einem Gabelstapler gesehen? Winzig sind die. Meine Fahrradreifen sind größer. Und der Lärm verrät den Übeltäter doch schon 500 Meter gegen den Wind. Das ist doch alles ziemlich konstruiert. Ich müsste mich ja dann auf dem Hof einer Fabrik befinden. Oder hat schon mal jemand einen Gabelstapler auf der Straße fahren sehen? Ok, darüber ließe sich reden, schließlich bin ich hin und wieder während der Arbeit auf dem Hof einer solchen Fabrik unterwegs. Aber im Idealfall dürfte es ja keine Zeugen geben. Würde ich annehmen, denn sonst wäre es ja noch langweiliger als die langweiligen Krimis im Fernsehen. Und langweilig sterben geht gar nicht. Gebe allerdings zu, der Effekt ist der gleiche: Mit dem Gabelstapler getroffen, Opfer tot. In der Realität sind die Mordfälle wahrscheinlich eh meist nicht so verworren wie im Film. Kann ich natürlich nicht aus erster Hand bestätigen. A bin ich kein Mörder, auch kein Aspirant, um das hier mal zu betonen, und b (noch) am Leben und könnte natürlich in diesem Fall auch gar nichts mehr zu dem Thema beitragen, weil ich dann bereits das Zeitliche gesegnet hätte, mal angenommen, Überleben wäre ausgeschlossen. Eine Bestätigung der These kann ich noch nicht mal aus zweiter Hand liefern, denn Kriminalbeamte gehören nicht zu meinem Bekanntenkreis. Und nur der Ordnung halber: Mörder bzw. Anwärter auf diesen Titel erst recht nicht. Aktueller Stand: Heute.

Aber zurück zur Tat. Ich gehe also über den Hof und werde von einem Gabelstapler angegriffen. Wie schnell fahren die Dinger eigentlich? Kann ich da nicht einfach wegrennen, wenn so einer auf mich zukommt? Der Zinkenangriff könnte natürlich auch aus dem Hinterhalt erfolgen. Ziemlich heimtückisch, um nicht zu sagen hundsgemein. Muss aber nicht sein. Im Fall der Fälle ahne ich ja nichts davon. Insofern reicht ein ganz gewöhnliches Lenkmanöver und, schwups, stecke ich am Spieß. So einfach geht das. Wow, ab sofort verstecke ich mich jedes Mal, wenn ich auch nur die Silhouette eines dieser Ungetüme erkennen kann. Nicht auszudenken, wenn das mein Ende sein sollte. Schön, wir wollen uns mal nicht verrückt machen lassen. Sonst gruselt es mich gleich und das Schlimme ist, ich kann nicht wegschalten. Wo war ich? Ach ja, ich auf dem Hof, nichts ahnend, von einem gemeingefährlichen Gabelstapler attackiert. Was fehlt? Ach ja, der Täter.

Nun, ich bin kein Psychologe. Daher bin ich Bezug auf das Täterprofil etwas blank. Kann mir einfach nicht vorstellen, dass mich jemand umbringen will. Mit einem Gabelstapler! Jemand, der sich von außen einschleicht, ist eigentlich recht unwahrscheinlich. Müsste am Sicherheitsdienst vorbei, sich einen Gabelstapler, der zufällig nicht in Betrieb ist schnappen, vorher den Schlüssel besorgen und dann das Ding auch noch fahren können. Und zu guter Letzt müsste ich ja auch noch genau zu der Zeit vorbei kommen, damit er mich skrupellos und hinterrücks platt machen könnte. Bisschen viel Aufwand vielleicht, um mich aus dem Weg zu schaffen. Fast so verworren wie manch Krimi. Einfacher wäre es natürlich für einen Kollegen. Zur Arbeit kommen, einsteigen, und wenn ich des Weges komme, zack, aus, vorbei. Am besten noch als Auftragsmord geplant. Irgendeinen Deal schließen. Könnte schließlich als Unfall getarnt sein. Super, also über den Hof gehe ich in nächster Zeit bestimmt nicht mehr.

Zum Schluss also nun die Zusammenfassung dieser zur Nachahmung nicht zu empfehlenden Überlegungen: „Am Mittwoch vergangener Woche wurde Kerstin D. Opfer eines äußerst skurrilen Zwischenfalles, der sich auf dem Gelände einer örtlichen Firma abspielte. Wie wir erfahren haben, erhielt Frau D. kurz vor der Tat einen Anruf, worauf hin sie sich auf den Hof begab und in Richtung Lager ging. Trotz des vorschriftsmäßigen Tragens der Warnweste, fuhr einer der Gabelstapler mit voller Geschwindigkeit und nicht abgesenkter Gabel direkt auf Frau D. zu, um dann unmittelbar vor ihr einzuschlagen. Nachdem er zum Stillstand gekommen war, stieg der Fahrer seelenruhig aus, beugte sich zu Frau D. hinab und küsste sie innig. Hinterher berichtete Frau D.: ‚Ich schätze, er wollte mich einfach mal mit dem Gabelstapler treffen’. Wie der Täter in den Besitz des Gabelstaplers kam, ist noch ungeklärt.“

Was mal wieder beweist, dass die Ungewissheit im Leben und was im nächsten Moment auf einen zukommt und zu welchen Gedankensprüngen unser Gehirn fähig ist viel spannender ist als jeder Krimi. Trotzdem beobachte ich in nächster Zeit die Gabelstapler sehr genau, wenn ich über den Hof gehe. Wer weiß schon, was der Fahrer für Phantasien gerade ausbrütet.

Eure Kerstin

„These boots are made for walking“ – von Märchen und Prinzen

Leseecke“Welches sind Ihre Lieblingsschuhe und wohin sind Sie mit diesen gegangen?“

Um hier gleich ein typisches Vorurteil zu bestätigen: Diese Frage lässt sich nicht einfach so beantworten. Frauen haben nicht nur ein Paar Lieblingsschuhe. Viel mehr ist eher so, dass alle Schuhe Lieblingsstücke sind. Und nie hat frau die passenden Treter zum Outfit. Das ist fast so wie mit Vasen. Egal, wie viele man hat, es ist nie die Richtige dabei. Hinzu zu fügen ist auch, dass die wenigsten Frauenschuhe zum (längeren) Gehen geeignet sind.

Ich erinnere mich da einen Theaterbesuch vor ein paar Jahren, bei dem ich Schuhe anhatte, die sich nur im stehenden und sitzenden Zustand tragen ließen, so dermaßen hoch waren die. Damit ich ohne gebrochene Gliedmaßen den Weg von und nach Hause überstehen würde, hatte mir extra ein zweites Paar Ballerinas eingepackt. Meine Füße schmerzten trotzdem höllisch am Ende des Abends. Da fragt Mann sich zu Recht, warum Frau sich so etwas antut. Zumal ich mir ziemlich sicher bin, dass es nicht wirklich elegant aussah, wie ich mit zusammen gebissenen Zähnen und wie auf Eiern gehend, ein Glas in der Hand balancierend, durch das Foyer tapste. Da hilft es auch nichts, wenn es sich dabei um sündhaft teure, spitzenbespannte Seiden-Peeptoes handelt. Was ich damit sagen will: Frauen – ich – lieben Schuhe auch deswegen, weil es zu jedem Paar eine Geschichte gibt und bei jedem Schuhkauf hat man ein bestimmtes Outfit im Kopf, zu welchem der Fund perfekt passt. Manchmal ist auch der Schuh, der einfach die Stimmung perfekt wiedergibt.

Bei einem gemeinsamen Einkaufsbummel mit meinem späteren Ex zu einer Zeit, als schon nichts mehr zu retten war, standen wir in einem Schuhladen und ich habe dieses etwas schrille Paar Riemchenpumps gesehen. Meine Begleitung schien sichtlich überrascht, dass ich etwas derart Ausgefallenes in Erwägung zog. „So was hätte ich Dir früher gern gekauft.“ Da wusste ich, dass ich nicht ohne aus dem Geschäft gehen konnte. Von daher sind Schuhe auch so etwas wie Lebensabschnittsgefährten, die wir oftmals viel länger pflegen als deren menschliche Namenspaten. Selbst Nancy Sinatra nutzte ihre Stiefel, um den Besungenen für seine Untreue und Lügen zu strafen, und mit eben diesen irgendwann über ihn hinweg zu laufen.

Zum Beispiel geht nichts über echte Lederschuhe mit gleicher Sohle. In meinem Besitz befindet sich ein Paar schwarze Loafers, die ich schon diverse Male habe besohlen lassen und unzählige Male neue Absätze verpasst habe. Aber sie sehen immer noch tadellos aus und tragen sich wunderbar. Wahre Galoschen des Glücks. Wobei diese ihren Trägern bekanntlich kein Glück gebracht haben. Was mich zu der Überlegung bringt, ob mir Schuhe schon jemals Glück gebracht haben. So wie bei Aschenputtel, die der Prinz an Hand des verlorenen Schuhs findet. Ok, ich habe noch nie nur einen Schuh verloren. Ist also fraglich, ob es dann mit dem Prinzen klappt. Und ich frage mich auch immer, wenn ich denn mal ein verlassenes Exemplar an zum Teil recht ungewöhnlichen Orten entdecke, wie man nur einen Schuh verlieren kann. Hat vielleicht mit dem gleichen Phänomen wie die Sache von dem einen Socken, der in den Tiefen der Waschmaschine verschwindet, zu tun. Gut, manche Dinge muss man einfach nehmen, wie sie sind.

Bei Schuhen ist das anders. Diese müssen dem Fuß schmeicheln und die Persönlichkeit des Trägers wiederspiegeln. Ich mag Schuhe, die bis zu einem gewissen Grad auffallen. Gern trage ich zu einem schlichten grauen Anzug rote Lackschuhe. Oder silberne Sandalen zum luftigen Sommerkleid. Oder pink-orange Pantoletten zur Jeans. Zum ausgeprägten Schuhtick fehlen mir allerdings das nötige Kleingeld und die richtige Schuhgröße. Bei einer 35 beschränkt sich das Angebot in einem normalen deutschen Schuhladen auf die Kinderabteilung. Bleibt also noch die Designerecke oder der Shoppingtrip in südlichere Länder, in denen Frauen mit dieser Größe offensichtlich zum Durchschnitt gehören. Noch spannender ist es, Schuhe im Internet zu kaufen.

Obwohl. Zu Beginn des Winters 2006 habe ich einmal Stiefel in meiner Größe dort erworben. Bis dato habe ich mich immer damit begnügt, eine 36 zu kaufen und Sohlen einzulegen. Ist im Winter und wenn man so wie ich immer schnell friert, nicht das Schlechteste. Sieht man ja auch nicht, anders als in Sandalen zum Beispiel. Die müssen eben passen. Die besagten Stiefel waren perfekt und sind es noch immer – sechs Winter später. Und demnächst werde ich sie aus ihrem Sommerlager hervor holen und mich daran erinnern, wie ich damals mit nigel-nagel-neuen Stiefeln nach New York zum Christmas Shopping geflogen bin und keine einzige Blase das Vergnügen geschmählert hat.

In die gleiche Kategorie fallen auch meine Wanderschuhe. Wahrhafte Namensvertreter, die ihren Zweck, nämlich Gehen, vollends erfüllen. Echte Siebenmeilenstiefel, gemacht, um die Welt zu erforschen. Vielleicht nicht so schicksalhaft, dafür annähernd so mühelos. Bergauf, bergab. Nur barfuss Laufen ist schöner. Überhaupt geht nichts über das Laufen mit bloßen Füßen. Sommers wie Winters fröne ich diesem, wenn ich zuhause bin. Hier und da gibt es auch Barfusspfade, bei denen die verschiedenen Untergründe ergangen werden können. In Schuhen selbst bin ich auch gerne barfuss. Daher zählen meine Uggs ebenso zum Kreis der Lieblingsschuhe wie Flip Flops. Beides keine Schuhe, die den Füßen wirklich schmeicheln, wenn wir mal ehrlich sind. Es ist also gar nicht so einfach, die perfekten Lieblingsschuhe zu finden. Genauso wie den perfekten Prinzen. Frau muss lange Suche. Von daher komme ich hierfür auf den namensgebenden Song zurück: “Are you ready boots? Start walkin’!”

Eure Kerstin

Der Duft des Lebens

Leseecke„Menschen haben einen starken Geruchssinn. Erzählen Sie über einen Geruch und woran er Sie erinnert.“

Sicherlich gibt es diese Gerüche, die einen zum Lächeln verführen. Ok, vielleicht ist Lächeln nicht das richtige Wort, eher so was wie ein inneres Lächeln, falls es das gibt. Also in Richtung stilles Glück. Wie der Duft nach frisch gemähtem Gras, die Luft nach einem Sommerregen, frische Bettwäsche, die erste Tasse Kaffee am Morgen.

Und es gibt Gerüche, die einen in eine andere Zeit versetzten: Das Parfum einer verflossenen Liebe, Plätzchenduft und Weihnachten. Schweißgeruch an das letzte Mal, als das eigene Deo versagte.

Und dann gibt es Gerüche, die nur in unserer Erinnerung lebendig sind. Für mich gehört dazu der Sonntagsbraten, den es bei uns immer gab. In meiner Erinnerung sind diese Sonntage lange, triste Tage, die schier endlos dauerten. Die Zeit schien eine zähe Masse zu sein. Die Familien blieben unter sich und jeder war sich selbst überlassen. Sich mit Freunden treffen war eher die Ausnahme. Die Stille draußen setzte sich im Haus fort. Mein Vater, der mittags auf dem Sofa schlief. Meine Mutter, die schweigend am Tisch saß und ihren Gedanken nachhing. Langeweile gehörte zum Programm. Genauso wie die Sportschau ein unumstößliches Ritual war. Es gab sowieso nur eine Handvoll Sender. Die Fernbedienung hatte ihren festen Platz auf der Armlehne des einzigen Sessels, der dem Fernseher zugewandt war. Der Hund, der nach dem Spaziergang friedlich unter dem Couchtisch schlief. Und eben der Sonntagsbraten. Schweinebraten mit Knödeln, Kalbsrollbraten mit Kartoffeln, Rinderschmorbraten mit Rosenkohl. Es roch nach Soße und Wärme. Manchmal waren es Kartoffelknödel mit gebratenen Zwiebeln. Ein Gericht aus der Kindheit meiner Eltern. Es roch nach Heimat und vergangenen Zeiten. Im Herbst gab es Pflaumenpfannkuchen. Es roch süß und gemütlich. Im Sommer wurde des Öfteren mit Freunden gegrillt. Für die Kinder gab es Rippchen und gegrilltes Brot. Der Grill wurde mit Holzkohle und Spiritus betrieben und es gab einen Fön zum Erzeugen der Glut. Flammen wurden mit Bier gelöscht. Es roch nach verbranntem Fett und Asche. Alles war lebendig. Und immer roch es nach Familie. Nach Liebe und Fürsorge.

Bisweilen haben Sonntage noch immer diese Konsistenz der Endlosigkeit. Draußen scheint die Welt zu ruhen. Die Menschen ziehen sich zurück. Neben der Sportschau laufen unzählige andere Sendungen, die für Unterhaltung sorgen. Die Langeweile wird ertränkt in Dokusoaps. Nur der Platz in der Küche bleibt leer. Niemand, der stundenlang für ein Familienessen arbeitet. Kein Topfklappern. Kein Duft, der durch das Haus zieht und einem das Wasser im Mund zusammen laufen lässt. Niemand, der einen zum Essen ruft. Meine Mutter hat mir ihre Rezepte nie verraten. Und ich habe sie nie danach gefragt. Nichts ist vom Duft des Lebens geblieben.

Eure Kerstin

Lebenslinien, oder wovon man besser die Finger lassen sollte

Leseecke„Sie sind auf einem langen Flug und neben Ihnen sitzt eine Wahrsagerin, die darauf besteht, Ihnen aus der Hand zu lesen. Was wird Sie Ihnen erzählen?“

Vorweg muss ich allerdings sagen, dass ich mit Dingen, wie Horoskop, Sternzeichen usw. recht wenig bis gar nichts am Hut habe. Daher habe ich mal in dem schlauen Buch des world wide web nachgeschlagen, was die Furchen noch so zu sagen haben, außer, dass ich eine bessere Handcreme benutzen sollte.

Tja, und wenn ich mir meine Hände so betrachte, dann wird das ein Höllenritt. Fangen wir also einfach an: Wie es in einschlägigen Filmen und Romanen so ist, setzt die Wahrsagerin einen durchdringenden Blick auf, als sie meine rechte Hand betrachtet. Ich dachte ja immer, dass man aus der Linken liest. Aber, es ist eher so, dass man die „Stärkere“ – sprich, Schreibhand – dazu nimmt. Da ich zwar rechts schreibe, aber durchaus viele Dinge mit links mache, hege ich so meine Zweifel, ob der stärkeren Hand.

Nach einiger Zeit räuspert sie sich und seufzt: „Sowohl im Leben als auch in der Liebe wirst Du leider mit vielen Schicksalsschlägen und Enttäuschungen konfrontiert.“ Sie tätschelt aufmunternd meine Schulter: „Deine Kopflinie weist auf Intelligenz und Talent hin.“ Puh, dann ist ja nicht alles verloren. „Die Herzlinie und Sonnenlinie deuten auf Glück in der Liebe und im Leben. Du hast zwei intensive, leidenschaftliche und lange Beziehungen in Deinem Leben, aber ein schwieriges Liebesleben und mehrere Ehen.“ Na, wie soll ich das denn verstehen? Dass ich so was wie jede Menge Ein-Tages-Ehen habe? Und wenn ich es mal so grob überschlage, dann sind die beiden, längeren Beziehungen auch schon abgehakt. Sie streicht über mein Handgelenk und fährt die Lebenslinie entlang: „Du wirst ein langes Leben haben. Allerdings werden Deine Gesundheit und Lebenskraft Dich nicht bis an Dein Lebensende begleiten. Könnte sein, dass Dein Erinnerungsvermögen nachlässt.“ Na toll, ich werde uralt und dement. Kein Wunder, dass ich dann mehrere Ehen habe und mein Liebesleben kompliziert ist: Ich kann mich einfach nie daran erinnern, wer und wo mein Mann ist. Eine Spur von Trauer liegt in ihrer Stimme, als sie verkündet: „Eine Verbindung zu Helfern aus der spirituellen Welt kann ich nicht sehen.“ Zum Glück, bei den ganzen Ehemännern kann ich beim besten Willen nicht auch noch Stimmen aus dem Jenseits oder sonst woher brauchen, die mir sagen, was ich tun soll.

Und hier wird sie eine Pause machen, meine zweite Hand nehmen, die Stirn runzeln und flüstern: „Leider muss ich Dir auch sagen, dass Du einen unstabilen Charakter hast und aus den Möglichkeiten, die Dir das Leben bietet, nicht viel machen wirst und recht oberflächlich bist.“ Ok, wo ist die Stewardess? Ich brauche einen Drink. Am besten gleich die ganze Flasche. Auch wenn ich bekennende Anti-Alkoholikerin bin. Egal. Obwohl das den Prozess des Realitätsverlustes sicherlich beschleunigt. Egal, die beste Zeit ist eh schon vorbei. Dann wird sie mich mitleidig und sorgenvoll anschauen und den Platz wechseln. Neben normalen Sterblichen, die sich demnächst an nichts mehr erinnern und One-Night-Ehen führen und noch dazu charakterschwach sind, will nun wirklich niemand während eines langen Fluges sitzen. Solch schlechtes Karma ist am Ende noch ansteckend.

So viel zu meinem Erlebnis in 10.000 Metern Höhe. Ursprünglich wollte ich zum besseren Verständnis ein Foto meiner Hand hier einfügen, verzichte aber lieber, da ich dem Leser es nicht zumuten möchte, die gleichen oder ähnliche Hiobsbotschaften in den eigenen Handflächen zu entdecken. Im Grunde kann ich daher nur jedem abraten, sich auf ein solches Experiment einzulassen oder im Flugzeug grundsätzlich zu schlafen bzw. dies vorzutäuschen. Denn bekanntlich ist die Freiheit über den Wolken grenzenlos. Und das trifft auch auf das trifft offenbar auch auf Hirngespinste zu.

Zum Glück bin ich, wie anfangs gesagt, in der Hinsicht Realist, obwohl ich immer mal wieder gern daran glauben würde. Und vielleicht habe ich das nach dem Internet Crashkurs im Handlesen auch alles völlig falsch verstanden, aber ich hätte besser die Finger davon lassen sollen, denn nun würde ich ja schon gern wissen, was meine Hände so über mich und mein Leben sagen. Auch wenn ich es nicht wirklich glaube. Ja, so ist das eben mit den bipolaren Persönlichkeiten, die sich am Ende nicht mehr daran erinnern können, was sie am Anfang gesagt haben.

Eure Kerstin