auf halber Strecke – Episode 7

PendelzugNeulich auf halber Strecke, Wochenanfang und wieder pendelt die Arbeitswelt vom Wochenende in den Alltag der Arbeitswoche

Mir gegenüber sitzen zwei Männer, so zwischen Mitte vierzig und fünfzig und der eine eher so Typ Beamter mit Bauch und leicht fahlem Gesicht, der andere eher so ein verkappter 68er, ziemlich leger bis nachlässig gekleidet, eben irgendwie in der Gesellschaft angekommen.

Beide hatte ich letzte Woche schon mal von weiter weg überhört, wie sie sich unentwegt unterhalten haben und mir da schon gedacht, dass ich die beiden unbedingt einmal „näher kennenlernen“ muss.

„Freitag ist wieder der Würger in Eichenau eingestiegen.“ Oh, ja, den habe ich auch gehört. Hörte sich wirklich nicht gesund an und ein paar Leute haben da auch die Hälse gereckt. Mir allerdings ist er zum ersten Mal aufgefallen.

„Der röchelt immer so“, meint der Mittelstandshippie und die Geräusche, welche er dann aus seiner Kehle produziert, erinnern gleichzeitig an Darth Vader und etwas schwer Verdauliches. Der Kollege ist anscheinend ziemlich hart im Nehmen und döst mit geschlossenen Augen. Schläft der etwa?

„Keine Ahnung, ob das eine Erkältung ist, aber muss man es denn dann so ausleben?“ Der Kollege grummelt, was sich durchaus als Zustimmung deuten ließe. “Wenn jeder sich so ausleben würde und hier husten, rülpsen und furzen.“ Ich muss an den Film, oder war es eine von diesen Shows, vom Wochenende denken, in dem der Held/Kandidat bei einer etwas von der gesellschaftlichen Mitte entfernten Familie auf einer Farm war und ein rohes Ei mit selbstgebranntem Sprit zur Begrüßung trinken musste. Das hörte sich ähnlich an und mir war kurzzeitig regelrecht übel. Sofort kommt das leicht flaue Gefühl in der Magengegend auch jetzt wieder zurück.

Verzweifelt bete ich ein Mantra: Weißes Pferd auf grüner Wiese, weißes Pferd auf grüner Wiese. Als das nicht hilft, greife ich panisch nach meinem Handy und suche hektisch nach der Playlist zum Runterkommen. Alles ist besser als weiterhin dieses Kopfkino in Farbe.

Während John Denver “Some days are diamonds, some days are stones. Sometimes the hard times won’t leave me alone” singt, hoffe ich inständig, dass ihm diese Zeilen weder nach dem Genuss von Hochprozentigem mit Einlage noch aufgrund einschlägiger Pendelerfahrung eingefallen ist, sondern wirklich nur einer seiner melancholischen Songtexte ist.

Klar war der Platz bei den beiden noch frei, denke ich. Und ab sofort steige ich in den Waggon jedenfalls nicht mehr ein. Und vielleicht verkaufe ich auch den Fernseher.

Genug für heute. Die Türen schließen. Und ich bin wie immer mittendrin und voll dabei.

 

auf halber Strecke – Episode 6

PendelzugNeulich auf halber Strecke, also im Grunde weit davor, denn bevor es überhaupt erst so richtig losgeht, ist es im Leben eines Pendlers erst einmal von großer Bedeutung zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

„Meine“ Heimathaltestelle wird umgebaut. Barrierefreier Bahnhof. Das fing mit Demontagearbeiten an. Erst die Anzeigentafel. Stimmt ja auch meist eh nicht, wenn denn überhaupt etwas angezeigt wird. Dann die Uhr. Braucht es auch irgendwie nicht, die Bahn fährt, wenn sie da ist. Dann das Dach. Richtig, es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Nun teilt ein Baugerüst den Bahnsteig, so dass man sich für eine Seite entscheiden muss, von der man annimmt, dass die Bahn dort hält. Na ja, wir alle kennen ja Murphy’s Gesetz.

„Bavaria’s next Top Bahnhof“ steht auf dem Informationsplakat. Die Bahn fährt trotzdem. Manchmal sogar pünktlich. Und manchmal eben nicht. Heute eher nicht. Menschenmassen quetschen sich auf die Seite des Bahnsteiges, von der irgendwann jemand beschlossen hat, dass es die ist, auf der die Bahn heute anhält und dies nun durch die Mehrheit eine entsprechende Gewichtung erfährt. Die Gefahr, ins Gleisbett zu fallen, steigt proportional mit der Anzahl der Wartenden plus Zeit.

Irgendwann erfolgt eine Durchsage. Nur eben nicht auf dem Bahnsteig, auf dem sich alle tummeln, sondern an dem Gleis, welches schon seit Wochen gar nicht mehr in Betrieb ist. Hören tut man nichts. Der Baulärm unterbindet jeden Versuch, die ohnehin qualitätiv schlechten Durchsagen auch nur ansatzweise zu verstehen.

Das verlassene Gleis, das mit dem funktionieren Lautsprecher, durfte komischerweise auch seine Uhr behalten. Allerdings ohne Funktion, die Zeiger stehen still, was ja dann auch irgendwie sinnlos ist. Die Anzeigentafel hängt auch noch. Sogar mit Anzeige: 524 Minuten bis zur nächsten Abfahrt steht da. Ich hoffe mal ganz stark, dass das so eine Art Feierabendanzeige für die Bauarbeiter ist und keinerlei Relevanz zum Fahrplan hat.

Da fällt es einem schwer, nicht in den Tenor, ich habe heute leider kein Foto für Dich, einzustimmen. Nun ja, laut Plakat hat der Bahnhof auch noch bis Mitte 2020 Zeit, sich in ein Topmodell zu verwandeln.

Wenn der Tag schon so anfängt, dann sind wir alle wieder mittendrin und voll dabei.

auf halber Strecke – Episode 5

PendelzugIm Büro sind mal wieder Überstunden angefallen, so dass ich erst zu später Stunde die Bahn nach Hause erwische, was irgendwie auch ein kleines Glück ist, denn dann darf ich mich über einen Sitzplatz freuen. Sozusagen die Entschädigung für die späte Stunde. Und die erste halbe Strecke habe ich ja auch schon hinter mir.

Das junge Pärchen mir gegenüber fällt weder in die Kategorie Schreibtischtäter noch Bürohengst. Die sehen eher nach Party aus. Er mit schwarzer, gesteppter Lederjacke, klamotten- und frisurtechnisch eher in Richtung Punk gehend. Und irgendwie auch eventuell mit Migrationshintergrund mit diesem typisch südländischen Hautton, den dunkeln Haaren und ebensolchen Augen. Vollbart. Sie eher ein Schneewittchen, blass und mit schwarzen, langen Haaren, die mit einem Kopftuch zusammenhalten werden. Schwarze Fingernägel, filigranes Halsband und tiefes Dekolleté, welches den Spitzen-BH hervorblitzen lässt. Die Zukunft unserer Gesellschaft. Nicht repräsentativ, aber doch ein Teil davon.

Belanglosigkeiten werden ausgetauscht. Dann wird die weitere Abendgestaltung zum Mittelpunkt des Gespräches. Anscheinend steigt irgendwo noch eine Party. „Fahren wir mit dem Auto?“ „Nein, jetzt, wo wir das Tagesticket haben, sollten wir es auch nutzen.“ Ups, das kam jetzt irgendwie unerwartet. Vorsicht Vorurteil, kann ich da nur sagen.

„Ich habe meiner Mutter jetzt vorgeschlagen, dass wir den Müll trennen“, wechselt sie plötzlich das Thema. Eventuell habe ich auch den Anschluss verpasst, als ich noch damit beschäftigt war, das äußere Erscheinungsbild mit der vorherigen Aussage in Einklang zu bringen. „Und weißt Du, was sie mir geantwortet hat? ‚Aber dann fährst Du zum Werkstoffhof.‘“ Er: „Ganz ehrlich, Deine Mutter hat noch nicht begriffen, dass es um Nachhaltigkeit geht.“ Wow, ich bin sprachlos. Fridays for Future für die Generation Ü20.

Mittendrin und voll dabei. Wie immer.

 

auf halber Strecke – Episode 4

PendelzugNeulich auf halber Strecke, da treffe ich einen ehemaligen Klassenkameraden. Er selbst ist erst seit diesem Tag Pendler, hat eine neue Stelle in der Innenstadt. „Willkommen im Club“, beglückwünsche ich ihn, wobei mein Unterton sicherlich verrät, dass es sich beim Club der Pendler eher um einen Verein leidgeprüfter Steuerzahler der Mittelklasse, die das Rückgrat unseres Sozialstaates bildet und diesen am Laufen hält, handelt.

Eine Weile reden wir über die Vorzüge und Nachteile des öffentlichen Nahverkehrs. „Ja, da wo ich einsteige kriege ich selten noch einen Sitzplatz. Ist aber nicht so tragisch. Nach all der Zeit, die man sitzend am Schreibtisch verbringt.“ So, als ehemalige Klassenkameraden schleppt sich die Unterhaltung, ähnlich stockend der Zugfahrt zur Hauptberufszeit, dahin. Vor gefühlten Ewigkeiten waren wir so gesehen ja schon einmal Leidensgenossen, pubertierend und im jugendlich-aufbegehrenden Geiste vereint gegen das Spießertum der Elterngeneration und den unfähigen, in ihren Lehrmethoden eingefahrenden Lehrern. Jetzt, dreißig Jahre später, hat uns die Gesellschaft geformt, geprägt und auf unsere Plätze verwiesen. Und doch ist ein Funke des Aufbegehrens geblieben: „Wir wohnen jetzt da, wo es uns gefällt und nicht da, wo die Arbeit ist. Lieber pendele ich.“ Ja, das klingt gut. Ich hatte auch mal einen Freund, der diese Einstellung vertreten hat. Das Ende war, dass er wirklich traumhaft gewohnt hat, aber von Arbeit weit und breit keine Rede war. Irgendwann muss er dann umgezogen sein, dahin, wo Arbeit ist.

„Was machen die Kinder?“, will ich wissen, um die drohende Stille trotz übervoller S-Bahn abzuwenden. „Ich komme gerade von der Tochter. Die wohnt in der Innenstadt.“ Ah, da wo die Arbeit ist. Junge Leute sehen das anders. So war ich auch mal. Nun „zwinge“ ich den Nachwuchs, in einem Vorort der Großstadt zu leben. So lange, bis auch er sich in Richtung eigenständigem Leben in Richtung Lichterglanz und Nachtleben davon machen wird. „Der Sohn ist gerade auf Weltreise. Findungsphase, bis er weiß, was er machen will.“ Beide Kinder aus dem Haus. Schön, denke ich. Ein Leben so ganz ohne Erziehungspflichten.

„Warst Du eigentlich auf dem Klassentreffen im Sommer?“ Ich stocke. Er erinnert sich tatsächlich nicht an mich. Nicht wirklich. Ein nichtssagendes Gesicht in der Menge der Ehemaligen. „Doch, doch, ich war da“, und bin fast versucht hinzufügen, dass ich die auf dem obligatorischen Foto war, deren halbe Brust aus der Bluse fällt. Vielleicht erhöht das meinen Wiedererkennung- und Wiedererinnerungswert beim nächsten Mal. Sei es auf dem Klassentreffen oder im Zug. Und gleichzeitig hoffe ich, dass der ehemalige Klassenkamerad zukünftig zu anderen Zeiten pendelt. Wobei ich auch die Hoffnung hege, dass ich vielleicht einmal dort wohne und arbeite, wo es mir gefällt. Dann könnte ich sagen, ich lebe.

Genug für heute. Die Türen schließen. Und ich bin wie immer mittendrin und voll dabei.

 

auf halber Strecke – Episode 3

PendelzugNeulich auf halber Strecke, der offizielle Frühlingsanfang ist schon ein paar Tage her, aber draußen wütet ein Schneesturm allererster Güte, während die S-Bahn mich in Richtung Innenstadt bringt.

In meiner Nähe sitzen ein Mann und eine Frau, ganz offensichtlich Bekannte, vielleicht auch nur Pendelkollegen, zumindest aber soweit miteinander bekannt, dass sie sich über ihre Urlaubspläne austauschen. Beim Blick nach draußen eigentlich keine schlechte Idee.

Es geht um ein Ziel in Griechenland, eventuell auch Kroatien und um die An- beziehungsweise Abreise. Elendige Kilometer bei sommerlichen Temperaturen kommen mir in den Sinn. Und doch sehe ich gleichzeitig das azurblaue Wasser, welches sich in der seichten Brise kräuselt. Vor meinen Augen bleiche Felsen und bunte Boote, die auf den Wellen schaukeln. Mediterrane Bauten, die in friedlicher Ruhe in der Sonne liegen. Warme Luft streicht über die Landschaft. Herrlich.

Die Gedanken an den Sommer tun gut. Dieser Winter scheint so gar nicht dem Frühling Platz machen zu wollen. Und das so kurz vor Ostern. Ostern? Oh, da steht ja bei mir selbst ein kurzes Intermezzo an. Lediglich das Ziel ist noch undefiniert. Dabei hatten der Mann an meiner Seite und ich schon diverse Ideen, in vorderster Reihe ein klassischer Städtetrip. Hamburg und Berlin standen schon zur Diskussion. In Barcelona waren wir sogar schon virtuell per Mausklick, die Realität allerdings bleibt wohl vorerst aufgrund der Budgetvorgaben verwehrt. Eigentlich schade. Wohin also nun?

Und so sitze ich hier, lausche den ganz praktischen Urlaubstipps derjenigen, die schon feste Ziele haben. Bei den dabei immer wieder auftauchenden Punkten in Bezug auf Strategien zur Vermeidung von Staus und anderen Engstellen, komme ich zu dem Schluss, dass eigentlich eine Bahnreise nicht schlecht wäre. Trotz meiner getrübten Sicht als Pendler auf die Fähigkeiten der Deutschen Bahn, trotz der immer wieder arg strapazierten Nerven als Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs. Beim Bahnfahren reisen die Gedanken mit, begegnen der vor den Fenstern vorbeiziehenden Landschaft.

Herrje, meine Haltestelle. Fast hätte ich bei so viel Tagträumerei meine Ausstiegstelle verpasst. Genug für heute. Die Türen schließen. Und ich bin wie immer mittendrin und voll dabei.

Und dann plötzlich sehe ich es vor mir: Prag, da will ich hin! Jetzt gilt es nur noch, den passionierten Autofahrer und Liebsten davon zu überzeugen. Und vielleicht sitzen auch wir dann im Zug und schwärmen von Sehenswürdigkeiten und Spezialitäten der Ferne und anders als meine beiden Mit-Pendler, von der entspannten An- und Abreise.

auf halber Strecke – Episode 2

PendelzugNeulich auf halber Strecke, ich mache mich gerade bereit zum Aussteigen, dränge mich durch die Menschenmassen in Richtung Tür.

Hinter mir höre ich, wie sie sich bei ihm erkundigt, wie das Wochenende so war. Aha, zwei Kollegen. Oder vielleicht auch nur gemeinsame Bahnfahrer, die dann getrennter Wege gehen. Oder sogar Bekannte/Freunde, die sich zufällig im morgendlichen Pendelverkehr getroffen haben.

„Wir waren zu Besuch bei meinem Cousin“, antwortet er. Verwandtschaftsbesuch, das kann im Grunde alles bedeuten. „Der wohnt in Königsbrunn“, fährt er fort. Oh, cool, denke ich. Da gab es früher eine Therme, eigentlich eher sowas wie ein Erlebnisbad. Meine Jungendclique und ich sind da hin und wieder gewesen. Ich glaube, ich war dann nochmal mit meinem Jungendfreund. Lang, lang ist es her. Eigentlich sollte ich wirklich mal wieder zum Schwimmen oder in die Sauna gehen. Wobei Schwimmen besser nur bei über 30° Außentemperatur und mindestens 24° warmen Wasser. Also eher so ein bisschen Whirlpoolplantschen vielleicht.

Die Bahn hält, die Türen öffnen sich, ich vernehme noch wie er sagt: „Und ach…“, und dann eine Pause macht. Ich stutze. Was dieses ‚Ach‘ wohl alles impliziert? Komplizierte Familiengeschichten, zerrüttete Verhältnisse, unerfüllte Liebe, Eifersucht, Streit in allen Nuancen, Mitleid, unglückliche Umstände, Neid, Intrigen, Konkurrenzdenken, Machenschaften, Missgunst, Verachtung, Ungerechtigkeiten, eben die ganze Bandbreite familiärer Tragödien, die Blutsverwandte sich gegenseitig antun und erdulden.

Und ich denke an meine Freundin, die immer sagt: „Unter jedem Dach ein ‚Ach‘.“ Wie recht sie doch hat. Und manchmal reicht ein mit einem Seufzer ausgesprochenes ‚Ach‘, um all das in diesem einen Wort auszudrücken.

Irgendwie hätte ich gern noch das Ende des Gesprächs gehört. Und sei es nur, um den Gedanken an mein eigenes ‚Ach‘ zu entkommen. Doch im Gedränge des montäglichen Menschenstroms, der sich aus der S-Bahn in Richtung der wartenden Schreibtische ergießt, verliere ich den Anschluss und bleibe so für eine weitere Runde im Gedankenkarussell sitzen.

Genug für heute. Die Türen schließen. Und ich bin wie immer mittendrin und voll dabei.

 

auf halber Strecke – Episode 1

PendelzugNeulich auf halber Strecke, über Nacht sind die Temperaturen auf empfindliche Minusgrade gefallen. Die Bahn fährt trotzdem. Sogar pünktlich. Fast. Nur 5 Minuten Verspätung.

Dafür geht die Heizung nicht. Mal wieder nicht, aber das kennt man ja. Im Sommer fällt die Klimaanlage aus, also warum sollte im Winter dann die Heizung funktionieren. Das wäre schon ein Widerspruch in sich. Nun gut, ich bin froh, einen Sitzplatz ergattert zu haben. Denn irgendwie scheint jemand anstatt der sonst üblichen Standardbahn den Kurzzug aus dem Depot geholt zu haben. Schon an der nächsten Station ist es also schon recht beengt. Missmutige Mienen und vereinzeltes Grummeln ist vernehmbar. Ob das an der Verspätung, dem verkürzten Zug oder der nicht heizenden Heizung liegt, lässt sich nicht so genau trennen.

Mir gegenüber sitzt eine Frau und telefoniert. „Ja, ja, die S-Bahn fährt. Na ja, wir fahren so dahin.“ Das stimmt, wir tuckern eigentlich mehr. „Dafür haben sie die Heizung vergessen“, fügt sie hinzu. Auch das stimmt. Alle Passagiere sitzen zusammen gekauert in dieser typischen starren Haltung, die man einnimmt, wenn der Körper versucht, das bisschen Restwärme für alle lebenserhaltenden Organe zu sichern. Jedenfalls komme ich mir so vor. Die Handschuhe habe ich beim Einsteigen unvorsichtigerweise ausgezogen. Inzwischen kann ich die Seiten meines Buches kaum noch umblättern, so steif sind meine Finger. Dafür sehe ich meine Atemwolken.

„Ne, nach draußen kann man nichts sehen, die Fenster sind zugefroren“, setzt die Handynutzerin den Gesprächspartner noch in Kenntnis. Ja, stimmt exakt. Eisblumen kommen mir in den Sinn und ich muss an eine Wohnung, die ich vor Urzeiten einmal bewohnt habe, denken. Die Fenster waren einfach verglast und es gab nur fließend kalt Wasser und in zwei von vier Zimmern einen Kohleofen. Da waren im Winter auch Eisblumen an den Fenstern und es war weiß Gott nicht so romantisch, wie das in vielen Filmen immer rüberkommt.

Nach zwei Stationen ist es nicht wirklich wärmer, aber mittlerweile so gedrängt voll, dass ich von meinem Sitzplatz jeglichen Augenkontakt zu den dicht an dicht stehenden Mitreisenden vermeide, um keine Begehrlichkeiten zu wecken. Wobei, vielleicht habe ich doch die schlechteren Karten, so enger Körperkontakt soll ja bekanntlich dem Erfrierungstod entgegenwirken. Mein Vater pflegte ich in solchen Situationen mir immer recht altklug den Rat zu geben, ich solle mir doch warme Gedanken machen. Ob es wohl drinnen mittlerweile kälter als draußen ist?

Die Frau gegenüber sitzt stumm vor sich hinbrütend da. Ich hege den Verdacht, dass der Akku aufgrund der Kälte den Geist aufgegeben hat. Auf die Raumtemperatur im Gesamten wirkt sich die Menschenmenge jedenfalls auch nach einer halben Stunde Fahrt nicht aus. Die meisten scheinen nur innerlich zu kochen.

Apropos halbe Stunde, da sollte ich eigentlich schon seit einer Minute an meinem Zielbahnhof angekommen sein. Aufgrund der gemächlichen Schleichfahrt heute, fährt die Bahn aber erst mit zwanzig Minuten Verspätung ein. Ob das nun dem Wetter geschuldet ist, oder um die Passiere zu quälen, sei dahingestellt. Ich jedenfalls laufe mit Eisblöcken an den Füßen los, um wenigstens einigermaßen pünktlich am Schreibtisch zu sitzen. So fällt mir dann auch erst bei der Heimfahrt, als ich abends auf dem Bahnsteig warte, auf, dass die Anzeigentafeln, welche seit Monaten nichts oder nur vereinzelte Striche ausgewiesen haben, wieder funktionstüchtig ihren Dienst tun. Tja, man muss bei den Instandhaltungsmaßnahmen eben Prioritäten setzen, überlege ich. Entweder Anzeigentafeln oder Heizung.

Genug für heute. Die Türen schließen. Und ich bin wie immer mittendrin und voll dabei.