Auf halber Strecke – Episode 2

PendelzugNeulich auf halber Strecke, ich mache mich gerade bereit zum Aussteigen, dränge mich durch die Menschenmassen in Richtung Tür.

Hinter mir höre ich, wie sie sich bei ihm erkundigt, wie das Wochenende so war. Aha, zwei Kollegen. Oder vielleicht auch nur gemeinsame Bahnfahrer, die dann getrennter Wege gehen. Oder sogar Bekannte/Freunde, die sich zufällig im morgendlichen Pendelverkehr getroffen haben.

„Wir waren zu Besuch bei meinem Cousin“, antwortet er. Verwandtschaftsbesuch, das kann im Grunde alles bedeuten. „Der wohnt in Königsbrunn“, fährt er fort. Oh, cool, denke ich. Da gab es früher eine Therme, eigentlich eher sowas wie ein Erlebnisbad. Meine Jungendclique und ich sind da hin und wieder gewesen. Ich glaube, ich war dann nochmal mit meinem Jungendfreund. Lang, lang ist es her. Eigentlich sollte ich wirklich mal wieder zum Schwimmen oder in die Sauna gehen. Wobei Schwimmen besser nur bei über 30° Außentemperatur und mindestens 24° warmen Wasser. Also eher so ein bisschen Whirlpoolplantschen vielleicht.

Die Bahn hält, die Türen öffnen sich, ich vernehme noch wie er sagt: „Und ach…“, und dann eine Pause macht. Ich stutze. Was dieses ‚Ach‘ wohl alles impliziert? Komplizierte Familiengeschichten, zerrüttete Verhältnisse, unerfüllte Liebe, Eifersucht, Streit in allen Nuancen, Mitleid, unglückliche Umstände, Neid, Intrigen, Konkurrenzdenken, Machenschaften, Missgunst, Verachtung, Ungerechtigkeiten, eben die ganze Bandbreite familiärer Tragödien, die Blutsverwandte sich gegenseitig antun und erdulden.

Und ich denke an meine Freundin, die immer sagt: „Unter jedem Dach ein ‚Ach‘.“ Wie recht sie doch hat. Und manchmal reicht ein mit einem Seufzer ausgesprochenes ‚Ach‘, um all das in diesem einen Wort auszudrücken.

Irgendwie hätte ich gern noch das Ende des Gesprächs gehört. Und sei es nur, um den Gedanken an mein eigenes ‚Ach‘ zu entkommen. Doch im Gedränge des montäglichen Menschenstroms, der sich aus der S-Bahn in Richtung der wartenden Schreibtische ergießt, verliere ich den Anschluss und bleibe so für eine weitere Runde im Gedankenkarussell sitzen.

Genug für heute. Die Türen schließen. Und ich bin wie immer mittendrin und voll dabei.

 

auf halber Strecke – Episode 1

PendelzugNeulich auf halber Strecke, über Nacht sind die Temperaturen auf empfindliche Minusgrade gefallen. Die Bahn fährt trotzdem. Sogar pünktlich. Fast. Nur 5 Minuten Verspätung.

Dafür geht die Heizung nicht. Mal wieder nicht, aber das kennt man ja. Im Sommer fällt die Klimaanlage aus, also warum sollte im Winter dann die Heizung funktionieren. Das wäre schon ein Widerspruch in sich. Nun gut, ich bin froh, einen Sitzplatz ergattert zu haben. Denn irgendwie scheint jemand anstatt der sonst üblichen Standardbahn den Kurzzug aus dem Depot geholt zu haben. Schon an der nächsten Station ist es also schon recht beengt. Missmutige Mienen und vereinzeltes Grummeln ist vernehmbar. Ob das an der Verspätung, dem verkürzten Zug oder der nicht heizenden Heizung liegt, lässt sich nicht so genau trennen.

Mir gegenüber sitzt eine Frau und telefoniert. „Ja, ja, die S-Bahn fährt. Na ja, wir fahren so dahin.“ Das stimmt, wir tuckern eigentlich mehr. „Dafür haben sie die Heizung vergessen“, fügt sie hinzu. Auch das stimmt. Alle Passagiere sitzen zusammen gekauert in dieser typischen starren Haltung, die man einnimmt, wenn der Körper versucht, das bisschen Restwärme für alle lebenserhaltenden Organe zu sichern. Jedenfalls komme ich mir so vor. Die Handschuhe habe ich beim Einsteigen unvorsichtigerweise ausgezogen. Inzwischen kann ich die Seiten meines Buches kaum noch umblättern, so steif sind meine Finger. Dafür sehe ich meine Atemwolken.

„Ne, nach draußen kann man nichts sehen, die Fenster sind zugefroren“, setzt die Handynutzerin den Gesprächspartner noch in Kenntnis. Ja, stimmt exakt. Eisblumen kommen mir in den Sinn und ich muss an eine Wohnung, die ich vor Urzeiten einmal bewohnt habe, denken. Die Fenster waren einfach verglast und es gab nur fließend kalt Wasser und in zwei von vier Zimmern einen Kohleofen. Da waren im Winter auch Eisblumen an den Fenstern und es war weiß Gott nicht so romantisch, wie das in vielen Filmen immer rüberkommt.

Nach zwei Stationen ist es nicht wirklich wärmer, aber mittlerweile so gedrängt voll, dass ich von meinem Sitzplatz jeglichen Augenkontakt zu den dicht an dicht stehenden Mitreisenden vermeide, um keine Begehrlichkeiten zu wecken. Wobei, vielleicht habe ich doch die schlechteren Karten, so enger Körperkontakt soll ja bekanntlich dem Erfrierungstod entgegenwirken. Mein Vater pflegte ich in solchen Situationen mir immer recht altklug den Rat zu geben, ich solle mir doch warme Gedanken machen. Ob es wohl drinnen mittlerweile kälter als draußen ist?

Die Frau gegenüber sitzt stumm vor sich hinbrütend da. Ich hege den Verdacht, dass der Akku aufgrund der Kälte den Geist aufgegeben hat. Auf die Raumtemperatur im Gesamten wirkt sich die Menschenmenge jedenfalls auch nach einer halben Stunde Fahrt nicht aus. Die meisten scheinen nur innerlich zu kochen.

Apropos halbe Stunde, da sollte ich eigentlich schon seit einer Minute an meinem Zielbahnhof angekommen sein. Aufgrund der gemächlichen Schleichfahrt heute, fährt die Bahn aber erst mit zwanzig Minuten Verspätung ein. Ob das nun dem Wetter geschuldet ist, oder um die Passiere zu quälen, sei dahingestellt. Ich jedenfalls laufe mit Eisblöcken an den Füßen los, um wenigstens einigermaßen pünktlich am Schreibtisch zu sitzen. So fällt mir dann auch erst bei der Heimfahrt, als ich abends auf dem Bahnsteig warte, auf, dass die Anzeigentafeln, welche seit Monaten nichts oder nur vereinzelte Striche ausgewiesen haben, wieder funktionstüchtig ihren Dienst tun. Tja, man muss bei den Instandhaltungsmaßnahmen eben Prioritäten setzen, überlege ich. Entweder Anzeigentafeln oder Heizung.

Genug für heute. Die Türen schließen. Und ich bin wie immer mittendrin und voll dabei.

 

auf halber Strecke – Auftakt

Seit geraumer Zeit pendele ich nun. Also, nur damit das klar ist, wir reden hier von vollen Zügen während des Berufsverkehrs und nicht von diesen niedlichen Zauberutensilien für den Hausgebrauch, die zuverlässig und akkurat berechenbar und ohne Verzögerungen hin und her pendeln.

Wobei das einfach auch eine Frage der Definition sein kann, heißt es doch schön in einer solchen: „..ein von Wahrsagern verwendetes Metallstück, das an einem dünnen Faden in den Händen okkultistisch begabter Personen gehalten wird und an bestimmten Stellen ausschlägt und so Antwort auf unerklärliche Fragen gibt“.

Also, wenn man mich fragt, da steht Bahn ganz dick drüber. Metallstück, klar, ist der Zug. Dünner Faden, eh klar, das ganze Schienen- und Zeitmanagement hängt so was von am seidenen Faden.

Okkultistisch begabte Personen sind alle Bahnangestellten, beziehungsweise so lautet bestimmt die Stellenbeschreibung, die dann doch keiner liest und noch weniger erfüllt. Und das mit der Begabung ist beim vorherrschenden Fachkräftemangel ja in allen Branchen ein Thema. Da ist man bisweilen froh, wenn die Bahnmitarbeiter Sätze mit Subjekt, Prädikat und Objekt bilden können.

An bestimmten Stellen ausschlagen, logo, das sind so Dinge wie Störungen bei Türen, Signalen, Weichen, Stellwerken, Bahnschranken, Oberleitungen, Triebwägen und Technik im Allgemeinen, Einsätze aller Art und höhere Gewalt, also dem Wetter – egal, ob heiß oder kalt.

Und die unerklärlichen Fragen sind die der Bahnkunden, die immer da sind, wo sie am meisten stören. Tja, dass in der Kombination mit fehlender Begabung an bestimmten Stellen, die unerklärliche Fragen hervorrufen, keine Antworten zu finden sind, erklärt sich von selbst und jeder weitere Erklärungsversuch erübrigt sich somit. Nichts verstanden? Macht nichts, die meisten Lautsprecherdurchsagen, wenn es denn überhaupt welche gibt, sind ebenso dürftig und man muss sich seinen Teil denken und auf das Beste hoffen.

Ich will aber nicht in den bisweilen allgemeinen Tenor einstimmen und mich hier über die Bahn, respektive den Nahverkehr und alles, was dazu gehört, auslassen. Mir geht es um die Menschen im Zug. Und da oute ich mich jetzt als mehr oder minder heimlicher Lauscher, wobei die Gespräche ja so gesehen im öffentlichen Nahverkehr genau das sind, nämlich öffentlich.

Man höre und staune, es gibt tatsächlich noch Menschen, die sich in Zügen unterhalten. Ohne mobiles Endgerät und von Angesicht zu Angesicht. Und da passiert es hin und wieder, dass mich so manches Gespräch in den Bann zieht und zum Mithören veranlasst. Darum soll es in meiner neuen Rubrik „auf halber Strecke – der menschliche Zug“ gehen.

Die bayerische Landeshauptstadt bezeichnet sich ja gern als Weltstadt mit Herz, was hinlänglich bekannt sein dürfte. München ist aber auch die Hauptstadt der Pendler und liegt bundesweit auf Platz 1. Tagtäglich pendeln mehr als 560.000, ich bin einer davon und das sind ihre Geschichten.…

Pendelzug

Der Preis der Freiheit

Veränderungen gehören zum Leben dazu. Manche initiieren wir selbst, manchen werden wir ohne unser Zutun ausgesetzt. In der modernen Arbeitswelt gehören beide zum Alltag. Change Management, Umstrukturierung, Wandel der Firmenkultur, und wie die Kurswechsel nicht alle heißen. Manchmal ist man morgens schon froh, wenn man seinen Schreibtisch noch am alten Platz findet, wobei es ja auch Firmen mit freier Sitzplatzwahl gibt. Besitzansprüche an Möbel entstehen so gar nicht erst und so mancher Kollegenwechsel geht dann spurlos an einem vorüber.

Nun, Veränderungen gehören nicht nur zum Leben, sondern eben auch zum Arbeitsleben. So gesehen eine etwas schizophrene Vorstellung, die Idee, dass man zwei Leben hat, die parallel nebeneinander existieren und sich immer wieder und immer mehr miteinander vermischen. Gleichzeitig sollte man sich auch darüber im Klaren sein, dass man einen Großteil seines Lebens mit Arbeit verbringt. Da sollte es also auch ein Unternehmen sein, das zur eigenen Persönlichkeit passt. Wie ein Lebenspartner.

Von daher ist die Entscheidung, mich zu trennen, nicht allzu schwer gefallen. Wenn man für ein Unternehmen tätig ist, in dem Vision und Realität ganz nah beieinander und doch Welten dazwischen liegen, dann stellt sich irgendwann die Frage, inwieweit ich mich für Geld prostituiere und dabei meine Prinzipien und Vorstellungen über Bord werfe. Nach dem Motto Geld stinkt nicht, auch wenn es einen schalen Geschmack im Mund hinterlässt. Dann wird der Lohn zum Schmerzensgeld und selbst das ist nicht genug.

Der Abschied hat sich gezogen, wurde hinaus und immer wieder verschoben. Was nützt es, wenn die Arbeitsbedingungen der reine Luxus sind, einen die Arbeitsinhalte aber krank machen? Am Ende half mir das berühmte Maßband, den Ausstieg nicht aus den Augen zu verlieren.

Maßband

Die Entscheidung für eine Auszeit, um Freiraum zu schaffen und mal wieder Luft zu(m) Atmen zu kommen, war also eher eine Notwendigkeit. Wo will ich hin? Was will ich mit dem Rest meines Lebens anfangen? Die Freiheit, ohne Zwang den eigenen Wünschen, wenn auch für einen begrenzten Zeitraum, zu folgen, ist unbeschreiblich. Der Preis der Freiheit kostet weniger als dass sie wert ist.

An den Neuanfang sind nun also ziemlich hohe Erwartungen geknüpft. Es geht darum, die eigenen Vorstellungen vom Lebenspartner Arbeit mit der Realität zu vergleichen und zu sehen, was übrigbleibt. Die Wahlfreiheit ist auf dem Papier gegeben. Die Zugeständnisse muss man mit sich selbst vereinbaren. Mal gewinnt man, mal verliert man. Und das zumeist ohne scheinbar logische und nachvollziehbare Regeln.

Eure Kerstin

Briefe

Vor kurzem erhielt ich über die Eltern-Mailingliste eine Warnung zum Thema Kettenbrief. Das war ganz offiziell vom einem der unzähligen Ministerien an die Schulen, dann an die Elternsprecher und nach zig Weiterleitungen an die Eltern der einzelnen Klassen verteilt worden. Also, auch irgendwie ein Kettenbrief. Man kennt das auch aus dem Büro, wo man dann in der Mail zuerst seitenweise nach unten scrollen muss, um den eigentlichen Inhalt zu lesen, so oft wurde diese kommentarlos an alle möglichen Kollegen, die sich dann nicht mehr durch etwaiges Nichtwissen herausreden können, adressiert. So passiert es auch manchmal, dass man dieselbe Mail zweimal/mehrmals bekommt, über verschiedene Mailingrouten. Informationsflut ist ein schöner Begriff und im Grunde noch viel zu harmlos für diese Art von Ressourcenverschwendung bei Mensch und Maschine.

Früher, nein, früher war nicht alles besser, aber das hätte es so nicht gegeben. Da gab es noch Verteilerlisten, wobei die Rangordnung darüber entschied, für wen die Nachrichten News waren und für wen Schnee von gestern und man musste mit seiner Unterschrift den Erhalt bzw. das Lesen bestätigen, bevor man es an den nächsten weiterreichte. Noch viel früher, also als die Produktivität noch mit den Anschlägen auf der Schreibmaschine gemessen wurde, hat man vielleicht eine Karbonkopie (kennt überhaupt noch jemand diese blauen Kohlepapiere, bei denen man auch nicht einen einzigen Fehler machen durfte? Ha, von wegen Autokorrektur und Tintenkiller) bekommen. Dann gehörte man aber auch schon zum ziemlich erlauchten Kreis der Eingeweihten.

So in etwa zu der Zeit gab es auch noch so richtige Kettenbriefe. Von Hand geschrieben und mit einer Briefmarke, die man mit Spucke aufkleben musste. Herrje, eine graphologische Schriftprobe plus DNA, das ist ja fast noch besser, als die Haustür einfach auf zu lassen und dann zwei Wochen in Urlaub fahren.

Am Ende des Briefes stand eine Liste mit Namen und Adressen (das Wort Datenschutz musste da erst noch erfunden werden) und man musste der Nummer eins einen Brief schreiben. Dann musste man den ganzen Brief zehnmal abschreiben, aus Nummer zwei wurde Nummer eins und man selbst war die letzte Nummer auf der Liste und an zehn Freunde schicken. Und irgendwann sollte man dann ganz viele Briefe bekommen. Der Inhalt war eigentlich immer Nebensache, aber man wurde doch eindringlich gebeten, dass man die Kette nicht abreißen lassen sollte und man würde ja auch eine Flut an Briefen als Dank erhalten.

Also, ich habe da immer mitgemacht und nicht einen einzigen Brief bekommen. Eine echte Katastrophe, immerhin hatte ich viel Zeit und mein Taschengeld investiert. Ja, auch damals schon waren postalische Sendungen ein teures Hobby. Wenn ich so darüber nachdenke, könnte ich mir das auch als eine Aktion zur Bilanzverbesserung der ehemals staatlichen Behörde vorstellen. Im Grunde war auch die Enttäuschung, keine Post zu bekommen ungleich höher als die Erleichterung, dass einen kein Unglück ereilt hat, weil man die Kette aufrecht erhalten hat.

Heute schreibt eigentlich niemand mehr so richtige Briefe. Selbst Postkarten sind eine Seltenheit. Eigentlich schade. Irgendwie fehlt mir das manchmal, die Freude, wenn man den Briefkasten aufmacht und da liegt ein handgeschriebener Gruß. Es gibt einem auch so ein bisschen das Gefühl, dass man dem anderen wichtig ist. Vielleicht sollte ich mal einen Kettenbrief in Umlauf bringen. Dann wäre ich immerhin die Nummer eins auf der Liste und das sollte es doch mit der Flut an Dankesbriefen eigentlich klappen. Zuerst versuche ich aber mal, dem Nachwuchs die Angst zu nehmen.

Ich stapfe also pflichtschuldigst ins Kinderzimmer, um meinem Erziehungsauftrag nachzukommen:
„Ich habe eine Mail bekommen.“
„…“ (hypnotisierter Blick auf den Bildschirm)
„Darin heißt es, es geht derzeit ein Kettenbrief per WhatsApp rum.“
„…“ (s.o.)
„Den sollt Ihr nicht weiterleiten, der greift persönliche Daten von den Geräten ab.“
„…“ (s.o. oder habe ich da ein Augenrollen gesehen?)
„Also, egal, was für Kettenbriefe Du bekommst, die leitest Du einfach nicht weiter, auch wenn das was von Unglück und Sterben und sonstigem Unheil steht.“
„…“ (also das war jetzt definitiv ein Augenrollen)
„Ich mein ja nur.“
„Mach ich eh nicht“, begleitet von einem ironischen Geräusch, das man auch als Schnauben, Grunzen, genervtem Ausatmen bezeichnen könnte. Aber eigentlich war es eher diese Kombination aus ihr-ward-vielleicht-damals-so-doof und Briefe-egal-in-welcher-Form-sind-so-was-von-gestern.

Briefe

Voller Erfolg würde ich sagen. Nur für wen müssen wir nochmal klären. Vielleicht schicke ich dem jugendlichen Mitbewohner einfach mal eine Mail oder eine WhatsApp. Ein Brief würde ihn sicherlich total überfordern, denn ich könnte fast schwören, dass er noch nicht mal weiß, wo unser Briefkastenschlüssel geschweige denn dieser hängt.

Eure Kerstin

Am Ende des Regenbogens…

Am Ende des Regenbogens befindet sich ein Schatz. Das Leben ist dieser Schatz, den man teilen kann. Man sollte ihn wertschätzen in dieser hektischen Zeit und innehalten.

Und wenn jemand dieses Leben verlässt, dann ist plötzlich die Zeit dahin und wir alle müssen uns dann vor uns stellen und fragen, ob wir diesen Schatz zur Genüge wertgeschätzt haben.

Der Redner zitiert Augustinus, der einmal sagte: „Nur weil man jemanden nicht sehen kann, heißt es nicht, dass er nicht da ist. Man kann ihm immer noch einen Brief schreiben.“

Du warst ein guter Mensch. Was kann man mehr sagen über jemanden, der einen schmerzlichen Verlust im Leben von so vielen hinterlässt. Wenn die Erinnerung einem ein Lächeln auf das Gesicht zaubert, wurde man geliebt.

Dabei ist meine Rolle nur die einer Anwesenden, die man pflichtbewusst duldet. Als Mutter des Enkelkindes, als Exschwiegertochter. Und doch waren wir verbunden, da wir am gleichen Tag Geburtstag feierten. Eine Bürde, die ich nun zu tragen habe, denn an jedem meiner Geburtstage wird auch Deine Abwesenheit deutlich. Haben wir uns früher gegenseitig das Ständchen gesungen, so wird es nun in Deinem Namen vorgetragen, begleitet von Melancholie und Wehmut.

Dein Abschied war kein plötzlicher. Wir alle wussten, dass es nur einen Aufschub geben kann. Allein dessen Dauer und Anzahl waren unbekannte Faktoren. Ist es vermessen, zu denken, dass Dein Festhalten am Leben daher umso verstörender war? Es war nicht der friedvolle Abgang, den wir uns alle für Dich und uns und letzten Endes sich jeder wünscht. Ist es vermessen, zu denken, dass Dich die Bilder meiner letzten Wanderung haben noch träumen lassen? Ist es vermessen zu denken, dass die Hand Deines Enkels in Deiner Dir einen weiteren Aufschub gewährt hat? Es war ein Ende ohne Ende.

Und das mag dann auch die, mal abgesehen vom ehemals gemeinsam gefeierten Geburtstag, Verbindung sein, auf der unsere gegenseitige Verbundenheit basierte: Dieses Wissen um den Schatz des Lebens, den man immerzu annimmt, aber nahezu nie innehält. Immer in dem Glauben, das Ende es Regenbogens wäre nie erreichbar, wo doch nur ein einziger Wimpernschlag genügt und er nicht mehr am Firmament zu sehen ist. So wandeln wir leicht und freigiebig durchs Leben, bereit alles zu geben für jeden, der ein Ohr, eine Hand und ein Herz braucht und vertrösten unsere Träume auf morgen.

Ich wünsche Dir, dass dort, wo auch immer Du nun sein mögest, nicht nur ein , sondern Dein Regenbogen auf Dich wartet.

Danke, dass ich eine Zeit lang an Deinem Leben teilhaben durfte.

Allen anderen möchte ich die Worte von Robert Frost mit auf den Weg geben: „Alles, was ich über das Leben gelernt habe, kann ich in drei Worte fassen: Es geht weiter.“

Opa

 

Wie gewonnen so zerronnen

Wenn am Wochenende mal wieder die Zeit umgestellt wird, dann ist sozusagen alles wieder beim Alten. Die Frage, ob man die Zeiger vor oder zurück stellen muss beschäftigen die Gesellschaft (muss das wirklich sein?) und deren Mitglieder (wie war das noch mal?). Bei Alten auch deshalb, weil ja die Winterzeit eigentlich diejenige ist, welche die „richtige“ Zeit ist. Doch was ist schon richtig? Und was ist schon richtig, wenn es um die Zeit geht? Wer kann denn bitteschön tatsächlich sagen, was die Zeit überhaupt ist, außer einem Instrument, mit dem wir die Vergänglichkeit messen? Im weitesten Sinn also Geschichte schreiben, indem wir diese in einen Zeitrahmen pressen.

Dabei sind unsere heutigen Diskussionen gar nicht neu, bis vielleicht auf die Tatsache, dass jeder seine Sichtweise kundtut und alle mitreden. Denn bis in das 19 Jahrhundert war es noch so, dass mehr oder weniger jedes Dorf seine eigene Zeit hatte. Mal lebte nach dem Stand der Sonne. Richtig, zwölf Uhr ist, wenn die Sonne am höchsten steht. Es gab eine Zeit in Berlin und eine „Münchner Zeit“, die sicherlich eng mit dem Weißwurstessge- und verbot zusammenhängt. Richtig, 12 Uhr ist, wenn es keine Weißwürste mehr gibt.

Erst 1893 wurde die sogenannte Mitteleuropäische Zeit(zone) eingeführt und schon 1916 wurde an dieser herumgedoktert und mit der Sommerzeit experimentiert. Und das immer wieder. Von 1947-1949 gab es sogar eine zusätzliche Hochsommerzeit von Mitte Mai bis Ende Juni. Doch dann kam das Wirtschaftswunder und man hatte wohl keine Zeit mehr, sich mit der Zeit zu befassen.

1980, eher auf Druck der europäischen Nachbarn denn aus Eigeninitiative, kam die Sommerzeit. Daran kann ich mich noch gut erinnern. Das war Ostersonntag und meine Eltern waren mit mir irgendwohin im Auto unterwegs. Ich dachte immerzu, das ist doch komisch, dass es jetzt schon 10 Uhr statt 9 Uhr ist, denn die Welt hatte sich irgendwie so gar nicht verändert, aber alles fühlte sich anders an, fast schon befremdlich. Damals allerdings war uns der Sommer und seine Zeit nur bis Ende September zugeteilt. Seit 1996 haben wir einen Monat dazu gewonnen und stellen nun die Uhren erst Ende Oktober wieder zurück.

Dieses Hin- und Hergespringe scheint dem heutigen Zeitgeist doch sehr entgegen zu kommen, möchte man meinen. Ständig auf dem Sprung. Mal gewinnt man, mal verliert man und die Routine gleicht für einen kurzen Augenblick dem Chaos. Und auch der Gedanke, dass der Sommer nie enden möge, ist nur allzu nachvollziehbar.

Zeit

Doch die Zeit ist immer gleich. Man kann sie nicht verändern. Sie lässt sich nicht einsparen, nicht gewinnen und sie verschwindet auch nicht. Stehlen oder gar fressen lässt sie sich schon gleich überhaupt nicht. Kurzum, die Zeit ist so gesehen die einzige Konstante. Sie war schon immer da und musste auch nicht geschaffen werden. Nicht mal von Gott. Vielleicht ist auch deshalb so faszinierend und unerklärlich. Wie heißt es doch so schön bei „Momo“ von Michael Ende:

„Es gibt ein großes und doch alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigstens denken darüber nach. Die meisten Menschen nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit. Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das will wenig besagen, denn jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen – je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt. Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“

Eure Kerstin