Tatort des Monats Dezember

Ob es nun vom allgemeinen Mantra, dass wir alle den Gürtel enger schnallen müssen oder der geplanten Obsoleszenz kommt, ist schwer zu sagen, aber der Zahn der Zeit hat Spuren hinterlassen und die Auflösung in die Bestandteile ist ein unaufhaltsam fortschreitender Prozess. Das lässt sich tagtäglich beobachten und verfolgen.

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Tatbestand: Gürtel

Tatortsäuberung: Lange gehadert, aber nun gebe ich es doch auf, mit dem guten Stück. Es lässt sich nicht wirklich reparieren, so dass weder Funktion noch Aussehen darunter leiden. Die Schnalle werde ich in der Handarbeitstruhe für eine eventuelle spätere Verwendung aufheben, der Rest ist nicht mehr zu retten. Schade, die Farbe hatte was.

Geldüberfluss

Wenn man der Möglichkeit, an sein Geld zu kommen, mehr oder weniger beraubt wird wie ich vor kurzem schon in meinem Beitrag „Geldnot“ beschrieben hatte, dann schafft man sich sein eigenes. Also, ansatzweise zumindest.

Alles fing damit an, dass der jugendliche Mitbewohner in der Hoffnung auf die nahende Geschenkeflut in Form von neuen Klamotten, großzügig seinen Schrank entrümpelt hatte. Wobei es bei näherer Betrachtung auch einfach Faulheit, die Kleidungsstücke vom Boden in den Schrank zu räumen, gewesen sein könnte, die zu dem Berg an untragbar und ausgeliebten Teilen führte. Es ist wie es ist, manche Aktionen hinterfragt man als Mutter irgendwann einfach nicht mehr, sondern versucht das Beste aus der Situation zu machen und verkauft die Sachen einfach.

Offenbar scheint das bevorstehende Fest so manchen in Kauflaune zu versetzen, denn kaum online, gingen die Kleider weg wie warme Semmeln. Da klingelt die Kasse, was dem Nachwuchs natürlich nicht verraten wird, sonst kommt da ganz unverfroren die Frage nach einem Anteil, wären ja schließlich seine Klamotten gewesen. „Ja, schon, aber bezahlt habe ich die, oder?“ „Egal. Trotzdem.“ Ergo, psst.

Und weil das mit dem Verkaufen gerade so gut lief, habe ich mir ein Herz gefasst und mir die Bibliothek vorgenommen. Das hatte ich ja schon in meinem Beitrag „Die rosarote Brille“ ins Auge gefasst. Getrennt nach Behalten, Weg-damit und Nochmals-lesen-und-dann-entscheiden ging es ans Werk. Die Bestände haben sich ziemlich gelichtet und die Bücher, welche ich einer zweiten Inspektion unterzogen und dann ebenfalls aussortiert habe, wurden an den Großhändler verscherbelt. Ja, das Verb passt ganz gut, denn da kommt leider nur ein Bruchteil der Anschaffungskosten rein und der Erlös kann bei weitem nicht mit Anziehsachen konkurrieren. Gut, abbeißen kann man von keinem, aber Kleider wärmen und schützen einen wenigstens, hin und wieder machen diese sogar Leute, während Bücher nur den Geist erheitern und vielleicht manchmal einen Funken Erleuchtung sähen.

Dass ich nun im Geld schwimme, wäre mehr als übertrieben, aber dafür schwimmt das Geld und zwar in der Waschmaschine.img_1006

Bei irgendeinem Mitglied der Hausgemeinschaft herrscht anscheinend Geldüberfluss, es ist vergesslich oder benötigt ein Geldaufbewahrungsaccessoire. Vielleicht also ein Wink mit dem Zaunpfahl, was noch auf der Wunschliste steht? Tja, wie dem auch sei, jedenfalls ist der Schein nun porentief rein und ziemlich blütenblass würde ich schätzen. Da bis dato sich niemand gemeldet und den Verlust angezeigt hat, wandert die Banknote in meine Tasche. Weg ist sie.

So, nun brauche ich also erst einmal nicht das Konto anzapfen und lebe von den Einnahmen. Ein schöner Gedanke. Wie bemerkte doch so treffend der Mann an meiner Seite: Irgendwas ist bei Dir wirklich nicht ganz richtig, alle geben an Weihnachten Geld aus und Du nimmst welches ein.“ Ja, macht sogar Spaß, wenn auf der Eigentumsaktivseite ein Minus und auf der Vermögensaktivseite ein Plus zu verzeichnen ist. Gewusst wie eben.

Geldnot

Ich glaube, der Euro ist ein Auslaufmodell. Zumindest der physische Bestand ist vom Aussterben bedroht. Oder kurz davor.

Also, jedenfalls ist es so, dass ich mein gemeines Konto bei einer Bank habe, die schon in die eine oder andere Fusion sowie staatlichen Rettungsschirm ver- und eingewickelt war. Das allein sollte mich ja eigentlich bereits dazu bewegen, nach stabileren Verhältnissen Ausschau zu halten. Allerdings fehlt mir noch immer die letzte Entschlusskraft. Kontowechsel ist ja auch nicht etwas, was man mit ein paar Klicks über die Bühne bringt, auch wenn einem das immer wieder so versprochen wird. Daueraufträge, Einzugsermächtigungen, Kredit- und andere Karten mit Kontoverbindung, herrje, wer hätte gedacht, dass über 50% meines monatlichen Kontoauszuges mit automatischen Zahlungsverkehrsdaten gespickt sind, sozusagen Fixkosten.

So bin ich nun seit Jahren ein treuer, wenn auch nicht allzu geschätzter Kunde. Bei mir ist nicht viel zu holen. Kein Kredit, kein Festgeld, keine Anleihen, keine Depots, keine Aktien. Noch nicht mal Dispozinsen. Kein Wunder, dass Berater nach dem ersten Gespräch nie wieder etwas von sich hören lassen. Und ich habe mit jedem Personalwechsel wahrlich schon einige Visitenkarten gesammelt.

Dafür bietet aber die Bank an meiner Seite einen schönen Verbund an Stellen, die einem Mittels Automat zu Bargeld verhelfen. Gerade für Menschen wie mich, die sich nicht permanent in die Karten schauen lassen wollen und gerne Dinge in bar bezahlen, wir erinnern uns, nur Bares ist Wahres, ist solch ein Netz ganz praktisch und hilfreich.

Allerdings nun scheinen sich die Maschen enger zu ziehen. Erst funktionierte mein „Lieblingsautomat“ nicht mehr, nur um ein paar Wochen später ersatzlos abgebaut zu werden. Auch der Ausweichautomat stellte so ziemlich zeitgleich den Dienst ein. Nun musste ich also zur Bank selbst, welche ortstechnisch gesehen, so gar nicht an meiner Seite ist. Kein Parkplatz und mitten im Zentrum der Großstadt. Kunden zuerst, Fehlanzeige. Ein Mensch ist auch dort nicht mehr in der Lage, eine Ein- und schon gar keine Auszahlung vorzunehmen. Der Automat hat die Kommandantur an sich gerissen und den Schalterbeamten zum Verkaufsberater degradiert. Willkommen im Dienstleistungszeitalter.

Und nun das.img_0538

Die Automaten haben auch hier den Dienst verweigert. Ok, ein Exemplar tut noch brav, was es soll.

Also, eigentlich ich bin ja schon fast der Ansicht, dass ist der erste Schritt zur Übernahme der Herrschaft durch die Maschinen. Sie haben sich scheinbar sogar zusammengerottet und machen gemeinsame Sache. Geldinstitutsübergreifend. Oder sind es „nur“ die Anzeichen einer Geldknappheit und wir müssen uns auf eine zukünftige Geldnot einstellen? Dann könnte bitte jemand Bescheid sagen, damit ich meine Socken und Matratze (wieder) als sichere Anlage aktivieren kann.

P.S.: Der obige Hinweis hängt übrigens nun schon die dritte Woche. Aber wahrscheinlich regelt eine künstliche Intelligenz die Arbeitsaufräge.

P.P.S.: Es stimmt, das Geld wird knapp. Nun gibt es keine zwanzig-Euro-Scheine mehr. Und das um diese Jahreszeit.

Selbstoptimierung

Aus einer Laune heraus und um auch ein bisschen (mehr) an meinem Allgemeinzustand und nachgelagerter Gesundheit zu arbeiten, habe ich mir einen dieser Fitnesstracker zugelegt. Diese Dinger sind toll: Schlafüberwachung mit Schlafphasen, Flüssigkeitsaufnahme, Kalorienzufuhr/-verbrauch inklusive Analyse von Kohlenhydraten, Eiweiß und Fett, Schritteaufzeichnung, Etagen, Kilometer, Bewegung und Aktivität sowie Pulsschlag. Gegen den Standby Modus im Büro bzw. tagsüber hilft die Erinnerung an das stündliche Schritteziel, bei der man mehr oder weniger unsanft angehalten wird, das Sitzfleisch zu durchbluten. Eine Uhr, Wecker und die Wettervorhersage verstehen sich von selbst. Für Frauen ist sogar auch eine Zyklusüberwachung mit im Paket.

Und das alles in einem Gerät. Für die Digital Natives und andere wichtige Persönlichkeiten gibt es auch die Möglichkeit, die Nachrichten vom Handy am Handgelenk zu empfangen. Allerdings so klein, dass der Griff zum Handy dann doch ratsam ist. Das habe ich dementsprechend recht schnell wieder abgestellt. Vor allem auch, weil ich vor lauter Vibration an meinem Handgelenk schon gar nicht mehr wusste, was Sache ist. Konzentrieren war da doch schwer möglich. Und wenn das Handy doch eh ständig in Reichweite ist, wozu brauche ich dann noch die Nachricht auf der Uhr? Aber gut, ich bin vielleicht auch eine andere Generation.

Ansonsten das volle Programm der Selbstoptimierung. Nach dem Motto, pimp my body, bin ich ans Werk gegangen. Schlafrhythmus kontrolliert – auf Kurs. Trinken nicht vergessen, also Wasser – Sternchen kassiert. Kalorienzufuhr an Verbrauch angepasst – grünes Licht. Zu jeder Stunde meine Runden absolviert, was im Büroalltag hin und wieder zu komischen Situationen führen kann, aber was tut man nicht alles für einen Smiley. Abends noch eine Runde um den Block, um es auf 10.000 Schritte zu bringen – ok, das hat nicht immer geklappt. 30 Minuten Bewegung und wöchentliches Bewegungsbudget erfüllt – check. Jeden Tag die volle Punktzahl erfordert so einiges an Disziplin und Einsatz. Zu der Frauengeschichte sage ich jetzt mal nichts, aber da kann man Sachen eingeben, die würde ich noch nicht mal meinem Friseur des Vertrauens erzählen.

Inzwischen ist mein Avatar bei einem Marathon (42km) dabei gewesen, hat die Pinguinwanderung (112km) mitgemacht, das Londoner U-Bahnnetz (402km) abgelaufen, alle hawaiianischen Inseln (563km) durchwandert, die Serengeti (804km) durchquert und sogar Italien (1184km). Daneben können wir zig Abzeichen für Etagen und Schritte vorweisen. Alles virtuell, versteht sich.

Und klar, alle Daten werden irgendwo in der Cloud gespeichert. Die Daten meiner Punktekundenkarte sind nichts dagegen und bringen auf dem Markt sicherlich nur einen Bruchteil dessen, was so ein kleiner Tracker am Handgelenk nicht alles an Einsichten liefern kann. Freiwillig von mir zur Verfügung gestellt. Von Schlaf- zu Ess- und allen anderen Gewohnheiten. Da hätten alle was davon. Krankenkasse: Zu wenig Bewegung, zu wenig Schlaf, zu viele Kalorien – rauf mit dem Beitrag. Arbeitgeber: Gleiche Auswertung – besser Ersatz suchen, bevor die Arbeitskraft den Geist aufgibt. Ich als Konsument bin ein gefundenes Fressen: Zu wenig/schlechten Schlaf – vielleicht ein neues Bett. Viel Sport – Werbung für eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio, Sportausrüstung, Reisen etc. Plusschlag zu hoch/niedrig – die Apotheke liefert das passende Präparat. Angebote vom Supermarkt für Dinge, die ich esse und/oder besser essen sollte. Und natürlich unzählige weitere Geräte, mit denen ich mich und mein Leben auf Vordermann bringen könnte. Willkommen im Land der unbegrenzten Algorithmen.

Aber nun bin ich es leid mit der Selbstoptimierung und will mich nicht länger von so einem kleinen Stromfresser terrorisieren lassen. Der klassische Stunden- und Minutenzähler ohne großes Schnickschnack darf nun wieder mein Handgelenk schmücken.

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Die ersten Tage waren etwas schwierig und mit Entzugserscheinungen verbunden. Morgens die Frage, ob die Schlafaufzeichung wohl auch bestätigt, wie mies/fit ich mich fühle. Und tagsüber kurz vor jeder vollen Stunde: Gleich vibiert es wieder. Schnell noch ein paar Schritte machen. Beim Fahrradfahren, beim Laufen, beim Yoga, beim Wohnungsputzen: Mal sehen, was das hinterher gebracht hat. Über zwei Millionen Schritte in etwa sechs Monaten sind letzlich zusammen gekommen. Und irgendwie habe ich das Gefühl, ich sollte zumindest eines der Abzeichen auch im realen Leben erleben oder einfach mal schauen, wie weit ich mit 2.036.434 Schritten komme, wenn ich einfach loslaufe.

Die rosarote Brille

img_0631Das Gedächtnis ist ein sehr unzuverlässiger Speicherplatz. Nein, ehrlich. Die Daten an sich mögen ja so ziemlich am sichersten Aufbewahrungsort der Welt sein, denn die Fähigkeit des Gedankenlesens liegt nach wie vor (noch) im Bereich der Utopie. Dass aber der Produzent und Eigentümer selbst oftmals genauso vor verschlossenen Türen steht, erscheint bisweilen recht bizarr und erst recht unbegreiflich.

Keine Erinnerung, die unsere zig Milliarden Nerven nicht in ein neues Gewand kleiden und beim Datenabruf in abgeänderter Version wiedergeben. Es ist in gewisser Weise wahrlich ein Armutszeugnis für den weisen Menschen. Warum das so ist? Das ist inzwischen ganz gut erforscht. Es ist nämlich so, dass unser Gehirn erst einmal jedes Ereignis in verschiedenen Regionen „lagert“. Es geht dabei um Gefühle, Ort und Zeit sowie die Geschichte dazu. Wenn wir uns dann erinnern, fügt unser Gehirn die Einzelteile wieder zusammen und ersetzt schlicht und ergreifend fehlende Puzzleteile durch plausibel erscheinende. Wichtig scheint nur der Kern zu sein. Schon nach einem Jahr entspricht nur noch die Hälfte der Erinnerungen dem tatsächlich Erlebten. An dieser Tatsache ist nun auch nicht viel zu ändern und man ist immer wieder erstaunt, wie unzuverlässig und fehlerhaft die Erinnerungen sind. Meine letzte Erfahrung hat mich dahingehend richtiggehend in Selbstzweifel gestürzt. Und das kam so:

Vor ca. zwanzig Jahren las ich den Roman „Die Säulen der Erde“ von Ken Follett, den sicherlich der eine oder andere kennt. Das Buch hat mich seinerzeit so in seinen Bann gezogen, dass damals nicht viel gefehlt und ich mich auf den Jacobsweg nach Santiago de Compostela gemacht hätte. Zu einer Zeit, als das (Fern)Wandern noch nicht so in und medienwirksam war und lange vor Hape Kerkeling. Hinzufügen muss ich, dass kurz vorher meine Mutter verstorben war, mein damaliger Freund als manisch-depressiv diagnostiziert wurde und ich so ziemlich durch den Wind. In meiner Vorstellung wäre der Pilgerweg eine Möglichkeit gewesen, mit dem Verlust und Schmerz fertig zu werden und einen Weg zu finden, wie es weiter gehen soll. Nun, letzten Ende hat mir der Mut gefehlt, der materielle wohlgemerkt. Meine Bedenken, was dann mit meiner Arbeit, mit meinem bisschen Hab und Gut werden würde, waren zu übermächtig, was mir heutzutage einfach nur kindisch, naiv, ja sogar lächerlich vorkommt. So habe ich das Vorhaben erst mal in die unbestimmte Zukunft verschoben und letztendlich aufgrund der touristischen Massen und Medien ganz aufgeben. Und, klar, ich habe es immer bereut.

Zurück zum Thema: Im Rahmen meines Projektes „Sieben auf einen Streich“ ist mir besagter Roman und seine nachhallende Wirkung wieder eingefallen und ich habe mir den Schinken erneut zu Gemüte geführt. Auch irgendwie in der Hoffnung, die damaligen Gedankengänge nachvollziehen zu können. Tja, und jetzt kommst: Der Part, bei dem es um den Weg nach Santiago de Compostela geht, umfasst gerade mal so 50 Seiten. Von 1151 Gesamtseiten. In der Taschenbuchausgabe. Und man muss auch schon an die 800 Seiten weit lesen, um überhaupt erst an diesen Punkt zu gelangen. Und es geht auch irgendwie so gar nicht um den Jacobsweg und das Pilgern, sondern dieser ist nur ein Weg, dem Held und Heldin (also zwei aus der Reihe an Protagonisten) folgen. Nicht mal das Zueinanderfinden der beiden passiert auf dem Weg selbst.

Wie konnte mir mein Gedächtnis nur so einen Streich spielen? Meine jahre-, ach was jahrzehntelange Obsession ist ein Nebenschauplatz und hätte meiner heutigen Ansicht nach fast überall stattfinden können. Ich bin gerne bereit, Nachsicht walten zu lassen und mir einzugestehen, dass meine Nerven seinerzeit recht angespannt waren und vielleicht das eine oder andere zu meinem Schutz in der Erinnerung umgeschrieben haben. Ähnlich wie bei einem Trauma. Aber dass mir gleich so eklatant eine rosarote Brille aufgesetzt wird, lässt mich ziemlich verdattert aus dieser schauen. Was mag mein Hirn sich sonst noch so zusammen gereimt haben? Wenn ich es hochrechne, dann dürften nicht mal fünf Prozent meiner Erinnerung wahr sein. Es ist erschütternd, sich einzugestehen, dass es nichts Unzuverlässigeres zu geben scheint als die eigenen Erinnerungen. Doch wozu dann diese überhaupt speichern? Die Antwort der Forscher ist ganz einfach: Für die Zukunft. Denn beides, Erinnerung und Zukunft, werden von ein und demselben Areal aus gesteuert. Es zeigt sich, dass die Gedanken an morgen nur funktionieren, wenn wir über so etwas wie Vergangenheit verfügen und beides in Relation setzen. Auch eine Erklärung dafür, warum Kinder so vertieft im Hier und Jetzt sind, während wir großen Kinder uns mit jeder Entscheidung so schwertun und ständig von dem, was kommt/kommen könnte eingebremst zu sein scheinen? Mag sein. Eine Zukunft frei von jeglicher Erfahrung gestalten zu können, wäre sicherlich unbeschwert und gleichzeitig undenkbar.

Die rosarote Brille färbt also nicht nur die Erinnerung, sondern ist auch ein verschwommener Blick nach vorn. Von daher werde ich nun beim Anblick meiner hauseigenen Bibliothek nicht nur mehr in Erinnerungen schwelgen, sondern die vorhandenen Werke einer neuerlichen Prüfung unterziehen. Eine Bestandsaufnahme, ob diese der Gegenwart gerecht werden. Somit pilgere ich quasi literarisch, denn die Idee des Jacobsweges ist nach wie vor von der Wunsch-/todo-Liste gestrichen. Manchmal tut es nämlich auch erstaunlich gut, nicht jedem unerfüllten Traum hinterher zu trauern.

Tatort des Monats Oktober

Wer heutzutage noch Dinge repariert, gehört zur neuen Generation der Klimaschützer oder den Alten, die schon immer schonend mit Hab und Gut und den Ressourcen umgegangen sind. Also, das ist natürlich nur so die Kurzfassung. Irgendwo dazwischen dürfte meine Person einzustufen sein, denn ich fühle mich durchaus berufen, auch Hand anzulegen, wenn es darum geht, etwas zu flicken, einen Knopf anzunähen und was sonst noch so mit Nadel und Faden bewerkstelligt werden kann. Und wenn man eben die Dinge hortet, dann sammeln auch diese Utensilien sich unweigerlich an, bei denen es irgendwie kein MHD gibt.

Tatort: Das Nähkästchen, aus dem man auch manchmal so gerne plaudert.img_0333

Tatbestand: Nähnadeln in allen Stärken und Längen

Tatortsäuberung: Damit es mit der Suche nach der passenden Nadel auch klappt, hilft es ungemein, wenn pro Nadelkategorie nur ein, maximal zwei Vertreter anwesend sind. Besonders, wenn die Sehkraft mit zunehmedem Alter nachlässt. Der Rest war auch mit gutem Zureden, nicht an andere Aktivisten jeglicher Coleur loszuwerden, also Metallentsorgung.

Der ökologische Monat

Vor ein paar Jahren, eigentlich muss das sogar schon vor über einem Jahrzehnt gewesen sein, meinte einmal ein Kollege, der zu uns ins Büro kam, er mache gerade einen ökologischen Monat. Also, sich ohne Auto fortbewegen. Ich war tiefbeeindruckt. So viel nachhaltiges Denken hatte ich ihm gar nicht zugetraut und so war ich voll des Lobes für sein vorbildliches Verhalten. Bis er dann erklärte, dass der Verzicht aufs Auto eher der polizeilichen Anordnung denn dem Umweltgedanken geschuldet sei. Nun gut, so kann es gehen, den Ausdruck des ökologischen Monats fand ich trotzdem ziemlich gut.

Apropos, so kann es gehen: Ich selbst durfte das mit dem ökologischen Monat gerade selbst testen. Ebenfalls nicht freiwillig. Die Hergangsumstände sind etwas undurchsichtig und auch nach längerem Grübeln komme ich immer wieder zum Punkt und Schluß, dass es tatsächlich Zeitlöcher im Uninversum geben muss. Anders lässt es sich einfach nicht erklären, dass ich gerade noch an der roten Ampel stand und dann plötzlich mitten auf der Kreuzung. Selbst der Beifahrer kann den Unfallhergang nicht so richtig nachvollziehen.

425bff35-801f-4e12-8b60-3619e16f234dGut, seien wir froh, dass das Zeitloch wenigstens ein gewisses Maß an Mitleid und nur Blechschaden verursacht hat und  mir als Bonus die Chance auf ein Auszeit vom Auto. Immer positiv denken, auch wenn es in manchen Situation nicht so einfach ist.

Bis vor kurzem hätte ich bei Zustellung des Bescheids auch nur müde gelächelt und gefragt, wo da das Problem ist. War der fahrbare Untersatz doch hauptsächlich Dekoration auf dem Stellplatz. Fast zwanzig Jahre bin ich ohne Auto zur Arbeit und sonstwo hingekommen. Lediglich der Wocheneinkauf war ein fixer Tag im Fahrtenbuch. Doch mit dem letzten Arbeitgeberwechsel hat sich dies nun geändert. Gute zehn Kilometer sind zwar keine Entfernung in dem Sinne, aber die Verbindung per öffentlichem Nahverkehr mit zweimal Umsteigen eine zeitliche Katastrophe. Noch dazu gehört Busfahren für mich wirklich mit zu den schlimmsten Arten der motorisierten Fortbewegung. Kommt gleich nach Achterbahn und Kettenkarussell. Bleibt der muskelbetriebene Fahruntersatz. Mit dreißig Minuten deutlich schneller als der Bus, aber doppelt so langsam wie mit dem eigenen Wagen. Das Wetter lassen wir jetzt mal außen vor. Aber, wer es noch nicht wusste, der Wind kommt immer von vorn, egal in welche Richtung man strampelt. Und bei Ankunft ist man eher reif für die Dusche als das Büro. Das Umziehen auf der Toilette ist jetzt auch nicht so der Hit, schneidet aber noch besser ab, als mit Rock, hohen Schuhen und Bluse auf dem Mountainbike unterwegs zu sein.

Es war also, man merkt es schon, kein allzu großes Drama, da auch noch der Jahresurlaub mit hineingerechnet werden konnte. Und da Letzterer aufgrund der An-/Abreise per Flieger einen wahrhaftig übermenschlichen Fußabdruck auf meinem ökologischen Konto hinterlassen hat, konnte ich auf diesem Wege zumindest einen kleinen Teil davon kompensieren. Ich glaube, das mache ich nächstes Jahr nochmal. Also, das mit dem ökologischen Monat. Freiwillig, wenn möglich, liebes Universum.