Auf ein Neues

Der 6. Januar ist nicht nur der Tag der heiligen Drei Könige und der Auftakt für die Runden der Sternsinger, es ist auch der erste Tag nach den Rauhnächten, so gesehen der eigentliche Jahresauftakt. Ab jetzt ist es wirklich vorbei mit der Zeit zwischen den Jahren und wer bis dato noch im Urlaubsmodus war, darf spätestens morgen wieder den Dingen des Alltags gegenübertreten. Noch ein kurzer Blick zurück – schön war’s und dann mit Elan in eine neue Runde im Jahreszeitenkarussell.

Was ist also aus den Wünschen für 2018 geworden, die ich während der damaligen Rauhnächte an die guten Geister übergeben hatte und jenem (hier nachzulesen), dessen Erfüllung mir selbst überlassen war?

Nun, einige Herzensangelegenheiten liegen mir noch immer auf der Seele und am Herzen. Wahrscheinlich aber war die eine oder andere Aufgabe einfach zu gewaltig, um sie in nur zwölf Monaten ins Reine zu bringen. Ich selbst hatte mir ja mit dem Wunsch, jeden Tag aktiv zu sein, ein ziemlich hohes Ziel gesteckt. Und selbst wenn ich den Begriff „aktiv“ dehnbar auslege, dann muss ich noch immer zugeben, dass ich dem nicht ganz gerecht geworden bin. Traurig, enttäuscht oder gar wütend bin ich aber nicht im Geringsten.

2018 war mit Sicherheit kein Jahr, über das ich mich beklagen kann. Derart viele Eindrücke sind geblieben und an Tagen, an welchen ich so richtig faul, ja schon fast lethargisch, war, konnte meine Seele in diesen Erinnerungen schwelgen.

Und weil 2018 ein ganz besonderes Jahr und so ganz außer der Reihe war, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich den guten Geistern auch mal eine Auszeit gönnen sollte. Und so habe ich die diesjährigen Rauhnächte nicht mit Ritualen und Orakeln und so weiter zelebriert, sondern sie einfach in Gedanken angenommen und mit den Stürmen, die ums Haus getobt sind, vorüber und weiter ziehen lassen. Ganz entspannt.

Nur heute, da konnte ich nicht umhin, den Geistern und verirrten Seelen die Tür mit Hilfe von Weihrauch, Räucherstäbchen und Besen in der modernen Variante in Form eines Staubsaugers zu weisen.

Räucherwerk

Kein Platz herrscht in meinen vier Wänden für die dunklen Seiten der andersweltlichen Wesen. Selbst den jugendlichen Mitbewohner konnte ich damit aus seiner Höhle hervorlocken: „Wieso stinkt es hier so nach Weihrauch?“ Sehr witzig von jemandem, dessen Zimmer gern mal nach Iltis oder Büffel oder einer Kombination davon riecht. Und etwas später: „Wieso ist es so kalt hier?“ Und das von jemandem, der bei knackigen Minusgraden gern mal frägt, ob denn wohl der Windbreaker ausreiche.

Also alles beim Alten und irgendwie trotzdem neu. Vielleicht ziehe ich ja doch noch eine Tarotkarte zu späterer Geisterstunde.

 

Eure Kerstin

Tatort des Monats Dezember

Jedes Ende sollte einen ordentlichen und sauberen Abschluss haben. Das gilt für das Kalenderjahr, an dessen Ende ich gern, wenn und soweit möglich, alle losen Enden mit einem Endknotenpunkt versehe. Und das gilt für Lebensphasen jedweder Art. Von daher in Anlehnung an meinen letzten Beitrag „Der Preis der Freiheit“ und als Abschluss dessen dieser Tatort.

Tatort: KücheThermoskanne

Tatbestand: Thermoskanne

Tatortsäuberung: Die rote Thermoskanne hat mich jahrelang treu durch meinen Arbeitstag begleitet und für ein bisschen Wärme bei so manch eisigem Zug im Büroalltag gesorgt. Wie man an den vielen Dellen, Dullen und Abschürfungen erkennen kann, haben wir quasi den gleichen Leidensweg hinter uns. Nun ist dieser Weg zu Ende. Meinem ersten Impuls, sie in Ehre zu halten und einer neuen Bestimmung zuzuführen, habe ich schlussendlich nicht nachgegeben und lieber einen ordentlichen und sauberen Abschluss gewählt. Möge die dienstbare Thermoskanne also eine vollkommen andere und hoffentlich sinnstiftende zweite Chance erhalten. Ich für meinen Teil habe meinen Abschluss gemacht und bin bereit für neue Anfänge.

 

Der Preis der Freiheit

Veränderungen gehören zum Leben dazu. Manche initiieren wir selbst, manchen werden wir ohne unser Zutun ausgesetzt. In der modernen Arbeitswelt gehören beide zum Alltag. Change Management, Umstrukturierung, Wandel der Firmenkultur, und wie die Kurswechsel nicht alle heißen. Manchmal ist man morgens schon froh, wenn man seinen Schreibtisch noch am alten Platz findet, wobei es ja auch Firmen mit freier Sitzplatzwahl gibt. Besitzansprüche an Möbel entstehen so gar nicht erst und so mancher Kollegenwechsel geht dann spurlos an einem vorüber.

Nun, Veränderungen gehören nicht nur zum Leben, sondern eben auch zum Arbeitsleben. So gesehen eine etwas schizophrene Vorstellung, die Idee, dass man zwei Leben hat, die parallel nebeneinander existieren und sich immer wieder und immer mehr miteinander vermischen. Gleichzeitig sollte man sich auch darüber im Klaren sein, dass man einen Großteil seines Lebens mit Arbeit verbringt. Da sollte es also auch ein Unternehmen sein, das zur eigenen Persönlichkeit passt. Wie ein Lebenspartner.

Von daher ist die Entscheidung, mich zu trennen, nicht allzu schwer gefallen. Wenn man für ein Unternehmen tätig ist, in dem Vision und Realität ganz nah beieinander und doch Welten dazwischen liegen, dann stellt sich irgendwann die Frage, inwieweit ich mich für Geld prostituiere und dabei meine Prinzipien und Vorstellungen über Bord werfe. Nach dem Motto Geld stinkt nicht, auch wenn es einen schalen Geschmack im Mund hinterlässt. Dann wird der Lohn zum Schmerzensgeld und selbst das ist nicht genug.

Der Abschied hat sich gezogen, wurde hinaus und immer wieder verschoben. Was nützt es, wenn die Arbeitsbedingungen der reine Luxus sind, einen die Arbeitsinhalte aber krank machen? Am Ende half mir das berühmte Maßband, den Ausstieg nicht aus den Augen zu verlieren.

Maßband

Die Entscheidung für eine Auszeit, um Freiraum zu schaffen und mal wieder Luft zu(m) Atmen zu kommen, war also eher eine Notwendigkeit. Wo will ich hin? Was will ich mit dem Rest meines Lebens anfangen? Die Freiheit, ohne Zwang den eigenen Wünschen, wenn auch für einen begrenzten Zeitraum, zu folgen, ist unbeschreiblich. Der Preis der Freiheit kostet weniger als dass sie wert ist.

An den Neuanfang sind nun also ziemlich hohe Erwartungen geknüpft. Es geht darum, die eigenen Vorstellungen vom Lebenspartner Arbeit mit der Realität zu vergleichen und zu sehen, was übrigbleibt. Die Wahlfreiheit ist auf dem Papier gegeben. Die Zugeständnisse muss man mit sich selbst vereinbaren. Mal gewinnt man, mal verliert man. Und das zumeist ohne scheinbar logische und nachvollziehbare Regeln.

Eure Kerstin

Briefe

Vor kurzem erhielt ich über die Eltern-Mailingliste eine Warnung zum Thema Kettenbrief. Das war ganz offiziell vom einem der unzähligen Ministerien an die Schulen, dann an die Elternsprecher und nach zig Weiterleitungen an die Eltern der einzelnen Klassen verteilt worden. Also, auch irgendwie ein Kettenbrief. Man kennt das auch aus dem Büro, wo man dann in der Mail zuerst seitenweise nach unten scrollen muss, um den eigentlichen Inhalt zu lesen, so oft wurde diese kommentarlos an alle möglichen Kollegen, die sich dann nicht mehr durch etwaiges Nichtwissen herausreden können, adressiert. So passiert es auch manchmal, dass man dieselbe Mail zweimal/mehrmals bekommt, über verschiedene Mailingrouten. Informationsflut ist ein schöner Begriff und im Grunde noch viel zu harmlos für diese Art von Ressourcenverschwendung bei Mensch und Maschine.

Früher, nein, früher war nicht alles besser, aber das hätte es so nicht gegeben. Da gab es noch Verteilerlisten, wobei die Rangordnung darüber entschied, für wen die Nachrichten News waren und für wen Schnee von gestern und man musste mit seiner Unterschrift den Erhalt bzw. das Lesen bestätigen, bevor man es an den nächsten weiterreichte. Noch viel früher, also als die Produktivität noch mit den Anschlägen auf der Schreibmaschine gemessen wurde, hat man vielleicht eine Karbonkopie (kennt überhaupt noch jemand diese blauen Kohlepapiere, bei denen man auch nicht einen einzigen Fehler machen durfte? Ha, von wegen Autokorrektur und Tintenkiller) bekommen. Dann gehörte man aber auch schon zum ziemlich erlauchten Kreis der Eingeweihten.

So in etwa zu der Zeit gab es auch noch so richtige Kettenbriefe. Von Hand geschrieben und mit einer Briefmarke, die man mit Spucke aufkleben musste. Herrje, eine graphologische Schriftprobe plus DNA, das ist ja fast noch besser, als die Haustür einfach auf zu lassen und dann zwei Wochen in Urlaub fahren.

Am Ende des Briefes stand eine Liste mit Namen und Adressen (das Wort Datenschutz musste da erst noch erfunden werden) und man musste der Nummer eins einen Brief schreiben. Dann musste man den ganzen Brief zehnmal abschreiben, aus Nummer zwei wurde Nummer eins und man selbst war die letzte Nummer auf der Liste und an zehn Freunde schicken. Und irgendwann sollte man dann ganz viele Briefe bekommen. Der Inhalt war eigentlich immer Nebensache, aber man wurde doch eindringlich gebeten, dass man die Kette nicht abreißen lassen sollte und man würde ja auch eine Flut an Briefen als Dank erhalten.

Also, ich habe da immer mitgemacht und nicht einen einzigen Brief bekommen. Eine echte Katastrophe, immerhin hatte ich viel Zeit und mein Taschengeld investiert. Ja, auch damals schon waren postalische Sendungen ein teures Hobby. Wenn ich so darüber nachdenke, könnte ich mir das auch als eine Aktion zur Bilanzverbesserung der ehemals staatlichen Behörde vorstellen. Im Grunde war auch die Enttäuschung, keine Post zu bekommen ungleich höher als die Erleichterung, dass einen kein Unglück ereilt hat, weil man die Kette aufrecht erhalten hat.

Heute schreibt eigentlich niemand mehr so richtige Briefe. Selbst Postkarten sind eine Seltenheit. Eigentlich schade. Irgendwie fehlt mir das manchmal, die Freude, wenn man den Briefkasten aufmacht und da liegt ein handgeschriebener Gruß. Es gibt einem auch so ein bisschen das Gefühl, dass man dem anderen wichtig ist. Vielleicht sollte ich mal einen Kettenbrief in Umlauf bringen. Dann wäre ich immerhin die Nummer eins auf der Liste und das sollte es doch mit der Flut an Dankesbriefen eigentlich klappen. Zuerst versuche ich aber mal, dem Nachwuchs die Angst zu nehmen.

Ich stapfe also pflichtschuldigst ins Kinderzimmer, um meinem Erziehungsauftrag nachzukommen:
„Ich habe eine Mail bekommen.“
„…“ (hypnotisierter Blick auf den Bildschirm)
„Darin heißt es, es geht derzeit ein Kettenbrief per WhatsApp rum.“
„…“ (s.o.)
„Den sollt Ihr nicht weiterleiten, der greift persönliche Daten von den Geräten ab.“
„…“ (s.o. oder habe ich da ein Augenrollen gesehen?)
„Also, egal, was für Kettenbriefe Du bekommst, die leitest Du einfach nicht weiter, auch wenn das was von Unglück und Sterben und sonstigem Unheil steht.“
„…“ (also das war jetzt definitiv ein Augenrollen)
„Ich mein ja nur.“
„Mach ich eh nicht“, begleitet von einem ironischen Geräusch, das man auch als Schnauben, Grunzen, genervtem Ausatmen bezeichnen könnte. Aber eigentlich war es eher diese Kombination aus ihr-ward-vielleicht-damals-so-doof und Briefe-egal-in-welcher-Form-sind-so-was-von-gestern.

Briefe

Voller Erfolg würde ich sagen. Nur für wen müssen wir nochmal klären. Vielleicht schicke ich dem jugendlichen Mitbewohner einfach mal eine Mail oder eine WhatsApp. Ein Brief würde ihn sicherlich total überfordern, denn ich könnte fast schwören, dass er noch nicht mal weiß, wo unser Briefkastenschlüssel geschweige denn dieser hängt.

Eure Kerstin

Tatort des Monats November

Der Winter ist nun doch nicht mehr zu verleugnen. Zeit für eine Bestandsaufnahme im Kleiderschrank. Wie es ausgegangen ist, kann man unten nachlesen.

Tatort: KleiderschrankSchal

Tatbestand: Schals (Achtung: Mehrzahl)

Tatortsäuberung: Letztes Wochenende waren der jugendliche Mitbewohner und meine Wenigkeit shoppen. Also, eigentlich hat er geshoppt, während ich mit Bezahlen beschäftigt war. Am Ende war das Budget nahezu und die Mama vollends erschöpft, so dass als Belohnung für den Geldgeber nur noch ein Schal rausgesprungen ist. Allerdings dieser auch nur unter dem Zugeständnis an den Partner, der aufgrund einer Fußballübertragung – wenigstens wurde die Kreditkarte geschont – befreit war, dass ich einen dafür abgebe. Fairplay einmal anders. Gesagt, getan. Sogar mehr als das. Ich würde fast so weit gehen und behaupten, die Weihnachtsgeschenke sind damit auch schon abgedeckt.

Am Ende des Regenbogens…

Am Ende des Regenbogens befindet sich ein Schatz. Das Leben ist dieser Schatz, den man teilen kann. Man sollte ihn wertschätzen in dieser hektischen Zeit und innehalten.

Und wenn jemand dieses Leben verlässt, dann ist plötzlich die Zeit dahin und wir alle müssen uns dann vor uns stellen und fragen, ob wir diesen Schatz zur Genüge wertgeschätzt haben.

Der Redner zitiert Augustinus, der einmal sagte: „Nur weil man jemanden nicht sehen kann, heißt es nicht, dass er nicht da ist. Man kann ihm immer noch einen Brief schreiben.“

Du warst ein guter Mensch. Was kann man mehr sagen über jemanden, der einen schmerzlichen Verlust im Leben von so vielen hinterlässt. Wenn die Erinnerung einem ein Lächeln auf das Gesicht zaubert, wurde man geliebt.

Dabei ist meine Rolle nur die einer Anwesenden, die man pflichtbewusst duldet. Als Mutter des Enkelkindes, als Exschwiegertochter. Und doch waren wir verbunden, da wir am gleichen Tag Geburtstag feierten. Eine Bürde, die ich nun zu tragen habe, denn an jedem meiner Geburtstage wird auch Deine Abwesenheit deutlich. Haben wir uns früher gegenseitig das Ständchen gesungen, so wird es nun in Deinem Namen vorgetragen, begleitet von Melancholie und Wehmut.

Dein Abschied war kein plötzlicher. Wir alle wussten, dass es nur einen Aufschub geben kann. Allein dessen Dauer und Anzahl waren unbekannte Faktoren. Ist es vermessen, zu denken, dass Dein Festhalten am Leben daher umso verstörender war? Es war nicht der friedvolle Abgang, den wir uns alle für Dich und uns und letzten Endes sich jeder wünscht. Ist es vermessen, zu denken, dass Dich die Bilder meiner letzten Wanderung haben noch träumen lassen? Ist es vermessen zu denken, dass die Hand Deines Enkels in Deiner Dir einen weiteren Aufschub gewährt hat? Es war ein Ende ohne Ende.

Und das mag dann auch die, mal abgesehen vom ehemals gemeinsam gefeierten Geburtstag, Verbindung sein, auf der unsere gegenseitige Verbundenheit basierte: Dieses Wissen um den Schatz des Lebens, den man immerzu annimmt, aber nahezu nie innehält. Immer in dem Glauben, das Ende es Regenbogens wäre nie erreichbar, wo doch nur ein einziger Wimpernschlag genügt und er nicht mehr am Firmament zu sehen ist. So wandeln wir leicht und freigiebig durchs Leben, bereit alles zu geben für jeden, der ein Ohr, eine Hand und ein Herz braucht und vertrösten unsere Träume auf morgen.

Ich wünsche Dir, dass dort, wo auch immer Du nun sein mögest, nicht nur ein , sondern Dein Regenbogen auf Dich wartet.

Danke, dass ich eine Zeit lang an Deinem Leben teilhaben durfte.

Allen anderen möchte ich die Worte von Robert Frost mit auf den Weg geben: „Alles, was ich über das Leben gelernt habe, kann ich in drei Worte fassen: Es geht weiter.“

Opa

 

Wie gewonnen so zerronnen

Wenn am Wochenende mal wieder die Zeit umgestellt wird, dann ist sozusagen alles wieder beim Alten. Die Frage, ob man die Zeiger vor oder zurück stellen muss beschäftigen die Gesellschaft (muss das wirklich sein?) und deren Mitglieder (wie war das noch mal?). Bei Alten auch deshalb, weil ja die Winterzeit eigentlich diejenige ist, welche die „richtige“ Zeit ist. Doch was ist schon richtig? Und was ist schon richtig, wenn es um die Zeit geht? Wer kann denn bitteschön tatsächlich sagen, was die Zeit überhaupt ist, außer einem Instrument, mit dem wir die Vergänglichkeit messen? Im weitesten Sinn also Geschichte schreiben, indem wir diese in einen Zeitrahmen pressen.

Dabei sind unsere heutigen Diskussionen gar nicht neu, bis vielleicht auf die Tatsache, dass jeder seine Sichtweise kundtut und alle mitreden. Denn bis in das 19 Jahrhundert war es noch so, dass mehr oder weniger jedes Dorf seine eigene Zeit hatte. Mal lebte nach dem Stand der Sonne. Richtig, zwölf Uhr ist, wenn die Sonne am höchsten steht. Es gab eine Zeit in Berlin und eine „Münchner Zeit“, die sicherlich eng mit dem Weißwurstessge- und verbot zusammenhängt. Richtig, 12 Uhr ist, wenn es keine Weißwürste mehr gibt.

Erst 1893 wurde die sogenannte Mitteleuropäische Zeit(zone) eingeführt und schon 1916 wurde an dieser herumgedoktert und mit der Sommerzeit experimentiert. Und das immer wieder. Von 1947-1949 gab es sogar eine zusätzliche Hochsommerzeit von Mitte Mai bis Ende Juni. Doch dann kam das Wirtschaftswunder und man hatte wohl keine Zeit mehr, sich mit der Zeit zu befassen.

1980, eher auf Druck der europäischen Nachbarn denn aus Eigeninitiative, kam die Sommerzeit. Daran kann ich mich noch gut erinnern. Das war Ostersonntag und meine Eltern waren mit mir irgendwohin im Auto unterwegs. Ich dachte immerzu, das ist doch komisch, dass es jetzt schon 10 Uhr statt 9 Uhr ist, denn die Welt hatte sich irgendwie so gar nicht verändert, aber alles fühlte sich anders an, fast schon befremdlich. Damals allerdings war uns der Sommer und seine Zeit nur bis Ende September zugeteilt. Seit 1996 haben wir einen Monat dazu gewonnen und stellen nun die Uhren erst Ende Oktober wieder zurück.

Dieses Hin- und Hergespringe scheint dem heutigen Zeitgeist doch sehr entgegen zu kommen, möchte man meinen. Ständig auf dem Sprung. Mal gewinnt man, mal verliert man und die Routine gleicht für einen kurzen Augenblick dem Chaos. Und auch der Gedanke, dass der Sommer nie enden möge, ist nur allzu nachvollziehbar.

Zeit

Doch die Zeit ist immer gleich. Man kann sie nicht verändern. Sie lässt sich nicht einsparen, nicht gewinnen und sie verschwindet auch nicht. Stehlen oder gar fressen lässt sie sich schon gleich überhaupt nicht. Kurzum, die Zeit ist so gesehen die einzige Konstante. Sie war schon immer da und musste auch nicht geschaffen werden. Nicht mal von Gott. Vielleicht ist auch deshalb so faszinierend und unerklärlich. Wie heißt es doch so schön bei „Momo“ von Michael Ende:

„Es gibt ein großes und doch alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigstens denken darüber nach. Die meisten Menschen nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit. Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das will wenig besagen, denn jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen – je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt. Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“

Eure Kerstin