Zeitreisen in die Gegenwart: Junge Liebe in Krisenzeiten

Flügel sind ja etwas sehr Schönes, außer man ist Daidalos, der Vater von Ikarus. Oder Ikarus selbst. Und wo wir schon mal bei der Annäherung an zu heiße Themen sind, was ist eigentlich mit der Mutter von Ikarus? Genau, ich habe keine einzige Silbe über diese gefunden. Ob das nun ein gutes oder schlechtes Zeichen ist und sie das ganze Unheil nicht miterleben musste, sei dahingestellt, aber wenn der Nachwuchs im wahrsten Sinne des Wortes flügge wird, dann sind Mütter nach wie vor der Fels in der Brandung. Nur bei ruhiger See kommen sie in den Heldensagen eher nicht vor.

Die aktuelle Krise hinterlässt vor allem bei Kindern, auch wenn diese schon fast erwachsen sind, deutliche Spuren. Und auch, wenn der Jugend von heute nachgesagt wird, dass sie ihr Leben in den hellen und dunklen Weiten des Internets verbringt, so hat sich 2020 ganz klar gezeigt, dass dies mitnichten der ganzen Wahrheit entspricht. Freunde sind unerlässliche Weggefährten auf dem Weg zu den Sternen und der eigenen Flugbahn. Umso mehr, wenn die Zeiten düster sind.

Erst acht Wochen lang keine Schule und in unserem Fall nur ganze zwei Mal eine virtuelle Stunde, ansonsten herrschte im schulischen Kosmos absolute Dunkelheit. Sonnenfinsternis. Dann ein paar Wochen Blockunterricht, bei zwar keiner totalen, aber doch partiellen, sehr hartnäckigen Sonnenfinsternis. Zum Glück für die gestressten Lehrer und Schüler kamen dann die Sommerferien. Sechs Wochen lang so etwas wie Leben bei voller Beleuchtung, doch schon vier Wochen nach Schulstart dann wieder Blockunterricht. Und immer drohte die erneute Schließung und/oder der unmittelbare Kometeneinschlag in Form nur eines einzigen Falles. Ich schätze, Damokles saß weitaus entspannter auf seinem Thron, als der jugendliche Mitbewohner auf seinem Stuhl im Klassenzimmer bei Durchzug und Minusgraden. Ist aber eine andere Geschichte.

Im Grunde war es letzten Endes nur eine Frage der Zeit. Eine Wahrscheinlichkeitsberechnung, die auch schon Daidalos angestellt haben mag. Nicht zum Spaß hatte er dem ungestümen Sprössling eindringlich zugeredet. Doch auch schon zu Ovids Zeiten hatte die Jugend ihren eigenen Kopf und eben den unbändigen Drang nach Leben und Freiheit. Wenn dann noch die Liebe hinzukommt, dann scheint der Feuerball am Firmament doppelt so heiß. So nach und nach verabschiedeten sich um uns bzw. das Schulkind herum mal die, mal jene Klasse, mal der Jahrgang und nun also die gesamte eigene Jahrgangsstufe. Vierzehn Tage Quarantäne für alle. Als Mutter ist die Krise auch eine, die einen von mehreren Seiten trifft. Wie Sonnenstürme, die ohne Vorwarnung losbrechen und das häusliche Universum in Ungleichgewicht bringen. Und so kam es dann.

Mami, ich habe gerade mit meiner Freundin telefoniert. Und sie hat, ungelogen, am Telefon geweint. Eine Stunde lang. Was soll ich denn jetzt machen?“ Achtung, denke ich, jetzt bloß nichts Falsches sagen und dann denke ich: Herrlich, so eine junge, romantische erste Liebe.
Sie ist halt traurig“, setze ich vorsichtig an.
„Ja, alle ihre Freunde sind jetzt in Quarantäne.“
„Dann schreib ihr doch einen Brief. Oder eine Karte. Oder wir schicken ihr was. Das bringe ich dann zur Post.“
„Hm.“ Ok, streng Dich an, Mutter, der Nachwuchs scheint selbst schon bei der Aussicht auf vierzehn Tage verordneten Hausarrest, den vom Frühjahr dabei kaum verdaut, in Depressionen zu verfallen.
„Komm‘, wir schicken ihr einfach die Kuscheldecke, die Du als Weihnachtsgeschenk für sie hast. Besser, wir bringen sie ihr vorbei.“
„Aber was schenke ich ihr denn dann? Das war das perfekte Geschenk.“
„Da finden wir schon was.“
„Aber die anderen Sachen sind alle so teuer.“ Oh, jetzt wird es interessant, die Herzdame hat offensichtlich einen ausgewählten Geschmack, was ja auch schon ihre Wahl des Herzbuben eindeutig beweist. Mutterstolz.
„Was wünscht sie sich denn sonst noch so?“
„Wart, ich habe das eine Liste.“
„Eine Liste?“
„Ja, immer wenn sie was gesagt hat, was ihr gefällt, habe ich das aufgeschrieben.“ Ich glaube, ich muss mich setzten. Wo hat der Junge das nur her? Die Romantik dieser Aussage überfällt mich dabei fast.
„Weißt Du was, wir bringen ihr Dein Kopfkissen.“
„Oh, ja.“ Super gemacht, Mutter.

Herz

Und so wird der Seelentröster, in Parfüm getränkt, der Angebeteten vor die Tür gestellt. Herzklopfen in dunkler Sternennacht. Junge Liebe. Hoffnung in Krisenzeiten.

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