Die Würde ist antastbar

Ferdinand von Schirach hat in seinem gleichnamigen Buch aufgezeigt, was wir heute ganz aktuell erleben, sogar am eigenen Leib, wenn der Staat nach und nach und zusehends immer mehr die Freiheit und die Rechte seiner Bürger einschränkt. In seinem Essay heißt es: „Unsere Freiheit wird im Namen der Sicherheit geopfert. […] Die Frage ist, ob wir das wollen.“

Noch sind wir alle in dem Glauben an einen vorübergehenden Zustand und bisweilen beruhigt uns auch der Gedanke, dass es vielleicht sogar ganz gut tut, mal einen Gang runter zu schalten und es sogar als Abwechslung vom sonst so hektischen Alltag und Hamsterrad zu sehen.

Doch was macht das mit uns als Individuum? Mit uns als Gesellschaft?

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Die Diskussion dazu breitet sich gerade ebenso rasant im Netz aus wie es der Virus in unserer Mitte tut. Wie hoch ist der Preis für die Freiheit, die wir gerade opfern? Wie hoch ist der Preis für das Recht auf Freiheit, wenn wir diese uns nicht nehmen lassen? Und letzten Endes, wie hoch ist der Preis für ein Menschenleben? „Der Staat kann ein Leben niemals gegen ein anderes Leben aufwiegen. Keiner kann wertvoller sein als ein anderer, eben weil Menschen keine Gegenstände sind. Und das gilt auch für große Zahlen.“, schreibt von Schirach.

Gerade las ich die Zahl 9 Millionen Dollar, die als Gegenwert für ein Menschenleben angegeben wird. Im ersten Moment denke ich, es ist doch eine ganze Menge, da ließe sich einiges mit anstellen, um ein Leben auch als solches zu bezeichnen und in Würde zu leben. Doch dann muss ich an diverse Boni und Abfindungssummen denken, die in den Chefetagen der großen Konzerne bisweilen die Seiten wechseln, oder mal eben schnell als Rettungsschirm fiktive, auf dem Papier als solche definierte Gesellschaften vor dem Untergang bewahren sollen. Als ob ein Schirm schon mal jemanden vor dem Ertrinken gerettet hätte. Aber das mag wohl für nicht reale Existenzen funktionieren. Letzten Endes handelt sich es ja auch nur um Zahlen; und Geld an sich hat ja erst einen Wert, weil wir ihm diesen verleihen. Und da erscheint mir der Betrag ziemlich mickrig. Und überhaupt, wie setzt sich das denn zusammen? Und ändert sich der Wert je nach Alter, Herkunft, Position?

„Mit den Rechten des Menschen ist es nämlich in Wirklichkeit wie mit der Freundschaft. Sie taugt nichts, wenn sie sich nicht auch und gerade in den dunklen, den schwierigen Tagen bewährt.“, so hat Ferdinand von Schirach es formuliert. Ist also unser System nicht sehr viel zerbrechlicher, als es nach außen hin den Anschein hat. Das gilt sicherlich für den einzelnen Menschen. Aber gilt das auch für die Menschheit an sich? Und gilt das nicht erst recht für Gemeinschaften?

Wie gesagt, die Diskussion Egoismus versus Allgemeinwohl, Humanität versus Ökonomie, Solidarität versus gesellschaftlichem Zusammenbruch hat gerade erst angefangen, wird aber sicherlich gleichermaßen unerbittlich geführt werden wie der Virus wütet. Mit exponentieller Steigerung fürchte ich.

12 Gedanken zu „Die Würde ist antastbar

  1. Es gibt eine Ermächtigungsklausel im EU-Vertrag von Lissabon (unterzeichnet im Jahr 2009 von den EU-Staaten), die besagt, dass der EU-Rat im Falle des Ausnahmezustands der Staaten (Grenzschliessungen, Shut down etc gehen dem ja vorweg) die Länder dazu ermächtigen kann, die Todesstrafe wieder zu vollziehen. Also bspweise könnte man das bei Gehorsamsverweigerung von Soldaten bestimmt gut als Drohung einsetzen. Bei uns sind gerade sehr viele NATO-Soldaten „geparkt“ – Defender 2020 (die größte Übung der NATO seit 25 Jahren!) wurde erstmal verschoben.
    Was passiert, wenn sich freiheitliche Geister (Menschen;) ) verarscht fühlen und vor allem eingeengt und aufgrunddessen irgendwann endlich auf die Strasse gehen? Kann irgendwer Würde garantieren? Ich weiß es nicht.
    LG – hoffe, ich hab Dich nicht noch mehr verunsichert.

  2. schon für die Ohren bestellt/heruntergeladen. Habe neulich erst von einem niedrigen „Gegenwert“ gelesen, so um die 1,x Millionen. Aber das finde ich auch nachrangig. Viel mehr spricht mich das Thema „Freiheit“ an. Danke für den Beitrag.

  3. Ich stimme da schon zu, aber – das mit dem Gegenwert für ein Menschenleben,?? Ein Fussballclub bekäme dafür nur einen Spieler aus der dritten Reihe. Eine Ex Justizministerin hat bei VW für ein Jahr „arbeiten“ 12 Millionen Euro Abdibdung, plus mehrere Tausend Euro Monatsrente bekomnen. Da müsste der Betrag für ein Leben doch etwas nach oben korrigiert werden☺️☺️

    • Bin da absolut mit einverstanden…mickrig, wie gesagt, habe ich aber so in der Zeitung gelesen, einer seriösen, wenn man so will. Die „Kriterien“ zur Berechnung würden mich schon sehr interessieren. Das Beispiel mit dem Fußballclub finde ich passend, da kann man mal sehen, dass Geld tatsächlich nur noch eine Reihe von Zahlen bar jeder Realität ist. Hinzu kommt der Faktor, dass manche ja gleicher als gleich sind, was sich besonders schön in dem Gehaltsgefüge von Wirtschaft, Politik und Dienstleistung ausdrückt. So, und nun muss ich aufhören, bevor mir die Hutschnur..äh, Mundschutz hochgeht. 😉
      Liebe Grüße, Kerstin

      • Auf welchem Schwarzmarkt gibt es denn „Mundschutz“?? Egal, Hauptsache gesund bleiben. Also trotz dem Teil aufpassen! Schönen Abend, Jürgen

      • Also…auf dem Münchner Flughafen sind ja unlängst 8 Millionen Stück angekommen 😉
        Scherz beiseite, ich gehöre zu der Gruppe der, die sich noch „oben ohne“ nach draußen trauen und hoffe, dass ich damit nicht bald gegen Vorschriften verstoße. Liebe Grüße, Kerstin

  4. Die Vorschriften werden täglich verwirrender und mit dem gesunden Menschenverstand haben die nicht immer etwas zu tun. Baumärkte dürfen Blumen verkaufen, Blumenhändler nicht.. Hauptsache du bleibst gesund!☀️☀️

    • Ah, bei Euch sind die Baumärkte noch offen..ich komme vorbei. Aber es stimmt, vieles macht keinen Sinn, die Discounter verkaufen Fahrräder, Farbe, Blumen, Klamotten und Einrichtungsbedarf, aber die Geschäfte sind zu, das soll einer verstehen.
      Liebe Grüße, Kerstin

  5. Der Hut kann einem hochgehen, wenn man dann noch die Politiker Sprüche vom Stärken des Einzelhandels hört.Wo leben die bloss? Genau so ein Schrott wie bei den Reisegutscheinen. Einer kleinen Firma hätte ich gerne geholfen, jetzt aber muss ich Anlagefonds zinslis mein Geld leihen.. Glücklicherweise kann ich den drohenden Totalverlust verkraften. Mein Glaube an Gutscheine ist identisch mit dem an einen Lottogewinn. Eine Familie mit 2 Kindern und Durchschnittseinkommen ist da schlimmer dran. Und beide Regierungsparteien haben das Wort „sozial“ im Firmenlogo. Die Hauptsache. W I R. schaffen das☺️ Gehe schnell noch einkaufen und freue dich auf die Feiertage;☺️

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