Von wegen Kindergeburtstag

Wenn man von einer Aufgabe oder einem Vorhaben als Kindergeburtstag spricht, drückt man für gemein hin die damit verbundene geringe Anstrengung aus. Tut es sozusagen als leicht und mit links zu bewältigen ab. Ja, betrachtet den Aufwand bisweilen sogar so abschätzig, dass es diesen scheinbar gar nicht wert ist. Quasi aus der unbeschwerten Sicht eines Kindes.

Doch wer schon mal einen Kindergeburtstag ausgerichtet hat, weiß, dass dies bei weitem keine leichte Sache ist, die man so eben mal aus dem Ärmel schüttelt. Mit simplem Topfschlagen und Blinde-Kuh-Spiel ist der Meute der Kinder und deren Helikoptereltern heutzutage nicht mehr bei zu kommen. Auch hier geht es um das immer mehr, immer ausgefallener, um das noch größere Event. Als Mutter des jugendlichen Mitbewohners habe ich da so meine leidvollen Erfahrungen gemacht, aber was tut man nicht alles für den Nachwuchs.

Schon der erste Geburtstag war ein Highlight, auch wenn ich zugeben muss, dass ich in Disneyland wahrscheinlich mehr Spaß hatte als der Dreikäsehoch. Aber das ist sehr subjektiv, denn das Ankuscheln an die plüschigen Disneyhelden unterließ ich aus Anstandsgründen, während das Geburtstagskind dies ganz ungeniert und aus vollen Halse lachend genoss. So wurde im nächsten Jahr gleich nochmals Disneyland besucht, vor allem, weil die Mama so viel Spaß hatte.

Geburtstag Nummer drei war etwas gemäßigter in den eigenen vier Wänden unter dem Motto Piratenparty. Deko, Musik und Spiele abgestimmt und als Krönung eine Pinata, dessen Beute logischerweise keines der Kinder entern konnte, da schlicht und ergreifend Kraft und Ausdauer fehlten. Irgendwann erbarmte sich eines der größeren, älteren Geschwisterkinder und hieb wild um sich schlagend auf die Schatzkiste, zum Glück kein Pony oder dergleichen ein, während die anwesenden Mütter ihre Kinder vor der Attacke in Sicherheit brachten.

Der vierte Geburtstag fand dann aufgrund ungenügenden Versicherungsschutzes und diverser familiärer Angelegenheiten ohne große Feier statt. Doch beim fünften Geburtstag haben wir wieder mitgemischt, diesmal eine Cowboy und Indianer Party. Das Wohnzimmer wurde entkernt, sprich nahezu alle Möbel in andere Räume verfrachtet, und dafür ein Zelt aufgestellt. Aus meinem Elternhaus habe ich seinerzeit sogar ein Rehfell und den Büffelschädel, der im Treppenhaus hing, geholt und bei mir installiert. Und nein, mein Vater ist weder Klein- noch Großwildjäger. Die Schatzsuche war eine Art Rallye. Die Kinder mussten dazu Steine in Form von in Papier gewickelten Telefonbüchern – keine Ahnung, wo ich damals die Menge ergattert hatte – erspielen, um damit den reißenden Strom, den Gehweg zum Garten, überqueren. Der Spaß, der mich voller Vorfreude auf diesen die kiloschweren Druckerzeugnisse schleppten und verpacken ließ, hielt sich in Grenzen. Der Schatz wurde innerhalb von Sekunden durch einen mutigen Sprung ins kühle Nass, den Gehweg, gehoben. Keine Ahnung, warum nur ich diese Phantasiewelt gesehen habe. Am Ende waren wohl alle froh, dass dieses unrealistische Possenspiel vorüber war.

So richtig ins Zeug gelegt habe ich mich dann für den sechsten Ehrentag. Piraten und andere Helden meiner Kindheit waren verpönt, die Zukunft hielt Einzug und das in Form einer Weltraumparty. Es muss wohl die Zeit der neueren Star Wars Filme gewesen sein, denn das Kind hatte einen Stormtrouperanzug und war der Faszination der unendlichen Weiten erlegen. Allerdings sind diese in einer Drei-Zimmer-Wohnung recht begrenzt, wenn man mal vom Kinderzimmer absieht, in dem Dinge einfach verschwinden und wenn überhaupt erst nach Lichtjahren wieder in die Umlaufbahn zurückkehren. Nun, das Wohnzimmer wurde diesmal einfach in die Kulisse mit eingebaut. Das Sofa war das Raumschiff, auf dem die Kinder wie Astronauten mit dem Rücken auf der Sitzfläche und mit hochgestreckten Füßen lagen. Der Raum wurde mit Laken, Tüchern und Folie abgetrennt. Die Einstiegsluke zum Raumschiff war ein kleiner Tritthocker. Vom Raumschiff führte eine Luftschleuse, eine von diesen Kriechröhren, auf den „Planeten“. Dort war eine Station, unser taupefarbenes Notfallzelt, aufgebaut und allerlei außerirdische Dinge, Fischernetz, Lichterkette, Wattebauschen etc., bevölkern Boden, Wand und Decke. Die Fenster waren mit Postern von Galaxien und Sternen beklebt, so dass es ziemlich schummrig war. Zum Glück war der Begriff der Knutschecke noch ohne Bedeutung für die Weltraumeroberer. Ich glaube mich erinnern zu können, dass allen vom ständigen Starten und Landen der Rakete flau im Magen wurde und man kurzerhand das Kinderzimmer ansteuerte, das am Ende einem Schlachtfeld glich. Die Rückkehr auf den Boden der Tatsachen und zur Erde war dann mit viel Aufräumarbeit verbunden.

Inzwischen kann von Kindergeburtstag eigentlich nicht mehr die Rede sein und man möchte meinen, dass mit zunehmender Eigenständigkeit der Kinder der Aufwand in gleichem Maße abnimmt. Doch wenn heute eine Party ansteht, dann wünsche ich mir manchmal das damalige Chaos zurück. Nicht nur, dass ich zur frühmorgendlicher Stunde die Horde der Pubertiere zur Ruhe anhalten muss, nein, morgens wird dann ein Frühstück wie im Fünf-Sterne-Hotel erwartet, das ich frisch und munter auf den Tisch bringen darf, während sich die übernächtigten Gäste aus der Höhle des Kinderzimmers, welches genauso einladend aussieht wie riecht, schleppen. Die mühsam erlernte Sprache scheint dabei ebenso gänzlich im unendlichen Raum des Internets verschwunden zu sein wie der Geruchssinn, denn eine Büffelherde ist nichts dagegen.

Ist man dem Schicksal der zu veranstalteten Feier durch Verlagerung nach auswärts entkommen, ist die Freude allerdings nur von kurzer Dauer. Denn dann sitze ich am Küchentisch und hoffe, dass das Kind unbeschadet und nüchtern und selbständig nach Hause kommt, keinen Ärger mit der Obrigkeit verursacht und nicht in irgendwelchen Ärger hineingerät, vor der Geisterstunde daheim ist und den Geist aus der Flasche nicht zu sehr intus hat.

Wenn man also etwas als Kindergeburtstag bezeichnet, dann kann man das nur aus der Warte des Geburtstagskindes tun. Ach ja, und da wir gerade dabei sind, die nächste Feier verlegen wir wieder nach Disneyland, denn aus dem Alter, Anstand als Grund für irgendetwas anzuführen, bin ich jetzt dann bald raus.

Kindergeburtstag

Eure Kerstin

2 Gedanken zu „Von wegen Kindergeburtstag

    • Vollkommen richtig erkannt…eine Wertung wird sich sicherlich erst in der Retrospektive vornehmen lassen…also, Fortsetzung folgt 😉
      Liebe Grüße, Kerstin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s