Fürs Leben lernen

Die Zukunft liegt in unseren Kindern, vielmehr lastet diese auf deren Schultern. Wer wie ich schulpflichtige Mitbewohner hat, wird damit von Jahr zu Jahr immer wieder konfrontiert. Spätestens wenn es heißt: Bücherausgabe. Dieses Jahr bin ich von der schieren Anzahl an Exemplaren dermaßen sprachlos, dass ich meine Gedanken dazu erst jetzt in Worte fassen kann.

Schulbücher

Beim Anblick des Bücherberges konnte ich dann einfach nicht umhin, diesen auf die Waage zu legen: 5,951 Kilogramm Wissen, so das Ergebnis. Elf Bücher für zehn Fächer, zwei gingen leer aus. Darauf komme ich später noch zurück. Das macht im Durchschnitt pro Tag 3570 Gramm. Wohlgemerkt Hefte, Übungshefte, Stifte usw. noch gar nicht mit eingerechnet.

Die allermeisten Handtaschen wiegen weniger. Selbst mein Rucksack, den ich für meine Bergwanderungen trage, ist nur unwesentlich schwerer, dafür aber auch mit wirklich überlebenswichtigen Utensilien wie Trinken, Essen, Karte und Kompass, Erste-Hilfe-Set und Biwaksack gefüllt. Und ich schleppe das nicht 186 Tage (Anzahl Schultage in Bayern im Schuljahr 2016/2017) pro Jahr.

Wie gut, dass Sport nur zwei Schulstunden pro Woche ausmacht. Schließlich ist das Pensum an Sport durch das Schultern des Schulranzens schon erfüllt. Und Glück gehabt, dass es ein Fach ohne Buch ist, welches (noch) mündlich vermittelt wird. Denn wenn selbst das Religionsbuch zu den dicksten im Pack zählt und schwerer als das für Biologie ist, dann stelle ich mir wahrhaftig die Frage nach der Wertigkeit und dem Sinn. Und das nicht nur, weil ich mit dem Fach an sich ein Problem habe. Anstelle digitaler Medien wird der Generation Internet diese Masse an Worten, Werten, Formeln und Regeln in Form von gedruckten Werken vorgesetzt, die teilweise nicht mal vermittelt oder gar angesprochen werden.

Im Jahr 2002 hat jeder Deutsche 230kg Papier „verbraucht“, um 1900 waren es noch zehn Kilogramm. Das betrifft natürlich alle Bereiche, vom Schreibpapier zum Butterbrotpapier bin hin zum Toilettenpapier. Aber so viel geschichtliches Wissen und neue Erkenntnisse können schlichtweg in dieser Zeit gar nicht hinzugekommen sein, als dass es diesen Anstieg beim Lernmaterial Buch rechtfertigen würde. Es erscheint mir wie ein Hohn, dass der Fortschritt unser aller Leben verändert und beeinflusst, aber wie vor 100 Jahren vermittelt wird.

Ach ja, Kunst ist neben Sport das einzige Fach ohne Buch. Aber das mag auch daran liegen, dass es wahrlich eine Kunst ist, unter dem Gewicht der eigenen Zukunft nicht zusammen zu brechen. 33 Schulstunden, 12 Fächer und ebenso viele Lehrkräfte, 26 Schulaufgaben (ohne Stegreifaufgaben, Referate und sonstiger Leistungsnachweise) machen deutlich, wie diese aussieht. Die Lektion Leben ist vom Stundenplan gestrichen, weil es nicht zwischen zwei Buchdeckel und in den Lehrplan unserer Leistungsgesellschaft passt.

Kein Wunder also, dass die Jugend so ist wie sie ist und sich einen feuchten Kehricht darum schert, was sich hinter dem eigenen, eingeschränkten Horizont befindet. Wir bringen ihr schließlich schon früh bei, dass Lernen eine Bürde ist und dass die Zukunft schwer auf einem lastet. Wem ich nur immer wieder vor Augen halte, dass er klein, unwissend und unfähig ist, der glaubt auch irgendwann nicht mehr daran, dass er die Welt verändern kann. Der Wille ist schon lange vorher gebrochen und die Freiheit findet dann in Videospielen statt.
Gerade erst habe ich den schönen Satz „the medium is the message“ gelesen und das beschreibt es doch ganz gut, wie ich finde.
 

 Eure Kerstin

6 Gedanken zu „Fürs Leben lernen

  1. Mhh, ich weiß ja nicht, wie das bei der heutigen Generation ist… Aber die Bücher, die man uns in die Hand drückte, waren ca. 15 Jahre alt und damit teilweise auch „veraltet“ (Erdkunde-Bücher mit DDR-Grenze nach 1990???). Ergebnis: Die Bücher wurden genau zwei Mal im Jahr getragen. Einmal von der Bücher-Ausgabe heim und dann nochmal von Zuhause zurück (am Ende des Schuljahres).

    Nur traurig, dass der meiste „Stoff“ dann nochmal (aktuell!) extra auf Papier ausgedruckt wurde und wir dafür auch noch deftiges Kopiergeld zahlen durften (von der Doppel-Verschwendung mal abgesehen…).

    • Tja, Papiergeld muss immer noch bezahlt werden und Geld für „Workbooks“ in den Sprachen. Aktuell sind die Werke im Grunde schon, aber ich verstehe eben nicht so ganz, warum man nicht auch einfach einen halben Satz in der Schule deponieren kann. Oder dann die Bücher digital zur Verfügung stehen. Wie gesagt, ich vermute da eher eine Theorie, die Kinder schon früh an die Last auf den eigenen Schultern zu gewöhnen. Wer sich schon in jungen Jahren für schwach hält, wird später kein Revoluzzer und geht gebückt durchs Leben.

  2. Schwer, aber immerhin noch Bücher – eine Freundin, die in Asien lebt, hat mir erzählt, dass ihre Kinder an der internationalen Schule kein einziges Buch haben. Sie brauchen Laptop oder Tablet, alle Texte lädt der Lehrer tagesaktuell drauf – der Lernstoff wird nicht nach Fächern geordnet, sei sehr unübersichtlich. Und ihr Großer hat große Probleme, weil er nie weiß, was er jetzt genau lernen soll … seufz…

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