„Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß“ (Rainer Maria Rilke)

Gerade erst war ich auf einer Beerdigung. Ich bin kein gläubiger Mensch. Eher das Gegenteil. Aber das Zitat von Rainer Maria Rilke auf der Todesanzeige hat mich wirklich berührt. Es passt. Der Verstorbene war mit einem wirklich langen Leben gesegnet. Fast 93 Jahre. Eine Zeitspanne, in der so unermesslich viel Leben ist. Gesegnet war er auch mit einer großen Familie, die das Wort Familie lebt. Vier Kinder, neun Enkel und bis dato acht Urenkel, demnächst wären es zehn gewesen. Mit seiner Frau feierte er unlängst die Gnadenhochzeit. 70 Jahre gemeinsame Zeit. Eine unbeschreibliche Fülle an Erlebnissen.

Abschied

Leider gehöre ich nur im angeheirateten Sinne zur Familie. Und doch bin ich ein Teil in all den Jahren gewesen. Etwas, das mich immer wieder mit einem gewissen Maß an Wehmut erfüllt. Und so war es auch meine Verbundenheit, der mich an der Beerdigung hat teilhaben lassen.

Die Trauer um jemanden, der in solch hohem Alter stirbt ist selbstverständlich da, aber eben anders. Alles geht sehr still und andächtig von statten. Hier und da wird vereinzelt eine Träne verdrückt. Aber es überwiegt, wie es sich wohl jeder, der einmal von seinen Lieben geht, wünscht, die Erinnerung. Geschichten und Anekdoten werden mit einem Lächeln weiter gegeben.

Um so befremdlicher empfinde ich die Beerdigung. Ein Trauergottesdienst in der Pfarrkirche, bei dem immer und immer wieder die Kirche und der Glauben die Hauptrollen spielen, während die Gläubigkeit des Verstorbenen gepriesen wird. Ein steter Fluss an Gebeten und Lobpreisungen. Der Messdiener erscheint im Drei-Tage-Bart mit ungeputzten Schuhen und gähnt unverhohlen vor sich hin. Ich vermisse den Menschen.

Danach stürmen wir alle zu den Autos. Der Friedhof ist am Rande der Stadt. Hektisch treibt eines der Kinder die Gesellschaft an. Das eigene Enkelkind hält er an der Hand, ist aber mehr darauf bedacht, die Ordnung und Organisation der Trauergesellschaft zu bewahren. „Sohn, nimm‘ Du ihn doch an die Hand. Er geht so langsam.“ Ja, will ich rufen, er ist drei Jahre alt. Sein Tempo ist ein anderes. Er ist hier und Du bist hier. Das ist es, was zählt.

Die Aussegnungshalle ist gefüllt bis auf den letzten Platz. Der Verstorbene war ein angesehenes und geachtetes Mitglied in verschiedenen Verbänden und der Stadt, die ihn hier mit ihren Reden ehren. Auf dem Trauerflor von seiner Frau steht „Meine Sonne“. Ob sie ihm das je gesagt hat? Und was wird nun? Wo ihre Sonne dort im geschlossenen Sarg für immer ruhen wird? Ein wahres Meer an Blumen und Kränzen inmitten der Weihrauchschwaden. „… Danke für alles – Du warst ein super Opa“ Ob das auch so ausgesprochen wurde? Wie oft trägt man solche Worte mit sich? Und wie oft finden diese den Weg nach draußen?

Vor dem Grab sammelt sich die Menge, die achtlos über die umliegenden Gräber stolpert. Die städtischen Gießkannen können den Einkaufswagen gleich nur mit einem Geldstück von der Halterung genommen werden. Die Grabstätten, welche ins Auge fallen, sind mit einer Visitenkarte des örtlichen Grabpflegedienstes versehen. Die Inschriften auf den Grabsteinen sprechen eine andere, nicht mehr vorhandene Wahrheit. Hinter den Bäumen hört man die Autos auf der Schnellstraße vorbei rauschen. Nein, das ist es nicht, was ich mir als letzte Ruhestätte und Ort der Erinnerung vorstelle. Kein Platz, um inne zu halten.

Als ich mich verabschiede, fragt eines der Kinder, warum ich schon fahre. „Er ist allein zuhause“, antworte ich. „Ja, aber er muss ja nicht mehr gestillt werden“.  Erst sehr viel später überkommt mich die Trauer. Nicht um den Mann, Vater, Opa, Urgroßvater, der gegangen ist, sondern um all die Menschen, die hier sind und doch niemals da. Ich will nach Hause.

4 Gedanken zu „„Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß“ (Rainer Maria Rilke)

  1. Das Rilke-Zitat finde ich auch wunderschön. Und deinen Satz des Innehaltens. Also daran gefällt mir natürlich nur der Teilsatz „um inne zu halten“. Das ist es doch, was uns in dieser oft hektischen Zeit fehlt, eben jene Zeit, um inne zu halten. Es scheint, als traue sich das niemand mehr (zu). Tut man es aber, wird man oft ja auch schräg angeguckt und gefragt, wie man sich diese Zeit nur „leisten könne“, der Fragende selbst schüttelt den Kopf, er könne sich das nicht erlauben und weiter geht’s im Tempo… So nimm du vielleicht dieses Innehalten mit von diesem Tag, dieses Ankommen zuhause und sich darüber freuen, da zu sein.

    Wir waren unlängst auf zwei Friedhöfen, im Grunde ohne Anlass (nicht zu einer Beerdigung). Ein Friedhof davon gilt bei uns im Ort als der „Friedhof der Vergessenen“ und so schauts dort auch aus, die Gräber – so scheint es – wurden seit Jahren nicht besucht. Es ist ein sehr trauriger Ort, niemand möchte dort sein, ich glaube, selbst die Toten nicht und ich will auf keinen Fall dort meine letzte Ruhe finden. Das Gegenteil haben wir auf einem anderen Friedhof erlebt. Tatsächlich er-lebt, es herrschte fast schon ein trubeliges Treiben, aber alles gesittet und getragen, dennoch war der ganze Ort mit Leben gefüllt, man hat sich angenommen, angekommen und wohl gefühlt. Es war ein Ort der Andacht und der Stille, aber eben nicht der Vergessenheit. Dort, könnte man fast meinen, liegen alle gern.

    Nun, das sind meine Gedanken, die ich beim Lesen deines Beitrags bekam. Ich wünsche dir ein besinnliches Wochenende, erfreue dich an den schönen Momenten und lass diese einen Platz in deinem Herzen finden.

    Alles Liebe ♥ Anni

  2. Ich finde es schön, wenn du nach Hause kommst. Und wenn du wen zum Reden brauchst, ich bin da.
    Und die, die hier sind und doch niemals da…..
    ich denke man sollte darüber nachdenken einen Schritt auf Besagte zuzugehen , auch wenn es schwer erscheint und Mut erfordert.

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